Gerhart Hauptmann
Einsame Menschen
Gerhart Hauptmann

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Dritter Akt

Zeit: Morgens gegen zehn Uhr. Auf dem Schreibtisch brennt noch die Lampe. Frau Käthe sitzt dabei, in Rechnungen vertieft. Draußen auf der Veranda tritt sich jemand die Schuhe ab. Käthe erhebt sich halb und wartet gespannt. Braun tritt ein.

Frau Käthe, ihm entgegen. Ach! – Sehen Sie, das ist freundlich von Ihnen.

Braun. Guten Morgen. Ein schauderhaftes Nebelwetter.

Frau Käthe. Es wird gar nicht Tag heut. Kommen Sie hierher. Der Ofen glüht. – Hat Ihnen Frau Lehmann ausgerichtet?

Braun. Ja, sie war bei mir.

Frau Käthe, von jetzt ab entgegen ihrem sonstigen ruhigen Wesen seltsam lebendig und nervös eifrig. Sie echauffiert sich. Ihre Augen leuchten mitunter. Auf ihre blassen, abgezehrten Wangen tritt zarte Röte. Warten Sie! Ich bringe Zigarren.

Braun. Aber bitte! – Nein, nein! Er eilt Käthe nach und kommt ihr zuvor, als sie sich bemüht, eine Zigarrenkiste vom Bücherschrank herunterzulangen.

Frau Käthe. Nun müssen Sie sich's gemütlich machen.

Braun, mit Blick auf Käthe. Aber ich möchte nicht rauchen.

Frau Käthe. Tun Sie's mir zu Gefallen. Ich rieche den Rauch so gern.

Braun. Wenn das ist, dann . . . Er setzt die Zigarre in Brand.

Frau Käthe. Sie müssen ganz so ungeniert wie früher sein. – Und nun, Sie böser Mensch! Weshalb sind Sie nun über eine Woche nicht bei uns gewesen?

Braun. Ich dachte, Hannes braucht mich nicht mehr.

Frau Käthe. Aber wie können Sie . . .?

Braun. Er hat nun doch Fräulein Anna Mahr.

Frau Käthe. Wie können Sie das nur sagen!

Braun. Er pfeift doch auf seine Freunde.

Frau Käthe. Sie kennen doch seine Heftigkeit. Das ist ja doch nicht sein Ernst.

Braun. O doch. Und ich weiß auch sehr gut, wer ihn nach dieser Richtung hin beeinflußt. Überhaupt, die Mahr mag eine kluge Person sein, aber das steht fest: zäh und egoistisch, rücksichtslos, wo sie Ziele verfolgt. Vor mir hat sie Furcht. Sie weiß ganz gut, daß sie mir nichts vormacht.

Frau Käthe. Aber was sollte sie denn für ein Ziel . . .?

Braun. Sie braucht ihn, wer weiß zu was. Ich passe ihr nicht. Mein Einfluß paßt ihr nicht.

Frau Käthe. Aber ich hab' wirklich nie bemerkt . . .

Braun erhebt sich. Ich dränge mich nicht auf. Auf Hannes' Bitten hin bin ich hier rausgezogen. Wenn ich überflüssig bin, gehe ich wieder.

Frau Käthe, schnell und mit Ausdruck. Anna reist heut.

Braun. So?! Also reist sie?!

Frau Käthe. Ja. Und deshalb, Herr Braun, wollt' ich Sie eben bitten . . . Es wäre so schrecklich für Hannes, wenn er nun auf einmal gar niemand mehr hätte. Sie müssen wieder zu uns kommen, Herr Braun. Tragen Sie ihm nichts nach: ich meine die Schroffheit von neulich. Wir kennen ihn ja. Wir wissen ja, wie gut er im Grunde ist.

Braun. Ich bin gewiß nicht empfindlich, aber . . .

Frau Käthe. Nun gut. Dann bleiben Sie bei uns. Gleich heut! Den ganzen Tag.

Braun. Ich könnte höchstens wiederkommen.

Frau Käthe. Aber so, daß Sie zum Abschied hier sind. Passen Sie auf, es wird jetzt hübsch bei uns. Ich hab' auch manches einsehen gelernt. Wir wollen einen recht ruhigen und schönen Winter durchmachen. – Und was ich noch gleich mit fragen wollte, – wie scherzend – ich muß nämlich Geld verdienen. – Ja, ja! im Ernst! Sind wir denn nicht auch zum Arbeiten geschaffen, wir Frauen?

Braun. Wie kommen Sie denn plötzlich auf so eine Idee?

Frau Käthe. Es macht mir mal Spaß, Herr Braun!

Braun. Geld verdienen ist leicht gesagt.

Frau Käthe. Na, ich kann zum Beispiel Porzellan malen. Das Service ist von mir. Oder wenn das nicht geht – sticken. Wissen Sie, so in Wäsche – schöne Namenszüge.

Braun. Aber Sie machen doch nur Spaß natürlich.

Frau Käthe. Na, wer weiß.

Braun. Wenn Sie mir nicht eine Erklärung geben, weiß ich wirklich nicht . . .

Frau Käthe, sich vergessend. Können Sie schweigen? – Ach nein! Kurz und gut: es treten Anforderungen an den Menschen . . . Wir sind alle nicht Naturen, die rechnen können.

Braun. Am wenigsten Hannes.

