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Fünftes Capitel.

Aufenthalt im Fort Chipewyan. – Ankunft des Dr. Richardson und Hrn. Hood. – Vorbereitungen zu unserer Reise gegen Norden.

 

Den 26. Marz 1820. Am Tage vor unserer Ankunft zu Chipewyan legten wir einen Besuch bei Hrn. Macdonald, dem Befehlshaber der Hudsonsbainiederlassung Fort Wedderburne, ab und überreichten ihm des Gouv. William's Circularschreiben, aus welchem er die Anforderungen ersah, welche wir an seinen Posten zu stellen hätten.

Zuvörderst lag uns daran, in Bezug auf unsern künftigen Weg bestimmte Aufschlüsse zu erhalten. Diese theilte uns einer der Nordwestcompagnie Dollmetscher, der Mestize Beaulieu, mit, welcher unter den Hundsrippen- und Kupferindianern seine Jugend verlebt hat. Er war den Kupferminenfluß eine bedeutende Strecke hinabgereis't und konnte daher über den Weg bis zu demselben, so wie über dessen Mündung, befriedigende Auskunft ertheilen. Indeß würden uns, sagte er, die Kupferindianer noch bestimmter in dieser Hinsicht berichten können, da sie zuweilen bis zur Meeresküste an dem Flusse hinreis'ten. Er zeichnete den Lauf desselben und die Gestalt der Seeküste nach seiner Vorstellung auf den Fußboden. Als er eben fertig war, trat unvermuthet ein alter Chipewyer, Namens Schwarzfleisch, in's Zimmer und erkannte auf der Stelle den Riß. Alsdann nahm er dem Beaulieu die Kohle aus der Hand und zeichnete den Weg längs der Seeküste hinein, welchen er auf der Rückkehr von einem Kriegszuge gegen die Eskymos mit seinen Landsleuten verfolgt hatte. Er theilte über die Küste und das Meer verschiedene nähere Umstände mit und behauptete, dasselbe sey voller wohlbewaldeter Inseln und im Monat Juli am Ufer, aber nicht weit in die hohe See hinein, von Eise frei. Er beschrieb zwei andere, östl. vom Kupferminenflusse gleichfalls in das nördliche Polarmeer fallende Ströme; den Anatessy, welcher aus dem Contway-to oder Numsee, und den Thloueea-tessy oder Fischfluß, welcher unfern dem östlichen Ufer des großen Sclavensee entspringe. Doch schilderte er beide als zu seicht und durch Risse unterbrochen, als daß man sie anders, als mit kleinen Indianischen Canoes, befahren könnte.

Nachdem ich diese befriedigende Auskunft erhalten, schrieb ich auf der Stelle an Hrn. Smith von der Nordwest- und Hrn. Mac Vikar von der Hudsonsbaigesellschaft, welche dem Posten am großen Sclavensee vorstanden, um sie mit dem Zwecke der Expedition und unserem muthmaaßlichen Wege bekannt zu machen und sie um alle mögliche Aufschlüsse, die sie entweder jetzt schon geben, oder von den Indianern noch erhalten könnten, zu ersuchen. Da die Kupferindianer die an der Nordseite des Sees befindlichen Niederlassungen besuchen, so bat ich jene Herrn in'sbesondere, diese Völkerschaft von dem Zwecke unseres Besuchs in Kenntniß zu setzen und mir aus ihrer Mitte wo möglich einige Führer und Jäger zu verschaffen. Hr. Keith sendete zwei Canadier mit diesen Briefen ab.

Der April ließ sich mit schönem, heitern, aber äußerst kaltem Wetter an. Leider befanden wir uns noch immer ohne Thermometer, daher wir die Temperatur nicht erfahren konnten. Fast jeden Abend in der ersten Woche zeigte sich das Nordlicht äußerst glänzend und mannichfaltig. Am dritten war es vorzüglich veränderlich. Anfangs zeigten sich drei leuchtende Strahlen, die vom Horizont aus dem Nordost- und Westpuncte ausgiengen und nach dem Zenith gerichtet waren; nach wenigen Secunden verschwanden dieselben, um einem vollkommenen Kreise Platz zu machen, der den Horizont unter eine; Höhe von 50° umzog. Die zarten Strahlen, aus welchen dieser Gürtel bestand, hatten eine schnelle seitliche Bewegung. Seine Farbe war blassgelb, zuweilen in's Röthliche übergehend.

Am 8. April bemerkten die Indianer in der, Nachbarschaft des Sees einige Gänse; doch zeigten sich bei den Häusern die ersten Wandervögel erst am 15., nämlich Schwäne, die über uns wegstrichen. Dieß sind gewöhnlich die ersten Ankömmlinge. Das Wetter war die letzten 4 Tage äußerst stürmisch gewesen und deßhalb mochten sich wohl die Vögel von der Stelle, wo sie die Indianer zuerst erblickt, nicht weiter nördlich gewagt haben.

In der Mitte des Monats nahm der Schnee täglich ab und verschwand nach und nach von den Bergen und der Oberfläche des Sees. Am 17. und 19. zeigte sich das Nordlicht äußerst schön mit glänzenden Stellen gegen N. Westen. Da ein alter Crih einen Biberbau in der Nähe des Forts entdeckt hatte, so begleiteten die Hrn. Keith, Back und ich denselben, um den Fang dieses merkwürdigen Thieres mit anzusehen. Der Bau war an der Seite eines Felsens in einem kleinen See so angelegt, daß der Eingang unter dem Eise hineinführte. Die Fächer waren aus Lagen von Stäben bereitet, die Zwischenräume mit Lehm ausgefüllt und die Außenseite mit Erde und Steinen bekleidet, welche durch den Frost eine solche Festigkeit erlangt hatten, daß die Wände nur mit bedeutendem Kraftaufwande und mit Hülfe des Eismeißels und der andern eisernen Instrumente, deren sich die Biberjäger bedienen, durchbrochen werden konnten. Indeß fiel die Jagd nicht glücklich aus, indem der Biber den Bau bereits verlassen hatte.

Am 21. sahen wir die ersten Gänse in der Nähe des Forts vorbeistreichen und am 30. wurden einige sehr magere Exemplare eingeliefert; am 25. spielten Fliegen in der Sonne und den 26. stand das Eis auf dem See in der Nähe des Flussbettes, da der Athabaska aufgegangen war, unter Wasser. Wohin sich indeß dieß Wasser nicht verbreiten konnte, stand das Eis noch fest.

Mai. – In den ersten Wochen dieses Monats hatten wir Nordwestwind und bewölkten Himmel. Es thaute meist am Tage und fror in der Nacht wieder. Am 2. dämmerte das Nordlicht durch dichte Wolken hindurch.

