Autorenseite

 << zurück weiter >> 

III. Der närrische Kauz

Eine Schwarzwälder Musikantengeschichte

Einem guten Kerl und schnurrigen Musikanten will ich in diesen Blättern ein Denkmal setzen. Dem prächtig groben, ewig begeisterten – und ewig durstigen Wilibald Fähndrich.

Er ist kein Berühmter dieser Erde geworden. Aber vor mir taucht wie aus einer Versenkung so viel Poetisches und Ulkiges, Sonniges und Tragikomisches auf, wenn mir bei der Erinnerung an meine erste dramatische Jugendsünde, meine längst verklungene Schwarzwälder Märchenkomödie »Mummelgeister«, der Name Fähndrich wieder einfällt.

Wilibald Fähndrich war der Sohn eines ehrsamen Stadtpfeifers, der das damals noch zünftige Musikantenhandwerk als flöteblasender Orchestergeselle in Freudenstadt im Schwarzwald angefangen hatte, um es durch eisernen Fleiß – und die Verheiratung mit der Tochter seines Prinzipals – schließlich zum Leiter der Stadtkapelle von Oppenau zu bringen. Den letzten Rest seiner Tage verlebte Fähndrich senior in einem kleinen Schwarzwalddorf bei Höhenschwand, wo er die materiellen Errungenschaften seines langen Künstler-Erdenwallens in einem Kleinbauernhaus mit Garten, einer Kuh und zwei Ziegen angelegt hatte.

Wilibald Fähndrich, der einzige Erbe des Kleinbauernhofs, der Kuh, der Ziegen und des musikalischen Talents seiner Eltern, spielte im Alter von sechs Jahren bereits in Vaters Tanzkapelle die erste Geige am zweiten Pulte mit. Fähndrich senior hatte in seinem Sprößling die Liebe zu den Klassikern und nacheinander zu sämtlichen Streich- und Blasinstrumenten mittels großer Geduld und eines noch größeren Rohrstocks geweckt.

Von den Wissenschaften hielt er nicht viel. Mit Lesen, Schreiben, Rechnen, etwas Katechismus und reichlich Generalbaß konnte der Mensch doch auskommen. Schulzwang herrschte damals noch nicht. Der kleine Wilibald entwickelte sich aber, sobald ihm das Abc beigebracht war, aus eignem Antrieb zu einer unersättlichen Leseratte.

Als ich ihm auf jener Sommerwanderung vor zehn Jahren, die für mich ein Stückchen Schicksal bedeutete, kennen lernte, vertraute er mir an, daß es in Höhenschwand, Freudenstadt und Oppenau wohl kaum einen Schmöker mehr gebe, den er noch nicht gelesen, vielmehr verschlungen habe.

Ich hatte im Hotel auf der Paßhöhe droben keinen Platz mehr bekommen und schlenderte bei aufzuckendem Gewitter verdrießlich zu Tal. Da vernahm ich plötzlich von dem kleinen Bauernhause her Geigentöne – nein, es war Bratsche – ich blieb stehen und lauschte, lauschte immer erstaunter, immer atemloser. Es war eine mir unbekannte Romanze oder Ballade, etwas rhapsodisch, bizarr in den Harmonien, im Rhythmus; aber mit wunderbarem Bogenstrich, großzügig und mit Temperament gespielt.

Lange stand ich vor dem offenen Fenster. Endlich schwieg die Musik, und der Spieler kam, die Bratsche im Arm, näher.

»No, Sie mache ja so e verzwacktes Gesicht, Sie? Hat Ihne des Stickle net g'falle? 's isch no net ganz fertig, wisse Se. Gewwe Se emol Achtung. Grad hab' ich mir gedenkt, da müßt mer noch e paar Doppelgriffe nemme. Gelle Se? Warte Se emol ...«

Hemdsärmlig wie er war, setzte er sich aufs Fensterbrett und spielte das Stück noch einmal. Als die Doppelgriffe kamen, sah er mich fragend an – in wirklicher Verzückung und doch gleichzeitig pfiffig-schmunzelnd.

Er war ein großer, breitschultriger, stämmiger Mensch, zählte etwa dreißig Jahre, er hatte starkes braunes Haar, fast kupferfarbene Haut wie ein Bauer, oder wundervoll tiefe, in ihrer leuchtenden Helligkeit, ihrer seltsamen Lichtbläue frappierende Augen.

»Wisse Se,« fuhr er dann gemütlich fort, »die Doppelgriff, die hat mir früher der Mendelssohn und der Sae's oder wie des Luder heißt, so arg verleidt g'habt. Mer geniert sich doch heitzutag noch oinen hinzulege. Net? Immer Sexte und Terze und sonscht nix. Ich sag: Kontrapunkt her! Oin oinzigs Blättle Bach isch mir lieber als der ganze Mendelmeyer. So ebbes Woichliges, des kann ich ums Verrecke net ausstehe.« Er setzte die Bratsche an die Backe. »Kenne Se die Ciaconna vom Bach?«

»Ja. Ich hab' sie vom Joachim gehört.«

»Guck emol ahn. Ich ah. Ich hab e halbs Jahr lang bei em studiert, beim Joachim, des isch oiner, der kann was, der Joachim.«

Und nun spielte er die Ciaconna von Bach.

... Himmel, wer mochte das nur sein? Irgend ein Großer, ein ganz Großer, dem Geigerkönig Ebenbürtiger, war's auf alle Fälle. Aber wer – wer? So was Deutsches lag in seinem Spiel, so viel Kraft und Trotz – und dabei doch jener herbe Zauber von Romantik.

