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Erstes Capitel.

Abreise von England. – Einfahrt in die Davisstraße. – Gefährliche Lage an der Küste der Resolutionsinsel. – Ankunft in der Yorkfactorei etc.

 

Den 23. Mai, an einem Sonntage, segelte ich nebst meiner Reisegesellschaft an Bord des Prinzen von Wallis, und in Gesellschaft des Eddystone und Wear, von Gravesend ab. Die Schiffe standen sämmtlich der Hudsonsbaigesellschaft zu. Nach einer, durch verschiedene Umstände verzögerten Küstenfahrt, legten wir bei Stromneß, an der Orcadischen Insel Pomona an, und nachdem ich mir hier mit großer Mühe einige Ruderknechte für die Expedition verschafft hatte, stach ich den 16. Juni in den weiten Atlantischen Ocean.

Nachdem wir ziemlich weit in die offene See gelangt waren, theilte ich den Officieren Verhaltungsbefehle in Bezug auf ihre Dienstpflicht und zugleich den Zweck der Expedition mit. Ferner erhielten sie Abschriften von der Uebereinkunft, welche in Bezug auf die Signale zwischen mir und Lieutenant Parry getroffen worden war, im Fall wir uns an der nördlichen Küste America's begegnen würden.

Bis zu Ende des Juni waren wir, wegen des fortwährenden Nordwestwindes und der unruhigen See, äußerst langsam gefahren; beständig begleiteten uns zahlreiche Vögel, vorzüglich Procellaria glacialis und P. puffinus Häufig sahen wir Heerden von Nordcapern ( Delphinus orca) um uns her spielen, und zuweilen zeigten sich einige Meerschweine ( Delph. delphis), bei deren Erscheinen das Schiffsvolk jederzeit, aber immer vergebens, eine Veränderung des ungünstigen Windes hoffte.

Donnerstags, den 1. Juli. Der Juli ließ sich günstiger an; bald trieb uns ein frischer Westwind, welcher Schwärme von Sturmvögeln mitbrachte, eilig gen Westen. Wir durchschnitten gerade den Theil des Oceans, wo das versunkene Land Buß auf den alten Charten und noch jetzt auf den Admiralitätscharten niedergelegt ist. Herr Bell, welcher auf dem Eddystone befehligte, theilte mir mit, er habe von einem Steuermann erfahren, daß man in dieser Gegend bei 12 Fuß Tiefe Grund gefunden habe, und ich möchte die sonderbare Brechung der See, welche wir in jener Gegend bemerkten, eher dem Daseyn einer Bank, als den Wirkungen eines kurz vorher eingetretenen frischen Windes zuschreiben. Leider ließ der Befehlshaber des Schiffs nicht häufig das Senkblei fallen.

Gegen den 25. Juli befanden wir uns in dem Eingange der Davisstraße, und Nachmittags unterredeten wir uns mit dem Andreas Marvel, welcher mit dem Ertrage von 14 Wallfischen nach England segelte. Wir erfuhren von dem Befehlshaber, daß das Eis dieses Jahr in der Davisstraße mächtiger gewesen sey, als er sich dessen je erinnere, und daß es vorzüglich gen Westen dicht anliege, nördlich mit dem Ufer der Resolutionsinsel zusammenhänge, und sich von da bis fast an die Grönländische Küste erstrecke. Es seyen viele Wallfische gesehen worden; allein man habe ihnen, wegen des heftigen Eisgangs, nicht gut beikommen können. Sein Schiff und verschiedene andere seyen bedeutend beschädigt, und zwei derselben unter 74° 40' n. Br. zwischen gewaltigen Eismassen zertrümmert, das Schiffsvolk aber gerettet worden. Wir erkundigten uns angelegentlichst, aber vergebens, nach Lieutenant Parry's Schiffen; da jener jedoch aussagte, es habe eine Zeitlang ein lebhafter Nordwind geweht, welcher wahrscheinlich das Eis aus der Baffinsbai getrieben; so konnten wir wenigstens mit Grund den glücklichen Fortgang seiner Unternehmung hoffen.