Mit Hrn. Dease von der Nordwestcompagnie, welcher vor Kurzem von seinem Posten am Ende des Athabaskasees angekommen war, hatten wir eine lange Unterredung. Da derselbe mehrere Winter am Mackenziefluß und in den, nördlich vom Sclavensee befindlichen Posten verlebt hatte, so konnte er über die Indianer und die Länder, welche wir zu bereisen gedachten, manche nützliche Winke geben, welches er mit der größten Bereitwilligkeit that. Während des Gesprächs trat ein alter Chipewyer, Namens Caninchenkopf, in's Zimmer, von welchem Hr. Deale über irgend einen Umstand Auskunft verlangte. Aus seiner Antwort ergab sich, daß er ein Stiefsohn des verstorbenen Häuptlings Matonnabee sey, welcher letztere Hr. Hearne nach der Seeküste begleitete und die Reise selbst mitgemacht habe. Da er jedoch damals ein bloßer Knabe war, so konnte er sich vieler Umstände nicht mehr entsinnen; indeß bestätigt er Hearne's Bericht in allen wesentlichen Theilen und behauptete zuversichtlich, daß er die See erreicht habe, gestand aber ein, daß keiner von der Gesellschaft das Wasser des Polarmeeres gekostet habe. Seiner Versicherung nach war er die einzige noch lebende Person, die jener Reise beigewohnt hatte. Da er in gutem Rufe stand, so schenkte ich ihm eine Schaumünze, die er dankbar annahm und dabei äußerte, er werde sie bis an sein Ende sorgfältig bewahren. Alsdann wurde der alte Mann gesprächiger und erzählte unaufgefordert die bei seinem Stamme in Ansehung der Kupferminen herrschende Tradition, die ich recht unterhaltend fand. Da der Gegenstand einige Beziehung auf unsere künftigen Forschungen hat, so will ich diese Mittheilung, wie sie mir Hr. Deale damals verdollmetschte, hier einschalten, obgleich schon Hearne dieselbe leicht abgedeutet hat.

Die Chipewyer lassen die Eskimos ursprünglich ein nördliches Land bewohnen, welches von dem ihrigen durch die See getrennt sey. In den Urzeiten der Welt kam eine Gesellschaft dieser Leute herüber und raubte eine Frau von ihrer Nation, die sie in jenes ferne Land führten und als Sklavin behandelten. Sie fühlte sich daselbst sehr unglücklich und bewerkstelligte, nach einem vieljährigen Aufenthalt unter den Eskimos, ihre Flucht. Das arme Geschöpf wanderte einige Tage umher, ohne zu wissen, welchen Weg sie einschlagen sollte, als sie einen betretenen Pfad fand, der sie zur See geleitete. Beim Anblick des Oceans schwand ihr alle Hoffnung, ihr Vaterland je wiederzusehen. Trostlos setzte sie sich nieder und ließ ihren Thränen freien Lauf. Da kam ein Wolf mit schmeichelnder Gebehrde, leckte ihr die Thränen vom Auge und gieng dann in's Wassert und mit Freuden bemerkte sie, daß es dem Thiere nicht bis an den Bauch reichte. Sie faßte neuen Muth, und entschlossen, dem Wolf zu folgen, stand sie augenblicklich auf und verschaffte sich zwei Stäbe, um sich darauf zu stützen. Zwei Tage war sie bereits durch das Meer gewandert, ohne daß das Wasser tiefer wurde und wenn sie ermattet war, stützte sie sich auf die Stäbe, welche zu diesem Zwecke am obern Ende zusammen befestigt waren. Am dritten Morgen bemerkte sie mit Schrecken, daß das Wasser an Tiefe zunahm, beharrte aber fest bei dem Entschlüsse, lieber das Aeußerste zu wagen, als zurückzukehren. Ihre kühne Beharrlichkeit ward mit Erfolg. gekrönt und am 5. Tage sah sie sich an der Küste ihres Vaterlands. Bald war sie so glücklich, einen Pfad zu finden, welchen sie für einen solchen erkannte, wie ihn die Rennthiere bei ihren Wanderungen treten. Hier machte sie Halt und verfertigte irgend eine Waffe, um Wild zu tödten. Kaum war sie damit fertig, so sah sie mehrere Heerden auf dem Wege heranziehen und es gelang ihr, eine hinreichende Menge Wildpret zu erlegen, um während des Winters, den sie an diesem Orte zu verleben beschloß, vor Nahrungsmangel geschützt zu sein. Sie baute sich also ein Haus, wie sie es beiden Eskimos gesehen hatte. Als sie bei der Wiederkehr des Frühlings aus ihrer unterirdischen Wohnung hervorkroch, sah sie mit Staunen auf einem fernen Berge einen leuchtenden flimmernden Schein, der unmöglich von der bloßen Brechung der Sonnenstrahlen herrühren könnte, und da sie dessen Ursache sich nicht zu erklären wußte, so beschloß sie, auf den glänzenden Gegenstand loszugehen; es ergab sich, daß der ganze Berg aus Metall bestand. Sie brach einige Stücke davon los und gerieth bald auf den Gedanken, daß dieß Metall (es war Kupfer) ihren Landsleuten, falls sie dieselben wiederfinden könnte, von Nutzen seyn dürfte. Als sie hin und her dachte, was zu thun sey, hielt sie es endlich für das Beste, so viele Kupferstücke, als möglich, an ihre Kleider zu hängen, in's Binnenland vorzudringen und Einwohner aufzusuchen, die sie gewiss als die Besitzerin des kostbaren Schatzes mit offenen Armen empfangen würden.

Der Zufall wollte, daß sie mit ihren eigenen Verwandten zusammentraf, und sie mußte die junge Mannschaft, welche vor Begierde brannte, den Berg von Metall zu sehen, alsbald nach demselben geleiten. Es wurde ihr dieß nicht schwer, da sie vorsichtig genug gewesen war, den Weg durch Zeichen kenntlich zu machen. Die Gesellschaft kam wohlbehalten an dem Ort an; doch nahm die Sache ein trauriges Ende. Die jungen Leute ließen sich durch das Uebermaaß von Freude so bethören, daß sie keine ihrer Leidenschaften mehr zu zügeln wußten und ihrer Wohlthäterin die entehrendsten Anträge machten. Sie widerstand denselben einige Zeitlang kräftig; als sie jedoch im Kampfe ermattete, floh sie auf die Spitze des Bergs, als ihren letzten Zufluchtsort. Kaum hatte sie den Gipfel erreicht, so that sich die Erde auf und verschlang sie und den Berg zugleich, zur großen Betrübniß der Männer, welche über das plötzliche Verschwinden desselben eben so erstaunt, als über diese gerechte Bestrafung ihrer Sündhaftigkeit niedergeschmettert waren. Seit der Zeit findet man das Kupfer nur in kleinen Bruchstücken auf der Oberfläche der Erde.«

Am 10. Mai begrüßten wir freudig den Frühling; zwar stand das Eis auf dem See noch immer fest; allein die Osterschelle ( Anemone Pulsatilla) entfaltete ihre Blüthe, die Blattknospen der Bäume fiengen an, zu schwellen und in den gehetzten Zimmern stellten sich die Moskitos ein.

