Gerhart Hauptmann
Einsame Menschen
Gerhart Hauptmann

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Fünfter Akt

Die neuen Vorgänge schließen sich fast unmittelbar an die des vierten Aktes an. Das Zimmer ist leer. Die brennende Lampe steht noch auf dem Tisch.

Johannes kommt hastig und voll Zorn durch die Flurtür. Mutter! Öffnet die Schlafstubentür. Mutter!!

Frau Vockerat kommt aus der Schlafstube. Na, was gibt's denn. Junge? Was machste denn solchen Lärm! Du weckst ja Philippchen auf.

Johannes. Mutter! ich möchte wissen, wer dir ein Recht gibt – Gäste aus meinem Hause hinauszuweisen.

Frau Vockerat. Nee, Junge . . . Das is mir nicht eingefallen. Ich hab' keinen Menschen hinausgewiesen.

Johannes geht zornig umher. Mutter, du lügst!!

Frau Vockerat. Das magst du deiner Mutter ins Gesicht sagen, Hannes?!

Johannes. Ich muß es dir sagen, denn es ist so. Fräulein Anna ist im Begriff zu gehen, und . . .

Frau Vockerat. Hat sie gesagt, daß ich ihr das Haus verboten hätte?

Johannes. Das braucht sie mir nicht zu sagen. Das weiß ich.

Frau Vockerat. Wie willst du denn das wissen, Junge?

Johannes. Sie geht. So lange habt ihr gebohrt und gebohrt. Aber ich sage dir: ich lege mich vor die Tür. Ich nehme den Revolver – er nimmt einen aus dem Bücherschrank – hier! halte mir ihn vor den Kopf. Und wenn sie geht, dann drücke ich los, so wahr wie ich lebe!

Frau Vockerat, erschreckt und geängstet, will ihm in den Arm fallen. Hannes! . . . willst du wohl! Willst du wohl das lassen!

Johannes. Ich gebe dir mein Wort . . .

Frau Vockerat ruft. Papachen, Papachen! so komm doch! Wie leicht kann's losgehen und . . . Papachen! bring doch den Jungen zur Vernunft.

Der alte Vockerat tritt aus dem Schlafzimmer.

Johannes. Vater! Plötzlich ernüchtert, läßt den Revolver sinken.

Vockerat. Ja, ich . . . ich bin's – und so . . . so muß ich dich wiedertreffen.

Johannes. Was soll das bedeuten, Mutter?

Vockerat, auf ihn zu, ernst und feierlich. Daß du dich besinnen sollst, Sohn – das soll es bedeuten.

Johannes. Was führt dich denn zu uns?

Vockerat. Gottes Wille, tja! Der Wille Gottes führt mich zu euch.

Johannes. Hat Mutter dich gerufen?

Vockerat. Ja, Hannes!

Johannes. Aus welchem Grunde?

Vockerat. Um dir als Freund beizustehen, tja!

Johannes. Inwiefern brauche ich Beistand?

Vockerat. Insofern du schwach bist, Hannes! Ein schwacher Mensch, wie wir alle, tja!

Johannes. Und wenn ich nun schwach bin, womit willst du mir helfen?

Vockerat kommt ihm nahe, faßt seine Hand. Ich will dir sagen, wie lieb wir dich alle haben, tja! Und dann wollt' ich dir noch sagen, daß Gott Freude hat über einen Sünder, tja! über einen Sünder, der Buße tut.

Johannes. Ein Sünder bin ich also?

Vockerat, immer mit Milde. Ein großer Sünder, tja – vor Gott.

Johannes. Wieso habe ich gesündigt?

Vockerat. Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, sagt Christus, tja! – Und du hast mehr getan, tja, tja!

Johannes macht eine Gebärde, als ob er sich die Ohren zuhalten wolle. Vater . . .

Vockerat . Verschließ dich nicht, Hannes! Gib mir die Hand, der Sünder dem Sünder, und nimm mich an. Nimm mich zum Mitstreiter an.

Johannes . Ich muß dir sagen, Vater: ich stehe auf einem andern Boden als du.

Vockerat . Du stehst auf einem abschüssigen Boden.

Johannes . Wie kannst du das sagen, Vater! Du kennst ja den Boden nicht, auf dem ich stehe. Meinen Weg kennst du ja nicht.

