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Der Verweis des älteren Bruders

Der verlorene Sohn versucht zuerst, ihn von oben herab zu nehmen.

»Mein großer Bruder,« beginnt er, »wir haben nicht viel Ähnlichkeit miteinander. Wir sind uns gar nicht ähnlich, mein Bruder.«

»Das ist dein Fehler.«

»Weshalb meiner?«

»Weil ich in der Ordnung bin; alles was sich von ihr abhebt, ist Frucht und Same des Hochmuts.«

»Müssen es durchaus Fehler sein, was sich abhebt bei mir?«

»Du solltest gute Eigenschaften nur die nennen, die dich zur Ordnung führen; was den Rest angeht, so mußt du ihn bezwingen.«

»Gerade diese Verstümmelung fürchte ich. Auch das, was du unterdrückt haben willst, kommt vom Vater.«

»Nein, nicht unterdrückt, bezwungen, sagte ich.«

»Ich versteh dich schon. Auf diese Weise habe ich eben meine guten Seiten bezwungen.«

»Und darum finde ich sie auch jetzt wieder. Du mußt sie in die Höhe treiben. Versteh mich recht: was ich dir da vorschlage, ist keine Herabsetzung, sondern eine Steigerung deiner selbst, zu der die verschiedenartigsten und ununterworfensten Elemente deines Fleisches und deines Geistes in großen Einklängen zusammenwirken sollen, eine Steigerung, in der das Ärgste, was in dir steckt, Nährstoff liefert für das Beste, und das Beste selbst abhängig sein soll von dem ...«

»Eine Steigerung ist auch das, was ich suchte und in der Wüste fand – vielleicht nicht einmal sehr verschieden von der, die du mir vorschlägst.«

»Die ich dir, offen gestanden, vor schreiben möchte.«

»Unser Vater hat nicht mit solcher Härte gesprochen.«

»Ich weiß nicht, was der Vater dir gesagt hat. Etwas Vages. Er drückt sich nicht sehr klar aus; man kann ihm in den Mund legen, was einem beliebt. Ich aber, ich kenne seine Gedanken wohl. Bei den Leuten hier bleibe ich immer der einzige, der sie auszulegen weiß, und wer den Vater verstehen will, hat auf mich zu hören.«

»Ich verstand ihn sehr leicht ohne dich.«

»Das schien dir so. Aber du hast falsch verstanden. Es gibt nicht mehrere Arten, den Vater zu verstehn; es gibt nicht mehrere Arten, ihn zu hören; es gibt nicht mehrere Arten, ihn zu lieben; auf daß wir Eines seien in seiner Liebe.«

»In seinem Hause.«

»Diese Liebe führt dahin zurück. Das kannst du wohl sehen, da du wieder hier bist. Jetzt sage mir, was hat dich damals hinausgetrieben?«

»Ich fühlte zu stark, daß das Haus nicht das Weltall ist. Ich selbst, ich bin ja nicht völlig in dem, was ich, nach deinem Willen, zu sein habe. Ob ich wollte oder nicht, ich sah andere Kulturen vor mir, andere Länder; und Wege, die man wandern konnte, noch gar nicht vorhandene Wege. Ich begriff das neue Wesen in mir und spürte, wie es dorthin stürzte. Da brach ich aus.«

»Denk, was geworden wäre, wenn ich, wie du, das Haus des Vaters verlassen hätte. Die Dienstleute und Räuber hätten unser Hab und Gut geplündert.«

»Was lag mir damals daran. Ich hatte andere Güter im Sinn ...«

»Die dir dein Hochmut herrlich ausmalte. Mein Bruder! Die Zuchtlosigkeit liegt hinter uns. Aus welchem Chaos der Mensch hervorgegangen ist, das wirst du erfahren, wenn du es noch nicht weißt. Er ist schlecht daraus hervorgegangen; mit dem ganzen Gewicht seiner Einfalt fällt er hinein zurück, wenn ihn der Geist nicht oben hält. Sieh zu, daß du's lernst, ohne es teuer zu bezahlen: die geordneten Elemente, aus denen du bestehst, warten nur auf eine Einwilligung deinerseits, auf dein Schwachwerden, um in Anarchie zurückzutaumeln ... Schwerlich wirst du je wissen, welche Zeit es gebraucht hat, bis der Mensch den Menschen fertigbrachte. Jetzt, da eine Norm erreicht ist, halten wir uns daran. ›Halte fest was du hast‹ spricht der Geist zum Engel der Kirche, und er fügt hinzu: ›damit niemand deine Krone nehme‹. Was du hast, das ist deine Krone, diese Königsgewalt über die anderen und über dich selbst. Deine Krone, der Thronräuber lauert auf sie; er ist überall. Er streift herum um dich und in dir. Halt fest, mein Bruder, halt fest.

»Ich bin seit zu lange gewohnt, loszulassen; ich kann die Hand nicht mehr schließen um mein Gut.«

»Doch, doch. Ich werde dir helfen. Ich habe, während du fort warst, über dein Gut gewacht.«

»Und dann, dieses Wort des Geistes, ich kenne es. Du hast es nicht ganz angeführt.«

»In der Tat, es heißt weiter: ›Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes und soll nicht mehr hinausgehn.‹«

»›Und soll nicht mehr hinausgehn.‹ Davor gerade habe ich Angst.«

»Wenn es zu seinem Glück ist.«

»Oh, ich verstehe wohl. Aber in diesem Tempel war ich ...«

»Und es hat dir nicht gutgetan, draußen zu sein, da du dich entschlossen hast, wieder einzutreten.«

»Ich weiß; ich weiß. Ich bin zurück. Das kann ich nicht leugnen.«

»Welches Gut könntest du auch anderwärts suchen, das du hier nicht in Fülle fändest? Oder besser: hier und nirgends sonst sind alle deine Güter.«

»Ich weiß, du hast mir Schätze aufbewahrt.«

»Das, was du von deinen Gütern nicht verschleudert hast, das heißt denjenigen Teil, der uns allen gemeinsam zukommt: den Grundbesitz.«

»So gehört mir nichts mehr zu eigen?«

»Doch; ein besonderer Anteil an den Schenkungen, den unser Vater dir möglicherweise zuerkennt.«

»Daran allein ist mir gelegen. Es ist mir recht, nichts zu besitzen als dies.«

»Hochmütiger! Man wird dich nicht fragen. Unter uns gesagt, dieser Anteil ist Glückssache; ich rate dir, lieber darauf zu verzichten. Schon einmal hat ein solcher Anteil an persönlichen Schenkungen dir Unheil gebracht. Das sind ja doch die Güter, die du auf der Stelle verschleuderst.«

»Die andern konnte ich ja nicht mit mir nehmen.«

»So wirst du sie auch unberührt wiederfinden. Genug für heute. Füg dich in die Ruhe des Hauses.«

»Gern, weil ich müde bin.«

»So sei deine Müdigkeit gesegnet. Schlafe jetzt. Morgen wird deine Mutter mit dir reden.«


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