Autorenseite

 << zurück 

VI.
Die Dame im Schleier.

~~~~~~~~~~

124 125

Es dunkelte, als Albrecht Werner den kleinen Badeort erreichte, in welchem er zu übernachten gedacht hatte. Doch fühlte er sich so wenig ermüdet, es lockte der Abend mit so stillem, duftigem Zauber, daß er sich nicht besann, seine Wanderung thalauf, so weit die Füße ihn trugen, fortzusetzen und dann auf gut Glück die erste, beste Raststelle zu suchen.

Er hatte heute Mittag seinen Büchertisch im Stübchen der alten Mutter verlassen, um nach langem Stillesitzen sich einmal wieder unter Gottes freiem Himmel zu ergehen. Die brave Frau, mit der er das Stübchen theilte, – oder eigentlich nicht theilte, denn nachdem sie es Sonntags früh vor der Kirche gescheuert und säuberlich hergestellt hatte, setzte sie selten genug den Fuß hinein und schlief nur in der Kammer nebenan, – nun, Mutter Werner hatte niemals im Leben solch ein Luft- und Bewegungsbedürfniß gefühlt wie heute ihr Sohn; denn Mutter Werner war eine Waschfrau.

Den Montag und Dienstag jeder Woche stand sie von Morgens zwei bis Abends acht in den angesehensten Häusern der Stadt vor ihrer Wanne, eingehüllt in warmen Wasserbrodem, der gesprächig und hungrig macht, 126 wie die Erfahrung lehrt, so lange es Waschfrauen giebt; Mittwochs wurde zur Genüge freie Luft auf dem Trockenplatze und Donnerstags erfrischender Wäscheduft in der Rollkammer eingeathmet; Freitags und Sonnabends aber wechselten diese Dünste, Lüfte und Düfte in gedrängterer Aufeinanderfolge in einem kleineren Hause, oder bei einer Kinderwäsche; wie selbiges einer deutschen Hausfrau der guten alten Zeit nicht näher auseinandergesetzt zu werden braucht. Nur an Sonn- und Festtagen kam die rührige Mutter Werner zum Sitzen. Das heißt,wenn sie ihre Stube und Kammer, den Flur, die Treppe, den Torfboden, den Kartoffelkeller, ihr Fleckchen Hof und zuletzt sich selber gehörig blank gemacht, ihre Pfanne mit dem eingerührten Füllsel hinüber zum Bäcker getragen hatte, dann ging sie zehn Minuten vor dem Läuten in's Gotteshaus und die zwei Stunden Kirchenruhe, sie sagte es oft, thaten ihr wohl.

Kam sie dann gegen elf zurück, dann nur hurtig die guten Kleider ausgezogen, abgestäubt und in den Schrank geschlossen, die Alltagshaube aufgestülpt, das Tuch über den Tisch gebreitet, die zinnernen Teller aufgestellt, die Pfanne aus dem Backhause zurückgeholt und nachdem der Herr Jesus fromm zu Gaste geladen war, mit gutem Appetit verzehrt, »was er gesegnet und bescheert.« Will sagen die Pfanne, insofern, wie in den letzten Monaten ihr Sohn Albrecht mit zu Tische saß; war Mutter Werner aber mit ihrem lieben Heiland allein, dann nahmen alle Beide mit einer Schüssel Erdäpfel, in säuerlichen Matz getunkt, fürlieb und Mutter 127 Werner wurde niemals darüber einig, was eigentlich besser schmecke, Erdäpfel in Matz getunkt, oder Pfanne von Schweinefleisch mit gebackenen Pflaumen?

