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Fünftes Kapitel.

Mit Verwunderung bemerkten am andern Morgen ihre Freunde die Umwandlung, die mit ihr vorgegangen war. Die Pfarrerin konnte sich's nicht anders denken, als daß Marlenen durch die Wand ihr Gespräch zugekommen sei. Um so besser, sagte der Pfarrer; so hab ich ihr nichts mehr zu sagen.

Rührend war die Freudigkeit, mit der das Mädchen Clemens und den Eltern begegnete. Sie wollte nichts mehr, als zu ihnen gehören dürfen. Was ihr Liebes geschah, nahm sie fast bestürzt wie ein Unverdientes an. Sie sprach noch immer nicht viel, aber was sie sprach, war heiter und belebt. Ihr ganzes Wesen erschien hingegeben und weich, als wolle sie stumm Abbitte thun. Sie nahm wieder Clemens' Arm, wenn sie wanderten. Aber oft bat sie, daß sie ein wenig ruhen dürfe. Nicht weil sie müde war, sondern um dem Knaben die Freiheit zu lassen, herumzusteigen, wohin es ihn lockte. Sie lächelte dann, wenn er zurückkam und ihr erzählte. Ihre alte Eifersucht war vergangen, seit sie nichts mehr für sich verlangte, als die innige Freude an der seinen.

So gekräftigt und gehoben vollendete sie die Reise. Und sie war zur rechten Zeit gekräftigt worden. Denn als sie heim kam, fand sie ihre Mutter in schwerer Krankheit, der die schwache Frau in wenigen Tagen erlag. Nun, nachdem die ersten Wochen der Trauer überstanden waren, forderte das traurig veränderte Leben Pflichten von ihr, denen sie früher schwerlich gewachsen war. Die Sorge für das Hauswesen beschäftigte sie früh und spät. Trotz ihres Gebrechens wußte sie in jedem Winkelchen des kleinen Hauses Bescheid, und wenn sie auch selbst nur selten Hand anlegen konnte, war sie doch umsichtig und geschickt, Alles anzuordnen, daß es ihrem gebeugten Vater an nichts fehle. Eine wunderbare Hoheit und Sicherheit kam über sie. Wo es früher vielfacher Verweise bedurft hatte, um Knecht und Magd zum Rechten zu gewönnen, genügte jetzt ein ruhiges Wort von ihr. – Und war einmal etwas Arges versehen oder zu irgend einer Arbeit böser Wille vorhanden, so wirkte ein ernsthafter Blick mit den großen, blinden Augen unwiderstehlich auf die rohste Natur.

Seit sie fühlte, daß sie heiter sein müsse um ihres Vaters willen, seit sie begriff, daß sie wirken und das Leben selbst gestalten müsse, kamen auch die Stunden immer seltener, in denen sie die Trennung von Clemens schmerzlich empfand. Und als er endlich nach der Stadt in die Schule sollte, vermochte sie's, gefaßter als die Andern ihm Lebewohl zu sagen. Sie ging dann freilich wochenlang wie im Traum umher, als sei die beste Hälfte ihres Wesens von ihr geschieden. Bald aber war sie heiter wie sonst, sang ihre Lieblingslieder vor sich hin und scherzte mit dem Vater, bis sie ihm ein Lachen abgewann. Wenn die Pfarrerin herüber kam mit Briefen aus der Stadt und ihr Nachrichten und Grüße von Clemens vorlas, schlug ihr heimlich das Herz, und sie lag länger als sonst des Abends im Bett, ohne daß der Schlaf kommen wollte. Am andern Morgen war sie hellen Sinnes wie immer.

In den Ferien kam Clemens zu den Eltern zurück, und sein erster Gang war dann ins Küsterhaus. Marlene unterschied seinen Schritt schon aus der Ferne, blieb still wo sie war und horchte, ob er nach ihr fragen würde. Sie strich hastig mit den Händchen ihr Haar ein wenig glatt, das noch immer in Zöpfen über den schlanken Nacken hing, und stand auf von ihrer Arbeit. Trat er dann an die Thür, so war jede Spur von Aufregung aus ihrem Gesicht verschwunden. Heiter gab sie ihm die Hand und bat ihn, sich zu ihr zu setzen und ihr zu erzählen. Da vergaß er oft die Zeit und mußte von der Mutter geholt werden, die anfing mit ihm zu geizen. Denn selten blieb er die ganze Zeit der Ferien im Dorf, sondern wanderte ins Gebirge, an das ihn die wachsende Leidenschaft für die Natur fesselte.

