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Zweites Capitel.

Der Morgen des Sonntags brach still und schön an. Es war einer der lieblichsten von den lieblichen Frühlingstagen. Frühe schon hatte sich Colville, mit einer Bibel in der Hand, ins Fenster gesetzt, um die erste halbe Stunde des Tages, wie es einem Christen geziemte, zuzubringen; aber die große Schönheit des anbrechenden Tages, die Frische der auflebenden Natur waren unwiderstehlich; er steckte daher eine kleine Bibel in die Tasche, und verließ das Haus, um unter dem prachtvollen Himmelszelt, von der feiernden Natur umgeben, seinen Gottesdienst zu halten. Jeder Fußpfad, jeder Berg, jede Schlucht in der Nähe waren von Alters her ihm wohl bekannt. Er lenkte nun seine Schritte nach einem waldbewachsenen Hügel, der sich hinter dem Hause erhob; auf dem Wege dahin aber fand er nichts als neue Betrübniß für die arme Olivia. Nur wenige ihrer Blumen waren bei dem letzten Besuche der Soldaten verschont geblieben; sie lagen zerknickt und zertreten da, und alles um das Haus her war verdorben und entstellt. Eine Empfindung von Unwillen mischte sich in die seligere, heiligere Stimmung, die bis jetzt Colville's Brust erfüllt hatte, und auf dem Wege dachte er ernstlich, und mit dem innigsten Verlangen, das Rechte zu treffen, darüber nach, was in dieser Crisis, wo alle zum Handeln berufen seyen, für ihn zu thun seyn möchte. Oft hatte er schon die jetzt vorliegenden Fragen im Geiste erwogen, nun galt es aber die Entscheidung; und diese Entscheidung bestimmte höchst wahrscheinlich das Schicksal seines ganzen Lebens. Colville hatte nur Einen Wunsch: Gottes Willen unbedingt gehorsam zu seyn. Vermochte er das aber, wenn er zu gleicher Zeit sich menschlichen Gesetzgebern in Sachen der Religion unterwarf? Unmöglich. Konnte er wohl, mit der Bibel in der Hand, Gott aufrichtig gehorsam seyn, wenn er sein Auge von ihr abkehrte, und von einem irdischen Regenten nach dessen Gutdünken einen Gottesdienst sich vorschreiben ließ, zumal wenn dieser Regent lüderlich und gottlos war? Ganz unmöglich! Sollte er seine eigne Ueberzeugung in diesen Dingen ganz aufgeben? Und an wen? Doch gewiß nicht an einen irdischen König und seine Diener. Oder sollte er sie denen unterordnen, die sich als Diener der Kirche ansehen – die aber dem Lichte zum Trotz das weltlichste Leben führten? War dies nicht grade das Aergste am Papstthum, die eigentlichste Quelle aller seiner Verderbnisse? Je weiter Colville nachdachte, desto mehr befestigte er sich in der Ansicht, daß in allen politischen und bürgerlichen Dingen, so weit er bei der gegenwärtigen Verwirrung sie von den kirchlichen trennen könne, er sich bestreben wolle, seiner Obrigkeit zu gehorchen; – bis auf weiteres Nachdenken wenigstens. In allen religiösen Dingen solle aber die Bibel, wie er sie verstehe, seine einzige Richtschnur seyn; und da er dies nun für den geraden Weg der Pflicht nach seiner Schriftansicht erkannt hatte, so beschloß er mit Gottes Hülfe, ihn zu gehen, was auch immer daraus folgen würde. Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, fühlte er tiefen Frieden in seiner Seele, und hatte den Muth, sein zukünftiges Schicksal, möchte es nun Verfolgung, oder Gefängniß, oder Armuth, oder Schande, oder selbst der Tod seyn, mit zuversichtlichem Vertrauen Gott zu überlassen, indem er ihn um Kraft und Gnade bat, dem treu bleiben zu können, was er für die Sache der Wahrheit und des Rechts hielt.

In dieser friedlichen, ganz auf Gott gerichteten Stimmung der Seele erreichte Colville den Gipfel des Berges, von wo er wieder einmal den Schauplatz überblicken wollte, den so viele Ereignisse seiner Jugend ihm theuer gemacht hatten. Der Berg, den er jetzt bestieg, war bis beinahe an den Gipfel mit Holz bewachsen. Oben aber war es ein zerrissener Felsen, und nur hier und da erhoben sich Bäume, wo sie Erde genug zwischen den Steinen hatten finden können. Colville wollte die Spitze des Berges eben so erklimmen, wie er es so oft in seinen Knabenjahren gethan hatte; er griff hier einen Baumast, dort einen Strauch, und sprang von einer Felsenspitze auf die andre, so leicht zu Fuß und fast auch so leicht im Herzen als je; und auf dem Gipfel athmete er nun in langen Zügen die reine Bergluft ein und sättigte sich an dem plötzlich weit aufgethanen reichen Landschaftsgemälde, das vor ihm lag.

Colville warf sich auf den Rasen, welcher die felsige Spitze bedeckte, und konnte sich lange Zeit nicht satt sehen an der lieblichen Aussicht. Darauf suchte er die Punkte wieder aus, an denen er als Knabe mit besondrer Vorliebe gehangen, und die am tiefsten seinem Gedächtniß sich eingeprägt hatten; und noch immer schienen sie ihm vor allen andern den Vorzug zu verdienen. Nach einer Richtung hin lag der waldbewachsene Fuß des Berges, den er hinangestiegen war, vor seinen Augen; an einigen Stellen trugen die Bäume noch ihr graues Winterkleid, und man sah durch ihre blätterlosen Zweige hindurch den felsigen Boden mit Epheu und Moose bedeckt. Die früher erwachten Bäume flochten ihr junges, frischgrünes Laub in lieblicher Abwechselung zwischen jene kahlen Aeste, über den ganzen Abhang des Berges hin. An seinem Fuße stand das alte Schloß, groß und unregelmäßig gebaut, grau vor Alter, fast ganz eingehüllt in die rings es umgebenden Wälder, die sich nach allen Selten hin weit ausdehnten. Der majestätische Tweed rollte seine Fluthen auf seinem harten Kieselbette durch einen Theil dieser Wälder, indem er, vom eben aufgethauten Schnee angeschwollen, hie und da wohl selbst Bäume zwischen seinen Ufern mitnahm. Jetzt floß er so ziemlich ruhig, wiewohl Colville das Plätschern seines Wassers eben so deutlich hören konnte, als er mit Wonne seinen vielfach gewundnen Lauf nun wieder einmal zwischen den Bäumen verfolgte. Hinter dem Flusse lag das Dorf. Seine alte Kirche stand auf der Seite, die Torriswood zunächst lag, und Colville konnte sehen, daß sie von Soldaten umgeben war. Er wandte von diesem Anblick mit tiefem Unwillen sich ab, und suchte auf der andern Seite nach lieberen Bildern, damit diese Zeichen der Unterdrückung ihn nicht überwältigen möchten. Jenseits des Berges, auf dem er stand, erhoben sich andre von gleicher Gestalt und Größe, doch nur theilweise bewaldet; an andern Stellen waren Dornsträuche, untermischt mit grauen Felsstücken, von sanften grünen Matten umzogen, auf welchen Schafe mit ihren weißen jungen Lämmern zerstreut weideten. Andre grüne Bergreihen umschlossen nach allen Seiten die Aussicht; und ein wasserreicher Bach wand sich durch das Thal zu den Füßen der Berge. An den Ufern dieses »Wassers«, wie es vorzugsweise hieß, standen zerstreute Gruppen von Ellern, Birken und Weiden, die eben auszuschlagen begannen. Bald aber wurde Colville's Aufmerksamkeit von diesem friedlichen Anblick abgezogen, indem er von mehreren Seiten durch die Berge Leute kommen sah, welche alle auf denselben Punkt in dem Thale zugingen. Ein davortretender Berg hinderte die Aussicht dorthin, aber er erinnerte sich noch wohl seiner romantischen Verborgenheit; und als er die Leute um den Fuß des Hügels hinziehen sah, stand die Schlucht in aller ihrer Schönheit auf einmal vor seiner Seele. Männer, die gestreiften schottischen Jacken über die eine Schulter gehangen und unter dem andern Arm befestiget, mit ihren breiten, blauen Mützen, und Weiber in ihren buntfarbigen Miedern, und Tüchern, welche über dem Kopfe hingen und unter dem Kinn festgemacht waren, kamen gruppenweise zwischen den Bergen durch. Einige Männer und Frauen kamen auch zu Pferde, auf Umwegen, nach der Schlucht, auf den ebneren Pfaden in den Thälern; alle aber lenkten auf denselben Punkt zu. Indem Colville darüber noch staunte, was alles dies bedeuten solle, so früh am Tage, und am Sabbath, sah er auf einmal aus dem Walde, der den Fuß des Berges nach der Seite, wohin er jetzt blickte, umgürtete, Adam Yule auf einem großen Pferde hervorkommen, und hinter ihm auf einem behaglichen Kissen, die Haushälterin von Torriswood. Sein Freund, Andreas Scougal, eben so zu Pferde mit einer Frau, und noch einige andre Paare folgten ihm. Colville hatte sich gleich anfangs gedacht, irgend ein geächteter Prediger müsse wohl der Anziehungspunkt für alle seyn; nunmehr wurde es ihm zur Gewißheit, denn auf diese Weise würde Adam Yule nach keinem andern Orte hin am Sabbath geritten seyn. Colville gerieth in tiefe Bewegung als er die armen Leute so verstohlen zwischen den Bergen und in den Schluchten sich hindurchwinden sah.

