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Zweites Kapitel.

In zwei Kammern des Pfarrhauses, die im obern Geschoß nach Mitternacht gelegen waren, hatte man die Kinder gebettet. Die Fenster waren in Ermangelung der Läden mit dunkeln Tüchern sorglich verhangen, so daß vom hellsten Tage kaum ein Zwielicht herein drang. Der geräumige stille Baumgarten des Pfarrers verschattete zum Ueberfluß die Mauer und hielt das Geräusch des täglichen Lebens fern.

Besonders für das Mädchen hatte der Arzt die größte Vorsicht eingeschärft. Was an ihm gewesen, sei geglückt. Nun müsse die Natur im Stillen das Uebrige thun, und des Mädchens leicht erregbares Wesen brauche der strengsten Pflege und Schonung.

Marlene war in der entscheidenden Stunde unverzagt gewesen. Als ihre Mutter bei dem Schritt des Arztes über den Flur in Weinen ausbrach, war sie zu ihr getreten, um sie zu beschwichtigen.

Der Arzt fing mit dem Knaben an, der aufgeregt, aber von gesundem Muth, niedersaß und Alles ertrug. Nur wollte er nicht dulden, daß man ihn während der Operation halte. Erst Marlenens Zureden bewog ihn, sich auch das gefallen zu lassen. Als der Arzt von den entschleierten Augen auf einige Secunden die Hand wegnahm, schrie er heftig auf vor freudigem Schreck.

Marlene zuckte zusammen, dann bestand sie auch ohne einen Laut die kurze Pein. Aber Tränen stürzten ihr aus den Augen und ihr Leib zitterte, so daß der Arzt ihr die Binde eilig umthat und sie selbst in ihre Kammer bringen half, denn die Kniee wankten ihr. Dort auf ihrem Lager stritten sich lange Schlaf und Ohnmacht um sie, während der Knabe versicherte, ihm sei völlig wohl, und nur aus den ersten Befehl des Vaters sich niederlegte.

So bald aber entschlief er nicht. Bunte Gestalten, bunt zum erstenmal, glitten an ihm vorüber, geheimnißvoll, die ihm noch Nichts waren und doch so Viel werden sollten, wenn die Leute Recht hatten, die ihm Glück wünschten. Er fragte Vater und Mutter, die an seinem Bette saßen, nach hundert Dingen, die ihm freilich die tiefsinnigste Wissenschaft nicht hätte enträthseln können. Denn was weiß sie von dem Quell des Lebens? Der Vater bat ihn, sich zu gedulden, denn mit Gottes Hilfe werde er bald in seinen Zweifeln selbst klarer sehen. Jetzt sei ihm Ruhe noth und vor Allem Marlenen, die er leicht durch sein Sprechen aufwecken könne. Da schwieg er denn und horchte durch die Wand. Er bat flüsternd, man solle die Thür öffnen, daß er hören könne, ob sie schlafe und nicht etwa stöhne vor Schmerz. Die Mutter that ihm den Willen. Nun lag er unbeweglich und lauschte, und das Athmen seiner schlafenden kleinen Freundin, das ruhig aus und ein ging, sang ihn endlich auch in den Schlaf.

So lagen sie stundenlang. Im Dorf draußen ging es stiller zu als sonst. Wer mit einem Fuhrwerk der Pfarre vorbei mußte, hütete sich vor allem Lärm. Auch die Schulkinder, denen es der Lehrer gesagt haben mochte, tobten nicht wie sonst aus dem Unterricht nach Haus, sondern gingen, das Haus scheu und flüsternd anblickend, paarweise entfernten Spielplätzen zu. Nur der Gesang der Vögel schwieg nicht in den Zweigen; aber wann hätte sein Klang ein ruhbedürftiges Menschenkind gestört oder verdrossen?

Erst die Heerdenglocken weckten die beiden Kinder. Des Knaben erste Frage war, ob Marlene schon nach ihm gerufen habe. Er fragte sie dann halblaut, wie sie sich fühle. – Der dumpfe Schlaf hat ihr kaum wohlgethan, und die Augen brennen ihr unter der leichten Binde. Aber sie zwingt sich, sagt, es sei ihr besser, und plaudert heiter mit Clemens, dem die abenteuerlichsten Gedanken über die Lippen gehen.

