Paul Heyse
Colberg
Paul Heyse

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Erster Akt

Zimmer im Hause der Witwe Blank. Türen rechts und links und im Mittelgrunde. Neben der letzteren, die sich auf die Straße öffnet, ein Fenster. Rechts ganz vorn eine tiefe Fensternische mit weißen Vorhängen, Nähtisch, Sessel, Vogelbauer. Links gegenüber neben der Tür ein altmodischer Schreibsekretär, davor ein Lehnstuhl. Schränke und Kommoden an den Wänden verteilt, alte Porträts und Silhouetten

Erste Szene

Rose (sitzt am Nähtisch, eine Arbeit auf dem Schoß, und sieht zum Fenster hinaus). Leutnant Brünnow (steht hinter ihr)

Rose (hinausdeutend)
Dort über die Bastion hinweg nach Süden,
Seht Ihr das helle Feld?

Brünnow                             Es scheint ein See,
Der spiegelglatt in stiller Sonne glänzt.
Doch kann es nur die Überschwemmung sein,
Die künstliche, die unsre Mittagsseite
So trefflich schützt.

Rose                             Von diesem Fenster, deutlich,
Wie sonst von keinem Punkt der ganzen Stadt,
Seht Ihr die Wasserwerke ausgebreitet,
Und jener Silberstreifen, der so schimmernd
Hindurch sich windet, ist der Fluß.

Brünnow                                           Das Werk
Macht seinem Meister Ehre.

Rose                                         Freilich; doch
Auch Müh' und Schweiß genug hat's ihn gekostet.
Aus eigner Lust und Vollmacht unternahm
Mein Pate Nettelbeck, es herzustellen.
Da ward der Damm, die Wasser aufzustau'n,
Das weite Netz der Schleusen und Kanäle
Von Grund aus neu gebaut, daß nun der Feind
Von dorther wohl die Stadt in Ruhe läßt.
Doch jenseits gegen Osten, da ist gleich
Das hohe Feld, und hinter dem der Stadtwald.
Seht Ihr den Rauch aufsteigen aus den Wipfeln,
Dort, mehr nach links?

Brünnow                           Richtig. Sie kochen eben
Im Hauptquartier des Feindes.

Rose                                             Manche Nacht,
Wenn Sorg' und Kummer mich nicht schlafen lassen,
Und ich vom Fenster aus die Lagerfeuer
Der fremden Unterdrücker glänzen seh',
Wünsch' ich mir ein Geschütz hier in die Nische,
Das fernhin trüge über Wall und Feld.
Wie gerne hülf' ich meiner Vaterstadt
Mit mehr als frommen Wünschen.

Brünnow                                           Jungfer Rose,
Ihr habt ein tapfres Herz. Wem dieses Herz
Und diese kleine Hand hier – (ihre Hand ergreifend)

Rose (ihm die Hand entziehend, ohne Unfreundlichkeit)
                                            Leutnant Brünnow,
Denkt, was Ihr mir verspracht. Obwohl mein Vater
Dem Euren freund war und wir selbst Euch schätzen,
Kein Wort, das glaubt mir, wechsl' ich mehr mit Euch,
Wenn Ihr in dieser Zeit an andres dächtet,
Als an des armen Vaterlandes Not.

Brünnow Verzeiht; es soll nicht mehr geschehn. Doch sagt,
Wie ist's nur möglich? Euer Bruder Heinrich,
So ganz unähnlich Euch an Sinn und Art,
Ein pulverscheuer Rechenknecht –

Rose                                                   Ihr tut
Ihm großes Unrecht; er hat Herz wie einer.
Als Knabe schon, wenn mit den Nachbarskindern
Wir auf dem Stadtwall unsre Spiele spielten,
War er der Kühnste stets, der Wildeste.
Und später, fragt nur nach, in Wassersnot
Und Brandgefahr – wie oft wagt' er sein Leben!

Brünnow Und dennoch jetzt, wenn man ihm folgte, gäbe
Die Stadt sich auf, ohn' einen Schuß zu tun.

Rose Ach, leider hat der Glanz des Kaiserreichs
Ihn blind gemacht für seines Volkes Schmach.
Er war ein Jahr auf Reisen, in Geschäften,
Und kam entfremdet aus der Fremde wieder.
Da schien ihm alles hier so eng und klein;
Sein Mund floß über von der Wunderstadt
Paris und dem, den sie vergötterte,
Dem korsischen Erobrer. Da vernahm ich
Zuerst ein Wort, deß Sinn mir dunkel blieb:
Weltbürgertum.

Brünnow                 Das Modewort der Zeit!

Rose Wie? Fragt' ich, sind wir alle nicht Weltbürger,
Schon weil wir Menschen sind und Kinder Gottes?
Und hätte Gott die Länder und Nationen
Vielfach gemacht an Art und Eigenschaft,
Wenn er nicht wollte, daß ein jedes Volk
In seinen Grenzen wohnte, mit den andern
In nachbarlichem Frieden, doch bereit,
Für seine Ehre mannhaft einzustehn,
Wenn sie der Nachbar schädigt? Dann verfocht er
Das Recht des Stärkeren; große Namen nannt er
Und sprach von Kaiser Karl, deß mächt'ges Scepter
Einst Frankenland und Deutschland überschattet;
Ob es uns schimpflich wäre, solchem Herrn,
Wenn Gott ihn wieder sendete, zu huld'gen?
Und ich, ein ungelehrtes Mädchen, konnt'
Ihm nichts erwidern; doch im Herzen fühlt' ich
Mich unbekehrt. Ihr habt die Welt gesehn,
Sagt Ihr mir – Aber still! Ich hör' ihn kommen.
Ich bitte, reizt ihn nicht. Ich fühl' es wohl;
In Zwiespalt ist sein Kopf mit seinem Herzen,
Und weher noch, als uns, tut er sich selbst.