Frau Käthe. Ach nein . . . das heißt: man darf auch darin nicht peinlich sein. Man muß eben sorgen, daß genug da ist.

Braun. Wenn Sie so viel glauben verdienen zu können . . . Das ist von vornherein verlorene Liebesmüh'.

Frau Käthe. Aber vierhundert Taler doch vielleicht im Jahr.

Braun. Vierhundert Taler?! Kaum. – Warum denn gerade vierhundert?

Frau Käthe. Die müßt' ich haben.

Braun. Ist etwa Hannes wieder mal in seiner grenzenlosen Güte mißbraucht worden?

Frau Käthe. Nein, keinesfalls.

Braun. Soll etwa Fräulein Anna unterstützt werden?

Frau Käthe. Nein, nein, nein! Was denken Sie! Wie kommen Sie auf so was! – Ich sage nichts mehr. Kein Wort, Herr Braun!

Braun nimmt seinen Hut. Na, jedenfalls kann ich unmöglich die Hand dazu reichen. Das wäre ja wirklich . . .

Frau Käthe. Nun gut, gut! Lassen Sie die Sache nur ruhn! Aber Sie kommen wieder?

Braun, bevor er geht. Gewiß, natürlich. – Ist es denn wirklich Ernst, Frau Käthe?

Frau Käthe will lachen, bekommt Tränen in die Augen. Ach wo! Ich spaße! Winkt ihm heftig und halb scherzhaft ab. Gehen Sie! Gehen Sie! Ihrer Bewegung nicht mehr Herr, flieht sie ins Schlafzimmer. Braun nachdenklich ab.

Frau Vockerat, im Arm eine Schüssel mit Bohnen, setzt sich an den Tisch und schneidet sie. Frau Käthe kommt zurück, begibt sich an den Schreibtisch.

Frau Vockerat schüttelt die Bohnen in der Schüssel. 's is ganz gut, daß nu wieder mal Ruhe wird. – Nicht, Käthel?

Frau Käthe, über Rechnungen gebeugt. Laß mich! Ich muß denken, Mutti!

Frau Vockerat. Ach so! – Laß dich nicht stören. – Wo fährt sie denn hin, eigentlich?

Frau Käthe. Nach Zürich, glaub' ich.

Frau Vockerat. Na ja, da mag se auch besser hinpassen.

Frau Käthe. Wieso denn, Muttchen? Sie gefiel dir doch, denk' ich.

Frau Vockerat. I nee, nee, sie gefällt mir nicht; se is mir zu modern.

Frau Käthe. Aber Muttchen!

Frau Vockerat. Und das is überhaupt auch keine Art. 'n junges Mädchen, die darf nicht drei Tage rumlaufen mit'm großen Loch im Ärmel.

Johannes, im Hut, von der Veranda. Er will eilig in sein Studierzimmer.

Frau Käthe. Hannes!

Johannes. Ja.

Frau Käthe. Soll ich mit zur Bahn?

Johannes zuckt die Achseln. Das mußt du doch selbst wissen. Ab ins Studierzimmer. Kleine Pause.

Frau Vockerat. Was hat er denn wieder? Sie ist fertig mit Bohnenschneiden und erhebt sich. Nee wirklich. 's is Zeit, daß wieder mal Ruhe wird. – Die Leute reden ja auch drüber.

Frau Käthe. Worüber denn?

Frau Vockerat. Ich weiß weiter nichts. Ich sag' ja nur . . . Und dann kost's doch immer Geld.

Frau Käthe. Ach, Muttchen, ob für drei Personen gekocht wird oder für viere, das spricht doch nicht mit.

Frau Vockerat. I, Brinkel machen Brot, Käthchen.

Johannes kommt, setzt sich, schlägt die Beine übereinander und blättert in einem Buch.

Johannes. Unverschämtes Beamtenpack. So'n Bahnhofsinspektor: saufen, saufen, den ganzen Tag saufen. Und grob dabei wie . . . äh!

Frau Käthe. Wenn geht der beste Zug? Ärgre dich nicht, Hannes!

Johannes. Schauderhaftes Nest überhaupt. Schlägt das Buch geräuschvoll zu, springt auf. Ich bleib' auch nicht hier.

Frau Vockerat. Na Junge, du hast doch vier Jahre gemietet.

Johannes. Da soll ich wohl nu hier ruhig verkommen, weil ich nun mal unglücklicherweise die Dummheit begangen habe, auf vier Jahre zu mieten?

Frau Vockerat. Du wollt'st doch immer aufs Land. Kaum biste draußen 'n halbes Jahr, nu verkommste wieder.

Johannes. In der Schweiz is auch Land.

Frau Vockerat. Und der Junge? Was wird denn aus dem? Wollt ihr den mit in der Welt rumschleppen?

Johannes. In der Schweiz ist's gesünder zu leben wie hier, auch für Philippchen.

Frau Vockerat. Na Junge, du wirst wohl nächstens noch nach dem Monde verziehen. Macht meinswegen, was ihr wollt. Auf mich alte Person braucht'r weiter keine Rücksicht zu nehmen. Ab auf den Flur. Kleine Pause.

Johannes seufzt. – Kinder, nehmt euch in acht, sag' ich euch.

Frau Käthe. Wie bist du denn auf die Schweiz verfallen?

