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II. Onkel Saß

Skizze

Eine Schönheit war der Rittmeister wahrhaftig nicht. Zu Pferde und von weitem, da ging er allenfalls noch an; obgleich man auch da immer das Gefühl hatte, daß irgend etwas in der Perspektive nicht recht stimmte. Aber in der Nähe wirkte seine Nase geradezu verblüffend. Spottvögel meinten, es sei wahrscheinlich überhaupt keine Nase, sondern das Modell einer überseeischen Klatschrose oder irgendeiner in Mitteleuropa noch nicht eingebürgerten Knollenfrucht, die die Schöpfungsgeschichte in einem heiteren Zwischenakt eigens für den Herrn Rittmeister Saß reserviert hatte – um damit seinen Zeitgenossen des Daseins Ernst zu mildern.

Denn nichts ist so spaßhaft und lachlustreizend für den, der im Besitz eines normalen Gesichtserkers ist, als die deformierte Nase im Antlitz des lieben Nächsten.

Heinrich Saß hatte von Kindheit aus darunter zu leiden gehabt.

Als Junge zum Beispiel hatte er nur seiner Nase halber für seine Altersgenossen immer so eine Art von Hanswurst abgeben sollen. Man schrieb einem, der eine so drollige Nase besaß, ohne weiteres eine starke vis comica zu. Hernach, als Pennäler, verliebte er sich gelegentlich mal in eine höhere Tochter, wie das so üblich ist. Er machte sogar Gedichte auf sie. Aber als das herauskam, fand man's unbeschreiblich komisch, obwohl Else (nehmen wir an, daß sie Else hieß) eine Glut und eine Sinnigkeit in den Versen hätte entdecken können, wie sie ihr hernach in ihrem ganzen Leben wohl nicht wieder geboten worden sein mochte.

Die betrüblichste Folge seines allzu charakteristischen Gesichtsschmuckes war die: als er als Avantageur ins Heer eintreten wollte, sträubte sich das erste halbe Dutzend Regimentskommandeure, bei denen er sich meldete, ganz energisch, ihn einzustellen.

Der siebente, der sich seiner erbarmte, hatte die Wahl nicht zu bereuen. Denn der Junker Saß war ein schneidiger Reiter, ein kluger Offizier und ein vorzüglicher Kamerad.

Allmählich trug auch der erstaunliche Haarwuchs seines Schnurrbarts dazu bei, das Ungetüm von Nase zu paralysieren.

Dieser Schnurrbart war fuchsrot, mächtig, ein Witzbold meinte »überlebensgroß«; er lud vermittelst einer Anleihe beim Backenbart nach beiden Seiten hin so gewaltig aus, daß es Leute gab, denen, als sie den Reitersmann kennen lernten, tatsächlich der Schnurrbart noch mehr auffiel als die Nase.

Saß hatte auch unbedingt etwas Martialisches durch seinen Schnurrbart bekommen.

Nur seine Augen paßten nicht recht dazu.

Es waren kleine, vergißmeinnichtblaue, fast wimperlose, gutmütige Aeuglein. Eine ganze Seele lag darin.

Ich sage: eine Seele.

Denn – es muß nun endlich auch über Sassens innere Qualitäten gesprochen werden, für die seine Konpennäler, Fräulein Else und das erste halbe Dutzend Regimentskommandeure so gar kein Interesse gehabt hatten – er war, schlecht und recht gesagt, ein Juwel von einem Manne.

Sein Nasenmalheur hatte ihn auch keineswegs verbittert. Nur etwas früher als seine Altersgenossen hatte es ihn gereift. Es hatte ihn veranlaßt, beizeiten über mancherlei Nichtigkeiten im menschlichen Dasein nachzudenken und – sich selbst davon freizuhalten.

Er sparte auf diese Weise nicht nur Geld und Nerven, sondern auch fabelhaft viel Zeit. Und die benutzte er, um zu studieren, sich aufs Examen vorzubereiten, das er hernach glänzend bestand: er war der erste Leutnant im Regiment seit vielen Jahren, der zur Kriegsakademie kommandiert werden konnte; und er ward um anderthalb Jahre früher als seine Altersgenossen befördert. Das verdankte er in gewissem Sinne also doch lediglich seiner Nase.

