Paul Heyse
Colberg
Paul Heyse

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Fünfter Akt

Das Zimmer im Hause der Witwe Blank wie im ersten Akt, jetzt infolge des Bombardements so zerstört, daß von der Hinterwand nur noch einige Pfeiler stehen, durch welche man die Straße draußen frei überblicken kann. Schränke und Kommoden sind geöffnet, überall Spuren eines hastigen Aufbruchs

Erste Szene

(Vorn am Fenster im Lehnstuhl) die Mutter. Rose (begleitet eine Magd und einen Knaben, die einen gepackten Koffer tragen, nach der Tür. Man sieht draußen während der ganzen Szene Bürgerfrauen, Mägde und Kinder mit Körben und Bündeln beladen, von links nach rechts vorübereilen)

Rose Nun geht und grüßt den Kapitän und sagt,
Wir kämen nach. (Die beiden ab) Nur noch den Korb gepackt;
Dann sind wir fertig, Mutter. Habt Ihr auch
Das Halsband von Topasen, das der Vater
Euch aus Brasilien mitgebracht, die Kette
Und das Granatkreuz –

Mutter                               Kind, Kind –

Rose                                                     Unsre Bibel
Liegt schon im Korb.

Mutter                           Die laß mir nur heraus!
Ich muß doch etwas hier behalten, Kind,
Zu meinem Trost.

Rose                           Wie, Mutter? Hier behalten?

Mutter Nun ja! Hast du im Ernst dir eingebildet,
Ich ginge mit zu Schiff?

Rose                                   Wie anders, Mutter?
Ihr könnt doch nicht –

Mutter                             Ja sieh, du bist noch jung;
Du fängst noch anderswo ein Leben an.
Ich aber – unter diesem Dache bin ich
Geboren, hab' hier dich zur Welt gebracht,
Und hier um deinen Vater mich gegrämt.
Meinst du, ich könnt' aus unserm Häuschen gehn
Wie aus der ersten besten Gastherberge?
Nein, da, wo man gelebt hat, soll man sterben.

Rose Unmöglich, Mutter! Ihr, da alles flieht,
Ihr wolltet hier allein in Schutt und Trümmern –

Mutter Laß nur! Wenn du auch sonst wohl klüger bist,
Das weiß ich einmal besser. Lieber Heiland!
Ich ohne meine Schränke, meine Stühle,
In fremden Betten schlafen, meine Suppe
Von fremdem Teller essen – nein, das bringt mich
Doch in die Grube! Da ist's besser, Kind,
Ich sitz' hier noch, solang' es Gott gefällt,
Und wenn sie mir das Häuschen überm Kopf
Zusammenschießen, bin ich eben nur
Ein altes Möbel mehr und geh' in Stücke
Am alten Fleck. Bin doch nichts weiter nutz!

Rose Gut! Wenn Ihr bleiben wollt, so bleib' auch ich,
So sterben wir zusammen!

Mutter                                   Aber Kind,
Was fällt dir ein? Das hieße Gott versuchen.
Begreifst du nicht den Unterschied? Und denk nur,
Wenn hier ein Hause Marodeurs, entmenschte
Mordbrenner –

Rose                       Keiner soll mich lebend fangen!
Dort hängt des Vaters Büchse am Gesims.
Ich lud sie neulich erst, auf alle Fälle.
Allein was red' ich auch? Ihr müßt mir folgen!
O Mutter, sind nicht Ältere noch als Ihr –

Mutter Zum letzten Mal: ich bleibe! Willst du wirklich
Zum Abschied noch mich böse machen?

Rose (sich ratlos umsehend, erblickt auf der Straße den Rektor mit seinem Sohn, beide bewaffnet, und eilt nach der Tür)
Herr Rektor! o nur auf ein Wort!

Zweite Szene

Vorige. Zipfel und sein Sohn

Zipfel                                               Was gibt's?
Was habt Ihr mir zu sagen, Jungfer Rose?

Rose (ihn hereinholend)
Helft mir die Mutter an den Hafen bringen!
Denkt nur, sie will hier warten, bis das Haus
In Trümmer stürzt und sie begräbt!

