H. Clauren
Mimili
H. Clauren

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»Im Wirthshaus zu Unterseen,« begann ich mit kecker Lügenstirne, »bemerkte ich heut' einen jungen feinen Mann, der hier in der Gegend bekannt zu seyn schien; gesprächig und unterrichtet, heiter und gefällig. Ist das vielleicht Euer Herr Nachbar gewesen?«

Ich freute mich wie ein Kind, daß ich das heraus hatte; denn, was ich damit ergründen wollte, konnte keinen von beiden einfallen.

»Nein,« fiel mir Mimili lachend in das Wort, »das muß ein Fremder gewesen seyn. Nachbar *** ist ein alter Mann von sechzig Jahren; er ist mit dem Vater aufgewachsen, und seine Frau ist die trauteste Jugendfreundinn meiner verstorbenen Mutter. Schade, daß sie in das Waadtland verreist sind. Die beiden Leute solltet Ihr kennen lernen; das sind Menschen; die gar nicht für diese Welt gehören, so gut sind sie.«

Mir fiel eine ganze Million Granitfelsblöcke vom Herzen.

Nun konnte ich wieder frei athmen, und der herrliche Ryfwein schmeckte nun erst. Mimili setzte sich mir gegenüber, der Alte an meine Seite. Wir schwatzten vom Kriege, und ich mußte erzählen von unserm treuen Volke, wie es überall muthig und kräftig aufgestanden war, das fremde Joch vom Deutschen Nacken zu schütteln; wie wacker sich unsre fünfzehn – sechzehnjährigen Knaben mit den bärtigen feindlichen Garden herumgeschlagen; wie felsenfest unsere Landwehr, der brüllenden Batterie-Schlünde noch ungewohnt, im Feuer gestanden; wie unsere Truppen, oft ohne einen Schuß zu thun, mit gefälltem Bajonet, dem Tode in den Rachen gegangen; wie unter ihren Kolben ganze Reihen der feindlichen Schaaren schmachvoll geendet; wie züchtige, unbescholtene Jungfrauen unter unsern Fahnen muthvoll gefochten, wie Frauen und Mädchen mit zarter Milde die Kranken und Verwundeten gepflegt; wie die ganze Nation freiwillig das Letzte und das Beste hergegeben, und im Vertrauen auf ihren Gott, auf ihre Schutzheilige (die verklärte Luise), auf ihren König und seine Braven, nie gewankt; wie das Silberhaar unsers Marschalls Vorwärts, überall der Ehren-Panner unsers siegreichen Heeres gewesen; und wie unser ritterlicher König, in allen Schlachten unerschüttert, dem Tode, für das Heil seines Volks, die Stirn geboten; wie er dreimal in diesem blutigen Feldzuge, bei Culm, bei Leipzig und bei Bar sür Aube, das Glück des Krieges durch seine Besonnenheit, seinen Blick und seine persönliche Tapferkeit, fest gefaßt und fest gehalten habe.

Dem tieffühlenden Mädchen tröpfelten während meiner Erzählung die Thränen still von den seidenen Wimpern, und der alte Vater stand am Ende meiner Erzählung gerührt auf, zog sein Mützchen, und trank auf das Wohl meines Königs, meines Volks und unsrer sieggekrönten Waffen. Mimili stieß theilnehmend mit an, trank ihr Glas in drei Zügen aus, reichte mir herzig die Hand, und sagte: »möchtet Ihr doch Euer ganzes Volk von mir grüßen können: ich kann es nicht aussprechen, wie gut ich ihm bin. Es hat seinen König so lieb, es ist tapfer, und hat Gott im Herzen. So wie ihr seid, habe ich mir Eure Landsleute gedacht, so lebendig und heiter, und wenn's gilt, fest und ernst.«

Der Vater schenkte die Gläser von neuem voll und brachte meine Gesundheit aus.

Mimili erklärte, nicht eher mitzutrinken, bis ich versprochen, wenigstens acht Tage hier bei ihnen zu bleiben. »Ihr seid ein Mann für meinen Vater,« setzte sie hinzu, »ich habe mein altes Väterchen lange nicht so vergnügt gesehen, als heute.«

»Sprich nicht von acht Tage hier bleiben, Mimili,« fiel ihr der Alte ins Wort; »wenn der Herr Ritter nun länger hier bei uns verweilen will, wirst du's ihm doch nicht verwehren? Ist man traulich und herzig zusammen, so muß man vom Scheiden gar nicht reden.«

Meine Einwendungen, morgen früh schon wieder aufzubrechen, wurde als völlig unannehmbar verworfen.

Wir gingen jetzt in das Haus zum Abendessen. Ich kam mir gar nicht mehr wie ein Fremder vor; ich gehörte in die Familie, als wär ich von Jugend auf hier gewesen. Kein Deutscher Baron kann besser speisen, so hatte Mimili aufgetischt; alle Schweizer-Erzeugnisse, aber die köstlichsten Leckereien hatte sie ausgesucht, und wenn es nach ihr gegangen wäre, ich hätte mich diesen Abend zu Tode gegessen.

Der Côte-Wein, den der Alte mit gastfreundlicher Freigebigkeit einschenkte, machte mich lustig, und der feurige Vaux-Wein, den er zum Nachtisch brachte, jagte mir eine solche Hitze in die Adern, daß, wenn ich mich inwendig besah, es mir vorkam, als glühten mir die Alpen im Kopfe.

Wir hatten endlich abgespeiset.

»Nun solltest Du,« sagte der Alte zu Mimili, »mit dem Herrn Ritter noch einen Gang bis zum kleinen Sturzbach machen; beim Abend nimmt sich der schwarze Felsenkessel, in den das Bächlein – lauter Schaum – silberweis herabstürzt, gar wundersam aus. Ich bin müde, und werde mich niederlegen. Bleibt nicht zu lange aus, Kinder; denn es ist schon spät.«

Ich entgegnete halb im Scherz halb im Ernst, daß es gewagt sey, das Mädchen mit mir allein gehen zu lassen.

Er aber lächelte und sagte mit mildem Ernste; »dem Manne, Herr Ritter, dessen Brust Euer König mit dem Kreuze geziert hat, dem kann ein ehrlicher Vater seine ehrliche Tochter wohl anvertrauen bei Tag und bei Nacht.«

Der Alte hatte gut reden; er stand in den Sechzigern, und hatte an den Ryf-, dem Côte- und dem Vauxwein nur immer genippt, den ich, im Durst und in der Freude, mit vollen Zügen getrunken hatte.

