Paul Heyse
Colberg
Paul Heyse

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Dritter Akt

Marktplatz. Im Hintergrunde die Marienkirche. Rechts das Kommandantenhaus mit einer Rampe, zu der einige Stufen hinaufführen. Schildwachen unten rechts und links von der Rampe.

Erste Szene

Schröder und Heinrich (kommen von links)

Schröder Ja, ja, Herr Blank, es geht zu Ende.

Heinrich (hastig und aufgeregt)                       Hab' ich's
Nicht gleich gesagt?

Schröder                       Seitdem der tück'sche Wind
Es mit dem Franzmann hält und Brot und Pulver
Nicht in den Hafen läßt, kann nur der Wahnsinn
Auf Rettung hoffen. Just vor einer Stunde
Sprach ich den Bauer Klas; ich kenn' ihn gut;
Mein Vorwerk liegt nur einen Hundeblaff
Von seinem Hof. Der war hereingeschlichen,
Um eine alte Forderung einzutreiben,
Und mußt' mit leeren Händen wieder gehn.
Herr Schröder, sagt' er, ihr hier in der Stadt
Könnt's noch mit ansehn, weil ihr hinter Schloß
Und Riegel sitzt. Wenn's Bomben hagelt, kriecht
Ihr in die Keller; kommt's zum Schlimmsten, geht ihr
Zur See und laßt dem Feind das leere Nest.
Wir aber auf dem Land – 'ne Schnecke, die
Man aus dem Hause riß, ist nicht so wehrlos,
So mutternackt wie wir.

Heinrich                             Gott sei's geklagt!

Schröder Die Plackerei, das Schinden Tag und Nacht,
Dem Feind noch helfen müssen, Knecht und Pferd
Und Rock und Hemd hergeben – und so weiter.
Klas, sagt' ich, meinst du, daß wir in der Stadt
Auf Rosen liegen? Gestern zum Exempel
Kommt – ich war nicht zu Haus – der Jürgen Smidt,
Der Tischlermeister, kommt zu meiner Frau
Und klagt ihr, daß sein gutes Weib gestorben,
Am Festungsfieber, wie er's nannt', – am Hunger.
Sie darbte sich vom Mund den Bissen ab
Für ihre Vier, die stets nach Brote schrien.
Der Mann, hätt' er's gemerkt auch, konnt's nicht ändern.
Verdienst ist keiner, Dienst bei Tag und Nacht.
Wenn das noch lange dauert, sprach der Smidt –
Und ein Gesicht dazu, sagt meine Frau,
Ihr war's. wie in ein offnes Grab zu sehn, –
So rudr' ich meine Vier ins Meer hinaus
Und draußen – Gott verzeih' mir meine Sünde! –
Auf einmal über Bord den ganzen Jammer! –
Sie gab ihm, was sie hatte; viel war's nicht.
Denn wo nimmt's Unsereiner her? Die Stadt
Ist bankerott auf hundert Jahre.

Heinrich (der inzwischen in heftiger Bewegung vor sich hin gesonnen, plötzlich auffahrend)
                                              Schröder,
Ihr seid ein Bürgervorstand. Ich beschwör' Euch
Bei Eid und Pflicht, kommt mit aufs Rathaus, sagt
Dies alles, so wie mir, dem Bürgermeister.
Den Rat soll er versammeln, daß die Stadt
Einmütig –

Schröder (ihn unterbrechend)   Freund, kennt Ihr den Bürgermeister?
Den hat der Nettelbeck im Sack, und so
Den ganzen Rat. Soll ich mir's Maul verbrennen?
Wenn Ihr bergab 'nen Wagen rollen seht
Mit vier tollwüt'gen Hengsten, werdet Ihr
Die Deichsel fassen wollen?

Heinrich                                   Schande, sag' ich,
Daß jeder sieht und fühlt und weiß, was not tut,
Und jeder hinterm Nachbar sich verkriecht!
Wer, wenn die Stadt zusammenhielte, risse
Sie in den Abgrund fort? Jetzt noch sich wehren!
Europa zittert vor dem Allgewalt'gen,
Kaiser und Kön'ge lauschen seinem Wink,
Und wir allein, dies winz'ge Häuflein Narren,
Wir trotzen fort, dem Halbgott, dem der Himmel
Der Herrschaft Stempel auf die Stirn gedrückt!