Seitdem er beim Regiment stand, bewohnte er dasselbe kleine Quartier in der Schulstraße. Es war eine stille Gegend, die Wohnung selbst, zwei Zimmer und Zubehör im Erdgeschoß, recht altmodisch, aber gemütlich. Wenn er vom Frühdienst kam und sich davon überzeugt hatte, daß die Pferde gut besorgt waren, legte er sich gewöhnlich für ein Halbstündchen mit seiner enormen Meerschaumpfeife ins Fenster. Da kamen von links die Gymnasiasten, von rechts die höheren Töchter des Städtchens vorbei. Es war ein lebhaftes, fröhliches Bild, sommers wie winters. Amüsant war's für einen stillen Beobachter auch, die kleinen Schwärmereien zu verfolgen, die sich unter dem jungen Volk entwickelten. Da gedachte er der eignen Jungensjahre – gedachte der angedichteten Else. Aber elend einsam fühlte er sich doch manchmal in seiner stillen Junggesellenbude.

Jeden Morgen knickste da seit einiger Zeit einer der kleinen weiblichen Abcschützen vor ihm, die seit Michaelis die höhere Töchterschule besuchten.

Es war ein pausbackiges Mädel von sieben Jahren in rotem Mäntelchen und rotem Hütchen. Sie sah von weitem aus wie ein kleiner Fliegenpilz.

Einmal kam sie in Begleitung einer eleganten Dame vorbei. Da fuhr er rasch in die Höhe und grüßte verbindlich, denn er erkannte die Frau des Landrats.

Nun entsann er sich, wo er den Fliegenpilz kennen gelernt hatte: auf einem Gartenfest, das Landrats im Sommer kurz vor dem Manöver gegeben hatten. Es war ihre kleine Poldi.

Als Poldi von Druhsen das nächste Mal knickste, bekam sie von Saß eine kleine Düte mit Bonbons zugeworfen, die sie in ihrem roten Schürzchen auffangen mußte. Er war auf einem Wohltätigkeitsbazar in den Besitz einer unendlichen Menge von Süßigkeiten gelangt, für die er bisher absolut keine Verwendung gehabt hatte.

Die Bonbons schienen übrigens recht schmackhaft zu sein, denn Poldi, die davon sicherlich ihren kleinen Kameradinnen zu kosten gegeben hatte, kam andern Tags links und rechts von zwei gleichgekleideten, auffallend ähnlichen Mädels flankiert vorbei. Alle drei knicksten, als sie in die Höhe der Meerschaumpfeife kamen. Und lächelten verschämt-erwartungsvoll.

»Das sind wohl deine Freundinnen, Poldi?« fragte er den Fliegenpilz.

»Ja, das sind die Zwillinge.«

»O, die Zwillinge. – Kann euch denn die Lehrerin voneinander unterscheiden, ihr Zwillinge?«

Sie kicherten.

»Ja – ich könnt's nicht!« gestand er ihnen.

»Aber Onkel Saß,« sagte Poldi wichtig, »das ist doch die Emmi und das die Luise.«

»So, so. Hm. Woran erkennst du denn aber die Emmi und die Luise?«

Sie sahen einander fragend an.

»Ja, weißt du, Onkel Saß, die Luise, die könnt' ich ja auch nicht erkennen, aber die Emmi, weißt du, die kann nämlich so komische Gesichter schneiden – ja, und daran erkennt man sie immer.«

»Na, Emmi, also gib dich mir auch mal zu erkennen.«

Eine kurze, helle Lachsalve. Und Emmi gab richtig eine Probe ihres Talents. Sie war freilich noch etwas zaghaft, und Poldi erklärte, daß es manchmal ›viel, viel toller‹ sei.

Heute bekamen sie alle drei Bonbons.

Natürlich sprach sich's in der IX b bald herum, welch generöse Bekanntschaft die Poldi von Druhsen besaß. Und auf dem Heimweg hatte sie fortan stets Begleitung. Manchmal kamen sie sogar, zu einer langen Kette eingehängt, acht oder neun Mädels hoch, die Straße daher. Mittags war Saß leider selten daheim. Größere Chancen hatten die, die früh einen Umweg nicht scheuten und beim Landratshaus auf Poldi warteten.

Nachdem er eines Morgens erklärt hatte, daß sein Bonbonvorrat erschöpft sei, ließ die leidenschaftliche Schwärmerei für Poldi von Druhsen etwas nach. Schließlich trippelte der Fliegenpilz wieder allein zur Schule.

Aber bei der hübschen Gewohnheit war es geblieben, daß die kleinen Mädels ihn nun immer knicksend begrüßten, wenn er sich am Fenster zeigte. Er kannte sie bald alle bei Namen und hatte mit vielen von ihnen oft ganz amüsante Gespräche. Die Jungens, die auf dem Weg zum Gymnasium die Schulstraße passierten, auch ältere Schwestern, die die jüngsten begleiteten, hielten es dann gleichfalls für erforderlich, dem freundlichen Offizier mit dem großen, grimmigen Schnurrbart und der majestätischen Meerschaumspitze Gutentag zu sagen. Das ging so jahrelang. Und als Heinrich Saß den zweiten Stern bekam, hieß er auch schon in den Mittelklassen der beiden Schulen »Onkel Saß«. Natürlich erhielt er die Freundschaft durch kleine Geschenke: Bonbons, Bildchen, Murmeln, Briefmarken und Schokoladenzigarren. Die Beschaffung all dieser Kinderherrlichkeiten bildete mit der Zeit einen festen Posten in seinem Monatsetat.