Heute Abend nahmen die Wolken so sehr das Ansehen von Eisbergen an, daß die meisten Passagiere, und selbst das Schiffsvolk sie dafür ansahen; indeß war ihre Einbildungskraft durch den Bericht des Andreas Marvel, welcher nur zwei Tage früher, ehe wir mit ihm zusammentrafen, sich noch bei Eisbergen befunden hatte, aufgeregt worden.

Den 27. befanden wir uns unter 57° 44' 21'' n. Br. und 47° 31' 14'' w. L., und da das Wetter ruhig war, ließen wir das Senkblei fallen, fanden aber keinen Grund.

Den 28. legten wir um, um einem breiten Zuge von Treibeis auszuweichen. Als wir uns demselben näherten, fiel die Temperatur des Wassers auf 39½. Eine halbe Meile davon betrug sie 41º. Das in der Luft befindliche Thermometer blieb fortwährend auf 40, so daß man die Nähe des Eises nicht so entschieden aus der Temperatur der Luft oder des Wassers abnehmen konnte, als ich dieß auf meinen früheren Reisen bemerkt hatte. Wahrscheinlich war das Eis erst kürzlich in diese Gegend gelangt und trieb zu schnell, als daß es seinen erkältenden Einfluß weit hätte verbreiten können. Jedoch war dieser hinreichend, um jedes Schiff zeitig genug zu warnen, wenn trübe Witterung das Wahrnehmen der Gefahr durch das Gesicht verhindert hätte. Die Annäherung des Eises wird im Atlantischen Ocean oder überhaupt da, wo die oberste Wasserschicht nicht so fortwährend durch das Schmelzen des Treibeises erkältet wird, wie in diesem Meere, weit deutlicher angezeigt werden; und ich würde rathen, die Temperatur der obersten Wasserschicht gewissenhaft und stündlich zu untersuchen, wo den Schiffen durch das Zusammenstoßen mit treibenden Eisbergen irgend Gefahr droht.

Den folgenden Tag näherte sich unser Schiff wieder einem Eiszuge, dessen Nähe durch die Verkühlung des Wassers von 44 auf 42º angezeigt wurde. Ein kleiner Fichtenbaum, welcher durch das Eis sehr zersplittert war, ward auf's Schiff gezogen. Nachm., den 30., zog ein dichter Nebel herauf, und gegen 6 Uhr, als wir mit einem frischen Winde segelten, sahen wir uns plötzlich in einen Zug von gewaltigen Eisschollen versetzt; nur mit großer Mühe konnten wir uns, bei dem nebligen Wetter, durch die engen Canäle zwischen den verschiedenen Massen hindurchwinden, und das Schiff erhielt mehrere gefährliche Stöße. Das Wasser war, wie gewöhnlich, in der Mitte des Zuges durchaus ruhig; allein an dem äußern Rande des Eises hörten wir die Wellen gewaltsam anschlagen. An mehreren Schollen bemerkten wir erdige Theile, und überhaupt hatte das Eis im Allgemeinen das Ansehen, als ob es sich frisch von dem Lande getrennt habe. Nach zwei Stunden befanden wir uns wieder auf freier See; jedoch waren die beiden uns begleitenden Schiffe zurückgeblieben, denen wir durch Kanonenschüsse Signale gaben. Die Temperatur der obersten Wasserschicht war mitten im Treibeis 35, am Rande desselben 38, und als wir uns zwei Meilen davon entfernt hatten, 41½.

Am 30. August trafen wir unter 59° 58' n. Br., und 59° 53' w. L. mit den ersten großen Eisbergen zusammen, und Abends sahen wir uns von mehreren bedeutend großen umgeben, so daß wir laviren mußten. Wir schätzten unsere Entfernung von der Küste Labrador auf 88 Meilen und ließen das Senkblei fallen, fanden aber keinen Grund. Das Schiff durchschnitt mehrere starke Strudel, die offenbar auf einen Strom deuteten, dessen Richtung wir jedoch nicht ausmitteln konnten. Indeß ergab sich, daß das Schiff, seitdem wir in die Davisstraße eingelaufen waren, täglich etwas nach Süden getrieben worden war. Um 9 Uhr Nachm. zeigte sich das Nordlicht mit glänzenden Strahlen von blaß ockergelber, in's Röthliche schillernder Farbe und gebogener Gestalt, die den Zenith von N.W. nach S.O. durchschnitten. Später nahm das Phänomen verschiedene Gestalten an, und die Bewegungen wurden schleuniger.