Vockerat . O ja! Es war der breite Weg ins Verderben. Ich habe dich wohl beobachtet im stillen, tja! und außer mir ein Höherer: Gott. Und weil ich das wußte, habe ich versäumt, meine Pflicht zu tun, tja! Heut aber komme ich zu dir in seinem Namen und sage dir: Kehre um! Du stehst vor einem Abgrund.

Johannes . Ich muß dir sagen, Vater! . . . Deine Worte sind gut und treu gemeint, aber – sie finden in mir keinen Widerhall. Deine Abgründe fürchte ich nicht. Aber es gibt andre Abgründe, und daß ihr mich dort nicht hinuntertreibt – davor nehmt euch in acht.

Vockerat . Nein, Hannes! . . . nein . . .

Johannes . Es ist nicht wahr, daß, wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, die Ehe bricht! Ich habe gekämpft und gekämpft . . .

Vockerat . Nein, Hannes! Nein. Ich habe dir oft geraten, und du bist gut dabei gefahren. Ich sage dir heut, belüge dich nicht, mach ein Ende. Denk an deine Frau, an dein Philippchen, und auch an deine alten Eltern denke ein wenig. Häufe nicht . . .

Johannes. Soll ich nicht auch an mich selbst denken, Vater?

Vockerat. Dir wird frei und leicht sein nach dem Entschluß.

Johannes. Und wenn's nicht so ist?

Vockerat. Verlaß dich auf mich, es wird so sein.

Johannes. Und wenn . . . und Fräulein Anna?

Vockerat. Die Weltkinder, Hannes, überwinden leicht.

Johannes. Und wenn sie nun nicht leicht überwindet?

Vockerat. Dann ist es nicht Gottes Wille gewesen.

Johannes. Nun, Vater – ich bin anderer Ansicht. Wir verstehen uns nicht. Wir werden uns in dieser Angelegenheit wohl überhaupt niemals verstehen.

Vockerat, immer noch nach Möglichkeit gütig. Es ist . . . es ist hier gar nicht von Verstehen die Rede. Du verkennst das Verhältnis, tja, tja! Das Verhältnis ist ein ganz andres. Du hast es auch früher sehr wohl gewußt. Darauf kommt es nicht an. Auf das Einigen kommt es nicht an.

Johannes. Sei mir nicht böse, Vater, aber worauf denn?

Vockerat. Auf den Gehorsam, mein' ich, kommt es an, tja!

Johannes. Du meinst: ich sollte alles tun, was du willst, auch wenn's mir nicht recht erscheint?

Vockerat. Ich werde dir nichts Unrechtes raten, tja! Es tut mir leid, dir's sagen zu müssen . . . Dir so etwas erst vorhalten zu müssen, tja! Wir haben dich großgezogen, nicht ohne Sorgen und schlaflose Nächte. Wir haben dich gepflegt und kein Opfer gescheut, als du krank warst, und du bist viel krank gewesen in deiner Jugend, Hannes! tja! Wir haben alles gern und mit Freuden getan.

Johannes. Ja, Vater! und dafür bin ich euch dankbar.

Vockerat. Das sagt man, und man sagt ein Wort. Taten, Taten will ich sehen. Ein frommer, ein reiner, ein gehorsamer Mensch sein, tja: das ist die rechte Dankbarkeit.

Johannes. Du meinst also, ich sei undankbar; ich lohne der Mühe nicht?

Vockerat. Weißt du noch, wie du als Kind immer gebetet hast – im Bettchen, tja! – abends und morgens?

Johannes. Was denn, Vater?

Vockerat. »Ach lieber Gott, ich bitte dich, ein frommes Kind laß werden mich. Sollt' ich aber das nicht werden . . .«

Johannes. » . . .so nimm mich lieber von der Erden.« Du meinst also, es wäre besser gewesen, ihr hättet mich begraben?

Vockerat. Wenn du fortfährst, den abschüssigen Weg zu wandeln, wenn . . . tja! – wenn dein Herz starr bleibt . . .

Johannes. Ich meine fast auch, es wäre besser gewesen. Kleine Pause.

Vockerat. Komm zu dir selber, Sohn. Denk derer, Hannes, tja! die dich ermahnt haben, denk an Pastor Pfeiffer, deinen frommen Lehrer und Seelsorger. Vergegenwärtige dir . . .