Die Jahre gingen ihren einförmigen Gang. Die Alten welkten langsam, und die Jungen erblühten rasch. – Als Clemens einmal wieder um Ostern zu Marlenen kam und sie vom Spinnrad aufstand, staunte er, wie stattlich sie sich in der Zeit seit dem Herbste entfaltet hatte. Du bist ein Fräulein geworden, sagte er. Aber ich bin auch kein Kind mehr. Fühl nur, wie mir der Bart gewachsen ist über dem winterlangen Studiren. Sie erröthete flüchtig, als er ihre Hand ergriff und an sein Kinn führte, daß sie den zarten Flaum fühlen sollte. Er hatte ihr auch schon Anderes zu erzählen, als in der ersten Zeit. Der Lehrer, bei dem er wohnte, hatte Töchter und diese Töchter Freundinnen. Die mußte er ihr Alle aufs genaueste beschreiben. Ich mache mir nichts aus den Mädchen, sagte er. Sie sind albern und eitel und schwatzen so viel. Eine ist da, Cäcilie, die mag ich noch am besten leiden, weil sie wenig spricht und keine Gesichter schneidet, um schön zu sein. Aber was gehen sie mich Alle an? Neulich, wie ich Abends in mein Zimmer komme, find' ich einen Blumenstrauß auf dem Tisch. Ich ließ ihn so liegen und stellt' ihn nicht einmal ins Wasser, obwohl mich die Blumen dauerten, denn es verdroß mich; und andern Tags hatten die Mädchen ein Gekicher und Gezischel, daß ich kein Wort mit ihnen redete vor Aerger. Sie sollen mich zufrieden lassen, ich habe keine Zeit für ihre Narrheiten.

Marlene verlor keines von diesen Worten und spann ein endloses Gespinnst von wunderlichen Gedanken aus ihnen. Fast wäre sie in Gefahr gekommen, in unfruchtbaren Träumen hinzukränkeln, wenn nicht begründetere Sorge und ernsthafterer Schmerz sie gerettet hätten. Ihr Vater, der lange schon nur mit Anstrengung seinen Dienst versehen hatte, wurde durch einen Schlaganfall gelähmt, und lag fast ein Jahr im hülflosesten Zustande, bis ein zweiter Schlag seine Leiden verkürzte. Keine Stunde wich sein Kind von seiner Seite. Auch in den Ferien, die Clemens ins Dorf führten, gönnte sie sich nicht, ihn länger zu sprechen, als wenn er auf Viertelstunden in das Krankenzimmer kam.

Sie ward immer fester in sich, immer entsagender, Keinem klagte sie und hätte Keines bedurft, wenn ihre Blindheit ihr Alles selbst zu thun erlaubt hätte. Und dies ihr Unglück, das sie innerlich erzog, gewöhnte sie auch an häusliche Tugenden, die manche Sehende vernachlässigen. Sie hielt die genaueste Ordnung in allen Dingen, die sie zu verwalten hatte, und that sich nie genug in Sauberkeit, weil ihre Augen ihr nicht sagen konnten, wann das letzte Stäubchen entfernt war. Clemens empfand die tiefste Rührung, wenn er sie bemüht sah, ihren gelähmten Vater zu waschen und seine dünnen Locken zu kämmen. – Sie war blaß geworden in der heißen Luft der Krankenstube, aber die braunen Augen hatten darum nur tiefern Glanz, und in aller niederen Arbeit trat der Adel ihres Wesens nur lebendiger hervor.