Zweite Szene

Vorige. Heinrich (tritt hastig durch die Mitteltür ein)

Heinrich Ich störe?

Rose (steht auf, geht ihm freundlich entgegen)
                        Heinrich, guten Tag! Was bringst du?
Du bist erregt.

Heinrich               Ich bringe Neuigkeiten,
Die bald dem Unerträglichen – so hoff' ich –
Ein Ende machen.

Rose (lebhaft)               Einen Sieg der Unsern?
Abzug des Feindes?

Heinrich                       Torheit! – der Besatzung!
Der Kommandant empfing soeben einen
Parlamentär.

Rose (sich schmerzlich abwendend)
                    Wär's möglich? Nein – es kann nicht!
Verrat? – Er kann uns nicht verraten wollen!

Brünnow Kein Mann, der Ehre liebt, befürchtet das.

Heinrich Der Ehre liebt? Herr, mit Verlaub: die Ehre,
Die der Soldat so breit im Munde führt –

Rose Heinrich!

Heinrich         – ist freilich ein besondres Ding,
Mit dem der Bürger nichts zu schaffen hat.

Brünnow Das merk' ich allerdings.

Heinrich                                       Sie spotten, Herr.
Ein billiges Vergnügen. Jeder Stand
Hat seine Ehre; auch der Würfelspieler,
Der hinterm grünen Tisch die Nacht hindurch
Sein alles einsetzt mit gelassener Miene;
Der Tänzer auf dem Seil hat seine Ehre
Und bricht für sie den Hals; der Gaukler selbst –

Brünnow Sie bringen Ihre Ehre, mein Verehrter,
In seltsame Gesellschaft. Hoffentlich
Läßt sich die Bürgerehre, die auch ich
Zu kennen meine, nicht so tief herab.

Heinrich Nein, höh're Ziele kennt sie, als den Ehrgeiz,
Das Glück von Tausenden wehrloser Menschen
Um ein paar Fechterkünste preiszugeben,
Und statt zu weichen der Notwendigkeit,
Sich ihr kopfüber in den Weg zu werfen,
Auf daß sie uns zermalme.

Brünnow                               Wundersam,
Wie ein so weiser, so vorsicht'ger Bürger
Sich just in einer Festung angesiedelt,
Wo Fechterkünste doch am Platze sind.

Heinrich Festung? Wär' unsre arme Stadt befestigt,
Wie sich's gebührt, und Widerstand nicht Wahnsinn,
Ich täte selbst mit Freuden Waffendienst.
Wie aber? Ward dies Colberg seit den Zeiten
Des alten Fritz nicht fast ein offner Platz?
Liegt auf den eingesunknen Wällen nicht
Von Nesseln überwuchert das Geschütz
Und die Lafette fault im Magazin?

Brünnow Nun, umsomehr –

Heinrich                             Der Feind, wenn's ihm beliebte,
In einem Sturme fegt' er die Besatzung
Von den Bastionen, und die heißen Köpfe,
Die jetzt von Heldenfeuer glühn, sie würden
Sehr unsanft abgekühlt. Ja, käm' Ihr Hauptmann,
Der Schill, der glücklich jetzt das Weite suchte –

Brünnow Ich muß Sie bitten, diesen Namen nur
Mit Achtung auszusprechen.

Heinrich                                     Leugnen Sie's,
Dafern Sie können, daß Ihr Schill allein
Den Wahnsinn angefacht, Colberg zu halten,
Auch gegen jegliche Vernunft, auch gegen
Des Königs eigne Meinung. Würde der
Nicht eilen, uns Verstärkung herzusenden,
Wenn ihm, da Magdeburg und Küstrin gefallen,
Dies schwache Bollwerk noch am Herzen läge?
Hätt' er nicht statt des siebzigjähr'gen Alten
Uns einen jüngern Gouverneur geschickt?
Er aber wußte: alles ist umsonst,
Colberg muß fallen! Also schütze man
Den Bürger vor den Schrecken der Belagrung
Und tue gleich, was man mit Ehren kann.
Da kam Ihr Schill, da ward dem Nettelbeck
Der sonst schon starre Nacken noch gesteift,
Die Bürger aufgeschreckt, der Kommandant
Bestürmt, am morschen Nest herumzuflicken,
Ein Rennen gab's, hier eine Handvoll Erde,
Dort eine Maulwurfsschanze aufgewühlt,
Bis selbst Ihr Schill, der Posse überdrüssig,
Die arme Stadt sich selber überließ
Und ihrem bessern Stern, der hoffentlich
Dem Aberwitz heimleuchtet, heute noch!

Brünnow So wähnen Sie, mit Ihrem Krämerwitz.

Heinrich Herr, mäß'gen Sie die Zunge!

Brünnow                                           Da Sie nicht
Auf schärfre Waffen Rede stehn, so müssen
Sie schneid'ge Worte sich gefallen lassen. (Will gehen)

Heinrich Nicht von der Stelle!

Rose                                     Heinrich!

