Hugo von Hofmannsthal
Die Frau ohne Schatten
Hugo von Hofmannsthal

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Des Färbers Wohnung. Es dämmert in dem Raum, wird allmählich dunkler und dunkler.

Barak sitzt an der Erde
Es dunkelt, daß ich nicht sehe zur Arbeit
mitten am Tage.

Die drei Brüder kommen zur Tür herein mit gesenkten Köpfen.
Auch draußen ist es dunkel.

Die Brüder
Es ist etwas, und wir wissen nicht, was es ist,
o mein Bruder!
Die Sonne geht aus mitten am Tage,
und der Fluß bleibt stehen und will nicht mehr fließen,
o mein Bruder!
Es widerfährt uns, und wir wissen nicht, was uns widerfährt!
Sie brechen in eine langgezogenes Geheul aus.

Die Amme mit der Kaiserin seitwärts
Es sind Übermächte im Spiel,
o meine Herrin,
und ein Etwas bedroht uns,
aber wir werden
anrufen
gewaltige Namen,
und dir wird werden,
worauf du deinen Sinn gesetzt hast!

Die Kaiserin vor sich
Wehe, womit ist die Welt der Söhne Adams erfüllt!
Und wehe, daß ich herein kam, ihren Gram zu vermehren
und ihre Freude zu verzehren!
Gepriesen sei,
der mich diesen Mann finden ließ unter den Männern,
denn er zeigt mir, was ein Mensch ist,
und um seinetwillen will ich bleiben unter den Menschen
und atmen ihren Atem und tragen ihre Beschwerden!

Barak vor sich
Meine Hände sind, als ob sie gebunden wären,
und mein herz, als läge ein Stein darauf,
und auf meiner Seele ein Stück der ewigen Nacht.
Gepriesen, der die Finsternis nicht kennt
und dessen Auge niemals zerfällt,
Einer unter allen!

Die Frau vor sich, an der Erde seitwärts
Wie ertrag ich dies Haus
und mache kein Ende –
wo es finster ist mitten am Tage
und die Hunde heulen vor Furcht
und niemand weist sie hinaus!

Eine Pause

Die Frau ist jäh aufgestanden; sie heftet einen bösen Blick auf Barak, dann geht sie auf und nieder, ohne ihn anzusehen
Es gibt derer, die bleiben immer gelassen,
und geschähe, was will, es wird keiner jemals
ihr Gesicht verändert sehen.
Tagaus, tagein
gehen sie wie das Vieh
von Lager zu Fraß,
von Fraß zu Lager
und wissen nicht, was geschehen ist,
und nicht, wie es gemeint war.

Ein greller Blitz, die Brüder heulen auf. Die Frau stampft zornig auf.

Die Frau fährt fort
Darüber müssen sie verachtet werden
und verlacht
wer zu ihnen gehört
und ist in die Hand eines solchen gegeben.
Aber ich bin nicht in deiner Hand,
hörst du mich, Barak?
Und wenn du ausgegangen warst
und trugest dir selbst die Ware zu Markt,
so habe ich meinen Freund empfangen,
einen Fremdling unter den Fremdlingen,
und wenn ich dich weckte aus deinem Schlaf,
so kam ich aus seiner Umarmung!

Blitz, die Brüder heulen auf.

Die Frau fährt fort
Hörst du mich, Barak?
Schweige doch diese,
damit du mich verstehen kannst!
Ich will nicht, daß du ein Gelächter sein müßtest
unter den Deinen,
sondern du sollst wissen!
Dies alles tat ich hier im Hause
drei Tage lang:
aber die Freude war mir vergällt,
denn ich mußte an dich denken,
wo ich dich hätte vergessen wollen,
und dein Gesicht kam hin,
wo es nichts zu suchen hatte!
Aber es ist mir zugekommen,
wie ich dir entgehe
und dich ausreiße aus mir,
und jetzt weiß ich den Weg!

Barak steht jäh auf; die Brüder taumeln zur Seite.

Die Frau ohne Furcht
Abtu ich von meinem Leibe die Kinder,
die nicht gebornen,
und mein Schoß wird dir nicht fruchtbar
und keinem andern,
sondern ich habe mich gegeben den Winden
und der Nachtluft
und bin hier daheim und woanders,
und des zum Zeichen
habe ich meinen Schatten verhandelt:
und es sind die Käufer willig,
und der Kaufpreis ist herrlich
und ohnegleichen!

Barak in höchster Erregung
Das Weib ist irre,
zündet ein Feuer an,
damit ihr Gesicht sehe!

Das Feuer flammt auf.