Am 17. und 18. fielen häufige, von Donner und Blitz begleitete Regenschauer. In Folge dieses feuchten Wetters thaute das Eis so schnell weg, daß am 24. der See ganz davon befreit war. Alsbald stellten sich die Aufseher der verschiedenen, in diesen Distrikten belegenen Posten beider Gesellschaften mit dem Pelzwerk ein, was sie im Winter aufgebracht hatten und welches von den Niederlassungen nach den Depots weiter befördert wird.

Ich wartete sogleich Hrn. Colin Robertson, dem Agenten der Hudsonsbaigesellschaft, auf und theilte demselben unsern Plan nebst den Bedürfnissen mit, welchen wir von beiden Handelsgesellschaften zu beziehen wünschten, und ersuchte außerdem sämmtliche Herrn um ihren Rath. Da ich sie vor der Hand zu sehr mit Geschäften überhäuft fand, so hielt ich es für rathsam, sie einige Tage lang nicht mit unsern Angelegenheiten zu behelligen. Als jedoch Anstalten getroffen wurden, die erste Abtheilung von Canoes abzuschicken, ließ ich ein Zelt zwischen beiden Niederlassungen aufschlagen und die zu beiden Gesellschaften gehörigen Herrn zu einer Zusammenkunft mit Hrn. Back und mir ersuchen. Diesem wurde sogleich willfahrt und den 25. Mai stellten sich Hr. Stuart und Grant, von der Nordwestcompagnie, und Hr. Colin Robertson von der Hudsonsbaicompagnie in unserm Zelte ein und gaben sämmtlich auf eine Reihe von Fragen, die wir für diese Gelegenheit aufgesetzt hatten, mit der größten Bereitwilligkeit die befriedigendsten Antworten.

Zunächst trafen wir nun in Bezug auf die nöthige Mannschaft und die Vorräthe, die sowohl unser eigenes Bedürfniß, als die Geschenke für die Indianer erheischten, Anstalten und verlangten am folgenden Tage von jeder Gesellschaft 8 Leute und an nützlichen Artikeln, so viel sie auftreiben könnten. Wir mußten mit Bedauern erfahren, daß sie, wegen der bestehenden Handelseifersucht, mit ihren Waaren so verschwenderisch umgegangen waren, daß sie uns nur ziemlich kärglich ausrüsten konnten. Auch die Leute ließen sich nicht sehr bereitwillig finden, in unsere Dienste zu treten, und vorzüglich verlangten die der Hudsonsbaigesellschaft einen weit höhern Lohn, als ich ihnen irgend bewilligen zu dürfen glaubte.

Den 3. Juni. Der Actionnär der Nordwestcompagnie, Hr. Smith, kam heute vom großen Sclavensee an und brachte die höchst angenehme Nachricht mit, daß der mächtigste Häuptling der Kupferindianer sich über die Kunde von unserer Ankunft gefreut und in Bezug auf den Weg nach der Seeküste am Kupferminenflusse hin alle ihm bekannte Nachrichten mitgetheilt habe; daß er ferner auf die Bitte des Hrn. Wentzel, eines Commis der Nordwestcompagnie, sich verbindlich gemacht, die Expedition mit einem Theil seiner Leute als Führer und Jäger zu begleiten und zugleich den Wunsch geäußert habe, Hr. Wentzel möchte sich gleichfalls an uns anschließen. Die Indianer würden uns zu Fort Providence am nördlichen Ufer des großen Sclavensee erwarten. Ihre Aussage stimmte mit der des Beaulieu überein. Sie zweifelten nicht daran, daß wir uns auf dem Wege nach der Küste die Mittel zur Subsistenz verschaffen könnten, und diese angenehme Nachricht wirkte auf die Stimmung der Canadier sehr günstig, von denen jetzt mehrere ihre Dienste freiwillig anboten; noch an demselben Abend warben wir zwei von der Nordwestcompagnie für die Expedition an.

Den 5. Juni. Hr. Back und ich begaben uns heute nach Fort Wedderburne, um mit Hrn. Robertson über die, von ihm begehrten Leute Rücksprache zu nehmen. Wir erfuhren von ihm, daß seine kundigsten Reisediener sich noch immer nur gegen übertrieben hohen Sold stellen wollten. Jedoch warben wir endlich sechs Männer an, welche für thätig und standhaft galten. Ferner gab Hr. Robertson seine Zustimmung, daß uns St. Germain, ein zu seiner Gesellschaft gehöriger Dollmetscher, vom Sclavensee aus begleiten dürfe, falls er dazu geneigt wäre. Die Vorder- und Steuermänner sollten jährlich 1,600 Livres Halifaxer Current und die gewöhnlichen Ruderknechte 1,200 L. außer ihrer nöthigen Equipirung erhalten. Zugleich bedangen sie sich aus, daß ihnen dieser Lohn bis zu ihrer Ankunft zu Montreal, oder ihrem Wiedereintritt in die Dienste ihrer gegenwärtigen Principale zugesichert werde.

Ich übergab Hrn. Robertson ein officielles Schreiben, Kraft dessen er ersucht wurde, die, in der Yorkfactorei und der Rockniederlage hinterlassenen Effecten, nebst einigen andern Zufuhren, mit erster Gelegenheit nach dem großen Sclavensee zu befördern. Auch übernahm er die Besorgung meiner Briefe an die Admiralität. Hieraus wurden von der Nordwestcompagnie noch fünf Leute ganz unter denselben Bedingungen und ein Dollmetscher wegen der Kupferindianer angeworben. Jedoch verlangte dieser letztere 3,000 Livres Halifaxer Current, die wir ihm, als einem unentbehrlichen Subjecte, zugestehen mußten. Der große Mangel an Lebensmitteln, der in den hiesigen Niederlassungen herrschte, machte es nothwendig, alle unsre Leute nach dem Mammaweesee zu schicken, wo sie sich ihren Lebensunterhalt durch die Fischerei verschaffen sollten. Aus demselben Grunde wurden die Frauen und Kinder entlassen, und in den Gebäuden selbst durften nach der Abreise der Canoes nur die Familien derjenigen Leute bleiben, welche zu den täglichen Leistungen erforderlich waren. Die große Menge von Beamten und Leuten, welche sich von den verschiedenen Posten des Districts hier versammelt hatte, gieng schnell wieder aus einander. Die erste Abtheilung von Canoes gieng mit einer Ladung von Pelzwerk am 30. März ab und die übrigen folgten 2-3 Tage später. Hr. Stuart, der Actionnär-Aelteste der Nordwestcompagnie, verließ uns am 4. Juni, Hr. Robertson am folgenden Tage und am 9. trennten wir uns von unserm Freunde Keith, dem wir uns so sehr verpflichtet fühlten. Die Aufsicht über den hiesigen Posten führte während des Sommers Hr. Smith, welcher bald seinen aufrichtigen Wunsch, unsern Zweck zu fördern, dadurch an den Tag legte, daß er den Bau eines neuen Canoes zu unserm Gebrauch anfangen ließ.