Johannes, außer sich. Vater! laß mich mit meinen Lehrern in Ruh', wenn ich nicht lachen soll. Erinnere mich nicht an diese Gesellschaft von Schafsköpfen, die mir das Mark aus den Knochen erzogen haben.

Frau Vockerat. Oh, himmlischer Vater!

Vockerat. Still, Marthchen! Still! Zu Johannes. Das haben deine Lehrer und wir nicht verdient.

Johannes, schreiend. Gebrochen haben sie mich.

Vockerat. Du frevelst, Hannes!

Johannes. Ich weiß, was ich sage: gebrochen habt ihr mich.

Vockerat. Lohnst du so unsere Liebe?

Johannes. Eure Liebe hat mich gebrochen.

Vockerat. Ich kenne dich nicht mehr wieder. Ich verstehe dich nicht mehr.

Johannes. Das glaub' ich selbst, Vater. Ihr habt mich nie verstanden und werdet mich nie verstehen. Kleine Pause.

Vockerat. Nun gut, Hannes! Ich bin zu Ende. Ich ahnte nicht, daß es schon so weit gekommen war. Ich hatte Hoffnung, aber meine Mittel versagen. Hier kann nur Gott noch helfen. Komm, alte Martha! wir haben nun nichts mehr zu suchen hier, tja! Wir wollen uns irgendwo verstecken und warten, bis der liebe Gott uns abruft. Er wendet sich aufs neue zu Johannes. Aber Hannes! Eins muß ich dir noch sagen: Halt deine Hände – hörst du! frei von Blut. Lade nicht dies noch auf dich! – Hast du dir Käthe mal recht betrachtet? Weißt du, daß wir für ihr Gemüt fürchten? Hast du dir das arme, liebe Wesen mal recht angeschaut, tja? Ist dir denn schon mal klargeworden, was ihr aus ihr gemacht habt? Laß dir mal erzählen von Mutter, wie sie die Nacht über deinen Bildern geweint und geschluchzt hat. Also noch einmal, Hannes! laß kein Blut an deine Hände kommen. Und nun sind wir fertig, tja! Komm, Marthchen, komm!

Johannes, nach kurzem Kampf. Vater!! Mutter!!

Frau Vockerat und Vockerat wenden sich. Johannes fliegt in ihre Arme. Johannes! Pause.

Johannes, mit leiser Stimme. Nun sagt, was ich tun soll?

Vockerat. Halte sie nicht. Laß sie ziehen, Hannes.

Johannes. Ich verspreche dir's. Er ist erschöpft und muß sich auf einen Stuhl niederlassen. Frau Vockerat eilt freudig bewegt ins Schlafzimmer.

Vockerat streichelt den Dasitzenden, küßt ihn auf die Stirn. Und nun – Gott gebe dir Kraft, tja! Ab ins Schlafzimmer.

Johannes sitzt einen Augenblick still; dann schrickt er zusammen, wird unruhig, erhebt sich, späht in die Finsternis vom Fenster aus, öffnet die Flurtür.

Johannes. Ist jemand hier?

Fräulein Anna. Ich bin's, Herr Johannes! Sie kommt herein.

Johannes. Wollten Sie fort ohne Abschied? Er geht umher.

Fräulein Anna. Ich war wirklich unschlüssig einen Moment lang. Aber nun ist's ja gut so.

Johannes. Ich bin in einer furchtbaren Lage. Mein Vater ist hier. Ich hab' ihn nie so gesehen. Der frohe und heitre Mensch. Ich kann mich dem Eindruck nicht mehr entziehen. Und auf der andern Seite soll ich zusehen, wie Sie von uns fortgehn, Fräulein, und . . .

Fräulein Anna. Sehen Sie, Herr Doktor, ich hätte ja sowieso gehen müssen.

Johannes. Aber Sie sollen nicht gehn! Sie dürfen nicht fortgehn. Am allerwenigsten jetzt, jetzt in diesem Augenblick. Hat sich hingesetzt, stützt die Stirn in die Hand; tiefes Stöhnen entringt sich seiner Brust.

Fräulein Anna, mit einer bewegten, kaum hörbaren Stimme. Herr Doktor! Legt ihre Hand leise auf sein Haar.

Johannes richtet sich auf, seufzt. Ach, Fräulein Anna!

Fräulein Anna. Denken Sie doch daran – was wir gesprochen haben – noch vor kaum einer Stunde. – Wollen wir nicht aus der Not eine Tugend machen?