Wir wünschten dem Vater gute Nacht und gingen.

Der Abend war warm und lieblich. Alles schlief in heiliger Stille rund um uns her. Des Thaues kühlende Frische netzte die Matten, ihre balsamischen Wohlgerüche wehten uns leise Lüftchen entgegen, und in der Ferne rauschte der Sturzbach. Vor uns aber, hoch oben im schwarzen Dunkel des Nachthimmels, glänzte das Haupt der ewigen Jungfrau in rosenfarbener Pracht. Noch hat sich kein Pinsel an die Darstellung dieser magischen Beleuchtung gewagt, wie sollte es meine schwache Feder! die Gluth des Abendroths hatte sich verzogen; nur ein leichter, matter Schein schimmerte im Westen, und von diesem spielte das Licht wunderbar wieder in den höchsten himmel-anstarrenden Eiszacken der Jungfrau, die das Feuer der hinuntergesunkenen Sonne gleichsam aufgesogen zu haben schienen, und nun im blassen Rosaflimmer leuchteten.

Ich stand im Anstaunen dieser mir ganz neuen Naturszene verloren, und Mimili hing, den Blick auf die rosene Jungfrau geheftet, schweigend an meinem Arme.

»Laßt uns nicht in den Felsenkessel gehen,« flüsterte sie leise; »es ist dort kalt und schauerlich, schwarz und finster; kommt dort, wo der viele Klee blüht, auf die Bank, da ist es freundlicher und milder.«

Wir setzten uns und kos'ten ein seliges Stündchen mit einander.

Sie war so gut, so traulich, so herzlich hingegeben, daß ich oft wähnte, einen lebendigen Engel im Arm zu haben.

Ich mußte ihr – bloß um des Vaters willen, sagte die kleine Schlange – versprechen, morgen noch nicht zu reisen, und nun erst ward sie das naive, fröhliche Kind wieder, das mit tausend Lust und Liebe scherzte, sprach und küßte. Ich mochte – besinnen kann ich mich nicht genau mehr, wie, aber des Weines Tosen brauste mir in der unheimlichen Brust, wie der Sturzbach im schwarzen Felsenkessel – ich mochte einen kühnen Seitensprung über die Grenze gewagt haben, da faßte sie mir beide Hände und drückte sie gegen das sammtne Mieder, und sagte mit einer Weichheit, in die da drüben das ganze Urgebirge des Erdballs hätte verschmelzen mögen, »thut nicht also, Herr Ritter; ich bin ein schwaches Maidli, und Ihr ein starker Mann, dem der Vater das Maidli vertraut hat.« Sie schlang ihre Linke um mich, und drückte mit ihrer Rechten das eiserne Kreuz an ihre Lippen, wie eine Gläubige, im Drange der Gefahr, ihr Amulet. – Gott nur und seine Jungfrau in den Wolken waren Zeugen, wie blutsauer mir das Entsagen ward: ich saß auf der Granitbank wie auf einem glühenden Roste.

Jetzt fühlte ich erst, was für einen ungeheuern Riegel mir der Alte mit seinem Kreuze vorgeschoben hatte.

Wir mochten so zwei Stunden, vom stillen Dunkel umschleiert, geschwatzt und gemunkelt haben, als wir heim gingen.

Mimili führte mich in mein Zimmer. Es war dicht neben dem ihrigen. Bloß eine Thüre trennte uns.

Es war doch ein wenig zu viel von der Selbstverläugnung verlangt, und ich mag einen solchen Kampf mit mir nicht wieder kämpfen. Kasteiungen dieses Grades sind tausendmal schlimmer, als alles Fasten und alles Geißeln. Der selige Tantalus war gegen mich ein wahrer Glückspilz, und alle Asceten der christlichen Vorwelt haben keine sich aufgelegte Marterqual aufzuweisen, die der meinigen gleich käme. Ich verzehrte mich selbst bei lebendigem Leibe.

Wir sagten einander, ich glaub dreimal, viermal, gute Nacht, und konnten immer nicht von einander. Mimili lag, mit allen ihren namenlosen Reizen, vom Zauber der Liebe in meine Arme gegossen, und doch wich der Engel ihrer Unschuld keinen Finger breit von seinem Posten.

Vom heiligen Feuer der süßesten Gefühle überpurpurt, wiegte sich ihr schwarzes Lockenköpfchen auf meiner Brust; aufgelöst hatten sich die ellenlangen, breiten üppigen Zöpfe, und ihr seidenes herrliches Haar umfloß, in tausend wallenden Ringeln, ihre himmlische Gestalt. Das ganze Wesen war jetzt nichts als Liebe; nur wer die gesunde Kraft der Unverdorbenheit kennt, wird das Vertrauen ehren, mit dem das Mädchen den umschlang, den es sich gleich wähnte. Endlich riß sie sich aus meinen Armen, sagte mir eilends gute Nacht, schlüpfte in ihr Zimmer, und verriegelte hinter sich die feindselige Thür.

Es dauerte bis fast gegen Morgen, um so viel Ruhe zu gewinnen, mich niederzulegen. Der Kopf brannte mir, wie ein verschlossener Feuerberg; das Herz klopfte, daß ich jeden Schlag hören konnte. Die Zunge lag mir im Munde so trocken, wie eine englische Raspelfeile; ich goß mehrere Gläser Wasser in diese innere Gluth, aber bei derlei Zuständen – Wasser thut's freilich nicht. Ich setzte mich in die Stelle des Sopha's, wo vorhin Mimili gesessen hatte; ich hielte mir mit beiden Händen die Augen zu; um die Feier dieser Wonnestunden, in der Stille meines Innern, noch einmal an mir vorübergehen zu lassen, da knisterte in ihren Zimmer ihr Bettchen, in das sie sich eben legte.

Ich sprang auf, und rief ihr durch die Thür eine gute Nacht. Sie sagte mit freundlicher Stimme: »Gute Nacht, lieber Herr Ritter! Legt euch zu Bette, Ihr bedürft der Ruhe.«

Ich wollte noch eine kleine Zwiesprache anfangen, sie aber antwortete: »Ich spreche nicht weiter; schlaft wohl, morgen ein Mehreres!« Und nun war auch keine Silbe aus ihr herauszubringen.