Johannes. Ja, ja, mach nur ein recht frommes Gesichtchen! Er äfft sie nach. »Wie bist du denn auf die Schweiz verfallen?« Du, hör mal, das kenn' ich, das is so hintenherum statt geradaus. Ich weiß schon, was du meinst. Du hast ganz recht. Ich möchte gern dort sein, wo Fräulein Anna ist. Das ist doch ganz natürlich. Das kann man doch offen heraus sagen.

Frau Käthe. Hannes – du bist so seltsam heut. So seltsam . . . Da geh' ich lieber.

Johannes, schnell. Ich kann ja auch gehen. Ab über die Veranda.

Frau Käthe, seufzend und kopfschüttelnd für sich. O Gott – Gott . . .

Fräulein Anna kommt, legt Hut, Täschchen, Mantel auf den Stuhl.

Fräulein Anna. Fertig bin ich. Zu Käthe gewendet. Nun hat man noch Zeit – wie lange –?

Frau Käthe. Dreiviertel Stunden mindestens.

Fräulein Anna. Ach! – Ich bin recht gern bei euch gewesen. Nimmt Käthes Hand.

Frau Käthe. Die Zeit vergeht.

Fräulein Anna. Nun werd' ich mich ganz und gar einspinnen in Zürich. Arbeiten, arbeiten, sonst will ich nichts sehen.

Frau Käthe. Nimmst du'n Butterbrot?

Fräulein Anna. Nein, danke. Nicht essen! Kurze Pause. Wenn nur erst die Begrüßungen vorüber wären. Entsetzlich geradezu. Alle die vielen Freunde – und das Fragen! brrr. Sie schüttelt sich wie im Frost. – Wirst du mir manchmal schreiben?

Frau Käthe. O ja! aber bei uns passiert nicht viel.

Fräulein Anna. Wirst du mir dein Bild schenken?

Frau Käthe. Ja, gern, – sie kramt in einem Schreibtischschub – aber es ist alt.

Fräulein Anna, sie klopft ihr leicht auf den Nacken. Fast mitleidig. Du dünnes Hälschen du!

Frau Käthe, noch suchend, wendet sich. Mit wehmütigem Humor. Er hat nicht viel Gescheits zu tragen, Anna! – Da – ist sie. Sie reicht Anna eine Photographie.

Fräulein Anna. Sehr schön, sehr schön! Hast du vielleicht von deinem Manne eine? – Ich hab' euch alle so liebgewonnen.

Frau Käthe. Ich weiß nicht mal.

Fräulein Anna. Ach, liebes Käthchen, suche, suche! – Ist eine? – Ja?

Frau Käthe. Da ist noch eine.

Fräulein Anna. Soll ich sie haben?

Frau Käthe. Ja, Anna, nimm sie.

Fräulein Anna steckt das Bildchen hastig zu sich. Und nun – nun werd' ich bald von euch vergessen sein. – Ach, Käthchen! Käthchen! Sie fällt ihr weinend um den Hals.

Frau Käthe. Nein, Anna – ich will mich – gewiß, Anna! – ich will mich deiner immer erinnern und . . .

Fräulein Anna. Mich liebbehalten?

Frau Käthe. Ja, Anna! Ja!

Fräulein Anna. Hast du mich nur lieb?

Frau Käthe. Wie? Nur.

Fräulein Anna. Bist du nicht auch ein wenig froh, Käthe, daß ich nun gehe?

Frau Käthe. Wie meinst du denn?

Fräulein Anna hat Käthe wieder ganz freigegeben. Ja, ja! Es ist gut, daß ich gehe. Auf jeden Fall. Mama Vockerat sieht mich auch nicht mehr gern.

Frau Käthe. Das glaub' ich nicht . . .

Fräulein Anna. Du kannst mir's glauben. Sie läßt sich am Tisch nieder. Was nützt das alles! Sie vergißt sich, zieht die Photographie hervor und vertieft sich hinein. Er hat einen so tiefen Zug um den Mund.

Frau Käthe. Wer?

Fräulein Anna. Hannes. – Eine richtige Gramfalte. Das kommt vom Alleinsein. Wer allein ist, der muß viel leiden von den andern. – Wie lerntet ihr euch kennen?

Frau Käthe. Ach, das war . . .

Fräulein Anna. Er war noch Student?

Frau Käthe. Ja, Anna.

Fräulein Anna. Du warst noch sehr jung, und da sagtest du ja?

Frau Käthe, rot und verlegen. Das heißt, ich . . .

Fräulein Anna, gleichsam gepeinigt. Ach Käthchen, Käthchen! Sie steckt das Bild zu sich, erhebt sich. Hab' ich noch Zeit?

Frau Käthe. Noch lange.

Fräulein Anna. Lange? Gott, lange! Sie läßt sich am Klavier nieder. Du spielst nicht? Käthe schüttelt den Kopf. Und singst nicht? Käthe schüttelt wieder den Kopf. Und Hannes liebt die Musik? Nicht? – Ich habe gespielt und gesungen – früher. Nun längst nicht mehr. Sie springt auf. Einerlei! Was man genossen hat, hat man genossen. Man muß sich begnügen. Über den Dingen liegt ein Duft, ein Hauch: das ist das Beste. Nicht wahr, Käthe?

Frau Käthe. Das weiß ich nicht.

Fräulein Anna. Es ist nicht so alles bloß Süße und Süße durch und durch, was süß duftet.

Frau Käthe. Das kann wohl sein.