Schröder Ihr habt nur allzu recht. Ich war, Ihr wißt's,
Von je dagegen. Da heißt's gleich, man sei
Kein Patriot, man zag' um Hab' und Gut.
Nun, seine Reputation liegt jedem
Am Herzen.

Heinrich             Mehr als Pflicht und Recht und Mitleid
Mit tausendfält'gem Elend? Ich – Gott weiß es! –
Nie hing ich am Besitz. Was mein ist, gäb' ich
Mit Freuden hin, könnt' ich die Stadt erretten,
Und selbst der Nächsten Lieb' und gute Meinung,
Ich opfre sie, – gleich jetzt. Ich geh' aufs Rathaus;
Verlaßt Euch drauf, ich schaffe mir Gehör.

Schröder Geht lieber gleich (auf das Kommandantenhaus zeigend)
                                  dort vor die rechte Schmiede,
Wo unser Wohl und Weh geschmiedet wird.

Heinrich Mit dem hernach, und hoffentlich alsdann
Aus anderm Ton, und hinter mir die Stadt.

Schröder (ihm die Hand reichend)
Wenn alle dächten so wie Ihr und ich –

Heinrich Vordenken muß man den Gedankenlosen,
Vorsprechen und Vorhandeln, und das will ich,
Solang' ich Atem habe.

Schröder                           Lebt denn wohl!
Gott gebe, daß es glückt. Ich muß zum Hafen.

(Er entfernt sich nach rechts, Heinrich nach links)

Zweite Szene

Arndt (einen Mantelsack über der Schulter, wie von der Reise, kommt mit) Würges (von rechts)

Würges Nun, alte Wasserratte, wieder binnen?
Ein stürmischer Sonntag, Freundchen, und mir schwant,
Es gibt noch andern Sturm heut als von seewärts.
Die gottverdammten Parallelen sind
Uns über'n Hals gerückt, seitdem Ihr fort war't;
Da war kein Halten mehr.

Arndt                                   Ich bin heilfroh,
Daß ich noch gestern gut vor Anker kam.
Heut müßt' ich draußen vor der Reede kreuzen,
Denn um die Riffe heult die See wie toll,
Und schwerlich fänd' ich Lotsen.

Würges                                           Ja, Franz Arndt,
Es geht zu Land und Wasser nicht mehr glatt.

Arndt Was macht der Nettelbeck? Wo steckt er wohl?
Hab' ihm aus Riga ein Paar Juchtenstiefel
Für Schleus'- und Dammgeschäfte mitgebracht;
Die halten schon was aus. (Seinen Sack öffnend)

Würges                                 Ja, unser Alter!
Den kennt Ihr gar nicht wieder. Wenn Ihr wo
'nen jungen Menschen trefft, der vor sich hin
»Freut euch des Lebens« pfeift, wenn rings um ihn
Die Bomben krachen – das ist Nettelbeck,
Ihr könnt drauf schwören. Wißt Ihr auch warum?
(Ihm ins Ohr) Weil er verliebt ist.

Arndt                                             Was Ihr sagt! der Alte?
Nu, zuzutrauen wär's ihm schon. Doch sagt:
In wen? Doch nicht – die Rose?

Würges                                           Wär' nicht dumm,
Doch die ist's nicht; 's ist gar kein Frauenzimmer.

Arndt Ihr spaßt!