Ich ging mit verschlungenen Armen in meiner Stube auf und ab! ich stand zehnmal vor der fatalen Thür. Wem so das Paradies mit Bretern vernagelt wird, bei Gott, der schläft auf keinen Rosen. Mich focht auch nicht im mindesten der Schlaf an, ich wandelte, mit dem Licht in der Hand, an den Wänden hin, die hier wieder, wie in Mimilis Kabinet auf der Alpe, mit den köstlichsten Zeichnungen, Kupferstichen und Gemälden geziert waren; ich kramte in den Bücherschränken, die von oben bis unten die ausgesuchtesten Prachtbände schmückten. Alle Classiker der Alten, und die vorzüglichsten Bibliothekwerke im Fache der Botanik und Naturkunde! Auf dem Fortepiano eine Guitarre und das Neueste der ersten Tonsetzer aus der gegenwärtigen Zeit! Aber was half das alles; zwischen dem Mädchen drüben im niedlichen Nachthäubchen unter der seidenen Decke und mir, war doch ein undurchdringliches Bret.

Sie hatte ihren Hut bei mir hängen lassen, sein Nachbar an der Wand war mein treues deutsches Schwerdt. In diesem stillen Augenblick der verlangenden Sehnsucht, war mir das trauliche Nebeneinanderhängen dieser beiden Schutz- und Schirmmittel von der allerhöchsten Bedeutung. »Du rundes leichtes, feines Ding,« begann ich, und es that wohl, daß ich mit etwas sprechen konnte, was ihr gehörte. »Du hast mir das zarte Weiß ihres freundlichen Gesichtchens erhalten, und Du, mein unzertrennlicher Gefährte in den blutigsten Schlachten, ihr mein Leben. Nun ruht ihr friedlich neben einander, und winkt dem Herrn und der Herrin, ein Gleiches zu thun, und ein unglückselig Bret schiebt sich mit Schloß und Riegel dazwischen; Du braves Schwert, Du bahntest Dir durch Eisen, Blei und menschliches Gebein, den langen Weg von väterlicher Flur bis gen Paris, und diesen Schritt – Du wagst ihn nicht?

Mein Schwerdt hing still und schweigend da, als wollt' es nicht aus seiner Scheide, und ich mußte schon endlich mein einsames Lager suchen.

Am frühen Morgen schon war Mimili auf dem Platze, sie rief mir einen fröhlichen guten Morgen zu, und schalt mich einen Langschläfer. Sie hatte bereits einen Eilboten an meinen Reisegefährten gesandt, und ihm, ohne mir ein Wort vorher davon zu sagen, geschrieben, daß ich in acht Tagen mit ihm in Schwytz zusammenzutreffen gedenke.

Nach dem Frühstück, das wir mit dem Alten unter dem Nußbaume verzehrten, wurden zwei Saumrosse vorgeführt. Mimili bestieg das eine, ich das andere, und so ritten wir dem schönen Tage lustig entgegen. Ich sollte weit und breit die ganze Runde ihrer Heimath kennen lernen, und sie versicherte, daß ich Jahrzehende lang hier wohnen solle, und sie werde mich täglich neue Wege führen, und ich solle immer einen reizender als den andern finden.

Das Mädchen hatte auf dem Pferde wieder seinen neuen Zauber. An den gräßlichsten Abhängen, an denen sich unter seiner süßen Bürde das berggewohnte Roß mühsam hinaufkratzte, saß Mimili mit einer Leichtigkeit in ihrem Sattel, als schwebte sie über den schaudervollen Schlünden, die sich dicht unter ihr so ungeheuer tief hinabschrofften, daß das Auge keinen Grund fand. That das Pferd nur einen einzigen Fehltritt, so war das wundersüße Kind unwiederbringlich verloren. Ich konnte nicht hinunter sehen in die schwarzen Schluchten, in denen die himmelhohen Tannen wie kleine Christbäumchen aussahen, und die Hütten der Thalbewohner wie daumenhohe Kartenhäuserchen. Mich schwindelte vor dem Unermeßlichen da unten, in dessen Felsenbette ein eilender Waldbach wildbrausend das Tiefere suchte, und im stillen Entzücken des Vertrauens hing mein Blick an meiner kühnen Führerin, die von der Pracht des Morgens und von dem Reichthum der herrlichen Natur, mit jedem Tausend Schritt immer mehr und mehr angeheimelt wurde.

Auf breitern Wegen ritt sie neben mir, und da sie mir denn immer noch nicht nahe genug war, setzte sie sich nach vielen Bitten mit auf mein Roß, und ließ das ihrige hinterdrein laufen.

Um desto fester zu sitzen, mußte sie mich mit ihren beiden Schwanenarmen umschlingen, und ich befand mich auf meinem Saumrosse von diesem Mädchen umfangen viel besser, wie dermalen der liebe Gott in Frankreich.

Ging es bergab, so rutschten die Pferde, wie die Hunde, wenn sie sitzend Schlittenfahren, auf allen Vieren über die Felswände hinab mit einer Sicherheit, daß man diese halsbrechende Parthie hätte im Schlafe machen können. Mimili war dabei übermüthig keck; oft im Augenblick, wenn ganze Massen kleines Gestein und Gerille mit und hinter uns herrollten, und ich dachte, die ganze Nagelflüe der morschen Felsen würde mit uns hinabgleiten in die schwärzlichen Tiefen, läpschte sie mit mir, und stippte und krabbelte mir mit ihren kleinen Fingern an den kitzlichsten Stellen meiner Halsbinde herum, daß ich sie um Gotteswillen bitten mußte, mich nicht aus dem Sattel zu bringen. Ich ward dann auch wohl wild, und umschlang das vor mir sitzende himmlische Mädchen und strafte es mit hundert glühenden Küssen; aber wenn ich nur eine halbe Linie über die Schnur ging, wozu denn für jeden Adamssohn mancherley Anlaß und Verleitung war, so hatte Mimili eine Manier, alle Vorgriffe dieser Art in ihre Schranken wieder zurückzuweisen, daß nur ihre göttlichen Reize vermögen konnten, einen zweiten Versuch dieser Art zu wagen.

