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Viertes Kapitel
Die Lollharden in England

1. Die Wiclifsche Bewegung

Nächst dem Deutschen Reich war England jener Staat, auf den die ausbeutungslustigen Päpste von Avignon vornehmlich ihr Auge richteten.

Es hatte eine Zeit gegeben, wo kein Land dem Heiligen Vater ergebener und seiner Ausbeutung willenloser ausgesetzt war als England. Zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts war das englische Königtum in völlige Abhängigkeit vom Papsttum geraten. Johann ohne Land mußte 1213 sogar seine Krone als Lehen des heiligen Petrus hinnehmen und sich zur Zahlung eines jährlichen Lehnzinses von tausend Pfund Silber an den Papst verpflichten. Von da an war die Ausbeutung Englands immer mehr gestiegen. Noch zur Zeit Eduards III. (vierzehntes Jahrhundert) klagte das Parlament, daß die dem Papst jährlich gezahlten Abgaben fünfmal so groß seien als die dem König bezahlten. W. Cunningham, The growth of English Industry and Commerce, I, S. 253. Cambridge 1890.

Aber damals erhob sich bereits, wie in anderen Staaten, die staatliche Zentralgewalt mächtig genug, um nicht nur den Kampf gegen das Papsttum erfolgreich zu führen, sondern auch schon die Eroberung der kirchlichen Herrschafts- und Ausbeutungsorganisation zu eigenen Zwecken in Betracht ziehen zu können.

Wir sagen »staatliche Zentralgewalt«, nicht Monarchie, denn neben dem Königtum erhoben sich damals überall in den feudalen Staaten ständische Vertretungen, Reichsstände, die es mehr oder weniger beschränkten. Das Machtverhältnis zwischen den Ständen und dem Königtum schwankte sehr, je nach den Örtlichkeiten und Zeiten. Wir finden Reichsstände, die völlige Jasagemaschinen sind, und Könige, die willenlose Werkzeuge der Reichsstände darstellen. Aber wie immer das Verhältnis der beiden Teile der Zentralgewalt zueinander sein mochte, überall begann damals die Zentralgewalt stärker zu werden als die einzelnen Bestandteile des Reiches – nur in Deutschland nicht.

Im vierzehnten Jahrhundert waren König und Parlament in England stark genug geworden, der päpstlichen Anmaßung entgegenzutreten. Diese äußerte sich aber gerade damals immer ausschweifender. Ein Konflikt zwischen Kirche und Staat wurde unvermeidlich.

Den Gegensatz zwischen den beiden Mächten verschärfte noch der mehr als hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England (1339 bis 1456).

Der Vorwand zu diesem Krieg war eine Frage dynastischer Erbfolge. Aber seine Ursachen lagen tiefer und machten den Krieg zu einem nationalen, das heißt zu einem solchen, an dem die Interessen der entscheidenden Klassen der Nation stark beteiligt waren.

Im ganzen Gebiet des christlich-germanischen Adels sehen wir dessen Raubsucht im Laufe des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts wachsen. Mit dem Aufschwung der Warenproduktion und des Warenhandels stiegen seine Bedürfnisse, denen seine und seiner Bauern Naturalwirtschaft immer weniger genügte. Immer mehr wurde daher der Adel dahin gedrängt, seine besonderen Kenntnisse zur Verbesserung seiner Finanzen zu verwerten. Aber diese Kenntnisse lagen nur auf dem Gebiet des Raufens, und er konnte sie nur in der Weise gewinnbringend anwenden, daß er auf eigene Faust oder im Solde anderer dem Stärkeren zu seinem Rechte, das heißt zu Beute zu verhelfen suchte.

In Deutschland, wo keine starke Zentralgewalt da war, welche die Raublust des Rittertums in einem auswärtigen Kriege beschäftigt hätte, führte das Aufhören der Kreuzzüge und Römerzüge – die ja im Grunde auch nur Raubzüge gewesen waren – dazu, daß die Ritter sich gegen die Bürger und Bauern des eigenen Landes wendeten und, wenn das nicht genügte, einander aufzufressen trachteten, wie hungrige Wölfe. Zwischen dem Bürgertum und dem Adel entspann sich die erbittertste Gegnerschaft.

Anders lag die Sache in England. Die Zentralgewalt war dort stark genug, einen Krieg mit dem französischen Nachbar wagen zu können. Im Gegensatz zu Frankreich begegneten sich aber die Interessen des Bürgertums mit denen des Adels. Beide hatten in England damals – und auch später – viel mehr gemeinsame Interessen als in Deutschland.

Das eine gemeinsame Interesse war das an dem Handel mit den Niederlanden. Deren so mächtig aufblühende Wollenindustrie bezog, wie wir wissen, ihr Rohmaterial vornehmlich von England. An dem Gedeihen dieser Industrie waren die Grundbesitzer Englands, soweit sie Schafe züchteten, ebensosehr interessiert wie die Kaufleute, die den Handel vermittelten, und der König, der aus dem Ausfuhrzoll auf Wolle seine beste Einnahme zog.

Bereits 1279 erklärten die Barone in einer Petition an Eduard I., daß der Ertrag der Wolle die Hälfte ihres Jahreseinkommens vom Lande bedeute. Die älteste englische Ausfuhrstatistik stammt aus dem Jahre 1354. Der Gesamtwert des Exportes betrug 213 338 Pfund Sterling, darunter der Wert der Wolle 196 062 Pfund Sterling. Der Gesamtbetrag der Ausfuhrzölle machte 81 896 Pfund Sterling. Diese wurden fast ganz von der Wolle getragen. Die anderen ausgeführten Produkte ergaben bloß 220 Pfund Sterling. (G. Craik, The History of British Commerce, London 1844, I, S. 144, 148.)

Das Gedeihen der Abnehmer der englischen Wolle, der niederländischen Städte wurde aber von Frankreich bedroht. Ihr Reichtum lockte ebenso das Königtum wie die Ritterschaft dieses Landes. Hatte diese im dreizehnten Jahrhundert unter dem Vorwand des Glaubenskampfes sich auf das reiche Languedoc gestürzt, so suchte sie im vierzehnten in Flandern nach Beute. Die gefährdeten flandrischen Städte fanden nicht im Deutschen Reiche, sondern in England einen kräftigen Bundesgenossen.