Und seine väterliche Freundschaft entbehrte nicht des erziehlichen Moments.

»Das sag' ich aber Onkel Saß, weißt du, und wir sagen ihm alle, daß wir nicht mehr mit dir umgehn!«

Diese Androhung war einem kleinen Sünder oder einer kleinen Sünderin peinlicher als ein Anklatschen bei Mama oder in der Schule.

Wenn er die Schilderung der neuesten Greueltat von der stupsnasigen Berta, dem wilden Thedi oder dem übermütigen Zwilling Emmi, der inzwischen ein drolliger Backfisch geworden war, hörte, so ward's ihm ja jedesmal äußerst schwer, eine finstere Grimasse zu schneiden. Aber er sprach dem kleinen Sünder doch in möglichst eindringlichem Tone ins Gewissen. Nur wenn eins der Jüngsten zu weinen anfing, dann schloß er rasch das Fenster. Denn wirklich traurig konnte er seine kleinen Freunde nicht sehen; das ging ihm zu nahe.

Einmal brachte ihn seine Allerweltsonkelschaft aber in eine verzweifelte Lage. Und das war gerade bei der Anwesenheit des Divisionskommandeurs.

Man hatte zusammen mit der detachierten Schwadron eine Nachtübung gehabt. Unter schmetternden Fanfaren kehrten die Ulanen ins Städtchen zurück: der Divisionär und der Oberst sowie die Adjutanten ritten voraus, und hinter dem Trompeterkorps kam als die erste die Schwadron des Rittmeisters Saß.

Unglücklicherweise zog das Regiment durch die Schulstraße, die sonst vermieden wurde, – und unglücklicherweise war's kurz vor acht: die Trottoirs wimmelten von Schuljugend.

»Da ist Onkel Saß!« rief jubelnd ein Quintaner, der an einem Gartenzaun hochgeklettert war. – »Au, der Onkel Saß!« stimmten ein paar andre ein. Und rufend, lachend, jauchzend sprangen Jungens und Mädels rechts und links neben der Kolonne her. »Onkel Saß, ist das dein Schimmel?« – »Onkel Saß, geht ihr jetzt schon wieder nach Hause?« Und ein ganz Frecher rief: »Onkel Saß, hast du Briefmarken mit? Au, Onkel Saß, aber ich hab' jetzt eine Neu-Guinea!«

»Schwerebrett, ihr kleines Volk, wollt ihr wohl aus dem Wege? Marsch in die Schule, ihr Kroppzeug!«

Er ärgerte sich über die Respektlosigkeit, genierte sich vor den Mannschaften, die zu grinsen begannen, – und hatte gleichzeitig Angst, daß die Pferde scheuen, daß die ausgelassenen Rangen in die Kolonne hineingeraten könnten. Aber er vermochte sich vor den Ovationen nicht zu retten. Es ging so bis zur Kaserne.

Natürlich hatte es auch der General gesehen. Beim Liebesmahl ward der Rittmeister gewaltig geuzt. – und von Stund an hieß er im ganzen Regiment »Onkel Saß«, auch bei den Wachtmeistern und den Leuten.

Er nahm sich vor, nach dem Manöver auszuziehen. Aber als ihm die Jungens und Mädels am Morgen nach dem Einrücken seiner Schwadron Blumen ans Fenster brachten, rührte ihn das so, daß er in der Schulstraße wohnen blieb.

*

Inzwischen war der Rittmeister dem Schwabenalter nahegekommen. Aus dem ersten Jahrgang der kleinen Mädels waren junge Damen geworden, einer der wilden Bengels, die ihn seinerzeit Hunderte von Bleisoldaten gekostet hatten, diente in seiner Schwadron als Einjähriger: Thedi von Loeben, der Forstreferendar, ein rechter Nichtsnutz, den er voraussichtlich nicht einmal befördern konnte wegen seiner Bummeleien. Die Freundschaft mit den übrigen hatte aber angehalten, und so sah sich »Onkel Saß« als fast achtunddreißigjähriger Rittmeister in eine Rolle gedrängt, die zu spielen er sich als blutjunger Leutnant (seiner unseligen Nase halber) niemals vermessen hätte: wo immer er in der Gesellschaft auftauchte, war er der maître de plaisir.