Heinrich                                               Wie? Auch du
Trittst gegen mich? Gut denn! So lassen Sie
Uns rasch entscheiden, wer von beiden ferner
Hier aus- und eingehn soll.

Brünnow (sich kalt verneigend)   Ich bin bereit.

Rose Ihr werdet nicht gehn, Brünnow!

Heinrich (sich hastig nach der Tür wendend)   Kommen Sie!

Dritte Szene

Vorige. Roses Mutter (aus der Tür links tretend)

Mutter Kinder, was geht hier vor? Erklär mir, Rose –

Rose (an Brünnow herantretend, sehr ernst)
Ihr gebt mir Euer Ehrenwort, bevor
Die Stadt befreit ist, keinem andern Gegner,
Als dem da draußen, Euch zu stellen. Wollt Ihr?
      (da Brünnow zögert)
Ihr könnt mir dieses Wort nicht weigern, Freund,
Soll ich von Eurem Vaterlandsgefühl
Nicht schlechter denken, als von Eurem Mut.

Brünnow Ihr fordert viel; – doch was versagt' ich Euch!
Verzeiht, daß ich dem Streit nicht früher auswich.
Mein Wort ist Euch verpfändet. Lebet wohl!
      (Mit einer Verbeugung gegen die Frauen ab)

Mutter Nun sagt nur, Kinder –

Rose (auf Heinrich zugehend)       Heinrich, hab' ich das
Um dich verdient? Wenn dir das Elternhaus
Nicht heimisch ist, wie sonst, wer trägt die Schuld?
Sind wir verwandelt, wir nicht mehr die alten?
Du wardst ein andrer, und wie viel ich leide,
Seit wir vom Heiligsten verschieden denken,
Das wissen meine Nächte.

Heinrich (ergriffen)                   Rose, Mutter,
O, habt Geduld mit mir! Ich weiß, die andern
Sehn mich mit vorwurfsvollen Augen an,
Wie einen abgefallenen Sohn der Stadt.
Und doch – Gott weiß, daß ich ihr Bestes will!
Nur lernt' ich, über diese engen Mauern
Hinauszublicken in die weite Welt,
Und kann, was ich erkannt, mir nicht verleugnen.
Ich sah den großen Mann, wie er zurückkam
Von Austerlitz aus der Dreikaiserschlacht.
Er hielt Revue; die Stadt war siegberauscht.
Die Glocken Notredames erklangen noch
Von des Tedeums Feier in die Salven,
Die vom Montmartre dröhnten. Dichtgedrängt
Auf allen Plätzen stand das Volk. Da kam er
Auf seinem Schimmel langsam angeritten,
Und wie sein Auge durch die Reihen flog,
Fuhr's wie ein Blitz des Schicksals durch die Herzen,
Ein Schlag in allen: diesem Mann gehört
Die Zukunft einer Welt!

      (Lärmen auf der Straße, lauter Zuruf):
Hoch Nettelbeck! Hoch Vater Nettelbeck!

Vierte Szene

Vorige. Nettelbeck (tritt hastig ein, der Volksmenge zuwinkend, die ihm das Geleit gegeben hat)

Nettelbeck Schon gut, schon gut! Still, sag' ich. Geht nach Haus!
Ihr seid nicht klug, daß ihr mich leben laßt.
Übt lieber das Vive l'empereur! euch ein,
Doch besser noch: legt euch auf's Ohr und schlaft!
Das ist das Ratsamste in faulen Zeiten.
      (Lachen und Zuruf draußen, Nettelbeck schließt die Tür und tritt rasch ins Zimmer)
Na, das war wieder mal ein saubres Stück!
Ich muß wahrhaftig fest gezimmert sein,
Daß all der Ärger mich nicht mürbe macht.
Guten Tag auch, Mutter Blank! – O Zeiten, Zeiten!
      (Wirft sich in den Lehnstuhl vor dem Schreibsekretär)

Rose (eilig zu ihm tretend)
O Pate, ist es wahr? Sie reden wirklich
Von Kapitulation?

Mutter                         Laß doch den Paten
Erst zu sich kommen. Kann ich Euch vielleicht
Was Stärkendes, ein Gläschen Danziger –

Nettelbeck Dank, Mutter! Lieber einen Aderlaß.
Denn seht, für meine neunundsechzig Jahre
Hab' ich noch zu viel Blut, Gott sei's geklagt!
Ja, unser Kommandant, der weiß es besser,
Daß alte Knaben ihre Ruhe brauchen.
Ich aber, wie 'n blutjunger Sausewind,
Gleich Feu'r im Dach und mir das Maul verbrannt,
Pfui doch!

Rose               Es ist nicht möglich, nimmermehr!
Die Stadt ausliefern ohne Sturm? – O sagt,
Ihr war't beim Kommandanten?

Nettelbeck                                       Ja, mein Kind,
Und eines alten Seemanns Mundbattrie
Hat ihre gröbsten Stücke spielen lassen.

Mutter Ihr redet Euch noch um den Hals.

Nettelbeck                                             Gevatterin,
Ihr seid 'ne wackre Frau, doch manchesmal
Verdammt schwachmütig. Euer sel'ger Mann,
Mein guter Martin Blank, der dachte anders,
Und meine Rose ist ihm nachgeschlachtet.
Sag Mädchen, sollt' ich dazu stille schweigen,
Wenn über Colbergs Stadt und Bürgerschaft
Verhandelt wird wie über einen Schafstall
Und eine Lämmerherde?