Der alte Mann starb; in das Häuschen zog sein Nachfolger ein, und Marlene fand im Pfarrhause eine freundliche Zuflucht. Clemens, der indessen eine entferntere Universität bezogen hatte und nicht wie sonst zweimal des Jahres seine Heimath besuchen konnte, erfuhr dies Alles aus Briefen, die selten kamen, und die er unregelmäßig beantwortete. Zuweilen legte er einen Zettel an das Mädchen bei, in dem er sich gegen seine Art übermüthig scherzhaft geberdete und ihr fast wie einem Kinde begegnete, daß die Mutter den Kopf schüttelte und vor dem Vater davon schwieg. Marlene ließ sich diese seltsamen Briefchen ernsthaft vorlesen, bat sie sich aus und bewahrte sie. Als ihr Vater gestorben war, erhielt sie einen kurzen aufgeregten Brief, der weder tröstete noch ein Wort der Mittrauer enthielt, nur heftige Bitten, ihre Gesundheit zu schonen, stille zu sein, ihn genau wissen zu lassen, wie es um sie stehe. Das war im Winter und dieser Brief der letzte an Marlenen. Man erwartete auf Ostern einen Besuch des Jünglings. Er blieb aus und schrieb, er habe die Gelegenheit nicht versäumen dürfen, einen seiner Lehrer auf einer botanischen Wanderung zu begleiten. Der Vater war damit zufrieden, und Marlenen gelang es endlich, auch die ungeduldige Mutter zu beschwichtigen.

Unangemeldet kam er plötzlich um Pfingsten, zu Fuß, von einem starken Marsch vor Tagesgrauen nicht ermüdet, mit frischen Wangen und ein voller Mann. So trat er in die stille Wohnung, in der die Mutter allein ihr Wesen hatte; denn es war der Sonnabend vor dem Fest. Mit einem Freudenschrei hing ihm die überraschte Frau am Halse. Du? rief sie, als sie sich erholte und nun einen Schritt zurücktretend den lang Entbehrten mit vollem Blick der Liebe maß. Also kommst du doch noch, du Böser, du Vergeßlicher, und weißt noch den Weg zu Vater und Mutter? Gott sei gelobt! Ich dachte, du hättest dir in den Kopf gesetzt, nur als Professor dich wieder sehen zu lassen, wenn meine alten Augen sich vielleicht nicht mehr hier unten an dir freuen würden. Aber ich will dich nicht schelten; du bist brav, du bist der Alte, du machst mir ein Pfingsten, wie lange keins war, mir und dem Vater, uns Allen! – Mutter! sagte er, wie wohl ist mir, daß ich wieder hier bin! Es litt mich zuletzt nicht mehr da draußen; ich wußte selbst nicht, wie es kam, ich beschloß es nicht erst, ich mußte fort, eines schönen Morgens anstatt ins Colleg zum Thore hinaus, und bin drauf los gelaufen, als entliefe ich einer Sünde, Tagereisen, wie ich sie bisher noch nicht gemacht habe, so gut ich von jeher zu Fuße war. Wo ist der Vater? – wo ist Marlene?

Hörst du ihn nicht? sagte die Mutter. Der Vater ist oben im Predigtstübchen. – Sie hörten über sich den starken Schritt des Alten auf und ab. Es ist Alles wie es war, fuhr die Mutter fort. Das ist sein Sonnabendsgang die zwanzig Jahr, seit ich ihn kenne. Und Marlene ist im Feld mit unsern Leuten. Ich habe sie weggeschickt, denn sie läßt mir keine Ruhe. Wenn sie im Hause ist, hätte sie am liebsten, ich säße da im Winkel, die Hände im Schooß; sie thäte am liebsten Alles allein. Nun haben wir neue Knechte, und es ist mir lieb, wenn sie die Aufsicht führt, bis sie sich eingewöhnt haben. Wie wird sie staunen, dich hier zu finden? Aber komm, ich bringe dich zum Vater, nur daß er dich sieht; es ist auch bald Mittag. Komm, er wird nicht ungehalten sein, wenn du ihn störst.

Sie führte den Sohn, sacht voranhuschend, aber immer seine Hand in der ihren, das Treppchen hinauf. Leise öffnete sie die Thür, winkte Clemens, und selber zurücktretend, trieb sie ihn einzutreten. Da ist er! rief sie, da hast du ihn. Der Alte fuhr auf wie aus tiefen Gedanken. Wen? fragte er halb unmutig. Da sah er in das Gesicht seines Sohnes, das von der Sonne hell angeschienen war. Er streckte die Hand herzlich aus. Clemens! rief er, noch zwischen Ueberraschung und Freude; du hier! – Ich hatte Heimweh, sagte der Sohn und drückte warm die dargebotene Hand. Ich bleibe über das Fest hier, Vater, wenn noch Platz ist, seit Marlene unter eurem Dache ist. – Wie du so reden kannst! fiel die Mutter eifrig ein. Und wenn ich sieben Söhne hätte, ich wollte ihnen Platz schaffen. Aber ich lasse dich dem Vater; ich will in die Küche, in den Garten; sie haben dich in der Stadt verwöhnt, du wirst vorlieb nehmen müssen.

