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Schwarze Dynastie.

Don Pierrot von Navarra hatte, da er aus Havanna stammte, zu seinem Wohlergehen eine wahre Gewächshaustemperatur nötig. Diese fand er zwar zu Hause; aber um das Haus herum erstreckten sich weite Gärten, durch Gitter voneinander getrennt, die einer Katze wohl Durchlaß gewähren konnten, und die mit hohen Bäumen bepflanzt waren, in denen ganze Schwärme von Vögeln piepten, zwitscherten und sangen. Da machte sich denn Pierrot manchmal eine angelehnte Tür zunutze und zog des Abends auf Jagdabenteuer aus. Er streifte durch die taunassen, blumigen Wiesen und mußte dann bis zum nächsten Morgen warten, um wieder unter Dach zu gelangen; denn wenn er auch unter unsere Fenster kam und miaute, weckten doch seine Rufe nicht immer die Schläfer im Hause auf. Er war schwach auf der Brust und in einer besonders kühlen Nacht holte er sich eine Erkältung, die bald in Schwindsucht ausartete. Nachdem ihn der Husten ein Jahr lang geplagt hatte, war der arme Pierrot ganz ausgemergelt und entkräftet. Sein früher so seidenweiß schimmerndes Fell hatte nun die glanzlose Farbe eines Leichentuches, seine rosige Nase war blaß geworden und sein ganzes zusammengeschrumpftes Gesichtchen schien nur noch aus den großen, lichterfüllten Augen zu bestehen. Trübselig schlich er an der besonnten Mauer entlang und schaute zu, wie die gelben Herbstblätter vom Wind im Wirbeltanze entführt wurden. Es gibt nichts Rührenderes als ein krankes Tier: es trägt das Leiden mit so sanfter und wehmütiger Ergebung! Wir taten alles Erdenkliche, um Pierrot zu retten; er wurde von einem sehr geschickten Arzte behandelt, der ihn auskultierte und ihm den Puls fühlte, ihm auch Eselsmilch verordnete, die der arme Patient ganz gern aus seinem porzellanenen Untertäßchen trank. Er blieb ganze Stunden lang wie leblos auf meinem Schoße hingestreckt; dann konnte ich seine Wirbelsäule wie einen Rosenkranz zwischen meinen streichelnden Fingern fühlen. Er versuchte auf meine Liebkosungen zu antworten, doch sein schwaches Schnurren klang wie ein Röcheln. Als seine letzte Stunde gekommen war, lag er, im Todeskampfe keuchend, auf der Seite ausgestreckt; plötzlich richtete er sich mit äußerster Anstrengung auf und kam auf mich zu. Aus weit ausgerissenen Augen warf er mir einen Blick zu, der inbrünstig um Hilfe flehte; dieser Blick schien zu sagen: ›So rette mich doch, du bist ja ein Mensch!‹ Darauf tat er schwankend, mit schon verglasten Augen, noch einige Schritte und brach dann zusammen, indem er ein klägliches Geheul ausstieß, so voller Todesangst und Verzweiflung, daß es mich dabei bis ins innerste Mark schauderte. Pierrot wurde hinten im Garten begraben, unter einem weißen Rosenstock, der heute noch die Stelle bezeichnet.

Nicht weit von seinem Grabe ruht auch Seraphita, die zwei Jahre später starb.

Mit ihr erlosch die weiße Dynastie, nicht aber die Familie. Diesem schneeweißen Katzenpaar waren drei Junge entsprossen, die – o Wunder! – so schwarz wie Tinte waren: zwei Käterchen und ein Kätzchen. Ihre Kindheit war voll possierlicher Anmut, und man dressierte sie, wie Hunde, einen Ball aus zusammengeknülltem Papier, den man ihnen weit wegwarf, zu apportieren. Schließlich warf man den Ball sogar auf Schranksimse, versteckte ihn hinter Kisten oder in tiefe Vasen, von wo sie ihn sehr geschickt mit der Pfote herausholten. Als sie aber erwachsen waren, hielten sie diese eiteln Spiele unter ihrer Würde und lebten nach echter Katzenart in träumerischer Ruhe dahin.