Würges             Wenn Ihr's nicht weiter sagen wollt:
Er ist verschossen in den Kommandanten,
Den Gneisenau. Er denkt und spricht nichts mehr
Als Gneisenau. Na, unrecht hat er nicht;
Denn 's ist ein Mann recht nach dem Herzen Gottes.
Ihr werdet Augen machen, wenn Ihr hier
Die Werke seht, Bastionen, Wälle, Schanzen,
Wie der das Ding in Schick gebracht. Der Wolfsberg,
Von dem vorzeiten kaum die Rede war,
Um den hat's einen Kampf gesetzt, als wär's
Ein zweites Colberg: Sturm und abgeschlagen,
Und wieder Sturm und wieder abgeschlagen,
Bis wir das Mordloch endlich räumen mußten.
Indessen war der Hauptzweck doch erreicht,
Die Festung aus dem Gröbsten restauriert,
Die Wälle neu armiert, und was noch sonst
Vonnöten war. Ich selbst muß sagen, Arndt,
Der Gneisenau versteht's. Und nebenbei
Hat er auch Sentiments. Denn wie wir gestern
Dem Waldenfels, Dombrowsky und den andern,
Die bei dem letzten Wolfsbergsturm gefallen,
Die Ehrensalven übers Grab geschossen,
Da sah ich, wie der Kommandant sich selbst
Umdrehte, weil's ihm naß ins Auge kam.
Er hat ein Herz für jeden, ganz gleichviel,
Ob Bürger, ob Soldat. Wer seine Pflicht tut,
Dem ist er wie ein Vater.

Arndt                                   Kann doch alles
Nichts helfen, Würges. Endlich muß es hier
Doch biegen oder brechen.

Würges                                   Brechen? Ja!
Doch biegen? nein! und helfen hilft es wohl.
Seht, Freundchen, wenn ich heut als braver Kerl
Die Lunte werfe in den Pulverturm,
Um ihn dem Feind nicht in die Hand zu liefern,
Und meine Glieder mir am jüngsten Tag
Aus allen Winkeln muß zusammenlesen,
So hilft das allerdings; denn es beweist,
Daß nicht, wie es wohl manchmal scheinen möchte,
Die braven Kerls heut ausgestorben sind!
Und wie der alte Fritz sagt –

(Die Glocken fangen an zu läuten)

Arndt                                       Ich muß fort;
Doch wenn Ihr Nettelbecken –

Würges                                         Hört Ihr wohl?
Da läuten sie zur Kirche. Dacht' ich doch,
Choräle singen sie jetzt nur für Weiber;
Da aber kommt auch eine Mannsperson.

Dritte Szene

Vorige. Frauen (von links, in die Kirche gehend). Der Rektor mit Schulknaben (die paarweise vor ihm hergehen)

Würges Paßt auf, Franz Arndt, den Schwarzen angl' ich mir.
Herr Rektor! (Zipfel tut, als höre er nicht)
                    Rektor Zipfulus!

Zipfel (stehen bleibend)                   Ich bitte,
Ich schreibe mich Zipfelius. Ihr sollt
Mir meinen Namen nicht barbarisieren.

Würges Haha! Fällt mir nicht ein, Euch zu barbieren.
Ich wollt' nur fragen, ob die alten Heiden
Auch Sonntags in die Kirche gingen.

Zipfel                                                   Wie?
Die Heiden? Sonntags? Das ist barer Nonsens.

Würges Ich weiß nicht, was das für ein Ding ist, Herr,
Das aber weiß ich, daß Ihr so ein Ding seid.
Denn seid Ihr nicht ein alter Heid' und geht
Doch Sonntags in die Kirche? He? Wird etwa
Von Euren alten Götzen drin gepredigt?
Hehe! (Zu Arndt) Paßt auf, wie er jetzt anbeißt!

Zipfel                                                                 Herr,
Ihr wollt mich schrauben. Eurer Ignoranz
Verzeih' ich manches hinterm Glase Bier;
Doch öffentlich, coram discipulis

Würges Ich koramier' Euch nicht, Herr Zipulis.

(Zipfel will antworten, zuckt aber nur die Achseln und wendet sich zum Gehen)

Würges Geht nur! Man weiß, warum Ihr's eilig habt
Mit Eurem frischgebackenen Christentum.

Zipfel (bleibt stehen)
Was soll das, Herr? Was meint Ihr?

Würges (zu Arndt)                                 Nämlich, Nachbar,
Der Gneisenau hat vom Feind sich ausbedungen,
Daß er am Sonntag beim Bombardement
Nicht auf die Kirche zielt. Da hat der Pastor
Nun mächtig Zulauf, stets die Kirche voll.
Selbst alte Heiden können's kaum erwarten,
Daß hier geläutet wird. Ich kenne manchen,
Der sonst nicht viel vom Katechismus hielt;
Dem ward sein Glaube plötzlich bombenfest!

Arndt Haha! Spaßvogel!