Den 5. August versuchten einige Officiere, einen der größern Eisberge zu besteigen, fanden dieß aber, theils wegen der Glätte der schroffen Wände, theils wegen der schwankenden Bewegung, die der Berg hatte, unmöglich. Hr. Hood bestimmte dessen Höhe auf 149 Fuß; allein diese Eismassen erscheinen häufig durch eine, vermöge der mit Dünsten geschwängerten Atmosphäre hervorgebrachte optische Täuschung ungeheuer vergrößert, und dieser Umstand hat gewiß oft auf die Berichte der Reisenden Einfluß gehabt. Der Berg, von welchem hier die Rede ist, war einer der größten, die wir überhaupt gesehen haben.

Den 7. Morgens blickte die Insel Resolution undeutlich durch den Nebel hindurch, welcher sie bald gänzlich verhüllte. Der günstige Wind machte bald einer vollkommenen Stille Platz, während sich das Schiff von losen Eisschollen umgeben befand. Um 10 Uhr sahen wir auf einen Augenblick, in der Entfernung von 2 Meilen, das Land sehr deutlich. Das Schiff wurde bloß von den starken Strudeln, welche zwischen den Eismassen hinrauschten, fortgetrieben: Zweimal versuchten wir vergebens, Grund zu finden, und der dichte Nebel verhinderte uns, auf irgend ein andere Weise zu erfahren, nach welcher Richtung wir hintrieben, bis wir plötzlich um halb 12 Uhr mit großem Schrecken eine kahle abschüssige Küste, nur wenige Schritte von uns, über die Mastbäume hervorragen sahen, und alsbald rannte auch das Schiff mit Gewalt gegen ein Felsenriff an. Die Seite des Schiffs legte sich so nahe an's Ufer, daß Stangen herbeigeholt wurden, um es abzustoßen. Jener Stoß verrückte das Steuer, und bog es einige Zoll aufwärts; allein glücklicherweise hatte man es durch Taue befestigt. Ein gelindes Aufwogen der See brachte das Schiff aus dieser gefährlichen Lage; allein der Strom trieb uns pfeilschnell immer in Berührung mit dem felsigen Ufer hin; der Anblick war entsetzlich. Das Vordertheil des Schiffes war nach der Böschung einer kleinen Bucht gerichtet, und der Schiffbruch schien unvermeidlich, da es völlig windstill und das Steuer jetzt unbrauchbar war. Indeß hatten wir ein Boot zum Bugsiren, mit offenbarer Gefahr, es zu zertrümmern, zwischen das Schiff und die Küste gebracht. Von Neuem rannte das Schiff an, indem es über ein Felsenriff ging. Hierdurch wurde glücklicherweise das Steuer wieder eingerichtet, und so konnten wir, unterstützt durch ein gelindes Lüftchen, das Vordertheil des Schiffes über die hervorstehende Klippe der Bucht hinausrichten. Endlich gelang es, uns ein wenig von dem Ufer zu entfernen; allein jetzt ward das Schiff durch die Strömung mit Gewalt gegen einen unter dem Wasser gehenden Eisberg geschleudert. Das Fahrzeug ward leck, und wir mußten das Schiffsvolk des Eddystone, der sich in der Nähe befand, zu Hülfe rufen. Nach den gewaltigsten Anstrengungen, gelang es uns, wieder flott zu werden. – Den 10. fuhren wir an vielen Eisbergen vorbei, und vermieden Abends ein ebenes Eisfeld, welches sich, soweit die Blicke reichten, nach Norden ausdehnte. Erst den 11. Nachm. konnten wir uns dem Ufer nähern, und um 4 Uhr legten wir etwa 5 Meilen von der Stelle, an welcher wir am Sonnabend zuerst angestrandet waren, an. Der Wear war nirgends zu entdecken, und wir fürchteten, er möchte an dieser unwirthlichen Küste gescheitert seyn. Unsere Signalschüsse wurden nicht erwidert, und da die Eisschollen anfingen, sich an unser Schiff anzusetzen, so segelten wir weiter. Um 8 Uhr Nachm. befanden wir uns dem Cap Resolution, der südwestlichen Spitze der Insel, gegenüber. Das Cap selbst ist flach; allein in einiger Entfernung erhebt sich ein hoher runder Hügel, an dem man es erkennt. Bald darauf liefen wir in die Hudsonsstraße ein. Man sollte sich der Küste der Resolutionsinsel mit großer Vorsicht nähern, da die Ebbe und Fluth daselbst stark und unregelmäßig zu seyn scheint. Ueber und unter dem Wasser befinden sich gen S. 32° O., 5 bis 6 Meilen, von East Bluff, mehrere gefährliche Klippen.