Sie war schon hinaus, als Vater und Sohn sich noch schweigend gegenüber standen. Ich habe dich gestört, sagte endlich Clemens. Du bist in der Predigt. Sag, ob ich wieder gehen soll. – Du störst nur einen, der sich selber gestört hat. Seit dem Morgen bin ich herumgegangen, mein Textwort in Gedanken, aber die Gnade war nicht mit mir und der Keim ging nicht auf. Es ist mir seltsam gewesen, Schauer über mir, die ich nicht bezwingen konnte. – Er trat an das kleine Fenster, das auf die Kirche sah. Der Weg zu ihr ging über den Todtenacker. Der lag still mit Blumen und blinkenden Kreuzen im Mittagslicht. Komm heran, Clemens, sagte der Alte sanft. Stelle dich neben mich. Siehst du das Grab zur Linken mit den Primeln und Monatsrosen? Du hast es sonst nicht gesehen. Weißt du, wer da schläft? Mein guter alter Freund, der Vater unserer Marlene.

Er trat vom Fenster zurück, an dem sein Sohn ergriffen stehen blieb, ging wieder das Zimmer auf und nieder, und während sie schwiegen, hörten sie den Sand unter dem ruhigen Schritt knistern. Ja, sagte der Alte mit tiefem Athemzug, es hat ihn Keiner gekannt so wie ich, Keiner das an ihm gehabt, Keiner das an ihm verloren. Was wußte er von der Welt und ihrer Weisheit, die ja Torheit ist vor Gott! Was er wußte, war ihm Alles Offenbarung von innen, und aus der Schrift, und aus dem Schmerz. Er ist selig geworden, weil er selig war.

Nach einer Pause sprach er weiter: Wen habe ich nun, der mich beschämt, wenn ich hoffärtig werde, und rettet, wenn ich strauchle im Glauben, und die Gedanken schlichtet, die sich anklagen und entschuldigen? Die Welt wird so klug um mich her. Was ich höre, verstehe ich nicht, und was ich lese, will meine Seele nicht verstehen, denn es ist ihr Unheil. Wie Viele stehen auf und meinen, mit Zungen zu reden, und siehe, es ist Lippenwerk. Und die Spötter hören es und haben ihre Freude. Mein alter Freund, wäre ich wo du bist!

Clemens wandte sich. Er hatte den Vater nie so über eigene Herzensnöthe reden hören. Er trat zu ihm und suchte nach Worten. Laß, mein Sohn, sagte der Alte abwehrend. Was willst du mir geben, das mir nicht Himmlische besser gegeben hätten? Sieh, es war kurz nach seinem Tode, ich schlief hier oben, die Nacht mit Sturm und Regen weckte mich, ich war betrübt bis zum Tode: da erschien er mir, es leuchtete um ihn – er war in seinen Kleidern, als lebte er, sprach aber nicht, sondern stand zu Füßen des Bettes und sah still auf mich nieder. Erst griff es mich hart an. Ich war der Gnade nicht gewachsen, ein verklärtes Angesicht zu sehen. Andern Tags empfand ich den Frieden, den es mir zurückgelassen hatte. Seitdem kam es nicht wieder. Aber die letzte Nacht – ich hatte am Abend eine Schrift gelesen, aufrührerisch gegen Gott und Gotteswort, und war im Zorn zu Bett gegangen – da war es nach Mitternacht, als ich wieder auffahre, und er steht vor mir, angethan wie damals, aber in Händen die Bibel, aufgeschlagen und mit goldner Schrift geschrieben. Er weist mit dem Finger darauf, aber es ging ein Glanz aus von den Blättern, daß' ich vergebens hinstarre und vor Fülle des Lichts keine Zeile lesen kann. Ich näherte mich ihm, halbaufgerichtet; er stand, Mitleid und Liebe im Angesicht, die immer mehr der Angst wichen, je mehr ich zu lesen strebte und es nicht vermochte. Da gingen von der Klarheit mir die Augen über, verdunkelten sich ganz, und er schwand leise dahin und ließ mich in Thränen.