Die Brüder
Sie wirft keinen Schatten.
Es ist, wie sie redet!
Sie hat ihn verkauft
und abgehalten
die Ungeborenen
von ihrem Leibe!
Der Schatten ist abgefallen von ihr,
und sie ist ohne,
die Verfluchte!

Die Amme zur Kaiserin
Auf und hin,
nimm den Schatten.
Reiß ihn an dich!
Sie hat es gesprochen
mit wissendem Mund,
so ist es getan!
Und nicht der Sterne Gericht
macht diesen Handel zunicht!

Barak furchtbar losbrechend
Hat sie solch eine Hurenstirn
und sieht lieblich darein
und schämt sich nicht?
Heran, ihr Brüder, einen Sack herbei
und hinein von den Steinen,
daß ich dies Weib
ertränke im Fluß
mit meinen Händen!
Will auf die Frau los.

Die Brüder hängen sich an Barak
Kein Blut auf diene Hände, mein Bruder!
Auf und jage sie aus dem Hause,
einer Hündin Geschick über sie
in Gosse und Graben!

Barak will auf die Frau los; zugleich
Mein Aug ist verdunkelt,
helft mir, ihr Brüder!
Herbei einen Sack
und Steine hinein,
daß ich sie ertränke
mit meinen Händen!

Die Brüder hängen sich an Barak
Kein Blut auf deine Hände, mein Bruder!
Halte dich rein, o unser Vater!

Barak zugleich
Helft ihr mir nicht,
tret ich euch nieder!
Ich hab es verhängt
in meiner Seele
und will es vollziehen
mit meinen Händen!
Wie er, gleichsam zum Schwure, die Rechte nach oben reckt, stürzt ihm aus der Luft ein blitzendes Schwert in die Hand.
Die Brüder haben kaum die Kraft, ihn zu halten.

Die Amme rückwärts mit der Kaiserin, ihr Auge unverwandt mit dämonischer Lust auf den Vorgang geheftet; zugleich mit Barak und den Brüdern
Wer schreit nach Blut
und hat kein Schwert,
dem wird von uns die Hand bewehrt!
Und fließt nur schnell
das dunkle Blut,
wir haben den Schatten, und uns ist gut!

Die Kaiserin reißt sich von ihr los, wendet den Blick nach oben für sich, aber zugleich mit den andern
Ich will nicht den Schatten:
auf ihm ist Blut,
ich faß ihn nicht an.
Meine Hände reck ich
in die Luft,
rein zu bleiben
von Menschenblut!
Sternennamen
ruf ich an
gegen mich,
diese zu retten,
geschehe was will!

Die Frau ist in sprachlosem Schreck über die Wirkung ihrer frevelhaften Rede nach links hinüber geflüchtet; allmählich geht in ihr eine ungeheure Veränderung vor; leichenblaß, aber verklärt, mit einem Ausdruck, wie sie ihn nie zuvor gehabt hat, trägt sie sich Barak und dem tödlichen Schwertstreich entgegen; zugleich, stellenweise dominierend
Barak, ich hab es
nicht getan!
Noch nicht getan!
Höre mich, Barak!
Verräter ward
mein Mund an mir,
zuvor die Seele
die Tat getan!
Muß ich sterben
vor deinem Angesicht,
muß ich sterben
um was nicht geschah,
o du, den zuvor
ich niemals sah,
mächtiger Barak,
strenger Richter,
hoher Gatte –
Barak, so töte mich,
schnell!

Barak hebt das Schwert, das in seinen Händen funkelt und von dem Blitze ausgehen, die den dunklen Raum – denn das Feuer ist zusammengesunken – zuckend erleuchten.

Die Brüder hängen sich mit letzter Kraft an ihn; zugleich
Sie werden dich behängen mit Ketten
und dich schlagen
mit der Schärfe des Schwertes,
erbarme dich unser, o unser Vater!

Indem Barak zum Streich ausholt, erlischt das funkelnde Schwert plötzlich und scheint ihm aus der Hand gewunden – ein dumpfes Dröhnen macht das Gewölbe erzittern, die Erde öffnet sich, und durch die geborstene Seitenmauer tritt der Fluß herein. Indes die Brüder, ihr Leben zu retten, zur Tür hinausflüchten, sieht man Barak und die willenlos vor ihm liegende Frau, aber jedes für sich, versinken. Die Amme hat die Kaiserin mit sich auf einen erhöhten Platz an der Mauer des Gewölbes emporgerissen und deckt sie mit ihrem Mantel. Man hört aus dem Dunkel, das alles verhüllt, ihre Stimme.

Die Amme
Übermächte sind im Spiel!
Her zu mir!

Der Vorhang fällt schnell.


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