Zipfel                                                   Ei, ei!
Was sind mir das für Hirngespinste, Frau?

Mutter (die bisher teilnahmslos sich hingesehen)
Ihr seid's, Herr Rektor? Sagt der Rose doch,
Sie soll mir nicht das Herz noch schwerer machen.
Was alte Leute tun, das schickt sich nicht
Für so ein junges Blut.

Zipfel                               Nicht doch, Frau Blank!
Ihr habt ein sehr verständ'ges Töchterchen,
Und was sie rät, ist gut. Ei, ei, Ihr werdet
Sie zwingen, Euch am Ende fortzuschaffen,
Wie Held Äneas seinem Vater tat,
Den er aus Trojas Brand, so wie man sagt
Vernaculo sermone huckepack –

Mutter Mich? Meine Rose? Lieber gleich den Tod!

Zweite Szene

Vorige. (Draußen von links kommen eilig, ebenfalls bewaffnet) Nettelbeck und Würges

Nettelbeck (draußen stehen bleibend)
Was? Ihr noch hier und haltet Kindtaufschwatz,
Bis sich die Bomben zu Gevatter bitten?
Holla, macht fort!

Rose (zu ihm hineilend)   O Pate, denkt, die Mutter –
      (Spricht leise zu ihm)

Mutter Sie wollen mich aus meinem Häuschen schleppen,
Mich mit Gewalt von meinem Stuhl und Tisch
Und allem hier, was mit mir alt geworden –

Nettelbeck (vortretend)
Hier warten, bis der alte Kasten einfällt?
Ist das noch meine Frau Gevatterin?
Schön, Mütterchen! Courag' ist immer schön,
Am schönsten aber, wo sie hingehört,
Und hier taugt sie wie Pfeffer an die Milch.
Was? Dieser ausgediente Trödelkram,
Die hundertjähr'gen Wurm- und Wanzennester –
Die sind Euch lieber als Eu'r Fleisch und Blut?
Nein, Frau, da schieben wir 'nen Riegel vor!
Kommt, kommt; dies ist mein letzter Freundschaftsdienst.
So, Mutter! (Hebt sie zutraulich vom Sessel auf)

Mutter (sich sträubend)   Zwingt mich nicht, ihr bösen Männer!
Laßt mich nur einmal noch den Sekretär,
Den Schrank –

Nettelbeck (sie fortführend)   Ei was, die hölzerne Bagage!
Seht, keiner rührt sich, keiner weint Euch nach.
Kommt, kommt; die Rose folgt uns.

Rose                                                     Nur den Korb noch –
      (Läuft, während Nettelbeck die Mutter hinausführt, in die Kammer links)

Vierte Szene

Zipfel und sein Sohn. Würges

Zipfel Nun komm, mi fili, daß wir nichts zu spät
Antreten. (Wendet sich zum Abgehen)

Würges (hustet)   Hem – hem! Was ich sagen wollte,
Herr Rektor –

Zipfel                   Was?

Würges (verlegen)           's ist nicht der Rede wert.

Zipfel So könnt Ihr mir's ja auch wohl drüben sagen.
Vorwärts, mein Sohn!

Würges                             Nein, lieber hier, Herr Zipfel,
Denn seht, wer weiß, ob man sich drüben trifft.
Ihr kommt am End' in den latein'schen Himmel,
Und unsereins –

Zipfel                       Könnt Ihr die lose Zunge
Nicht bändigen zehn Schritt vom offnen Grabe?

Würges Ich? Straf' mich Gott, das Necken hab' ich satt.
Konträremang, ich wollt' Euch eben sagen,
Wenn ich Euch manchmal so von hinten 'rum
'nen Zopf gedreht – na, wir sind alle Menschen –
So tut mir das anjetzt von Herzen leid.

Zipfel Wirklich?

Würges (seine Mütze in den Händen drehend)
                Ich hielt Euch nämlich – rund heraus –
Für nicht viel besser als 'nen alten Tröster,
So 'ne schweinsledern staubige Scharteke,
Wo alles drin steht und noch etwas mehr,
Was vor und nach dem Sündenfall passiert ist,
Nur nichts, was man für heute brauchen kann.