Den 21. Juli. Es bot sich heute eine Gelegenheit dar, Briefe nach dem großen Sclavensee abzusenden, und ich benutzte dieselbe, um Hrn. Wentzel zu ersuchen, die Expedition, nach dem Wunsche der Kupferindianer, zu begleiten. Ich machte ihn zugleich damit bekannt, daß die Interessenten der Nordwestcompagnie ihre Zustimmung zu seiner Entfernung gegeben hatten. Im Fall er meinem Gesuch willfahren wolle, bat ich ihn, sich nach Fort Providence zu begeben und bei den obenerwähnten Indianern aufzuhalten. Ich fürchtete, jene möchten bei irgend einem unerwarteten Verzuge, in ihrem Entschlusse wankend werden und jene Niederlassung vor unserer Ankunft verlassen. Wären die Artikel, welche sie bei meiner Ankunft als Geschenke erwarteten, in der hiesigen Niederlassung zu haben gewesen, so würde ich mich selbst zu ihnen begeben haben. Da dieß jedoch nicht der Fall war, so mußte ich meinen Besuch bis zur Ankunft der Canoes verschieben. Hr. Smith war der Meinung, daß, wenn ich mich ihnen zeigte, ohne ihre Wünsche befriedigen zu können, dieß ihren Eifer für die Expedition erkalten, wo nicht sie gänzlich von derselben abwendig machen würden.

Die hiesigen Niederlassungen, die Forts Chipewyan und Wedderburne, sind die Hauptposten des Districts und zur Communication mit dem Sklaven- und Friedensflusse, von denen die Canoes im Frühling und Herbst hier eintreffen, günstig gelegen. Im Frühling bringen diese die Vorräthe an Pelzwerk, welche während des Winters durch die verschiedenen Nebenposten aufgebracht wurden, und im Herbst nehmen sie dagegen allerhand Artikel zur Ausrüstung der in ihrer Nachbarschaft wohnenden Indianer ein. Fort Wedderburne ist ein kleines Gebäude, welches vor etwa 5 Jahren, als die Hudsonsbaigesellschaft ihre Handelsverbindungen in diesen Gegenden wieder anknüpfte, auf der Kohleninsel erbaut wurde. Fort Chipewyan steht seit vielen Jahren und ist eine Niederlassung von beträchtlichem Umfang, die eine stattliche Lage auf einer felsigen Spitze des nördlichen Ufers hat. Sie besitzt einen weit sichtbaren Thurm, der vor etwa 8 Jahren errichtet wurde, um die Bewegungen der Indianer beobachten zu können, welche damit umgiengen, das Fort sammt allen Bewohnern zu vernichten. Zu diesem blutigen Vorsatze hatte sie einer ihrer Landsleute, der sich als Schwarzkünstler ein großes Ansehen erworben hatte, durch allerhand Vorspiegelungen gereizt. Dieser Mensch hatte prophezeihet, es werde in Kurzem eine vollkommene Veränderung mit ihrem Lande vorgehen; Fruchtbarkeit und Ueberfluß solle an die Stelle der gegenwärtigen Unfruchtbarkeit treten und der jetzige Stamm von weißen Einwohnern, im Fall er sich nicht den Indianern unterwürfe, untergehen und statt ihrer ein anderes Handelsvolk, das ihre Bedürfnisse in jeder möglichen Art befriedigen werde, in's Land ziehen. Die armen Hintergangenen glaubten diesen glücklichen Wechsel durch die Vertilgung der Pelzhändler, zu deren Unterwerfung keine Aussicht war, beschleunigen zu müssen. Doch wurden die ausgesprochenen Drohungen nie in's Werk gesetzt; wahrscheinlich schreckte sie die Wachsamkeit, mit der man jeden ihrer Schritte beobachtete, von der Ausführung ihres Vorsatzes ab.

Der Theil des großen Sees, welcher sich in der Nähe der Niederlassungen befindet, heißt nicht unpassend der Bergsee, da das nördliche Ufer und die Inseln hoch und felsig sind. Dagegen ist die Südseite ganz eben, besteht aus angeschwemmtem Boden und wird, da sie zwischen den verschiedenen Mündungen des Elennflusses liegt, zuweilen unter Wasser gesetzt. Die Felsen des nördlichen Ufers bestehen aus Syenit, der nur dünn mit Dammerde bedeckt ist. Jedoch wurzeln in derselben mannichfaltige Nadelhölzer und Pappeln, desgleichen viele Stauden, Flechten und Moose. In der Jahreszeit, wo die Bäume belaubt und die Pflanzen meist in Blüthe stehen, bietet die Gegend eine lachende Ansicht dar. Der Frühling verändert dieselbe unglaublich schnell; kaum ist der Schnee vom Boden verschwunden, so kleiden sich die Bäume in dichtes Laub, so entfalten die Stauden ihre Blätter und bunten Blumen, und die ganze Gegend athmet Leben. In den, zwischen den felsigen Bergen befindlichen, meist sumpfigen Gründen wachsen Weiden und einige Pappeln; sie sind der Lieblingsaufenthalt der Moskitos, welche den durchreisenden Wanderer ohne Unterlaß quälen. Einige der Berge erheben sich bis zu 500 oder 600 Fuß, und von ihren Gipfeln genießt man einer malerischen Ansicht des Sees und der Umgegend. Ueber der großen Spitze, bei der Mündung des Hauptarms des Elennflusses ist die Küste 600-700 Fuß hoch und erstreckt sich in südlicher Richtung bis jenseits Pierre au Calumet. Dieser Niederlassung gegenüber erhebt sich auf dem westlichen Ufer des Flusses der Bark- (Rinden-) Berg, der sich nach N.W. bis zum klaren See, etwa 30 M. südlich vom Fort, und von da aus südwestlich erstreckt. Die Crihindianer beziehen aus jenem Gebirge ihre meisten Lebensmittel, so wie die Rinde zu ihren Canoes. Auf dem südlichen Ufer zieht sich eine andere Bergkette nach dem Friedensflusse.