Wenn ein Reisender zum erstenmal nach Kamerun kommt, so sind für ihn alle Neger eben Neger und untereinander nicht verschieden. Ebenso sind für gleichgültige Augen drei schwarze Katzen nichts weiter als drei schwarze Katzen; aber ein Kennerblick wird sie nie verwechseln. Die Tiere unterscheiden sich durch ihren eigentümlichen Gesichtsausdruck ebensosehr voneinander wie die Menschen; und ich wußte diese drei schwarzen Katzenschnäuzchen sehr wohl auseinanderzuhalten, wenn sie auch alle gleicherweise von smaragdgrünen Augensternen erhellt waren, in denen goldene Lichter spielten.

Der älteste Kater, den wir Schwarzleu nennen wollen, war bei weitem der schönste von den dreien; er fiel durch seinen breiten, löwenähnlichen, von einem dichten Backenbart eingerahmten Kopf auf, durch seine starken Schultern, seinen langgestreckten Hinterleib und seinen prachtvollen Schwanz, der sich zu einem wahren Federbusch entfaltet hatte. Er hatte etwas Theatralisches und Hochtrabendes in seinem Wesen und schien sich stets in Pose zu werfen wie ein Schauspieler, den man bewundert. Seine Bewegungen waren langsam, abgerundet und voll Majestät; man hätte meinen können, daß er auf einem Spiegeltischchen voll chinesischen Porzellans und venetianischer Gläser herumspaziere, mit so viel Umsicht setzte er eine Pfote vor die andere. Weniger bewundernswürdig war sein Charakter: er zeigte einen bedenklichen Hang zur Schlemmerei. Wir setzten seiner belustigenden Freßgier keine Grenzen und Schwarzleu erreichte eine Größe und ein Gewicht, wie man sie bei Hauskatzen selten findet. Eines Tages hatte ich den Einfall, ihn nach Pudelart zu scheren, um seiner Löwenähnlichkeit nachzuhelfen. Ich ließ ihm die Mähne stehen und eine lange Haarquaste am Ende des Schweifes. Auch will ich nicht darauf schwören, daß ich ihm nicht sogar auf jedem Schenkel einen englischen Backenbart zugestutzt hatte. Sein kurzgeschorenes Fell ließ die Haut durchschimmern, spielte in überraschenden bläulichen Tönen und bildete einen seltsamen Gegensatz zu dem Schwarz seiner Mähne. So herausstaffiert sah er, daß ich's nur gestehe, viel weniger einen Löwen vom Atlas oder aus dem Kaplande ähnlich als einem japanischen Fabelwesen.

Sein Bruder war kleiner als er und trug den Namen ›Lausbub‹ mit Recht. Er hatte einen geriebenen und neckischen Ausdruck im Gesicht und zeichnete sich durch seine hastige, drollige Beweglichkeit aus. Seine Zirkussprünge, Kapriolen und possierlichen Posituren erinnerten an einen Pariser Gassenjungen. Er hatte volkstümliche Neigungen und ergriff flugs jede Gelegenheit, aus dem Salon zu entwischen, um auf dem Hofe, ja sogar auf der Straße in Gesellschaft heimatloser Katzen von niederer Herkunft Lustpartien zweifelhafter Art mitzumachen, wobei er seiner Würde als havannesischer Kater, Sohn des erlauchten Don Pierrot von Navarra, spanischen Granden erster Klasse und der Marquise Donna Seraphita mit den vornehmen und abweisenden Manieren, vollständig vergaß. Manchmal brachte er sogar schwindsüchtige, struppige Kameraden mit heim, wahre Hungergerippe, die er auf seinen Landstreichereien und Forschungsreisen in den Gossen aufgelesen hatte, und führte sie an seinen Futterteller, um sie festlich zu bewirten, denn er war ein freigebiger Geselle. Da standen dann die armen Schlucker, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, mit zurückgelegten Ohren, mit seitwärts schielenden Blicken, und verschlangen in ihrer Furcht, durch den Besen eines Zimmermädchens von ihrem Freitische verjagt zu werden, doppelte dreifache und vierfache Bissen und leckten den Teller so rein, als ob er von einer holländischen Hausfrau gespült und gescheuert worden wäre. Wenn ich unsern Lausbub in solcher Gesellschaft sah, war ich versucht, ihm zuzurufen: ›Nette Freunde das, mit denen du dich sehen läßt!‹ Aber es bewies ja nur die Gutherzigkeit unseres Katers, der alles hätte allein auffressen können.