Fräulein Anna. So ist's in Wahrheit. – Ach!! Freiheit!! Freiheit!! Man muß frei sein in jeder Hinsicht. Kein Vaterland, keine Familie, keine Freunde soll man haben. – Jetzt muß es Zeit sein.

Frau Käthe. Noch nicht, Anna. Kleine Pause.

Fräulein Anna. Ich komme zu früh nach Zürich. Acht volle Tage zu früh.

Frau Käthe. So?

Fräulein Anna. Wenn nur die Arbeit erst wieder anfängt. Plötzlich schluchzend an Käthes Halse. Ach Gott! mir ist herzbrechend weh und bange.

Frau Käthe. Du Arme, Arme!

Fräulein Anna, sich hastig frei machend. Aber ich muß fort. Ich muß. Kleine Pause.

Frau Käthe. Anna – wenn du nun gehst – willst du mir dann nicht einen Rat geben?

Fräulein Anna, traurig, fast mitleidig lächelnd. Liebes Käthchen.

Frau Käthe. Du hast es verstanden . . . Du hast so wohltätig auf ihn eingewirkt.

Fräulein Anna. Hab' ich das? Hab' ich das wirklich?

Frau Käthe. Ja, Anna. – Und sieh mal – auch auf mich. Ich bin dir Dank schuldig in vielen Stücken. Ich habe nun auch den festen Willen . . . Rate mir, Anna.

Fräulein Anna. Ich kann dir nicht raten. Ich fürchte mich, dir zu raten.

Frau Käthe. Du fürchtest dich?

Fräulein Anna. Ich hab' dich viel zu lieb, viel zu lieb, Käthchen!

Frau Käthe. Ach, wenn ich für dich etwas tun könnte, Anna!

Fräulein Anna. Das darfst du nicht – kannst du nicht.

Frau Käthe. Vielleicht doch. Vielleicht weiß ich, was du leidest.

Fräulein Anna. Was leide ich denn, Närrchen?

Frau Käthe. Ich könnte es sagen, aber . . .

Fräulein Anna. Lirum larum, was leide ich denn! Komm, komm! Ich bin hergekommen, ich gehe wieder. Es ist ja gar nichts geschehen. Siehst du, nun scheint sogar die liebe Sonne wieder. Machen wir einen Rundgang zu guter Letzt. So oder so, Hunderten und Tausenden geht es nicht besser – oder . . . Da fällt mir ein – ich muß noch schnell ein paar Worte aufsetzen.

Frau Käthe. Das kannst du hier tun. Macht Platz am Pult. Aber nein. Tinte und Feder sind drin – in Hannes' Zimmer. Er ist nicht drin. Geh ruhig, Anna! Sie läßt Anna durch die Tür und bleibt zurück. Kleine Pause.

Johannes, von draußen herein, unruhiger als vorher. Es fängt wieder an zu regnen. – Wir hätten einen Wagen bestellen sollen.

Frau Käthe. Nun ist's zu spät dazu.

Johannes. Ja leider.

Frau Käthe. Braun war hier.

Johannes. Das läßt mich ziemlich kalt. Was hat er denn gewollt?

Frau Käthe. Er wird wieder zu uns kommen, und es soll alles zwischen euch wieder wie früher sein.

Johannes lacht kurz. Kurios! Das soll mich locken? – Könnten wir nicht noch schicken – schnell? – Ach, überhaupt . . .

Frau Käthe. Nach einem Wagen, Hannes? 's is ja nicht weit bis zum Bahnhof.

Johannes. Aber aufgeweicht, kaum zum Durchkommen. Überhaupt das denkbar ungünstigste Reisewetter.

Frau Käthe. Ach, wenn sie nur erst im Coupé sitzt.

Johannes. Womöglich recht überfüllt, dritter Klasse, mit nassen Füßen.

Frau Käthe. Sie wird wohl ins Damencoupé steigen.

Johannes. Gib ihr nur wenigstens den großen Fußsack mit.

Frau Käthe. Ja, ja! Du hast recht. Ich hab' auch schon dran gedacht.

Johannes. Ach überhaupt – die ganze Sache ist so übers Knie gebrochen.

Frau Käthe antwortet nicht.

Johannes. Sie bliebe gewiß gern noch'n paar Tage.

Frau Käthe, nach einer kleinen Pause. Aber du hast's ihr ja vorgestellt.

Johannes, heftiger. Ich wohl, aber ihr nicht. Du und Mutter! Ihr habt geschwiegen dazu, und das hat sie wohl gemerkt.

Frau Käthe. Ach das . . . Nein . . . Ich glaube doch nicht, Hannes . . .

Johannes. Und wenn zwei so dabeistehen – so stumm wie die Fische, – da vergeht einem auch die Lust, da verzichtet man schließlich lieber. – Eigentlich ist's mir peinlich, daß wir sie so in Nacht und Nebel fortschicken.

Frau Käthe, sich ihm nähernd in schüchterner Zärtlichkeit. Nein, Hannes! Sieh doch die Sache nicht so falsch an. Und denk doch nicht immer so schlecht von mir! Von Fortschicken ist doch keine Rede, Hannes!

Johannes. Ihr seid eben nicht feinfühlig genug. Ihr seid eben blind. Mir macht es den Eindruck, als ob wir ihr geradezu den Stuhl vor die Tür setzen. Geradezu. »Du bist jetzt genug hier gewesen, nun geh! – Nun geh, wohin du willst. In die Welt, in die Ferne! Sieh, ob du fortkommst! Sieh, ob du schwimmen kannst.« So kommt mir's vor, Käthe. So'n kaltes Bedauern leistet man sich höchstens noch: das ist alles!

