Hugo von Hofmannsthal
Der Unbestechliche
Hugo von Hofmannsthal

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III. Akt

1. Szene

Dekoration wie im I. und II. Akt.

Marie sitzt in der Laube und verbirgt, da sie Schritte hört, ein Blatt Papier, worauf sie mit einer Füllfeder geschrieben hat, in einem Buch. Dann steht sie auf und verschwindet nach rechts.
Anna kommt mit dem kleinen Jaromir die Treppe herunter.

Der kleine Jaromir Mami, wann wirst du mich in den Zirkus mitnehmen?

Anna gibt keine Antwort.

Der kleine Jaromir Wer hat dem Elefanten alles angeschafft, was er tun muß? Sein Wärter? Sag Mami, darf der ihm alles anschaffen? Warum, weil er ihn dressiert hat?

Anna nickt zerstreut vor sich bin.

Der kleine Jaromir Gelt, Mami.

Anna Ja.

Der kleine Jaromir Und dir darf der Papi alles anschaffen? Hat er dich auch dressiert?

Anna rüttelt sich auf Geh sei still, Bubi!

Der kleine Jaromir Mami, da sitzt die Marie und liest!

Anna Komm, Bubi!

Der kleine Jaromir im Abgehen Mami, wann wirst du mich in den Zirkus mitnehmen und auf dem Elefanten reiten lassen? Sind nach links abgegangen.

2. Szene

Marie kommt wieder, setzt sich auf ihren früheren Platz. Sie nimmt das Blatt Papier wieder hervor und will weiterschreiben, läßts wieder sein. Sie sieht nach ihrer Armbanduhr, sieht auf, vom Warten gequält, späht nach oben ins Haus Jetzt werd ich bis zwanzig zählen – und dann wird er bei mir sein. Sie schließt die Augen – eine Pause – schlägt die Augen wieder auf, ringt die Hände, flüstert vor sich hin Ich hätte nicht hierherkommen dürfen, ich hätte nicht hierherkommen dürfen!

3. Szene

Theodor kommt lautlos die Treppe herab und geht leise und schnell vor sich hin.

Marie erschrickt Sie, Franz? Faßt sich Haben Sie etwas für mich?

Theodor Habe ich Sie erschreckt? Oh, da bitte ich Euer Gnaden um Verzeihung.

Marie Ich habe geglaubt, ein Brief, eine Nachricht für mich! Ich weiß nicht, ich hin erschrocken.

Theodor Das kann ich begreifen, Sie haben durch seine Briefe sehr viel ausgestanden, und ich war der Überbringer! Schon mein Gesicht muß Ihnen unangenehm sein.

Marie ängstlich Franz, haben Sie einen Auftrag an mich –?

Theodor Meinen vielleicht wieder einen solchen wie am 17. April vor fünf Jahren wo Sie in meine Arme hineingefallen sind bereits wie eine Tote? Nach einer Pause Nein. Aber – ich erlaube mir zu bemerken: Euer Gnaden hätten nicht hierherkommen sollen.

Marie vor sich Da liegt der Brief, in dem ich es ausspreche.

Theodor Sie müssen dem Herrn Vater Aufregungen ersparen. Ich habe ihn in der Stadt gehen sehen, so vor ein paar Wochen. – Ich verstehe mich auf Gesichter. – –

Marie nickt.

Theodor Soll das Spiel vielleicht von neuem angehen, nach einer bereits fünfjährigen Pause? – – Der Anfang war doch bereits genau so. Ich erlaube mir zu erinnern: er hat Sie wollen einem anderen abjagen, der sehr große Liebe für Sie gehabt hat! Sie sind in ahnungsvoller Angst vor ihm geflüchtet! Leise aber sehr entschieden Ich habe Ihre Spur gefunden und ihm Nase darauf geführt und er mit seiner Zungenfertigkeit ohne Herz und ohne Seele hat Sie beredet und erstes folgenschweres Wiedersehen durchgesetzt!

Marie seufzt.

Theodor Damals war es nicht möglich – – aber heute ist es möglich, Ihnen einen Rettungsanker zu überreichen. – – Sie sind mit einem schlechten Gewissen gekommen. Mit einer Unwahrheit gegen Ihren Herrn Vater!