Zipfel                           Herr, was geht's Euch an,
Was ich glaub' oder nicht?

Würges                                   Mich? Ganz und gar nichts.
Ich hab' den Glauben meines Königs; jeder
Kann selig werden ganz nach eigener
Fasson. Wünsch' gute Andacht.

Zipfel (würdevoll)                             Mit Gesinnung
Zu prahlen lieb' ich nicht. Zur rechten Stunde
Wird es an mir nicht fehlen. (Geht langsam in die Kirche)

Würges                                     Bücherwurm!
Schweinslederseele!

Arndt                           Sonst ein wackrer Herr.

Würges Ja sonsten, wo er im Ratskeller uns
Vorschwadronierte, daß uns grün und blau ward,
Jetzt ist er still geworden. Denn jetzt fragt man:
Bist du ein Mann? – nicht: weißt du, wie ein Mann
Auf griechisch heißt? – Doch seht, die Offiziere!
Der Kriegsrat ist zu Ende.

Vierte Szene

Vorige. (Aus der Tür des Kommandantenhauses treten, im Gespräch, eine ansehnliche Zahl von Offizieren, kommen die Treppe herunter und gehen links und rechts über den Markt. Unter ihnen) Brünnow

Würges                                 Pst! Herr Leutnant!

Brünnow Wer ruft? Ah, Würges, Ihr!

Würges                                             Sagt doch einmal,
Ist unser Nettelbeck beim Kommandanten?

Brünnow Er rief ihn eben, da er uns entließ.

Würges (ihm eine Prise bietend)
Es scheint, das Wasser rückt uns an den Hals.

Brünnow Je nun, so lang noch Danzig unbezwungen
Und von Stralsund her Hoffnung auf Entsatz –

Würges Wenn wir uns nur nicht fast verschossen hätten!
Sollt sehn, die gottverdammten Engelländer
Die lassen uns mit ihrem Pulver sitzen.

Brünnow Das wäre freilich schlimm. Doch ich muß eilen,
Zu meinem Korps zu kommen. Guten Tag,
Herr Würges! (Geht nach links)

Würges               Nehmt mich mit! (Zu Arndt) He, Freundchen, kommt!
Wenn Nettelbeck bei seiner Liebschaft ist,
Wird ihm die Zeit nicht lang. Da könntet Ihr
Hier Schildwach stehn bis an den Nachmittag. (Ab mit Arndt)

Fünfte Szene

(Es kommen wieder Kirchgänger, besonders Frauen und Kinder. Zuletzt) Rose. (Das Geläut hört auf. Dann) Nettelbeck

Rose (bleibt stehen und nähert sich dann einer der beiden Schildwachen am Kommandantenhause)
Sagt, ist Herr Nettelbeck im Hause droben?

Soldat Ja, Jungfer.

Rose                     Bleibt er lang?

Soldat                                         Ich weiß nicht, Jungfer.

Rose Ich dank' Euch. (Kommt langsam in den Vordergrund)
                          Ich will warten, bis er kommt.
Wie könnt' ich heut auch in die Kirche treten,
So andachtlos und traurig wie ich bin!
Wär' ich der innern Stimme nur gefolgt
Und hätte längst dem Paten meinen Kummer
Vertraut, es wäre nicht so weit gekommen!
Gottlob, da ist er!

(Nettelbeck tritt aus dem Kommandantenhause und bleibt an der Schwelle stehen)

Nettelbeck (ins Haus hineinsprechend)   Seid nur ohne Sorgen!
Was menschenmöglich ist, das wird geschehen.
Ich rapportier' Euch gleich aus Bastion Preußen.
      (Hinaustretend, für sich)
Ich Tor hab' mit dem Himmel einst gehadert,
Als er den Sohn mir früh genommen. Jetzt
Erkenn' ich: es war gut. Dem Jungen wär'
Sein Pflichtteil Vaterliebe kaum geblieben,
Seit dieser prächt'ge Mann das Herz mir stahl.
      (Kommt die Stufen herunter, sieht in die Luft)
Noch immer Süd-Süd-Ost! Das ist nicht gut.
Wer weiß, an welchen Küsten unser Pulver
Herumkreuzt. – Rose, Wetterkind, du hier?