Zipfel Ich dank' Euch für dies ehrliche Bekenntnis.

Würges Na, wenn ich neben 'naus schoß, nehmt's nicht übel!
So 'n alter Flintenhahn schnappt auch mal zu,
Wenn blind geladen ist. Jetzt weiß ich's besser:
Ihr seid, obschon Ihr tote Sprachen schnackt,
Ein braver Mann und gar kein Hasenfuß.
Was Ihr da von der Schlacht bei Warmbrunn sagtet –
Es liegt ja wohl in Schlesien?
      (Zipfel schüttelt lächelnd den Kopf)
                                          Na, gleichviel;
Das Mordsgebirg, wo die Quartaner fielen, –
Wie ich das hörte, sagt' ich bei mir selbst:
Würges, du warst ein grober alter Esel,
Daß du den wackern Mann – na und so weiter,
Und hier ist meine Hand, Herr Zipfulus;
Schlagt ein und sagt, daß Ihr nicht böse seid!

Zipfel Es macht Euch Ehre, Freund, daß Ihr so sprecht.
Nur schade, daß wir unsre Freundschaft schließen
So kurz vorm Ende.

Würges (treuherzig)         Laßt Euch das nicht leid sein!
Wer weiß, ob wir uns nicht von neuem zankten.
Komm, junger Zipfel, gib mir deine Hand:
Auch du sollst heut noch als Quartaner sterben,
Obschon du ein Primaner bist. Da seht,
Ich mache noch zuletzt lateinische Witze.
Ja, was die Freundschaft nicht zuwege bringt!
Na denn in Gottes Namen, zum Appell!

(Alle drei Arm in Arm durch die Mitteltür ab. Man hört in der Ferne Kanonendonner)

Fünfte Szene

Rose (mit dem gepackten Korb links aus der Kammer)

Rose Fort? Alle fort? – Was hält nur mich zurück?
Ach, was die Mutter sagte, fühl' ich wohl;
Es wär' ein Glück zu sterben, wo wir lebten!
Uns ist kein frohes Leben mehr bereitet;
Die Welt ist fremd, das Heimweh folgt uns nach
Und die Erinnrung. – Heinrich! Welch ein Schicksal
Erwartet ihn? Das ist das Bitterste,
Das wird mir nachgehn über Land und See,
Und wär' das Kissen unter fremdem Dach
Auch noch so weich, wo soll ich Ruhe finden,
Wenn mir die Stimme des Verlornen folgt
In jeden Traum!

(Sie steht in Schmerz versunken mitten auf der Bühne. Heinrich erscheint draußen vor dem Fenster rechts)

Heinrich Rose!

Rose (zusammenfahrend)
                  O Gott!

Heinrich                       Bist du allein?

Rose                                                   Ist's möglich?
Heinrich!

Heinrich       Bist du allein?

Rose (zum Fenster eilend)       Das Haus ist leer.
O sprich, du bist gerettet? du bist frei?

Heinrich (springt ins Zimmer)
Gerettet von der Schmach und frei zu sterben
Und sterbend meine Ehre reinzuwaschen.
O Schwester, dieser Mann, des heil'ges Leben
An einem Zittern meines Fingers hing,
O er ist furchtbar! Bis zum Abgrund riß er mich
Der Schande, der Verzweiflung, daß ich dort
Mit Schaudern meines Wahnsinns inne würde.
Dann zog er seine starke Hand hinweg
Und überließ mich meinem guten Engel.
Ja, Rose, diese Stunde schuf mich neu;
Das Leben, das ich jetzt dem Vaterlande
Zum Opfer bringe, ist ein neugebornes,
Und nicht mehr wird es dir ein Vorwurf sein,
Daß ich dein Bruder war.

Rose                                     Heinrich, dies Wort
Löscht alle Schmerzen aus in meiner Seele,
Und tragen kann ich, was noch kommen mag.

Heinrich (sich sanft von ihr losmachend)
Laß! Es ist Scheidens Zeit. Schwester, mir ist,
Als hätt' ich eine Welt dir noch zu sagen;
Doch eine Bitte drängt sich allem vor.