Marie Franz, was erlauben Sie sich denn!

Theodor zieht schnell einen Brief aus der Tasche, aus einer anderen eine kleine silberne Platte und übergibt ihr den Brief am Ende des folgenden Satzes Ich entnehme das, indem der Herr Vater seinen täglich pünktlich besorgten Brief auf einem Umweg schickt! Haben ihm Adresse angegeben wo bis gestern waren, dieser Ausflug hierher ist ihm unbekannt geblieben!

Marie ist aufgestanden.

Theodor Oh – – also der Vater sitzt jetzt zu Hause – und sein kränkliches Herz, das weiß ich doch, ist angefüllt mit Sorge um sein einziges Kind. Da denkt er sich jetzt die freundliche Zukunft von seiner verräterischen Tochter aus, als Gemahlin eines rechtschaffenen Menschen, wenn er einmal nicht mehr da sein wird. Ist das vielleicht eine Kleinigkeit, ein Vater, der dort sitzt an einem Fensterplatz, wo er vielleicht nicht mehr lange sitzen wird – – und hinausschaut durchs Vorgartl auf die Straße – – ob vielleicht eine gewisse Fräulein schon bald nachhause kommt, die sein Alles ist? Aber diese Dame ist auf Abwegen befindlich und Vater schaut sich umsonst die Augen aus –

Marie steckt den Brief zu sich, rafft ihre Sachen zusammen.

Theodor Ja, ja wirklich! Sie müssen fortgehen! Aber nicht nur von dieser Terrasse, den ganzen Aufenthalt müssen Sie abbrechen – – augenblicklich!

Marie Ja. Ich habe ohnehin fortwollen. Ich werde alles – – – schreiben.

Theodor Ah, Briefel, damit er wieder Briefel schreibt! O nein! Ohne Briefel! Sie sind doch keine Madame Melanie! Er kann ja nicht leben, scheint es, wenn er nicht zwischen Ihnen beiden abwechselt. Dieses doppelte Gespiel hat ja einen ausprobierten Reiz für ihn.

Marie mit der letzten Kraft Das ist eine boshafte Lüge! Ein Zufall, an dem ich schuld bin! Daß diese Dame und ich gleichzeitig hier sind!

Theodor lächelnd Oh, Sie sind ein guter, auf sich nehmender Engel. Leiser Er ist doch Ihr Feind! Hat er Sie nicht an Gott und der Welt verzweifeln gemacht? Sagen Sie es!

Marie Woher wissen Sie diese Dinge?

Theodor Das wird schwer zu wissen sein! Er wird jetzt kommen. Treten Sie vor ihn hin und machen Sie sich frei von ihm auf ewig. Sagen Sie ihm, daß Sie abgerufen sind, Ihr Herr Vater ist weniger wohl, werden Sie sagen! Es ist telefoniert worden, werden Sie sagen, und ich habe soeben Ihnen diese Nachricht gemeldet!

Marie Was wird er sagen, wenn ich plötzlich wieder abreise?

Theodor Was immer er sagen wird, es wird keine Wahrheit sein!

Marie Ich kann ihm nicht wehtun!

Theodor leise aber eindringlich Aber dem Vater, ja! Er geht über die Stufen auf die Terrasse, kurz Also demgemäß Abreise neun Uhr fünfzehn und einpacken! Er verneigt sich, geht schnell ab.

4. Szene

Jaromir tritt auf, einen Fliederzweig in der Hand.

Marie schnell, allem was er sagen könnte zuvorkommend Ich muß fort! Heute noch! Etwas unsicherer im Ton, hastig Mein Vater ist weniger wohl.

Jaromir Sie haben eine Nachricht? Wann? Durch wen?

Marie mühsam Ihr Diener Franz! Es ist telefoniert worden.

Jaromir Marie?

Marie hat ihre Sachen im Arm Ich will fort! Ich muß fort!

Jaromir Marie!

Marie Nicht heftig sein, Jaromir! Nicht mir verderben diesen einen schönen letzten Tag! – Ich war hier. Ich habe diese Luft geatmet, Ihre Kinder gesehen. Ich habe in Ihrem Hause gewohnt, bin in Ihrem Garten gesessen!