Rose Ich hab' auf Euch gewartet, lieber Pate.
Ihr müßt mir helfen.

Nettelbeck                     Nun natürlich! Mir
Fehlt's ohnehin an Arbeit. Na, was gibt's?
Was macht die Mutter?

Rose                                 Ach, Ihr kennt sie ja.
Sie schwebt in hundert Ängsten Tag und Nacht,
Und seit die Gertrud neulich auf dem Markt
Getroffen ward von einem Bombenstück,
Hat sie sich nicht mehr vor die Tür gewagt.
Doch was das Schlimmste: Heinrich –

Nettelbeck                                               Will der Querkopf
Sich noch nicht geben?

Rose                                 Seit dem Tag, wo ich
Von Memel wiederkam, hat er das Haus
Nicht mehr betreten, außer wenn ich fern war.
Er schläft in seinem Speicher! Trifft er mich
Zufällig auf der Straße, sieht er weg.
Ach, Pate, muß die schwere Prüfungszeit
Die nächsten Herzen voneinander reißen?

Nettelbeck Sieht weg? Der Hansnarr, der für solche Schwester
Dem Herrgott sollt' auf seinen Knieen danken,
Sieht weg? Den soll doch gleich –

Rose                                                 Sprecht Ihr mit ihm!
Der Mutter bricht's das Herz. Denn auch zu ihr
Ist er so rauh und fremd. Und doch, ich weiß,
Ihm ist nicht wohl dabei!

Nettelbeck                           Der Hochmutsteufel
Steift ihm den Nacken. Was sich nicht will schicken
Nach seinem Kopf, das schimpft er Narrenkram.
Ei freilich, er versteht's! Wir Alten sind
Pfahlbürger, ob uns auch in Ost und West
So mancher Wind schon um die Nase ging,
Als er noch in der Wickel lag. Der Großhans,
Weil er Französisch schnackt und in Paris
Den Bonaparte sah,– doch wart'! Dem woll'n wir
Was ganz Apartes sagen!

Sechste Szene

Vorige. Schröder (eilig von rechts)

Schröder                               Nettelbeck! –
Euch sucht' ich just.

Nettelbeck                   Was soll's?

Schröder                                       Das Schiff ist da,
Das englische, mit Munition.

Nettelbeck                               Gelandet?
Nun Gott sei –

Schröder               Nicht zu früh mit Eurem Loblied!
Es kreuzt ohnmächtig auf der Außenreede,
Und von den Lotsen keiner will in See.

Nettelbeck Die Lotterbuben! Wart', die sollen mir –

Schröder Ja, drohen hilft da nichts. Denn nie wie heut
Sah ich die Brandung um die Riffe toben,
Und, sagen sie, jetzt wär's doch einerlei:
Was soll das Pulver noch, seit Danzig –

Nettelbeck (erschrocken einfallend)                 Danzig?

Schröder Kapituliert, ja, ja! 's ist aus.

Nettelbeck                                       Wer sagt das?

Schröder Der Schiffer Albrecht, der von Danzig eben
Zurück ist. Seinen Kutter ließ er draußen
Und kam im Boot herein, der Unglücksrabe.

Nettelbeck Das kannst du doch nicht wollen, Herr mein Gott!
      (Steht in tiefer Erschütterung)

Schröder Fragt selber nach. Ich muß nach Haus, mein bißchen
Wertsachen einzupacken; denn nun heißt's:
Es rette sich, wer kann! (Eilig ab nach links)

Rose                                   Pate, was nun?

Nettelbeck (aus seinem Brüten aufstarrend)
Ich muß nur gleich den Gneisenau – doch nein,
Am Hafen brauchen sie mich nöt'ger. Nachbar,
Sagt Ihr dem Kommandanten – was? schon fort?
Ein saubrer Bürgervorstand! Höre, Kind,
Ich muß zum Hafen. Wenn die Jungens dort
Mich sehn, so soll'n sie schon Courage kriegen.
Du aber bring die Hiobspost geschwind
Zum Gouverneur und sag ihm –

Rose                                               Pate, ich?