»Und wie soll ich denn heut meinen Sabbath zubringen?« dachte er bei sich selbst. »Soll ich das klare Gebot des Herrn übertreten: ›Verlasset nicht eure Versammlungen, ‹ oder der Verheißung nicht eingedenk seyn: ›Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen?‹ Und was für eine Versammlung trägt wohl mehr das Gepräge von einer an sich, die in Christi Namen vereinigt ist: die, welche auf seinen Befehl zusammenkommt, und den ihr verheißenen Segen, auch bedroht von Verfolgungen, sucht; oder die, welche auf Befehl eines irdischen Fürsten sich versammelt, und nach der von ihm vorgeschriebenen Form ihre Knie beugt, und Gebete hersagt, und von Bajonetten dabei beschützt wird?« Es war ihm nicht schwer, hier zu entscheiden; und nachdem er noch eine Weile mit liebender Theilnahme die Leute sich angesehen, die in malerischen Gruppen bald hier bald dort auf den Bergen oder in den Thälern zwischen denselben zum Vorschein kamen, und nach der Schlucht zu eilten, und dann einen Blick auf die von Soldaten umringte Kirche geworfen, zu der kein Andächtiger sich nahte, sprang er mit Leichtigkeit über die Felsen hin, die über den Weg hingen, und war bald wieder unten.

Auf dem Wege am Fuße des Berges gingen grade einige Leute vorbei, die etwas erschraken, als sie Colville sahen; gerade als er den Pfad erreichte, kam eine ältliche Frau mit einem Mädchen gegangen. Das Mädchen schien erschrocken, und verlegen, ob sie vor- oder rückwärts sich wenden sollte; die Frau aber legte ihre Hand auf ihren Arm, und schien sie aufzumuntern. Colville ging auf sie zu.

»Warum gehen denn so viele Leute diesen Morgen nach der Ellern-Schlucht, meine liebe Frau?« fragte er.

Die Angst des Mädchens schien noch zu steigen. »Ihr seyd weit genug nun gegangen, Granny, Ihr thätet besser, nun umzukehren,« sagte sie zitternd und bebend, indem sie ihre Großmutter wegzog. Die Alte sah Colville aufmerksam an, und merkte nicht auf das Mädchen.

»Warum seyd Ihr denn so erschrocken?« fragte Colville.

Das Mädchen sah ihn furchtsam an. »Es ist nichts, mein Herr,« erwiderte sie, etwas ermuthigt durch seine Minen, indem sie aber noch fortfuhr, ihre Großmutter wegzuziehen. »Annie, das ist kein Mochrum,« sagte die Alte, indem sie Colvillen noch immer starr ansah. »Vergeben Sie mir, mein Herr, aber Ihr Gesicht muß ich einmal gekannt haben. Aber es hat sich alles so bei mir geändert, daß ich mich nicht mehr besinnen kann, wann oder wo ich etwas Gutes gesehen habe.«

Colville sah sich nun auch die alte Frau genauer an. Sie war blaß und hager, und in ihren schwarzen, scharfen Augen lag eine gewisse leise Spur von Geistesabwesenheit, indeß blieb ihm das Gesicht nicht lange unbekannt.

»Janet Broome!« rief er endlich.

»Herr Philipp!« hallte es gleich wieder, indem ihr, sobald er ihren Namen genannt hatte, seine Stimme und seine Minen sogleich bekannt wurden. Er reichte ihr die Hand, und sie ergriff sie fest und küßte sie, und drückte sie an ihre Wange, indem sie wie außer sich war.

»Ach, Herr Philipp, sind Sie es denn wirklich? Und sind Sie hergekommen, dem Laird Beistand zu leisten? Sehen Sie sich wohl vor, Herr Philipp! Bringen Sie den Laird von Torriswood weg! Bringen Sie die beiden lieben Fräuleins weg! Warum soll denn alles, was brav und edel, und alles, was lieb und gut, und alles, was heilig und ehrwürdig im Lande ist, zu Grunde gehen? O Herr Philipp, Herr Philipp, was ist jetzt aus diesem Lande geworden!«

»Aber denkt auch daran, Janet, wer noch immer alles regiert!« sagte Colville mit ruhigem, sanften Tone, der recht dazu gemacht war, die arme Janet wieder etwas nüchtern zu machen.

»Ja wohl, ja wohl! Er kann niemals fehlen in einer Sache!« sagte sie, ganz wieder gesammelt. Darauf blickte sie Colvillen mit Thränen an: »Ach, und wie süß ist es in meinem Herzen, Ihre Stimme wieder zu hören, Herr Philipp, zumal, wenn Sie dazu mich ermahnen. Die Gebete für Sie sind erhört worden, Herr Philipp! – Nun wohl,« fügte sie, in Gedanken versunken, hinzu, »dafür kann ich denn wenigstens den Herrn preisen, wenn auch mein armer Allan ... doch ich will ja heut nicht an ihn denken ... nicht eher wenigstens, als bis Herr Wellwood für die verlornen Schafe bittet, dann will ich an meines auch denken.«

»Schön,« sagte Colville freundlich, indem er den zerstreuten Ausdruck auf der armen Janet Gesichte wieder bemerkte, »dann wollen wir seiner gedenken. Aber sagt mir, Janet, wird Herr Wellwood heut in der Ellernschlucht predigen?«

»Ja, Herr Philipp. Dort hat er früher auch gepredigt. Das ist ein Ort, wo die Soldaten nicht so leicht hin kommen können, und es gibt da viele Wege zwischen den Bergen, auf denen die Leute sich aus der Gefahr retten können, und die keiner kennt, als die hier herum wohnen.«

»Und wann fängt der Gottesdienst an?«

»Grade zu der Stunde, wo der Miethling seinen in der Kirche anfängt. Herr Wellwood und die Aeltesten meinten, die Soldaten würden so viel zu thun haben, um ihn dort auf seinem Posten zu schützen, daß wir hoffen dürften, eine ruhige Versammlung zu haben.«

»Es sind ja aber noch zwei Stunden bis dann,« sagte Colville.

»Ja wohl, Herr Philipp; aber für alte Leute ist es eine gute Strecke bis nach der Schlucht; und wir mögen gern dahin schleichen, sobald wir nur einmal uns unbemerkt glauben.«

»Gut, Janet, ich werde heut auch Herrn Wellwood hören,« sagte Colville.

»Aber, Herr Philipp, wissen Sie auch wohl, was Sie damit sich zuziehen können?« fragte Janet ängstlich.

»Ja wohl, Janet; und ich weiß auch, daß ich mich vor dem Drohen der Menschen nicht fürchten soll.« Darauf gab er der armen alten Janet die Hand, und kehrte nach Hause zurück. Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war, und bat Gott immer aufs Neue recht inbrünstig, er möge ihn segnen; dann setzte sie ihren Weg nach der Ellernschlucht weiter fort.

Als Colville zu Hause angelangt war, fand er alle beisammen zum Frühstück, mit Ausnahme von Ormistoun. Dieser war, wie Erich ihm sagte, ganz früh nach Meldrum abgefahren. »Ich vermuthe,« fügte Erich hinzu, »er wird mit ihnen hingehen, und seine Unterthänigkeit unter die Autorität des Königes als des Hauptes der Kirche auf dem schönen neuen Schlosse der Mochrums erklären.«

Als Colville äußerte, er wünsche sich an die Leute anzuschließen, die er zum Gottesdienste nach der Ellernschlucht hatte gehen sehen, rief Florentine:

»Ach, wie freue ich mich, das zu hören!« – mit solcher Bewegung, daß Colville unwillkührlich inne hielt und sie ansah. Sie erröthete lebhaft, und versuchte eine Entschuldigung:

»Es gibt so viele Edelleutc, die es zu thun Anstand nehmen,« dann, indem sie einen Blick auf Lindsay warf, der selbst zu den Bedenklichen gehörte: »Es bestehen darüber so verschiedene Ansichten ... die Leute finden die Entscheidung so schwierig ...« Sie hielt verlegen inne.

»Mir scheint Ihr Entschluß etwas rasch, Herr Colville,« sagte Lindsay, mit großem Ernste. »Der Besuch solcher Versammlungen kann bedenklichere Folgen haben, als Sie vielleicht glauben.«

»Lindsay hat Recht, Colville,« sagte Torriswood. »Ich bitte Sie, nicht zu früh sich so entschieden bloß zu stellen, bis Sie sich Zeit genommen haben, über die Sache gründlicher nachzudenken.«

»Ich finde die Entscheidung in der That nicht so schwierig,« sagte Colville. »Ich habe oft schon die Bemerkung gemacht,« fügte er lächelnd hinzu, »daß weise und gelehrte Leute Abgründe von Schwierigkeiten in manchen Dingen entdecken, wo solche einfältige Leute, wie ich bin, keine finden können.«

»Nun, ich will mit Vergnügen diesen Vormittag dazu anwenden, Ihnen in diese Abgründe zu leuchten,« sagte Lindsay, gutmüthig scherzend.