Aber das war nicht der einzige Gegensatz zwischen Frankreich und England. Die englische Ritterschaft war nicht minder raubsüchtig als die französische. Gelüstete es diese nach den Schätzen der Niederlande, so jene nach den Schätzen Frankreichs, das ökonomisch England sehr voraus war. Das barbarischere Land suchte damals stets das ökonomisch höher entwickelte, reichere zu plündern: Es plünderten gleichzeitig die Franzosen die Niederländer, die Engländer die Franzosen und die Schotten die Engländer. Und wie die Niederländer sich mit den Engländern verbanden, so die Schotten mit den Franzosen. Aber die Engländer trugen in diesen Kämpfen meist den Sieg davon und mit dem Sieg unermeßliche Beute.

Ein englischer Annalist erzählt, daß nach der Schlacht von Crecy die eroberten Nordprovinzen Frankreichs so ausgeplündert wurden, daß der erworbene Reichtum das Leben und die Sitten der Engländer völlig veränderte.

Das Rittertum gewann viel; aber es hat das Rauben stets besser verstanden als das Bewahren. Das Bürgertum wußte ihm seine Schätze wieder abzulocken; diese dienten zur Befruchtung von Industrie und Handel.

Die Lasten des Krieges fielen hauptsächlich auf die Bauernschaft. Aber selbst dieser brachte er manche Vorteile. Die Bauern hatten ebenso wie die Grundherren ein Interesse am ungestörten Wollhandel mit den Niederlanden. Der Krieg brachte für den Überschuß an Söhnen, den die bäuerliche Familie lieferte, Sold und reiche Beute; vor allem aber hatte der Krieg das Gute an sich, daß er das Rittertum hinderte, Gewalttätigkeiten im eigenen Lande zu verüben, wie sie das deutsche und noch mehr, nach seinen Niederlagen gegen den äußeren Feind, das französische Rittertum verübte.

Kein Wunder, daß der Krieg gegen Frankreich für England eine nationale Angelegenheit wurde, an der die ganze Nation aufs lebhafteste 'interessiert war.

Man begreift jetzt, wie schroff sich gerade in England während des vierzehnten Jahrhunderts der Gegensatz zum Papsttum gestalten mußte: Der Papst, der war das Werkzeug oder der Bundesgenosse des Landesfeindes; den Papst unterstützen, war Landesverrat; ihn bekämpfen, der höchste Patriotismus.

Diese Stimmung führte nicht nur dazu, daß das Parlament die Geldabgaben, welche England an den Papst zu entrichten hatte, möglichst beschnitt – unter anderem wurde 1366 der Lehnzins von 1000 Pfund abgeschafft, der seit den Zeiten des Königs Johann gezahlt worden –, sie war auch ein fruchtbarer Boden für den Gedanken der völligen . Abschüttelung der päpstlichen Obergewalt. Die Ketzerei, die in Frankreich und Italien niedergeschlagen worden, die in Deutschland seit der Thronbesteigung Karls IV. geächtet war, sie gedieh in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts fröhlich jenseits des Kanals.

Zuerst in England ist die Opposition gegen das Papsttum zur nationalen Angelegenheit eines mächtigen Reiches geworden, zu einer Angelegenheit, an der Bürger und Bauern, Königtum und Adel, hoher wie niederer, sowie ein großer Teil des Klerus beteiligt waren. Und so ist denn auch England jener Staat geworden, in dem die Ideen der Reformation zuerst einen prägnanten, man kann sagen wissenschaftlichen Ausdruck gefunden haben.

Der hervorragendste geistige Vertreter dieser papstfeindlichen Richtung war John Wiclif, ein Gelehrter, zuerst Pfarrer, dann Professor der Universität Oxford. So scharf und entschieden Wiclif auftrat, so hütete er sich doch, die Grenzen zu überschreiten, welche die Interessen der herrschenden Klassen ihm zogen. Vom Urchristentum ausgehend, verherrlichte er die Armut Christi und stellte ihr den Reichtum, den Prunk und den Übermut seiner Nachfolger entgegen, von denen er die gleiche Armut, das gleiche Teilen ihrer Güter verlangte, das Christus von dem reichen Jünger gefordert hatte. Aber unter diesen Nachfolgern Christi verstand er nicht die gesamte Christenheit, sondern bloß die Mitglieder des Klerus. Nur deren Expropriation erschien ihm notwendig, und seine Lehre entsprach da ganz den Interessen der großen Grundherren und des Königs, denen bei der »Teilung« die Kirchengüter zugefallen wären. Die Wiclifsche Ketzerei lief einfach darauf hinaus, die Ausbeutungs- und Herrschaftsmittel der Kirche aus den Händen des ausländischen, dem Lande feindlichen Papstes in die Hände des Königs und der Aristokratie des eigenen Landes zu bringen.

Wiclif fand denn auch den Schutz der Spitzen des hohen Adels, worunter die beiden hervorragendsten Männer Englands, Johann, Herzog von Lancaster, und Percy, Graf von Northumberland. Johann von Lancaster war ein jüngerer Sohn des Königs Eduard III. und Oheim von dessen Enkel und Nachfolger, Richard II., der bei seinem Regierungsantritt (1377) erst elf Jahre alt war und von seinem mächtigen Oheim aufs stärkste beeinflußt wurde.

2. Die Lollhardie

Die ketzerische Bewegung blieb auf die herrschenden Klassen nicht beschränkt. Der Kampf gegen das Papsttum brachte alle sozialen Gegensätze jener Zeit an die Oberfläche; in dem nationalen Kampfe gegen den gemeinsamen Feind, den französischen Papst, verfochten die verschiedenen Klassen auch ihre besonderen Interessen, die früher oder später miteinander in Konflikt kommen mußten. Mit Behagen weisen katholische Schriftsteller auf die Erscheinung hin, daß in jeder Reformationsbewegung unter den Kirchenreformern früher oder später innere Spaltungen und erbitterte Kämpfe ausbrachen; sie erscheint ihnen, als Beweis dafür, daß die Reformation ein Werk des Teufels war. Daß der Heilige Geist wenig damit zu tun hatte, glauben wir auch.

Unter diesen Umständen gedieh das Beghardentum oder, wie die Engländer gewöhnlich sagten, das Lollhardentum.

Wir haben gesehen, wie das Aufblühen der niederländischen Wollenindustrie in den Städten der verschiedensten Länder Europas das Verlangen nach der Entwicklung dieser. Industrie wachrief und veranlaßte, daß flämische Weber bis in die entferntesten Gegenden gezogen wurden.

Am nächsten lag es, die flämische Industrie in dem Lande einzubürgern, das, den Niederlanden benachbart, mit ihnen den lebhaftesten Handelsverkehr unterhielt und den feinen Rohstoff lieferte, auf dem die Überlegenheit der Weber von Flandern und Brabant vornehmlich beruhte.