Nach neun Uhr lagerten wir uns im grünen Grunde, an einer frischen Quelle im Schatten eines Nußbaumwaldes, und Mimili brachte aus den Satteltaschen ihres Rosses ein köstliches Frühstück mit einer Flasche rothen Corteillod.Er wächst im Fürstenthume Neuschatel, und wird dem feinsten Burgunder gleich geachtet. Sie kredenzte mir das perlende Rebenblut in einem kleinen silbernen Becher; wir leerten beide Zug um Zug, unter tausend Tändeln und Scherzen die Flasche, und ruhten aus im würzigen Grase. Es kann gar kein Mensch in der ganzen Welt glücklicher gefrühstückt haben, als ich diesen Morgen. Die ganze Atmosphäre war ein warmlaues Meer von Wohlgerüchen; denn Billionen bunter Blumen dufteten weit um uns her, heimlich rieselte der klare Bach zu unsern Füßen hinab; im langen tiefen Thale spähte kein menschliches Auge, der ewigen Jungfrau ernster Blick konnte uns hier nicht erlauschen, und selbst den wachsamsten Schutzgeistern des azurblauen Himmels waren wir hier verborgen; denn das grüne Dach, das die hundertjährigen Nußbäume über uns wölbten, war so dicht, daß kein Sonnenstrahl sie durchschleichen konnte. Der Corteillod glühte mir im Kopfe, und im Arme die unaussprechlich liebliche Mimili.

Ich sog des Himmels Seeligkeit von ihren Lippen. Schäkernde Lüftchen, in den Blüthenkelchen der Matten geboren und vom leisen Westwinde zu uns herüber getragen, spielten mit ihren Locken, mit ihren Bändern, mit den Säumen des fest überspannten Battisthemdchens und mit den Zipfeln ihrer bunten Kniegürtel, und säuselten mir ganz vernehmlich in's Ohr, ein Gleiches zu thun. Mimili aber meinte, ich sey kein schäkerndes Lüftchen, schlug mir auf die Finger und bestieg halb schmollend ihr Saumroß.

Dahin war das götterähnliche Stündchen des Frühstücks, und ich hatte tausend Mühe das Mädchen nur wieder zu besänftigen. »Ich bin Euch gut, wie ich noch keinem gewesen,« sagte sie, und sah wahrhaftig recht böse aus, »aber dann müßt Ihr auch Euch darnach halten, sonst bin ich nie mit Euch wieder allein; ich werde weinen, wenn ich in meinen Thälern werde ohne Euch seyn, aber bleibt Ihr so, wie ihr gestern Abend und diesen Morgen gewesen, dann wünsche ich, daß Ihr heute noch über die Berge geht.«

Ich ritt mäuschenstill hinterdrein, wie Sancho Pansa, wenn er von seinem Herrn verdientermaßen mit dem engen Kamme gekämmt wurde, und erst nach langer, langer Weile reichte sie mir rückwärts die Hand, und fragte ohne sich umzuwenden, aber mit gutmüthigem Tone: »Ihr seyd wohl böse Herr Ritter?«

Da sprang ich vom Pferde, und ergriff die Hand des Engels, und drückte sie herzlich an meine Lippen, und sie ward wieder freundlich, und streichelte mir mit kindlicher Unschuld die Wange.

In dem Augenblicke, daß ich neben ihr herging, kam wieder so ein schäkerndes Lüftchen, das aber diesmal – wir befanden uns wieder auf der Höhe – zudringlicher ward, und ihr das faltige Röckchen aufblähte. Ich hätte gern in aller bestmöglichsten Geschwindigkeit, des Kniees rosiges Grübchen geküßt; aber ich erhaschte schnell des Röckchens flatternden Saum, und bedeckte mit weggewandtem Gesichte das blendend weiße Füßchen der Holdin.

»Kommt zu mir herauf, ich sitze dann besser«, sagte die kleine Lügnerin, weil sie nicht gern wollte, daß ich dem Spiele des Windes länger zusehen möge, und ich flog hinter sie auf das Pferd, und ritt mit ihr fröhlich wieder nach Hause. Ich schob die Schuld von vorhin auf ihren hitzigen Corteillod. »O«, entgegnete sie lachend, »dafür ist Rath: trinkt Wasser! wir haben das schönste in der Welt, und so viel, daß Ihr es nicht gewältigen sollt.«

Hatten wir gestern reichsfreiherrlich gegessen, so speisten wir heute Mittag fürstlich, und mit schweizerischer Gastfreundlichkeit gab der Alte seinen besten Wein, und am wohlbesetzten Nachtisch verplauderten wir das behaglichste aller Verdauungsstündchen. Die feinsten Südfrüchte und zierliches Backwerk, die seltensten Desertweine und Ananas, Eis – kurz, es fehlte nichts, um nicht nach aufgehobener Tafel die vom vielen Essen müden Hände gefaltet auf den Bauch zu legen, und im Stillen auszurufen: Herr, segne was Du bescheret hast. Amen.

Der Kaffee ward unter dem Nußbaume vor dem Hause eingenommen. Mimilis Unterthanen, 6 bis 700 Seelen an der Zahl, versammelten sich zu ihren Füßen. Puten, Enten, Gänse, Hühner, Tauben von allen Gattungen und Farben. Aller Blicke waren auf die Königin gerichtet; in hundert fremden Sprachen krähten, schnatterten, quakten, kauderten und kurrten die buntgefiederten Lieblinge der Lieblichen ihr Entzücken vor, sie zu sehen; und mit beiden Händen streute sie mild und fröhlich des Hafers goldne Pracht unter die schuldlosen Höflinge.

Federvieh hatte ich in meinem Leben hundert, tausend mal füttern gesehen; aber wer Mimili in diesem lustigen Kreise sah, mußte von ihrer Laune, von ihrer Gemüthlichkeit, von ihrer glücklichen Gabe, in das einfachste Geschäft Genuß und Charakter zu legen, bezaubert werden. Sie sprach mit den treuen Genossen ihres stillen häuslichen Lebens plattschweizerisch, wovon ich leider nur den zehnten Theil verstand. Aber die Thiere verstanden die Melodie ihrer Stimme; näher kamen die jungen Küchlein, und pickten das Futter aus ihrer Schwanenhand, und die geschwätzigen Enten wackelten heran, und erzählten ihr gegenseitig die Begebenheiten der letzten vierundzwanzig Stunden im Kreise des Hofes, und die Tauben umschwirrten mit gespreitetem Fittig das wohlthätige Mädchen; Mimili sagte jedem etwas Schönes, nannte viele bei Namen, schalt die Futtergierigen aus, und liebkos'te schmeichelnd die Bescheidenen, die sich nicht heran drängten, sondern in geziemender Entfernung abwarteten, bis die Herrin ihrer gewahrte.