Jaromir näher Marie! Du hast mich noch lieb. Sonst wärest Du nicht gekommen! Du kannst nicht aufhören, zu mir zu gehören!

Marie ohne ihn anzusehen Ich will fort! Ich muß fort!

Jaromir Oh! Du bist eifersüchtig!

Marie schüttelt mit schmerzlichem Lächeln den Kopf.

Jaromir Auf die Melanie? – Dir zu lieb hab ich sie eingeladen, Dir zu lieb! – Ich weiß, in Dir sitzt diese Angst, daß Du mich belasten könntest! Du willst meinen Tag nicht ganz! – Für dich habe ich das alles so eingeteilt und jetzt willst du mich im Stich lassen!

Marie Ich habe es vor meinem Vater verheimlicht, vor allen Menschen gelogen! Ich muß fort! Sie tritt eine Stufe höher.

Jaromir Bist du eine Egoistin geworden? Du, Marie? Du weißt doch bis zu welchem Grade, Marie, ich mich einfach selbst verlier, wenn mich nur der Verdacht anweht, daß das Leben – der unbeschreibliche, unbegreifliche Fonds der Existenz selbst – daß das mir versagen könnte! Begreifst du denn nicht, daß du mich nicht im Stich lassen darfst?

Marie auf der obersten Stufe Was Sie brauchen wird Ihre Frau Ihnen geben – – Ihre Kinder... Aber ich muß fort.

Jaromir Das sind Ausflüchte! Sprechen wir nicht von mir, sprechen wir endlich von dir. Was war denn der Inhalt deiner Existenz?

Marie schon weggewandt Ja, ja, aber ich muß fort!

Jaromir Du bist auf meine Frau eifersüchtig! Ist es möglich?

Marie Ich segne Ihre Ehe. Ich segne alles, was Sie umgibt – wenn Sie mich nicht hindern fortzugehen. Mögen Ihre Kinder lieben und geliebt werden!

Jaromir der fühlt, daß er sie verloren geben muß Marie!

Marie Geben Sie Ihrer Frau alles, was Sie zu geben vermögen. Mir nichts mehr. Kein Wort! Keinen Brief!

Jaromir Marie, mit was für Augen schaust du denn auf mich!

Marie schon im Verschwinden Adieu! für immer, Adieu!

5. Szene

Theodor erscheint wieder, kommt über die Treppe.

Jaromir ratlos Das Fräulein Marie will plötzlich abreisen. Sie ist ganz verstört durch eine Nachricht!

Theodor Sehr wohl! Ich habe schon demgemäß im Stall angeordnet. Er sieht sich um, ob die Marie wirklich fort ist Ich habe befohlen, Blumen in den Wagen zu legen, ein großes Bukett dunkelroter Rosen, so wie in früheren Zeiten – sieht sich um ah, da hat sie ihre kleine Tasche vergessen! Geht hin.

Jaromir spricht für sich Man bildet sich ein von einer zu wissen, daß sie auch in der letzten Faser ihres Herzens keine Egoistin ist und einen nicht jeder Regung ihrer Laune, oder ihrer schlechten Nerven aufopfert!

Theodor rechts, indem er das Täschchen hält, für sich In seiner ganzen Verlassenheit und Schwäche hat so ein Mädchen doch so eine heldenmütige Stärke –

Jaromir ebenso und irgend ein zufälliger Anstoß kommt und belehrt uns eines Besseren!

Theodor ebenso Da müßte man doch, wenn man ein Herz im Leibe hätte, jeden Seufzer und jede Träne sammeln in einem Körbchen aus Birkenrinde!

Jaromir zu Theodor, in einem anderen Ton Den Wagen haben Sie bestellt? Ja, warum denn alles so überstürzt? Warum denn alles in der Mama ihrem militärischen Tempo? Franz! Vielleicht wird doch das Fräulein ihre Abreise noch verschieben.

Theodor fast, wie wenn er allein wäre Die bleibt nicht mehr hier! Die habe ich demgemäß direkt in Gang gebracht!