Die Katze, namens Eponine, zeigte schlankere und zartere Formen als ihre Brüder. Ihre längliche Schnauze, ihre graugrünen, nach Chinesenart ein wenig schiefstehenden Augen, ihr gleich einer Trüffel feingenarbtes Näschen, ihre stets regen Schnurrhaare – das alles vereinigte sich zu einem Gesichtchen von ganz besonderem Ausdruck. Ihr prachtvolles, schwarzes Fell war fortwährend von Schauern bewegt und schimmerte in wechselnden Schatten wie gewässerte Seide. Wenn man ihr im Dunkeln zwei- oder dreimal mit der Hand über den Rücken fuhr, so sprühten blaue Funken knisternd aus ihrem Pelz. Eponine, anhänglich und zärtlich wie keine zweite Katze, hat sich ganz besonders an mich angeschlossen; sie ist heute noch meine treue Gefährtin bei der Arbeit und erheitert meine an den äußersten Grenzen der Stadt gelegene Einsiedelei. Wenn die Klingel ertönt, läuft sie herbei, bewillkommt die Gäste, führt sie ins Empfangszimmer, heißt sie Platz nehmen, redet mit ihnen – jawohl, redet mit ihnen! – in einer Art Gezwitscher und Gemurmel, in zarten Lauten, die mit der Sprache, deren sich die Katzen untereinander bedienen, nichts gemein haben, sondern die Rede der Menschen nachahmen. Was sagt sie denn? Sie sagt auf ganz verständliche Weise: ›Werden Sie nicht ungeduldig, sehen Sie die Gemälde an oder plaudern Sie mit mir, wenn Ihnen das Spaß macht; der gnädige Herr wird gleich kommen.‹ Bei meinem Eintritt zieht sie sich bescheiden auf einen Sessel oder auf die Ecke des Pianos zurück und hört der Unterhaltung zu, ohne sich hineinzumischen; denn sie besitzt Takt und Lebensart.

Bild: Herbert E. Sellen

Die artige Eponine hat so viele Proben von Verstand, gutem Charakter und geselliger Tugend abgelegt, daß sie einstimmig zu der Würde einer Person erhoben worden ist, denn es leitet sie offenbar nicht bloßer Instinkt, sondern überlegene Vernunft. Diese Würde nun verleiht ihr das Recht, bei Tisch zu essen wie ein Mensch und nicht wie ein Vieh aus einer Untertasse am Boden in der Ecke. Eponine hat also ihren Stuhl neben mir beim Mittag- und beim Abendessen; aber in Anbetracht ihrer geringen Größe hat man ihr erlaubt, die beiden Vorderpfoten auf den Rand des Tisches zu stellen. Sie hat ihr eigenes Gedeck, ohne Gabel und Löffel doch mit einem Glase; sie nimmt an der ganzen Mahlzeit teil, kostet ein Gericht ums andere von der Suppe bis zum Nachtisch; sie wartet geduldig, bis beim Austeilen die Reihe an sie kommt, und beträgt sich überhaupt mit so viel Anstand und Artigkeit, wie man es manchen Kindern wünschen möchte. Beim ersten Glockenzeichen kommt sie angelaufen; und wenn man ins Eßzimmer eintritt, findet man sie schon auf ihrem Platze; aufrecht sitzt sie auf ihrem Stuhl, die Pfoten auf den Rand des Tischtuches gestützt und bietet uns ihre Stirne zum Kusse dar, gleich einem wohlerzogenen kleinen Fräulein, das Eltern und bejahrten Leuten mit liebevoller Höflichkeit begegnet.