»Diesen Vormittag nicht,« sagte Colville, »zu jeder andern Zeit werde ich mit Vergnügen Ihnen zuhören. Aber ich werde immer mit meinen Entscheidungen über Recht und Unrecht bald fertig, und halte meine Methode für die sicherste; und so war ich denn auch schon heut früh, noch ehe wir uns sahen, zu der Entscheidung gekommen, es sey meine Pflicht, mich heut an den Gottesdienst in der Ellernschlucht anzuschließen. Mir scheint, den Erfolg müssen wir jemand anders überlassen, wenn wir fragen, ob etwas unsre Pflicht sey.«

Lindsay schien durch diese Rede etwas verletzt und zurückgestoßen, erwiderte aber nichts.

»Kommen Sie mit uns, Herr Lindsay!« sagte Olivia.

Ein tadelnder Blick ihres Vaters machte die arme Olivia tief erröthen.

Lindsay schüttelte den Kopf. »Hielt' ich es für recht, dann würde ich es gewiß thun; aber Sie wissen, Fräulein Olivia, ich denke über diesen Gegenstand nicht, wie Ihr Herr Vater.« Dann wandte er sich zu Colville: »Ich kann nicht einsehen, warum die Obrigkeit nicht Anordnungen über die äußeren Formen des Gottesdienstes in einer Kirche treffen soll, die sie unterhält.«

»Mich dünkt, ich könnte tausend Gründe dagegen anführen,« erwiderte Colville, »aber wir haben jetzt keine Zeit; nur eines: Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen zugebe, die Obrigkeit sey es, welche die Kirche unterhält, sogar solch eine Kirche, als sie sich machen möchte. In keinem andern Sinne kann man das sagen, als daß sie es durch ihre Autorität thut; in jeder wesentlichen Rücksicht muß die Kirche von dem Volke erhalten werden. Ich hoffe, wir werden später Gelegenheit finden, hierüber weiter zu sprechen.«

Colville bemerkte bald, daß Torriswood, seine beiden Töchter und Erich die Absicht hatten, nach der Schlucht zu gehen. Lindsay erklärte, mit der Steifheit, die man immer da anzunehmen pflegt, wo man auf Mißbilligung zu rechnen hat, er werde die Pfarrkirche besuchen.

Erich sah ganz vergnügt dabei aus. »Ich hoffe, Herr Lindsay, Sie werden doch später wieder zu uns kommen?«

Lindsay versprach es, indem seine Feierlichkeit vor dem freundlichen Knaben sofort weichen mußte; und in Kurzem war jeder auf dem Wege, den er erwählt hatte.

Die Ellernschlucht, wenn man die Windungen der Thäler durchzog, lag eine starke Stunde von dem Hause. Die Schlucht selbst wurde durch das Zusammentreten mehrerer Berge in einen unregelmäßigen Kreis gebildet. Unten waren die gegen Norden und Osten gelegenen so steil, daß sie wie eine natürliche Schanze die Schlucht umgaben; in Süden und in Westen aber stiegen die Berge allmählicher empor, und mehrere kleine Thäler wanden sich zwischen sie hin, die den Versammelten zu Ausgängen dienten, um auf den ersten Lärm sich zu zerstreuen. Wo nur irgend Erde war zwischen den jähen Felsen, da waren sie mit Holz bewachsen, wie es denn auch in malerischen Gruppen hie und da über die unteren Abhänge der benachbarten Berge zerstreut stand. Die Schlucht war mit weichem Rasen bedeckt, zwischen welchem Felsstücke lagen, die in früheren Zeiten von den Bergen herabgestürzt zu seyn schienen, nun aber halb begraben lagen in Moos und Gras. An den Werkeltagen war diese sonnige, heimliche Schlucht ein Lieblingsaufenthalt der Hirten; an diesem Tage aber hatten sie ihr Vieh höher hinauf getrieben, und sie selbst, so viel ihrer nur irgend entbehrlich waren, hielten Wache, um ein Zeichen zu geben, sobald die Soldaten sich zeigten. Diese Signale verstanden wieder in der Schlucht nur diejenigen, die als Wächter um die Versammlung her standen.

Als die Familie Torriswood ankam, fanden sie schon eine zahlreiche Menschenmenge. Torriswood, indem er sich näherte, wurde sogleich von allen erkannt, und mit großer Achtung empfangen. Er stieg von seinem Pferde ab, und half Olivien von dem ihren herunter. Florentine war schon mit Colville's Hülfe abgestiegen. Darauf gaben sie, mit vielen andern, ihre Pferde an einen Reitknecht, der eine Strecke davon stand; und Torriswood, nachdem er Colvillen und seine Kinder schon unter den Andächtigen sitzen sah, trat leise, mit einem Ausdruck demüthiger Ehrfurcht, als ob er heiligen Boden beträte, unter das Volk, bis er dahin kam, wo sie am gedrängtesten zusammensaßen, an dem steilen Fuße eines Berges, der dort die Schlucht begränzte. Die zerstreuten Felsstücke dienten den Leuten hie und da zu Sitzen; auf einem solchen etwas höher liegenden, einer Bank ähnlichen, nahe an dem Berge, saß mit dem Gesicht gegen die Versammlung gekehrt, eine Anzahl Männer ehrwürdigen Ansehns, die wie die Väter der übrigen sich ausnahmen. Einige derselben schienen Landedelleute, einige Pächter oder Bauern. Torriswood trat zu diesen Aeltesten, deren Zahl er selbst angehörte, und nachdem er einem jeden herzlich die Hand gedrückt hatte, setzte er sich neben sie auf den Felsen, und sah eine Weile mit zärtlichem Blicke die Versammlung an; dann nahm er eine Bibel aus der Tasche, bückte sich vor, hielt die Hand vor die Stirn, und fing an zu lesen. Viele folgten sogleich seinem Beispiele; es war, als hätte jemand sie an das erinnert, was an diesem Tage sich ziemte. Colville indeß, obwohl Florentine, Olivia und Erich zur Rechten und und zur Linken gleichfalls ganz in das Lesen ihrer Bibel vertieft zu seyn schienen, konnte dem Triebe, den er fühlte, nicht widerstehen, die Versammlung, in welcher er sich befand, etwas genauer sich anzusehen. Der größte Theil derselben schien ihm aus handfesten Pächtern und ihren Tagelöhnern, mit ihren Weibern, Müttern und Kindern zu bestehen. Manche schienen fast zu alt und zu gebrechlich, um sich zu so einem gefährlichen Gottesdienst hin zu wagen. Auch mehrere von den benachbarten Landedelleuten, und noch mehr von ihren Damen, erkannte Colville. Unter diesen saßen viele junge Leute von verschiedenen Familien, von denen einige ihm schon aus dem Gedachtniß entwachsen waren, andre dagegen mit sichtlicher Freude, die er ganz erwiderte, ihn erkannten. Bei allen fand sich dasselbe ehrfurchtsvolle Benehmen, als wären sie in einer Kirche versammelt gewesen; so daß Colville, als die heilige Stille und das Schweigen dieser zahlreichen Versammlung auch seine Empfindungen ernster und heiliger stimmte, unwillkührlich daran denken mußte, wie das Herz der einzige Tempel sey, wo Gott im Geiste und in der Wahrheit verehrt werde –- und da war er denn auch bald, wie die meisten um ihn her in diesem heiligen Tempel andächtig beschäftigt, in den leider so vieles sich einschleicht, was in dem Lichte des heiligen Gottes sündhaft und unrein erscheint.

Diese Stille wurde endlich unterbrochen durch das Wort des Predigers. Aller Augen waren sogleich auf ihn gerichtet, als er mit heller, starker Stimme einen Psalm vorzulesen begann. Er stand auf einem Felsstücke, das an der Wand hervorragte, grade oberhalb des Platzes, wo die Aeltesten saßen. Er war schlank, aber kräftig gebaut; seine Züge stark markirt, seine Gesichtsfarbe blaß, seine Stirn hoch und schön geformt, sein Scheitel ganz kahl, rings umher aber sein schwarzes Haar dick und kraus. Sein Ausdruck und seine Gestalt, als er mit entblößtem Haupte dastand, waren im höchsten Grade ergreifend und ehrfurchtgebietend. Beim Vorlesen bemerkte Colville, welche Veränderung sechs Jahre der Angst und Verfolgung und des Leidens an seiner ganzen Erscheinung hervorgebracht hatten. So weit er sich erinnern konnte, mochte dieser bleiche Covenanter mit dem kahlen Scheitel wenig über dreißig Jahr alt seyn. Er war Lehrer in Torriswood's Hause gewesen, und hatte die Berufung zum Prediger kurz vor Colville's Abreise erhalten. Damals war er noch ein ganz junger Mann, von Torriswood wegen seiner Talente und Kenntnisse, so wie wegen seiner Grundsätze und der Milde seiner Gesinnung hoch geschätzt. In Gesellschaft indeß fiel er sehr auf, wegen seiner außerordentlichen Blödigkeit, und der ängstlichen Zaghaftigkeit, mit welcher er seinem Amte als Hauscaplan vorstand. Die Bekümmernisse, die schon früh ein ältliches Aussehen seinem Leibe gegeben hatten, schienen indeß in eben so auffallendem Maße Festigkeit und Muth seinem Geiste verliehen zu haben; denn als er zu den Schlußworten des vorgelesenen Psalmes kam:

