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IV. Hindernisse des Postbetriebs.

Im Laufe der vorstehenden Mitteilungen haben wir stellenweise einzelne der dem Postverkehr im Wege stehenden Hemmnisse und Schwierigkeiten bereits berührt. Nunmehr wollen wir auf diesen interessanten Gegenstand näher eingehen.

Die sich dem Postbetrieb entgegenstellenden Hindernisse treten teilweise schon vor Beginn der Postlaufbahn der Sendungen ein, teilweise erst während der Beförderung der letzteren. Immer spielen dabei die nichtberechtigten Eigentümlichkeiten des Publikums eine große Rolle. Die pünktliche und richtige Behandlung vieler Briefe usw. wird durch Aufgabe an ungeeigneten Stellen, durch ungenaue oder mangelnde Adressierung und durch vorschriftswidrige Beschaffenheit der Sendungen selbst verzögert, oft unmöglich gemacht. Die Einlegung von Briefen in den Briefkasten oder ihre Abgabe am Postschalter gilt im allgemeinen als eine so einfache Verrichtung, daß man kaum glaubt, dabei könne ein Versehen vorkommen. Dennoch wurde zu Aberdeen in Schottland ein Mann beobachtet, der sich große Mühe gab, einen Brief in die Öffnung eines in Reparatur befindlichen Straßenhydranten zu stecken. Bei näherer Untersuchung des Hydranten fand man, daß bereits früher mehrere andere Aufgeber Briefe hineingeworfen hatten. Dieser Vorfall steht keineswegs vereinzelt da; es gibt kaum eine nach der Straße zu gehende Öffnung, die nicht gelegentlich von Unkundigen für den Spalt eines Briefkästchens gehalten würde.

Die unter Kreuzband versendeten Manuskript- und Buchpakete pflegen die allerverschiedensten, zur Beförderung auf diesem Wege nicht zulässigen Dinge zu bergen, namentlich Schneidewerkzeuge und allerlei lebende Angehörige der Tierwelt. Hier brummt ein Buch; es enthält einen Hirschkäfer. Dort bewegt sich ein anderes in verdächtiger Weise hin und her; man öffnet es, und heraus springt eine zierliche weiße Maus. An dem jämmerlichen Quaken eines dickleibigen Manuskripts ist sofort zu erkennen, daß sich darin ein geängstigter Wetterprophet verbirgt. Vielleicht ist es eine Abhandlung über das Wetter, und der arme Frosch soll als lebende Illustration zum Text dienen. Wie der englische Oberpostdirektor berichtet, soll es auch an Schnecken und Austern nicht fehlen. Das Wunderbarste in dieser Art ist aber gewiß der vor einigen Jahren auf dem Londoner Hauptpostamte vorgekommene Fall, daß zwei Buchpakete – und zwar nicht eingeschriebene – aufgegeben wurden, deren jedes eine wertvolle goldene Uhr enthielt und die noch dazu für Australien bestimmt waren! Die Blätter der Bücher waren von innen so ausgeschnitten, daß die Uhren gerade Platz hatten. Ein solches Faktum spricht Bände für die Verurteilung des Geizes, der Torheit und der Unverantwortlichkeit, mit denen unverständige Leute sich wegen einiger Pfennige großen Verlusten aussetzen, ein so außerordentlich wohltätiges Institut wie die Post mißbrauchen und die braven Angestellten in die Gefahr bringen, durch die so schwere Versuchung unglücklich zu werden.

Die Zerstreutheit des Publikums, die sich im Aufgeben ungeschlossen gelassener Briefe kundgibt, ist groß. Es ist unglaublich, aber wahr, daß in London allein jährlich rund 100 000 Briefe aus Vergessenheit offen gelassen werden, die erst von Amts wegen geschlossen werden müssen. Noch unglaublicher aber klingt es, daß solche Briefe zuweilen Geld, ja sehr hohe Summen, enthalten. Im Jahre 1874 fanden sich in Londoner Briefsammelkästen zwei offene Briefe, deren einer 700, der andere sogar 2000 Pfund Sterling in Banknoten enthielt.