Bereits unter Heinrich III. werden Versuche gemacht, von Staats wegen die Wollenindustrie zu fördern. 1261 wurde ein Gesetz erlassen, das die Ausfuhr von Wolle und das Tragen von Tüchern verbot, die im Ausland erzeugt worden waren. Aber dies Verbot mußte bald wieder aufgehoben werden, ebenso seine Wiederholung von 1271. Denn am freien Wollexport waren, wie wir gesehen haben, gerade die entscheidenden Mächte Englands am lebhaftesten interessiert, Grundherren und Kaufleute. König Eduard III. schlug eine andere Politik ein. Er lud durch einen Erlaß von 1331 Weber, Färber und Walker aus Flandern ein, nach England zu übersiedeln. Viele folgten dem Rufe. Wenige Jahre später kamen andere aus Brabant und Seeland. Geo. L. Craik, The History of British Commerce, I, S. 128, 148.

So finden wir in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts eine starke Wollenindustrie in England, namentlich in der Grafschaft Norfolk, mit der Hauptstadt Norwich. Es ist nun bemerkenswert, daß diese Stadt der Hauptsitz der Lollhardie wurde.

Mit den flämischen Webern dürfte auch das flämische Beghardentum seinen Einzug gehalten haben. Diese Annahme liegt um so näher, als es gerade die Ärmsten unter den Webern waren, die zur Auswanderung verlockt wurden, also dieselben Elemente, die in den Niederlanden die meisten Begharden lieferten.

Fuller in seiner Kirchengeschichte beschreibt sehr anschaulich die Schliche, wodurch die niederländischen Weber nach England gelockt wurden: »Unverdächtige Emissäre wurden von unserem König in jenes Land geschickt, die sich in das Vertrauen solcher Niederländer einschlichen, die vollkommen Meister in ihrem Gewerbe, nicht aber Meister über sich selbst waren, sondern Lohnarbeiter oder Lehrlinge. Sie jammerten über die Sklaverei dieser armen Knechte, die von ihren Meistern mehr heidnisch als christlich behandelt wurden; ja mehr wie Pferde als wie Menschen. Früh auf und spät zu Bette und den ganzen Tag über harte Arbeit und magere Kost – ein paar Heringe und harter Käse –, und alles das, um die Kerle (churls), ihre Meister, zu bereichern, ohne selbst den geringsten Vorteil davon zu haben. Wie glücklich würden sie sein, wenn sie nach England kämen, und ihr Gewerbe (mystery) mit sich brächten, das ihnen überall herzlichen Willkomm sicherte. Da sollten sie Rindfleisch und Hammelfleisch nach Belieben essen können, bis sie platzten ... Glücklich der Grundbesitzer (yeomen), in dessen Haus einer dieser Niederländer einkehren würde, die Gewerbefleiß und Reichtum mit sich brächten. Als Fremder betrete er das Haus, um es als Bräutigam oder Schwiegersohn wieder zu verlassen« usw. Fuller, Church History, III, S. 9, bei Cunningham, The growth of English Industry, I, S. 284.

Daß die Sendlinge des Königs bei den flämischen Proletariern Erfolg hatten, ist kein Wunder. Aber ebensowenig darf man sich wundern, daß diese Proletarier, deren Erwartungen natürlich schmählich enttäuscht wurden, sich um so inniger an die beghardischen Ideale anklammerten, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht. Vielleicht waren sie es, welche die kommunistische Agitation in England ins Leben riefen; jedenfalls bildeten sie ihren festesten Stützpunkt. Norfolk, das Zentrum der Wollenindustrie, wurde auch das Zentrum des Lollhardentums. Diese Grafschaft dürfte, wie Rogers sagt, mehr Märtyrer der Lollharden geliefert haben als das gesamte übrige England. Thorold Rogers, Die Geschichte der englischen Arbeit, Stuttgart 1896, S. 96, 125.

Von dort aus durchzogen die Agitatoren der Lollharden, die » armen Brüder« oder » armen Priester« genannt, das Land und predigten überall das Evangelium der urchristlichen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Ihre Agitation wurde sehr erleichtert durch die Leichtigkeit des Reisens im England jener Zeit. Noch herrschte allgemeine Gastfreundschaft, namentlich in den zahlreichen Klöstern; der Wanderer konnte gewiß sein, Unterkunft und Nahrung zu erhalten, und die Sicherheit auf den Straßen war groß.

Erst seit der Reformation des sechzehnten Jahrhunderts und den ökonomischen Änderungen, die ihr folgten, der Aufhebung der Klöster, der Vertreibung der Bauern von ihren Sitzen, der Schaffung eines Massenproletariats, das zahllose Landstreicher und Straßenräuber lieferte, wurde das Reisen über Land ein mühsames, kostspieliges und gefahrvolles Unternehmen und blieb es bis ins achtzehnte Jahrhundert. (Vergleiche Thorold Rogers, A History of Agriculture and Prices in England, Oxford 1866, Bd. I, S. 95 ff.)

Gewissermaßen das Motto der Lollharden wurde der Volksvers:

»Als Adam pflügt' und Eva spann,
Wo war wohl da der Edelmann?«

Ihr vornehmster Vertreter war John Ball, wahrscheinlich ein Franziskaner der strengeren Observanz, die wir schon mehrfach als Freunde und Bundesgenossen der Begharden kennengelernt haben. Sie scheinen im allgemeinen ein starkes Element der lollhardischen Bewegung gebildet zu haben. Walsingham, ein Mönch von St. Albans, der im vierzehnten Jahrhundert lebte und jene Zeit beschrieb, zeigt sich sehr erbittert gegen die Bettelmönche, die gleichzeitig das Volk aufwiegelten und den herrschenden Klassen schmeichelten, um die einen wie die anderen auszubeuten.

Er untersuchte, was wohl die Ursachen der sozialen Unruhen gewesen sein könnten, und kommt zu folgendem Schlusse: »Es scheint mir, als seien die üblen Zeiten den Sünden aller Bewohner des Landes zuzuschreiben, eingeschlossen die Bettelorden. Diese haben ihr Gelübde vergessen und sind nicht eingedenk der Zwecke geblieben, zu denen sie gestiftet worden. Denn ihre Gründer, hochheilige Männer, wollten, daß sie arm und frei von jedem weltlichen Besitz seien, damit sie stets die Wahrheit sagen könnten, ohne für ein Besitztum zu fürchten. Aber voll Neid gegen die Besitzenden, billigten sie alle Verbrechen der Herrschenden, fördern gleichzeitig die Irrtümer des gemeinen Volkes und preisen die Sünden der einen wie der anderen. Sie, die dem Besitz entsagt und ewige Armut geschworen haben, erklären das Gute für schlecht und das Schlechte für gut, um Güter zu erwerben und Geld zusammenzuscharren, verführen die Fürsten durch Schmeicheleien, das Volk durch Lügen und verlocken beide auf Abwege.« Thomas Walsingham, Historia Anglicana. Herausgegeben von Riley, London 1863, II, S. 13.