Späterhin spielte Mimili, nach langem bescheidenen Weigern, auf dem Fortepiano; ich setzte mich in den Winkel des weichen Sophas, und bewunderte im Stillen ihre Fertigkeit, ihre Delicatesse im Spiel; sie hatte erst eine sehr schwere Sonate vorgetragen, dann ging sie aus dem Thema der Sonate in eigne Phantasien über; sie verlor sich in die unendlichen Räume der Harmonie, bald rauschte das Instrument unter der Kraft ihrer kleinen Hand wild durcheinander, bald erklang in herrlicher Volltönigkeit ein frommes Hirtenlied, bald ergoß sich das Gemüth des sanften Mädchens in einem weichen Adagio.

So endete sie, und saß mit gesenktem Köpfchen still vor dem Instrumente, und spielte mit den goldnen Ketten ihres Mieders.

Ich stand, die Melancholie ihres letzten Adagio's im Herzen, auf und ging zu ihr. Sie hatte Thränen in den großen blauen Augen.

»Was weinst Du?« fragte ich leise, und küßte die kunstfertige Hand, die den harten Saiten solche weiche Töne entlockt hatte. »Was weinst Du, Mimili?«

Sie schüttelte den Kopf, und lächelte durch die Thränen mit freundlicher Wehmuth.

»Warum die Thränen, meine Mimili? sprich doch! darf ich es nicht wissen?«

»Ihr werdet mich nicht verstehen«, antwortete sie endlich mit niedergeschlagenem Blick, und stand auf und legte sich an meine Brust. Da brach ihr das Herz, und sie weinte lauter.

»Liebste Mimili! was ist Dir? sprich doch, ich bitte Dich!«

»Ihr versteht mich nicht, und ich habe Niemand, dem ich es sagen kann! das dort« – sie wies auf das Fortepiano – »weiß meinen Schmerz und hat mir geantwortet.«

»Lacht nicht über mich, Herr Ritter«, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »ich bin ein Kind, ein thörigtes Kind, das seine Träume hat; nun mein Herz sich ausgeweint hat, will ich wieder ruhig seyn.«

Ich verstand sie halb; sie ganz zu verstehen, war ich nicht eitel genug; ich umschlang sie und drückte einen langen, seelenvollen Kuß auf ihre Lippen. Sie ging auf ihr Zimmer, um sich die Augen mit frischem Quellwasser zu waschen, damit der Vater nicht merke, daß sie geweint habe; und ich blieb, und sah mit geschlossenen Augen in süßer Verzückung das Rosenlicht meiner seeligen Zukunft aufgehen.

Mimili mein – in diesen zwei Worten lag die ganze Summe meines Erdenglücks. Sobald diese zwei Worte sich nur in meinem geheimsten Innern zusammen gesetzt hatten – über die Lippen waren sie mir noch nicht gekommen – sobald war ich mit mir einig, keinem andern Mädchen in der ganzen weiten Welt meine Hand zu bieten, als diesem himmlischen Engel.

Gut war mir Mimili, das hatten mir ihre Thränen, das hatte mir ihr herzlicher Kuß vorhin gesagt. Für eine so heilige Liebe, als in Mimilis jungfräulichem Herzen wohnte, war kein Wort unserer armen Sprache bezeichnend genug. Konnte ich doch in dem Augenblick selbst nicht sprechen. Ich ging im Zimmer auf und ab, ich hörte noch in meinem Innern die sanften Töne ihres Spiels, ich fühlte noch ihre Arme auf meinen Achseln, ihre würzigen Lippen auf meinem Munde, die Fülle ihres wogenden Busens auf meiner überseligen Brust.

»Aber«, – daß doch dem Menschen, so lange er auf dieser Erde wallt, das verdammte Aber jeden Genuß stören muß – »aber wird Mimili das Paradies ihrer Heimath verlassen und dir folgen? wird sie, hier aufgeblüht unter den Blumen ihrer Matten, dort leben können, wo das kümmerliche Haidekraut im saftlosen Sande verwelkt? wird sie für die tausend Natur-Reize, die sie hier fesseln, dort Ersatz finden? wird es ihr nicht bangen, wenn sie statt ihrer herrlichen Alpenwelt leere flache Steppen, statt ihrer würzigen Nußbaumwälder raupenfräßige Kieferhaiden, statt ihrer Krystall-Quellen moorige Sümpfe, statt ihrer blanken Kühe im duftigen Klee schlabernde Pferde im sauern Schilfgrase, statt ihrer muntern Forellen einsame Unken findet? wird ihr für alle diese Entbehrungen dein Herz, dein armes Herz allein Ersatz seyn? wird der Vater sich entschließen können, dies Mädchen, die Freude seiner Alpen, in unsere märkisch-phrygischen Wüsten ziehen lassen? wird Mimili ihr Brüstli, ihr Miederchen und ihr faltiges Röckchen nicht mit den, uns von der Mode aufgedrungenen französischen Kleidern vertauschen müssen? wird sie mit ihrer einfachen Schweizertracht nicht am Ende auch ihre schweizerische Natürlichkeit ablegen? wird das freie Alpenmädchen nicht an der flachen Erbärmlichkeit unserer Conventionswelt tausendmal anstoßen? wird sie sich nicht aus unsern steifen gemüthleeren Zirkeln, die oft nur von den rothen und schwarzen Klecksen auf zwei und funfzig Pappblättern zusammen gehalten werden, hinaussehnen nach ihren fröhlichen Gizzis und Aülis, und zu ihren schnatternden Gänsen und Enten, zu ihren kurrenden Tauben? wird sie? –

Ich hätte noch hundert solche »wird sie's« mir in den Weg geworfen, wenn nicht eben eine Dienerin des Hauses mich zum Abendessen eingeladen hätte.