Frau Käthe. Nein, Hannes! Vor Mangel haben wir sie nun doch auch sichergestellt.

Johannes. Weißt du denn, ob sie's annimmt? Und dann ist damit auch verdammt wenig getan. Für Lieblosigkeit kann sie das Geld nicht entschädigen.

Frau Käthe. Aber Hannes! einmal muß sie doch fort.

Johannes. So sagen die Philister, Käthe. Sie ist hier gewesen, sie ist unsere Freundin geworden, und nun, sagen die Philister, müssen wir uns wieder trennen. Das versteh' ich nicht. Das ist der verfluchte Nonsens, der einem überall in die Quere kommt, der einem überall das Leben verpfuscht.

Frau Käthe. Willst du denn, daß sie noch dableibt?

Johannes. Ich will gar nichts. Ich sage nur so viel, daß es eine . . . daß unsere Denkungsweise gerade so ärmlich und engbrüstig ist wie jede Philisterdenkungsweise. Und wenn es nach mir ginge – so viel weiß ich! –, wenn ich nicht durch allerhand kleinliche Rücksichten förmlich gefesselt wäre, ich würde mich anders mit diesen Dingen abzufinden wissen, ich würde mich anders rein halten innerlich, würde anders vor mir selbst dastehen als jetzt. Verlaßt euch drauf!

Frau Käthe. Aber weißt du, Hannes! – da komm' ich mir – wirklich bald – ganz überflüssig vor.

Johannes. Das versteh' ich nicht.

Frau Käthe. Wenn du – mit mir allein – nicht zufrieden bist.

Johannes. Herr Gott! Vater im Himmel! Nein – wirklich – wahrhaftig – weißt du! – das fehlte mir noch. Meine Nerven sind auch keine Schiffstaue. Das kann ich unmöglich jetzt noch vertragen. Wieder ab in den Garten.

Frau Vockerat bringt eine Tasse Bouillon, setzt sie auf den Tisch. Da – fürs Fräulein.

Frau Käthe, verzweifelt ausbrechend, eilt schluchzend auf Frau Vockerat zu, fällt ihr schluchzend und stammelnd um den Hals. Mutterchen – Mutterchen! Ich muß fort – fort von hier – fort aus diesem Hause – fort von euch allen. – Das ist zu viel, zu viel, Mutterchen!

Frau Vockerat. Aber um Gott! Kindchen – was . . .? Wie . . .? Wer hat dir denn . . .?

Frau Käthe, verwandelt, entrüstet. Nein, dazu bin ich zu gut. Zum Wegwerfen bin ich zu gut. Ich werfe mich nicht weg! Dazu bin ich mir denn doch viel zu gut. Mutterchen, ich reise augenblicklich. Mit dem Schiff – nach Amerika – nur fort, fort – nach England – wo kein Mensch mich kennt, wo . . .

Frau Vockerat. Aber Kindel! – nach Amerika – barmherziger Vater! Aber was ist denn in dich gefahren? Willst du denn von deinem Manne fort, von deinem Kinde fort? Soll denn Philippchen ohne Mutter aufwachsen? Das kann ja nicht möglich sein!

Frau Käthe. Ach was denn »Mutter«! Eine dumme, bornierte Person hat er zur Mutter. Was soll ihm eine dumme, beschränkte Person nützen, wie ich! Ich weiß ja nun, wie ganz dumm und beschränkt ich bin. Sie haben mir's ja gesagt, Tag für Tag. Sie haben mich ja nun glücklich so klein und erbärmlich gemacht, daß ich mir selber zum Ekel bin. Nein, nein! fort, fort!

Frau Vockerat. Aber Käthchen, bedenkst du denn . . . Von Mann und Kind . . . Ich bitte dich um Gottes und Jesu willen.

Frau Käthe. Hab' ich ihn denn überhaupt jemals besessen? Erst haben ihn die Freunde gehabt, jetzt hat ihn Anna. Mit mir allein ist er nie zufrieden gewesen. Ich verfluche mein Leben. Ich habe es satt, das verfluchte Dasein.

Frau Vockerat, nun ihrerseits ekstatisch ausbrechend, wie unter dem Eindruck einer plötzlichen Erleuchtung. Ihre Augen werden starr und leuchtend, ihre Wangen abwechselnd bleich und rot. Seht ihr! seht ihr! Sie weist mit dem Finger ins Leere. Seht ihr nun! Seht ihr! was hab' ich gesagt! Seht ihr! Ein Haus, hab' ich gesagt, aus dem der liebe Gott verjagt ist, bricht über Nacht zusammen. Seht ihr! Irret euch nicht! Seht ihr nun? Was hab' ich gesagt? Erst Gottesleugner, dann Ehebrecher, dann . . . Käthchen!

Frau Käthe, mit einer Ohnmacht kämpfend. Nein, Mutter! Nein, nein, Mutter! Ich . . . Ich . . .

Frau Vockerat. Käthchen! – nimm dich zusammen, komm! Es kommt jemand. Komm! Ab mit Käthe ins Schlafzimmer.

Johannes kommt von der Veranda herein. Frau Vockerat öffnet die Schlafstubentür.