Rose                                     Also doch?
Sagt: ein Parlamentär –

Nettelbeck                         Und was für einer!
Es schien, er hatte Colberg schon im Sack.
Denn mit vier Pferden kam er angefahren,
Zum Mühlentor herein, im schönsten Staat,
Ein schmucker Herr Trompeter auf dem Bock,
Zwei Nobelgarden, herrlich aufgeputzt
Wie zur Parade, rechts und links am Wagen,
Der langsam, daß man Zeit zum Staunen hätte,
Mit schmetterndem Trara den Einzug hielt.
Ich kam gerade von den Schleusen her,
In Wasserstiefeln, trefflich abgemattet,
Da seh' und hör' ich diese Fastnachtsposse,
Die just am Kommandantenhause hält,
Und unser alter Herr in großer Gala
Steht richtig schon mit ganz scharmanter Miene
Vorn auf der Rampe und komplimentiert
Den werten Herrn Franzosen in sein Haus.
Holla! dacht' ich bei mir, da müssen wir
Doch auch dabei sein! – Also stracks hinauf.
Da sah das Ding denn ganz besonders aus.
Der Vorplatz voll von Offiziers, die alle
Die Köpfe hängen ließen; von dem Alten
Und seiner Staatsvisite nichts zu sehn.
Die beiden hatten sich wie Liebesleute
In einem Zimmer traulich eingeriegelt,
Und kaum ein Wispern drang zu uns heraus.

Rose Verraten und verkauft!

Nettelbeck                           Ja, danach schmeckt' es.
Seit Magdeburg und Neiße liegt so was
Hier in der Luft. Ich aber faßte mir
Ein Herz. Was? sagt' ich zu den Offiziers,
Sie stehn hier, meine Herrn, als ging' Sie das
Den Teufel an, was drin verhandelt wird?
Da zuckten sie die Achseln; ihrem Chef
Belieb' es so. – Was schiert uns sein Belieben,
Wenn seine Pflicht zu tun ihm nicht beliebt?
Herr Hauptmann, sagt' ich, sprengen Sie die Tür;
Sie sind dazu der nächste nach dem Rang
Und wissen, denk' ich, ganz so gut wie ich,
Was auf dem Spiel steht. Wie ich noch so rede,
Kommt meine alte Freundin, die schon zehnmal
Die Augen gern mir hätten ausgekratzt,
Die Mamsell Flips, Haus- und Zuhälterin
Des Alten, wie 'ne Furie, sag' ich euch,
Kommt mir das Weibsbild auf den Flur gestürzt:
Wir sollten leiser sprechen, nämlich ich;
Denn alle andern pfiffen kaum wie Mäuse.
Was? sagt' ich, leiser sprechen? Nein, Mamsell,
Noch lauter sprechen, noch bedeutend lauter,
Daß Ihrem alten Herrn die Ohren gellen.
Und damit klopf' ich an, erst sacht, dann stärker,
Bis endlich, sehr ungnädig, der Herr Oberst
Die Tür aufriegelt und mit rotem Kopf
Herausruft, wer sich unterstünde? – Ich, Herr,
Sagt' ich und schob den Fuß gleich in die Tür,
Daß, ungern oder nicht, er hören mußte, –
Ich, Nettelbeck, Bürgerrepräsentant,
Und wollt' nur eben sagen, daß die Stadt
Nicht daran denkt, die Schlüssel auszuliefern,
Und wenn die Herrn Soldaten so für sich
Ein Kapitulationen schließen wollen,
So wird die Bürgerschaft den Wall beziehn,
Da jeder Colberger geschworen hat
In seinem Bürgereide, Gut und Blut
An die Verteidigung der Stadt zu setzen.
Und dieser Eid, Herr Kommandant – das sagen
Sie auf Französisch Ihrem guten Freund –
Wer dazu rät, daß wir ihn brechen sollen,
Der ist ein – nun, da braucht' ich denn ein Wort,
Das wohl ein bißchen stark gepfeffert war.
Deutsch aber war's; der Franzmann selbst verstand's.
Nur hätte mir der Alte, wie er's hörte,
Ums Haar den Degen durch den Leib gerannt,
Wär'n nicht die Offiziers dazugesprungen;
Die schoben mich hinaus. Indessen schien's
Gewirkt zu haben. Zehn Minuten drauf
Fuhr die Karosse richtig wieder ab,
Diesmal im Trab, und ward auch nicht geblasen.
Ich aber hatte meinen Ärger weg!
Und jetzt, Gevattrin, gebt mir einen Danz'ger,
Daß ich den Gift mir von der Zunge spüle.

(Die Mutter geht nach dem Wandschrank)

Rose (Nettelbeck um den Hals fallend)
Ich muß Euch küssen, Pate.

Nettelbeck                                 Immerzu!
Auch das ist eine Herzstärkung, mein Kind;
Holla! was macht der Junge da für Augen?
Am Ende gar – ich will nicht hoffen, Junge,
Daß es dir leid ist um die Staatsvisite!

Mutter Ach redet ihm nur einmal ernstlich zu;
Denn eben da Ihr kamt –

Nettelbeck (auf ihn zugehend)   Was soll's, Herr Querkopf?

Heinrich Ich bitt' Euch, laßt mich schweigen. Wozu führt's,
Zu streiten? Jeder bleibt bei seinem Sinn.