Bei all ihrer Vollkommenheit hat Eponine doch – gestehen wir's nur – eine Schwäche: sie frißt leidenschaftlich gern Fisch! Diese Vorliebe hat sie mit allen Katzen gemein. Fisch versetzt sie in eine Art Raserei; und wie die Kinder, wenn sie von der Aussicht auf die süße Schüssel berauscht sind, wendet sie sich zuweilen mit gerümpftem Näschen von ihrer Suppe ab, wenn sie vorher in der Küche ausgekundschaftet hat, daß frische Meerfische eingetroffen sind. Dann bekommt sie nichts vorgelegt und ich sage ihr in kühlem Tone: »Mein Fräulein, wer keine Lust auf Suppe hat, darf auch auf Fisch keine Lust haben«, und das Gericht geht ihr erbarmungslos an der Nase vorbei. Fest überzeugt, daß es ernst gemeint sei, verschlingt nun das Leckermäulchen ihre Suppe in aller Hast, leckt den letzten Tropfen Fleischbrühe auf, säubert den Teller vom kleinsten Brotkrümchen oder Nudelendchen. Dann wendet sie sich zu mir und sieht mich stolz an wie eine, die sich fortan über jeden Tadel erhaben fühlt, da sie ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt hat. Nun verabfolgt man ihr ihren Anteil, den sie mit den Zeichen größten Behagens im Handumdrehen verzehrt; dann kostet sie noch von allen Gerichten und trinkt zu guter Letzt den dritten Teil eines Glases Wasser.

Wenn wir zum Essen Besuch erwarten, weiß Eponine, ohne die Tischgenossen gesehen zu haben, daß es Gäste gibt. Sie sieht an ihrem Platze nach und wenn neben ihrem Teller Löffel, Gabel und Messer liegen, so zieht sie sogleich ab und setzt sich auf einen Klaviersessel, zu dem sie bei solchen Gelegenheiten ihre Zuflucht nimmt. Aus dem Vorhandensein dieser Tischgeräte, deren sich nur der Mensch bedienen kann, folgert die beobachtende und vernünftige Katze, daß sie für diesmal ihren Platz einem Gast abtreten muß, und sie tut es ohne Zaudern. Niemals täuscht sie sich. Nur wenn der Besucher ihr vertraut ist, klettert sie ihm auf die Knie und versucht durch ihre anmutigen Liebkosungen einen guten Bissen zu erhaschen.

Ich glaube noch berichten zu müssen, was aus Schwarzleu und Lausbub geworden ist. Den ersteren stürzte seine Wohlbeleibtheit ins Verderben: als fetter Dachhase ist er erlegt worden. Sein Bruder aber, von rasendem Freiheitsdrang oder vielmehr von einem plötzlichen, unerklärlichen Taumel ergriffen, sprang eines Tages aus dem Fenster, ging über die Straße, schlüpfte durch den Zaun des Parkes, der unserem Hause gegenüber liegt – und fort war er. Welche Nachforschungen man auch anstellte, wir haben nie wieder etwas von ihm zu hören bekommen; ein geheimnisvolles Dunkel schwebt über seinem Schicksal. So ist also von der schwarzen Dynastie nur Eponine übriggeblieben, die ihrem Herrn nach wie vor treu bleibt und eine durch und durch literarisch gebildete Katze geworden ist.


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