Frau Vockerat. Ach, du bist's, Hannes! Sie kommt heraus, ihre hochgradige Erregung mit aller Gewalt unterdrückend. Sie gibt sich den Anschein, als ob sie etwas im Zimmer suche. Nu, Junge?

Johannes. Was denn, Mutter?

Frau Vockerat. Nichts. Da Johannes sie fragend ansieht. Was meinst du denn?

Johannes. Es machte mir nur so den Eindruck, als ob du . . . Ich muß sagen: ich hab's nicht gern, wenn ihr ein immer so beobachtet.

Frau Vockerat. Junge, Junge! für dich ist's gut, daß der Winter kommt. Dein Zustand ist derart . . . Du bist früher zu mir nie so häßlich gewesen. Du mußt vor allem Ruhe haben.

Johannes. Ja, ja! Ihr wißt ja immer besser als ich, was mir gut ist.

Frau Vockerat. Na und überhaupt, Käthe ist auch noch gar nicht so recht auf'm Posten.

Johannes. Na, Anna hat ihr wirklich nicht viel zu schaffen gemacht.

Frau Vockerat. Wenn auch. Aber ich bin eben auch schon 'ne alte Frau – und wenn man auch immer gern möchte alles machen, die alten Knochen wollen halt doch manchmal nicht mehr.

Johannes. Das hast du gar nicht nötig, das hab' ich dir hundertmal gesagt. Es gibt Dienstleute genug im Hause.

Frau Vockerat. Aber das Fräulein muß doch nu auch endlich wieder mal in ihre Arbeit.

Johannes. Das is ja ihre Sache.

Frau Vockerat. Nee, ich seh' nicht ein! Alles mit Maß. Es is nu wieder mal genug. Sie is lange genug hier gewesen.

Johannes. Was willst du denn eigentlich? Das ist mir alles so sonderbar, so . . . ich weiß gar nicht . . .

Frau Vockerat. Du willst die Mahr auffordern, noch zu bleiben, und . . .

Johannes. Das werd' ich sogar. Das werd' ich allerdings tun. Allerdings werd' ich das . . . Hast du was dagegen, Mutter?

Frau Vockerat, ihm ins Gesicht drohend. Junge, Junge! –

Johannes. Nein, Mutter! das ist ja wirklich . . . weiß Gott, als ob man ein Verbrechen begangen hätte. Das ist schon nicht mehr . . .

Frau Vockerat, eindringlich gütig. Junge! Sei mal vernünftig! Komm! Hör mich mal ruhig an! Ich bin doch deine Mutter. Ich mein's doch wirklich gut mit dir. Es gibt doch überhaupt keinen Menschen, der's besser mit dir meinte. Sieh mal, ich weiß ja, daß du einen ehrenhaften Charakter hast – aber wir sind schwache Menschen, Hannes, und . . . und Käthe macht sich Gedanken – und . . .

Johannes, lachend. Nimm mir's nicht übel, Muttel, ich muß lachen. Da kann ich wirklich nichts andres als lachen, Mutter! Das ist einfach lächerlich.

Frau Vockerat. Junge, Junge! Es sind schon Stärkere in die Schlinge gefallen. Man merkt's oft erst, wenn's zu spät ist.

Johannes. Ach, Mutter! wenn euch wirklich dran liegt, daß ich meinen Verstand behalte, dann kommt mir um Gottes willen nicht noch mit solchen Sachen. Verwirrt mich nicht, macht mich nicht konfus. Suggeriert mir nicht Dinge, die . . . Treibt mich nicht in Verhältnisse, die mir fernliegen. Ich bitt' euch inständig, Kinder.

Frau Vockerat. Du mußt ja wissen, was du tust, Hannes! Ich sage dir bloß: nimm dich in acht! Frau Vockerat ab ins Schlafzimmer.

Fräulein Anna kommt.

Fräulein Anna, Hannes entdeckend. Herr Doktor! Sie geht nach dem Stuhle, auf welchem ihre Sachen liegen, und ergreift den Regenmantel, um ihn anzuziehn. Nun wollen wir.

Johannes springt herbei, ist ihr behülflich beim Anziehen. Also doch?!

Fräulein Anna, den Mantel zuknöpfend. Und wovon Sie sprachen – das schicken Sie mir doch bald?

Johannes. Das vergess' ich nicht. Sehen Sie, Fräulein Anna, nun könnt' ich doch wenigstens ein klein bißchen beruhigter sein. Wollen Sie uns denn nicht das Freundschaftsrecht einräumen?

Fräulein Anna. Das verletzt mich, Herr Doktor!

Johannes. Nun gut. Ich werde nicht mehr damit kommen. Aber Sie versprechen mir – für jeden Notfall. Dürfen andre mit Ihnen teilen, so wollen wir's nicht minder. Er geht und ruft in die Schlafstube. Mutter! Käthe! Käthe und Frau Vockerat kommen.

Fräulein Anna küßt die Hand der Frau Vockerat. Viel tausend Dank. Käthe und Anna küssen sich innig. Du Gute! Liebe! – und schreib mal!

Frau Vockerat. Lassen Sie sich's recht wohl ergehen!

Frau Käthe. Ja – und leb . . . – sie weint – leb glücklich, laß . . . Sie kann nicht weiter vor Schluchzen.