Spät, als der Mond schon aus dem Walde stieg, klopft zaghafte Kinderhand an die Thür des Pfarrhauses. Die kleinen Mädchen vom Dorfe sind's mit einem Kranz für Marlene von ihren besten Gartenblumen und einem Strauß für Clemens. Als man ihn dem Knaben bringt, verklärt sich sein Gesicht. Der Duft und der kühle Thau erfrischen ihn. Er bittet: Sagt ihnen viel schönen Dank. Sie sind gute Mädchen. Jetzt bin ich noch krank. Aber wenn ich erst sehen darf, steh' ich ihnen bei gegen die Buben. – Marlene, da man ihr den Kranz aufs Bett legte, schob ihn mit den blassen Händchen sanft zurück und sagte: Ich kann nicht! Mir schwindelt, Mutter, wenn mir die Blumen nahe sind. Bring sie dem Clemens auch!

Sie fiel bald wieder in ihren fieberhaften Halbschlaf. Erst die gesunde Nähe des Tages beruhigte sie, und der Arzt, der in aller Frühe kam, fand sie außer Gefahr, wie er kaum gehofft hatte. Lange saß er dann am Bett des Knaben, hörte lächelnd die seltsamen Fragen an, ermahnte ihn freundlich zu Geduld und Ruhe und ging mit der besten Zuversicht.

Aber Geduld und Ruhe einem anzusinnen, dem ein gelobtes Land endlich einen Augenblick aus der Ferne gezeigt worden! Der Vater muß, so oft sein Amt ihm die Zeit läßt, in die Kammer hinauf und erzählen. Die Thür darf dann nicht geschlossen werden, daß auch Marlene die schönen Geschichten hören kann, Legenden von frommen Männern und Frauen, denen Gott schwere Gebrechen gegeben und genommen, das Märchen vom armen Heinrich, für den das fromme Mägdlein in ihrer Demuth sich hat opfern wollen, und wie Gott Alles herrlich hinausgeführt habe, und was der würdige Pfarrer an erbaulichen Historien aufzutreiben wußte.

Wenn dann dem frommen Mann unvermerkt die Erzählung zum Gebet wurde, oder die Mutter mit ihrer klaren Stimme ein Danklied zu singen anhob, faltete Clemens auch die Hände und sang mit; aber gleich darauf warf er neue Fragen hin, die zeigten, daß er mehr Antheil an der Geschichte genommen, als am Gesang. Marlene fragte nie. Sie war freundlich zu Jedermann, und Keiner ahnte, wie viele Gedanken und Fragen in ihr arbeiteten.

Sichtbar genasen sie von Tag zu Tage, und schon am vierten nach der Operation erlaubte ihnen der Arzt aufzustehn. Er selber stützte das Mädchen, wie sie schwach und zitternd durch die finstre Kammer ging nach der offnen Thür, in der der Knabe stand und fröhlich seine suchenden Hände nach den ihren ausstreckte. Dann hielt er ihre Hand fest und bat sie, sich auf ihn zu stützen, was sie zutraulich that.

Sie schritten die Kammer auf und ab mit einander, und er mit dem feinen Gefühl der Oertlichkeit, wie es Blinden eigen ist, geleitete sie behutsam an den Sesseln und Schränken vorüber, die an den Wänden standen. Wie ist dir? fragte er sie. – Mir ist wohl, war ihre Antwort heut wie immer.

Komm, sagte er rasch, lehn dich fester an; du bist noch matt. Es thäte dir gut, ein Bischen Wiesenduft im Freien zu athmen, denn hier ist die Luft eng und schwer. Aber noch ist's nicht gesund, sagt der Doctor. Die Augen werden wund und erblinden gar wieder, wenn sie zu früh ins Licht sehen. O, nun weiß ich schon, was Licht und Dunkel ist. Kein Flötenton ist so süß, als wenn es dir so weit ums Auge wird. Es that mir weh, muß ich sagen; doch hätt' ich immer so ins Bunte starren mögen; so schön war der Schmerz. Du wirst es auch erleben. Aber es ist noch mancher Tag zu überstehen, bis es uns so gut wird. Dann aber thu' ich den ganzen Tag nichts als sehen. Was ich wissen möchte, Marlene: sie sagen, jedes Ding habe eine andere Farbe. Was für Farben mag dein und mein Gesicht haben? dunkel oder hell? Es wäre garstig, wenn sie nicht recht schön hell wären. Ob ich dich wohl erkenne mit den Augen? Jetzt, so tastend, will ich dich mit meinem kleinen Finger unter allen Menschen herausfinden. Aber hernach – da haben wir uns ganz von neuem kennen zu lernen. Ich weiß jetzt, deine Wangen und deine Haare sind weich anzufühlen. Ob sie den Augen auch so sein mögen? Das wüßt' ich gern, und es ist noch lange hin!

