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Viertes Kapitel.

Der Herbst unterbrach auf einige Zeit die Arbeiten des Knaben. Der Pfarrer hatte beschlossen, noch vor dem Winter seinen Sohn in das nahe Gebirge mitzunehmen, daß er Berg und Thal sähe und weiter hineinblicke in die Welt, die ihm schon in der dürftigen Dorfebene so schön geschienen. Als man es dem Knaben sagte, fragte er: Und wir nehmen doch Marlene mit?

Man versuchte, es ihm auszureden. Aber er wollte nicht ohne sie reisen. Wenn sie auch nichts sieht, die Bergluft soll gesund sein, und sie ist seit lange blaß und matt und fängt Grillen ohne mich. So that man ihm seinen Willen. Das Mädchen wurde zu ihm und seinen Eltern in den Wagen gehoben und eine kurze Tagereise brachte sie an den Fuß des Berglandes.

Nun begann das Wandern zu Fuß. Geduldig führte der Knabe seine blinde Freundin, die verschlossener war als je. Oft wäre er noch gern auf diese oder jene vereinzelte Felshöhe geklettert, die eine neue Aussicht versprach. Aber er stützte sie, wo sie ging, und trat sein Amt nicht ab, so viel sich die Eltern dazu anboten. Nur wenn sie eine Höhe erreicht hatten und auf einer schattigen Stelle rasteten, entfernte er sich von dem Mädchen und suchte sich durch die gefährlichsten Klippen eigene Wege, seltene Steine sammelnd, oder Blumen, die in der Tiefe nicht wuchsen. Kam er dann zu den Ruhenden zurück, so hatte er immer etwas für Marlenen, Beeren oder eine stark duftende Blume, oder das weiche Nest eines Vogels, das der Wind vom Baum geweht hatte.

Sie nahm ihm Alles freundlich ab und schien vergnügter zu sein, als daheim. Und sie war es auch, weil sie doch den Tag über eine Luft mit ihm athmete. Daneben aber begleitete sie ihre thörichte Eifersucht, und sie zürnte dem Gebirge, dessen herbstliche Pracht, wie sie wähnte, ihm die Welt nur lieber machte und ihn ihr selbst nur mehr entfremdete. Der Pfarrerin fiel ihr seltsames Wesen auf. Sie sprach mit ihrem Manne dann und wann über das Kind, das ihnen Beiden wie das eigene lieb war. Und Beide gaben die Schuld ihres hartnäckigen Trübsinns der getäuschten Hoffnung. Und doch entbehrte das Mädchen nichts, was ihr verheißen und ihrer Hoffnung vorgespiegelt worden war, sondern nur, was sie gekannt und besessen hatte.

Am zweiten Tage der Reise sollte in einem einsamen Hause übernachtet werden, das durch die Nähe eines hohen Wasserfalls berühmt war. Sie hatten eine weite Wanderung gemacht, und die Frauen waren erschöpft. Als sie das Haus erreichten, führte der Pfarrer seine Frau hinein, ohne vorher die Strecke nach der Schlucht weiter hinauf zu wandern, aus der man den Sturz brausen hörte. Auch Marlene war völlig ermattet; aber sie wollte Clemens folgen, den noch nicht nach Ruhe verlangte. So stiegen sie die Stufen weiter hinan, und immer deutlicher klang das tosende Wasser herüber. Mitten auf der schmalen Steile verließ Marlenen die Kraft. Ich will hier sitzen bleiben, sagte sie. Geh du vollends hinauf und hole mich wieder, wenn du dich satt gesehen hast. Er erbot sich, sie zuerst ins Haus zu bringen, aber sie saß schon, und so verließ er sie und ging dem Schalle nach, selig ergriffen von der Einsamkeit und Majestät des Ortes.

Das Mädchen saß auf einem Stein und wartete seiner Rückkehr. Es däuchte sie, daß er unendlich zögere. Ein Frost überrieselte sie, und der dumpfe ferne Donner des Wasserfalls machte sie schauern. Warum kommt er nicht? dachte sie bei sich. Er wird mich vergessen über seiner Freude, wie immer. Fänd' ich nur den Weg ins Haus, daß ich warm würde! – So saß sie ängstlich und horchte in die Ferne, plötzlich war es ihr, als unterscheide sie seine Stimme, die ihr zurief. Zitternd fuhr sie in die Höhe. Was sollte sie thun? Sie versuchte unwillkürlich einen Schritt, aber ihr Fuß glitt aus, sie taumelte und fiel. Zum Glück waren die Steine neben dem Weg mit Moos überwuchert. Aber dennoch erschreckte sie der Fall und sie schrie außer sich nach Hülfe. Umsonst! Ihre Stimme drang nicht zu Clemens hinauf, der hart an der Kluft von Getöse umgeben stand, und das Haus war zu entfernt. Ein schneidendes Weh fuhr ihr durchs Herz, wie sie da lag zwischen den Steinen, verlassen und hülflos; Thränen der Verzweiflung im Auge richtete sie sich mühsam auf. Was ihr das Liebste war, schien ihr in diesem Augenblicke hassenswürdig, und die Bitterkeit in ihrem Innern ließ den Gedanken an die Nähe des Allgegenwärtigen nicht auftauchen.

So fand sie Clemens, der sich um ihretwillen mit Gewalt von dem Zauber des mächtigen Bildes losgerissen hatte.