Die Bewohner dieser Niederlassungen nähren sich hauptsächlich von den Fischen, welche ihnen der See liefert. Man fängt dieselben meist den ganzen Winter hindurch in hinlänglicher Menge, obgleich 18 M. von dem Fort. Bei'm Aufthauen des Eises ziehen sich die Fische nach kleineren Seen und in die Flüsse am südlichen Ufer; wenn gleich die Fischerei alsdann näher an den Forts betrieben wird, so können doch die Canoes häufig wegen starken Winden nicht dahin gelangen und die Einwohner bleiben alsdann oft mehrere Tage lang ohne Lebensmittel. Die Fische, welche man in Netzen fängt, sind der Tittameg, Karpfen, Hecht, Methye und die Forelle. Die hiesigen Pelzhändler werden ferner von den Jägern mit Büffel- und Moesethierfleisch versorgt; allein dieß ist größtentheils getrocknet, oder schon zermalmt und zur Bereitung des ?Pemmincan fertig und muß für die Reisediener, welche die Pelze im Winter einsammeln und die Mannschaft der Canoes, welche im Frühling nach den Niederlagen abgehen, zurückgestellt werden. Heuer herrschte ein großer Mangel an Lebensmitteln, und beide Compagnien konnten kaum den Bedarf für ihre Canoes auftreiben. Hr. Smith versicherte mir, er habe nach dem Abgang derselben nur noch 500 Pfd. Fleisch für die Leute übrig, welche während des Sommers von dem Posten aus Ausflüge machen würden, während sich die letzten 5 Jahre unter ähnlichen Umstanden 30,000 Pfd. im Vorrathshause befunden hätten. Den Grund dieses gewaltigen Abstandes fand er mehr in der Trägheit, welcher sich die Indianer seitdem Bestehen der Handelseifersucht überlassen hätten, als in der letzten Epidemie, von der sie heimgesucht wurden, indem sie jetzt mit sehr geringem Kraftaufwande so viel Wild erlegen könnten, um ihre sämmtlichen Bedürfnisse von den Forts zu beziehen.

Wenn das Eis im Winter aufgeht, begeben sich die Indianer nach den Niederlassungen, um ihre Rechnungen mit den Pelzhändlern abzuschließen und die Artikel, deren sie im Sommer bedürfen, in Empfang zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit hört man nichts als Zank und Streit; denn die Jäger trinken alsdann so viel Schnaps, daß sie häufig mehrere Tage hinter einander betrunken bleiben. Dießmal waren sie jedoch, wegen des großen Mangels an geistigen Getränken, im Allgemeinen nüchtern. Sie gehören zu der großen Familie der Chipewyer oder nördlichen Indianer. Einen Dialekt ihrer Sprache hört man am Friedens- und Mackenziefluß und unter den volkreichen Stämmen von Caledonien, was Mackenzie auf seiner Reise nach dem stillen Ocean ausgemittelt hat. Sie nennen sich selbst gewöhnlich Dinneh, Männer oder Indianer; doch nimmt jede Horde irgend ein bezeichnendes Epitheton von einem Flusse oder See, an welchen ihr Jagdrevier gränzt, oder dem District an, aus dem sie zuletzt gewandert sind. Diejenigen, welche das Fort Chipewyan besuchen, nennen sich Saweessaw-Dinneh (Indianer von Sonnenaufgang, oder östliche Ind.), weil sich ihr ursprüngliches Jagdrevier zwischen dem Athabaska und großen Sclavensee und dem Fluß Churchill befindet. Dieser District heißt mehr ausschließend das Land oder die Steppe der Chipewyer; man findet daselbst das Rennthier in zahlreichen Heerden, weßhalb die Indianer Unterhalt und Kleidung mit großer Leichtigkeit beziehen. Doch bemühen sich die Pelzleute, sie zu dem Aufenthalt in den westlichen Strichen, wo es Biber giebt, zu veranlassen. Nach dem großen Sclavensee liefern ihr Pelzwerk ungefähr 150 Jäger; nach dem Hayfluß 40 und nach Fort Chipewyan etwa 240. Ein Paar nördliche Indianer besuchen gleichfalls die Posten im Hintergrunde des Bergsees, am Red-deer (Rothwild-) See und Churchill. Da jedoch der letzte Posten zu weit von ihren Jagdrevieren entfernt liegt, so wird er gegenwärtig wenig besucht. Dieß Volk ist von Hearne und Mackenzie so umständlich beschrieben worden, daß ein durchreisender Fremder, dessen Beobachtungen bloß aus kurzen Zusammenkünften geschöpft sind, kaum darauf Anspruch machen kann, viel Neues über sie zu berichten, zumal da sie in den Forts ihren nationellen Character gern verläugnen und das Benehmen der Pelzhändler nachahmen.

Die Chipewyer besitzen keineswegs ein vortheilhaftes Aeußere; ihre Gesichter sind breit mit hervorstehenden Backenknochen und weiten Nasenlöchern. Jedoch haben sie meist gesunde Zähne und hübsche Augen. Wenn sie sich zu den Forts begeben, tragen sie sich wie die Kanadier, nur daß sie statt der Hosen indianische Strümpfe haben, welche vom Schenkel bis an den Knöchel reichen. Um die Hüften tragen sie ein Stück Tuch, welches hinten und vorn locker herabfällt. Ihr Jägerkleid besteht aus einem ledernen Hemd und Strümpfen, worüber sie einen Lacken werfen, während der Kopf mit einer Kappe oder einem Streifen von Pelz bedeckt wird. Ihr Benehmen ist zurückhaltend und eigennützig. Um jeden Artikel, der ihnen in die Augen fällt, betteln sie auf die zudringlichste Weise. Nie sah ich Leute, welche ein Geschenk mit so wenig Anstand empfangen oder geben. Sie reißen dasselbe dem Geber beinahe aus den Händen, oder werfen es, im andern Falle, dem Empfänger gleichsam vor die Füße. Auch in ihren Zelten findet man nicht die gastfreie Aufnahme, wie bei den übrigen Indianern dieser Länder; der Fremde geht hungrig von ihrer Behausung weg, wenn er nicht Dreistigkeit genug besitzt, sich uneingeladen über den Kessel herzumachen und zuzulangen. Der Eigenthümer rügt eine solche Unhöflichkeit nur durch ein Runzeln der Stirn, da er es unter der Würde eines Jägers hält, um eines Stückes Fleisch willen viel Aufhebens zu machen. Als einen guten Zug ihres Characters kann man anführen, daß der Diebstahl unter ihnen sehr selten vorkömmt. Ihre Kinder lieben sie außerordentlich und nehmen auch auf ihre Verwandten ziemliche Rücksicht, welche oft sehr zahlreich sind, da sie die Bande der Blutsfreundschaft bis in die entfernteren Stufen beachten. Ein merkwürdiges und ganz authentisches Beispiel von der Liebe, die diese Indianer zu ihren Kindern hegen, wollen wir hier aus Dr. Richardson's Tagebuche ausheben.