Rose Sprich!

Heinrich       Gib mir unsres Vaters Waffen. Sieh,
Ich bin auf weitem Umweg hergeschlichen,
Denn niemand wag' ich ins Gesicht zu blicken,
Eh ich's mit Wunden mir verdient. Da sah ich
Am Schleusentor 'nen Trupp vom Schill'schen Korps.
Ich weiß, sie werden mich nicht von sich weisen,
Sobald sie meinen ernsten Willen sehn.
Gib mir die Waffen!

Rose                             Hier sein Degen, Heinrich.
Du wirst ihn führen seiner wert. Und hier –
Nimm das Gewehr.

Heinrich                       Grüß unsre gute Mutter, –
Gedenke mein!

Rose                     So lange noch ein Herz
In diesem Leibe schlägt! Leb wohl!

Heinrich (sie umarmend)                       Auf ewig!

(Er eilt zum Fenster und schwingt sich hinaus. Draußen dauert die Kanonade fort)

Rose Auf ewig – lebewohl – und gute Nacht!
      (Am Fenster ihm nachblickend)
Wie gerne folgt' ich dir! Du darfst im Sturm
Dein Los vollenden, dein Geschick versöhnen,
Ich seh' dir müßig nach in deinen Tod.
Und doch, o Gott, der du mein Flehn erhört,
Dank für den Trost, daß ich ihn so verliere!
      (Wieder hinausblickend)
Nun ist er schon den Wall hinab – er wirft
Sich in den Graben – schwimmt hindurch, die Waffe
Hoch überm Haupt – nun drüben – nun ein Blick,
Der letzte noch, zu mir zurück – fahrwohl!
      (Winkt mit der Hand)
Nun sehn dich meine Augen niemals wieder!
      (Bedeckt die Augen mit der Hand)

Sechste Szene

Rose. (Auf der Straße draußen von rechts marschieren die Bürger heran, unter ihnen) Würges, Grüneberg, Schröder, Geertz, der Rektor und sein Sohn (alle in Waffen)

Würges Ganzes Bataillon – halt! – Gewehr ab! Nun rührt euch!
Wir müssen hier auf Nettelbecken warten.

Rose (die wieder hinausgesehen hat)
Ha, was ist das? – Nein – nein, es kann nicht sein –
Es schwimmt mir nur vorm Auge!

Würges (auf die Schwelle tretend)           Jungfer Rose,
Was observiert Sie da für Neuigkeiten?

Rose (läßt die Arme sinken, hält sich am Sessel)
Es ist! o nur zu deutlich und gewiß!
Ich soll den Untergang mit Augen sehn!

Würges (hereintretend)
Na so weit wird's jawohl nicht sein.

Rose (hastig umblickend)                         Ihr seid's?
Kommt! Seht es selbst; da – dort –

Würges (sich die Brille aufsetzend)             Zum Kuckuck, was?

Rose (mit gedämpfter Stimme)
Die Überschwemmung –

Würges                                 Bomben und Granaten;
Ja, meiner Seel'!

Rose (rasch und leise)   Seht, wie das Wasser abfließt!
Der Feind muß unsern Damm durchstochen haben,
Das Schleusenwerk zerstört, – seht, drüben schon
Das blanke Feld –

Würges                       In zehn Minuten, Jungfer,
Gehn wir in Strümpfen trocknen Fußes durch.
Der Satan steckt in diesen Schelmfranzosen!

Rose Das ist die letzte Stunde!

Grüneberg (hereinrufend)         Nachbar Würges,
Was gibt's?

Würges             O nichts! wir remarquieren bloß,
Daß man bald wieder Hafer säen kann,
Weil's dieses Jahr hübsch trocken ist.

Geertz                                                   Was sagt er?

Grüneberg Es muß da draußen was – (Will eintreten)

Würges                                             Ganzes Bataillon
Antreten! Stillgestanden! – Ja nun wollt' ich,
Der Nettelbeck wär' da! Denn – ha, da kommt er!

Rose Es scheint, er weiß – seht nur, wie blaß er ist!

