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Die Mutter

Sohn, verlorener, der sich im Geiste noch sträubt gegen die Reden des Bruders, laß nun dein Herz sprechen. Wie tut es dir gut, während deine Mutter dasitzt, halb liegend zu ihren Füßen die Stirn zu verstecken an ihren Knieen und zu fühlen, wie unter ihrer Hand dein aufgelehnter Nacken nachgibt.

»Warum hast du mich so lange verlassen?«

Und da du keine Antwort hast, als Tränen:

»Warum jetzt weinen, mein Sohn? Du bist mir wiedergegeben. Ich habe im Warten auf dich alle meine Tränen ausgegossen.«

»Du hast mich noch erwartet?«

»Ich habe nie aufgehört, auf dich zu hoffen. Jeden Abend, vor dem Einschlafen, dachte ich: Wenn er diese Nacht kommt, wird er wissen, wie man die Türe öffnet? Und es dauerte, eh ich einschlief. Jeden Morgen, bevor ich noch ganz wach war, dachte ich: Kommt er nicht heute? Und dann betete ich; ich habe so viel gebetet, schließlich mußtest du wohl kommen.«

»Deine Gebete sind schuld an meiner Rückkehr.«

»Lächle nicht über mich, mein Kind.«

»O Mutter, ich komme zu dir ganz demütig. Sieh, meine Stirn ist niedriger als dein Herz. Keiner meiner gestrigen Gedanken, der heute nicht nichtig würde. Bei dir begreif ich kaum noch, warum ich aus dem Hause fortgegangen bin.«

»Du gehst nicht wieder fort?«

»Ich kann nicht mehr fortgehn.«

»Was hat dich denn nur da draußen angezogen?«

»Ich will nicht mehr daran denken. Nichts ... Ich selbst.«

»Hast du denn gedacht, du könntest fern von uns glücklich sein?«

»Ich suchte nicht das Glück.«

»Was suchtest du?«

»Ich suchte ... wer ich war.«

»Oh, Sohn deiner Eltern, Bruder unter deinen Brüdern.«

»Ich hatte nichts mit meinen Brüdern gemein. Sprechen wir nicht davon. Hier bin ich wieder.«

»Doch, laß uns noch sprechen: glaube nicht, daß deine Brüder so verschieden sind von dir.«

»Von nun an wird es meine einzige Sorge sein, euch allen zu gleichen.«

»Du sagst das, als gäbest du damit alles auf.«

»Nichts macht mehr müde, als das durchzusetzen, worin man anders ist. Diese Reise hat mich am Ende ganz erschöpft.«

»Das ist wahr, du bist förmlich gealtert.«

»Ich habe gelitten.«

»Mein armes Kind! Dein Bett war gewiß nicht gemacht jeden Abend, und dein Tisch nicht immer gedeckt für die Mahlzeiten.« »Ich aß, was ich fand, und das waren oft nur grüne oder verdorbene Früchte, die sich mein Hunger irgendwie nahrhaft machte.«

»Hast du wenigstens nur Hunger gelitten?«

»Die Sonne mitten am Tag, der kalte Wind vom Herzen der Nacht her, die Wüste mit ihrem wechselnden Sand, das Gestrüpp, an dem ich mir die Füße blutig riß – nichts von alledem konnte mich aufhalten, aber – meinem Bruder hab ichs nicht gesagt – ich mußte dienen ...«

»Warum hast du's verschwiegen?«

»Böse Herren sind mit meinem Stolz fertig geworden; sie mißhandelten meinen Körper und gaben mir kaum satt zu essen. Da dacht ich schließlich: Wenn ich doch einmal dienen soll ... Im Traum sah ich das Haus: und kam zurück.«

Der verlorene Sohn senkt wieder seine Stirn, die die Mutter sanft streichelt. »Was wirst du jetzt tun?«

»Ich habe es dir gesagt: mir Müh geben, meinem großen Bruder ähnlich zu werden; unsere Güter verwalten; eine Frau nehmen, wie er.«

»Sicher denkst du an jemanden, wenn du das sagst.«

»Einerlei, wenn du erst eine gewählt hast, so wird sie es auch sein. Tu, wie du's für meinen Bruder getan hast.«