Johannes erhebt sich, geht heftig umher. Ich weiß nicht, was wir gesprochen haben. Mein Kopf ist leer und wüst und gepeinigt. Ich weiß auch nicht, was ich mit meinem Vater geredet habe. Ich weiß nichts. Leer und wüst ist mein Kopf.

Fräulein Anna. Ach, es wäre wohl schön, Herr Johannes, wenn unsre letzten Minuten klare Minuten wären.

Johannes, nach kurzem Ringen. Helfen Sie mir, Fräulein Anna! Nichts Hohes, nichts Stolzes ist mehr in mir. Ich bin ein anderer geworden. Nicht einmal der bin ich in diesem Augenblick, der ich war, eh Sie zu uns kamen. Ich habe nur noch Ekel in mir und Lebenswiderwillen. Mir ist alles entwertet, beschmutzt, besudelt, entheiligt, in den Kot gezogen. Aber ich fühle, daß ich etwas war, durch Sie, Ihre Gegenwart, Ihre Worte – und wenn ich das nicht wieder sein kann, dann – dann kann mir auch alles andre nichts mehr nutzen. Dann mach' ich einen Strich unter die Rechnung und – schließe – ab. Er geht umher, bleibt vor Anna stehen. Geben Sie mir einen Anhalt. Geben Sie mir etwas, woran ich mich aufrichten kann. Einen Anhalt. Ich breche zusammen. Eine Stütze. Alles in mir bricht zusammen, Fräulein.

Fräulein Anna. Herr Doktor! Es tut mir sehr weh, Sie so zu sehn. Ich weiß kaum, womit ich Sie stützen soll. Aber an eins sollten Sie sich erinnern. Wir haben es vorausgesehn. Ein Tag früher, ein Tag später, wir mußten auf alles gefaßt sein, Herr Doktor!

Johannes steht still, sinnt nach.

Fräulein Anna. Nun? Erinnern Sie sich jetzt? Wollen wir den Versuch machen damit? Sie wissen schon, womit. – Wollen wir uns ein Gesetz geben – und danach handeln? Wir beide allein, – unser ganzes Leben lang, wenn wir uns auch nie wiedersehn – nach dem einen, eignen Gesetz? Wollen wir? Es gibt sonst nichts, was uns verbinden kann. Wir dürfen uns nicht täuschen darüber. Alles andre trennt uns. Wollen wir? Wollen Sie einschlagen?

Johannes. Ich fühle wohl, – daß mich das halten könnte. Ich könnte auch arbeiten, ohne Hoffnung, das Ziel zu erreichen. Aber wer bürgt mir? Wo nehme ich den Glauben her? Wer sagt mir, ob ich mich nicht abquäle für ein Nichts?

Fräulein Anna. Wenn wir wollen, Herr Johannes, wozu brauchen wir Glauben und Garantien?

Johannes. Aber wenn mein Wille nicht stark ist?

Fräulein Anna, ganz leise. Wenn der meine schwach wird, will ich an den denken, der unter demselben Gesetz steht. Und ich weiß gewiß, das wird mich aufrichten. – Ich werde an Sie denken, Herr Johannes!

Johannes. Fräulein Anna! – – Nun gut, ich will! ich will! – Die Ahnung eines neuen, freien Zustandes, einer fernen Glückseligkeit gleichsam, die in uns gewesen ist – die wollen wir bewahren. Was wir einmal gefühlt haben, die Möglichkeit, die wir gefühlt haben, soll von nun an nicht mehr verlorengehn. Gleichviel, ob sie Zukunft hat oder nicht, sie soll bleiben. Dies Licht soll fortbrennen in mir, und wenn es erlischt, so erlischt mein Leben. Beide stumm und erschüttert. Ich danke Ihnen, Fräulein Anna!

Fräulein Anna. Leben Sie wohl, Johannes!

Johannes. Wohin reisen Sie nun?

Fräulein Anna. Vielleicht nach Norden – vielleicht nach Süden.

Johannes. Wollen Sie mir nicht sagen, wohin?

Fräulein Anna. – Aber ist's nicht besser, Sie fragen mich nicht danach?

Johannes. Aber wollen wir uns nicht hie und da . . . nur ein paar Worte . . . nur kurze Nachrichten vielleicht . . . was wir treiben, wo wir uns aufhalten . . .