Die ersten schweren Regentropfen fielen. Da forderte er mich auf einzutreten – leutselig und urwüchsig, wie's seine ganze Art war.

Die Einrichtung war bäurisch. Aber viel Bücher und Noten und Instrumente sah ich, auch ein Pianino und ein Harmonium.

Ich stellte mich vor, sagte ihm, daß ich hier in der Gegend ein gemütliches, billiges Unterkommen suchte für ein paar Sommerwochen, um meine Doktorarbeit zu beginnen.

»Hawwe Se Biecher mit?« fragte er, sofort meinen Rucksack musternd.

»Im Koffer, ja. Der liegt noch in Oppenau.«

»Her damit, immer her damit. L'en S'en hole. Un wisse Se waas? Da hiwwe, der Herr Pfarrer, der hat noch e Kämmerle. Da gehn Sie her un sage, so un so, des un des, un der Herr Fähndrich schickt mich, en scheener Gruß vom Herr Fähndrich, sage Se, un Sie mechte mir des Kämmerle oinräume, wo Sie noch frei hawwe. – Was sin denn des for Biecher, wo Sie mithawwe?«

»Es soll eine Abhandlung über altprovenzalische Chansons werden, die Zeit der Troubadoure u. s. w. Dafür hab' ich mir aus der Universitätsbibliothek einen ganzen Haufen Quellenwerke kommen lassen.«

»Dunnerwetzche. Gut, gut, des kann so bleiwe. Des Zeigs kenn' ich g'wiß no net. Jetz – Sie g'falle mir. Erscht noch. Wisse Se, sonscht die Sommerfrischler, die's Unglück emol daher verschlagt, die schreie alsfort: numme koi Biecher net! Herrgott von Mannem, des isch schon e Band'. Wenn mer irgend ebbes Dumms spielt, nord gaffe se e Weil, und fangt mer was Ernschtes ahn, nord tappe se weiter. Letschthin fragt mich so e Lumpekrott gar, ob ich net 's Intermezzo aus der Ruschtikana spiele könnt. No, dere hab ich's gewwe. – Ha, also wisse Se waas? Jetz regent's so, no bleibe Se halt emol heit glei da un schlafe uf'm Kanapeh. Die Weibsleit müsse uns waas vom Wärtshaus 'rumhole. En Mordsdurscht hab' ich grab. Sie ah? Un nord setze mer uns zusamme un schwätze noch oins. Gelle Se? Erscht noch.«

*

O, wir schwatzten noch manches liebe Mal.

Solch ein Original – solch ein genialer Kerl – solch ein prächtiger, biderber Mensch!

Der Pfarrer hat mir natürlich Fähndrichs ganze Lebensgeschichte erzählen müssen. Er war oft böse auf den talentvollen Nachbar, der hier so gottessträflich sein Pfund vergrabe.

Fähndrich versah im Dorf die Organistenstelle und gab in den Nachbarorten ein paar Musikstunden, leitete auch den gemischten Chor in Freudenstadt. Sonst machte er bloß für sich Musik. Aber das so ziemlich vom ersten Hahnenschrei an bis in die sinkende Nacht.

Seine Einnahmen waren mithin nur klein. Aber er lebte auch denkbar bescheiden. Die Wirtschaft führte ihm die alte Bärbel, ein gemütlicher Hausdrache. Als junges Ding hatte sie eine Liebschaft mit dem Klarinettisten von des alten Fähndrichs Kapelle gehabt und war schließlich mit einer kleinen Bärbel sitzen geblieben. Seitdem gehörten beide Bärbels zum erblichen Hausrat der Fähndrichs. Auch die kleine. Die war ja zu niedlich, wenn sie so mit ihrem hübschen ovalen Gesichtchen, den dunkelbeschatteten freundlichen Augen und ihrem frischen, gesunden Lachen Sonne und Wärme und Behaglichkeit in die Stube hereinbrachte – trotzdem wunderte mich's, daß er's als freier, hochbegabter Künstler in diesem engen Zirkel aushielt, während einem Mann von seinem Talent doch die Welt offen stand.

»Ach, was haben wir schon alles angestellt,« sagte der Pfarrer zu mir, »um was aus ihm zu machen. Als sein Vater starb, haben wir gesammelt. Er sollte in die Welt gehn, eine Ausbildung erhalten, zweihundert Taler kamen zusammen. Als ich ihm das Geld brachte, stellte ich ihm vor, was er noch alles erreichen könne, wenn er wolle. Aber wissen Sie, was geschah? Er gab sofort die Stunden auf, die Stelle als Organist und spielte auch nicht mehr in Freudenstadt in den Konzerten.«

»Aber was tat er in der ganzen Zeit?«

»Er spielte für sich, komponierte, lebte so sparsam als möglich – das heißt einen guten Trunk verachtete er ja nie –, und wenn wir ihm Vorstellungen machten, ihm die Bude stürmten, dann nahm er die Geige oder die Bratsche, zog damit in den Wald hinein – und lachte uns aus.«

»Und das Leben führte er so lange, bis das Geld alle war?«

Der Pfarrer nickte. »Dann kam mal ein reicher Herr vom bayrischen Hof hier durch, zufällig, der hörte ihn spielen. Na, und dem gelang's auch wirklich, ihm den Dickschädel zurechtzusetzen. O, hat der geackert mit ihm. Bis er endlich mitkam. Nach München, aufs Konservatorium.«

»Und da hat er dann fleißig gearbeitet?«

»Wie ein Pferd. Ei, faul ist er ja durchaus nicht. Er sagt, da hätte er erst gemerkt, was er noch alles erreichen müsse. Drum ging er hernach auch noch nach Berlin zum Joachim. Aber vom Studium kam er sofort wieder zu seinen beiden Bärbels her. Na, und da lebt er nun nicht anders als zuvor. Einmal war der Münchener Herr wieder da. Nein, war der bös. Jeder Ehrgeiz fehle ihm, sagte er. Und darin hat er recht. Ich fragte ihn: warum er denn dann so fleißig in München und in Berlin studiert habe? – ›Um mir selbscht nix Falsches mehr vorz'spiele!‹ war seine Antwort. Und dabei guckt er einen so seelensvergnügt an ... Ja, ich denke manchmal bei mir: entweder ist er ein ganz hirnvernagelter Dummkopf – oder er ist ein großer Philosoph!«

*

Ein wunderlicher Heiliger war er auf alle Fälle, der wackere Wilibald.