Johannes trägt Annas Täschchen. Käthe und Frau Vockerat begleiten sie ebenfalls auf die Veranda. Dort treffen sie auf Braun, der sich verabschiedet. Man trennt sich. Frau Vockerat, Käthe und Braun bleiben auf der Veranda zurück. Käthe winkt mit einem Taschentuch. Hierauf kommen sie zurück ins Zimmer.

Frau Vockerat, die still weinende Käthe tröstend. Na, Kindel, Kindel! Sei guten Muts! Sie wird's verwinden, sie ist jung.

Frau Käthe. Die rührenden Augen, die sie hat. Ach, sie hat so viel Schlimmes durchgemacht.

Frau Vockerat. Wir wandeln alle nicht auf Rosen, Käthel.

Frau Käthe. Ach, es gibt so viel Weh und Jammer auf der Welt! Ab ins Schlafzimmer. Kleine Pause.

Frau Vockerat. Da hat sie die Bouillon doch stehenlassen. Nimmt die Tasse, um sie hinauszutragen. Bleibt vor Braun stehen. Herr Braun! Ich muß Ihn'n sagen: in den letzten zehn Minuten – wahrhaftig – da . . . da hab' ich etwas durchgemacht. Sie tut noch ein paar Schritte, wird dann plötzlich von Schwäche übermannt und muß sich niedersetzen. Jetzt fühl' ich's – es steckt mir in allen Gliedern. Wie zerschlagen bin ich.

Braun. Ist etwas vorgefallen, Frau Vockerat?

Frau Vockerat. Ich will ja zufrieden sein. Ich will ja gar nichts sagen, wenn's noch so abläuft. Der liebe Gott hat uns eben mal mit dem Finger gedroht – und ich – hab' ihn verstanden – – Sie sind auch so ein Gottloser! Ja, ja! aber glauben Sie einer alten, erfahrenen Frau, Herr Braun! Ohne ihn kommt man nicht weit. Man stolpert und stürzt früher oder später. Kleine Pause. Ich fliege nur so – Sie will aufstehn, ist aber noch zu erschöpft. Es kommt nach. – Wer weiß, ob man nicht was davonträgt. Sie horcht nach der Flurtür. Wer ist denn da? – im Haus? Es geht doch jemand die Treppe. – Ach richtig! Wir wollen ja waschen. Die Mädchen weichen die Wäsche. – Nu ist Ruhe, nu kann doch wieder was getan werden. Kleine Pause. Sehen Sie, so einen Goldcharakter – so ein ehrenhafter, tadelloser Mensch wie Johannes . . . Sehen Sie, wohin es führt, wenn man auf die eigene Kraft pocht. Da heißt es immer so großartig: Ich habe eine Religion der Tat. Da sieht man's wieder mal. Der liebe Gott bläst sie um, unsre Kartenhäuser.

Johannes, echauffiert, nicht ganz sicher, tritt schnell ein durch die Flurtür.

Johannes. Kinder, sie bleibt!

Frau Vockerat, ohne zu begreifen. Wer – Hannes! – bleibt?

Johannes. Na, sie bleibt noch'n paar Tage, Mutter! Fräulein Anna natürlich.

Frau Vockerat, wie vom Schlage gerührt. Fräulein Anna bl . . . Wo ist sie denn?

Johannes. In ihrem Zimmer ist sie, Mutter. Aber ich begreife nicht . . .

Frau Vockerat. Also doch.

Johannes. Tut mir die Liebe und nehmt die Dinge nicht so ungeheuer schwülstig auf, es . . .

Frau Vockerat erhebt sich gebieterisch. Hannes! hör mich mal an! Mit Nachdruck. Ich sage dir: die Dame hat hier nichts mehr zu suchen. Die Dame muß das Haus auf jeden Fall wieder verlassen. Ich verlange das unbedingt.

Johannes. Mutter, in wessen Haus sind wir hier?

Frau Vockerat. O du, das weiß ich. Sehr gut weiß ich das. Wir sind im Hause eines . . . eines pflichtvergessenen Menschen, der . . . und da du mich dran erinnerst, so – freilich, freilich! –, so kann ich ja dieser . . . dieser Person das Feld räumen.

Johannes. Mutter! Du sprichst in einem Tone von Fräulein Anna, den ich nicht dulden kann.

Frau Vockerat. Und du sprichst in einem Tone mit deiner Mutter, der wider das vierte Gebot verstößt.

Johannes. Mutter, ich will mich mäßigen. Aber nehmet einige Rücksicht auf meinen Seelenzustand. Es könnte sonst etwas eintreten . . . Wenn ihr mich treibt, ich könnte etwas tun, was ich nicht mehr ungeschehen machen könnte.

Frau Vockerat. Wer Hand an sich selbst legt, ist verdammt in Zeit und Ewigkeit.

Johannes. Einerlei. Dann . . . dann habt ihr Grund, doppelt vorsichtig zu sein.

Frau Vockerat. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich reise ab.

Johannes. Mutter!

Frau Vockerat. Ich oder diese Person!

Johannes. Mutter, du verlangst Unmögliches. Ich habe sie mit Mühe umgestimmt. Soll ich nun vor ihr dastehen wie . . . Lieber erschieß' ich mich.

Frau Vockerat, mit plötzlichem Entschluß. Gut – nun gehe ich hinauf. Ich werde ihr die Meinung gründlich sagen. Diese durchtriebene Kokette! diese . . . Sie hat dich eingesponnen in ihre Netze.