Würges (traurig vor sich hin)
Das Schleusenwerk war immer seine Puppe.

Siebente Szene

Vorige. Nettelbeck (eilig von rechts, ohne Hut, nur den Säbel umgegürtet. Er tritt hastig ein, mit allen Zeichen höchster Aufregung, geht, ohne die andern zu beachten, ans Fenster und sieht durch ein kleines Fernrohr hinaus, indem er sich auf den Nähtisch stützt. Plötzlich verläßt ihn die Kraft, und er sinkt rücklings um in den Sessel)

Rose (aufschreiend)
Pate! (Stürzt zu ihm, faßt seine Hand)
          Er ist eiskalt! Pate, kommt zu Euch!
O seht, die kalten Tropfen auf der Stirn –
Hilfe, zu Hilfe! Einen Arzt! Er stirbt!

(Die Bürger drängen sich ängstlich herein)

Würges (auf der andern Seite des Sessels)
Hab's wohl gedacht: er kann sein Schleusenwerk
Nicht überleben!

Nettelbeck (öffnet die Augen und sammelt seine Besinnung wieder)
                          Sterben, Kinder? Wer
Traut Nettelbecken zu, daß er im Sitzen
Sein bißchen Geist aufgibt? Nein, so bequem
Macht's unsereins sich nicht. Da bin ich wieder!
Nur eine kleine Schwachheit trat mich an,
Noch von der letzten Nacht.

Würges                                     Ihr braucht Euch nicht
Zu schämen, Freundchen. Wir sind unter uns.

Nettelbeck (steht auf, tritt ans Fenster und sieht hinaus)
Ich hab's gewußt, schon draußen an der Brücke!
Denn plötzlich sah ich die Persante wachsen,
Daran erkannt' ich, wie am Puls der Doktor:
Das letzte Stündlein schlägt. Nun, wie Gott will!
Heut oder morgen. – Kinder, es wird Ernst.
Der Jüngste muß sogleich zum Gneisenau
Nach Bastion Preußen, ihm Rapport zu bringen;
Denn droben merken sie's noch nicht sobald.
      (Der Sohn des Rektors entfernt sich eilig nach rechts)
Wir andern, denk' ich, stellen unsre Leiber
Da in die Lücke, die der Damm gerissen,
Und lassen für den Rest den Herrgott sorgen
Und die Franzosen. Rose, gute Nacht!
Denk manchmal an den Alten; geh zum Hafen!
Nichts da von nassen Augen! – Angetreten!
Richt euch! Gewehr auf Schulter – vorwärts marsch!

(Er hat den Säbel gezogen und sich an die Spitze der Bürger gestellt. Sie marschieren in soldatischer Haltung nach links ab. Rose ist in die Tür getreten und winkt ihnen nach. Man hört heftigeren Lärm der Geschütze)

Achte Szene

Rose. Die Mutter (von rechts zurückkehrend)

Mutter (noch draußen)
Da ist sie! Hab' ich's doch gewußt! O Kind,
Wie soll ich ohne dich –

Rose                                   Mutter, was kehrt Ihr
Noch einmal um?

Mutter (eintretend)       So soll ich gehn, du Angstkind,
Und dich hier sterben und verderben lassen?
Nun bleib' ich auch, nun bringt mich nichts mehr fort.
      (Setzt sich auf einen Stuhl links nahe dem Schreibsekretär)

Rose Mutter!

Mutter           Zum zweiten Mal, du Hinterlist'ge,
Schaffst du mich nicht beiseit'. Ich war dabei,
Als meine Eltern und dein Vater starben,
Und allen drei'n drückt' ich die Augen zu,
So weh mir's tat. Jetzt will ich auch dabei sein,
Wenn unsre arme Stadt begraben wird.

Rose Ja, Mutter, Ihr habt recht.

Mutter                                     Gib mir die Bibel.
Ich fand erst gestern einen schönen Spruch,
Wie unser Herr im Schwachen mächtig ist.

Rose Hier, Mutter!

Mutter                   Gib. Ich will's schon wieder finden.