Da den Fürsten und dem Volke gleichzeitig zu schmeicheln etwas schwer ist, dürfen wir wohl annehmen, daß Walsingham hier beide Richtungen der Bettelmönche im Auge hat, die eigentumslüsterne, die den Vornehmen schmeichelt, und die eigentumsfeindliche, die das Volk »aufhetzt«.

Tatsächlich waren die Bettelmönche, namentlich die Franziskaner, bei den ausgebeuteten Klassen sehr beliebt. Bei der Insurrektion von 1381, auf die wir gleich zu sprechen kommen werden, wurden manche Paläste zerstört, dagegen die Klöster der Bettelmönche geschont. Einer der Führer der Insurgenten, Jack Straw, erklärte, die Bettelmönche seien die einzigen Kleriker, die geschont werden sollten. Vergleiche Lechler, J. Wiclif und die Vorgeschichte der Reformation (wir benutzten die englische Übersetzung von P. Lorimer, London 1878), II, S. 228, und Walsingham, a. a. O., II, S. 9.

Aus der Reihe dieser Mönche scheint John Ball hervorgegangen zu sein. Froissart, ein Zeitgenosse Balls, nennt ihn einen »verrückten Priester aus Kent.« Histoire et chronique memorable de Messire Jehan Froissart, Paris 1578 (Ausgabe von Denis Sauvage de Fontmailles en Brie), II, S. 122. Vorwiegend jedoch predigte er in Essex und Norfolk. Seine Agitation begann um das Jahr 1356 und erregte bald die Aufmerksamkeit der geistlichen und weltlichen Autoritäten. Der Erzbischof von Canterbury ebensowohl wie der Bischof von Norwich exkommunizierten ihn, Eduard III. ließ ihn verhaften (wahrscheinlich 1366). Freigelassen, begann er von neuem seine Predigten. Da er seit seiner Exkommunizierung die Kirchen nicht mehr benutzen konnte, predigte er auf Plätzen und Kirchhöfen. Froissart hat uns (am oben angegebenen Orte) eine seiner Reden überliefert, für deren Echtheit wir uns allerdings nicht verbürgen, können. Sie lautet: »Liebe Leute, in England wird's nicht besser werden, ehe nicht alles Gemeineigentum wird und es weder Hörige noch Edelleute gibt; ehe wir nicht alle gleich sind und die Herren nicht mehr wie wir. Wie haben sie uns behandelt? Warum halten sie uns in Knechtschaft? Wir stammen alle von den gleichen Eltern ab, von Adam und Eva. Wodurch können die Herren beweisen, daß sie besser sind als wir? Vielleicht dadurch, daß wir erwerben und erarbeiten, was sie verzehren? Sie tragen Samt, Seide und Pelzwerk, wir sind gekleidet in elende Leinwand. Sie haben Wein, Gewürze und Kuchen, wir haben Kleie und trinken nur Wasser. Ihr Teil ist Nichtstun auf herrlichen Schlössern, der unsere ist Mühe und Arbeit, Regen und Wind auf dem Felde, und doch ist es unsere Arbeit, aus der sie ihren Prunk ziehen. Man nennt uns Knechte und schlägt uns, wenn wir ihnen nicht ohne Zaudern zu jedem Dienste zu Gebote stehen, und wir haben keinen König, der wünschte, uns zu hören oder uns zu unserem Rechte zu verhelfen. Aber unser König ist jung; gehen wir zu ihm, stellen wir ihm unsere Knechtschaft vor und zeigen wir ihm, daß sie ein Ende nehmen muß, sonst würden wir uns selbst ein Heilmittel verschaffen. Wenn wir vereint zu ihm gehen, werden uns alle folgen, die Knechte heißen und in Knechtschaft gehalten werden, um die Freiheit zu erlangen. Wenn der König uns sieht, wird er uns gutwillig etwas gewähren, oder wir werden uns in anderer Weise helfen.« »So sprach Ball«, fügt der Höfling Froissart hinzu. »Der Erzbischof ließ ihn für ein paar Monate einsperren. Es. wäre besser gewesen, er hätte ihn getötet.«

Dies probate Mittel hätte kaum viel geholfen, denn Ball war nur einer unter vielen Agitatoren, die in gleichem Sinne wirkten, deren Namen uns jedoch nicht erhalten sind.

Einen mächtigen Anstoß erhielt die lollhardische Bewegung durch das Auftreten Wiclifs (um 1360). Wiclif selbst war nichts weniger als ein Kommunist; er stützte sich vorwiegend auf den hohen Adel, der den niederen Volksklassen feindlich gegenüberstand. Aber seine Kriegserklärung gegen die höchste der damaligen Autoritäten konnte nicht erfolgen, ohne die gesamte Volksmasse in Erregung zu versetzen und neuen Ideen leichter zugänglich zu machen. Und eine Zeitlang mochte man das Mittun der niederen Klassen bei dem Kampfe gegen Rom nicht ungern sehen.

Aber bald sollte sich der neue Bundesgenosse nicht bloß als unbequem, sondern sogar als höchst gefährlich erweisen, denn die Bewegung der Lollharden bekam eine ganz gewaltige Kraft dadurch, daß sie mit einer Rebellion der damals streitbarsten und stärksten der arbeitenden Klassen, der Bauernschaft, zusammenfloß, ähnlich, wie wir es schon im Falle Dolcinos gesehen haben und im Falle der Hussiten und des großen deutschen Bauernkriegs kennenlernen werden.