Nettelbeck (sieht ihn ernsthaft an)
Hör, Junge – –! Doch ich will mich nicht ereifern.
Du warst ja in Paris. Seitdem, versteht sich,
Ist unser Colberg nur ein Bettlernest,
Und ob die große Nation den Brocken
Auch noch in ihre große Schüssel wirft,
Was liegt daran? Gesegnete Mahlzeit! Wir –
Wir sind Weltbürger, ob wir nebenher
Colberger, Preußen, deutsche Männer sind,
Ein Narr, wen das bekümmert!

Heinrich                                         Ihr verkennt mich,
Bei Gott! Wenn noch ein Schein von Hoffnung wäre,
Dem Feind die Stirn zu bieten –

Nettelbeck                                       Halt, mein Sohn!
Pfeifst du aus dieser Tonart? Laß dir sagen:
Dergleichen weise Reden kennen wir.
Auf jedem Schiff hat's so ein paar Kamraden,
Die, wenn der Teufel los ist und die See
Schon Mast und Steuer hungrig eingeschluckt,
Dann, grade so wie du, von Weisheit triefen.
Wozu sich noch abrackern, sagen sie,
Da 's doch nichts hilft? Und werfen sich in Winkel
Und schieben noch ein Priemchen in die Backe,
Geh's drunter nun und drüber. Schande! sag' ich.
Das heiß' ich Männer, die die Arme rühren,
Solang ein Lappen Tuch zusammenhält;
Denn Wind und Wetter stehn in Gottes Hand,
Und eh man's denkt, kommt wieder stille See
Und guter Wind. Dann flickt man seine Schäden,
Wenn nur hier drinnen alles dicht geblieben.

Fünfte Szene

Vorige. Der Schiffer Franz Arndt (tritt, nachdem er angeklopft, herein)

Nettelbeck Herein! – Sieh da, Franz Arndt! Was führt Euch her?
Ich glaubt' Euch unterwegs nach Stockholm.

Arndt Noch nicht, Kaptän; hab' meinen Kurs geändert.
Der Kommandant –

Nettelbeck                     Was? Der?

Arndt                                             Schickt mich nach Memel
An unsern König, weil zu Land die Briefe
Nicht sicher gehn. Nun hab' ich fragen wollen,
Ob Ihr vielleicht was zu bestellen habt.
Ihr habt ja Freunde dort und Anverwandte.

Nettelbeck Die könnt Ihr grüßen, Arndt. Sonst aber – halt!
Da fällt mir was – Herr du mein Gott, das wäre!
Ja, das – Hört alter Freund, seid Ihr pressiert?

Arndt Nu, gut und gern ein Stündchen geht noch hin,
Bis sie mir Paß und Schriften ausgefertigt.

Nettelbeck (für sich)
Es muß geschehn, bei meiner Seel' es muß!
(laut) Arndt, kämt Ihr wohl hier wieder mit heran?
Ich hätte was –

Arndt                     Gern, Kaptän Nettelbeck.
Allzeit zu Diensten. Na adjes indessen! (ab)

Nettelbeck (immer halb für sich)
Rose, du sollst mir – Aber halt! der Junge
Braucht's nicht zu wissen. Frau Gevattrin,
Ich hab' mit Rose was allein zu reden!

Mutter (zu Heinrich)
Und ich mit dir, mein Sohn.
      (Winkt ihm, daß er ihr folgen soll. Beide ab nach links)

Sechste Szene

Nettelbeck. Rose

Nettelbeck (immer noch für sich)     So machen wir's!

Rose Was habt Ihr vor?

Nettelbeck                     Wir schreiben an den König.

Rose Wir?

Nettelbeck   Das heißt, ich. Du aber mußt mir helfen,
Denn du bist fixer mit dem Schriftlichen.

Rose Sagt nur, was wollt Ihr schreiben?

Nettelbeck                                           Unser König
Soll einen andern Kommandanten schicken.
Denn wenn er wüßte, wie's um Colberg steht –

Rose (läuft an den Sekretär, legt Schreibgerät zurecht)
O das – das gab der Himmel selbst Euch ein!
Da, setzt Euch, Pate!

Nettelbeck                       Ich? nein, lieber du;
Denn mir wird ohnehin ganz schlimm und schwül,
Sobald ich eine Feder –

Rose                                   Nein, Ihr selbst.
Ihr sagt's ihm besser, sagt's eindringlicher,
Als irgend wer. Was braucht es schöner Worte,
Wo unsre Not so laut zum Himmel schreit?

Nettelbeck (hat sich von ihr zum Sessel hinführen lassen)
Nun denn, so will ich drangehn.

Rose                                               Unter all
Den braven Feldherrn wird doch einer sein,
Der uns ein Retter werden kann. Ist nicht
Der Gen'ral Blücher –

Nettelbeck (schreibend)       Der sitzt in Stralsund.

Rose Doch Major Scharnhorst –

Nettelbeck                                 Den gebraucht der König.
Zerbrich dir nicht den Kopf; der König wird
Schon wissen, wen, wenn er nur unsern Alten
Uns erst vom Halse schafft. Doch stör mich nicht.