Das Einrühren der Sonntagspfanne, oder das Aufsetzen des Kartoffeltopfes war das einzige Kochgeschäft, mit welchem Mutter Werner sich zu befassen hatte; die Woche über aß sie auf den Wäschen; und viel und gut, das mußte sie sagen. Denn es ist in unserer Gegend Sitte, (richtiger ausgedrückt, es war Sitte, da die alten Sitten auch in unserem Orte abnehmen, seitdem die Eisenbahn durchgeht, und heut zu Tage entweder außer dem Hause gewaschen, oder die Beköstigung mit doppeltem Lohne abgelöst wird); nun aber zu Mutter Werners Zeiten war es in jedem reputirlichen Hause Sitte, das Mittagsgericht für eine Waschfrau doppelt zu bereiten. Mathematisch berechnet allerdings nicht doppelt; die Portionen differirten ungefähr um ein Drittheil. Zum Beispiel: sieben Kartoffelklöse nebst dreiviertel Pfund Schweinsbraten oder Wurst und fünf Kartoffelklöse nebst einem halben Pfund Schweinsbraten oder Wurst. Die erste Portion, den Major, nimmt die Waschfrau zu sich, ohne sich, Dank den zehrenden Dünsten, Lüften und Düften, im mindesten dadurch beschwert zu fühlen. Die zweite, den Minor, trägt sie als Mittagskost für den anderen Tag, den lieben Angehörigen heim. Sie selber kann das Abendessen zur Noth entbehren. Dreimal den Tag über Kaffee mit einer Semmelreihe, dazwischen zum Frühstück und Vesper je ein Butterbrod mit einem halben Käse belegt und einem Gläschen Kümmel zum Hinunterspülen, das 128 thut seine Schuldigkeit. Mutter Werner würde wahrlich sich der Sünde schämen müssen, wenn sie, die bereits seit Jahren für gewöhnlich keine Angehörigen im Hause hatte, den lieben Gottessegen ganz allein in ihren alten Leib hätte schlagen wollen; sie läßt ihn den armen Familien zu Gute kommen, an denen es in ihrer Nachbarschaft nicht fehlt, und erntet dafür den Ruf einer kreuzbraven Frau; das Vergnügen, sechs Tage in der Woche Gastgeberin zu sein, noch gar nicht eingerechnet.

Freilich in den Zeiten, wo ihr Sohn Albrecht von der gelehrten oder hohen Schule auf Ferien bei ihr war, und gar in seiner gegenwärtigen langen Vacanz zwischen Lernen und Ausführen, da hörten die nachbarlichen Tractamente auf; denn ihr Sohn Albrecht verzehrte die abgedarbte Nachtkost selbst, wenn auch mit schwerem Seufzen und immer erst, sobald sein Magen laut nach derselben knurrte. Denn Albrecht Werner hätte lieber die halbe Welt frei gehalten und seine alte Mutter zu allererst, anstatt sich bei zweiundzwanzig Jahren noch immer von ihr ernähren zu lassen. Ja, das drückt! und der Druck dieses harten Muß stand in seinen ernsten blauen Augen geschrieben, die ohne denselben sicherlich frohmüthig gelacht haben würden wie die seiner siebenzigjährigen Mutter. Ein schmucker, stattlicher Geselle war Albrecht Werner aber doch.

Wie nun der Sohn der armen Waschfrau dazu kam, Student zu werden und gar Student der viel Zeit und Geld kostenden Medizin, das geschah so: Sein Vater, der Steinbrecher, schied aus der Welt just in der 129 Stunde, wo sein Nestkükchen anklopfte, um in dieselbe eingelassen zu werden, Leberecht Werner hatte den Hals in seinem Schachte gebrochen und lag in der Stube auf der Bahre, während in der Kammer die Wiege für den kleinen Spätling zurecht gerückt wurde. Ein Unglück, über dem ein rühriger Mensch faul und zugleich ein Glück, über dem ein fauler Mensch rührig zu werden vermag! Die rührige Mutter Werner, die bereits elf Kinder groß wie klein, unter der Erde und droben im Himmel hatte und noch niemals in der angenehmen Lage gewesen war, die abgedarbte Nachtkost einem anderen Christenmenschen als denen ihres Bluts zu Gute kommen zu lassen, die Mutter Werner, – wie oft hat sie es an ihrer Waschwanne erzählt! – würde nun, da auch ihr Leberecht zu den Elfen unter die Erde und in den Himmel gegangen war, die Hände in den Schooß gelegt und sich langsam vermattet haben; weil aber der kleine Ersatzmann sich einstellte, blieb sie eine Waschfrau und guten Muths. Sie empfing das Kind doppelt als eine Gottesgabe, und schriftgelehrt, wie sie war, – denn jeden Sonntag Nachmittag, wenn sie ihre Wochenwäsche ausgebessert hatte, las sie in ihrer alten Bibel, bis der Sandmann ihr die Augen zudrückte, – würde sie es am liebsten Benjamin genannt haben.