3. Der Bauernkrieg von 1381

Wir haben schon oben bei der Darstellung der Rebellion Dolcinos (S. 215 ff.) darauf hingewiesen, daß vom dreizehnten bis zum fünfzehnten Jahrhundert die Lage der Bauern im allgemeinen in Hebung begriffen war. In Frankreich wurde diese Tendenz durch den Krieg in ihr Gegenteil verkehrt. Er gab die unglücklichen Bauern jenes Landes den Plünderungen der englischen Raubscharen preis. Gleichzeitig aber wurde die französische Ritterschaft durch ihre Niederlagen einzig auf die Auspressung der eigenen Bauernschaft und der schwächeren Städte angewiesen. Das Elend der Bauern erreichte eine furchtbare Höhe und führte schließlich in der Landschaft Isle de France (der weiteren Umgebung von Paris, nordöstlich bis an die jetzige belgische Grenze) zu einem Ausbruch der Verzweiflung, der sogenannten Jacquerie Jacques, Jakob, war der Spitzname des französischen Bauern (Mai 1358). Der Erhebung der Ausgehungerten gegenüber verschwand plötzlich der nationale Gegensatz zwischen Engländern und Franzosen, wie fast 200 Jahre später im deutschen Bauernkrieg der religiöse zwischen Katholiken und Lutheranern. Mit den vereinten Kräften der Ritterschaft beider Nationen wurde die Erhebung leicht in einem furchtbaren Blutbad erstickt. Die Entscheidung fiel in der Stadt Meaux, die damals den Engländern gehörte, und deren Einwohner eine Schar Bauern, 9000 Mann stark, eingelassen hatten. Sechzig (!) Ritter eilten herbei, stürzten sich auf die waffenlosen Bauern und metzelten sie wie Schafe nieder. So lange mordeten sie, bis sie dessen überdrüssig wurden (et en occirent tant qu'ils en estoient tous ennyez). Mehr als siebentausend erschlugen sie damals. Dann zündeten sie die Stadt Meaux an und verbrannten sie mit allen ihren Bewohnern, weil diese zu den »Jacquiers« hielten. Von da an war die Erhebung gebrochen; die Bauern, die sich empört hatten, wurden allerorten unbarmherzig getötet.

So erzählt uns Froissart mit Behagen, unmittelbar nachdem er sich maßlos darüber entrüstet hat, daß die Bauern auch einigen Adligen nicht zum besten mitgespielt hatten. Froissart, a. a. O., I, S. 190 ff.

Das Ende war noch größere Knechtung des französischen Landvolkes.

In ähnlicher Weise stellt man in der Regel die Erhebung der englischen Bauern dar, die zwei Jahrzehnte später stattfand. Aber wir glauben, es ist überzeugend nachgewiesen, Von Thorold Rogers in den schon erwähnten Werken. daß der Charakter des englischen Bauernkrieges ein ganz anderer war.

In England wurde die allgemeine Tendenz der Zeit auf Hebung der Lage des Bauern durch den Krieg nicht verkehrt, sondern verstärkt. Die Leibeigenschaft begann zu verschwinden, die persönlichen Dienste, welche die Leibeigenen hatten leisten müssen, wurden durch Geldzinse ersetzt. Damit trat für die großen Grundherren die Notwendigkeit ein, an Stelle der Arbeit der Leibeigenen andere Arbeit zu setzen, die von Lohnarbeitern. Aber im vierzehnten Jahrhundert konnte man noch nicht von einem erheblichen ländlichen Proletariat sprechen. »Die Lohnarbeiter der Agrikultur bestanden teils aus Bauern, die ihre Mußezeit durch Arbeit bei den großen Grundeigentümern verwerteten, teils aus einer selbständigen, relativ und absolut wenig zahlreichen Klasse eigentlicher Lohnarbeiter. Auch letztere waren faktisch selbstwirtschaftende Bauern, indem sie außer ihrem Lohn Ackerland zum Belauf von vier und mehr Acres nebst Cottages angewiesen erhielten. Sie genossen zudem mit den eigentlichen Bauern die Nutznießung des Gemeindelandes, worauf ihr Vieh weidete und das ihnen zugleich die Mittel der Feuerung, Holz, Torf usw. bot.« K. Marx, Das Kapital, I, Volksausgabe. JHW. Dietz Verlag, Berlin 1947, S. 755. Dieser Zustand hatte für den Grundherrn (oder den Pächter seiner Wirtschaft) die unangenehme Folge, daß er sehr hohe Löhne zahlen mußte, was seine Grundrente nicht wenig beeinträchtigte. Ein großer Teil des niederen Adels wurde dadurch finanziell ruiniert.

Das wurde für die Grundherren noch schlimmer nach der großen Pest, die 1348 über ganz Europa hereinbrach, daselbst mit mannigfachen Zwischenräumen zwei Jahrzehnte lang wütete und die im gesamten Weltteil nicht weniger als 25 Millionen Menschen das Leben gekostet haben soll. In Frankreich steigerte diese Pest das Elend des Landvolkes, in England wurde sie ein Mittel, seine Hebung zu beschleunigen.

Wohl hatte die Pest die wohltätige Eigenschaft, welche derlei Epidemien auch in den neuesten Zeiten gezeigt haben, vorwiegend in den ärmeren Klassen zu wüten und die reicheren zu verschonen, »Es wird berichtet, daß in England die Wucht der Seuche auf die Armen fiel und die höheren Klassen weniger davon betroffen wurden.« (Thorold Rogers, History of Agriculture etc., I, S. 295.) »Fast unglaublich scheinen die Angaben über die Verheerungen, die diese Pest anrichtete; zum Beispiel in Venedig sollen an 100 000, in Lübeck an 90 000, in Straßburg 16 000 Menschen daran gestorben sein; Wien zählte an einem Tage über 900 Tote; an vielen Orten, sagt man, sind neun Zehntel der Bevölkerung hinweggerafft worden. Doch traf dieses Los meistens nur die ärmeren Klassen, und es ist zum Beispiel kein regierender Fürst bekannt, der daran gestorben wäre.« (Fr. Palacky, Geschichte von Böhmen, II, 2, S. 303.) aber leider war die Zivilisation damals noch nicht so weit vorgeschritten, daß zahllose Arbeitskräfte unbeschäftigt auf den Straßen herumgelegen wären. Verschonten die Seuchen das Leben der Reichen, so trafen sie doch ihren Lebensnerv, ihren Geldbeutel. Nach der Pest gingen die Löhne kolossal in die Höhe und erzeugten einen Zustand, der unerträglich war – nämlich für die Grundbesitzer. Bereits 1349 erschien daher ein Erlaß des Königs Eduard III., in dem jeder Ackerbauer (labourer) und Knecht (servant) verpflichtet wurde, zu arbeiten, wenn man ihm Arbeit bot, und zwar zu bestimmten Löhnen und während einer bestimmten Arbeitszeit. Der Bezahler höherer Löhne war ebenso straffällig wie der Empfänger.

Dieses Grundbesitzerschutzgesetz, das Maximallöhne und Minimalarbeitstag einführte, blieb jedoch unwirksam, ebenso seine Nachfolger aus den Jahren 1350 und 1360, denn es vermochte nicht die Anzahl Proletarier zu schaffen, die benötigt waren, um den Preis der Arbeitskraft den Bedürfnissen der Grundherren entsprechend zu gestalten.