Den 12. August. Da während der Nacht ein frischer Wind gewehet hatte, so erreichten wir gegen Mittag das bestimmte Rendezvous, die Saddleback- (Sattelrücken) Insel, wo wir den Wear mit Ungeduld, aber vergebens, erwarteten. Da wir seiner jedoch nach 2 Stunden noch nicht ansichtig geworden, so glaubten wir, den günstigen Wind nicht länger unbenutzt lassen zu dürfen. Die Umrisse dieser Insel sind schroff und der Buckel auf dessen nördlicher Spitze gleicht, meines Bedünkens, mehr einem verfallenen Thurme, als einem Sattel. Die Länge wurde auf 58° 45' W. bestimmt. Auf den Charten liegt dieser Punkt nicht ganz so weit westlich. Frühmorgens kamen wir der obern Savageinsel gegenüber an, und da der Wind mäßig war, so wurde das Schiff dem Ufer so viel als möglich genähert, um den Eskimo's Gelegenheit zum Tauschhandel zu geben, welche sie bald benutzten. Wir hörten ihr Freudengeschrei schon von ferne, ehe wir die Canoes entdeckten, die auf uns zu ruderten; das erste erreichte uns um 11 Uhr, bald folgten mehrere, und noch vor Mittag hatten sich gegen 40 derselben, jedes mit einem Manne besetzt, um unsere zwei Schiffe versammelt. Als wir Nachm. dem Ufer näher rückten, kamen 5-6 größere Canoes mit Weibern und Kindern heran.