Der Alte war wieder ans Fenster getreten, und Clemens sah, wie ein Zittern ihn überlief. Vater! rief er und faßte die matt herabhängende Hand. Sie war feucht und kalt. Vater! du ängstigst mich. Du solltest zum Arzt schicken.

Zum Arzt? sagte der Alte fast heftig und richtete sich in allen Gliedern auf. Ich bin gesund, das ist es eben. Es will und ahnt meine Seele den Tod, und mein Leib widersteht ihm eigensinnig.

Diese Träume, Vater, zerrütten dich!

Träume? Ich sage dir, daß ich wachte wie jetzt.

Ich zweifle nicht, Vater, daß du wachtest. Aber um so mehr beunruhigen mich diese Fieberschauer, die dich wachend mit Träumen heimsuchen. Sieh, noch jetzt bist du durch die Erinnerung wie außer dir, und dein Puls fliegt. Ich weiß, so wenig Arzt ich bin, daß du Fieber hattest die Nacht und jetzt. –

Dünkst du dir das zu wissen, armer Mensch? rief der Alte. O der herrlichen Weisheit! O der gnadenreichen Wissenschaft! Aber wen klage ich an? Bin ich nicht der Strafe werth, da ich Gottes Geheimnisse ausplaudre und mein volles Herz den Spöttern zur Scheibe mache? Ist das die Frucht deines Lernens und wähnst du Feigen zu essen von diesem Dornbusch? Aber ich kenne euch wohl, ihr Armseligen, die ihr neue Götter macht für das Volk und im Herzen euch selbst anbetet. Eure Tage sind gezählt! – Er ging zur Thür, seine kahle Stirn war geröthet, er sah Clemens nicht an, der bestürzt zu Boden starrte. Plötzlich fühlte er die Hand des Vaters auf seiner Schulter.

Sage mir offen, mein Sohn: bist du schon so weit wie Jene, von deren Treiben ich mit Schaudern gelesen habe? Hältst du schon, wo die saubern Materialisten halten, daß du der Wunder lachst und der Geist dir ein Märchen ist, das die Dinge einander erzählen und dem der Mensch zuhört? Hat weder deine Jugend noch die Saat der Dankbarkeit, die Gott dir ins Herz gesäet, das Unkraut ersticken können? Antworte mir, Clemens!

Vater, sagte der junge Mann nach einigem Besinnen, wie soll ich darauf antworten? Ein ganzes Leben hab' ich drangesetzt, über diese Frage nachzudenken. Ich habe sie von Männern, die ich verehre, auf jede Weise beantworten hören. Unter meinen liebsten Freunden bekennen sich Einige zu jener Ansicht, die du verdammst. Ich höre und lerne, und wage noch nicht zu urtheilen.

Wer nicht für mich ist, der ist wider mich, spricht der Herr.

Wie könnt' ich wider ihn sein? Wie könnt' ich wider den Geist sein? Wer läugnet überhaupt den Geist, wenn er ihn auch an den Stoff bindet? Bleiben nicht seine Wunder was sie sind, wenn sie auch nur die Blüthe der Natur sein sollten? Gereicht es einem edeln Bildwerk zur Schande, daß es aus Stein gehauen ist?

Du sprichst wie sie Alle; so berauscht ihr euch in trüben Gleichnissen, so betäubt ihr euch mit klingenden Worten, daß ihr den Ruf in euch überhört. Und du bist gekommen, Pfingsten mit uns zu feiern?

Ich bin gekommen, weil ich euch liebe. –

Es entstand eine Stille zwischen ihnen. Mehrmals öffnete der Alte den Mund und preßte wieder stark die Lippen zusammen. Sie hörten Marlenens Stimme unten im Haus, und Clemens trat horchend vom Fenster zurück, an dem er traurig gestanden hatte. Es ist Marlene, sagte der Alte. Hast du sie denn vergessen? Tritt nicht, wenn deine frevelhafte Genossenschaft sich in Aberwitz überbietet, dem Geiste seine freie Gotteskindschaft zu bestreiten, tritt dann nicht das Bild deiner Jugendgespielin vor deine Seele? Erinnert sie dich nicht daran, welche Wunder der Geist wirken kann, wenn ihm die Sinne abgeschnitten sind, allein aus sich, will sagen aus Gott, durch Seine Gnade, in demüthiger Brust, die stark ist im Glauben?