Ich komme, rief er ihr schon von fern entgegen. Gut, daß du nicht mitgegangen bist! Der Platz oben ist schmal und der kleinste Fehltritt kostet das Leben. Wie das endlos tief sich hinunterstürzt und rauscht und in Wolken aufsprüht; daß einem alle Sinne vergehn. Fühl, wie es mich bestäubt hat mit seinem Wasserdunst. Aber was ist dir? Du bist eiskalt und dein Mund zittert. Komm, es war unrecht, daß du dich krank gemacht hast!

Sie schwieg eigensinnig und ließ sich in das Haus zurückführen. Die Pfarrerin erschrak. Die feinen lieben Züge des Mädchens waren unheimlich verstört. Man sorgte eilig für ein wärmendes Getränk und brachte sie zu Bett, ohne mehr von ihr zu erfahren, als daß ihr nicht wohl sei.

Und freilich fühlte sie sich krank, und so schwer, daß sie sich nach dem Ende sehnte. Das Leben war ihr verhaßt, das sich ihr so feindlich bewies. In bitterem, gottverlassenem Sinnen lag sie, und die letzten Fäden, die sie an die Menschen knüpften, zerriß sie eigenmächtig. Ich will morgen hinauf, sprach sie finster bei sich selbst. Er soll mich selbst an die Tiefe führen, wo ein Fehltritt das Leben kostet. Und seines wird ihm mein Tod nicht kosten. Was soll er die Last noch ferner mit mir haben, die er aus Mitleid bisher ertragen hat?

Immer fester lagerte sich der unselige Vorsatz um ihr Herz. Was war aus dem klaren, liebevollen Gemüth in den kurzen Monaten der innerlichen Noth geworden? Sie dachte sogar an die Folgen ihres Frevels ohne Scheu und sagte trotzig vor sich hin: Sie werden sich darein finden, wie sie es ertragen, daß ich blind geblieben bin. Und ihm wird das Jammerbild nicht mehr vor Augen stehen, das ihm die Freude an seiner schönen Welt verdirbt. – Das war immer der letzte Gedanke, der ihr kam, wenn ein unsicheres Gefühl gegen ihren Entschluß sich auflehnen wollte.

Im Nebenzimmer, das nur durch eine dünne Wand von Marlenens Kammer getrennt war, saßen der Pfarrer und die Pfarrerin beisammen. Clemens zögerte noch draußen unter den Bäumen herum und konnte sich von Gebirg und Sternen und der gedämpften Musik des Wassers nicht trennen.

Es ängstigt mich, sagte die Pfarrerin, daß Marlene so verkommt und verkümmert. Der geringste Anlaß erschüttert sie, und das wird sie bald aufreiben. Wenn du einmal mit ihr reden wolltest, daß sie sich das Unabänderliche nicht so quälend zu Herzen nehmen möchte!

Ich fürchte nur, ich werde nichts ausrichten, erwiederte der Pfarrer. Hat nicht ihre Erziehung und die Liebe ihrer Eltern und unser täglicher Umgang zu ihr geredet, so vermag Menschenwort nichts mehr. Hätte sie Demuth gegen Gott gelernt, so ertrüge sie seine Fügung, die ihr noch so viel gelassen hat, mit Dank, statt mit Murren.

Er hat ihr aber viel genommen.

Ja wohl; aber nicht Alles für immer. Das ist meine Hoffnung und mein Gebet. – Die Kraft zu lieben und gegen die Liebe in Gott und Menschen Alles gering zu achten, scheint von ihr gewichen. Aber sie kommt zurück, wenn wir zu Gott zurückkommen. Wie sie jetzt ist, verlangt sie nicht nach ihm. Sie hat ihren Mißmuth und ihren Groll noch zu lieb. Aber ihr Herz ist zu kräftig, um diese traurige Gesellschaft lange dulden zu können. Dann, wenn es leer in ihr geworden von Unzufriedenheit, wird Gott wieder einziehen und die Liebe im Herzen die alte Stätte finden. Und dann wird es licht in ihr aussehen, ob es auch Nacht bleibt vor ihren Augen.

Gott gebe das! Und dennoch betrübt mich der Gedanke an ihre Zukunft.

Sie wird nicht verloren sein, wenn sie sich nicht selber verlieren wird. Würden auch Alle, die sie jetzt hüten und hegen, vor ihr abgerufen, Menschenliebe stirbt nicht aus. Und wenn sie recht auf Gottes Hand achtet und auf die Wege, die sie geführt wird, wird sie noch einmal ihre Blindheit segnen, die sie von Kindesbeinen an dem Schein fern gerückt und dem wahren Wesen genähert hat.

Clemens unterbrach das Gespräch. Ihr denkt nicht, rief er schon auf der Schwelle, wie wundervoll die Nacht ist. Ich gäbe eins meiner Augen darum, wenn ich's Marlene schenken könnte, um diese Pracht der Sterne zu sehen. Wenn sie nur der Lärm des Wasserfalls schlafen läßt! Ich kann mir's noch nicht vergeben, daß ich sie in der Kühle draußen sitzen ließ.

Sprich leiser, lieber Sohn, sagte die Mutter. Sie schläft dicht nebenan. Und am besten thätest du, du gingest auch schlafen.

Flüsternd sagte der Knabe gute Nacht. – Als die Mutter zu Marlenen in die Kammer kam, fand sie das Mädchen ruhig und anscheinend entschlafen. Jener unheimliche Ausdruck der Züge war einer liebevollen Stille gewichen. Der Sturm war vorüber und hatte noch nichts in ihr verwüstet. Auch Scham und Reue regten sich kaum: so allmächtig herrschte in ihr der freudige Frieden, der ihr im Nebengemach war gepredigt worden. Denn das Böse erwirbt sich langsam und auf Schleichwegen seine Herrschaft über uns; der Sieg des Guten ist schnell entschieden.


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