Jaromir Wie, was sagen Sie?

Theodor nimmt sich zusammen, kann aber seinen Triumph nicht ganz unterdrücken Ich habe demgemäß die Abreise anbefohlen, wollt ich sagen, direkt im Stall anbefohlen, weil keine Aussicht war, die gnädige Fräulein durch meine noch so inständigen Zureden zurückzuhalten... geht schnell ins Haus ab mit dem Täschchen.

Jaromir Darüber könnte man melancholisch werden! Ab.

6. Szene

Melanie erscheint auf der Terrasse. Sie geht über die Stufen rechts Franz!

Theodor erscheint.

Melanie Franz!

Theodor Sehr wohl!

Melanie Ich habe Sie hergerufen, weil Sie der einzige hier vom Personal sind, der mich kennt und den ich kenne!

Theodor Sehr wohl!

Melanie Ich fühle mich nicht ganz wohl, aber ich wünsche nicht, daß zu den Herrschaften darüber gesprochen wird!

Theodor Befehlen, daß in der Stille Abreise vorbereitet wird?

Melanie Das ist gewiß nicht notwendig! Es ist ein Zustand, der wechselt!

Theodor Befehlen, daß Doktor geholt wird?

Melanie Nein, ich möchte nur für alle Fälle meine Jungfer hier haben, verstehen Sie mich? Trachten Sie eine Verbindung mit Waidsee zu bekommen, ich werde selbst sprechen.

Theodor Verbindung kommt gewöhnlich, während Herrschaften bei Tisch sind; dürfte ich vielleicht um Auftrag bitten?

Melanie Sie soll herkommen! Mit dem Nachmittagszug oder per Auto, wie immer. Ich will, daß sie um elf Uhr abends spätestens hier ist!

Theodor Ich werde mit allem Nachdruck so ausrichten.

Melanie Ich danke Ihnen. Da ist eine Kleinigkeit für Ihre Mühe.

Sie reicht ihm eine zusammengefaltete Banknote, die sie aus einem Seitenfach der Mappe zieht.
Theodor nimmt das Geld indem er sich verneigt und macht Miene abzutreten.

Melanie Noch etwas!

Theodor Befehlen?

Melanie Es könnte sein, daß mir gegen Abend besser ist! Dann kann die Jungfer irgendwo im Hause untergebracht werden. Aber es könnte sehr leicht sein, daß mir ängstlich ist, verstehen Sie mich?

Theodor In diesem Falle müßte man im Toilettenzimmer neben Euer Gnaden eine Ottomane aufstellen.

Melanie Sehr gut! Aber ich möchte nicht, daß im Hause davon herumgeredet wird. Es ist ja für alle anderen uninteressant.

Theodor Ich werde alles persönlich in der Stille besorgen!

Melanie nickt ihm zu und geht über die Terrasse ins Haus.

Theodor O, nein, meine liebe Melanie, die Jungfer wird nicht herkommen, sondern du wirst abreisen, heute abend! So eine wie du, die werde ich doch noch mürbe kriegen! Du bist doch eine Gewöhnlichkeit! Dich schmeiß ich doch um mit dem ersten Anblasen! Er fährt nach seiner Westentasche Ah, da habe ich ja Fieberthermometer bei der Hand, da kann ich deine Temperatur ablesen. Er hält die Banknote in der noch geschlossenen Hand empor, als wollte er zwischen den Fingern hineinblinzeln Kenn ich dich vielleicht nicht? Für gewöhnlich bist du eine gewöhnliche Personnage, aber wenn du eine Angst kriegst, dann schmeißt du um mit dem Geld, damit du dich herausziehst. Da werden wir sehen. Ist es nur eine Zwanzigernote, da müssen wir dich noch eine Weile hupfen lassen, da müssen deine Nerven noch ein paar Überraschungen erleben! Ist es ein Fünfziger, so ists Spiel schon halb gewonnen! Er öffnet ein wenig die Hand und blickt hinein Was, ein Hunderter! Oh, du heiliger Stanislaus! – Du fährst heute ab, um neun Uhr fünfzehn! Über dich komm ich ja wie ein Wirbelwind! Tanzt ab.

Vorhang


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