Rose (für sich) O wenn ich denke: unser hoher Herr
Und die geliebte schöne Königin
Zurückgedrängt an ihres Reiches Grenze,
Und nun die Hiobsposten Schlag auf Schlag,
Die Stadt gefallen, jene ausgeliefert,
Hier Kleinmut, dort Verrat, die Bundsgenossen
Uneins und feige, und das Schreckgespenst
Von dieses Kaisers Unbesiegbarkeit –

Nettelbeck (schreibt) – – »und aller gute Wille einer getreuen Bürgerschaft kommt zu kurz, sintemal unsere wohlgemeinten Anerbietungen immer damit abgefertigt werden, – man brauche die Bürger nicht, und sie hätten nichts dreinzureden« – –

Rose (ein Buch von ihrem Nähtisch nehmend)
Glückselige Jungfrau von Orleans,
Dich riefen deine Stimmen in den Krieg,
Und gläubig folgtest du! Dein Vaterland
Und deinen König durftest du befreien,
Dein Leben opfern für die große Sache.
Und ich, wenn ich mein Herzblut geben wollte –
Was nützt' es wohl? Wer nähm' das Opfer an?

Nettelbeck (schreibend) – »ersuchen deshalb inständigst unsern allergnädigsten König, daß er uns einen tapfern und erfahrenen Offizier senden wolle, an Stelle dieses alten« – (stockt)
Sag mal Rose,
Schickt sich das wohl, den alten Degenknopf
So gradewegs ein altes Weib zu nennen?

Rose (lächelnd) Der Amtsstil freilich scheint es nicht zu sein.

Nettelbeck Hast Recht. Und da ich nicht als Schiffskaptän,
Vielmehr als Bürgervorstand, sozusagen
Im Namen Colbergs – aber weiß der Henker,
's wird einem sauer, so das rechte Wort,
Das aus der Feder will, zurückzuschieben.
Was setz' ich nur dafür? Hilf mir doch Kind!
Studierst doch deinen Schiller nicht umsonst.

Rose Der läßt mich hier im Stich.

Nettelbeck                                 Na meinetwegen!
(schreibt) – »statt dieser alten Schlafmütz!« So! nun
Hab' ich mich diplomatisch ausgedrückt. Nur noch
Die Unterschrift (schreibt) »Ersterb' in tiefster Ehrfurcht« –

Siebente Szene

Vorige. Ein Gefreiter (mit zwei Mann Wache)

Gefreiter Herr Joachim Nettelbeck –

Nettelbeck (ohne aufzusehen)             Ist hier. Was soll's?

Gefreiter Es tut mir leid, doch hab' ich Order, Herr,
Euch in Arrest zu führen.

Rose (erstaunt)                       In Arrest?

Nettelbeck (fertig schreibend)
»In tiefster Ehrfurcht treugehorsamster
Bürgervorsteher Joachim Nettelbeck.«

Gefreiter Und zwar sofort und ohne Aufschub.

Nettelbeck (der nicht gehört hat)                         So!
Das wär' getan. Nun noch gesiegelt. (Sucht nach dem Petschaft)

Gefreiter                                               Hört Ihr?

Nettelbeck Was gibt's? (umblickend)
                            Ja so! Was bringt Ihr mir?

Rose                                                                   O Pate –

Gefreiter Ihr habt sogleich mir in Arrest zu folgen,
Herr Nettelbeck. Der Oberst –

Nettelbeck (aufstehend)                   In Arrest?
Der alte Nettelbeck? Hör, lieber Sohn,
Du bist wohl nicht bei Trost.

Gefreiter (die Achseln zuckend)       Bedaure sehr,
Doch meine Order –

Nettelbeck                       Sieh eins! Und warum?

Gefreiter Das weiß ich nicht. Doch merken konnt' ich wohl,
Ihr habt den Gouverneur sehr aufgebracht.

Nettelbeck Hab' ich? Das ist mir lieb. Ich dachte schon,
Der Alte sei durch nichts mehr aufzubringen.
Wenn der Franzos an deiner Pfeife sich
Die Lunt' anstecken wollte, pafft' er sie
Erst recht in Brand und griff an seine Mütze
Und sagte: Serviteur! Hm! Also doch!
Hab' ich ihm warm gemacht? Na dann geht hin
Und meldet ihm, es sei recht gern geschehn,
Und grüßt auch die Mamsell. (zu Rose) Du bring ein Licht.

Gefreiter Ich bitte nicht zu spaßen.

Nettelbeck (auf den Tisch schlagend)   Himmelkreuz,
Auch mir wird's außer Spaß!

Achte Szene

Vorige. Die Mutter (tritt hastig ein)

Mutter                                         Barmherziger Gott,
Soldaten!

Nettelbeck     Kommt, Gevattrin! Ja, was meint Ihr?
Wer hätte das von Nettelbeck gedacht,
Daß er den Gouverneur verführen wollte,
Die Festung zu verraten und dem Feind
Die Schlüssel für ein Trinkgeld auszuliefern?
Der Judas! Vor ein Kriegsgericht mit ihm,
Und hängen muß der Schurke Nettelbeck,
Wär' auch kein Strick in Colberg aufzutreiben,
Als nur das Schürzenband der Mamsell Flips!

Mutter Ist das erhört?

Rose (zum Gefreiten)     Es muß ein Irrtum sein.

Gefreiter Jungfer, ich bin Soldat. Ihr tätet besser,
Dem alten Ehrenmanne zuzureden,
Daß er den sauren Dienst mir nicht erschwert.
Ich kann ihm doch nicht helfen.

Nettelbeck                                     Nein, mein Sohn,
Ich hab' mir's überlegt. Der Nettelbeck
Hat mancherlei Quartiere schon bewohnt,
Nur in Arrest hat er noch nicht gesessen,
Und alles muß ein junger Mensch versuchen.