Weil nun aber der alte Doctor im Vorderhause, der ihr so treulich Beistand leistete bei dem jachen Abscheiden des großen und dem jachen Ankommen des kleinen Werner, Herr Albrecht hieß, weil er ihr die allerdrückendste Sorge, die für eine ehrenvolle Bestattung des 130 lieben Seligen, dermaßen erleichterte, daß es sogar an blanken Handhaben am Sarge nicht zu fehlen brauchte, so glaubte Mutter Werner ihre Dankbarkeit nicht einleuchtender beweisen zu können, als indem sie den Doctor zu Gevatter bat.

Der Doctor stand nun zwar nicht. Er hatte es verschworen, Gevatter zu stehen, weil er sonst auf der Welt Gottes nichts weiter zu thun gehabt haben würde als das. Denn der Doctor war Armendoctor und Pathen mit offenen Herzen und Händen waren gesuchte, aber rare Leute unter seiner Clientel. Stand der Doctor nun aber auch nicht, so sparte er in diesem Falle doch nicht das Eingebinde und wurde des Doctors holländischer Dukaten als Stammkapital für den Täufling auf der Sparkasse angelegt. Mutter Werner aber nannte aus Erkenntlichkeit den Täufling »Albrecht,« was ohnehin halb wie Leberecht klang, nur beinahe noch schöner.

Wie und wo Albrecht Werner seine erste Lebenszeit verbracht hat, da seine Mutter tagtäglich auf Wäschen ging und er selber noch gar nicht gehen konnte, ist ihm niemals bekannt geworden. Aller Vermuthung nach in der Ziehe bei irgend einer Nachbarin, die nicht auf Tagelohn arbeitete. In seiner frühesten Erinnerung sieht er sich in Doctor Albrechts Stube auf dem Fußboden sitzend, eine papierne Brille auf der Nase, still für sich hin den gelehrten Doctor spielend. Die Bilder –denn der Doctor besaß keine anderen, die allenfalls zerrissen werden konnten, da der Doctor in einer vierzigjährigen Praxis die Originale hinlänglich kennen gelernt hatte, – die 131 Bilder stellten mehrentheils Schädel, oder andere Körpertheile vor und der Doctor sagte dann: das graue, das ist ein Gehirn, und das grüne, das ist eine Leber, und das rothe ein Herz und die langen Schlangen, das sind die Kaldaunen und der grüne Fitzfatz zwischen durch, der heißt die Nerven. So lernte der kleine Albrecht das Inwendige des Menschen kennen, früher als er wußte, daß er selber ein Mensch mit einem Inwendigen sei; und wurde er gar nicht müde, dieses Inwendige mit einem Griffel nachzuzeichnen, oder späterhin aus einem Farbenkästchen auszutuschen; zumal die ganzen Köpfe, oder auch einen Arm sammt Hand, oder ein Bein sammt Fuß. War dann das Wetter schlecht, so daß er nicht im Hofe spielen konnte, so blieb er auch, wenn der Doctor seine Visiten machte, in des Doctors Stube und der Doctor hätte gar nicht so fürsorglich die Stühle aus der Nähe der Fenster zu rücken brauchen. er hätte auch das Gitter sparen können, das er um den eisernen Ofen hatte ziehen lassen; wenn er mit seinen großen, blauen Augen nur so recht durchdringend in des Jungen große blaue Augen blickte und nichts weiter sagte als: »still gesessen Junge!« oder: »Nicht gerührt, Junge!« so konnte er sich darauf verlassen, der Junge rührte sich nicht und der Doctor fand ihn hinter seinen Büchern auf der nämlichen Stelle.