»Onkel Saß« mußte die Kotillontouren arrangieren, er war der Regisseur der lebenden Bilder und der Liebhabervorstellungen, er hielt die Damentoaste, er verteilte die Bazarbuden auf den Wohltätigkeitsfesten. Das war ja ganz natürlich, denn er kannte die jungen Damen und die jungen Herren doch von klein auf; alle wandten sich an ihn um Rat – alle fügten sich aber auch seinen Entschlüssen. Und darum galt er den Müttern und Tanten des Städtchens bald als unantastbare Respektsperson. »Onkel Saß ist ja dabei!« – das genügte zu allseitiger Beruhigung, wenn sich's um eine Radeltour oder um eine Schlittschuhpartie handelte.

Natürlich hatte er auch seine erklärten Lieblinge.

Der kleine Fliegenpilz zum Beispiel war ein zu famoses Mädel geworden.

Poldi hatte ein »polnisches« Köpfchen: braunes Ringellockenhaar und blaue Augen, schwarze Wimpern, dazu zarten Teint. Vielleicht wirkte ihr Gesicht noch etwas puppenhaft infolge der niedlichen Stupsnase. Aber ihre Augen hatten einen lieben, sinnigen Ausdruck, und das ganze kleine Fräulein war von einer herzerquickenden Frische und Natürlichkeit.

Saß bekam sie zufällig ein paarmal hintereinander auf Gesellschaften als Tischdame. Sie plauderte so herzig, so amüsant, daß er jedesmal wie neu auflebte. Man kam vom hundertsten ins tausendste. Es fiel ihm selbst allerhand Drolliges ein. Sie lachten beide manchmal Tränen bei solchen Erinnerungen. Ueber die Zwillinge – über die Berta – über Thedi, den großen Schlingel ...

Mitten darin überkam ihn aber einmal eine Verstimmung.

Er war geradezu erschrocken, als er sich überlegte: wie alt er doch selbst inzwischen geworden war – und daß die kluge, frische junge Dame, die da so appetitlich und gewinnend neben ihm saß, wirklich der drollige kleine Fliegenpilz sein sollte!

Was war nur in ihn gefahren? Warum kränkte ihn mit einem Male der mächtige Altersunterschied? War er denn etwa verliebt? Er, der Onkel Saß mit der schrecklichen Nase, in die niedliche kleine Poldi?

Solang er jung gewesen war, hatte er ans Heiraten nicht einmal zu denken gewagt, und jetzt, wo sich an seinen Schläfen bereits die ersten Schneeflocken des Alters hervorstahlen, jetzt wollte er seine Augen gleich so hoch erheben?!

›Heinz, Heinz, altes Haus,‹ warnte er sich, ›denk an die Else, denk an deine Nase, deine Jahre und – blamier dich nicht.‹

Aber leugnen ließ sich's nicht mehr: er war bis über beide Ohren in den Fliegenpilz verliebt. Und seltsam: sie schien ihm gleichfalls ehrlich zugetan. Auch als er dann und wann ernster mit ihr sprach. Ja, es kam ihm neuerdings so vor, als suche sie seine Gesellschaft am meisten. Das machte ihn wieder irre an sich, an ihr – neue Hoffnungen, neue Wünsche zogen in seine Brust.

Auf einem Fest beim Landrat war's da einmal im Wintergarten.

Hier fand er's angenehm still und kühl. Im Ballsaal herrschte eine enorme Hitze.

Poldi kam erhitzt heraus. Ihre Wangen glühten. Sie tanzte immer so leidenschaftlich. Er hatte sie schon öfters gewarnt.

»Was ist das mit Ihnen, Fräulein Poldi? Sie sind ja wieder mal so unberechenbar heute?«

Sie seufzte tief auf. »Ach, ich bange mich so!«

»Sie, Fräulein Poldi? Wonach denn?«

»Mir ist's so schrecklich einsam zumute.«

Sie sagte das sehr traurig. Er blickte melancholisch über das palmenbestandene Bassin hin, in dem ein Springbrunnen plätscherte.