Nettelbeck Wer sonst? Der Posten dort darf nicht vom Fleck.
Sput dich und sag, ich sei hinaus und würd' ihm
Das Schiff zu bergen suchen, wenn die See
Auch höher ging' als der Marienturm.
O Danzig, Danzig! (Eilt nach rechts ab)

Rose                           Rettet nur das Schiff!
Die Stadt kann einzig noch ein Wunder retten.

(Sie geht rasch die Stufen hinauf. Währenddessen erklingt aus der Kirche ein kurzer Choralgesang mit Begleitung der Orgel)

Siebente Szene

Bürger (kommen von links, unter ihnen) Grüneberg, Geertz, Offiziere und Ordonnanzen (gehen die Treppe zum Kommandantenhause hinauf und eilig hinein)

Erster Bürger Wißt ihr von Danzig?

Zweiter Bürger                               Danzig ist gefallen!

Grüneberg Wenn's wahr ist! Viel Voreil'ges wird geschwatzt.

Erster Bürger Der Schiffer Albrecht sagt es und beschwört's.

Geertz Ja, ja, was schlimm ist, ist gewöhnlich wahr,
Nur mit dem Guten ist's ein blauer Dunst.

Grüneberg Ein übler Kasus. Weiß der Kommandant?

Geertz (auf die Offiziere deutend)
Die werden's ihm wohl melden.

Grüneberg                                     Hm! Und was
Sagt Nettelbeck?

Geertz                     Was ist noch viel zu sagen?
Wir sind kaput.

Grüneberg             Ich will aufs Rathaus.

Geertz                                                     Geht nur!
Doch guter Rat wird dort so teuer sein,
Wie hier.

Grüneberg     Ja leider!
      (Zu Heinrich, der eben von links wieder auftritt)
                            Wißt Ihr auch schon, Blank?

Heinrich (zerstreut)
Was?

Geertz       Danzig hat kapituliert.

Heinrich                                     Was sagt Ihr?

Geertz Nun schnürt man hier in Colberg uns erst recht
Die Kehle zu. Wir sind verloren!

Heinrich                                         Nein,
Und aber nein; wir atmen wieder auf!

Grüneberg Ihr seid ein seltsamer Politikus.

(andere Bürger von rechts und links)

Dritter Bürger Danzig ist über!

Vierter Bürger                         Colberg folgt ihm nach.

Dritter Bürger Was sagt der Kommandant?

Heinrich                                                   Ja, fragt ihn nur,
Fragt den Soldaten, was dem Bürger frommt:
Die Antwort trägt er auf der Degenspitze,
Denn weiter freilich reicht sein Auge nicht.
Ich hab' euch längst gewarnt und ward verhöhnt,
Verkannt, verlästert. Jetzt erlebt ihr's selbst.
War Danzig nicht die festre Stadt, nicht dort
Stärkre Besatzung? Doch ergab es sich.
Nur unser schwaches Nest soll erst in Glut
Und Blut ersticken, eh wir klüger werden,
Weil einem lorbeertollen Offizier
Die Stadt erst dienen kann zum Fußgestell
Für seinen Ruhm, wenn sie in Trümmern liegt.

Grüneberg Hört, junger Mann –

Geertz                                       Es soll uns niemand hier
Den Kommandanten schelten!

Grüneberg (zu Heinrich)                 Sagt ihm das
Mal ins Gesicht!

Heinrich                 Das wünscht' ich selbst. Denn mich,
Mich hat er nicht gekirrt mit großen Worten,
Wie Euch – und Euch. (Sich zu den Bürgern wendend)
                                  Doch hier die andern frag' ich:
Soll's dahin kommen? Seid ihr feige Knechte,
Die man dem Schlachtengötzen schlachten mag,
Nicht freie Männer, Manns genug, dem Tollen,
Der euch zum Abgrund schleift, ein »Halt!« zu rufen,
»Bis hierher und nicht weiter!« Ha, das Kreuz,
Das ihm sein Kriegsherr auf die Brust wird heften,
Wenn er den Moloch der Soldatenehre
Gesättigt hat mit eurer Kinder Blut,
Entschädigt's euch für jenes Kreuz der Leiden,
Das er auf eure zahmen Schultern wälzt?
Jawohl, nun murrt ihr, ballt die Faust im Sack,
Und alles bleibt beim Alten. Seid ihr Männer,
So wehrt euch, statt die Not und Schmach zu dulden!
Dort wohnt der Mann –

Grüneberg                         Ihr predigt Rebellion!