Ein Chipewyer hatte sich, der Biberjagd wegen, von seiner Bande getrennt. Sein junges Weib, seine einzige Begleiterin, gebahr einen Knaben, starb aber am 3. Tagen an den Folgen der Wehen. Der untröstliche Gatte that in seinem Schmerze das Gelübde, sich nie wieder zu verehelichen, doch vergaß es bald einen Theil seines Kummers über der Besorgniß, die ihm sein kleiner Sohn erregte. Um dessen Leben zu fristen, verrichtete er den, in den Augen des Chipewyers so entehrenden Dienst einer Amme. Er hüllte sein Kind in weiches Moos, fütterte es mit Wildpretsbrühen und legte es, um sein Geschrei zu beschwichtigen, an seine Brust, indem er eifrig zu dem großen Meister des Lebens betete, seine Mühe zu segnen. Die mächtige Leidenschaft bewirkte bei ihm, wie es in andern ähnlichen Beispielen schon vorgekommen ist, daß sich seine Brust mit Milch füllte. Es gelang ihm, sein Kind aufzuziehen und einen tüchtigen Jäger aus ihm zu bilden, und als es mannbar geworden, wählte er ihm ein Weib aus seinem Stamme. Der alte Mann hielt sein Gelübde, nie wieder zu freien, hatte aber seinen Gefallen daran, die Kinder seines Sohnes zu warten, und wenn seine Schwiegertochter ihn seiner unmännlichen Beschäftigung überheben wollte, pflegte er zu erwidern, er habe dem großen Meister des Lebens versprochen, wenn er sein Kind erhalte, nie so hochmüthig wie die andern Indianer zu seyn. Als einen sichern Beweis von der Vorsehung Segen pflegte er anzuführen, daß sein Kind, welches er auf der Jagd beständig auf dem Rücken mit umhertrug, das Moosewild nie durch Geschrei verscheucht, sondern sich bei solchen Gelegenheiten ganz vorzüglich still verhalten habe. Unser Berichterstatter (Hr. Wentzel) hatte diesen Indianer häufig in seinen alten Tagen gesehen, und seine linke Brust hatte selbst damals noch die ungewöhnliche Größe, die sie während des Ammendienstes angenommen.

Wie gefühlvoll die Indianer für Verwandtschaft sind, kann man daraus abnehmen, daß sie damals ihre Zelte nicht an solchen Orten aufschlugen, wo sie früher viele Jahre gestanden haben, weil ihnen der Aufenthalt durch die Erinnerungen an die daselbst mit ihren geliebten, durch die Epidemie weggerafften Verwandten verlebten Stunden verkümmert werden würde; indeß konnte die Veränderung ihres Wohnorts die traurigen Eindrücke nicht verwischen, und man sah sie zuweilen laut klagend in und außer ihren Zelten zusammensitzen. Leider grassirte jetzt abermals eine bösartige Seuche unter ihnen, welche neue Sterbefälle veranlaßte. Trommeln und Singen wurde häufig dagegen angewandt und einmal ein Patient förmlich beschworen. Indeß sollen die nördlichen Indianer nicht so häufig zu diesen Zaubermitteln schreiten, als die Crihs; dafür hat aber auch der Beschwörer bei ihnen einen weit schwereren Stand und muß sich körperlich gewaltig anstrengen. Nur gewisse Personen werden in die Geheimnisse eingeweiht, Kraft deren man, nach ihren Begriffen, Krankheiten austreiben, oder die Zukunft enthüllen kann. Bei außerordentlichen Gelegenheiten bleibt ein solcher Mensch Tage lang ohne Nahrung in seinem engen Beschwörungszelt, bevor er die Sache auf's Reine bringen kann. Zieht man ihn wegen eines Kranken zu Rathe, so wird dieser mit ihm eingeschlossen; unter andern Umständen bleibt er allein und weiß seine Selbsttäuschung häufig bis zu einem unglaublichen Grade zu steigern. Seine irre geleiteten Landsleute sitzen um das Zelt herum, erwarten mit ängstlicher Ungeduld seine Mittheilungen und fragen häufig, während er im Zelt sein Wesen treibt, nach der Stimmung des großen Geistes bei ihm an. Jene verschlagenen Zauberer wissen sich gewöhnlich einen großen Einfluß auf ihre Landsleute zu verschaffen. Sie werden durch freiwillige Lieferungen von Nahrungsmitteln erhalten, damit ihre Seele nicht durch die Mühseligkeiten der Jagd von ihrem Beruf abgezogen werde.

Die Häuptlinge der Chipewyer haben jetzt nicht die geringste Macht. Wenn gleich sie noch fortwährend von den Pelzhändlern mit einer Fahne und einem stattlichen Anzuge beschenkt werden, so verschafft ihnen dieses doch bei ihren Landsleuten nicht das mindeste Ansehen, und sie werden nur von den jungen Leuten ihrer eigenen Familie geachtet. Der Grund hiervon liegt in den friedfertigen Verhältnissen, in denen sie zu ihren Nachbarn stehen, wozu noch kommt, daß sich jetzt die jungen Leute ihre Bedürfnisse ohne alle Empfehlung von Seiten der Häuptlinge aus den Forts verschaffen können, was früher nicht der Fall war. Bei Kriegszügen wird kühner Muth wohl noch immer einiges Ansehen und Macht verschaffen; allein diese würden sich nicht über die Dauer der Feindseligkeiten erstrecken. Die Pelzhändler bemühen sich indeß, das Ansehen der Häuptlinge möglichst aufrecht zu erhalten, indem sie dieselben bei ihrer Ankunft in den Forts durch Aufsteckung einer Flagge und Musketensalven bewillkommnen. Der Häuptling macht in einiger Entfernung vom Hause halt, und sendet einen seiner Leute ab, seine Ankunft zu melden und seine Fahne zu bringen, die bei dem Einzuge vor ihm her getragen wird.

Der Bote überreicht ihm ferner etwas Zinnober, womit er und seine Genossen sich die Gesichter färben, nebst einem Spiegel, Kamm, etwas Taback und ein paar Patronen für jeden Mann, damit sie die Salven erwidern können. Sie bemalen sich um die Augen, an der Stirn und den Backenknochen.

Die nördlichen Indianer legen ihre große Eitelkeit dadurch an den Tag, daß sie sich selbst die Leute, und alle übrigen Nationen nach den Namen ihres besondern Landes nennen. Wenn sich in einiger Entfernung Menschen blicken ließen und ein Chipewyer gefragt wurde, wer sie seyn, so antwortete er, falls er sie für seine Landsleute erkannte, jederzeit: Leute und nie Chipewyer. Waren es dagegen Europäer, Canadier oder Crihs, so nannte er sie bei'm eigenen Namen. Da die Sage unter ihnen geht, daß ihre Vorfahren ursprünglich von Morgen gekommen seyen, so werden diejenigen unter ihnen, welche zufällig im östlichen Theil ihres Gebiets geboren sind, so angesehen, als wären sie, von der besten Abkunft. So viel ich erfahren konnte, herrscht bei sämmtlichen, mit den Handelsposten im nordwestlichen America in Verbindung stehenden Indianern der Glaube, daß ihre Urväter von Osten gekommen seyen. Nur die Hundsrippenindianer, welche zwischen dem Gebiet der Kupferindianer und dem Mackenzieflusse wohnen, machen hiervon eine Ausnahme, indem sie ihren Ursprung in westlichen Ländern suchen, was um so merkwürdiger ist, da sie eine Mundart der Chipewyersprache reden. In Bezug auf ihre religiösen Ueberlieferungen konnte ich nichts weiter erfahren, als daß sie von einer großen Fluth wissen.