Es war ein herrlicher Sommer. Wir wurden gut Freund: er war mein Führer in den dunkeln Schwarzwaldtälern und auf den lichten Höhen seiner Kunst.

Am Mummelsee lagerten wir uns einmal in einer stillen warmen Sommernacht. Der Wein, den wir in unsern Rucksäcken hergebracht hatten, kühlte im See. Er hatte die Bratsche mit und spielte.

Es zwang uns dann immer, immer wieder hin.

Tiefeingebettet im dunkeln, gewaltigen Tannenforst liegt der schwarze, stille, unergründliche See, wie leblos, nur belebt von den bunten oder schauerlichen Spukgestalten der Frau Sage.

Da entstanden aus Mondscheinromantik und Weinlaune, Jugendschwärmerei und Waldesgeflüster die »Mummelgeister«.

Fähndrich spielte – ich dichtete es. Oder ich faßte unsre Stimmungen in Verse – und er vertonte sie.

Ich wollte ihm ein Libretto verfassen. Aber er entsetzte sich vor dem Gedanken an eine Oper. So trieb mich's denn in jenen einzigschönen jugendfrohen Sommerwochen zum ersten Entwurf meiner »Märchenkomödie mit Musik« – und die gelehrte Abhandlung über die altprovenzalischen Chansons ist nie geschrieben worden. Zur Beschwichtigung meiner händeringenden Verwandten hatte ich wenigstens die Genugtuung, daß meine »Mummelgeister« an einem veritablen Hoftheater das Licht der Rampen erblicken sollten. Natürlich reiste ich zu den Proben. Fähndrich aber gab weder auf meine noch auf die dringliche Einladung des Kapellmeisters ein Lebenszeichen von sich. Da schrieb ich ihm endlich sacksiedegrob. Ungefähr so:

»Wenn Du alter Mistpeter auf Deinem elenden Bauerndorf Deine lausige Musik Dir alleine vorkratzen willst, gut, kratze so viel Du Lust hast: ob's gut oder falsch klingt, es hört ja außer dem armen Pfarrer kein leidlich vernünftiger Kulturmensch. Aber wenn Du einem da erst groß ein Notengeschreibsel mitgibst (das übrigens kein Hund lesen kann) und verlangst, daß sie's hier einer Masse entsetzten Volks vorkratzen sollen, so grenzt das an Tierquälerei. Komm sofort her und mach dem Unfug ein Ende. Tausend Grüße von Deinem aufrichtigen Freund u. s. w.«

Das wirkte.

Zur dritten Aufführung war er da.

*

Gleich seine Einführung war köstlich.

Von der Bahn aus hatte er sich durch einen bloßfüßigen Jungen nach dem Theater geleiten lassen. Seine Reisetasche – ein buntgesticktes Ungeheuer, ein kulturhistorisches Erbstück des alten Stadtpfeifers – hatte er nicht aus der Hand gegeben. Dazu sein altväterischer Gehrock, seine Rohrstiefel mit den zu kurzen Hosen, der schattenwerfende Hut, der Knotenstock, das wilde Gesicht, die ganze, mächtige Naturmenschenerscheinung: er erregte in der Residenz ziemliches Aufsehen.

Noch größeres aber im Theater.

Mit seiner Bärenstimme erklärte er laut und schallend gleich im Vestibül, er dulde nicht, daß man seine Musik verhunze: das Stück solle abgesetzt werden. Endlich hatten wir ihn im Konversationszimmer. Der Direktor kam, der Regisseur kam, der Dramaturg. Wir redeten alle auf ihn ein, stellten ihm vor, er müsse sich doch erst einmal selbst anhören, wie seine Musik gespielt werde. Daß ich nur eine List gebraucht hatte, um ihn von seinen beiden Bärbels wegzulotsen, das glaubte er einfach nicht.

Das Peinlichste war, daß auch der Kapellmeister an meine List nicht recht glaubte. Er schnitt mich und den Komponisten den Abend über vollkommen.

In der Direktionsloge, möglichst im Hintergrund, ward Fähndrich, der sich trotz meiner verzweifelten Bitte, trotz Hausgesetz und Logenschließer noch immer nicht von seiner Reisetasche getrennt hatte, untergebracht. Mich plazierte man daneben.

Zitternd und zagend harrte ich des Vorspiels.

Ich hatte es dem Kapellmeister ein paarmal gesagt, daß er's viel zu langsam nehme. Aber siehe da – heute war er so zornig über das verletzende Urteil des Komponisten, daß mit dem Augenblick, da er den Taktstock erhob, Temperament in die Sache kam.

Und mein Wilibald Fähndrich – war zufrieden.

»Woisch, er isch gar net so dumm wie er aussieht, eier Kapellmeischterle,« sagte er schmunzelnd, als dem Vorspiel lauter Beifall aus dem dichtgefüllten Saale folgte.

Und von Akt zu Akt stieg seine Zufriedenheit. Ja es kam allmählich etwas wie Jubel in ihm hoch.