Fräulein Anna schüttelt den Kopf, traurig lächelnd. Dürften wir das? Ist es nicht die größte Gefahr, daß wir an uns selbst scheitern? Und wenn wir scheitern – dann sind wir auch noch betrogen.

Johannes. Nun gut – ich trage die Last. Ich halte sie fest – und wenn sie mich zerdrückt. Hat Annas Hand gefaßt. – Leben Sie wohl.

Fräulein Anna, mit Überwindung, bleich und rot werdend, zuweilen verlegen, immer tief bewegt. Johannes! noch eins: – dieser Ring – ist einer toten Frau vom Finger gezogen, die – ihrem – Mann . . . die ihrem Mann nach Sibirien gefolgt ist. Die treu mit ihm ausgehalten hat – bis ans Ende. Leis humoristisch. Unser Fall ist umgekehrt.

Johannes. Fräulein Anna! Er führt ihre Hand an seinen Mund und hält sie dort fest.

Fräulein Anna. Ich habe nie andern Schmuck getragen. Wenn man schwach wird, muß man an seine Geschichte denken. Und wenn Sie ihn ansehen – in Stunden der Schwäche – dann – denken Sie dabei auch – an die – die fern von Ihnen – einsam wie Sie – denselben heimlichen Kampf kämpft. – Leben Sie wohl!

Johannes, außer sich. Niemals, niemals sollen wir uns wiedersehn!

Fräulein Anna. Wenn wir uns wiedersehn, haben wir uns verloren.

Johannes. Aber wenn ich es nur ertragen werde!

Fräulein Anna. Was uns nicht niederwirft, das macht uns stärker. Sie will gehen.

Johannes. Anna! Schwester.

Fräulein Anna, immer unter Tränen. Bruder Johannes.

Johannes. Soll ein Bruder – seine Schwester nicht küssen dürfen – bevor sie sich trennen, auf ewig?

Fräulein Anna. Hannes, nein.

Johannes. Ja, Anna! ja, ja! Er umschlingt sie, und beider Lippen finden sich in einem einzigen, langen, inbrünstigen Kusse, dann reißt Anna sich los und verschwindet. Ab über die Veranda.

Johannes steht einen Augenblick wie betäubt, dann geht er mit großen Schritten umher, fährt sich durch die Haare, seufzt, seufzt stärker, bleibt stehen, lauscht. Plötzlich kommt ein Rauschen fernher. Der ankommende Eisenbahnzug, der durch den Wald rast. Johannes öffnet die Verandatür und horcht hinaus. Das Rauschen wird stärker und verstummt dann. Das Läuten der Bahnhofsglocke wird vernehmlich. Sie läutet ein zweites Mal – ein drittes Mal. Ein Pfiff gellt. Johannes will in sein Zimmer, unterwegs bricht er auf einem Stuhl zusammen. Sein Körper windet sich vor Weinen und Schluchzen. Auf der Veranda liegt blasses Mondlicht. – Im anstoßenden Zimmer entsteht Geräusch. Es wird laut gesprochen. Johannes springt auf, nimmt die Richtung auf sein Zimmer, bleibt stehn, überlegt einen Augenblick und eilt so schnell als möglich über die Veranda ab. Der alte Vockerat kommt aus dem Schlafzimmer, Frau Vockerat folgt ihm. Beide gehen in der Richtung nach der Flurtür.

Vockerat bleibt stehen. Hannes! – Es kam mir doch vor, tja! als wenn jemand hier gewesen wäre.

Frau Vockerat, schon an der Flurtür. Es ging jemand die Treppe hinauf.

Vockerat. Ja, ja! der Junge braucht Ruhe. Wir wollen ihn nicht stören. Höchstens Braun könnten wir ihm raufschicken.

Frau Vockerat. Ja, ja, Papachen! Ich lass' ihn holen. – Oder geh' ich am Ende doch mal nauf, Papachen?

Vockerat begibt sich nach der Verandatür. Besser nicht, Marthchen. Er öffnet die Tür, lauscht. Schöner, klarer Mondschein. Horch mal!

Frau Vockerat kommt eilig von der Flurtür her. Was ist denn?

Vockerat. Wilde Gänse – siehst du! dort! überm See. Die Punkte, die durch den Mond fliegen.

Frau Vockerat. I du, meine Augen, die sind nicht mehr so jung. Sie begibt sich nach der Flurtür zurück.

Vockerat. Horch mal!