Auch Mimili mußte unterdessen ein Selbstgespräch gehalten haben, was sich mit »wird er« angefangen hatte, denn sie war still und ernst.

Erst als sie der Vater fragte, ob ihr etwas fehle, fiel sie der davongehenden Laune in den Zügel, und gewann es über sich, mit mir und dem Vater zu scherzen; aber ich sah heller, als der Alte; ich sah dem krystallenklaren Wesen bis auf den Grund ihres reinen Gemüthes, und warf in ihm den goldnen Anker meiner Hoffnung.

»Auf die Bank, wo der viele Klee blüht«, flüsterte ich ihr nach dem Essen leise in das Ohr; sie nickte lächelnd mit dem kleinen Kopfe, holte ihre Guitarre und sagte zum Vater: »Mi Aetti, dem Ritter heimelt die Bank an, wo wir gestern gesessen, da will ich ihm vorsingen, bis er einschläft, und dann lege ich ihm Ketten an, daß er bei uns bleibe, bis der Klee verblüht ist.«

Der Alte lachte, wir aber gingen Arm in Arm nach der Bank, wo wir gestern gesessen, und Mimili griff ungebeten in die Saiten ihrer Guitarre und sang der Schweizerlieder lieblichste, die sie nur wußte. Der Silberglockenklang ihrer reinen metallreinen Stimme tönte weit über die stille Matte hinaus in die schwarzen Felsengründe hinüber. Es war, als rege sich kein Läubli in den Zweigen, als höben die Blumen ihre kühlbethauten Kelche höher, um die zarten Zaubertöne zu behorchen. Ich schauerte aus einem Entzücken in das andere hinüber; ich setzte mich ihr näher, und als ich dicht neben ihr saß, war mir immer noch, als wäre sie noch viel zu weit von mir; ich zog sie herüber in meine Arme, auf meinen Schoos. Sie legte schweigend die Guitarre weg. Ich hätte unter der süßen Bürde meiner kleinen Mimili vor Wonne, vor unnennbarer Seligkeit vergehen mögen.

»Verderbt mich nicht, Herr Ritter«, sagte sie bittend und schlang den schönen Arm, wie ihn kein Apelles geschaffen um meinen Hals; »machet nichts Arges mit mir, ich bin ein schwaches Maidli, und Ihr ein starker Herr und Ritter; ich bin Euch so gut, als noch Keinem im ganzen Alpenland. Aber laßt mich bleiben, wie die Jungfrau die immer hell und klar ist, und rein und ewig unbefleckt.« Sie wies auf die Himmelhohe, die in der Sternennacht heiligem Dunkel rosenfarbig glänzte, wie ein ungeheurer Rubin-Ballais; sie drückte mir der Liebe süße Küsse auf die Lippen, sie streichelte mir unter den zartesten Liebkosungen die Wangen, sie wirrte mir mit ihren niedlichen Fingern in den Haaren – wäre es dunkler gewesen, ich hätte geglaubt, ein Kind von drei Jahren auf dem Schoose zu haben, so schuldlos tändelte Mimili.

»Das kann ja wohl nichts Böses seyn«, fuhr sie fort, »wenn ich Euch küsse. Ich weiß es nicht woher es kommt, aber wenn der Vater oder der alte Herr Nachbar mich küßt, ist's mir das nicht, was es ist, wenn Ihr mich küßt und mich Eure kleine Mimili nennt. Ich bin heute so froh und so fromm aufgestanden, als gestern früh; und das hätte ich, sollte ich meynen, nicht gekonnt, wenn die Küsse, die Ihr mir gestern gegeben, etwas Unchristliches gewesen wären. Meynt Ihr nicht auch so, Herr Ritter? – Heute früh, o, Ihr schlieft noch, fauler Herr, war ich schon hier auf der Matte; alle Felsen rundum haben müssen Euern Namen lernen, daß sie mir Euch nennen können, wenn Ihr fort seyd; da habe ich doch Jemand; der mir von Euch spricht, wenn ich allein bin. Nun will ich Euch auch sagen, warum ich vorhin weinte, und beym Nachtessen Anfangs verstimmt war. Wenn Ihr werdet weg seyn, da – vielleicht schickt es sich nicht, daß ich Euch das sage, aber es ist ja nichts Böses an sich, und mir ist, als müßtet Ihr alles wissen, was ich denke und fühle – wenn Ihr werdet weg seyn, da wird mir mein Leben nicht mehr gefallen. Dem Aetti darf ich das nicht sagen, der spricht gleich, hast Du nicht Deine Heerden, Deine Gizzis und Tauben, Deine Alpen und Blumen? Alles gut; aber ich habe Niemand, der mich seine kleine Mimili nennt, der mit mir schwatzt, mit dem ich kosen kann, und der mir hundertmal in einem Tage sagt. daß er mir gut ist. Ihr werdet weit, weit weg gehen, und an die arme kleine Mimili in ihren stillen Bergen wird kein Mensch in der ganzen Welt denken. Mein Geist wird über den Saum unserer Gebürge zu Euch hinüber fliehen, und mich werden sie unter kalten Felsen begraben. Seht, das fiel mir heute im Zwielicht, als ich spielte, alles ein, und da wallte mir das Herz über und ich mußte weinen. Nun ist es besser, das jetzt sagen können, was mir vorhin, ich weiß selbst nicht warum, um keinen Preis möglich gewesen wäre. Nun ihr es aber wißt, und Ihr habt mich wirklich so lieb, als Ihr immer sagt, und als ich gern glauben mag; – nicht wahr, nun gebt Ihr den acht Tagen, die Ihr hier zu bleiben versprochen, noch achte zu? nicht wahr, Herr Ritter? Ihr wißt, ich kann's nicht leiden, wenn Ihr mich auf das Ohrläppchen küßt; es kitzelt mich so entsetzlich – aber ich will mich zwingen, ich will's aushalten; ich will alles thun, was Euch Freude macht, und was ich thun kann, aber bleibt noch acht Tage länger! bedenkt, wir sehen uns dann nie – nie wieder, und was sind acht kurze Tage für ein Menschenleben?«

»Mimili«, sagte ich, und drückte sie herzlich an mich, und küßte das sammetne Ohrläppchen, daß sie die kleinen blendendweißen Zähnchen zusammen biß, um die Pein des Kitzels zu überwinden. »Mimili, meine heilig geliebte Mimili, wenn wir nun immer beisammen blieben!«

»Wie denn immer?« fragte sie auf einmal sanft, aber ernst, als ob sie erschrocken sey und der Frage Räthsel ahne, zu der mich ihre Wünsche verleitet.