Der Krieg mit Frankreich, der so viele Arbeitskräfte zu Söldnern machte, trug nicht dazu bei, die Arbeiterfrage für die Grundherren zu mildern. Aber andererseits bildete der »Notstand« der Grundherren geradezu einen Ansporn für sie, das Defizit in ihrer Kasse durch gutbezahlten Kriegsdienst und immer wieder erneute Plünderungen in Frankreich zu decken. Dieser Notstand war wohl eine der Hauptursachen, daß der Krieg gegen Frankreich kein Ende nehmen wollte, und daß, als endlich in gewaltiger Anstrengung, die Engländer aus Frankreich vertrieben worden waren durch jene bekannte Erhebung, die an den Namen der Jungfrau von Orleans anknüpft, daß dann der englische Adel in endlosem Morden und Plündern sich selbst zerfleischte, im dreißigjährigen Bürgerkrieg der weißen und der roten Rose.

Andererseits mußte der »Notstand« unter den Grundherren die Ideen der Wiclifitischen Reformation, das heißt im Grunde die Forderung, die Kirchengüter sollten zu ihren Gunsten konfisziert werden, höchst populär machen.

Zugleich aber versuchten sie auch, die »Arbeiterfrage«, die sie durch die Gesetzgebung nicht lösen konnten, auf einem anderen Wege zu lösen, auf dem der offenen Gewalt. Sie begannen, die alten Leibeigenschaftsverhältnisse wiederherzustellen, an Stelle der Lohnarbeit die Zwangsarbeit der Bauern zu setzen.

Die Erbitterung wuchs auf beiden Seiten immer mehr. Diese Stimmung der Bauern bildete einen fruchtbaren Boden für die Predigten der lollhardischen Agitatoren. Wohl hatten die Bauern ganz andere Interessen wie die besitzlosen Klassen der Städte, aber ihre Gegner waren dieselben und ihr nächstes Ziel das gleiche: die Niederwerfung der Übergriffe der Reichen und ihrer Staatsmänner. Daß die einen unter den Reichen vornehmlich die Grundherren, die anderen vornehmlich die Kaufleute verstanden, verschlug nichts.

Durch das Zusammengehen der Bauern mit den unteren Klassen der Städte verlor die lollhardische Bewegung allerdings an Bestimmtheit; sie hörte auf, eine rein kommunistische Bewegung zu sein, und wurde eine demokratische Oppositionsbewegung, die gar mannigfaltige Richtungen in sich barg. Aber sie gewann ungemein an Kraft.

Die Bauern begannen sich zu organisieren, um den Grundherren Widerstand zu leisten. Es wird berichtet, daß sie Vereinigungen bildeten und Gelder zusammenschossen, um die Mittel zur Verteidigung ihrer Interessen zu gewinnen. Die Organisatoren, meint Th. Rogers, der sehr viel zur Aufklärung jener Bewegung beigetragen hat und dem wir bei der Abfassung vorliegender Darstellung sehr viel verdanken, seien vornehmlich die »armen Priester« der Lollharden gewesen, die Zusammenhang und Einheitlichkeit in die Bewegung brachten.

Zu Beginn der Regierung Richards II. spitzte sich der Gegensatz zwischen Bauern und Grundherren aufs äußerste zu. In den letzten Jahren Eduards III. war das Kriegsglück von den Engländern gewichen. 1374 hatten sie sich zu einem Waffenstillstand verstehen müssen, der ihnen nur einige »Brückenköpfe« in Frankreich ließ: Calais, Bordeaux, Bayonne. Als Richard zur Regierung kam, war er erst elf Jahre alt. Unter einem solchen König konnte man keinen großen Krieg führen. Andererseits war Frankreich zu erschöpft, um die günstige Lage auszunützen. Wohl wurde der Waffenstillstand gebrochen, aber es kam nur zu unbedeutenden Reibereien. Die englischen Adeligen waren nun völlig auf die Einnahmequellen angewiesen, die ihnen ihre Güter boten, sie konnten ihre ganze Kraft auf das Ausschinden ihrer Bauern verwenden.

Wuchs die Gewalttätigkeit der Herren, so mußte das Aufhören des Krieges, das so viele Söldner dem Pfluge zurückgab und die Zahl der kriegsgeübten Bauern vermehrte, auch den Trotz der Bauern vermehren. Kein Wunder, daß es bald zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen den feindlichen Klassen kam.

Die Bauern wurden gezwungen, sich zu erheben, denn die herrschenden Gewalten begannen gegen die demokratische Bewegung einzuschreiten und die lollhardischen Agitatoren aufs schärfste zu verfolgen, darunter natürlich auch John Ball, der auf Befehl des Erzbischofs von Canterbury in das Gefängnis zu Maidstone geworfen wurde. Bei seiner Verhaftung soll er erklärt haben, bald würden ihn 20 000 Freunde befreien. Die Prophezeiung traf ein.

Nach der gewöhnlichen Darstellung war die Veranlassung zur bäuerlichen Erhebung eine rein zufällige: Ein Steuerbeamter entehrte die Tochter Wat Tylers (das heißt Walters des Ziegelbrenners oder Ziegeldeckers), und daraufhin erhob sich dieser zur Rache, erschlug den Beamten und forderte das Volk auf, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.

Aber tatsächlich brach die Bewegung an verschiedenen Punkten gleichzeitig aus, am 10. Juni 1381. Am wichtigsten wurde die Erhebung in Norfolk, dem Sitz der Weberei, und in Kent, wo die Leibeigenschaft schon völlig aufgehört hatte. Die kentische Erhebung wurde geführt von Wat Tyler, der in der Armee gegen Frankreich gekämpft hatte und im Kriege wohlerfahren war, und einem Geistlichen, Jack Straw. Die Insurgenten marschierten auf London, befreiten unterwegs John Ball aus seinem Gefängnis und lagerten auf Blackheath, der dunklen Heide, vor London. Sie entboten den König vor sich. Dieser kam die Themse herab auf einem Schiff, wagte aber nicht zu landen und kehrte unverrichteter Sache wieder heim. Nun brachen die Bauern in London ein (am 12. Juni), dessen Tore ihnen durch ihre Genossen in der Stadt offengehalten wurden. Die niederen Klassen der Hauptstadt vereinigten sich mit ihnen, und die Insurgenten nahmen Rache an den Palästen ihrer Unterdrücker, da sie dieser selbst nicht habhaft werden konnten. So verbrannten sie auch den Palast des Herzogs von Lancaster, den sie vor allen haßten. Aber sie plünderten nicht, »und wenn sie jemand bei einem Diebstahl ertappten, den enthaupteten sie, wie Leute, die nichts mehr hassen als Diebe.« Walsingham, Historie Anglicana, I, S. 456.