Ob des kleinen Doctor Albrecht große blaue Augen in Wahrheit an die des alten Fritzen erinnerten, wie es schon, als der Doctor noch Alumnus war, von ihnen behauptet worden ist, kann mit Zuverlässigkeit nicht be 132stätigt werden, da keiner seiner Zeit- und Lebensgenossen die Ehre gehabt hat, den alten Fritz persönlich zu kennen. Fest steht nur, daß der Doctor bis in's Alter hinein sich gern den alten Fritzen nennen hörte und daß diese Eitelkeit die einzige schwache Seite des guten Mannes war, mit Ausnahmen derjenigen, durch welche er sich allerdings von dem alten Fritzen unterschied, daß er selten mehr als ein Achtgroschenstück in seiner Westentasche, oder in seinem Schreibkasten ruhen hatte. Denn einen Beutel zu führen, das war dem Doctor zu umständlich. Aus dieser letzteren Schwachheit erklärte er es denn auch, daß er nolens volens ein Hagestolz habe werden müssen und es nicht einmal zu einer haushaltenden Marjelle habe bringen können, da ein Doctor, zumal wenn er in der Hauptsache Armendoctor sei mit netto hundert Thaler städtischem Honorar, ohne den Doctor Eisenbart zu spielen, absolut nicht ein Familienernährer zu sein vermöge. – Bei dieser Leibesledigkeit des Doctors fügte es sich nun ganz wie von selbst, daß der kleine Albrecht, als er erst sicher auf seinen Füßen geworden war, dem großen, ohne daß dieser es ihm hieß und kaum daß er es merkte, manche Dienste erweisen lernte, die sich selbst zu erweisen dem Alten nachgerade sauer wurde. Er versorgte den Ofen, sah nach der Thür, wenn die Klingel gezogen wurde, holte frisches Wasser vom Born, stopfte die Pfeifen, stäubte Bücher und Scripturen ab, ohne sie zu verrücken, putzte die gebrauchten Instrumente, daß sie nur so blitzten. Er holte aus dem Speisehause dem Doctor das Essen und ver 133zehrte den Rest, den der Doctor für ihn übrig ließ, gewöhnte sich in des Doctors Mundart anstatt in der der Waschfrau zu reden und kam der letzteren nur noch des Sonntags zu Gesicht; denn wenn er in der Woche Abends aus dem Vorderhause in das Hinterhaus zurückkehrte, da hatte jene ihre Augen schon zu, und er hinwiederum die seinen noch stundenlang, nachdem sie Morgens an ihre Wanne gegangen war.

Und dann kam die Zeit, wo der Doctor dem Jungen seine Schullection überhörte, wo er ihn mensa decliniren und amo conjugiren lehrte, wo er der Erste war, der den Staunenden durch große und kleine Gläser gucken ließ und überzeugte, daß jedes der kleinen Lichter am Abendhimmel und jeder Wassertropfen im Glas belebte Welten seien, die ein fleißiger Junge erforschen könne.

Und endlich kam der Tag, an welchem der Doctor seine großen, blauen alten Fritzenaugen hienieden schloß und in einem letzten Willen seinen kleinen »Famulus,« Albrecht Werner, zum Universalerben einsetzte; das heißt zum Erben seiner Bücher, Instrumente und wissenschaftlichen Sammlungen, so wie von netto zehn Thalern, die über Erwarten, nach den Begräbnißkosten zu vermachen restirten und Zins auf Zins, das Stammcapital des holländischen Dukaten vervierfachten. Das alles aber, wie es in dem Testamente hieß, aus dem Grunde: »weil in dem Jungen ein ehrlicher Administrator unserer vielbetrogenen Mutter Natur verborgen sei.«

So war dem Spätling der Waschfrau die Gelehrten1aufbahn vorgezeichnet; er erhielt eine städtische Freistelle 134 in einer nahen berühmten Landesschule, erhielt späterhin ein Familienstipendium auf einer benachbarten Universität, und daselbst die Woche rund einen Freitisch bei gutherzigen Studentenmüttern; kurzum er machte eine Carrière, die durchaus kein Unicum war und ist. Geldbeutel wie Magenbeutel waren oftmals leer, aber seine Gehirnkammern füllten sich und jetzt eben hatte er sein Staatsexamen zurückgelegt, die mütterlichen Sparpfennige und ein gutes Theil seines wissenschaftlichen Erbes dafür aufgeopfert und saß nun mittellos und rathlos, wie und wo er den erworbenen Geistesschatz verwerthen solle, im Stübchen Mutter Werners im Hinterhofe.