In diesem Ton plauderte er unaufhörlich und achtete nicht darauf, daß sie stumm neben ihm ging. Manche von seinen Worten waren ihr tief zu Herzen gegangen. Sie war nie darauf verfallen, daß sie sich selbst nun auch sehen würde, und wußte auch kaum, wie sie sich das zu denken habe. Von Spiegeln hatte sie gehört, ohne es zu verstehen. Sie dachte sich jetzt, sobald ein Sehender die Augen aufthäte, erschiene ihm sein eigen Angesicht.

Nun, wie sie wieder im Bette lag und die Mutter dachte, sie schliefe, ging ihr das Wort durch den Sinn: Es wäre garstig, wenn unsere Gesichter nicht hell wären. Sie hatte von Schön und Häßlich gehört, und daß häßliche Menschen bemitleidet und oft minder geliebt würden. Wenn ich nun häßlich bin, sagte sie sich, und er will nichts mehr von mir wissen! Sonst war es ihm gleich. Er spielte gern mit meinen Haaren und nannte sie Seidenfädchen. Das wird nun aufhören, wenn er mich garstig findet. Und er, wenn er's auch ist, ich will's ihn gewiß nicht merken lassen, will ihn doch lieb haben. Aber nein, ich weiß wohl, er kann nicht häßlich sein, er nicht.

Lange grübelte sie in Kummer und Neugier versunken. Es war schwül. Im Garten die Nachtigallen riefen ängstlich herein, und ein zuckender Westwind stieß gegen die Scheiben. Sie war ganz allein in der Kammer, denn das Bett ihrer Mutter, die sonst bei ihr geschlafen, war der Hitze wegen aus dem engen Gemach wieder hinausgeschafft worden. Ueberdies hielt man eine Nachthüterin nicht mehr für nöthig, da das Fieber völlig verschwunden schien. Und gerade heute überkam es sie wieder und warf sie hin und her, bis lange nach Mitternacht ein kurzer dumpfer Schlaf sich ihrer erbarmte.

Indessen zog das Wetter, das die Hälfte der Nacht murrend am Horizont gekreist hatte, mit Macht herauf, lagerte sich über den Wald und stand nun still; denn der Wind schwieg. Ein heftiger Donner schallt in Marlenens Schlummer hinein. Halb träumend fährt sie empor. Sie weiß nicht, was sie sucht und sinnt, in ungewisser Angst treibt es sie aufzustehen, ihre Kissen sind so heiß. Nun steht sie am Bett und hört draußen den starken Regen niederrauschen. Aber er kühlt ihre fiebernde Stirne nicht. Sie sucht sich zu fassen und zurecht zu finden und besinnt sich auf nichts, als auf die traurigen Gedanken, mit denen sie einschlief. Ein seltsamer Entschluß geht in ihr auf. Sie will hinein zu Clemens. Auch er ist allein. Wer hindert sie, ihrer Ungewißheit ein Ende zu machen und sich und ihn zu sehn? Nur dies Eine denkt sie, und alle Worte des Arztes sind vergessen. So geht sie mit zitterndem Tasten, ganz wie sie ihr Bett verlassen, der Thüre zu, die halb offen steht, findet die Lehne des Bettes, huscht auf den Zehen an des Schlafenden Seite, und mit verhaltenem Atem über ihn gebeugt, reißt sie sich rasch die Binde von den Augen.

Aber sie erschrickt, da es dunkel bleibt wie zuvor. Sie hatte vergessen, daß es Nacht sei und daß man ihr gesagt hatte, in der Nacht seien die Menschen allzumal blind. Sie hatte gedacht, es müsse eine Klarheit ausströmen von einem sehenden Auge und so sich und die Dinge erleuchten. Nun fühlte sie den Hauch des Knaben sanft an ihre Augen wehen, aber sie unterschied seine Gestalt. Schon will sie bestürzt und fast verzweifelnd wieder zurück – da flammt durch die nicht mehr genau verhüllten Scheiben ein secundenlanger Blitz, dann ein zweiter und dritter, die Luft wogt von plötzlicher Helle, Donner und Regenguß wachsen an Lärm –; sie aber starrt einen Augenblick auf den Lockenkopf, der sanft in die Kissen gedrückt daliegt; dann verschwimmt das Bild, die Augen thränen gewaltsam, und von unaussprechlicher Angst aufgescheucht flieht sie in ihre Kammer, legt die Binde um, sinkt aufs Bett, und in ihr ist es, als wisse sie es unerschütterlich, daß sie gesehen hat zum ersten und letzten Male.


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