Rose Es darf, es kann nicht sein!

Nettelbeck                                 Still, Kinder! Gebt
Mir noch 'nen Danz'ger auf die Fahrt, Gevatt'rin.
Ein gut' Gewissen und ein guter Schnaps –
Ihr wißt wohl. Schenkt den Leuten auch ein Gläschen.
(Zum Gefreiten)
Ihr mögt nicht? Wie Ihr wollt. Und jetzt– Was Teufel!
Die Feuerglocke!

(Draußen Glockengeläute und Lärmen. Rose läuft ans Fenster)

Rose                         Alles rennt hinab
Der Vorstadt zu –

Nettelbeck                   Wir haben West-Süd-West.
Was mag nur wieder –

Neunte Szene

Vorige. Würges (rasch eintretend)

Würges                             Dacht' ich's doch! Da ist er.
Kommt, alter Freund! Man sucht Euch überall.
Es brennt.

Nettelbeck       Wo brennt's?

Würges                                 Nicht weit vom Mühlentor.
Bei Lorenz Rungen. Eine Bombe flog –
Kaum war der Parlamenter aus der Stadt –
In Rungens Dachstuhl – blautz und krach!

Nettelbeck                                                     Der Sünder!
Erst gestern sagt' ich ihm: schaff deine Gerste
Vom Boden weg! Und justement sein Haus?

Würges Ja ja! Der Herr Franzose fuhr vorbei
Und sah sich's an und sah, daß dicht dabei
Der Pulverturm –

Nettelbeck                 Herrgott, da muß ich hin;
Sonst, bei der lahmen Spritzenwirtschaft –
      (Er will eilig hinauf. Der Gefreite vertritt ihm den Weg)

Gefreiter                                                       Halt!

Nettelbeck Ja so! Das hätt' ich fast vergessen. Denkt nur,
Was man erlebt: da soll ich in Arrest,
Bloß, weil ich mit dem Franzmann deutsch gesprochen.

Würges Ei was nicht gar!

Nettelbeck                     Na, lieber Sohn, du siehst –
Hernach recht gern. Jetzt hab' ich mehr zu tun.

Gefreiter Ich muß sehr bitten –

Würges                                   In drei Teufels Namen,
Da wird man auch noch lange parlamentern! (Geht eilig hinaus)

Nettelbeck (tritt auf den Gefreiten zu, faßt ihn am Kopf)
Hört, Herr Gefreiter, allzuscharf macht schartig.
Ob es dem preußischen Staate nützlich ist,
Daß ich auf Latten liege, weiß ich nicht.
Doch, daß es ihm durchaus nicht nützlich ist,
Wenn unser Pulverturm zum Kuckuck fliegt,
Das weiß ich ganz gewiß, und das begreift
Am End' auch so ein – Milchbart.

Gefreiter                                           Herr, ich habe
Gemessensten Befehl –

      (Lärm auf der Straße):   Hoch Nettelbeck!
Gebt Nettelbeck heraus!

Zehnte Szene

Vorige. (Die Tür wird aufgerissen. Man sieht) Würges (vor der Schwelle stehn, hinter ihm Volkshaufen)

Würges Holla! Da wären wir, um anzufragen,
Ob Ihr Euch nicht die Freiheit nehmen wollt,
Ein bißchen mitzulöschen. Laßt doch sonsten
Nicht gerne was anbrennen.

Gefreiter (zu Nettelbeck)               Euer Amt
Und Eure Bürgerpflicht gebieten Euch –

Würges Was? Will das Bürschchen Nettelbecken lehren,
Was Bürgerpflicht? Der Tausendsappermenter!
Nein, Kind, ich bin ein alter Militär,
Und hab' vordem beim Regiment Schwerin
Auch wohl die Bürger mehr als gut kuranzt.
Doch der Soldat von damals war noch was,
Der hat den preußischen Staat erst aufgebaut,
Und wenn der Kamm ihm schwoll, so war es menschlich.
Ihr aber, was tut ihr? Ihr lauft davon – –

Gefreiter Herr! –

Würges               – daß der alte Fritz im Grabe sich
Umdrehte, wenn er was von Jena hörte
Und Auerstädt und Magdeburg und Stettin.
Und dafür noch Respekt und Fuchtelküssen?
Nein, setzt es Prügel, lieber doch vom Feind,
Als erst von euch, ihr Herrn, und hinterdrein
Erst recht vom Feind. So, meinethalben kannst du
Das rapportieren.

Nettelbeck (vortretend)   Stille, Kinder, still!
Drum laß mich jetzt zum Feuer. Wenn's gelöscht ist,
Stell' ich mich selber pünktlich zum Arrest.
Bist du's zufrieden? (Gefreiter schweigt)

Würges                         Nichts da von Arrest,
Fort mit der Wache!

Nettelbeck                     Kinder, laßt euch sagen –

(Während die Bürger drohend zustimmen, schweigt das Glockengeläute, das schon zuletzt immer schwächer geworden ist)

Elfte Szene

Vorige. Franz Arndt (drängt sich durch das Volk)

Arndt Platz! Kaptän Nettelbeck hat mich bestellt.

Nettelbeck Schon fertig, Arndt? Die Rose wird Euch geben;
Ich muß zum Brand. (Will gehen)

(Der Gefreite ist indessen an den Schreibsekretär getreten, nur von Rose bemerkt, und hat einen Blick auf das offen daliegende Schreiben geworfen)

Arndt                             Komm' eben davon her;
Ist nicht der Rede wert mehr, denn der Wind
Hat umgesetzt.