Die Eskimo's legten sogleich ihre Begierde zu tauschen an den Tag, und bewiesen dabei keine geringe Verschlagenheit; indem sie anfangs nur sehr wenige Artikel blicken ließen. Diese bestanden vornehmlich in Thran, Wallroßzähnen, Fischbein, Seehundsfellen, Kleidungsstücken, Hirschhäuten und Geweihen und Canoesmodellen. Dagegen tauschten sie ein: kleine Sägen, Messer, Nägel, zinnerne Kessel und Nadeln. Es war belustigend, den Jubel mit anzusehen und das Freudengeschrei der ganzen Gesellschaft zu hören, wenn einer von ihnen einen Artikel eingetauscht hatte. Eben so spaßhaft war es, wie der Käufer jedesmal bei'm Empfang des Artikels denselben beleckte, um dadurch den Kauf zu besiegeln und sein Eigenthumsrecht festzustellen. Der Gegenstand mochte noch so gering seyn, nie wurde dieser seltsame Gebrauch unterlassen. Selbst die Nadeln wurden, jede einzeln, mit der Zunge berührt. Die Weiber brachten künstlich aus Wallroßzähnen geschnitzte Bilder von Männern, Weibern, Säugethieren und Vögeln. Die Tracht der menschlichen Figuren und die Gestalt der Thiere war recht brav ausgeführt; allein die Gesichtszüge der ersteren waren durchaus roh und die meisten ohne Augen, Ohren und Finger; vielleicht besitzen die Instrumente dieser Leute nicht die, zur Ausführung dieser Organe erforderliche Feinheit. Die Männer waren am begierigsten nach Sägen; Kutti-Swa-bak, wie sie dieselben nennen, war ihr unaufhörliches Geschrei. Nächstdem galten ihnen die Messer viel. Von dem Eddystone ward ein alter Säbel eingetauscht, und so bald werde ich das allgemeine Freudengeschrei nicht vergessen, welches ertönte, als ihn der Glückliche empfieng. Recht erfreulich war die allgemeine Theilnahme mit anzusehen, welche jede Erwerbung des Einzelnen erregte. Keiner zeigte Bestreben, seinen Nächsten zu überbieten, oder sich nach dem Theile des Schiffes hinzudrängen, wo eben ein Tausch vor sich gieng, bis der Eskimo, welcher eben den Platz inne hatte, sein Geschäft abgemacht und sich entfernt hatte; oder wenn auf den hintersten Canoes die Ansicht eines Artikels gewünscht wurde, so ließen ihn die vordersten Leute gerne verabfolgen. Wenn die Gesellschaft sämmtlich zu einem Stamme gehörte, so muß dieser über 200 Köpfe zählen, da sich etwa 150 um die Schiffe herum, und darunter nur wenige ältliche Leute und Kinder männlichen Geschlechts befanden. Ihr Gesicht war breit und platt; die Augen klein. Die Männer waren im Allgemeinen robust; einige der jüngeren Frauen und die Kinder hatten ganz angenehme Gesichter; allein an den ältern Personen vom andern Geschlecht konnte man deutlich erkennen, wie nachtheilig dieß rauhe Clima, binnen wenigen Jahren, auf die Gestalt wirkt. Die meisten hatten schwärende Augen und fast alle einen plethorischen Habitus. Einige bluteten aus der Nase, während sie sich in der Nähe des Schiffes befanden. Die Tracht der Männer bestand aus einem Rocke von Seehundsfellen, Hosen von Bärenfell, und mehrere hatten Kappen vom Balg des weißen Fuchses. Die Tracht der Weiber war aus denselben Materialien verfertigt, aber anders geformt und mit einer Haube versehen, in welcher die Kinder getragen werden. Wir fanden ihr Benehmen äußerst lebhaft und angenehm. Es machte ihnen Vergnügen, unsere Sprache und Bewegungen nachzuahmen, aber durch nichts konnten wir ihnen mehr Freude machen, als wenn auch wir ihre Worte auszusprechen versuchten.

Die Canoes waren von Seehundsfellen und in keiner Hinsicht von denen der Grönländischen Eskimos verschieden. Sie waren fast durchgehends neu und in gutem Stande. Diejenigen der Weiber sind roher gearbeitet und nur auf gute Witterung berechnet. Sie erfüllen jedoch ihren Zweck sehr gut und können 20 Personen nebst Gepäck fassen. Ein ältlicher Mann versieht den Dienst des Steuermannes und die Weiber rudern; sie haben jedoch auch einen Mast mit einem Seegel, welches von gegärbten Wallfischdärmen gemacht ist.

Nachdem die Weiber ihre sämmtlichen Handelsartikel abgesetzt hatten, legten sie sich auf's Bitten, und wußten ihre Bewegungen so geschickt und rührend zu machen, daß sie viele Geschenke an Glasperlen, Nadeln und andern ihnen angenehmen Artikeln erhielten.

Wahrscheinlich begeben sich diese Eskimos im Winter nach gewissen Gegenden der Küste Labrador, indem heimseegelnde Hudsonsbai-Schiffe dieselben häufig auf der Ueberfahrt über die Straße getroffen haben. Sie scheinen dieselbe Sprache zu reden, wie der Eskimostamm, welcher in der Nähe der Herrenhutischen Niederlassungen auf Labrador wohnt. Denn wir bemerkten, daß sie sich mehrerer Worte bedienten, welche uns von den Missionären zu Stromneß mitgetheilt worden waren.

Da der Capitän gegen Abend seines Besuchs überhoben zu seyn wünschte, so ergriff er ein sehr wirksames Mittel, indem er vom Ufer ab lavirte. Die Eskimo's verließen uns, wie es schien, hoch erfreut über ihre Aerndte, und ruderten schnell hinweg.