Clemens drängte die Antwort zurück, die er wohl bereit hatte. Sie vernahmen jetzt den leichten Schritt der Blinden auf der Treppe. Die Thür ging auf, und mit geröteten Wangen stand Marlene auf der Schwelle. Clemens! sagte sie und heftete die heitern braunen Augen auf die Stelle, wo er wirklich stand. Er näherte sich ihr und faßte die Hand, die seiner wartete. Welche Freude hast du den Eltern gemacht! Willkommen! willkommen! – Du bist so still! fuhr sie fort.

Liebe Marlene, sagte er, ich bin wieder hier. Ich mußte euch wieder sehn. Du siehst wohl aus; du bist noch größer geworden.

Seit dem Frühling bin ich wieder aufgelebt. Der Winter war schwer. Es geht mir so wohl bei deinen Eltern, Clemens. Guten Tag, lieber Vater, sagte sie dann; wir sind früh am Morgen hinausgegangen, ich konnte Euch noch keine Hand geben. – Sie reichte sie ihm jetzt. Geh hinunter, mein Kind, sagte der Alte; Clemens wird dich begleiten; du kannst ihm deinen Garten zeigen. Bis zu Mittag ist noch eine kleine Frist. Denk an meine Worte, Clemens!

Die jungen Leute gingen. Was ist dem Vater? fragte das Mädchen, als sie unten waren. Seine Stimme klang seltsam, auch deine. Hatte er was mit dir?

Ich fand ihn aufgeregt, sein Blut scheint ihm wieder zu schaffen zu machen. Hat er nicht geklagt die Tage her?

Nicht zu mir. Doch war er oft unruhig und schwieg stundenlang, daß es auch der Mutter auffiel. Ist er streng gegen dich gewesen?

Wir hatten einen Streit über ernste Dinge. Er fragte mich, und ich konnte ihm meine Gedanken nicht verschweigen.

Das Mädchen war nachdenklich geworden. Erst als sie in die frische Luft traten, erhellte sich wieder ihr Gesicht. Ist es nicht hübsch hier? fragte sie und breitete die Hände aus. Wahrhaftig, sagte er, ich erkenn' es nicht wieder; was hast du aus dem kleinen wüsten Fleck gemacht! Seit ich denken kann, standen hier nur die Obstbäume und die wenigen Malven- und Asternbeete, und nun ist es voll von Rosen.

Ja, sagte sie, deine Mutter hielt nicht viel auf das Gärtchen, und nun freut sie sich auch darüber. Der Schulzensohn, der die Gärtnerei in der Stadt gelernt hat, schenkte mir die ersten Rosenstöcke und pflanzte sie selber ein. Dann fanden sich die andern dazu, und nun ist es ganz lustig. Die schönsten blühn aber noch nicht.

Und du pflegst sie allein?

Du wunderst dich, weil ich nicht sehen kann, sagte sie heiter. Ich verstehe mich aber doch darauf, was den Pflanzen gut thut. Ich spür' es am Geruch, ob eins welkt, oder im Aufgehen ist, oder Wasser bedarf. Es spricht ordentlich zu mir. Aber freilich, pflücken kann ich dir keine Blume, ich zersteche mir die Hände.

Ich will es für dich thun, sagte er und brach ihr eine von den Monatsrosen. Sie nahm sie. Du hast so viele Knospen mitgepflückt, sagte sie; ich will mir eine behalten und ins Wasser stellen. Da hast du die blühende wieder.

So gingen sie den saubern Gang hinab, bis die Mutter sie zu Tische rief. Clemens war beklommen dem Vater gegenüber. Aber Marlene, so bescheiden sie sonst an der Unterhaltung Theil nahm, hatte heut hundert Dinge zu erzählen und zu fragen. Auch der Alte verlor darüber das Nachgefühl des ersten Gesprächs mit seinem Sohn, und das alte trauliche Verhältniß stellte sich bald wieder her.