Wenn aber eben die Rede gewesen ist von Mutter Werners Sparpfennigen, die dem armen Studenten zum Doctorhut verholfen hatten, so möge der Leser nicht spöttisch mit dem Kopfe schütteln, sondern Adam Riesen zur Hand nehmen und demüthiglich seine Kappe vor der alten Waschfrau ziehen. Das Tagelohn einer Waschfrau beträgt, oder betrug, denn wir sprechen von Mutter Werners Zeit, also ihr Lohn betrug sechs gute Groschen pro Tag, das macht pro Jahr, die Sonn- und Festage abgerechnet, Summa Summarum fünf und siebenzig Thaler. Davon gingen ab zehn Thaler Zins, nur zehn Thaler für das schöne Logis im Hinterhof, das freilich keine stillere und accuratere Mietherin als Mutter Werner haben konnte – und, hoch gerechnet fünfzehn Thaler für die übrigen Bedürfnisse. Denn Kost und Heizung fielen ja außer Sonntags aus, Steuern 135 zahlte Mutter Werner nicht, Doctor und Apotheker brauchte sie, Gott sei Dank, nicht und ein abgelegtes Stück Zeug kommt in einem reputirlichen Hause einer braven Waschfrau auch zu Gute. Die übrig bleibenden fünfzig Thaler konnten an ihren Jungen verwendet, oder in die Sparkasse getragen werden, was indirect das nämliche hieß.

Freilich seitdem ihr Junge die hohe Schule bezogen hatte, nahmen diese Eintragungen von Woche zu Woche nicht nur ab, sondern Mutter Werner holte aus der Casse zurück so viel und mehr als sie sonst dahin gebracht, und jetzt waren bis auf das doctorliche Stammcapital die Sparpfennige von zweiundzwanzig Jahren gelöscht. Albrecht Werner hatte daher in ziemlich gedrückter Stimmung das Stübchen im Hinterhof verlassen, um sich betreffs seiner ferneren Laufbahn den Rath und die Verwendung eines ihm wohlwollenden Professors zu erbitten, der kürzlich von der nördlichen Universität, auf welcher Albrecht studirt, nach der südlichen versetzt worden war, zu welcher er den Weg eingeschlagen hatte.

In der ersten Stunde seiner Wanderung dachte er an nichts als an seine eigene zweifelhafte Lage und an die Entbehrungen der guten, alten Frau; je weiter er aber schritt und schritt, von der staubigen Straße in schattige Waldwege einlenkte, die Höhen zu Bergen wuchsen, der Fluß in immer rascherem Gefälle rauschte, die Luft ihm immer erquicklicher entgegenströmte, und endlich die scheidende Sonne ihren bleichen Nebelschleier durchriß, da löste sich auch der bleiche Nebel über seinem 136 Sinn und er sah seine Lage so, wie sie in der Wirklichkeit war; das heißt: die Augen seiner Mutter klar und froh wie ihr Gemüth, ihre Arme rührig, das Herz voll von der Lust einer Waschfrau und dem Stolze einer Mutter, die durch ihrer Hände Arbeit ihren Sohn zu einem angesehenen Manne macht. Vor allem aber sah er sich selber in naher Perspective als eifrigen Administrator der Natur und als Diener der Menschheit, dem es ein Leichtes war, dem mühseligen Arbeitstage der alten Frau einen stillen Feierabend folgen zu lassen.

So, mit froh sich hebender Brust erreichte er die Brücke, welche den durch den Fluß getrennten Badeort verbindet. Zur Rechten auf steiniger Höhe lag die Saline nebst dem Gasthaus, in dem er anfänglich eine Herberge hatte suchen wollen; links auf grünem Wiesengrunde, an den buchenbewaldeten Berg gelehnt, breitete das Dorf mit den Wohnungen der Badegäste sich aus. Es ist eine frische, heilsame Luft, die über dem anmuthig gewundenen Thale weht.