Rose (für sich)
Sie weiß noch nicht; ich will es ihr verschweigen.
      (Wieder am Fenster)
Da sind sie schon am Schleusentor. Ich sehe
Die weißen Haare meines lieben Paten.
Er wendet sich. Die Sonne scheint so klar
Auf seine offne Stirn. Nun deutet er
Hinüber nach dem Stadtwald. Setzt nicht eben
Ein Trupp des Feindes dort sich in Bewegung?
Mutter! (Sich umwendend, erblickt sie Gneisenau)

Mutter         Mir deucht, es war im Römerbrief.

Neunte Szene

Vorige. Gneisenau (vom Sohne des Rektors geführt, hinter ihm) Offiziere (von rechts)

Gneisenau (in der Tür stehen bleibend)
Von Bülow, bringen Sie dem Hauptmann Steinmetz
Die Ordre, sich sofort zurückzuziehn. –
Leutnant von Petersdorf –

Offizier (vortretend)                   Zu Befehl!

Gneisenau                                                 Es soll
»Sammeln« geblasen werden. Sie, von Schüler,
In Eile zum Cörliner Damm. Von dort
Und von der Ziegelschanze gehn die Truppen
In guter Ordnung in die Stadt zurück.
Das Feuer auf dem Wall ist einzustellen,
Und alle Ordres treten jetzt in Kraft,
Die für den Fall des Sturms gegeben sind.

(Einige Offiziere entfernen sich, andere treten mit Gneisenau ein)

Gneisenau Warum sind diese Frauen nicht zu Schiff?
Wie, Jungfer Rose, Sie hier? Dies Ihr Haus?

(Rose zeigt auf die Mutter, die, ohne auf die Eintretenden zu achten, ruhig in dem Buch auf ihren Knieen blättert)

Gneisenau (ist ans Fenster getreten, für sich)
Es ist, wie ich gedacht. Wir können jetzt
Die Frist nach Stunden zählen!
      (Zu den Offizieren sich umwendend)   Meine Herren,
Der Tag wird heiß; drum umso kältres Blut!
Ich bitte, schreiben Sie. – An meine Stelle
Tritt, wenn ich fallen sollte –

Rose (die wieder durchs Fenster gesehen hat)
                                            Heil'ger Gott.
Was seh' ich?

Gneisenau (sich unterbrechend)
                      Was?

Rose                               Dort auf dem hohen Feld
Zum Schleusentor hinab – sehn Sie nicht dort
Den Reiter, der in vollem Jagen nach
Der Stadt heransprengt, hoch ein weißes Tuch
In Lüften schwenkend?

Gneisenau (der zu ihr getreten)   Seltsam in der Tat!
Und wie mich dünkt, da drüben – dort – und dort
Auf allen feindlichen Schanzen Friedensfahnen!!
      (Bewegung unter den Offizieren, sie nähern sich dem Fenster)
Was soll das heißen? Noch ein rascher Stoß,
Und Colberg fällt, und dennoch – Sehn Sie doch
Einmal durchs Glas, von Hagen!

Offizier                                           Das Feuer schweigt
Auf allen Batterien!

Rose                               Ja, er ist's!
Kein andrer ist's, als Heinrich!

Gneisenau (wieder das Glas nehmend)   Wer? Ihr Bruder?
Bei Gott, Sie haben recht. Und hinter ihm
Ein Trupp des Schill'schen Korps!

Rose                                                 Jetzt ist er schon
Am Schleusentor. O seht, er spornt das Tier,
Mein Pate winkt, die andern rufen Hoch!
Allmächtiger – er stürzt!

Gneisenau                           Er steht schon wieder
Auf seinen Füßen, unsre wackren Bürger
Umringen ihn. Von Hagen, eilen Sie
Und bringen mir Rapport! (Offizier ab nach links)

Rose (zur Mutter hineilend)         O Mutter, Mutter,
Ein Hoffnungsstrahl!