Die Chipewyer gelten für weniger geschickte Jäger als die Crihs, wahrscheinlich, weil in ihrem Jagdrevier das Rentier so häufig ist, daß es ohne bedeutende Gewandtheit erlegt werden kann. Indeß steht ein tüchtiger Jäger bei ihnen in hoher Achtung. Da sie sich, seitdem die Handelseifersucht besteht, ihre Waaren weit leichter verschaffen können, so ist dadurch ihr natürlicher Hang zur Trägheit um vieles genährt worden, und in neuerer Zeit bringen sie daher weit weniger Pelzwerk und Lebensmittel auf, als früher. Vormals wurden aus diesem Distrikt jährlich 600-800 Ballen Pelzwerk, gegenwärtig werden selten mehr als die Hälfte bezogen; in welchem Verhältniß die Fleischlieferungen abgenommen haben, ist schon oben angegeben.

Die nördlichen Indianer schreiben ihren Ursprung von einem Hunde her, und vor etwa 5 Jahren wußte ihnen ein abergläubischer Schwärmer so eindringlich vorzustellen, wie unziemlich es wäre, wenn sie diese, ihnen verwandten Thiede noch ferner für sich arbeiten ließen, daß sie einmüthig beschlossen, sich derselben nicht mehr zu bedienen und, so seltsam es auch scheinen mag, ihre sämmtlichen Hunde tödteten. Jetzt müssen sie daher ihre Schlitten selbst ziehen und diese mühselige Arbeit liegt hauptsächlich den Weibern ob. Das Gefühl eines gebildeten Menschen empört sich, wenn er den Zustand der Erniedrigung sieht, in welchem dieses Geschlecht hier lebt. Auf den Streifzügen müssen die Weiber das Zelt, den Proviant und das sämmtliche Hausgeräthe ziehen, während der Jäger nur sein Gewehr und seinen Medicinbeutel trägt. Abends schlagen sie das Lager auf, hacken Holz, tragen Wasser und bereiten das Nachtessen und bekommen vielleicht nicht eher einen Bissen zu essen, bis sich der Mann gesättigt hat. Ein tüchtiger Jäger hält sich bisweilen 2-3 Frauen; die Favorite maßt sich über die andern ein gewisses Ansehen an, und gebietet im Zelte. Die Weiber werden im Allgemeinen lieblos und selbst roh behandelt, und nur wenn sie bald niederkommen wollen, beweist man gegen sie ungewöhnliche Nachsicht. Hearne legt den Chipewyern den barbarischen Gebrauch zur Last, als ob sie ihre alten und kranken Leute zur Zeit der Noth aussetzten. Uns ist nur ein einziges Beispiel dieser Art bekannt, bei welchem indeß mehrere entschuldigende Umstände vorliegen. Während unseres Aufenthalts zu Chipewyan kam ein altes Weib mit ihrem etwa 10jährigen Sohne daselbst an, welche, an einer schweren Krankheit darniederliegend, von ihren Verwandten verlassen worden waren. Zwei bis drei Tage nach deren Abreise, stellten sich die Kräfte bei der Alten wieder ein, so daß sie mit Hülfe des Knaben ein Canoe nach der zum hiesigen Posten gehörigen Fischerhütte rudern könnte, wo sie so lange ernährt wurde, bis sie Kräfte genug gewonnen hatte, um andere gütigere Verwandte aufzusuchen. Indeß hörte ich, daß die Frau in einem ausnehmend bösen Rufe stand, sich sogar des Kindermords schuldig gemacht habe und von ihren Verwandten mit Rücksicht darauf verlassen worden sey, daß sie, ihrer Verbrechen wegen, kein besseres Schicksal verdiene.

Diese Völkerschaft hat seit ihrer genauen Verbindung mit den Pelzhändlern ihre Fehden mit den Eskimos eingestellt. Jedoch redet sie von denselben noch jetzt nie anders als in Ausdrücken, die den eingewurzeltsten Haß verrathen. Wir haben uns nur mit 4 Leuten unterhalten, welche gegen die Eskimos zu Felde gezogen waren; sie bestätigten sämmtlich Schwarzfleisch's Angaben in Bezug auf die Seeküste. Was die hiesigen Mestizen betrifft, so verweisen wir den Leser auf Dr. Richardsons Bericht über die Halb-Crihs: indem das dort Gesagte durchaus auch von den hiesigen gilt. Beide Gesellschaften haben das zweckmäßige Verbot ergehen lassen, daß ihre Bedienten sich nicht mit reinen Indianerinnen verehelichen dürfen, weil daraus früher viele Zwistigkeiten mit den Horden entstanden.

Während des Juni war die Witterung äußerst veränderlich; es regnete so häufig, daß wir kaum zwei heitere Tage hinter einander hatten. Die Winde wehten häufig stark und gemeiniglich aus N. O. Am Abend des 16. zeigte sich das Nordlicht; allein nach dieser Zeit waren die Nächte zu hell, als daß wir es hätten bemerken können. Die Moskitos umschwärmten das Haus in gewaltiger Menge und quälten uns mit ihren Stichen so unablässig, daß wir unser Zimmer fortwährend mit Rauch füllen mußten, was das einzige Mittel ist, sie zu verscheuchen. Man konnte das Wetter jetzt warm nennen. Da wir gegenwärtig ein 18 zölliges Dollondsches Weingeistthermometer erhalten hatten, welches uns der gütige Hr. Stuart von Pierre au Calumet übermachte, so konnten wir die Temperatur wieder beobachten. Den 25sten Juni betrug sie um Mittag 63°. Am folgenden Tage machten wir in Gesellschaft des Hrn. Smith einen Ausflug nach den am südlichen Ufer des Sees liegende Fischerhütten, um unsere Leute zu besuchen. Wir kamen an mehreren, sämmtlich zum Fort gehörigen Gesellschaften von Weibern und Kindern vorüber, die sich hie und da an trockenen Stellen gelagert hatten. Endlich gelangten wir zu dem Lagerplatz unserer Leute, welcher sich zwischen zwei Flüssen auf einer Landenge befand; obgleich der Durchschnitt des trockenen Platzes nicht über 50 Yards betrug, so schienen sie sich doch hier zu gefallen. Ihre Hütten hatten sie mittelst der Canoes und der Seegel errichtet und die Fischernetze lieferten ihnen täglich reichlichen Unterhalt. Zuweilen erlegten sie auch einige Enten oder andere Wasservögel, welche in großer Menge auf den Marschen der Umgegend liegen.