Der junge, erst fünfzehnjährige König mit seinen Räten, einigen Adligen und dem Erzbischof von Canterbury hatte sich nach dem Tower geflüchtet. Vergebens riet ihm der Londoner Lordmayor Walworth, einen Ausfall auf die Rebellen zu machen. Die reichen Londoner Bürger würden sich mit seinen Truppen vereinigen. Der Earl von Salisbury wies darauf hin, daß alles verloren wäre, wenn der König im Felde gegen die Insurgenten eine Niederlage erlitte, und diese Meinung überwog, obwohl dem König 8000 wohlbewaffnete Männer zur Verfügung standen. Die Furcht vor den Bauern hatte die erfahrenen Kriegsmänner gelähmt. Die Empörung blieb militärisch unbesiegt, der König entschloß sich, zu unterhandeln. Das ist ein anderes Bild als das, welches uns die Jacquerie in Frankreich gewährt!

Richard hatte alle Ursache, nachgiebig zu sein, denn die Insurgenten stürmten den Tower (am 14. Juni) und töteten den Erzbischof – denselben, der John Ball eingekerkert hatte – sowie andere ihrer Verfolger, deren sie gerade habhaft wurden.

Der König hatte den Tower kurz vor dessen Erstürmung verlassen und sich nach Mile-End begeben, um mit den Rebellen zu unterhandeln. Sie erklärten, sie wollten freie Bauern sein für immer und ihre Freiheit solle schriftlich anerkannt werden. Ferner forderten sie die Aufhebung der Jagd- und Fischereiprivilegien des Adels und ähnliche Konzessionen. Der König bewilligte alles, was sie verlangten, und erklärte sich bereit, sofort die nötigen Dokumente ausstellen zu lassen. Dreißig Schreiber wurden damit betraut.

Damit hatten die Bauern erreicht, was sie wollten. Die Masse derselben ging nach Hause. Zum Teil dürfte Mangel an Proviant daran schuld gewesen sein, daß sie auseinanderliefen. Sie hatten nur geringe Vorräte mit; nach Froissart mußte schon, ehe sie London erobert hatten, auf Blackheath ein Viertel der Bauern wegen Mangels an Provision fasten. Aber eine größere Schar unter Wat Tyler, Jack Straw und John Ball blieb zurück, um die Ausstellung der Dokumente zu überwachen, vielleicht auch, um weitere Konzessionen zu erlangen.

Am nächsten Tag kam es zu neuen Unterhandlungen. Die Insurgenten trafen in Smithfield den König mit seinen Reisigen. Richard ließ Wat Tyler zu einer Unterredung mit ihm zwischen beiden Heeren einladen, und dieser ging darauf ein.

Während beide sich besprachen, näherte sich ihnen ein Ritter, und als Wat Tyler dagegen protestierte, befahl Richard, ihn zu verhaften. Eine Schar Soldaten stürzte auf ihn zu, an ihrer Spitze der uns schon bekannte Lordmayor Walworth, und von zahlreichen Schwertern durchbohrt, sank der Verratene zu Boden. Richard aber, trotz seiner Jugend in der Heimtücke und Verstellung, die man damals Staatskunst nannte, wohlerfahren, ritt auf die überraschten Insurgenten zu und klagte Wat Tyler an, er sei ein Verräter gewesen, der ihn habe morden wollen, er selbst, der König, wolle ihr Führer sein. Mit diesen Redensarten hielt er sie so lange hin, bis die Bürger Londons gewaffnet erschienen waren. Aber auch jetzt wagten Richard und seine Leute keinen offenen Kampf. Man begnügte sich damit, die Insurgenten von London abzuschneiden und in dieser Stadt die »Ordnung« wiederherzustellen. Den Bauern wurden Freilassungsbriefe eingehändigt, und sie zerstreuten sich mit denselben. Wir haben uns in dieser Darstellung vornehmlich an Walsingham gehalten. Froissart behandelt den Aufstand zu höfisch-tendenziös. Er schrieb, als Franzose, vom Hörensagen, wie er selbst sagt, »damit alle Herren und guten Leute, die das Gute anstreben, sich ein Beispiel daran nehmen, wie man die Schlechten und Rebellen züchtigt (corriger)«. A. a. O., II, S. 124. Vergleiche über die Insurrektion auch C. E. Maurice, Lives of English Popular Leaders in the Middle Ages, II, Tyler, Ball, Oldcastle. London 1875.

Schlimmer war die Erhebung in Norfolk ausgegangen. Die Bauern hatten, unter Führung eines gewissen John Littlestreet, Norwich am 11. Juni eingenommen, aber der Bischof von Norwich, Henry Spenser, sammelte rasch Kriegsvolk um sich, griff die Insurgenten an und zerstreute sie in einer Schlacht, in der er viele mit eigener Hand erschlug. Die Gefangenen ließ er sofort hinrichten, darunter John Littlestreet. Dabei machte sich jedoch der fromme Erzbischof ein Vergnügen daraus, ihnen selbst die letzten Tröstungen der Religion zukommen zu lassen.

Die kleineren Erhebungen verliefen größtenteils im Sande. Nachdem die Bauern beruhigt waren, begann Richard zu erwägen, wie er ihnen sein »Königswort« brechen könne, das er ihnen nur in der Absicht gegeben, sie zu betrügen. Das war damals so in der Mode.

Die moderne Diplomatie stand noch in den Bengeljahren, und Lüge, Verrat und Meuchelmord wurden damals ungenierter betrieben als später, wo man aus Rücksicht auf die Volkskritik es für notwendig befunden hat, der diplomatischen Gaunerpraxis ein moralisches Mäntelchen umzuhängen. Man liebt es, ein Königswort als ein besonders unverbrüchliches hinzustellen. Aber vom vierzehnten bis ins siebzehnte Jahrhundert – und auch noch später – galt das Worthalten und die Ehrlichkeit überhaupt für eine Schwäche, deren sich ein großer Fürst nicht schuldig machen dürfe.