Frau Vockerat. Was denn? Sie bleibt stehen.

Vockerat. Pst, Marthchen!

Frau Vockerat. Was denn, Papachen?

Vockerat schließt die Tür, folgt seiner Frau nach. 's is nichts! 's war mir nur so, als wenn jemand unten gepoltert hätte – mit den Rudern, Marthchen!

Frau Vockerat. Wer soll denn poltern? Beide ab durch die Flurtür.

Es blickt jemand von der Veranda durchs Fenster herein. Es ist Johannes. Gleich darauf kommt er vorsichtig näher. Er sieht verändert aus, totenblaß, atmet mit offenem Munde. Hastig und voll Angst, ertappt zu werden, blickt er umher, sucht Schreibzeug und schreibt ein paar Worte, springt auf, wirft die Feder weg, stürzt davon, als Geräusch entsteht. Ab über die Veranda.

Herr und Frau Vockerat kommen zurück, zwischen sich Frau Käthe.

Frau Vockerat. Aber sag mir nur! Im Stockfinstern sitzt du?!

Frau Käthe, die Hand vor den Augen. Es blendet so.

Frau Vockerat. Nein aber auch! So ein böses, böses Weibel. Im Stockfinstern, wer weiß wie lange.

Frau Käthe, leicht mißtrauisch. Weshalb . . .? Warum seid ihr denn so lieb mit mir?

Vockerat. Weil du unsre einzige, liebe Herzenstochter bist. Er küßt sie.

Frau Käthe, schwach lächelnd. Ja, ja! Ihr habt Mitleid.

Frau Vockerat. Dir is doch nicht weiter was, Käthe

Vockerat. Laß gut sein. Nu wird alles wieder ins Lot kommen. Das Schlimmste is nu Gott sei Dank vorüber.

Frau Käthe, am Tisch sitzend, nach einer kleinen Pause. Mir ist, Mutti . . . Es blendet immer noch! – wie jemand, der was ganz Unsinniges unternommen hat – und der nun zur Einsicht kommt.

Frau Vockerat. Wie meinst du denn das?

Frau Käthe. Ist Anna fort, Mutti?

Vockerat. Ja, Käthe! Und nun . . . nun mußt du auch wieder froh und glücklich werden.

Frau Käthe schweigt.

Frau Vockerat. Hast du Johannes nicht mehr lieb, Käthe?

Frau Käthe, nach kurzem Besinnen. Übrigens, ich bin doch gut durchs Leben gekommen. Die Fanny Stenzel, die hat einen Pastor geheiratet. Aber wenn sie auch noch so zufrieden und glücklich ist, glaubst du, daß ich mit ihr tauschen möchte? Nein wirklich nicht. – Es riecht nach Rauch hier, nicht?

Frau Vockerat. Nein, Kindchen, ich rieche nichts.

Frau Käthe ringt wehklagend die Hände. Ach Gott! es ist alles aus, es ist alles aus.

Vockerat. Käthchen, Käthchen! Wer wird nur so kleingläubig sein! Ich habe meinen Glauben wieder und meine feste Zuversicht. Der liebe Gott hat seltsame Mittel und Wege, verirrte Seelen zurückzuführen. Ich glaube, Käthchen, ich habe seinen Ratschluß durchschaut.

Frau Käthe. Siehst du, Mutterchen, mein erstes Gefühl, das ich damals hatte, als Hannes zu mir kam und mich holen wollte – das war doch ganz richtig. Ich weiß, den ganzen Tag drumselte mir's im Kopf rum: was soll denn nur ein so geistreicher und gelehrter Mann mit dir anfangen? Was kann er denn an dir haben? Siehst du, das war ganz richtig gedacht.

Frau Vockerat. Nein, Käthchen, nicht er steht groß da vor dir, sondern du stehst groß da vor ihm. Zu dir muß er aufschauen, das ist die Wahrheit.

Vockerat, mit zitternder Stimme. Aber deshalb . . . es ist so, wie Martha sagt, tja! aber deshalb – wenn du verzeihen kannst . . . wenn du seine große Sünde verzeihen kannst . . .

Frau Käthe. Ach, wenn es was zu verzeihen gäbe! Man verzeiht einmal – hundertmal – tausendmal. – Aber Hannes . . . Hannes wirft sich nicht weg. Ich ärmliches Wesen habe Hannes nichts zu verzeihn. Hier heißt es einfach: Du bist das – und nicht das. Ich weiß nun einfach, was ich bin und was ich nicht bin.