Johannes vertritt ihr den Weg. Mutter, du wirst nicht hinaufgehen!! Sie steht in meinem Schutz, und ich werde sie vor rohen Beleidigungen zu schützen wissen. – Gegen jedermann.

Braun. Hannes, aber Hannes! . . .

Frau Vockerat. Gut, gut. Ich sehe schon – es ist . . . ist weit gekommen mit dir. Ab durch die Flurtür.

Braun. Aber Hannes, was ist bloß in dich gefahren!?

Johannes. Laßt mich in Ruh' – Seelenverderber ihr!

Braun. Sei mal vernünftig, Hannes! Ich heiße Braun. Ich habe nicht die Absicht, dir Moralpredigten zu halten.

Johannes. Kinder, ihr prostituiert meine Gedanken. Das ist geistige Notzucht. Ich leide furchtbar darunter. Ich rede kein Wort mehr.

Braun. Hannes! jetzt kannst du nicht schweigen. Die Dinge liegen so, daß du gewissermaßen verpflichtet bist zu reden. Versuch doch mal, etwas kühler zu werden.

Johannes. Was wollt ihr denn wissen? Wessen sind wir denn angeklagt? Kinder, ich muß es in jedem Fall ablehnen, einen Unschuldsbeweis anzutreten. Das duldet mein Stolz nicht, verstehst du . . . Ekelhaft! . . . Der Gedanke bloß.

Braun. Sieh mal, Hannes! Ich fasse die Sachen absolut nüchtern auf.

Johannes. Fasse sie meinethalben auf, wie du Lust hast. Aber sag mir kein Wort über deine Auffassung, denn jedes Wort ist mir wie ein Rutenhieb ins Gesicht!

Braun. Hannes, du mußt zugeben, daß du mit dem Feuer spielst.

Johannes. Ich muß gar nichts zugeben. Mein Verhältnis zu Anna entzieht sich eurer Beurteilung.

Braun. Du kannst doch nicht leugnen, daß du gewisse Verpflichtungen gegen deine Familie hast.

Johannes. Du kannst doch nicht leugnen, daß ich gewisse Verpflichtungen gegen mich selber habe. Seht ihr, da habt ihr geprahlt und geprahlt – und nun ich den ersten freien Schritt mache, da bekommt ihr Angst, da redet ihr von Pflichten, da . . .

Braun. Ich wollte das gar nicht mal sagen. Was heißt Pflichten?! Du sollst nur klarsehen. Es handelt sich hier darum: entweder Anna oder deine Familie.

Johannes. Na hör mal, du bist wohl verrückt geworden. Wollt ihr mir denn mit aller Gewalt Konflikte aufschwatzen, die nicht vorhanden sind? Es ist ja nicht wahr, was ihr sagt. Ich stehe vor keiner Entscheidung. Was mich mit Anna verbindet, ist nicht das, was mich mit Käthe verbindet. Keins braucht das andre tangieren. Es ist Freundschaft, zum Donnerwetter. Es beruht darauf, daß wir geistig ähnlich veranlagt sind, daß wir uns ähnlich entwickelt haben. Deshalb verstehen wir uns dort noch, wo uns andre nicht mehr verstehen, wo ihr mich nicht mehr verstanden habt. Seit sie hier ist, erlebe ich gleichsam eine Wiedergeburt. Ich habe Mut und Selbstachtung zurückgewonnen. Ich fühle Schaffenskraft, ich fühle, daß das alles geworden ist unter ihrer Hand gleichsam. Ich fühle, daß sie die Bedingung meiner Entfaltung ist. Als Freundin, verstehst du wohl. Können denn Mann und Weib nicht auch Freunde sein?

Braun. Hannes! nimm mir's nicht übel, du hast den Dingen niemals gern nüchtern ins Auge gesehen.

Johannes. Leute, ihr wißt nicht, was ihr tut! sag' ich euch. Ihr urteilt nach einer kläglichen Schablone, und die hab' ich mir an den Füßen abgelaufen. Wenn ihr mich lieb habt, stört mich nicht. Ihr habt keine Ahnung, was sich in mir vollzieht. Daß Gefahren sind, jetzt, nach euren Attacken, das glaub' ich fast selbst. Aber ich habe den Willen, mir das zu sichern, was mir Lebensbedingung ist, ohne die Grenzen zu verletzen. Ich habe den Willen, verstehst du das wohl?

Braun. Das ist dein alter Fehler, Hannes. Du willst Dinge vereinen, die sich eben nicht vereinen lassen. Meiner Ansicht nach gibt es nur eine Möglichkeit – wenn du einfach zu ihr gehst, ihr die Dinge vorstellst, wie sie liegen, und sie bittest zu gehen.

Johannes. Bist du fertig? Bist du nun endlich fertig? Damit du nun wenigstens in diesem Punkte zur Klarheit kommst und nicht unnötig Worte verschwendest. Mit blitzenden Augen, jedes Wort betonend. Das, was ihr wollt, geschieht nicht! – Ich bin nicht der, der ich noch vor kurzem war, Braun! Ich habe etwas über mich aufgehängt, was mich regiert. Ihr und eure Meinung habt keine Macht mehr über mich. Ich habe mich selbst gefunden und werde ich selbst sein. Ich selbst, trotz euch allen! Schnell ab ins Studierzimmer. Braun zuckt die Achseln.

 


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