»Fein, fein, des isch gut so. Erscht noch. Des kann so bleiwe.« – Bloß hie und da schnitt er eine Grimasse nach dem zweiten Fagott oder der Altposaune hin. »Esel der du bisch!« – knirschte er dann zwischen den Zähnen.

Aber gleich darauf folgte er wieder der Musik, sichtlich mit fortgerissen. Auch dem Spiel.

Bei ein paar humoristischen Szenen patschte er mir vergnügt aufs Bein.

»Du bischt e Sackermenter, hotzblitz noch emol!« rief er einmal so laut, daß alles hersah und ich mich tief zur Erde beugte.

Im Haus hatte sich's herumgesprochen, daß der Komponist gleichfalls anwesend sei. Zum Schlusse verlangte man uns beide zu sehen.

Aber Fähndrich hätte sich eher schlachten lassen, als daß er sich da auf die hellerleuchteten Bretter hinstellte und dem Publikum (»denne Krautköpf«, sagte er) seinen Knicks machte.

Hinterm Vorhang ward noch einmal Premierenrummel veranstaltet, man umringte uns und beglückwünschte Fähndrich wieder und wieder. Es kam auch zu einer Versöhnung mit dem Kapellmeister. Im Grunde interessierte ihn dieser talentvolle Grobian riesig.

Ein paar vergnügte Künstler, Musikanten und Theaterfexe kristallisierten sich hinzu, wir zogen – Fähndrich mit der Reisetasche in der Mitte – nach dem »Krokodil« und bewältigten dort unter sehr anregenden, stellenweise kunsttriefenden Debatten fabelhafte Mengen von wohltemperierten Flüssigkeiten.

Und so ward aus Abend und Morgen ein neuer Tag.

Nun stand es bombenfest: Wilibald Fähndrich war wieder einmal ›entdeckt‹ worden, und natürlich sollte er umgehend berühmt gemacht werden.

Komisch. Aus seiner Musik hatten die guten Residenzler-Leutchen bisher nur ein ansprechendes Talent herauserkannt; am Kneiptisch erkannten sie alle staunend sofort das Genie. Der Herr Hofmusikalienhändler, der einen kleinen Verlag besaß, sagte gönnerhaft, er sei nicht abgeneigt, den Druck der »Mummelgeister« zu übernehmen, wenigstens für ein Arrangement à quatre mains habe er Interesse, oder angereihte Perlen für Klavier und Violine.

»Oder für Kuhhorn und alte Nachttöpf!« fiel mein Wilibald ein. »Daß eich d' Krott petz! Weger mir – ihr könnt mir alle der Buckel lang rutsche!«

Diese mehr drastische als würdevolle Erhabenheit sicherte ihm die Sympathie in noch weiteren Kreisen. Und seltsam: auch das Interesse des Hofmusikalienhändlers wuchs.

Ins Theater brachte ich ihn nur schwer ein zweites Mal. Es war gerade Probe zur »Afrikanerin«. Leutselig stellte ihn der Kapellmeister den Orchestermitgliedern vor. Ob er das Vorspiel der »Mummelgeister«, die am Sonntag ihre vierte und damit wohl letzte Aufführung erlebten, selbst einmal dirigieren wolle, fragte er. Und Fähndrich erwiderte treuherzig: »A bewahr, Herr Kapellmeischter, Sie hawwe's ja so gut g'macht als Se's kenne.«

Nun lachte das ganze Orchester. Aber er mußte dann doch ans Pult treten und den Taktstock nehmen.

Und jetzt gab's eine denkwürdige Probe.

Immer wieder klopfte er ab, verbesserte, war von einer märchenhaften Grobheit, dabei schwitzte er, raufte sich die Haare, und schließlich warf er die Battuta hin und rief: »Aber so e Schweinerei wie bei denne Herre Holzbläser do hinne – do soll doch gleich 's heilig Herrgöttle 'neinfahre!«

Sie nahmen den ›groben Hinterwäldler‹, wie sie ihn unter sich bezeichneten, nicht ernst, drum ließen sie sich lachend das alles sagen.

Aber als er sich, erschöpft vom vielen Reden und Schimpfen, endlich selbst ans Fagottpult setzte und dem Mann seine Solostelle vorblies, gleich darauf dem Baß, dann dem Horn, dann der Bratsche und schließlich der Klarinette vorspielte, wie er sich diesen Gang, jene Phrasierung dachte – da schwand das mitleidig-überlegene Lächeln mehr und mehr, und bei der letzten Repetition gingen sie mit einem wahren Feuer mit, alle, die Streicher, das Holz und das Blech, und sogar die sonst so eigensinnige Pauke.

Jetzt hatte das Vorspiel wirklich ein andres Gesicht gewonnen.

Man brachte ihm, als er abtrat, einen Tusch. Und der Kapellmeister, als gewandter Theatermensch, der seine verletzte Eitelkeit zu kaschieren weiß, umarmte den Komponisten.

Es folgte eine Reihe festfroher Tage.

Fähndrich war aufgekratzter denn je. Endlich war in ihm etwas wie ein künstlerisches Gewissen erwacht. Wie bearbeiteten wir ihn aber auch, um ihn aus seiner kratzbürstigen Vereinsamung ins fröhlichschaffende Kunstleben herauszulocken!

Er hatte Kammermusik, er hatte Sinfonien, Ouvertüren komponiert, Violinsonaten, Orgelpräludien. Vieles, was er mir vorgespielt hatte, war freilich nur in der Skizze niedergeschrieben: die Ausführung hatte er fertig im Kopf. Ob er nicht schleunigst seine Noten herkommen lassen wolle, um im Verein mit ein paar jungen Künstlern, die bald gefunden wären, die Niederschrift zu besorgen?