»Sie denken wohl noch oft an Ihre arme Mama?«

»Ja, oft. Ach, die Mutter ersetzt einem doch niemand.«

»Und Ihr Vater? He? Der zählt gar nicht?«

»Er ist so alt.«

Saß lächelte. »Na – kaum zwölf Jahr älter als ich.«

Sie gab ihm rasch die Hand. »Sie werden auch niemals so alt werden. Nein, Sie nicht. Weil – ja, wissen Sie, warum? – – weil Sie ein junges Herz haben.«

Er hielt ihre Hand in der seinen fest. »Das ist lieb von Ihnen, Fräulein Poldi, daß Sie mir das sagen. Grad in der letzten Zeit, da kam mir's nämlich oft so vor, als ob ich das Recht auf Jugend verwirkt hätte.«

»Liebster Herr Saß – ach, könnt' ich Ihnen doch nur gestehen ...«

»Was denn, Fräulein Poldi?«

Sie kämpfte mit sich. In ihren Augen leuchtete es ganz seltsam. – »Warum haben Sie sich eigentlich nicht verheiratet, Onkel Saß?« fragte sie plötzlich.

Er lächelte verwirrt. »Wie kommen Sie darauf?«

»Sind Sie mir böse, daß ich so frage?«

»Gar nicht. Nur ...«

Man hörte die Musik wieder spielen. Es war lauschig hier im Wintergarten und unter den Palmen. Eine warme Glückseligkeit kam über den Rittmeister.

»Kennen Sie den Grund wirklich nicht, Fräulein Poldi?« fragte er zögernd. »Oder wollen Sie ihn nicht kennen?«

Sie sah ihn mit großem, ehrlichem Blick an und schüttelte den Kopf.

»Nun, Fräulein Poldi, ein Mann von meinem barbarisch wüsten Aussehen ...«

»Ach, Onkel Saß, das?« Sie zuckte leicht die Achsel. »Das vergißt man doch. Ja, früher, als ich klein war – wissen Sie, als ich die ersten paarmal bei Ihnen vorüberkam – da hab' ich mich, offen gestanden, geradezu vor Ihnen gefürchtet. Vor Ihrem Schnurrbart und –« sie ward ein wenig rot – »und vor Ihrer großen Meerschaumpfeife. Aber dann waren Sie doch so lieb zu uns ...«

»Und die Bonbons, wie?«

Sie lächelte. »Vielleicht auch. Aber die allein taten's nicht. Sie hatten ein Herz für uns. O, das fühlten wir wohl heraus. Schließlich haben wir ja alle für Sie so geschwärmt – das wissen Sie doch, nicht?«

»Na ja, sehen Sie, das war also auch noch mit ein Grund dafür, daß ich ledig blieb,« scherzte er. »Ich hatte für so viel fremde Mädels und Jungens zu sorgen, daß für mich selbst nichts übrig blieb.«

»Vielleicht ist es gut so, lieber Herr Saß. Da hab' ich Sie jetzt auch noch. Doch einen Menschen. Ach, ich fühle mich oft so verlassen, so ratlos, so schutzlos, daß ich laut aufweinen möchte ...«

»Poldi!« rief er erschrocken.

Sie hatte sich abgewandt, das Taschentuch vor die Augen pressend.

Mit unsicherer Stimme sprach er ihr zu.

»Liebe kleine Poldi! Glauben Sie, daß ich's gut mit Ihnen meine? Ja? Jetzt kann ich's Ihnen ja sagen: Sie sind mir schon von klein auf so – so ans Herz gewachsen! – Ich – ich ... ich hab' Sie so lieb, Poldi ...«

Schluchzend preßte sie den Kopf an seine Schulter.

Eine mächtige Rührung überkam ihn. Es waren ein paar selige Augenblicke für ihn.

So zart, so lieb, so duftig das ganze kleine Persönchen. Und so hilflos dabei.

Konnte er ihr noch mehr gestehen? Durfte er's?

Das Glück sprengte ihm fast die Brust.

Er nahm ihren braunen Kopf, strich mit der zitternden Hand über ihr Haar, dann beugte er sich nieder und küßte sie leise auf die Stirn.

»Liebe kleine Poldi!« flüsterte er noch einmal.

Sie schrak zusammen, denn in der Nähe hörte man Schritte. Ein Tänzer kam, der sie nach dem Ballsaal holte.

*

In der folgenden Nacht schlief er kaum. Immerzu mußte er an Poldi denken.

Liebte sie ihn wieder?

Gab es wahrhaftig ein Weib, das über seine Häßlichkeit, sein Alter fortsah – das nur den ehrlichen Menschen mit dem jung gebliebenen Herzen in ihm suchte?

Aber was würde ihr Vater sagen – was würde das Regiment, was würde die Stadt sagen?

Eine zitternde Unruhe beherrschte ihn den ganzen nächsten Tag über.

Ein paarmal entdeckte er sich auch vor dem Spiegel, wo er sich gedankenvoll musterte. Da genierte er sich aber vor sich selbst.

Morgen war Sonntag. Am besten war's, er warf sich gleich um die Kirchzeit herum in Gala und trat beim alten Herrn von Druhsen an.