Denn Gott ist unsre Zuversicht,
Ist unser ew'ger Fels;
Der Herr ist unser Trost und Licht,
Der Heil'ge Israels;

da schien es nicht, als ob er jemals vor irgend etwas auf Erden sich gefürchtet habe. Nachdem der Psalm vorgelesen war, fingen alle an zu singen. Die Augen der armen Olivia richteten sich oft mit ängstlicher Besorgniß auf die Hirten, welche auf den Höhen die Wache hatten. Die Versammlung sang lauter, als es in der Kirche sonst üblich war, indem alle fühlten, daß darum, weil der Gesang ihren Gottesdienst am häufigsten verrathen hatte, sie am wenigsten dabei furchtsam sich beweisen dürften. Florentinens liebliche, volltönende Stimme schloß sich an Colville's schöne tiefe Töne an, und Erich's helles, freies Loblied stieg in herzerhebendem Einklang mit allen übrigen empor; Olivia aber konnte nur immer furchtsam nach den Hirten blicken, indem sie jeden Augenblick ein Zeichen erwartete. Aber sie lagen still auf den Bergen da, und hörten mit Freuden dem Liede zu, das aus der Schlucht emporstieg. Als die Stimmen schwiegen, tönte noch der leisere Wiederhall den Schluß des Liedes zwischen den Felsen nach, bis endlich auch seine Töne in der Ferne dahinstarben. Nun stand Herr Wellwood auf, schwieg, bis der Wiederhall ausgetönt hatte, und es ergoß sich ein Ausdruck von Milde und Zartheit über sein Gesicht, der Colvillen an sein Aussehen in seinen jüngeren, ruhigeren Lebenstagen erinnerte. Sofort standen alle Anwesenden gleichfalls auf, und Herr Wellwood ergoß sich in einem inbrünstigen Gebet, feuriger vielleicht, als in Tagen der Ruhe und Sicherheit, zugleich aber so sehr den Gefühlen der Gemeinde entsprechend, daß es allgemein eine unwiderstehliche Bewegung der Herzen bewirkte. Vergebens bemühte sich Colville, seine Fassung zu behaupten. Jedes neue Wort berührte irgend einen Gegenstand, der die tiefste und unmittelbarste Theilnahme Aller in Anspruch nahm, und eine solche Bitte vor dem Throne des Allmächtigen, als ihres einzigen, aber alles vermögenden Freundes in der Sprache kindlicher Zuversicht ausgesprochen, mußte alles überwältigend wirken. Nachdem das Gebet zu Ende war, setzten die Leute sich wieder, die Männer bedeckten die Häupter und zogen die Hüte übers Gesicht, die Frauen überließen sich noch eine Weile ihrem Gefühle. Die Predigt, die nun folgte, war gleichfalls voll Feuer und Leben, und ganz dazu geeignet, die Zuhörer zu der freudigen Hingabe aller Dinge für ihre Ueberzeugung zu stimmen.

Noch war der letzte Psalm nicht ganz zu Ende, als einer der Hirten auf der Höhe das verabredete Signal gab. Einige der jüngeren Weiber bemerkten es, und standen in unruhiger Bewegung auf. Die bei weitem Meisten indeß rührten sich nicht. Der am nächsten an Herrn Wellwood stehende Wächter trat heran, und flüsterte ihm etwas zu. Er stand indeß nicht auf, und der Psalm wurde noch bis zu Ende gesungen. Darauf sprach Herr Wellwood feierlich den Segen, und sagte dann, nach einer kleinen Pause: »Meine lieben Freunde, eben ist die Kirche im Dorfe aus, die Soldaten verlassen sie, und könnten jetzt vielleicht kommen und uns suchen. Lebt nun wohl, bis unser unsichtbares Haupt wieder uns eine Gelegenheit schenkt, uns zu versammeln.« Die Hirten gaben jetzt ein zweites Signal, der Wächter erklärte es Herrn Wellwood, und dieser sagte ruhig: »Die Soldaten kommen in dieser Richtung hier; verliert keinen Augenblick, liebe Freunde, Gott sey mit euch!«

Nun verließen die Leute ruhig und ordentlich die Schlucht, und nahmen ihren Weg hie und da in den vielen Thälern, die zwischen den Bergen hin liefen, indem sie von ihrem Wege aus ängstlich sich umsahen, ob auch Herr Wellwood auf seine Rettung bedacht sey.

Während dieser ganzen Zeit hing Olivia zitternd an Colvilles Arm. »Warum kommt denn der Vater nicht zu uns?« rief sie. »O bitte, lassen Sie uns zu ihm gehen, Herr Colville, und dringen Sie in ihn, daß er gehe.«

Colville sah, daß Torriswood mit Herrn Wellwood und einigen der Aeltesten in eifrigem Gespräche begriffen war. Er hieß Olivien und Florentinen auf die Pferde steigen und sich zum Aufbruch fertig halten, sobald er bei ihnen seyn werde. Olivia eilte sogleich hin, Florentine aber zögerte noch.

»Wir gehen ja morgen nach Edinburgh, und dürften wohl so bald nicht wiederkommen,« sagte sie. »Da möchte ich gern noch von Herrn Wellwood Abschied nehmen.«

»Und ich auch,« sagte Erich.

Colville hatte Olivien aufs Pferd geholfen, sie wollte aber nun von den Ihrigen sich nicht trennen, obwohl einige benachbarte Edelleute sich erboten hatten, sie nach Hause zu begleiten, oder bei ihr zu bleiben, bis ihr Vater käme. Sie wußte vor Angst kaum, was sie that, ließ von Colvillen sich wieder vom Pferde heben, hängte sich an seinen Arm, und folgte Florentinen und Erich, die zu ihrem Vater und Herrn Wellwood eilten. Erich, der oft auf Herrn Wellwood's Schooße gesessen hatte, als dieser Lehrer bei seinen Brüdern war, fiel ihm um den Hals, und wurde von ihm eben so zärtlich bewillkommnet. Florentinen empfing er gleichfalls sehr freundlich, und sie konnte den liebevollen Rath, den er ihr gab, nicht ohne Thränen anhören.

Die Aeltesten wünschten nun dringend, Herr Wellwood möchte sich fortbegeben; und er wartete nur noch, um Colvillen die Hand zu drücken, und Olivien zu sagen: »Ich fürchte, bestes Fräulein, Sie haben vergessen, um das zu beten, was wir das letzte Mal besprachen.« Olivia erröthete, und Herr Wellwood bestieg, nachdem er noch ein paar Minuten leise mit Torriswood geredet hatte, das Pferd, das für ihn in Bereitschaft stand, und blickte dann nach den Bergen auf, von wo die Hirten ihm ein Zeichen gaben, in welcher Richtung er sich wegbegeben sollte. Mit wehmüthigem Blicke grüßte er Torriswood und seine Kinder noch einmal, dann schwenkte er sein Pferd um einen hervorstehenden Felsen herum, und war bald verschwunden.

»Wo wird er denn diese Nacht zubringen?« fragte Florentine.

»Er weiß es noch nicht,« antwortete ihr Vater. »Die letzte Nacht war er hier in der Schlucht. Das Haus, wo er verborgen war, wurde gleich nach dem unsern durchsucht; aber es wurde ihm noch zu rechter Zeit gemeldet, und er entkam hieher, wo er sehr gut schlief, wie er sagte, in einen Schafpelz gehüllt, den ein Hirt ihm gegeben hatte.«

»Warum kommt er denn jetzt nicht mit uns?« fragte Florentine.

»Nichts war im Stande, ihn dazu zu bewegen,« erwiderte der Vater. »Er meint, er setze uns dadurch noch größerer Gefahr aus, uns vollends zu Grunde zu richten. Heut predigt er noch einmal, über drei Stunden von hier, an der entgegengesetzten Grenze des Kirchspiels, wenn er unbemerkt hinkommen kann.«

Bald waren alle wieder glücklich auf dem Torriswoodschen Grund und Boden angelangt, und da Colville den Wunsch zu erkennen gab, nachzusehen, ob die armen Fußgänger nicht vielleicht von den Soldaten betroffen worden seyen, stiegen sie von ihren Pferden ab, und begaben sich auf einem andern, leichteren Wege die Bergspitze hinauf, die Colville auf seinem Lieblingspfade diesen Morgen erklommen hatte. Er sah von dort die Leute durch die Berge hin nach Hause ziehen; die Kirche war von den Soldaten verlassen, und es schien überhaupt niemand mehr in ihrer Nähe sich aufzuhalten. Einige Soldaten gingen auf der Landstraße, die in die Gegend der Ellernschlucht führte, aber den Eingang der Schlucht von da aus, konnte man vor einigen Bergen, die ihn verdeckten, nicht sehen, und die Soldaten gingen so langsam und ruhig, daß es schien, sie zogen bloß nach einem andern Standquartier.

»Der Pfarrer scheint ja heut seinen Gottesdienst ruhig abgehalten zu haben,« sagte Torriswood.

»Doch vielleicht nicht so ganz ruhig,« bemerkte Florentine, indem sie lächelnd Erich ansah.