Albrecht war erstaunt, bei vorgerückter Abendstunde in dem sonst so stillen Orte durch ein dichtes Menschengewühl die Brücke fast versperrt zu finden. Sporen klirrten, Säbel rasselten, lachende, jodelnde, schreiende Stimmen lärmten durcheinander und man lebte doch mitten im Frieden und nicht einmal in der Manoeuvrezeit! Schwankend, ob er den Weg nicht lieber auf dem rechten Ufer, von dem er kam, fortsetzen solle, sah Albrecht sich plötzlich von einem wegelagernden Troß umringt, erkannt, begrüßt, umarmt und geherzt; ein 137 schallendes Hoch auf Albertus Magnus, den großen Doctor, schmetterte durch die Lüfte.

Es war ein Studentencorps seiner alten Universitätsstadt und zwar das seiner eigenen Verbindung, mit welchem Albrecht unerwartet zusammentraf; es hatte seinen alljährigen Commers auf einer unfernen Burgruine gefeiert und erwartete auf der Brücke das Anspannen der Wagen im Gasthause, um den Rest der Nacht in einem beliebten Bierkeller der nächsten Stadt zu durchzechen und am Morgen heimzukehren. Albrecht freute sich der heiteren Begegnung. Wie kurze Zeit war es, daß er dieses sorglose Treiben getheilt, – freilich lange nicht so sorglos, als es ihm heute dünkte, – und wie fern lag ihm diese Zeit.

Die Tonnen des alten Burgwirths waren nicht ohne merkliche Wirkung geleert worden und die Wirkungen des Gambrinusgeistes sind so wenig ätherischer als ästhetischer Natur. Trunk zeugt Durst; Schwank und Sang wurden mit lechzenden Kehlen vorgetragen, der dicke Wenzel, das bemoosteste Haupt des Corps, machte dem Schmachten seiner Seele in einer Serie von Verwünschungen der säumigen Gespanne Luft; der einstimmende Chorus wurde je trockener, je lauter. Dem ausgesandten Hermes, dem Herold des hohen Olymps, drohte eine Züchtigung, von welcher kein Zeus ihn erretten konnte, kehrte er nicht zurück, bevor im Canon zehn gezählt worden sei. Eins – zwei –drei – vier – fünf – sechs – sieben – acht und Hermes war nicht da. Neun – und siehe, Hermes war da.

138 Beflügelt war sein Schritt, ein hehres Feuer loderte in seinen Blicken, eine gewaltige Mähr brannte auf seinen Lippen, doch aber entrang sich ihnen ein Freudenschrei, als er den Albertus erkannte, der schon im Alumnat und dann auf der Akademie des Füchschens hoher Freund gewesen war. Mit gewaltigem Satz sprang er dem schlanken Doctor an den Hals, daß seine Beinchen in den Lüften zappelten. »Salve Doctor artium et medicinae!« jubelte er auf. Salve Doctor, artium et medicinae! wiederhallte der besänftigte Chor.

Keine fünf Fuß war er hoch, dieser jüngste Jünger der Wissenschaft; und kein weicher Flaum sproßte noch auf seinem rundlichen Kinn; wie er aber jetzt in weißen Lederbuchsen, Kniestiefeln mit faustlangen Spornen, im schwarzsammtnen, silbergeknöpften Jockeywämschen, die dreifarbige, breite Schärpe unter dem zurückgeklappten Hemdskragen auf der entblößten Brust, mit rasselndem Schleppsäbel und federgeschmücktem, ausgekrämptem Schwedenhut von des Albertus Magnus Halse herniedersprang und in den Kreis der noch nicht doctorirten Olympier trat, schien er seiner göttlichen Erhabenheit und seiner hohen Mission sich im vollsten Maße bewußt. Die Zornesgluth, welche der Freude des Wiedersehens für einen Moment gewichen war, lohete verstärkt in seinem kugelrunden Augenpaar auf.