»Mimili, sprich mein Urtheil aus,« sagte ich, und mir ward so ernsthaft und so feierlich um's Herz, als mir im Leben noch nicht gewesen, »wenn Du nur so klar in meiner Seele lesen könntest, als ich in der Deinen, dann würdest Du wissen, was Du jetzt hoffentlich glaubst, daß ich es ehrlich mit Dir meyne, und daß ich Dich liebe, wie kein Wesen in der ganzen Welt, daß ich ohne Dich nicht leben kann, und daß ich Dir Treue schwöre bei Gott, dem Ewigen, bis in den Tod. Sey mein, Mimili, sey mein holdes Weib.«

Mimili sah mir lachend in's Gesicht und sagte: »Ich glaube, Herr Ritter, Ihr faselt; was wollt Ihr mit dem dummen Alpen-Maidli in Eurer blanken Residenz? Was würden Eure großherzigen Frauen und Mädchen sagen, wenn Ihr eine brächtet, die nichts, gar nichts gethan für Euern König und Euer Volk; die nicht kennte ihre Sitte und Weise, und die nichts weiter wüßte, als ihre Liebe zu Euch. Hier gefalle ich Euch, weil Ihr keine Andere seht; aber kommt nur erst heim! wenn sie Euch entgegen ziehen werden mit Glockengetön und lustigen Reigen, und die Jungfrauen Euch bringen werden des Dankes Thränen im Auge, blühende Myrthenkränze in der Hand und liebende Herzen im Mieder – o, wo werdet Ihr dann an mich denken! Für die Euer Herzblut geflossen, für die Töchter Euers Volks hebt Euch auf, edler Herr Ritter, nicht für das Hirtenmädchen der fremden Schweiz. Und – denket Ihr denn, daß mein Aetti mich ziehen lassen möcht'? Müßt ihm nicht das Herz mitten von einander brechen, wenn ich über die Berge gänge, und nicht wiederkehrte? Könnte ich denn in Euren lärmenden Gassen ruhig seyn, wenn ich wüßte, daß der alte Mann in seinem stillen Hause daheim allein säß, bis er zur seligen Mutter käme? – Oder wolltet Ihr ewig Euch von Eurem ritterlichen König trennen, dem Ihr Euren Arm geschworen, ewig von Eurem großen Volke, für dessen Heil Ihr dem Tod Euch preisgegeben, und hier in einem Lande bleiben, in dem Ihr nie heimisch werden könnt? Wird das Unendliche meiner Liebe Euer stilles Leben hier auf immer ausfüllen? – Nein, mein Herr und mein Ritter!« schloß sie und lachte nicht mehr, sondern legte sanft weinend das Köpfchen auf meine Achsel »nein, diesen schönen Traum habe ich aufgegeben; ach – ich darf es Euch jetzt sagen, ich habe ihn auch geträumt; aber als ich vorhin spielte und tief in meinem Innern ruhig prüfte, zerfloß der bunte Schimmer meines Glücks wie eine leichte Lauwine; ich hatte meiner geheimsten Wünsche Höchstes darauf gebaut, und es ist alles, alles hinabgestürzt in die tiefen Schlünde, aus denen keine Rettung möglich ist. – Keine Rettung! – mein Freund – mein süß geliebter Freund, das ist schrecklich!«

»Morgen,« entgegnete ich ihr, von ihrer herzigen Rede ergriffen, »spreche ich mit dem Vater.« Jetzt, da ich das Geständniß ihrer Gegenliebe hatte, war keine Macht der Welt möglich, mich von diesem Engel zu trennen. Wir machten hundert Pläne, und verwarfen sie alle wieder. Wir saßen bis nach Mitternacht auf der Bank, glücklicher, als mancher Fürst auf seinem Thron. Als wir heimgingen, rief sie den Bergen meinen Namen, damit sie ihn, wie sie sagte, nicht vergäßen; ich rief ihren Namen, und die Felswände jenseits der Kleematten, riefen ihn vier, fünf, sechs Mal wieder, erst deutlich Mimili, dann mili und ili, bis endlich in weiter, weiter Ferne leise es wiederhallte li – li – li.

Sie sagte wehmüthig lächelnd: »Ihr habt keine Berge! wenn Ihr auch meinen Namen dort bei Euch einmal nennt, so wird der Wind ihn verwehen, der über Eure Flächen fährt, und Niemand wird Euch mich nennen, und Ihr werdet mich vergessen. Die Vertrauten meines Geheimnisses aber; die Freunde meiner Jugend, meine Berge, die Euch gesehen haben, die Euch kennen, die Zeugen unserer seligen Stunden gewesen sind, die werden mir theilnehmend antworten, wenn ich sie im Schmerz meiner Einsamkeit um Euren Namen frage, und mein einziger Vertrauter soll hier das heimliche Echo seyn.« Sie rief noch einmal mit ihrer Silberstimme durch die schweigende Mitternacht gegen die himmelanstarrenden Felsen meinen Namen, und lauschte mit zurückgehaltenem Athem auf die Laute, welche die Berge eben so melodisch wiedergaben, als sie solche bekommen hatten. Es war, als spräche ein Wesen aus den Sternen zu uns herab, so weit und so himmelrein klang die Sprache, die Mimili in ihre Berge gesprochen hatte.

Als wir nach Hause kamen, saßen wir noch länger, als eine Stunde in meinem Zimmer; ich hatte unterwegs über Durst geklagt; sie holte selbst (denn das ganze Haus schlief schon) eiskaltes Wasser an der Quelle, und tröpfelte Limoniensaft hinein, schnitt Ananas-Scheiben in das Glas, süßte es mit Zucker, mischte Wein darunter und bereitete so ein herrliches Getränk. Wir tranken aus einem Glase, und küßten uns bey jedem Zuge.