Da wir durchaus kein Eis, welches doch gewöhnlich den Schiffen bei'm Einlaufen in die Straße den Weg versperrt, trafen; und folglich der gewöhnlichen Mittel, unsern ausgehenden Wasservorrath zu erneuern, beraubt waren, so entschloß sich der Cap. deßhalb, nach der Küste Labrador zu fahren. Dr. Richardson und ich ergriffen gern die Gelegenheit, zu landen und jenen Theil der Küste zu untersuchen. Das Ufer bestand aus gewaltigen Geschieben von Gneuß und Syenit, zwischen denen viele Eisklumpen gestrandet waren, und nur mit Schwierigkeit konnten wir in einer kleinen Bucht unter einem steilen Felsen landen. Jene Steine waren ganz glatt gewaschen, und weder in deren Zwischenräumen, noch auf dem Grunde des Wassers, welches letztere sehr klar war, konnte man die geringste Spur von Seetangen bemerken. Der Felsen erhob sich senkrecht 40-50 F. hoch; an dessen Basis befand sich ein kleiner Streifen, der aus dem Ueberreste eines Thonschieferlagers bestand. Von diesem schmalen Fleck trug Dr. Richardson Exemplare von 30 verschiedenen Pflanzenspecies ein, und eben wollten wir einen terassenartigen Theil des Felsens erklimmen und uns vom Ufer entfernen, als das verabredete Signal uns auf das Schiff zurückrief, da sich ein plötzlicher Wechsel in dem Ansehen der Witterung ereignet hatte.

Den 19. Abends kamen wir an den Diggesinseln, am Ende der Hudsonsstraße, vorüber. Hier verließ uns der Eddystone, da er nach der Moosefactorei bestimmt war. Es erhob sich ein starker Nordwind, welcher uns hinderte, die Nordspitze von Mansfield zu umschiffen, und da derselbe 5 Tage lang anhielt, so mußten wir, zu unserm großen Leidwesen, unfern der gefährlichen Inselkette The Sleepers (die Schläfer), welche sich von 60° 10' bis 57° n. Br. erstrecken soll, die Küste von Labrador halten. Durch das Einziehen der Seegel wurde auch unser Leck wieder beunruhigender, und wir durften nicht aushören zu pumpen. Endlich wurde der Wind günstig und so konnten wir denn den 25. queer durch die Hudsonsbai stechen. Am 28. entdeckten wir das, südlich vom Cap Tatnam gelegene Land, welches so äußerst flach ist, daß die Gipfel der Bäume zuerst sichtbar wurden. Das Senkblei gab 17 Faden Tiefe, und bei'm Heranfahren an das Ufer nach und nach 5. Das Cap ist in keiner andern Hinsicht merkwürdig, als insofern es der Punkt ist, von welchem aus die Küste, nach der York-Factorei zu, mehr nach Westen abfällt. Mit Anbruch des Morgens erblickten wir am 30. den Ankerplatz der York-Factorei und ein Schiff, welches wir mit nicht geringer Freude für den Wear erkannten. Wegen des lebhaften Windes, welcher vom Ufer her wehete, war das Wasser über der sandigen Barre, welche sich auf der Seeseite vor dem Hafen hinzieht, seichter als gewöhnlich, und wir konnten daher erst mit der Fluth um 2 Uhr Nachm. vor Anker gehen.

Gleich nach unserer Ankunft kam der Gouverneur der Hudsonsbaigesellschaft-Posten, Hr. Wiliams, in Begleitung des Befehlshabers vom Wear, an Bord. Man kann sich das Vergnügen vorstellen, mit welchem wir den letztern Herrn willkommen hießen, den wir, sammt seinem Schiffsvolk, nicht mehr unter den Lebenden geglaubt hatten. Der Gouverneur machte mich damit bekannt, daß er von der Committee der Hudsonsbaigesellschaft Instructionen wegen Ausrüstung der Expedition erhalten habe. Abends begleiteten Dr. Richardson, Hr. Hood und ich denselben nach der York-Factorei, welche wir nach Einbruch der Nacht erreichten. Dieselbe ist 7 M. von dem Landungsplatze entfernt. Den folgenden Morgen stattete der Gouverneur den Mitgliedern der Expedition einen Besuch ab.