Heinrich Ich pred'ge Notwehr gegen die Gewalt.
      (Rose tritt aus dem Hause, bleibt oben auf der Rampe stehen)
Wer geht mit mir, ein freies Manneswort
Vor dessen Ohr zu bringen, der gewohnt ist,
Nur stumme Schergen in den Tod zu schicken?

Erster Bürger Wenn Ihr der Sprecher sein wollt –

Zweiter Bürger                                                   Ja, Herr Blank,
Stellt Ihr's ihm vor. Der bare Selbstmord wär's,
Noch fortzukämpfen.

Dritter Bürger                 Hören muß er uns;
Das kann er uns nicht wehren.

Vierter Bürger                               Ja, er muß
Ein Ende machen. Kommt! Zum Kommandanten!

Heinrich In Gottes Namen, folgt mir!

Achte Szene

Vorige. (indem Heinrich sich nach der Treppe wendet, erblickt er) Rose

Rose                                                   Folgt ihm nicht!
Folgt nur dem einen, der uns retten wird!
Wie? Hat die Stadt nicht ihrem Kommandanten
Gelobt, zu ihm zu stehn bis in den Tod,
Und nun auf einmal hätt' er dies Vertrauen
Verscherzt? Wodurch? Er sorgte Tag und Nacht
Und tat das Übermenschliche. Wir litten –
Ein jeder nur für sich, – er für uns alle.
Und dafür wollten wir statt alles Danks
Ihm den Gehorsam künd'gen und die Treue?
Nein, das kann nie geschehn! Das wär' ein Flecken,
Den alles Wasser unserer baltischen See
Nie wieder, nie von Colbergs Mauern spülte!

Heinrich Kennt einer dieses Mädchen? Ha, sie gleicht
Von fern der Rose Blank! Doch die ist's nicht.
Denn die war sittsam; diese hier ist keck.
Die war bescheiden, und die Fremde da
Geht dreist bei fremden Männern aus und ein
Und spricht auf offnem Markt vor allen Bürgern.
Wär' sie ein Kind der Stadt, so hätte sie
Ein Herz, das blutete beim Fall der Stadt.
Doch seit sie heimgekehrt vom Hof, geehrt,
Von königlichen Gnaden angestrahlt,
Träumt sie von höhern Dingen, eine Heldin,
Die nur mit Helden noch verkehrt –

Rose (ihm ins Wort fallend)                       O Heinrich,
Was sprichst du? Du bist außer dir; du weißt nicht,
Wie schwer du fehlst. Mein Pate Nettelbeck
Hat mich als Botin in dies Haus geschickt,
Dem Kommandanten Danzigs Fall zu melden.
Er hält soeben Kriegsrat. Stört ihn nicht,
Vertraut ihm –

Heinrich               Fort von dieser Schwelle, sag' ich!
Vertraun? Jawohl, auf unser gutes Recht,
Uns selbst zu helfen. Folgt mir!

Rose                                             O mein Gott!

Neunte Szene

Vorige. Gneisenau (tritt aus der Tür, hinter ihm zwei Adjutanten)

Gneisenau Was geht hier vor?

Grüneberg (der mit Geertz sich von den andern ferngehalten hat)
                                      Herr Kommandant –

Heinrich (auf der untersten Treppenstufe)                     Ich habe
Das Wort zu führen. Herr Major, Sie hielten
Soeben Kriegsrat. Darf die Stadt erfahren,
Was Sie zu tun beschlossen?

Gneisenau                                 Was die Ehre
Der Stadt erheischt und unsre Pflicht.

Heinrich                                                 Sie wissen,
Daß Danzig fiel. Es kann nur Ihre Pflicht sein,
Colberg zu retten.

Gneisenau                   Junger Mann, wer sind Sie,
Mich meiner Pflicht zu mahnen?