Ja, ja, er sah es ein, gewiß. Aber es war ihm gräßlich, so in der Stadt leben zu sollen, womöglich wochenlang, monatelang. Und das kostete hier ein Heidengeld ...

Da rückte ich dem Herrn Hofmusikalienhändler auf die Bude. Auch der Kapellmeister beteiligte sich an der Konferenz, denn er fühlte sich als der hauptsächliche Entdecker. Und eine ganze Partei nahm sich alsbald des widerhaarigen Geniemenschen an. Kurz und gut, Wilibald Fähndrich sollte planmäßig »gegründet« werden.

Zunächst einmal mußte man das Quartett, von dem ich allen »Leuten vom Bau« vorgeschwärmt hatte, übrigens sein einziges fertig niedergeschriebenes Werk, aufführen. Die Kammermusiker sollten es am nächsten Empfangstag beim Herrn Generalintendanten spielen. Daß Fähndrich vom Grafen dazu eingeladen ward, dafür wollte man schon sorgen. Da konnte er dann gleich dem Prinzen Adalbert vorgestellt werden, der beim Intendanten nie fehlte, wenn dort Musik gemacht wurde. Ein Wort vom Prinzen aber beim König – und Fähndrichs Glück war gemacht.

»Er soll ihm aber ums Himmels willen keinen Orden geben,« sagte ich ängstlich, »sonst setzt's ein Unglück!«

Aber hernach: die Arbeit, bis ich den guten Wilibald so weit hatte, daß er an seine ›Weibsleut‹ schrieb, um die Noten kommen zu lassen!

Als es endlich geschehen, sagte er unbehaglich:

»Woisch, ich hab' ah koi Wasch mehnder im Reisesäckle. Un wenn mer ins Herr Königs soll, nord müßt mer doch wenigschtens e frisch's Krägle umbinde.«

Ei bewahr mich der Himmel, er sah allerdings schon äußerst betrüblich aus, unser verehrter Hinterwäldler. Und ein frischer Hemdenkragen genügte da allein noch nicht.

Ich schrieb also sofort an die beiden Bärbels, sie möchten das Beste von seinen Sachen zusammensuchen und es schleunigst herschicken: es gelte das Lebensglück unsers gemeinsamen Freundes.

Die Noten kamen an, und das Quartett gefiel dem Herrn Kapellmeister ungemein. Eine stürmische Auseinandersetzung gab's aber zwischen Fähndrich und mir, als der heimlich von mir bestellte Korb mit seinen Staatssachen eintraf.

Stein und Bein schwor er, daß ihn keine zehn Pferde in den Leibrock (es war noch der väterliche) hineinbrächten. Lieber verzichte er auf alles, alles, alles.

»Himmel, aber in dem alten Kittel, da kannst du dich doch vor dem Prinzen nicht zeigen!«

»Bleibsch mir schon mit dei'm Prinz vom Leib. Du bisch iwwerhaupt derjenigte, wo mir der ganze Aufenthalt verhunzt hat.«

»Ich –?!«

»Ja, du! Guck doch net so verschrocke! Verleimt hasch mich.«

»Verleimt?«

»Verläumd't sag' ich, sperr deine Ohre auf. Und d' Auge. Da hasch. Jetzt les, wenn d' lese kannsch.«

Mit zitternder Hand hatte er einen zerknitterten Briefbogen aus der Tasche geholt. Ich nahm das Schreiben und überflog es. Es stammte von der Bärbel. Von der jungen; denn die alte hatte ja nicht schreiben gelernt. Es lautete ungefähr:

»Lieber Herr Fähndrich, Jetzt Sind sie also fort in der Stadt bei die fremden Damen vom Tiater und die Mutter sagt da thäten sie gleich bleiwen und sich wohl gar verheuraten weil das sie Sich doch gleich den Leiprock und die neuchen Hempter und die Strümpfer und die Sacktüchel haben schicken lassen. Und der Herr wo im Sommer da war sagt es ja auch das daß nun ihnen ihr Lebensglück sein thät. Ach lieber Herr Fähndrich daß thut mir sehr leid. Ich ziege am Nächschten erschten ins Herr Lembkes in Badeweiler für Kinder und für Alles weil das ich Kinder mir schon lang wünschen thu. Wenns einmal ins Herr Fähndrichs Kinder geben thut dann bitte ich sie, Lieber Herr Fähndrich, daß sie Mich nicht ganz vergessen. Ich danke ihnen Vielmals für alles. Auch für meine Mutter, die grüßt sehr. Ich bin und bleibe ihre liebe

Bärbel.

Wenn Menschen auseinandergehn, dann sagen sie auf Wiedersehn!«

... Ich wollte hell auflachen über Bärbels herrliche Orthographie und ihren klassischen Stil, tat's aber nicht, denn mein erschrocken Auge gewahrte etwas Wundersames, höchst Wundersames.

Wilibald Fähndrich, der grobe Hinterwäldler, hatte ein ganz verboten rotes und baumwollenes Taschentuch gezogen, schneuzte sich ein paarmal hintereinander, in langgezogenen, melancholischen Klagetönen, er stand am Fenster, von mir abgewandt, und seine mächtigen Schultern zuckten krampfhaft und ganz absonderlich.