Während er so im Dämmer sinnend durch seine stille Wohnung schritt, hörte er plötzlich hastige Schritte im Hausflur – gleich darauf pochte es an seine Tür.

Er war wie vom Blitz gerührt, als er die Eintretende erkannte.

... Es war Poldi ...

»Bscht, nicht böse sein – ach lieber, lieber, guter Freund – nein, halten Sie mir keine Strafpredigt ... Ich weiß ja, daß ich das nicht sollte, nicht durfte ...«

Er sah sich entsetzt im Zimmer um, schloß hastig die Tür zur Schlafstube und griff mit unsicherer Hand nach den Streichhölzern, um wenigstens die Lampe anzuzünden.

»Nein, lassen Sie – bitte, kein Licht machen –!«

»Poldi – Mädel! Wie konnten Sie nur! Wenn Sie jemand gesehen hätte! Sie ahnen ja gar nicht, was für törichte Klatschereien das geben kann!«

»Es ist mir alles eins. Ich mußte zu Ihnen. Sie sollen mir helfen. Und Sie werden's. Ich weiß, daß Sie mich lieb haben. Ich hab' Sie ja auch so lieb. Sie werden mich nicht zu Grunde gehen lassen.« Sie stieß das hastig, leidenschaftlich, fast trotzig hervor.

»Liebe, böse, wilde, kleine Poldi! Was fang' ich nur mit Ihnen an?«

»Kommen Sie. Bitte, bitte. Setzen Sie sich daher. Und ich setze mich Ihnen gegenüber. Und dann sag' ich Ihnen alles.«

Es geschah, wie sie's wünschte.

»Papa hat eine Partie für mich – das ist's,« sagte sie erschöpft. »Ich hab's ja schon lang gemerkt – aber nie merken wollen ...«

»Herr von Laub – der Divisionsadjutant?« entfuhr es ihm sofort in gitterndem Ton. Er wußte selbst nicht, wie er gerade auf den kam.

Sie nickte. »Und ich – mag ihn doch nicht. Gestern abend aber – da hat er immer mit mir getanzt – und dann auch bei Tisch so seltsam gesprochen – und Papa sagte hernach ... Ach, ich bin so unglücklich, so unglücklich!«

Sie preßte das Antlitz in die Hände, stützte die Ellbogen auf ihre Knie und weinte.

Wie's ihn jetzt verlangte, sie emporzuheben, sie an sich zu reißen, sie zu küssen – sie gegen alle Welt zu verteidigen!

»Poldi,« sagte er leise und bittend, »wollen Sie denn dulden, daß ich Ihnen helfe?«

Sie weinte immer erschütterter. »Sie sind doch der einzige, der mir helfen kann. Und wenn Sie mit Papa sprechen, dann – dann ...«

Ein tiefer, tiefer, wohliger Seufzer kam aus seiner Brust.

Sie erhob den Kopf, blickte ihn mit ihren tränenverschleierten Augen verzweiflungsvoll bittend an. »Denn Sie wissen doch ... Oder Sie haben doch gemerkt ...?«

O, gemerkt hatte er schon so manches.

»Liebste Poldi,« sagte er, stammelnd vor Erregung, »ich – ich hab' ja keinen sehnlicheren Wunsch, als Sie glücklich zu machen.«

Da sprang sie aus und flog ihm mit einem schluchzenden oder jauchzenden Aufschrei an die Brust. Und eh' er sich's versah, hatte er einen Kuß von ihr, einen hastigen, heißen, leidenschaftlichen Kuß. In der nächsten Sekunde war sie wieder draußen – blitzschnell – und da fiel auch schon die Haustür ins Schloß.

Er blieb eine geraume Weile unbeweglich stehen – wie im Traum – wagte kaum zu atmen. Auf seinen Lippen fühlte er noch die ihren. Und es war so ein linder, frischer, weicher, berauschender Duft im Zimmer ...

*

Er war so ergriffen von diesem Erlebnis, daß er beinahe das Kriegsspiel versäumt hätte, das abends im Kasino stattfinden sollte. Der Bursche erinnerte ihn noch in letzter Minute.

Nach dem Dienst – der ihm heute eine Qual war – nahm ihn der Oberstleutnant, der seit kurzem das Regiment führte, beiseite.

»Vorhin war Herr von Druhsen bei mir, der Landrat ...«

Dem Rittmeister fuhr das so in die Knochen, daß der Vorgesetzte lächelnd die Hand auf seine Schulter legte.