Sobald der König ein Heer von 40 000 Mann um sich gesammelt hatte – »ein Heer, wie es vordem England nie gesehen hatte« (Walsingham) –, warf er die Maske ab und setzte Gerichte ein, die Rebellen zu bestrafen. Die Männer von Essex sandten Boten, ihn an seine Versprechungen zu erinnern. Aber seitdem er ein großes Heer um sich wußte, war dem königlichen Buben so der Kamm geschwollen, daß er ihnen erwiderte: »Knechte seid ihr gewesen und Knechte seid ihr. Ihr sollt in Leibeigenschaft bleiben – nicht in der, in welcher ihr bisher gelebt, sondern in einer unendlich schlimmern. Denn solange wir leben und mit Gottes Gnade dies Reich regieren, werden wir unsere Vernunft, unsere Kraft und unser Vermögen dazu anwenden, euch so zu mißhandeln, daß eure Sklaverei ein warnendes Beispiel für die Nachkommenschaft sein wird.« Maurice, a. a. O., S. 189, 190.

Diese Provokation erreichte ihren Zweck. Die Bauern von Essex erhoben sich nochmals in Waffen, aber auf die eigenen Kräfte angewiesen – denn die anderen Grafschaften blieben ruhig –, erlagen sie dem Heere des Königs.

Anscheinend hatte die Sache der »Ordnung« gesiegt. Aber die englischen Staatsmänner konnten sich's nicht verhehlen, daß sie des Hauptaufstandes nicht Herr geworden waren in offenem Kampf und daß sie das Ärgste nur abgewendet hatten durch Lüge, Meuchelmord und Überfall. So war die Erhebung trotz ihres anscheinenden schließlichen Mißerfolges keineswegs vergeblich gewesen. Die Herren hüteten sich, ihren Sieg so auszunützen, daß sie eine zweite Erhebung der gesamten Bauernschaft provozierten. Die Befreiung der englischen Bauern von der Leibeigenschaft nahm ihren Fortgang und war zu Ende des Jahrhunderts so gut wie vollendet.

Aber mit den Bauern hatten sich in London und Norwich auch die niederen Volksklassen erhoben; diese waren wehrloser als die Bauern, gegen sie richtete sich vornehmlich die Rache des Siegers. Wenn wir hören, daß, nach der Beendigung des Aufstandes ein furchtbares Blutgericht über dessen Führer gehalten wurde und 1500 derselben den Tod erlitten, darunter auch John Ball und Jack Straw, so dürfen wir annehmen, daß dies weniger die Bauern als ihre städtischen Verbündeten getroffen hat. In den Parlamentsakten sind noch die Namen von 289 Rebellenführern enthalten, die abgeurteilt wurden. Davon waren 151 aus London und 138, also nicht einmal die Hälfte, aus den anderen Städten und vom Lande.

Der unglückliche Ausgang des Aufstandes hemmte kaum vorübergehend die Sache der Emanzipation der Bauernschaft. Dagegen bedeutete er einen fast vernichtenden Schlag für die lollhardische Bewegung, ja für die ganze Opposition gegen das Papsttum.

In der Tat, mit einer so rebellischen Bevölkerung im Rücken, erschien es dem König und dem Adel denn doch zu gefährlich, selbst in eine revolutionäre Bewegung einzutreten, sich vom Papst loszusagen und die Kirchengüter zu konfiszieren. Man kam um so leichter zu einem Kompromiß mit dem Papsttum, als dieses eben damals aufhörte, ein ausschließliches Werkzeug französischer Politik zu sein. 1378 hatte die große Kirchenspaltung begonnen, von der wir noch sprechen werden. Die Welt hatte zwei Päpste bekommen, einen französischen und einen antifranzösischen, römischen, den Deutschland und England unterstützten.

Wäre wirklich die Reformationsbewegung eine Folge der sittlichen Entrüstung über die« Verkommenheit des Papsttums gewesen, wie die ideologischen Geschichtschreiber des Protestantismus uns glauben machen wollen, dann hätte die Wiclifitische Bewegung gerade zur Zeit der Kirchenspaltung den größten Aufschwung nehmen müssen, denn damals war das Papsttum moralisch am tiefsten gesunken. Aber die Geschichte wird durch die Interessen und die Kämpfe der Klassen bestimmt, und von 1381 an sprachen die Interessen der herrschenden Klassen Englands gegen die Bestrebungen Wiclifs. Wohl standen er und seine Gönner nicht im geringsten Zusammenhang mit der Insurrektion; im Gegenteil, sein Protektor Johann von Lancaster war, wie wir gesehen haben, der unter den Insurgenten bestgehaßte Mann. Aber immerhin, seine Lehre zeigte sich revolutionärer, als den Interessen der herrschenden Klassen Englands zuträglich war. Bereits 1382 verdammte eine Synode zu London vierundzwanzig seiner Sätze als ketzerisch. Das Parlament befahl im gleichen Jahre durch ein besonderes Gesetz den weltlichen Gerichten, die geistlichen zu unterstützen. Es nützte Wiclif nichts, daß er 1382 eine Schrift herausgab, »De blasphemia«, in der er den Bauernaufstand mißbilligte. Selbst sein bisheriger Gönner, der Herzog von Lancaster, wandte sich nun gegen ihn. Wiclif wurde seines Lehramtes an der Universität Oxford und seiner Würden entsetzt und mußte sich auf seine Pfarre in Lutterworth zurückziehen, wo er schon 1384 starb.

Schlimmer ging's den Lollharden. Seit dem Bauernaufstand, in dem sich die Wirksamkeit der lollhardischen Agitatoren so mächtig gezeigt hatte, galt jeder Lollhard, den man aufspüren konnte, von vornherein für einen Hochverräter, der dem Feuertod überantwortet wurde. Eine gleiche Ära der Verfolgungen, wie seit Karl IV. in Deutschland, brach jetzt über die Lollharden in England herein. Es gelang nicht, ihrer Herr zu werden. Aber es gelang auch der Lollhardie nicht wieder, die Bedeutung zu erlangen, die sie von 1360 bis 1381 gehabt. Wie in Deutschland, war sie nun auch in England nur noch imstande, eine unendliche Reihe von Märtyrern zu liefern.

Die Erhebung von 1381 mußte auf das Ausland zurückwirken und überall die Verfolgung der Begharden und Waldenser neu beleben. Zu Ende des Jahrhunderts gab es keinen Zufluchtsort für sie, der sicher gewesen wäre. Da, inmitten der höchsten Trübsal, sollte plötzlich eine Zeit des Triumphes für die Verfolgten und Niedergetretenen heranbrechen, die ihnen herrlich bewies, wie »groß Gott in den Kleinen« werden kann. Ein Heldenzeitalter, vergleichbar jener Epoche der großen französischen Revolution, die mit dem Jahre 1793 anhebt, begann für die kommunistischen Bestrebungen in Böhmen mit den Hussitenkriegen.


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