»Menschenskind – heiliger Fähndrich,« rief ich ihn an, »du weinst ja?!«

Ja, das tat er. Bei Gott, dieser große, dicke, widerborstige Urmensch weinte. Und stoßweis brachte er heraus:

»Ich weiß ja, daß es e Schand isch, wenn e Mannsbild flenne tut. Awwer ich kann doch nix dafier. 's packt ei'm halt. Ich hab so – so ... so 's Heimweh hab' ich!«

Er tat mir leid. Ich wollte auch wirklich nicht spotten. Ich nickte bloß und sagte: »Mhm. Nach der Bärbel. Schau, schau.«

Darauf erwiderte er eine Weile lang gar nichts. Dann warf er sich aber plötzlich wild und äußerst kriegerisch gestimmt herum und schrie mich an, während et sich die dicken Tränen aus den Augen wischte: »Jawoll, nach der Bärbel. Grad. Mit Fleiß. Glaubsch, die isch mir net dausendmal lieber, als wie deine ahngestrichene Theaterweiwer mit ihre dinne Röckle, die hunne und owe zu kurz sin? Die Bärbel hat e guts Herz for eim, woisch, und des hawwe deine affige Stadtmädcher no lang net. So isch.«

Es war mit ihm nichts zu machen.

»Liebster Freund, aber das kann dich doch nicht abhalten, morgen abend zum Herrn Generalintendanten einen Frack anzuziehen?« rief ich voller Verzweiflung.

Ich glaube, er wäre mir noch in selbiger Stunde zu seinen Bärbels nach Höhenschwand durchgebrannt, hätte ein glücklicher Zufall nicht den Hofmusikalienhändler zu uns geführt. Unsern vereinten Kräften gelang es, den aufsässigen Lorbeerkandidaten noch einmal zu beschwichtigen. Stöhnend erklärte er sich dann auch endlich bereit, durch den Frack vom Schwager des Hofmusikalienhändlers (einem Stadtrat!) seiner rebellischen Außenseite die für die Hofluft wünschenswerte mildere Fassung zu verleihen.

»O du barmherzigs Herrgöttl,« jammerte er anderntags bei der umständlichen Toilette, »so e Malträtiererei! Bloß weil mer e Quartett g'schriewe hat. Ich schreib moiner Lebtag koins mehr!«

Als ich ihn unterwegs ersuchte, dem Prinzen doch schon ums Himmels willen ein freundlicheres Gesicht zu machen, blickte er mich zornig an und riß an dem engen und hohen Halskragen. Das Blut war ihm in die Schläfen gestiegen, und der Schweiß perlte ihm auf der Stirn.

»Und ich vertrag' halt koine enge Stiffel net!« schrie er mich plötzlich an. »Des isch e Schweinerei isch des!«

»Alterchen, wenn du Seine Hoheit so grimmig anguckst ... Bedenke, das ist so ein kunstsinniger, opferwilliger, liebenswürdiger Herr.«

»Hat dei Prinz Hihnerauge oder hat er koine?«

»Bscht! Stille doch!«

Wir waren soeben am Haustor angelangt. Ein kleiner Kreis Neugieriger – ein paar Equipagen und der Theaterwagen – ein roter Teppichläufer quer über den Bürgersteig unterm Regendach. Mein Wilibald stolperte und patschte in eine Pfütze. Ein paar Leute lachten.

»Der Wagen Seiner Hoheit!« flüsterte ein Lakai ehrfurchtsvoll.

Ich zog Fähndrich, dessen linkes Hosenbein bis zum Knie hinauf bespritzt war, in die Portiersloge.

»Hören Sie, meine Beste,« sagte ich eilig zu der jungen Frau, die mir entgegentrat, »haben Sie vielleicht aus Versehen eine Bürste und ein Handtuch parat?«

Fähndrich war trotzig in der Tür stehen geblieben. Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf.

»Ha, wie isch mir denn,« sagte er mit fast zitternder Stimme, »isch denn dees net die Burgele?«

Die junge Frau starrte nach der Tür. »Jesses noi – der Fähndrich! Ha – awwer so ebbes!«

Bloß die paar nichtssagenden Worte in seinem heimatlichen Dialekt – und diese Wirkung!

Der große grobe Musikant nahm seinen Zylinder (vielmehr den des Stadtrats), schleuderte ihn aufs Kanapee in der Ecke, patschte sich aufs Knie und juchzte (ich glaubte zuerst, er wäre irrsinnig geworden und wollte einen Schuhplattler tanzen, gerade während Seine Hoheit passierte) und hatte im Nu die junge Frau bei beiden Händen erfaßt und drehte sie links und drehte sie rechts.

»Kennsch mich noch? Du kennsch mich noch, Burgele? Ha, un bisch am End dahier verheurat?«

»Ha freili. Mei Männle isch hier B'schließer ins Herr Grafe. Zu Oschtere kriege mer awwer die Kaschtellahnstell in der Bildergalerie.«

»Hasch Kinner?«

»Fimfe. Die erschte sin Zwilling.«

»Au fein. Wo sin se? Zeig se.«

»Ha, sag doch bloß, wie kommsch dann jetz du daher?«

»Ich soll ins Herr Intendants.«

»Hasch was abz'gewwe? Du, der Prinz isch jetz da, da kannsch net nauf.«

Ich trennte sie endlich. »Aber bitte, bitte, bitte, beste Frau,« sagte ich gereizt, »der Herr Fähndrich muß hinauf, wir müssen beide hinauf!«

»Ha, so geh doch, so geh du doch! – Des isch die Burgele, verstehsch, die Bas von der Bärbel aus Höcheschwand, verstehsch!«

Die junge Frau fragte: »Ha, verzähl doch, was treibt se? Isch se im Dienscht? So e arms Dingle, so e arms. Koi Vatter net z'hawwe un muhß sich so durch d' Welt rumdricke ...«

Sofort schwamm der »Hinterwäldler« wieder in Rührung. Und die schwatzten, schwatzten ... Uebers Dorf, über die Bärbel, über die Heuernte, wieder über die Bärbel, über den Pfarrer, die Ziegen, und dann nochmal über die Bärbel ...