Man hört draußen wiederholt Holopp rufen.

Frau Vockerat. Käthel! Ich will dir mal'n Vorschlag machen. Hörst du! Komm! Ich bring' dich zu Bett und les' dir was vor. Grimms Märchen, bis du einschläfst. Und morgen früh, wenn's Tag wird, da koch' ich dir ein Peptonsüppchen und ein weiches Ei, und dann stehst du auf, und dann gehn wir in den Garten, und da scheint die liebe Sonne recht schön, und da wirst du alles ganz anders ansehn wie heut abend. Komm, komm!

Braun kommt über die Veranda herein. Guten Abend!

Vockerat. Guten Abend, Herr Braun!

Braun. Guten Abend, Herr Vockerat! Reicht ihm die Hand. Ist Johannes hier?

Vockerat. Ich denke, oben.

Braun. So! – das heißt, gewiß?

Vockerat. Na, ich glaube doch. Nicht, Marthchen? Weshalb denn?

Braun. Ich will doch mal nachsehen. Schnell ab durch die Flurtür.

Frau Vockerat, mit leiser Unruhe. Was hat denn Braun?

Frau Käthe, ängstlich erregt. Wo is denn Hannes?

Frau Vockerat. Nur nicht ängstlich, Käthel! Wo wird er denn groß sein!

Frau Käthe, mit rapid steigender Angst. Ja, wo ist er denn hin?

Vockerat. Nun oben – oben – natürlicherweise doch wohl! Braun kommt zurück. Moment starker Spannung. Pause. Nun, Herr Braun? – – –

Braun. Nein, Herr Vockerat! oben ist er nicht und . . . und . . .

Vockerat. Tja, tja! Ja, was haben Sie denn nur bloß?

Braun. Nichts, nichts!

Frau Käthe, auf Braun zufliegend. Ja, Sie haben etwas!

Braun. Nein, nein! wirklich nicht. Es ist wirklich kein Grund zur Angst – nur – ich habe so ein Gefühl – als ob man um alles in der Welt Hannes jetzt nicht allein lassen dürfte. Und als ich nun vorhin . . . ach, es ist ja wahrscheinlich wirklich Unsinn.

Frau Vockerat. Ja, was is denn, so reden Sie doch!

Vockerat. Aber so reden Sie doch, verlieren Sie keine Zeit.

Braun. Nun, ganz einfach. Als ich vorhin das Gartentürchen aufschloß, – da hört' ich, daß jemand einen Kahn los kettete, und wie ich näher kam, fuhr wirklich jemand hinaus. Jemand – ich weiß nicht, wer – ein Mann, – und da fuhr mir's durch den Kopf – aber es gab keine Antwort. Und Hannes hätte doch Antwort gegeben.

Frau Käthe, wie von Sinnen. Johannes! Es war Johannes. Laufen Sie! Rennen Sie, um Gottes willen, so schnell Sie können. Mutter! Vater! Ihr habt ihn zum Äußersten getrieben. Warum habt ihr das getan? . . .

Frau Vockerat. Aber Käthe!

Frau Käthe. Ich fühl's ja doch! Er kann ja nicht mehr leben. Ich will ja alles gern tun. Nur das nicht! Nur das nicht!

Vockerat ist in den Garten geeilt, ruft in Pausen. Hannes! Johannes!

Frau Vockerat eilt ab auf den Flur, ruft durch das Haus. Hannes! Hannes!

Frau Käthe, zu Braun. Ein Mensch? Haben Sie gerufen? Hat er nicht geantwortet? Laufen Sie, laufen Sie! Braun ab. Frau Käthe ruft ihm nach. Ich komme nach. Ringt die Hände. Ach großer Gott! Großer Gott! Wenn er nur noch lebt! Wenn er mich nur noch hören kann!

Man hört Braun über den See rufen. Holopp! Holopp!

Frau Käthe ruft durch die Flurtür. Alma! Minna! Laternen in den Garten! Schnell, Laternen! Will davonhasten über die Veranda, bemerkt den Zettel, steht kerzengerade, geht steif und bebend darauf zu, nimmt ihn auf, starrt einige Augenblicke wie gelähmt darauf hin und bricht zusammen. Draußen noch immer das Rufen.

 


 


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