»Ich schiebe auch heute den Riegel nicht vor,« flüsterte mir Mimili halb verschämt in das Ohr: »wenn Ihr mich so liebt, wie Ihr sagt, muß ich ja Vertrauen zu Euch haben, denn ihr werdet meine Liebe ehren, wenn Ihr Euch selbst ehret. Aber nun auch gute Nacht, mein Freund. Es ist spät, so lange bin ich im Leben noch nicht auf gewesen.«

Der Gutenacht-Kuß dauerte wieder wenigstens eine Viertelstunde; endlich ging Mimili, und schob den Riegel hinter sich – nicht zu.

Die Geschichte mit dem Riegel leitet sich eigentlich von einem kleinen Zwiespalte her, den wir diesen Abend gehabt hatten. War mir es wirklich als ein Zeichen von Mißtrauen – – – nein, nein, ich will ehrlich seyn! Ich komme jetzt auf eine recht schlechte Seite von mir, aber offen und wahr will ich, wenigstens in diesem Augenblick, gegen mich selbst seyn – der Riegel war mir gestern ganz entsetzlich fatal gewesen. Ich konnte mir an allen zehn Fingern abzählen, daß der verdammte Riegel diese Nacht mir wieder in die Quere kommen würde, und studirte nun auf eine feine Ueberflügelung, um mir die Thüre frei zu erhalten.

Pfui, über mich!

Mimili, dieses fromme, reine, unschuldige Mädchen hatte ich betrügen wollen.

Durch ein einziges Wort, das mir der Satan eingab, hatte ich das zarte, weiche Gemüth dahin gebracht, mir meinen Willen zu thun. Ich hatte ihr auseinander gesetzt, daß, wo Mißtrauen sey, keine wahre Liebe aufkeimen könne, daß sie mich daher unmöglich lieben könne, so lange sie mißtrauisch gegen mich sey, und daß der bewußte Riegel ein offenbarer Beweis ihres mich sehr niederschlagenden Mißtrauens sey; sie hatte mir in dem ersten Augenblick kurz abgebrochen und empfindlich geantwortet, und ich hatte geschmollt; später war sie auf den widrigen Riegel wieder zurückgekommen, und hatte mir mit unendlicher Züchtigkeit die Gründe angegeben, warum sie nicht thun könne, was ich begehre; – und jetzt gab sie von selbst die freiwillige Versicherung, die Thüre unverriegelt zu lassen, und sie hielt Wort.

Die Gewalt der Tugend, die unendliche Gewalt der Tugend lernte ich in dieser Nacht erkennen.

Mimili, im Point-Häubchen, unter der leicht seidenen Decke, in dem weiß umvorhangten Bettchen, zehn Schritte von mir, die Thüre offen, stille heimliche Mitternacht – überall die höchste fleischliche Sicherheit – weiß Gott im hohen Himmel, kein alltäglicher Fall – und ich will tausend an meine Stelle setzen, die halb so gut waren, als ich, und sie wären nicht gegangen. »Ihr werdet meine Liebe ehren, wenn Ihr Euch selbst ehrt«, hatte Mimili gesagt, und dabei hatte sie sehr ernsthaft, sehr bestimmt und sehr stolz ausgesehen – ich hatte, ich will es nicht läugnen, einmal die Klinke der Himmelspforte beinahe schon in der Hand; ich wollte, log ich mir vor, nur sehen, ob Mimili schliefe! aber ich fuhr mit der Hand zurück, als wäre die Klinke glühend; denn Mimili stand wie eine Heilige vor mir. Ich war zufrieden mit mir, aber doch auch nicht recht. O die Menschen, wenigstens die Mannspersonen, sind grundschlechte Kreaturen! – Mimili schlief, umstellt von den Engeln der Unschuld, und eingewiegt in die Träume der süßesten Liebe; und ich – rang mit dem Satan, der mich in meine schnöden Begierden verstrickte, wie eine Kreuzspinne die Fliege in die Fäden ihres Gewebes. Zehnmal sagte ich mir: »Mimili muß dich hassen lernen, wenn du ihr Vertrauen mißbrauchst; geh' nicht; bleib' zurück; entweihe das Heiligthum nicht, in dem das Engelskind ruhig schlummert, weil es dich so tugendhaft glaubt, als es selbst ist.« – und zehn- – – nein, zu meiner Ehre, nur einmal sagte ich mir wieder: »hast du denn keine Augen? Siehst du denn nicht, daß das alles die raffinirteste Koketterie ist? Würde denn eine unbescholtne Jungfrau deiner Residenz sich dir in dunkeler Nacht auf den Schoos setzen? würde sie mit dir allein gehen? ja, würde sie nur ein Röckchen tragen, das kaum bis zur Wade reicht? Ist denn dies alles nicht offenbar berechnet, über deinem Sinnen-Zunder ein Feuer anzuschlagen, welches, wenn es einmal zur Flamme emporgelodert, gar nicht mehr gelöscht werden kann? Ist dir denn mit dem Riegel endlich der Staar nicht vollends gestochen? Sie sagt dir ja selbst mit klaren Worten, daß sie ihn nicht vorgeschoben, daß du kommen sollst. Geh'; versäume den süßen Augenblick nicht.

Mimili, das lieblichste Alpenkind des ganzen Erdenrundes, öffnet dir Thüre, Herz und Mieder.

So wogte es mich hin und her, ich glühte und fror; ich wollte, und wollte nicht; ich bildete mir ein, tugendhaft zu seyn, und verkaufte meine ewige Seligkeit, sammt allen Gnadenmitteln, dem leidigen Teufel; ich schwelgte im Gedanken, Mimili's Reize zu erschöpfen, und ich hätte mich vernichten mögen vor Aerger, daß ich eines so bübischen Gedankens nur fähig war. Kurz, ich verbrachte das dritte Viertel der Nacht auf eine so quälige Weise, als ich noch keine in meinem Leben durchwacht hatte.

»Nein,« sagte ich endlich, und legte mich, müde, als hätte ich mit einem Giganten gekämpft, zu Bette, »nein, das muß anders werden. Morgen spreche ich mit dem Vater, und über ein Kleines werdet ihr mich um diese Zeit nicht mehr hier in diesem Bette sehen, sondern drüben hinter den blüthenweißen Vorhängen, die vor Mimili's Bettchen hängen, schweigend und verschwiegen, wie der Vorhang vor dem Allerheiligsten des Salomonischen Tempels.«


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