Es konnte aber nicht fehlen, daß in den nächsten Tagen die Gelegenheit zum Streit sich erneuerte. Der Vater erkundigte sich nach dem Zustande der Theologie an jener Universität, und das Gespräch sprang bald zu allgemeinen Fragen über. Je mehr Clemens auswich, desto eifriger drängte ihn der Alte. Manch besorgter, zuweilen unwilliger Blick der Mutter hielt ihn freilich in seinem Vorsatz, offene Bekenntnisse zu vermeiden. Aber wenn er dann abbrach oder ein Wort sagte, das für ihn leer war, drückte ihm die peinliche Stille das Herz ab. Marlene wußte immer wieder den alten Ton anzufragen. Aber er sah, wie auch sie zu leiden hatte und wich ihr aus, wenn er sie allein traf; denn er wußte, daß sie ihn befragt hätte, und ihr hätte er nichts verschweigen können. Es schien ein Schatten über ihn zu fallen, sobald er ihrer ansichtig wurde. War es jenes kindische Versprechen, dem er untreu geworden? War es der Glaube, daß sie in dem Zwiespalt der Meinungen, der ihm die Eltern entfremden wollte, stillschweigend auf ihre Seite trat?

Und doch fühlte er eine Neigung zu ihr immer unwiderstehlicher in sich, die er sich nicht mehr verläugnen konnte und die er mühsam bekämpfte. Denn er war erfüllt von seiner Wissenschaft, von seiner Zukunft, und weihte sich mit dem Eigensinn aufstrebender Kraft gegen Alles, was sich hinderlich an seine Schritte hängen wollte. Ein Reisender will ich sein, ein Fußreisender, sagte er sich oft. Ich muß ein leichtes Bündel haben. – Es wurde ihm wunderlich beklemmt ums Herz, wenn er dem Gedanken nachhing, sich an ein Weib zu fesseln, das einen Theil seines Lebens für sich verlangte. Und ein blindes Weib, das er sich scheuen mußte je zu verlassen! Hier auf dem Dorf, wo Alles seinen einfachen Zuschnitt hatte, den sie seit Kindesbeinen kannte, hier war sie wohl vor verwickelten Verhältnissen geborgen, die in der Stadt nicht ausbleiben konnten. So beredete er sich, daß er auch ihr ein Unrecht thue, wenn er sich ihr nähere. Daß er ihr Schmerzen mache durch seine Entsagung, wagte er nicht zu denken.

Er entschied sich immer unverhohlener. Am letzten Tage, da er die Eltern umarmt hatte und hörte, Marlene sei im Garten, ließ er ihr einen Gruß zurück und mit klopfendem Herzen schlug er den Dorfweg ein und wendete sich dann seitwärts über die Felder dem Walde zu. Auch der Garten öffnete sich nach dem Felde, und der nächste Weg wäre durch eine kleine Gitterthür gegangen. Er machte einen weiten Bogen. Aber draußen angelangt, vermochte er's nicht, auf dem Rain durch die junge Saat fortzuwandern, ohne umzublicken. So stand er in der milden Sonne still und überschaute die Hütten und Häuser. Hinter der Hecke, die den elterlichen Garten einfaßte, gewahrte er die schlanke Gestalt des Mädchens. Ihr Gesicht war ihm zugekehrt, aber sie ahnte seine Nähe nicht. Es trat ihm heiß und heftig ins Auge, er kämpfte das Weinen gewaltsam nieder. Dann sprang er wie unsinnig über die Gräben und Wege zurück zur Hecke. Sie fuhr zusammen. Lebe wohl, Marlene, sagte er mit klarer Stimme. Ich gehe fort, vielleicht auf ein Jahr. Er strich ihr mit der flachen Hand leicht über Stirn und Scheitel. Leb wohl! – Du gehst, sagte sie. Was ich dich noch bitten wollte, schreibe öfter an die Eltern. Deine Mutter bedarf es. Laß mich auch einmal grüßen. Ja, sagte er zerstreut. Dann ging er. Clemens! rief sie noch einmal, als er schon weg war. Er hörte wohl, aber er sah nicht wieder um. Es ist gut, daß er es überhört hat, sprach sie leise bei sich selbst. Was hatte ich ihm auch zu sagen?


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