»Bitte, bitte, lieber Saß, was halb Außerdienstliches. Er kam nicht als Kreistyrann, sondern als Haustyrann. Es handelte sich um seine Tochter. Na, Diskretion natürlich vorausgesetzt, lieber Rittmeister. Oder sind Sie bereits unterrichtet?«

»Teilweise, Herr Oberstleutnant.« Saß machte noch immer ein dienstliches Gesicht. Er glaubte Poldis Besuch verraten.

»Also Fräulein von Druhsen hat einem Kameraden – Name tut nichts zur Sache – einen Korb erteilt. Ziemlich schlankweg. Grund: es schwebt da schon seit längerer Zeit 'ne andre Geschichte. Von der der Landrat aber neuerdings nichts mehr wissen will.«

Dem Rittmeister bildeten sich Kreise vor den Augen. Alles begann sich rund um ihn zu drehen. Er konnte kein Wort sagen. In fieberhafter Spannung wartete, lauschte er.

»Sie haben den jungen Mann in Ihrer Schwadron. Er ist der junge von Loeben. Sie wissen: der hätte Aussicht zu den Reitenden Feldjägern zu kommen; aber dazu wäre seine Qualifikation zum Reserveoffizier unumgänglich notwendig. Nun hat der Landrat erfahren, daß Loeben nicht befördert werden soll – na, und da meint er denn, ihn gleichfalls fallen lassen zu sollen. Er erbat von mir aber zuvor eine definitive Auskunft. Seiner Tochter wegen. Und da möcht' ich Sie denn fragen ...«

Noch ein paar Sätze halbdienstlichen und privaten Inhalts – dann war der Rittmeister entlassen. Er verließ das Kasino ungesäumt.

Er lief durchs Städtchen, über die Promenade, vors Tor – dann strich er durch den Forst, trotzdem es stockdunkel war ...

*

Die Herren vom Regiment hatten sich sehr darüber gewundert, daß Saß, der sich rar genug machte, heute abend an der offiziellen kameradschaftlichen Vereinigung nicht teilnahm. Als die Stimmung schon ziemlich vorgeschritten war – weit nach Mitternacht – stellte er sich aber doch noch ein. Und da war er der ausgelassensten einer. Schließlich wollte man von ihm eine Ulkrede hören. Er sträubte sich lange. Aber dann stieg er doch auf einen Stuhl und sprach. Ja, worüber hatte er nur gleich gesprochen? Richtig, über die Nasen, Ueber die Nasen im allgemeinen – und seine eigne im besonderen. Die Herren wollten sich ausschütten vor Lachen. So aufgekratzt hatten sie den Rittmeister überhaupt noch nicht gesehen. Und es lag in vielem, was er sagte, eine so köstliche Selbstironie ... Wer bis dahin noch geglaubt hatte, daß man Saß beleidigte, wenn man auf sein Monstrum von Riechorgan anspielte, der ward heute eines besseren belehrt. Er trug sein Mißgeschick mit wirklichem Humor. Mit lachendem – überwältigendem Humor!

*

Andern Tags beim Frühappell teilte der Wachtmeister dem Einjährig-Freiwilligen von Loeben mit, daß er um zwölf Uhr im Dienstanzug beim Herrn Schwadronschef anzutreten habe.

Klopfenden Herzens begab sich »Thedi« zur Wohnung des Rittmeisters.

Er war ein hübscher, flotter junger Mensch – im Augenblick aber ziemlich blaß.

»Na, treten Sie schon näher, von Loeben, und lassen Sie die Armesündermiene. Ich wette, daß Sie gestern wieder was ausgefressen haben. In Zivil ausgewesen, he? Uebern Zapfen gestrichen?«

Der Einjährige schwieg.

»Einmal haben Sie schon vier Wochen zur Strafe dafür in der Kaserne quartiert – ein andermal haben Sie den Festurlaub entzogen bekommen – das nächste Mal müßten Sie in Arrest. Und das wäre doch ein Jammer, wie?«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«

Saß ging dröhnenden Schrittes auf und nieder. Er war sehr nervös und zündete sich jeden Augenblick aufs neue seine Meerschaumpfeife an – dieselbe, die »Thedi« kannte, seitdem er zur Schule ging. Sie glimmte nur matt, dann ging sie immer wieder aus. Plötzlich blieb er hart vor dem jungen Mann stehen und sah ihm scharf ins Gesicht.

»Potzschwerebrett, bei Ihnen handelt sich's doch um mehr als darum, bloß ein bißchen Sommerleutnant zu spielen. Wollen Sie sich denn Ihre ganze Karriere verpfuschen? Und mehr als das – Ihr ganzes Lebensglück? – Setzen Sie sich mal da ans Fenster, Loeben. Ja, auf den Fauteuil da. Und dann sehen Sie mir mal ins Auge. So. – Wissen Sie, Loeben, wer gestern auf dem Fauteuil gesessen hat? – Fräulein von Druhsen.«

Der junge Soldat zuckte zusammen – verstört sah er seinen Vorgesetzten an.