»Es ist alles so bald vorbei,« bemerkte Colville, indem er erst Florentinen, dann Erich anlächelte, »daß ich fast fürchte, ein gewisser Jemand ist kein sehr geschickter Zimmermann gewesen.«

»Nun, wir wollen einmal sehen,« antwortete Florentine, deren Benehmen Colvillen heut mehr zufrieden stellte, und deren Wesen sich immer anziehender seinen Beobachtungen entfaltete.

»Lindsay muß doch nun von der Kirche wieder nach Hause seyn,« sagte Erich. »Meinen Sie nicht, lieber Vater, daß wir uns wieder zu ihm begeben sollten?«

»Ja wohl, lieber Junge,« antwortete Torriswood, der bei den letzten Worten, die er gesprochen hatte, in Gedanken versunken war, und auf die andern nicht geachtet hatte.

Beim Eintritt ins Haus fanden sie Lindsay, der auf sie wartete.

»Nun, Herr Lindsay,« sagte Erich, »wie hat der Pfarrer gepredigt?«

»Nicht zum Besten,« antwortete er und schwieg.

»War die Kirche stark besucht?« fragte Erich weiter.

»Es mochten, außer den Soldaten, etwa dreißig Leute darin seyn.«

»Kamen die Soldaten bloß als Zuhörer hinein?« fragte Torriswood.

»Das nicht grade; ihre Anwesenheit war nothwendig.«

Erichs Augen funkelten vor Freuden, und ebenso Florentinens. Colville lächelte und fragte: »Wozu bedurfte man ihrer denn?«

»Sie wissen ja, die Leute mögen den Pfarrer nicht,« antwortete Lindsay etwas trocken, »und sie machen immer Versuche, ihn am Predigen zu hindern.«

»Nun, dreißig Menschen werden doch wohl nichts in der Welt hindern; und derentwegen müssen alle die Soldaten hinkommen?« sagte Erich, indem er sich neugierig herandrängte, und vor Lindsay hinstellte, um zu hören, was er sagen würde, und eben so pfiffig als vergnügt dabei aussah.

Lindsay blickte ihn eine Weile ernsthaft an, dann faßte er ihn am Kragen und sagte: »Ich verhafte Sie, Herr, im Namen des Königs, als Thäter und Helfer bei einem Versuche, die Vollziehung seines Königlichen Willens in der Bestellung des Herrn Ambleton zum Pfarrer in Torriswood zu vereiteln.«

Erich sah Lindsay einen Augenblick zweifelnd an; dann nahm er aber wahr, wie sich ein Lächeln unwiderstehlich über sein Gesicht zog, und er faßte seine Hand, zog ihn am Arm und sprach: »Seyn Sie doch nicht so steif, Herr Lindsay, und erzählen Sie uns alles ordentlich.«

»Nie in meinem Leben habe ich einen so lächerlichen Auftritt mit angesehen,« sagte Lindsay, der nun durch die Rückerinnerung unwiderstehlich gezwungen wurde zu lachen.

»Schön, nun erzählen Sie!« sagte Erich ungeduldig.

Auch Torriswood schien begierig, zu erfahren, was vorgefallen sey; er lehnte sich ganz nach vorne auf seinem Stuhl, und horchte.

»Nun, Sie wissen,« begann Lindsay, »daß ich, dem Gesetze gehorsam, mich nach der Pfarrkirche begeben habe. Als ich dort ankam, setzte ich mich in einen großen Kirchstuhl, welcher der Familie gehörte, deren Gast zu seyn ich die Ehre habe, und ich hatte ihn ganz allein für mich. Ein paar Leute sah man hie und da in der Kirche zerstreut.«

»Kannten Sie wohl einige?« fragte Erich. »Nicht wahr, die Mochrums waren alle dort?«

»Als ich kam, noch nicht. Ich kannte aber die Meisten, und will Ihnen sagen, wer es war. An seinem lustigen Gesicht und seiner hochrothen Nase erkannte ich in dem nächsten Stuhl an der Kanzel sogleich den Wirth zum rothen Löwen, mit seiner stattlichen Ehefrau, und seinen ganz gewaltig aufgeputzten, hübschen Töchtern; und dahinter eine ganze Anzahl Küchenmädchen und Stalljungen in ihrem Sonntagsanzuge. Dann waren da die friedliebenden Bannermans, mit Ausnahme jedoch der Lady selbst.«

»Die habe ich in der Ellernschlucht bemerkt,« sagte Florentine.

Torriswood schüttelte den Kopf. »Solche Spaltungen in den Familien gehören auch zu dem Elend dieser Zeit,« sagte er. »Aber wie sieht es in der Kirche selbst aus?«

»Sie wissen,« fuhr Lindsay fort, »die Kirche gehörte zur papistischen Zeit zu den am reichsten verzierten unsrer Parochialkirchen, und die Presbyterianer haben diesen Schmuck gänzlich abgethan. Sie wissen, daß der Platz, wo der abgöttische Altar der Papisten stand, wie unsre Reformatoren sagten, ganz verändert, der Altar abgebrochen, und die Wand geebnet wurde. Hier war nun der Anfang zur Herstellung des alten Zustandes wieder gemacht; es stand da, nicht ein Abendmahlstisch, sondern ein Altar nach Laud's Modell, grade an derselben Stelle, wo der papistische Altar, wie alle noch recht gut wissen, stand. Rund um diesen Altar ist ein Gitter, und vor demselben sind Kissen für die Anwesenden zum Knieen – ein Gräuel für alle Presbyterianer, die sich von dem Gedanken nicht losmachen können, daß eben das angebetet wird, was man in anbetender Stellung empfängt. Eine Unterhaltung, die ich hinter mir hörte, war mir sehr komisch. Ein ältlicher Mann und eine Frau saßen schon dort, als ich in Ihren Stuhl hineintrat.

›Ich kann nicht länger bleiben,‹ sagte die Frau.

›Ja, bleib noch ein Bischen,‹ antwortete der Mann; ›was kann's denn schaden, daß wir die neue Weise uns auch einmal ansehen?‹

›Ich habe schon genug davon,‹ erwiderte die Frau. ›Wer kann doch so einfältig seyn, wenn er das sieht (auf den Altar zeigend), daran zu zweifeln, daß das Papstthum im Anmarsch ist? Ich sagte dir immer, Simon, wir müßten irgendwo anhalten, und nicht weiter mitgehen; und hast du nicht Lust, deine Seele um dieser Welt Güter zu verkaufen, und ganz und gar ein Papist zu werden, so sollten wir nun jetzt still stehen.‹

›Still, Eppy,‹ sagte der Mann, ›warte doch 'mal erst ab, was dort gemacht wird.‹

›Ich mag nicht länger, Simon; ich habe schon übergenug dir zu Gefallen gethan,‹ antwortete Eppy in sehr bestimmtem Tone.

Der Mann sprach nun so leise, daß ich ihn nicht verstehen konnte, es schien aber, als habe er Eppys Bedenklichkeiten überwunden, denn sie sagte: ›Du hast Recht, ich brauche ja nicht hinzusehen. Ach Simon, da kann doch nichts Gutes herauskommen, wenn wir so immer wider unser Gewissen nachgeben.‹«

»O das ist Simon Lauder und seine Eppy, der alte Jäger der Mochrums mit seiner Frau gewesen,« sagte Erich.

»Ist sonst noch etwas in der Kirche verändert?« fragte Florentine.

»Ueber dem Altar sind mehrere Gemälde aufgestellt,« erwiderte Lindsay, »an welche Eppy sich gleichfalls sehr stieß; ich habe wirklich nie eine Sammlung von so monströsen Pinseleien gesehen. Die zwölf Apostel, etwa in halber Lebensgröße, stehen auf dem einen Bilde, grade als ob zwölf Zwerge, in allen Regenbogenfarben gekleidet, dem Maler gesessen hätten. Auf andern Gemälden ist der Gegenstand gradezu lästerlich. Ich gestehe, der Anblick dieser Bilder, und das kleine unecht vergoldete Crucifix auf dem Altar haben meine Ansichten von dem Rechte der Obrigkeit, gottesdienstliche Formen ihren Unterthanen vorzuschreiben, gewaltig erschüttert. Wie abgeschmackt ist es, sich einzubilden, daß man in unserm Vaterlande solchen erbärmlichen Aberglauben sich gefallen lassen werde.«

Torriswood lächelte und reichte Lindsay die Hand. »Hüten Sie sich,« sagte er, »solche Aeußerungen sind in unsern Tagen gefährlich. Aber ist Ihnen denn das alles neu? Sind denn in der Edinburgher Kirche weniger Veränderungen vorgenommen worden?«

»In der Kirche zu Edinburgh, welche ich besuche,« erwiderte Lindsay, »ist kaum etwas verändert worden. Viele meiner Berufsgenossen besuchen sie auch. Es gibt dort gar keine feststehenden Formulare. In andern Kirchen aber, glaub' ich, ist es sehr verschieden, und mit der einen hat man bisher nur Nachsicht gehabt. In der That glaub' ich, wenn unser Volk ruhig den Prälaten sich unterwerfen, und sie nach Belieben eine Hierarchie in der schottischen Kirche anordnen ließe, dann würden sie wegen der Formen des Gottesdienstes nicht allzu schwierig seyn. Wie jetzt wenigstens die Sachen stehen, ist ihre Liturgie in Schottland nur wenig bekannt, nicht mehr, als das Meßbuch, wofür sie das Volk allgemein hält.«

»Aber erzählen Sie uns doch von dem Pfarrer,« sagte Erich.