Nachdem ich demselben den Zweck der Expedition eröffnet und ihm zugleich mitgetheilt hatte, wie ich die Weisung erhalten, mit ihm und den Oberbeamten der Compagnie über die zweckmäßigste Art und Weise mein Vorhaben zur Ausführung zu bringen zu berathschlagen, vernahm ich von ihm mit Vergnügen, daß seine, von der Committee ausgefertigten Instructionen dahin lauteten, uns jeden möglichen Vorschub zu leisten und daß ihm persönlich die Erfüllung dieser Pflicht höchst angenehm sey. Zugleich stellte er mich den Distriktsvoigten Charles, Swaine und Snodie, welche durch ihren langen Aufenthalt im Lande mit den verschiedenen Arten zu reisen und den unumgänglichen Schwierigkeiten gründlich bekannt waren. Dem Wunsche dieser Herrn zufolge, setzte ich eine Reihe von Fragen in Bezug auf die Punkte auf, über welche wir Aufklärung wünschten, und auf diese ertheilten sie nach zwei Tagen höchst detaillirte und befriedigende Antworten, wozu der Gouverneur am folgenden Tage seine Meinung beifügte.

Da wir erfahren hatten, daß die Hrn. Shaw, M' Tavish und verschiedene andere Aktionärs der Nordwestcompagnie hier auf eine günstige Gelegenheit zur Reise in's Vaterland harrten, so nahmen wir so bald als möglich Gelegenheit, dieselben zu besuchen, und als wir ihnen das allgemeine Circular und die übrigen Empfehlungsschreiben, welche wir von ihrem Agenten, Hrn. Simon M' Gillivray, erhalten, vorgelegt hatten, versicherten sie uns auf die verbindlichste Weise, daß sich die im Binnenlande überwinternden Interessenten ihrer Handelsgesellschaft unserer Expedition angelegentlichst annehmen würden. Da wir jetzt über die heftige Handelseifersucht der beiden Gesellschaften unterrichtet wurden, so mußte uns diese Versicherung höchst angenehm seyn, und jene Herrn waren noch außerdem so gefällig, uns, in Bezug auf das Innere des Landes, den ganzen Schatz ihrer Kenntniß, welchen sie, während ihres langen Aufenthaltes, daselbst gesammelt hatten, mitzutheilen.

Ich hielt es für nöthig, den Officieren der Expedition einen Verhaltungsbefehl bekannt zu machen, durch welchen ihnen streng untersagt wurde, sich in die schon bestehenden, oder sich vielleicht noch entwickelnden Zwistigkeiten zwischen den beiden Gesellschaften im Geringsten einzumischen, und die Chefs beider Partheien, die ich hiervon unterrichtete, erklärten diese Maaßregel für höchst zweckmäßig. Die Meinung sämmtlicher Herrn war so entschieden zu Gunsten des Wegs über Cumberland-House und die Kette von Stationen nach dem großen Sclavensee, daß ich denselben einzuschlagen beschloß und meinen Vorsatz dem Gouverneur alsbald mit der Bitte bekannt machte, die Vorbereitungen zur Einschiffung meiner Mannschaft so schleunig als möglich zu treffen.

In meinen Instructionen war mir unmaßgeblich angerathen worden, einen hier muthmaßlich liegenden Schoner zur Fahrt nach der Wagerbay zu benutzen; allein dieß Schiff befand sich gerade in höchst baufälligem Zustande bei der Moosefactorei; außerdem durfte der Weg gerade nach Norden schon um deßwillen nicht eingeschlagen werden, weil wir uns unmöglich an jener Küste Jäger und Führer verschaffen konnten.