»Ich hätte sie gerne nach deinem Herzen gewählt.«

»Was liegt daran. Mein Herz hat ja seine Wahl gehabt. Ich entsage einem Stolz, der mich so weit von dir weggeführt hat. Leite meine Entschließung. Ich unterwerfe mich, sage ich dir. Auch meine Kinder werden dir genau so unterworfen sein; so wird mir, was ich da unternehme, wenigstens nicht ganz umsonst scheinen.«

»Höre. Es ist schon ein Kind da, dessen du dich annehmen könntest.«

»Was willst du sagen? Von wem sprichst du?«

»Von deinem jüngeren Bruder. Als du fortgingst, war er noch nicht zehn Jahre; du hast ihn kaum wiedererkannt, und doch er ...«

»Sprich zu Ende, Mutter. Welchen Grund hast du jetzt, unruhig zu sein?«

»In ihm hättest du dich eigentlich erkennen müssen, denn er gleicht ganz dem, der du warst, als du weggingst.«

»Gleicht mir?«

»Dem, der du warst, sag ich, leider noch nicht dem, der du geworden bist.«

»Und der er werden wird.«

»Man muß ihn dazu machen, so bald als möglich. Sprich mit ihm; auf dich wird er gewiß hören, auf den Verlorenen. Beschreib ihm die Ermüdung unterwegs. Erspar ihm ...«

»Aber was ängstigt dich denn so an meinem Bruder? Vielleicht einfach etwas Verwandtes in seinen Zügen ...«

»Nein, nein; die Ähnlichkeit zwischen euch beiden geht tiefer. An ihm beunruhigt mich jetzt das, was mich zuerst, an dir, nicht genügend beunruhigt hat. Er liest zu viel, und das sind nicht immer die guten Bücher, die er bevorzugt.«

»Weiter nichts?«

»Oft klettert er da hinauf auf die höchste Stelle des Gartens, von wo man ins Land sieht, du weißt, über die Mauern fort.«

»Ich kann mich erinnern. Ist das alles?«

»Er ist viel weniger hier bei uns als auf dem Meierhof.«

»So! Was tut er dort?«

»Nichts Schlimmes. Aber er geht nicht zu den Pächtersleuten, sondern zu dem Volk, mit dem wir am wenigsten zu tun haben mögen, und zu denen, die nicht von hier sind. Einer besonders ist da, von weit her, der ihm Geschichten erzählt.«

»Ah, der Schweinehirt.«

»Ja. Du hast ihn gekannt? Um dem zuzuhören, geht dein Bruder jeden Abend in den Schweinestall nach. Erst zum Essen kommt er zurück, ohne Hunger, und die Kleider voller Geruch. Da helfen keine Vorstellungen; der Zwang macht ihn nur noch eigensinniger. Manchen Morgen, bei Tagesanbruch, eh einer von uns auf ist, läuft er schon hin und begleitet diesen Schweinehirten bis ans Tor, wenn er seine Herde auf die Weide treibt.«

»Er weiß, weiter hinaus darf er nicht.«

»Du hast das auch gewußt. Eines Tages wird er sich mir fortstehlen. Ich bin sicher. Eines Tages wird er auf und davon gehn ...«

»Nein; ich will mit ihm reden, Mutter. Mach dir keine Sorgen.«

»Von dir wird er sich viele Dinge sagen lassen, das weiß ich. Hast du bemerkt, wie er dich ansah, den ersten Abend? Was für ein Zauber ging für ihn von deinen Lumpen aus! Und dann das purpurne Kleid, das dir der Vater umtat. Ich fürchtete, das eine vermischte sich in seinem Geist ein wenig mit dem anderen, und daß das, was ihn da zunächst anzieht, die Lumpen sind. Aber der Gedanke kommt mir einfach wahnsinnig vor; denn wenn du, mein Kind, so viel Elend hättest voraussehen können, nicht wahr, du würdest uns nicht verlassen haben?«

»Ich verstehe nicht mehr, wie ich dich habe verlassen können, meine Mutter.«

»Gut, gut. Sag ihm das alles.«

»Alles das werd ich ihm morgen abend sagen. Küß mich jetzt auf die Stirn, wie damals, da ich ein kleines Kind war und du zusahst, wie ich einschlief. Ich bin schläfrig.«

»Geh schlafen. Ich werde beten für euch alle.«


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