»Nun gut, auf den Pfarrer wieder zurückzukommen,« fuhr Lindsay fort: »Die Kirche war mit Soldaten umgeben, um ihm einen sicheren Eintritt zu verschaffen, und einige standen auch noch inwendig an der einzigen Thür, die geöffnet werden durfte. Nachdem ich einige Zeit in der Kirche gewesen war, traten die Mochrums, der Vater, die beiden Söhne, die Mutter und die drei Töchter, und Ormistoun, in ihren glänzenden Kirchstuhl, der ganz neu mit Scharlach ausgeschlagen war. Ich gestehe, es scheint mir in unsern Tagen nicht passend, diese babylonische Farbe zu wählen. Sie erkannten und begrüßten mich sehr höflich. Unmittelbar nach ihnen kam der Pfarrer, dem der jetzt so hochbegünstigte, geldgierige alte Sünder, Saunders Gibb, voranging.«

»Und der arme Pfarrer,« fragte Olivia, »merkte man ihm nicht etwas Scham an, daß er so mit Gewalt von Soldaten in seine Kirche gebracht werden mußte?«

»Scham? Nicht im mindesten. Er trat mit dem selbstzufriedensten Gesicht hinein, und setzte sich auf den Platz des Vorsängers, der in der That kaum weit genug für ihn schien; dann sah er sich um in der Versammlung, warf seine Lockenperücke mit einer zierlichen Bewegung seines Hauptes zurück, und zeigte uns nun desto völliger sein breites, nichts sagendes, stets lächelndes Gesicht. Dann hob er die eine Seite seines Chorrocks auf, hielt sie sich vor's Gesicht, und kniete nieder, um seine Andacht zu verrichten.

›Das ist doch schrecklich!‹ hörte ich Eppy sagen, ›sein Gebet zu verrichten, um von den Menschen gesehen zu werden!‹ Nachdem er privatim auf solche Art seine öffentliche Andacht begonnen hatte, erhob er sich wieder mit einer wohlberechneten Grazie, und las dann einige Stücke der Liturgie ab, von einzelnen Blättchen Papier, denn er hatte kein Agendenbuch; und niemand wußte, wie er es zu machen hatte, außer ihm selbst, und einem Manne, der mit ihm gekommen war, und der sich dicht unterhalb des Platzes des Vorsängers setzte. Alle Anwesenden wollten es indessen so gut machen, als sie konnten; sie versuchten es zu knieen und wieder aufzustehen, wie es der Mann unterhalb des Vorsängerplatzes that; und da ihnen gesagt worden war, sie müßten es alle so machen, wie er es vormachte, so wiederholten sie alles, was sie nur behalten konnten. Der Mann, auf den Aller Augen gerichtet waren, schien immer mehr in Eifer zu gerathen; er kniete, stand wieder auf, und haschte nach des Pfarrers Worten, noch ehe sie halb aus seinem Munde waren; und ich konnte nicht umhin, Eppy's Bemerkung richtig zu finden, die sie dicht hinter mir machte, da ich, in der Meinung, recht zu thun, einmal aufstand, weil ich auch den Pfarrer stehen sah: ›Es sieht hier wirklich wie bei der Sprachenverwirrung in Babel aus!‹ Die Mochrums schienen sich bei diesem Theile des Gottesdienstes nicht behaglicher zu fühlen, als ihre Nachbarn. Als er nun wirklich zu Ende war, sagte uns der Mann, welcher mit dem Pfarrer gekommen war, was für einen Psalm wir singen sollten, und jetzt schienen Alle froh, daß doch wenigstens etwas käme, woran sie Theil nehmen könnten. Die wenigen Worte indeß, welche der Mann vorlas, waren ganz verschieden von denen, welche die Gemeinde in ihren Büchern hatte. Dessenungeachtet fingen sie an zu singen, und während dieser unharmonischen Feierlichkeit begab der Pfarrer sich weg, und kam nach kurzer Zeit wieder, und hatte seinen weißen Rock mit einem schwarzen vertauscht.

›Was hat denn die Veränderung zu bedeuten?‹ sagte Eppy. ›Sollen wir Alle nun verdammt werden?‹

›Psch!‹ sagte Simon.

Saunders Gibb stieg nun die Kanzeltreppe vor dem Pfarrer hinauf, und machte die Kanzelthür, etwa einen Fuß weit, auf. So weit ging's, aber nun stand sie fest, und keine Anstrengung von seiner Seite war im Stande, sie einen Zoll weiter zu bringen.«

»Prächtig!« rief Erich, klaschte in die Hände, und lachte laut vor Freuden.

Torriswood legte seine Hand ihm leise auf die Schulter und sprach: »Denk daran, was heut für ein Tag ist, Erich. Ich kann so etwas nicht billigen.«

Erich war auf der Stelle ernsthaft. »Ist es aber wohl unrecht, lieber Vater, zu verhindern, daß der Miethling auf Herrn Wellwood's Kanzel predigte?«

»Wurde er denn wirklich daran verhindert, Erich?«

»Sagen Sie, kam er hinein, Herr Lindsay?« fragte Erich.

»Durch die Thür nicht. Da er sah, daß sie sich nicht weiter öffnen ließ, rückte er mit einer Seite heran, und versuchte, wiewohl vergebens, sich durchzuquetschen. Dann rückte er mit der andern Seite heran, indem er der Gemeinde den Rücken zukehrte, und machte noch einen verzweifelten Versuch.

›Ich glaube, er wird noch sticken,‹ sagte Eppy. Und sie schien nicht ganz Unrecht zu haben, denn es kostete ihn in der That Mühe, wieder herauszukommen, und indem er sein gutmüthiges Gesicht nun umwandte, was ganz roth von der Anstrengung geworden war, warf er einen recht jämmerlich verzweifelnden Blick auf die Soldaten, die, von dem jungen Mochrum angeführt, jetzt in die Kirche traten. Meldrum selbst hatte seinen Stuhl verlassen, und zu dem unglücklichen Pfarrer sich begeben. Es entstand nun ein Gespräch zwischen ihnen, worin, wie ich glaube, Se. Ehrwürden dagegen protestirte, wieder auf die Kanzel hinaufgehoben zu werden; Meldrum aber schien ihm zuzureden, und entschied zuletzt aus eigner Macht, indem er sich zu der Gemeinde wandte und sagte: ›Meine Freunde, dieser abermalige gottlose, verrätherische Versuch der aufrührischen Bündler, einen bestellten Diener des Königs von der Verrichtung seiner Pflicht an dieser Stelle abzuhalten, soll nicht gelingen.‹ So mußte denn der arme Pfarrer sich darein ergeben, und einige Soldaten, welche auf die Kanzel stiegen, und andre, die unten standen, hoben ihn hinauf. Es sah ganz jämmerlich aus, als er ein paar Minuten dastand und nach Luft schnappte, während die Soldaten wieder aus der Kirche gingen, und, da sie nun fast leer wurde, ein tönendes Echo ihre letzten Fußtritte wiederhallte. Ich glaube, er wünschte selbst gesund aus diesem widerspenstigen Lande hinaus zu seyn.

Inzwischen hatten die Anwesenden, mit Ausnahme der Mochrums, jeden Schein von Ehrfurcht vor dem Platze, wo sie waren, verloren. Die Jüngeren brachen zuweilen gradezu in Gelächter aus. Einige Leute waren von ihren Sitzen aufgestanden und wollten zur Thür hinaus; aber die Soldaten haben Befehl, keinen hinauszulassen, bis der Gottesdienst vorüber ist. In solch einem Zustande befanden sich die Zuhörer, als der Pfarrer seine Predigt anfing.«

»Und was war das nun für eine Predigt?« fragte Torriswood.