»Ja. Fräulein Poldi. Die kennen Sie doch noch, wie? Von früher her? Wo Sie sie in den dummen Kinderschlachten da draußen auf der Schulstraße verteidigt haben, was? Ja, damals war der Thedi ein tapferer, ritterlicher, kleiner Bengel. He, ist das ganz aus Ihrem Gedächtnis geschwunden?«

»Nein, Herr Rittmeister.«

»Na also. Und jetzt kommt die kleine Poldi für ihn bitten. Wohl aus alter Dankbarkeit. Aber der Thedi verdient's gar nicht – denn es ist ein langer, großer, fahriger, bummliger Einjähriger aus dem Thedi geworden, der keinen Respekt vor dem königlichen Dienst hat.«

»Ach, Herr Rittmeister ...«

Und der Thedi zeigte nun allerdings, wie wenig Soldatisches in ihm steckte. Er vergaß völlig, daß er doch längst nicht mehr der Schuljunge war, der seine Herzenskümmernisse dem »Onkel Saß« beichten durfte – und in einer langen, langen, ganz unmilitärischen Rede legte er los: er habe doch keine Ahnung davon gehabt, daß Fräulein Poldi ihm wirklich noch gut sei, denn da habe es mal eine Eifersucht zwischen ihnen gegeben – wegen Herrn von Laub – und da hätten sie sich verzankt und er sei zu dem ersten Winterball nicht eingeladen worden. Aber es habe ihn daheim nicht geduldet – er liebe Fräulein Poldi doch so wahnsinnig – und so sei er Hals über Kopf in Zivil fortgelaufen, ins Landratshaus, um sie heimlich zu sprechen, wenn auch nur für eine Sekunde ...

Sassens Pfeife ging immer wieder aus. Schließlich legte er sie weg.

»Hm. Ja. Und da sah Sie der Wachtmeister. – Und weil Sie die erste Strafe nun mal weghatten, glaubten Sie danach, es käme doch nicht mehr drauf an?«

»Ja,« sagte Thedi trotzig, »es lag mir an meiner ganzen Karriere nichts mehr. Denn Poldi – Poldi sollte sich doch – mit Herrn von Laub verloben.«

Eine lange Pause.

»Nun will ich Ihnen mal was sagen, Loeben. Zu morgen wünscht das Regiment die Beförderungsvorschläge. Da sollen Sie meinethalben auch mit zum Gefreiten ernannt werden, damit Sie seinerzeit Offizieraspirant werden und ins Feldjägerkorps kommen. Worauf sich der Landrat nun mal kapriziert. Ruhe, kein Wort. Und Sie werden künftighin Ihre Pflicht tun, hoff' ich. Als junger Bursch haben Sie für die kleine Poldi den Ritter gespielt. Nun denken Sie dran, daß Sie als Mann das Schicksal der großen Poldi an das Ihre geschmiedet haben. Alles, was Sie sich fortan im Leben zuschulden kommen lassen, trifft somit gleichzeitig Ihre Poldi. Seien Sie also ritterlich, Thedi, seien Sie ritterlich. Das hilft über vieles weg, glauben Sie mir's. Und nun mit Gott. Eskadron kehrt schwenkt – Trab!«

*

Der Rittmeister trat darauf einen längeren Urlaub an. Von der Bahn aus schickte er ein paar Blumen an den »Fliegenpilz« mit einem kleinen Billett.

Das lautete folgendermaßen:

»Liebes Fräulein Poldi! Mit meinen Abschiedsgrüßen sende ich Ihnen im voraus meinen herzlichen Glückwunsch. Wenn ich zurückkehre, sind Sie wohl schon »Thedis« Braut – und ich will partout der allererste sein, der Ihnen dazu gratuliert. Behalten Sie mich in freundlichem Andenken. Ich werde Ihrer auch nicht so bald vergessen, liebes Fräulein Poldi. Sie sind nämlich, ganz im Vertrauen gesagt, das erste weibliche Lebewesen seit meiner guten Mutter, das mir trotz meiner barbarisch greulichen Nase einen Kuß gegeben hat. Es war ja dunkel im Zimmer. Und es war ein Kuß, der nicht dem Manne, sondern lediglich dem alten Vertrauten, dem väterlichen Freund aus der Schulstraße galt. Immerhin hat er unbändig glücklich gemacht

Ihren alten Onkel Saß.«

*


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