Es war kein Ende abzusehen. Als ich dringlicher ward, schnauzte er mich an: »Wenn d' ei'm net alsfort störe tätsch, nord wäre mer scho lang fertig!«

Was blieb mir übrig? Ich ging.

Oben drückte ich mich nervös und verlegen herum. Es war sehr hell, sehr steif, sehr feierlich. Die Bekannten fragten mich alle beunruhigt nach Fähndrich.

In der Nähe des Flügels saß Seine Hoheit. Es sang jetzt eine Altistin von mächtigem Umfang und ebensolcher Tiefe.

Mir ward so bang, so bang, so bang.

Da bemerkte ich den Kapellmeister. Ich ging hastig auf ihn zu – denn soeben brachten Lakaien die Doppelpulte, und die Kammermusiker traten ein, sich tief vor dem Prinzen verneigend.

»Fähndrich sitzt unten in der Portiersloge,« zischelte ich ihm zu, »hat schmutzige Stiefel und ist nicht zu bewegen herauszukommen.«

Er erbleichte. »Wa–wa–wa–was?!« Im Nu war er draußen.

Es war ein Bild nicht gerade stillen, aber unbedingt traulichen Familienglücks, das sich vor unsern Augen entrollte, als wir durch die leere Portiersloge in die Wohnung der jungen Schwarzwälderin eintraten.

Wilibald Fähndrich hatte sich des ihn beengenden Fracks vom Stadtrat und des hohen Kragens entledigt – auf allen vieren kroch er unter den drei Aeltesten des zukünftigen Bildergaleriekastellans herum, die ängstlich schrien oder vergnügt jauchzten. Es war ein primitives, indes ganz lustiges Spiel, das er sich da ausgedacht hatte. Er sah sich nämlich mit funkelnden Augen in der kleinen Schar um, wie ein Bär vorwärtstappend, und brummte in möglichst tiefem Tone: »Rollerollerolleroll, Eisbär hole, Zähn ausreiße, rollerollerolleroll!« Plötzlich packte er dann eins der Kinder, das laut aufkreischte, und kitzelte es mit seinem schlecht rasierten Kinn am Hals oder im Nacken.

»Fähndrich, sei doch kein Kindskopf,« flehte ich ihn an, »oben spielen sie dein Quartett – der Prinz will dich kennen lernen!«

»Heiliger Dunnerschlag, eier Quartett des hängt mer jetz awwer schon zum Hals naus! Rollerollerolleroll ...« Er hielt plötzlich inne und stürzte auf einen Stiefelzieher los, den er in der Ecke entdeckt hatte. »Un die verdammte Stiffel misse runner, Schwereklachel noch emol ...«

»Fähndrich, auf der Stelle ziehst du die Stiefel wieder an!« schrie ich verzweifelt.

»Noi, grad net, erscht recht net!« Und auf Strümpfen herumtanzend begann er wieder sein Spiel mit den Kindern.

Wir zankten, baten, schimpften, flehten, schworen, beschworen ...

»Lieber Herr Fähndrich,« sagte der Hofkapellmeister endlich wachsweich und erschöpft, »der Graf hat sich nämlich darauf verlassen – ich habe ihm zugesagt, Sie würden vielleicht selbst etwas spielen!«

»Deine neue Ballade, Alterchen!« warf ich ein.

»Oder die Ciaconna. Was Sie wollen.«

»Nix, nix, nix, nix!« schrie er und trampelte auf Strümpfen durch die Stube. »Burgele, geb mer bloß was zu trinke, sonscht riehrt mich der Schlag un ich krieg die Kränk. So e Hoimtück, so e miserabligte. Spiele. Ja, Kuche.«

»Du – so nimm doch Vernunft an. Da ist deine Bratsche – ich hab' sie mit herkommen lassen ... Alterchen, liebster bester Freund, du kannst vielleicht Hoforganist werden, Kammermusiker, denk doch an deine Zukunft ...«

»Will ich denn was von oich? Von dir? Von Ihne? Hö? Den Buckel kennt ihr mir lang rutsche mit eierem Hoforganischt! Alle miteinander!«

Nun wandte sich der Hofkapellmeister mit einem kurzen Achselzucken um und ging.

»Und du – kannsch folge. Mei Ruh will ich hawwe. Un wenn jetz nix mehr helfe tut, nord werd ich grob. Verstehsch mich?«

Mißzuverstehen gab's da nichts mehr. Ich ging also gleichfalls.

*

Oben war sehr viel Stimmung vorhanden. Das Scherzo hatte wiederholt werden müssen, sagte man mir. Der letzte Satz mit seiner urwüchsigen Ausgelassenheit brachte die sonst so steife Gesellschaft nun vollends aus dem Häuschen.

Man applaudierte lebhaft – der Prinz gab selbst das Zeichen dazu – und alle Köpfe wandten sich fragend mir zu.

Und gnädig lächelnd winkte der Intendant.

Aber wie er auch winkte mit dem Finger: ich konnte ihm den Komponisten weder tot noch lebendig zur Stelle schaffen.

Der Hofkapellmeister trat leicht geneigt näher.

Während des Gesprächs ward das Antlitz des Grafen immer eisiger.

Ein paar Herren umringten mich, fragten mich aufgeregt, verwundert ... Ich verstand kein Wort ... Ich sah im Geist nur immer noch den wackeren Wilibald kragenlos und auf Strümpfen unten in der Kinderstube bei Portiers herumtoben und »Rollerollerolleroll!« spielen ...