»Es war eine kurze, zusammenstudirte Abhandlung, voll von schlechtem Latein, welche das göttliche Recht der Könige beweisen sollte. Das Vorlesen dauerte etwa eine Viertelstunde; dann wurde der arme Pfarrer wieder hinuntergehoben; die wenigen Leute durften nun hinaus, und die Kirche wurde bis auf nächsten Sonntag zugeschlossen.«

»Und was den übrigen Theil des Tages betrifft,« sagte Torriswood mit Unwillen, »da halten es unsre Regenten für wahrhaft preiswürdig und für ein Zeichen des ehrerbietigen Gehorsams, wenn die Leute sich nach dem ›Spielbuche » The Book of Sports« hieß eine Schrift des Königs Jacob I., worin er das Volk ermahnte, die Zeit des Sonntags nach dem Gottesdienste in Spielen und Lustbarkeiten zuzubringen; welches Buch er von den Kanzeln sogar ablesen ließ. A. d. Uebers.‹ richten.«

»Ich wünschte, Sie wären mit uns in der Ellernschlucht gewesen, Herr Lindsay,« sagte Colville, »da hätten Sie sehen können, ob es wirklich in der Macht eines irdischen Monarchen stehe, Menschen, welche Erkenntniß des Christenthums haben, Vorschriften darüber zu geben, wie sie es in Sachen der Religion halten sollen.«

»Ich wünschte, ich wäre da gewesen,« erwiderte Lindsay. »Ich würde wenigstens meinen Sabbath besser gefeiert haben.«

Torriswood versammelte darauf, nach der frühen Mittagsmahlzeit, die damals Sitte war, seinen ganzen Haushalt, und war nun selbst ihr Priester. Abends nahm er seine Kinder noch besonders zu sich, um sie zu unterweisen und zu ermahnen. Lindsay vertiefte sich in die Bibliothek, und Colville ging hinaus, um an der Lieblichkeit der Gegend sich zu erfreuen. Nachdem er eine Zeit lang umhergeschweift war, befand er sich auf einmal auf einem Pfade, der zu einigen zerstreuten Häuschen führte, in deren einem während seines früheren Aufenthalts in dieser Gegend Roger Broome, Janet, seine Frau, und ihr hübscher Knabe Allan wohnten. Roger war damals einer von Torriswood's Förstern. Colville ging an den Häusern vorüber. Die Thüren der meisten derselben waren verschlossen, und aus einigen ertönte ein Abendlied. Als er an das Haus von Roger Broome kam, fand er die Thür ein wenig offen stehen, und da er sie leise etwas weiter aufthat, sah er Janet sitzen, mit der Stirn auf die Hand gestützt; indem ihre Enkelin, die ihm den Rücken zukehrte, laut aus einer großen Bibel vorlas. Colville trat herein, und Janet richtete sich auf und empfing ihn mit dem größten Vergnügen. Annie, die Tochter, setzte ihm einen Stuhl hin, und schlüpfte dann in den kleinen Garten hinaus.

»Ich muß morgen von hier fort, Janet,« sagte Colville, »und ich wünschte Euch zuvor gern noch einmal zu sehen.«

»Mich zu sehen, Herr Philipp! Das sieht Ihnen ähnlich. Sie dachten gewiß, ich sey traurig, Herr Philipp, und hofften nun irgend ein Mittel zu finden, um mich zu trösten. Das steht aber in keines Menschen Macht, – und doch, daß ich Sie heut gesehen, und was Sie zu mir gesprochen haben, das hat mir wohl gethan. Meine Seele ist nicht so unruhig in mir heut den ganzen Tag gewesen, ich habe so etwas von Ruhe erfahren.«

»Janet,« sagte Colville ruhig, »wo ist Allan?«

»Er ist Soldat, Herr Philipp,« erwiderte sie schnell, als ob sie ihre Empfindungen unterdrücken wollte.

»Nun, es gibt ja auch viele christliche Soldaten, Janet!«

»Aber nicht in dem Dienste, worin er steht.«

Colville erzählte nun der Janet, was Adam Yule ihm gesagt hatte.

»Und sagte er wirklich, Adam möchte ihm sagen, was er wollte? Sagte er das wirklich, Herr Philipp?«

»Ja, wirklich, und Adam ist grade heut Abend hingegangen, ihn aufzusuchen, und zu sehen, was er heute macht. Der arme Adam scheint ihn lieb gehabt zu haben wie seinen Sohn.«

»Gott segne ihn! Gott segne ihn dafür! Ja, er ist einer von denen, die den Todten noch Liebe erweisen in ihren Kindern. Gott segne auch Sie, bester Herr Philipp!«

»Besucht Allan Euch wohl, Janet?«

»Nein, schon lange Zeit nicht mehr. Ich habe vielleicht es nicht so gemacht, wie ich sollte, als er kam. Ich sagte ihm gar zu viel, und er konnte es nicht ertragen. Aber sein Vater hatte im Sterben ihm noch etwas sagen lassen, und das mußte ich ihm doch bestellen. Sie hörten doch von Roger, Herr Philipp?« fragte sie schnell.

»Ja, ich hörte, daß Ihr jetzt eine Wittwe seyd,« antwortete Colville freundlich.

Janet brach in Thränen aus. »Ach, Herr Philipp, eine Wittwe ist doch das verlassenste Geschöpf in der Welt.«

»Ihr habt eine Enkelin bei euch; nicht wahr, Janet?«

»Ja, Herr Philipp, sie ist die Kleine meines ältesten Sohnes John. Sie ist gern bei mir, das arme Ding.«

»Und habt Ihr sie nicht lieb, Janet?«

Janet sah ganz erstaunt aus. »Wie, Annie sollte ich nicht lieb haben? Das gute Kind, das alle ihre Spiele und Freuden zu Hause verläßt, und kommt und setzt sich zu ihrer alten betrübten Großmutter! Fragten Sie das in Ernst, Herr Philipp?«

»Hat Euer Sohn noch mehr Kinder?«

»Er hat neun allerliebste Kleine.«

»Und sehet Ihr sie oft?«

»Ja, sehr oft.«

»Und John auch?«

»O ja; ach ich wünschte, ich könnte John nur den hundertsten Theil seiner Freundlichkeit gegen mich vergelten.«

»Und doch sagt Ihr, Ihr seyet das verlassenste Geschöpf, Janet. Ist das wohl Dankbarkeit gegen einen noch viel gütigeren Freund, als John ist?«

Janet zerfloß wieder in Thränen. »Ach, Herr Philipp, wie freundlich strafen Sie mich, und wie gerecht!«

»Janet, wer selbst nicht leidet, der sieht leicht, wo ein Unglücklicher fehlt; aber wahr ist es doch, die Leiden werden durch unsre Sünden erst uns recht bitter.«

»Ja, Herr Philipp, und was ist es für ein Heilungsbalsam für das wunde Herz, wenn es so ganz sich finden kann in die Fügungen Dessen, der alles wohl macht! Aber Sie müssen um meinetwillen an Seinen Wegen und an Seinen Kindern nicht irre werden, Herr Philipp. Ach, ich fürchte oft, ich mache Seiner heiligen Sache Schande. Aber so schlimm bin ich doch nicht mehr, als ich war. Roger, das weiß ich, der ist nun, wo sein Herz schon lange war, ehe er von mir schied.«

»Der Gedanke, Janet, dächt' ich, müßte eurem Kummer ganz die Bitterkeit nehmen.«

»Ja, das thut er wirklich! O, ich werde nie vergessen, wie ich gleich, nachdem er gestorben war, neben ihm saß, und sah ihn an, und das Unruhige und Verzerrte war nicht mehr in seinem Gesicht, und so bleich und starr er war, war er es doch selbst! Ach, Herr Philipp, möchten Sie doch nie, nie erfahren, was das sagen will, ein Gesicht zu sehen, was Ihnen so lieb war wie das Tageslicht, aus dem das Leben und der Geist entflohen sind!«

Der irre Ausdruck zeigte sich jetzt wieder auf Janet's Gesichte, und die Ursache ihres übermäßigen Schmerzes, der bei ihrer früheren stillen, frommen Gesinnung ihm so auffallend gewesen war, trat nun auf einmal vor seine Seele. Er dachte auch an Erich's wildes Lachen am Abend zuvor, und indem er Janet mit einem Blick des tiefsten Mitleids ansah, sagte er, nun verstehe er zuerst, warum ihr Schmerz so sehr bitter gewesen sey.

»Haben Sie nie von Roger etwas gehört, Herr Philipp, und wie alles kam?«

»Nein, gewiß nicht, Janet, sonst würde ich ja nicht so grausam gewesen seyn, und so davon gesprochen haben.«

»Sie grausam? Nein, bester Herr Philipp, nein, seit ich Sie gesehen habe, ist mir wohler zu Muthe geworden, als ich seit lange gewesen bin. Vielleicht auch deshalb, weil Sie mir Tage wieder zurückgerufen haben, wo alles glücklich um mich her war. Grade als Annie mir vorlas, schweiften meine Gedanken zurück in die Zeit, wo Roger und ich über Sie und die andern jungen Herren sprachen, und es ist merkwürdig, wie richtig er immer von jungen Leuten prophezeite, und wie sie auch immer grade so wurden, wie er sagte; nur bei Allan hat er sich geirrt.«

»Vielleicht auch nicht,« sagte Colville; »auch er kann Euch noch ein Segen werden.«

Janet schüttelte den Kopf: »Er hat gegen besseres Licht und Gewissen gehandelt, und seinen Vater mit Schmerzen in die Grube gebracht!«