Heinrich                                         Ich? Ein Bürger,
Nichts mehr, nichts wen'ger. Doch zugleich der einz'ge,
Der hier zu reden wagt, wo alles schweigt.
Und so erfahren Sie: mit Knirschen trägt
Die Stadt das Joch der aufgezwungnen Ehre
Und will ein Ende machen. Wir verlangen
Frieden auf billige Bedingungen
Mit einem zehnfach übermächt'gen Feind,
Dem standzuhalten nur der Wahnsinn hofft.

Gneisenau (zu den Adjutanten)
Seltsam! Die Alten hier sind alle wacker,
Und nur die Jugend sehnt sich feig nach Ruhe.
Gehn wir!

Heinrich         Wie? feige? Nun bei Gott, ich hätte
Wohl Lust, Sie eines Bessern zu belehren,
Auf Kugelweite oder blanke Waffen.
Dies aber dünkte mir ein billiger Mut;
Der größre: meiner Meinung treu zu sein
Auf jegliche Gefahr. Ha, wär' ich feig,
Ich schwiege weislich, gleich den andern, ging'
Im Schlepptau mit und ließe die gewähren,
Die unser Colberg ins Verderben ziehn.

Gneisenau Ist niemand hier, ihn in sein Haus zu führen,
Daß er den Rausch ausschlafe?
      (Er steigt ruhig die Stufen hinab)

Heinrich (sich ihm in den Weg stellend)   Herr Major,
Nicht von der Stelle!

Gneisenau (ihn zurückstoßend)   Rasender, du wagst –?
So muß ich dich unschädlich machen. –
Wachen, Nehmt diesen Trunknen fest!

Heinrich (zurückfahrend)                             Wer rührt mich an?

Gneisenau (zur Wache)
Vorwärts!

Heinrich (ein Pistol ziehend)   Zurück! Hier diese Kugel dem,
Der sich vergreift an mir. Soll die Vernunft
In Colberg mundtot sein, indes der Wahnwitz
Das letzte Wort behält? (zu den Bürgern)
                                    Und ihr – ihr steht
Und duldet schweigend –

Gneisenau                             Wirf die Waffe weg,
Verblendeter! Du spielst um deinen Kopf.

Rose Heinrich!

Heinrich           Ich will Sie zwingen, mich zu hören,
Nichts weiter.

Gneisenau           Zwingen? mich? den Kommandanten?
Laß sehn!

(Tritt plötzlich auf ihn zu, faßt ihn am Arm, der Schuß geht los)

Gneisenau (Heinrich die Pistole entreißend und sie fortschleudernd)
                  Führt den Verbrecher in Arrest!

(Wachen nehmen Heinrich in die Mitte)

Rose Heiliger Gott!

Grüneberg und Geertz   Der Rasende, er schoß!

Bürger Auf unsern Kommandanten legt' er an!

Gneisenau Das Kriegsgericht tritt heute noch zusammen.
Hinweg! (Wendet sich zum Gehen)

Rose (vorstürzend)   Gnade!

Gneisenau                       Kein Wort mehr!

Rose O mein Bruder!

(Sie will sich ihm nähern, er wendet sich trotzig von ihr ab)

Zehnte Szene

Vorige. (während die Soldaten sich anschicken, Heinrich, der finster zu Boden starrt, abzuführen, drängt sich) Nettelbeck (hastig durch das Volk)

Nettelbeck Macht Platz! – Das Munitionsschiff, Herr Major,
Hätt' ich nun, Gott sei Dank, hereingelotst; –
Doch was ist das? Hier ward geschossen – Heinrich –

Gneisenau Ich dank' Euch, Nettelbeck. Jetzt ruft die Pflicht:
Dem Feind zu zeigen, daß uns Danzigs Unglück
Noch nicht entmutigt, daß zur rechten Zeit
Die See, die uns verbündet, Hilfe brachte.
Horch! Eben neu beginnt das feindliche
Geschütz zu spielen. Laßt den Gottesdienst
Durch diese Töne nicht zum Schweigen bringen;
Denn Mut und Kraft von oben tun uns not.
Geht, gute Fraun; die Männer folgen mir!

(Indem er sich rasch nach dem Hintergrunde wendet, tritt Nettelbeck zu Rose, die in Schmerz versunken unten an der Rampe steht. Unter fernem Kanonendonner wird die Orgel wieder angestimmt)

(Der Vorhang fällt)


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