*

Um zehn Uhr, früher als sonst, war der Empfang zu Ende.

Im »Krokodil« begrüßte man mich mit einem hastigen: »Nun, wie steht's?«

Da berichtete ich denn der Wahrheit gemäß.

Der Hofmusikalienhändler bekam sofort Leibschmerzen und mußte einen Grog trinken.

Und anderntags schwirrte ein Gerücht durch die Residenz, das erst ungläubig aufgenommen, dann kichernd weiterkolportiert ward.

Der »grobe Hinterwäldler«, der es verschmäht hatte, oben vor dem Hof und dem Herrn Intendanten zu erscheinen, um Lob, Dank und die Zusage fürstlicher Protektion entgegenzunehmen, hatte unten in der Portiersloge, nachdem die Kinder der Burgele zu Bett gebracht waren, ein Solokonzert veranstaltet. Ja – hatte die Bratsche an die Backe genommen und sich alles vom Herzen heruntergespielt, was ihn bei der Erinnerung an die Bärbel, an seine Heimat und den Waldfrieden im Gebirge bewegte.

*

Als ich in jener Nacht nach allerlei aufgeregten Debatten mit dem Hofmusikalienhändler und dem Kapellmeister nach Hause kam, war mein Freund Fähndrich unter Zurücklassung des stadträtlichen Fracks und der übrigen festlichen Ausrüstungsstücke verduftet.

Die Bratsche, die Noten, die berüchtigte Reisetasche, sowie »den Leiprock, die Strümpfer, die neuchen Hempter und die Sacktüchel« hatte er mitgenommen.

Blieb nichts von ihm in der Residenz zurück als das Quartett – und eine gemischte Erinnerung.

Ich trat gleich von der Residenz aus meine erste Redakteursstelle an und machte das Jahr darauf die Reise um die Welt. An die Stätte von Fähndrichs erstem Debüt bin ich nicht mehr zurückgekehrt.

Aber gelegentlich erfuhr ich, daß das Quartett zum eisernen Bestand der Kammermusikabende dort gehörte. Von einem neuen Werk jedoch verlautete nichts. Er schrieb ja nie etwas auf.

Im vorigen Sommer hab' ich Fähndrich wiedergesehen. Nach über zehnjähriger Trennung.

Er war ganz der alte. Gleich als ich ins Dorf kam, hört' ich ihn spielen, ich blieb stehen und lauschte wie damals. Ein Stück, das ich noch nicht kannte.

»Fähndrich, altes Haus, lebst du noch?«

Er tat, als hätten wir uns erst gestern, und zwar in bester Freundschaft verlassen.

»Du, was moinsch, ob mer da jetz in Dur odder in Moll schließe müßt? Ich denk als: in Dur. Net? Des klingt sonscht so wehleidig. Geb emol Achtung.«

Seine Augen waren noch dieselben jungen, hellen und frohen. Ein bissel behäbiger war er sonst im ganzen geworden. Er spielte das Stück noch einmal. Eine Romanze. Ein schwungvolles, leidenschaftlich sich steigerndes Stück. Und wie er's spielte. Sein Ton klang noch inniger, erschien mir auch größer und noch markiger als damals.

»Mensch – Mensch!« sagt' ich bloß, als er geendet.

»Du, willsch moine zwoi Buwe sehe?« fragte er rasch ablenkend.

Natürlich wollt' ich. »So, du bist also verheiratet?«

»Ha freilich.«

»Mit der Bärbel?«

Er lachte. »Erscht noch. Mit wem sonscht?«

Sie erkannte mich auch gleich wieder. Hübsch war sie ja noch – sie hatte es in den Augen. Und die beiden Menschen sahen einander mit solch einer Wärme, solch einer stillen Glückseligkeit an ... Ich mußte mit ihnen Wein trinken, vespern, die Jungens bewundern. Sie zählten achteinhalb und sechs Jahre und spielten natürlich schon ganz flott Geige.

Als ich weiterzog, winkten sie mir alle vier von Tür und Fenster aus noch so lange fröhlich nach, bis ich den Wald erreicht hatte.

Wundervoller Abendfriede lag über der Landschaft. Hinter Höhenschwand war die Sonne hinabgesunken. Ein Dorfkirchenglöcklein läutete den englischen Gruß.

Ich setzte mich ins Moos und dachte über meine zehn unruhvollen Lehr- und Wanderjahre nach, den heißen Ehrgeiz, der mich oft durch rauhe Lebenssturme hindurchgepeitscht hatte.

Währenddem war Wilibald Fähndrich hier Tag für Tag still zufrieden seiner Kunst nachgegangen, ohne sich um Teufel, Welt und Leben zu kümmern.

Unfern, am Waldrand, hört' ich Bratsche spielen. Das Stück von vorhin.

Fähndrich war's natürlich.

Es klang hier draußen gar nicht mehr kraus und wild. So rührend klang's, so feierlich, so abgeklärt. Er spielte nur für sich. Ganz allein für sich. Aber als ob er ein Parterre von Großen der Welt vor sich hätte.

Als es dunkel ward, zog er wieder heim, eins seiner Motive leise vor sich hinträllernd.

Der Pfarrer hatte einmal geäußert: entweder sei der Fähndrich ein ganz hirnverbrannter Schafskopf – oder er sei ein großer Philosoph.

Ich mußte lächeln, als ich zu Tal schreitend daran zurückdachte.

Wie glücklich er war, der närrische Kauz, unentdeckt und unberühmt.

... Nein, nein, nein, nein, Herr Pfarrer, ein Dummkopf war er wirklich nicht, der Wilibald Fähndrich! ...

*


 << zurück weiter >>