»Ist er gegen seines Vaters Wunsch Soldat geworden?«

»Ich muß Ihnen erzählen, wie das kam, Herr Philipp. Sie wissen, schon ehe Sie das Land verließen, schlug man verschiedne Wege ein, um die jungen Leute anzulocken; denn die Prälaten sahen wohl, so lange das ganze Volk gegen sie war, konnten sie niemals sich recht festsetzen. So stifteten sie die Regierung an, daß sie die Blüthe des Landes zum Kriegsdienst anwerben sollte. Zu dem Ende fingen sie an, eine Waffenschau, wie sie es nannten, von Zeit zu Zeit zu halten, und andre solche Thorheiten, die dem natürlichen Menschen wohlgefallen; und war einmal der Stolz Einer Familie fortgenommen, so wurde der Muth der andern gebrochen, und der Gedanke, gegen ihr eigen Fleisch und Blut zu kämpfen, war ihnen fürchterlich. Allan wurde immer fern gehalten von der Waffenschau und dergleichen Narrentheidingen, bis vor zwei Jahren, als diese wilden jungen Mochrums sich an ihn machten, und an noch einige andre junge Leute, und sie dahin brachten, daß sie sich auch auf der Waffenschau versuchten. Und Sie wissen, Herr Philipp, was Allan für ein tüchtiger, junger Bursche war, so gewandt und so flink auf den Füßen und so herzhaft. Er gewann mehrmals Preise, und sie schmeichelten ihm, und machten so viel von ihm, daß er die Heimath überdrüssig kriegte, und sein Vater Aerger an ihm hatte, und obwohl Allan zu gut war, als daß er hätte etwas thun können, was, wie er wußte, uns das Herz brechen würde, so sah er doch von der Stunde an, wo sein Vater ein andres Wesen gegen ihn annahm, wie ein Verdammter aus, und sprach nicht, und war nicht mehr der blühende, frohe Jüngling, wie zuvor. Endlich fanden die Mochrums den Grund auf, warum Allan nicht Soldat werden wollte, und sie paßten seinem Vater auf, bis sie etwas wider ihn vorzubringen wußten, wo er die Treue gegen das Gesetz seines Gottes nicht verleugnen wollte; denn sie wußten wohl, daß sie weiter keine Anklage gegen ihn würden beweisen können. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, Herr Philipp, daß Roger nie glauben konnte, Herr Wellwood habe Recht gethan, als er die Indulgenz annahm; so ging er denn auch nicht zu ihm in die Kirche, sondern ging zu Herrn Wardour, dem Prediger aus Eldershones; und so konnten denn die Mochrums beweisen, daß er ihn auf dem Felde gehört, und eine Nacht ihn in seinem Hause verborgen habe. Dafür wurde nun Roger wie ein Dieb oder Räuber in den Kerker von Jedburgh geworfen, und dort gefangen gehalten, und sechs Wochen lang kein Freund zu ihm gelassen. Endlich kam der alte Mochrum selbst, und sagte hier, vor meinen eignen Ohren, zu Allan, wenn er in seines Sohnes Compagnie eintreten wolle, so werde er Rogern die Freiheit verschaffen. Ich sagte ihm, Roger würde gewiß in seinem Herzen weit mehr leiden, wenn er hörte, daß Allan zu den Feinden der Sache Gottes übergegangen sey, als je sein Leib im Gefängniß leiden könne, und sie hätten doch nur Macht, den Leib zu tödten. Als der alte Verräther mich das sagen hörte, ging er hinaus, und gab Allan ein Zeichen, er möchte ihm folgen. Ich hielt Allan fest, und er blieb auch; als ich aber glaubte, ich habe nun sein Wort, und nachdem er mir gesagt hatte, er wisse wohl, sein Vater werde lieber im Gefängniß sterben wollen, als daß er sollte sich anwerben lassen, ging er doch wieder unter sie, und sie überredeten ihn; das erste Wort, was ich wieder davon hörte, war, als Roger nach Hause zurückgebracht wurde – ach, um nie wieder sich ähnlich zu sehen. Sie hatten ihm gesagt, um welchen Preis er seine Freiheit wieder erhalten habe; und ganz hingemartert durch die lange Gefangenschaft, und voll Verlangen, diesen seinen Abgott wiederzusehen, war die Nachricht zu schwer für ihn, als er tragen konnte, und nie habe ich wieder sein Angesicht, Roger Broome's Angesicht, gesehen, als bis es kalt im Tode da lag. Nach einem oder zwei Monaten beschloß er im Lande umherzuziehen, bloß um Allan zu suchen; und so wie er einen von den Mochrums traf, fing er so an zu lachen, daß sie lieber Meilen weit laufen, als ihm begegnen mochten; und mein unglückseliges Geschäft war es, ihm bei seinen Irrgängen aufzupassen; und manchmal konnte ich ein paar Minuten lang glauben, er sey wieder der alte; dann war aber alles wieder dunkel, bis kurz vor seinem Tode, wo er sprach: ›Sage Allan, ich bitte ihn dringend, daß er zu mir komme zur rechten Hand des Herrn, wenn er zum Gerichte erscheine,‹ und dann redete er wieder irre, bis er für immer zur Ruhe war.«

»Der arme Allan!« sagte Colville; »er konnte wohl nicht vorhersehen, daß sein Schritt so schlimme Folgen haben werde. Wir müssen versuchen, etwas für ihn zu thun.«

»Sie meinen also, er war nicht so schlimm?« sagte Janet, die sich freute, daß er von Allan freundlich sprach.

»Nein, gewiß nicht, Janet; ich denke, seine That läßt sich entschuldigen.«

»Ich vergaß noch, Ihnen zu sagen, Herr Philipp, daß sie gedroht hatten, Roger werde nach den Colonien geschickt werden, und viele, die damals im Gefängnisse waren, wurden wirklich dazu verurtheilt; und es war wohl bekannt, daß, die früher hingeschickt wurden, alle umkamen in den elenden Schiffen, in denen sie übergesetzt wurden.«

Colville sprach noch einige freundliche Worte über Allan. »Ich glaube sagen zu können, daß er bei all' seinem scheinbaren Leichtsinne doch innerlich viel gelitten hat; es ist nicht so leicht, ein hellsehendes Gewissen einzuschläfern.«

»Ja, Herr Philipp, er hat auch gelitten; doch kann ich nicht sagen, daß sein Gewissen aufgewacht sey; das weiß wohl niemand in dieser Welt, außer ihm selbst; aber gelitten hat er, wo er es sich am wenigsten versehen hatte, und ich glaube, er thut nun alles, was er vermag, um zu vergessen, was er in dieser Welt verloren, und was er in einer andern zu fürchten hat. Erinnern Sie sich wohl der lieben, kleinen Waise Bettie Fairley, die bei ihrem Onkel, dem alten Robert Fairley in Thorny-Dykes wohnte?«

»O ja, ich erinnere mich ihrer noch genau. Sie sollte Robert beerben, und er war so stolz auf sie, daß, wenn man auch nur fünf Minuten mit ihm sprach, er es immer dahin zu bringen wußte, daß er etwas von ›seiner lieben kleinen Nichte Bettie‹ zu erzählen hatte.«

»Ja, ja, Herr Philipp, die ist es grade. Nun sehen Sie, Bettie verdiente es auch, denn solch ein junges Ding hab' ich weiter nicht gesehen, so sanft und so nachdenkend, und wie sie groß wurde, so dienstfertig und so liebreich, und dabei so tüchtig im Lernen. Wenn der Prediger kam, die jungen Leute zu katechisiren, antwortete unter den Mädchen keine, wie Bettie Fairley, und unter den Knaben, Herr Philipp, keiner, wie mein armes verlornes Kind, und alle Welt sagte, sie seyen wie für einander gemacht. Aber bei Bettie war es Herzenssache, bei dem armen Allan aber nur Kopflernen. Bettie konnte das aber nicht wissen, und gab Allan ihr junges Herz; und wie ihm alles wohl ging, und alles, was er an andern that, ihm immer doppelt vergolten wurde, da dachte er nicht daran, daß Bettie ihn verlassen könnte; aber den Tag, nachdem er sich hatte anwerben lassen, ließ sie ihn wissen, daß er und Bettie Fairley von nun an geschiedne Leute seyen; und all sein Flehen, und seine Wuth und Verzweiflung rührten sie nicht; und ob sie gleich blaß und mager wie ein Geist wurde, änderte sie niemals wieder ihren Sinn. Sie pflegte ihren Onkel auf seinem Todbette, dann verließ sie unsre Gegend, und ging zu Verwandten im Westen. Ehe sie fortging, besuchte sie mich noch einmal; das war ein schwerer Abschied, Herr Philipp, denn ich hing an dem Mädchen, und sie hatte zu mir die Zärtlichkeit, wie eine mutterlose Waise gegen eine, die sie ganz als ihre Mutter betrachten darf. Aber ich konnte sie nur in ihrem guten Entschlusse bestärken, und das ist einer der Gründe, warum Allan mich niemals besucht; denn er sagt immer, es hätte nur Eines Wortes von meiner Seite bedurft, und Bettie würde ihm vergeben haben.«

Colville bezeigte ihr wieder seine Theilnahme wegen des armen Allan, und nach einigen weiteren freundlichen Erkundigungen über andre Dinge, verließ er das Häuschen, indem Janet ihn segnete, und versicherte, sie sey wie neu geboren, seit sie ihn gesehen habe.

Nachdem Colville einen seiner Bedienten nach Edinburgh vorausgeschickt hatte, beschloß er, Adam Yule zurückzulassen, damit er ausführe, was er wegen Allan sich vorgenommen hatte.

Da alle am nächsten Tage nach Edinburgh reisen wollten, so fand Colville beim Nachhausekommen, daß in Sachen, welche diese bevorstehende Reise betrafen, Torriswood noch mit den Seinigen beschäftigt war. Als sie vor Schlafengehen noch einmal zur Andacht sich versammelt hatten, war auf allen Gesichtern ein Ausdruck des Schmerzes; und namentlich in Torriswood's Ton, in dem Ernste seiner Warnungen und Ermahnungen und in der Wärme seiner Worte schien etwas zu liegen, was ankündigte, daß er von seinem Hausstande und seiner Heimath auf lange Zeit Abschied nehme.


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