Erfahren somit zahlreiche Sendungen schon vor der eigentlichen postalischen Behandlung die Ungunst des Schicksals, so ist dies in noch höherem Maße während derselben der Fall. Die Haupthindernisse der ordnungsgemäßen Beförderung ergeben sich aus der Adressierung der Sendungen. Die Zahl der ohne jede Adresse aufgegebenen Briefe und Postkarten beträgt im Jahresdurchschnitte in Deutschland weit über 30 000, in England weit über 20 000. Einem Berichte des britischen Generalpostmeisters entnehmen wir die merkwürdige Tatsache, daß man in einem adresselosen Kuvert das Sümmchen von 2000 Pfund Sterling in Banknoten fand, ohne daß ein Brief beigelegen wäre, der über den Absender oder Adressaten hätte Aufschluß geben können. Die von den verschiedenen Postverwaltungen veröffentlichten statistischen Daten über die unbestellbaren Briefe lehren, daß deren Zahl eine erstaunlich große ist. Unvollständigkeit, Unrichtigkeit, Unleserlichkeit und Unverständlichkeit der Adresse sind in der Regel ebenso häufig und ebenso schlimm, wie gänzliche Adresselosigkeit. Weitaus den ersten Rang nehmen in dieser Beziehung die Vereinigten Staaten ein, was zum großen Teil von der Eintönigkeit herrührt, deren man sich daselbst bei der Benennung der Ortschaften befleißigt; weist doch das neueste Ortsverzeichnis der Union 18 Berlin, 23 Columbia, 16 Athen, 18 Palmyra, zahlreiche London, Paris, Wien, Homer, Humboldt usw. auf.

Alle nicht auf Grund des Umschlages bestellbaren Stücke kommen ins »Bureau für unbestellbare Sachen«, in England »Bureau für tote (oder blinde) Briefe« genannt. Das dem englischen Generalpostamt zu London unterstehende Institut dieser Art besteht aus fünfzig bis sechzig Beamten und Beamtinnen, die unbedingt zu den geduldigsten und scharfsinnigsten Menschen gehören, die es geben mag. Sie haben mit der Dummheit, mit der naivsten Vertrauensseligkeit, mit der größten Unwissenheit, mit der fabelhaftesten Sorglosigkeit und Nachlässigkeit einen ewigen Kampf zu kämpfen. Je ein Teil dieser klugen Armee hat seine Spezialität; die einen entziffern unleserliche Schriften, andere leserliche, aber unrichtig niedergeschriebene Adressen, die dritten vervollständigen halbe Adressen, die vierten bemühen sich, die Absender oder die Empfänger gar nicht adressierter Briefe – die natürlich vorher von Amts wegen geöffnet werden müssen – herauszuspekulieren usw. Aber alle streben danach, so viele Stücke wie möglich an den Mann zu bringen, und es gelingt auch in der Tat, den größten Teil der dieser Anstalt zugewiesenen Sachen schließlich denn doch zu bestellen. Nichts kann interessanter sein, als ein Stündchen am Pulte eines solchen Beamten den Zuschauer zu machen und zu beobachten, welche »höheren« Kombinationen er oft aneinanderreihen muß, bis er – nachdem er all die Hunderte von neuen und älteren Adreßbüchern, die ihm zu Gebote stehen, erfolglos zu Rate gezogen – an sein Ziel gelangt, das heißt die richtige Willensmeinung ungeübter Briefschreiber errät.

Den Adressaten einer in Glauchau unter der Adresse: »Signore Vornässezubewahren« eingetroffenen Sendung ermittelte man, indem man bei denjenigen Fabrikanten Umfrage hielt, die diese Bezeichnung auf ihren eigenen Sendungen anwenden. In Magdeburg lief im Sommer 1879 ein Brief mit der hebräischen Adresse ein: » Menuche meschugge behäme bechawrusse«; selbst dieser Brief wurde bestellt. Die Postverwaltung zog nämlich einen Juden über die Bedeutung jener Worte zu Rate und erhielt die Auskunft: Ruh, toll, Vieh und Freundschaft; man kombinierte, der Brief müsse für die Firma »Rudolphi u. Co.« bestimmt sein, und so war es auch. Der Brief war nur behufs Erprobung des Scharfsinnes der Postbeamten so seltsam adressiert worden. Ein anscheinend vollkommen aussichtsloser Brief, der nur »An meinen Sohn in London« adressiert war, wurde noch an demselben Tage dadurch untergebracht, daß ein erzdummer kleiner Junge mit der Frage erschien: »Ist kein Brief von meinem Vater angekommen?« Der schlagfertige Beamte lieferte belustigt jenes Schreiben aus.