Nettelbeck             Nun, Gott sei Lob und Dank!
So geht nach Hause, liebe Freund' und Nachbarn;
Wir kommen jetzt hier schon allein zurecht.

(Die Leute auf der Straße zerstreuen sich)

Rose Mein Herr Gefreiter –

Gefreiter (den Brief in der Hand)   Lassen Sie mich, Jungfer!

Nettelbeck (der mit Würges und Arndt gesprochen hat)
Nun seht ihr wohl – doch reinen Mund! Auch denk' ich,
Man wird mir wohl erlauben, den Arrest
Hier einzusitzen –

Rose                           Pate, Euer Brief –

Nettelbeck Ha, schnüffelt mir der Spitzbub' – Herr Gefreiter,
Was untersteht Ihr Euch –?

Gefreiter                                   Ich darf nicht dulden,
Daß Ihr als Arrestant Komplotte schmiedet.

Rose Das Schreiben ward noch vorher aufgesetzt.

Gefreiter Gleichviel! Es darf aus dem Arrest heraus
Nicht abgesendet werden ohn' Erlaubnis
Des Kommandanten –

Würges                               Bomben und Granaten!
Ich will dem Bürschchen – (Zieht den Säbel)

Gefreiter (ebenfalls ziehend, heftig)   Kommt, Ihr habt noch was
Auf meinem Kerbholz von vorhin. (Sie wollen handgemein werden)

Nettelbeck (dazwischentretend)               Steckt ein!
O schämt euch alle beide! Wetter auch!
Der Feind vorm Tor, und die ihn schlagen sollten,
Landsleute, Brüder, brechen sich die Hälse
Zum Zeitvertreib? Steckt ein, ins Herrgotts Namen!
Ihr aber bringt den Fetzen Eurem alten –! (hustet)
Mir ist es gleich, er liest nichts Neues drin.

Gefreiter Ich will mir neue Instruktionen holen,
Herr Nettelbeck, ob ich im Hausarrest
Euch lassen darf. Doch erst versprecht Ihr mir,
Nicht einen zweiten Brief, wie den, zu schreiben.

Nettelbeck Du bist ja mächtig akkurat, mein Sohn.
Nein, daraus kann nichts werden.

Gefreiter (kommandierend)                   Angetreten!

Rose (rasch und leise zu Nettelbeck)
Tut's, Pate, tut's! Ich steh' für alles ein.

Nettelbeck Blitzmädel! Du? Was willst du –? Na, mein Sohn,
Es bleibt dabei, ich schreibe keinen Brief.

Gefreiter Ich dank' Euch! Gewehr auf!

Würges                                               Und marsch mit euch!

(Gefreiter und Wache ab)

Zwölfte Szene

Vorige (ohne die Soldaten)

Nettelbeck (zu Rose) Nun sag in aller Welt –

Arndt                                                       Wie nun, Kaptän?
So fahr' ich ohne Brief?

Rose Mich nehmt Ihr mit.
Ich geh' zum König.

Würges                         Bomben und –

Nettelbeck                                           Du selbst?

Mutter O Kind, das ist dein Ernst nicht!

Rose                                                     Freilich, Mutter,
Mein heiliger Ernst. Der Pate soll sein Wort
Nicht brechen, doch der König muß erfahren,
Daß wir verloren sind, wenn er nicht hilft.

Mutter Bedenk, nach Memel, an den Hof! Was willst du
Zum König sprechen? Pate, leidet's nicht!
Und jetzt, Hals über Kopf – wenn wenigstens
Der Schiffer warten könnte bis ich dir
Dein bißchen Wäsch' und Kleider –

(Arndt zuckt die Achseln. Rose läuft nach dem Schrank, nimmt einen Hut und ein Tuch heraus)

Mutter                                                 O Gevatter,
Das habt nur Ihr dem Mädchen, Ihr allein
So in den Kopf gesetzt!

Nettelbeck                         Ich? – Mutter Blank,
Das hat dem Kind ein Höh'rer eingegeben.
Ihr aber kommt mir vor wie eine Henne,
Die 'n junges Entenküken ausgebrütet
Und jammert, wenn die Brut aufs Wasser geht.
Laßt sie nur ziehn, so wie sie geht und steht;
Der König, wie der Herrgott, sieht aufs Herz,
Nicht auf die Garderobe. Sag ihm nur,
Ich ließ' ihn grüßen, und die alte Schlafmütz' –

Rose Still, Pate; denkt an Euer Wort: Ihr dürft
Nicht komplottieren im Arrest.

Nettelbeck                                   Ha, ha!
Hast Recht, mein Kind. Das ist mir eine saubre
Verschwörung: mit dem eignen Herrn und König!
Na immerzu! So nehmt sie hin, Franz Arndt;
Ich binde sie Euch auf die Seele.

Mutter (sie umarmend)                       Reise
Mit Gott, mein Töchterchen!

Rose (in der Türe, mit dem Schiffer)   Leb' wohl, – lebt wohl!

Nettelbeck Was meint Ihr, Würges: ist die Stadt verloren,
Solang' sich noch sogar im Unterrock
Freiwillige stellen, wie dies Wetterkind?
O Zeit, wo Männer alte Weiber werden
Und Weiber ihren Mann stehn! Na, Gott besser's!

(Der Vorhang fällt)


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