Ich erfuhr, daß die wilden Eskimos schon einen Monat vor unserer Ankunft Churchill verlassen hätten und wir daher dort vor dem künftigen Frühjahr keinen Dolmetscher erhalten könnten; indeß versprach der Gouverneur, uns im nächsten Jahre das einzige Subject unter ihnen, welches Englisch verstände, nachzuschicken, im Fall es sich dazu bewegen ließe. Zu unserem Gebrauch bestimmte der Gouverneur eines der größten Boote der Gesellschaft, und die Zimmerleute mußten dasselbe augenblicklich in Stand setzen. Jedoch konnte er uns nur einen Steuermann verschaffen, und den Dienst der Matrosen mußten daher die vier zu Stromneß gemietheten Ruderknechte und unsere zwei Bedienten versehen. Die Yorkfactorei, die Hauptniederlage der Hudsonsbaigesellschaft, liegt etwa 5 M. von der Mündung des Hayes, an dessen westlichem Ufer und auf der marschigen Halbinsel, welche die Flüsse Hayes und Nelson trennt. Die Umgegend ist platt und sumpfig und mit Weiden, Pappeln, Lärchen, Birken und Kiefern bestanden; in der Nachbarschaft der Forts ist jedoch schon alle Holzung weggeschlagen und das Brennmaterial muß jetzt ziemlich weit hergeschafft werden. Der Boden besteht aus angeschwemmtem Thon mit eingelagerten Geschieben. Obgleich das Flußufer sich gegen 20 F. über den gewöhnlichen Wasserstand erhebt, so wird es doch häufig im Frühling überschwemmt und bei'm Eisgang werden alljährlich große Stücke davon fortgerissen, welche sich zum Theil im Flusse festsetzen und mehrere morastige Inseln gebildet haben. Diese letztern und die verschiedenen Steinhaufen, welche bei hohem Wasserstand unsichtbar sind, machen die Beschiffung des Flusses schwierig; jedoch können Fahrzeuge von 200 Tonnen durch das richtige Fahrwasser bis zur Factorei hinauf gehen.

Die Hauptgebäude bilden ein Viereck, in dessen Mitte sich ein achteckiger Hofraum befindet. Sie sind zwei Stockwerk hoch und haben platte, mit Blei gedeckte Dächer. Die Beamten bewohnen einen Flügel dieses Vierecks und in den übrigen werden die verschiedenen Handelsartikel aufbewahrt. Die Werkstätten, Vorrathshäuser für das Pelzwerk und Gesindehäuser stehen in Reihen außerhalb des Vierecks und das Ganze ist mit 20 Fuß hohen Pallisaden umgeben. Von dem Fort nach dem Uferdamm ist ein erhabener Weg gebaut, um die Bausteine und Waaren bequem transportiren zu können, und dieß ist in dieser sumpfigen Gegend der einzige Platz, wo die Einwohner im Sommer spazieren gehen können. Die wenigen Indianer, welche gegenwärtig diese Niederlassung besuchen, gehören zu den Swampy Crees (Sumpfkrihs). Außerhalb des Verhacks hatten mehrere derselben ihre Zelte aufgeschlagen, welche ganz kunstlos errichtet sind. Sie binden 20-30 Stangen an der Spitze zusammen und breiten sie an der Basis so aus, daß sie einen Kegel bilden, welcher mit gegerbten Moosethierhäuten bekleidet wird. In der Mitte brennt das Feuer und der Rauch entweicht durch eine Oeffnung. Die Insassen hatten ein schmutziges Ansehen und litten an Keuchhusten und Masern zugleich; allein selbst diese Drangsale hielten sie nicht ab, im Uebermaaß Branntwein zu genießen, welchen sie sich, leider nur zu leicht, von den Kaufleuten verschaffen können, und allnächtlich brachten sie uns, in der Trunkenheit, ihre monotonen Ständchen. Die Kaufleute litten zu dieser Jahreszeit unter den schlechten Gesundheitsumständen der Indianer, gleichfalls sehr schmerzlich, weil jetzt die Jäger ihre ganze Kraft aufbieten mußten, um den Wintervorrath an wilden Gänsen aufzubringen, welche sich in zahllosen Zügen in die umliegenden Ebenen begeben. Diese Vögel ziehen im Sommer in den hohen Norden, um dort in Sicherheit zu nisten; wenn sie alsdann die Annäherung des Winters nöthigt, ein südlicheres Clima zu suchen, so lassen sie sich gewöhnlich auf den Marschländern dieser Bai nieder, wo sie sich wohl einen Monat lang feist ätzen, ehe sie weiter ziehen. Auch auf ihrer Rückkehr im Frühling ruhen sie daselbst ein wenig. Ihre Ankunft erregt große Freude; denn zur Zeit der Gänsejagd ist man um Lebensmittel am wenigsten verlegen. Enten liegen den ganzen Sommer hindurch auf den Marschen.

Die Yorkfactorei liegt, nach unsern Beobachtungen, unter 57° 00' 03'' n. Br. und 92° 26' w. L.


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