Mutter                           Mein Kind, ich hab's gefunden,
Hier steht's, im Jesus Sirach: »Wer Gott fürchtet,
Dem widerfährt kein Leid, sondern dafern
Er angefochten ist, so wird er wieder
Erlöset werden.«

Zehnte Szene

Vorige. Ordonnanzen treten ein

Erste Ordonnanz Zu melden hab' ich vom Cörliner Damm,
Daß dort der Feind sein Feuer eingestellt hat.
Leutnant von Breese fragt, ob er auch jetzt noch
Der Ordre folgen soll, die ihm den Rückzug
Befiehlt.

Zweite Ordonnanz   Ein gleiches von der Ziegelschanze.
Der Feind steckt weiße Fahnen aus und hat
Auf seiner ganzen Linie das Gefecht
Urplötzlich abgebrochen.

Dritte Ordonnanz                 Hauptmann Steinmetz –

Gneisenau Genug! Wir haben erst des Rätsels Lösung
Zu hören. Dort kommt unsre Bürgerwehr.

Letzte Szene

Vorige. (Von links stürzt) Heinrich (herein, mit einer schweren Kopfwunde, hinter ihm) Nettelbeck, Brünnow, Würges, die übrigen Bürger und ein preußischer Offizier

Heinrich Hoch Colberg! Rettung, Freiheit, Waffenruhe!
Hoch Deutschland! (Bricht ohnmächtig zusammen)

Rose (zu ihm eilend)         Heinrich! – Er verblutet!

(verbindet ihm mit ihrem Tuch die Kopfwunde, die Mutter und einige Bürger helfen ihr, den Bewußtlosen auf den Sessel zu tragen)

Gneisenau Freund Nettelbeck –

Nettelbeck (vortretend)               Ja, mein Herr Kommandant,
Noch lebt der alte Gott. Er hat in Gnaden
Den Willen angenommen für die Tat
Colberg ist frei! Ein Waffenstillstand ward
Von unserm Herrn und König und dem Zaren
Mit Kaiser Bonaparte abgeschlossen.
Schon vor drei Tagen wußten sie's im Lager
Des Feinds. Doch Monsieur Loison, der geschworen,
Er wolle Colberg erst den Nacken brechen,
In Wut und Ärger, daß mit Gut und Bösem
Er nicht zum Ziel kam, unterschlug die Nachricht,
Befahl, den Offizier, der die Depeschen
Des Königs brächte, tückisch aufzufangen
Und seines Protestierens unerachtet
Zurückzuhalten, bis die Stadt erstürmt.
Da führt der Himmel dort den Heinrich Blank –
      (sich nach ihm umwendend)
Seid ruhig, Kinder; solch ein Aderlaß
Kann seinem hitz'gen Blut nur heilsam sein –
Der Himmel, sag' ich, führt den Jungen hin
Mit einem Schill'schen Freikorps, nah genug,
Daß er die preußische Uniform, umringt
Von den französischen Freibeuters, sieht:
Und auf die Bande losgesprengt, den Hauptmann
Wie rasend attackiert, mit Brünnows und
Der andern Hilfe unsern Landsmann hier
Herausgehauen, daß die Funken flogen,
War fast so flink geschehn, als ich's erzähle.
Da merkte denn der Feind, daß seine List
Zu Schanden ward, und steckte zähneknirschend
Die weißen Fahnen aus. Ihr aber, Kinder,
Lauft nach dem Hafen! Sagt, das Weibervolk
Soll nur in Gottesnamen wieder landen;
Denn Colberg, Dank dem Himmel und dem Herrn
Von Gneisenau, steht noch ein Weilchen fest
Und hat sich seinen Ruhetag verdient.

Gneisenau (der indes die Depesche überflogen hat)
Und seines Königs Dank und einen Platz
Im Ehrenangedenken unseres Volks. –
Herr Gott, dich loben wir! Laß dieses Saatkorn
Der Freiheit Wurzel treiben, daß es bald
Das ganze deutsche Vaterland umschatte,
Und keines fremden Unterdrückers Fuß
Den heiligen geliebten Boden trete!
Doch dieses Höchste kann nur eins uns schaffen:
Ein treuverbrüdert' Volk, ein Volk in Waffen!

(Alle haben die Häupter entblößt, Gneisenau reicht Nettelbeck die Hand)


(Der Vorhang fällt)


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