Den 2ten Juli. Das zu unserm Bedarf bestimmte Canoe war jetzt vollendet. Die Construction desselben kennt man schon aus Hernes und anderer Reisenden Berichten zu genau, als daß wir uns weitläuftig darüber verbreiten dürften. Seine Länge betrug mit Einschluß des Vorder- und Hintertheils 34 F. 6 Z. Seine größte Breite 4 F. 10 Z. An der Stelle, wo der Vordermann saß, betrug die letztere indeß nur 2 F. 9 Z. und am Platze des Steuermanns 2 F. 4 Z. In der Tiefe hielt es 1 F. 11½ Z. Das Gerippe enthielt 73 dünne Reife von Cederholz Thuja occidentalis, von den Canadiern fälschlich die Ceder genannt. und eine Lage schwache Latten von demselben Material. Diese leichten Rindenfahrzeuge können, außer dem Proviant und Gepäck für eine Mannschaft von 5-6 Leuten, 25 Kisten, jede von 90 Pfd., an Gütern laden, so daß sich die ganze Fracht auf etwa 3,300 Pfd. beläuft. Diese bedeutende Ladung führen sie alljährlich zwischen der Niederlage und den Posten im Innern hin und zurück, und selten ereignet sich bei den Stromschnellen und andern schwierigen Stellen ein Unglück, wenn sie von geschickten Vorder- und Steuermännern regiert werden. Ueber die Tragplätze schleppen diese zwei Männer das Canoe, dessen Gewicht, ohne Stangen und Ruder, die man auf kurze Entfernungen auch wohl darin läßt, auf etwa 300 Pfd. geschätzt wird, zuweilen in vollem Laufe.

Am 5ten machten wir einen Ausflug, um unser Canoe zu probieren. Abends wehrte der Wind mit großer Heftigkeit, der gewaltige Wogen im See erregte und uns die Ueberzeugung verschaffte, daß wir mit unserm birkenen Fahrzeuge sehr gut das Meer würden befahren können.

Den 7ten Juli kamen einige Herrn mit einer Gesellschaft Chipewyer, von denen zwischen dem Friedensfluß und dem großen Sclavensee am Hayfluß gelegenen Posten an. Die letztem berichteten, daß die Ruhr unter ihren Verwandten und überhaupt längs dem Friedensflusse bedeutend grassire und viel Menschen wegraffe. Am 10ten und 11ten wurden wir bei dem schwülen Wetter fürchterlich von den Moskitos geplagt. Der Höchste Stand des Thermometers war 73°.

Den 13ten Juli. Heute Morgen wurde Hrn. Back und mir die große Freude zu Theil, nach langer Trennung unsere Freunde, den Dr. Richardson und Hrn. Hood zu bewillkommenen, welche im vollkommenen Wohlseyn mit zwei Canoes anlangten. Ihre Reise von Cumberland hierher war sehr schnell von Statten gegangen. Der Eifer und die Umsicht, mit welchen diese beiden Herren, seitdem ich sie verlassen, ihren Pflichten nachgekommen waren, mußte ihnen meine vollkommenste Zufriedenheit sichern. Sie hatten von den Niederlassungen zu Cumberland und Isle à la Crosse so viel Vorräthe, als sie nur erhalten konnten, mitgenommen; am letztern Orte erhielten sie von der Nordwestgesellschaft 10 Säcke ?Pemmincan, welcher so verschimmelt und ungenießbar war, daß sie denselben bei'm Methye-Tragplatz zurückließen. Der Hudsonsbai-Posten ließ ihnen keinen ?Pemmincan zukommen, da dessen Reisediener, die für uns bestimmten Lebensmittel aus Noth verbraucht hatten. So langten denn die Canoes gänzlich von diesem höchst wesentlichen Artikel entblös't an. Die Aussicht, daß wir von hier fast ohne Lebensmittel und nur dürftig mit andern Vorräthen, versehen abreisen sollten, war für uns niederschlagend, und benahm den Leuten den Muth; jedoch wäre es offenbar der Klugheit zuwider gewesen, wenn wir uns hier länger aufgehalten hätten, da das Fort die Bedürfnisse einer so großen Gesellschaft nicht bestreiten und noch viel weniger irgend einen Vorrath von Victualien für die Reise auftreiben konnte: Wir verloren daher keine Zeit, die nöthigen Vorbereitungen zu unserer Abreise zu treffen. Die beiden Niederlassungen wurden um sämmtliche Güter ersucht, die sie uns ablassen könnten; und als wir den Ertrag dieser Requisition zu der Zufuhr schlugen, welche uns mit den Canoes zugekommen war, fand sich glücklicherweise, daß wir für die hier angeworbenen Leute hinreichende Kleidung, das für die. Indianer bestimmte Geschenk und noch einige Artikel, für den Winterbedarf befassen. Doch konnten wir das Wichtigste, die Munition, so wenig wie Schnaps und nur einen unbedeutenden Vorrath an Taback erhalten.

Jetzt wurde auch der Contract mit den Reisedienern, welche die Expedition begleiten sollten, vollkommen auf's Reine gebracht, und glücklicher Weise war in dieser Hinsicht allen Schwierigkeiten dadurch vorgebeugt, daß Dr. Richardson und Hr. Hood 10 Leute von Cumberland mitgebracht hatten, welche sich verbindlich gemacht, so lange im Dienste zu bleiben, als man ihrer bedürfe. Diese Canadier wünschten eifrig, die Expedition zu begleiten, und wir schätzten uns glücklich, so gutgesinnte Diener bei uns zu behalten. Als die Mannschaft, welche nach der Angabe der Pelzhändler zum Schutze gegen die Eskimos ausreichte, vollzählig war, belief sich unsere Dienerschaft, außer den zwei Dollmetschern, die wir am großen Sclavensee erhalten sollten, auf 16 Canadische Reisediener und unfern braven und einzigen Englischen Begleiter John Hepburn; ferner begleitete uns eine Indianerin vom Stamme der Chipewyer. Die hier Angeworbenen Leute wurden mit denselben Artikeln ausgestattet, welche die andern zu Cumberland empfangen hatten, und nachdem diese Vertheilung abgemacht war, ward der Ueberrest zu der auf den folgenden Tag festgesetzten Abreise in Ballen gepackt. Hierbei, wie bei allen übrigen Gelegenheiten, stand uns Hr. Smith, der, so weit seine Kräfte reichten, allen unsern Bedürfnissen nach Möglichkeit abhalf, Mit der größten Bereitwilligkeit bey.

Fort Chipewyan liegt, unsern Beobachtungen zufolge; unter 111° 18' 20'' w. L. und 18 °42' 3'' n. Br.


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