Trotz aller Übung und Erfahrung ist bei einer großen Anzahl von Stücken jede Mühe und die größte Geschicklichkeit ganz nutzlos. Dies war zum Beispiel der Fall mit einer an »Onkel Jean in Paris, gegenüber der Kirche« adressierten Karte. Solche Sachen muß man öffnen, um aus dem Inhalte womöglich über Sender oder Adressat Auskunft zu erhalten. Dasselbe geschieht mit den von auswärts zurückgekommenen Briefen, die zwar deutliche und richtige Adressen tragen mögen, aber wegen Todes oder unangemeldeter Übersiedelung unbestellbar sind. Hunderte von Millionen Mark in barem Gelde, Wechseln und Wertpapieren werden jährlich in allen Ländern in ohne jede Vorsicht aufgegebenen Briefen gefunden. Die Zahl der von Amts wegen geöffneten Briefe mit Wertinhalt beträgt in England allein jährlich im Durchschnitte 40 000.

Vor einigen Jahrzehnten wurde in Berlin eine geschlachtete Gans zur Post gegeben. Ungenügend adressiert, konnte die Sendung nicht abgeliefert werden. Da seltsamerweise auch der Aufgeber nicht zu ermitteln war, mußte die Gans nach kurzer Zeit behufs Hereinbringung des Portos versteigert werden. Der Auktionsbeamte ergriff sie am Halse, um sie zu zeigen, nachdem er vorher die Flügel aufgebunden. Als er sie in der Hand herumdrehte, entdeckte er unter dem linken Flügel ein kleines Papierpaket. Er öffnete dasselbe und fand nicht weniger als 3500 Mark in Banknoten! Es gelang nicht, die Person zu entdecken, welche eine tote Gans mit dem Transport einer so großen Summe betraut hatte, ohne die richtige Ankunft durch die einfachste Vorsicht – die Angabe einer genauen Adresse – sicherzustellen.

Daß manche zur Post gegebene Sendung ihren Bestimmungsort nicht erreicht, weil Postbeamte sie unterschlagen, ist bekannt; doch läßt sich die Zahl der Postdiebe erfreulicherweise als eine verhältnismäßig geringe bezeichnen. In Europa kommen auch Raubanfälle von Wegelagerern auf Postwagen selten vor, häufiger schon in Syrien, Mexiko und China. Doch sind die chinesischen Räuber vernünftig genug, mit sich »handeln« zu lassen. Die Besitzer der Privatpostämter zahlen dem Chefgeneral der Räuber Chinas alljährlich ein vereinbartes Pauschale; dafür genießt die Post Immunität vor jeder Plünderung. Man würde dieses ebenso romantische wie praktische Übereinkommen kaum für möglich halten, hätte man nicht gesehen, daß derselbe Modus sich auch in Europa, und zwar in Griechenland bis zur radikalen Ausrottung des Klephtentums vor wenigen Jahrzehnten, in Ungarn bis zur Ära des Räubervertilgers Grafen Raday, in Italien vielleicht noch bis vor kürzerer Zeit, als recht probat bewährt hat.

Das größte Hindernis für den regelmäßigen Betrieb aller Verkehrsanstalten bildet der Krieg, der auch einen nicht unbedeutenden Teil der Hilfsmittel und des Personals der Post für sich in Anspruch nimmt. Doch haben sich die Postverwaltungen während der vielen und großen Kriege des letzten Halbjahrhunderts erfolgreich bemüht, das Publikum die dadurch hervorgerufenen Beeinträchtigungen möglichst wenig fühlen zu lassen. Überhaupt ist das moderne Postwesen in den meisten zivilisierten Ländern so hoch entwickelt und die Verwaltungen sind fortwährend von so regem Reformeifer beseelt, daß sämtliche Verkehrshindernisse zusammengenommen – mit Ausnahme jenes völlig neuartigen Hemmnisses, das wir 1905 in Gestalt des »Generalstreiks« der russischen Postbeamten so außerordentlich unangenehm in die Erscheinung treten sahen – nicht imstande sind, den Postbetrieb empfindlich oder merklich zu stören. Der Bestand des Weltpostvereins zieht auch in den einzelnen Staaten allmählich bessere Postzustände nach sich.


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