»Rächt mich, Musenbrüder!« schrie er mit heroischer Geberde. »Treibt dieses scrophulöse Gesindel zu Paaren! Steckt dieses salzgeschwängerte Nest in Flammen und schreibt es auf meine Rechnung! Die hohe Lands 139mannschaft, die hohe Wissenschaft ist mit Füßen getreten in der Person eures Abgesandten. Die Welt lernt nichts aus der Weltgeschichte. Eine freche Helena legt Ilion zum zweitenmal in Asche!«

Albrecht entzog sich dem fernerweitigen Vortrag, indem er mit einem älteren Commilitonen, dessen abgehärtete Natur den Aufregungen des Biergeistes kräftigeren Widerstand geleistet hatte, in ernstem Gespräch abseits das Ufer entlang ging. Er erfuhr von dem Freunde, daß die Regierung bei der medicinischen Facultät der Universität, auf welcher er studirt, um die Aushülfe junger Aerzte gegen die im Norden der Provinz mit Vehemenz sich verbreitende Cholera-Epidemie nachgesucht hatte, und er begrüßte diese Unheilskunde schier wie eine Botschaft vom Himmel. Augenblicklich stand er von seiner südlichen Wanderung ab, um die Fahrt der Studenten bis zur Nachbarstadt zu theilen, den nächtlichen Eisenbahnzug nach H. zu benutzen und sich dort für den geforderten Dienst zu melden.

Das akademische Auditorium hatte während dessen mit geziemender Aufregung das Abenteuer seines ausgesendeten Boten und Festordners vernommen. Es war ein galantes Abenteuer, welchem der Sohn der Maja und des Zeus keinerzeit aus dem Wege geht, ein Ballabenteuer. Hell schimmern die Fenster des Gasthauses, das sich den verwegenen Ritter nennt; die Klänge des Polkareigens locken in den geöffneten, blumengeschmückten Saal. Ein serviettenwedelnder Obersclave nennt die Versammlung eine Reunion. Den schlauen Hermes 140 durchzuckt es; hier, im verwegenen Ritter wird ein götterwürdigeres Fest zu feiern sein, als drüben in der schönheitsbaren, dunkeln Kneipe zum silbernen Scheffel. Er findet es würdig. Ein hohes Weib, die Schönste der Erdentöchter, Helena wiedergeboren, steht inmitten der Halle zur Rechten eines buntgerockten Barbaren. Die schmale Oberlippe noch um eine Linie verkürzend, eine doppelte Perlenreihe enthüllend, schaut sie einladend auf den nahenden, jungen Gott. Der Gott fühlt sich Mensch; mit Anmuth und Würde schreitet er auf die Holde zu und bietet ihr die Gunst eines Extrareigens in seinem Arm. Die Schöne enthüllt die Perlenreihen noch um eine Linie weiter; ein silberner Glockenton dringt zwischen den Purpurlippen hervor und – dem entzückten Göttersohn den Rücken kehrend, legt sie sich in den Arm des buntgerockten Barbaren und schwebt mit ihm den Saal entlang .Schallendes Hohngelächter erfüllt den Saal. Hermes knirscht Rache! In diesem Augenblicke tritt ein weiß cravatteter, schwarzer Schwalbenschwanz auf den Beleidigten zu; nennt sich den Ordner des Festes und ersucht den gespornten Götterherold den Kreis lackgestiefelter, auserwählter Tanzbeine zu verlassen. Der Herold leistet Widerstand, er sieht sich umringt, der Pforte zugedrängt; er zieht sein Schwert und den Stahl hochgeschwungen donnert er mit dem Zorn seines Vaters Zeus in das Haus der Gemeinen: »Ihr werdet von mir hören!« und verläßt den Saal. Ein olympisches Murren folgt der erhabenen Schilderung. Der Durst nach Rache und Bier ist allgemein; 141 der Kriegsrath stürmisch, noch aber die Entscheidung zwischen Ritter und Scheffel nicht gefallen, als ein neues außerordentliches Ereigniß die Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

Ein wandelndes Doppellicht gleitet, hart am Boden, in gemessenem Tempo vom Ritter her auf die Brücke zu, dem brütenden Rachecorps entgegen. Das phantastische Irrwischpaar enthüllt sich, je näher und näher es rückt, den Blicken der Wissenschaft als eine gemeine Straßenlaterne, von Sclavenhänden befördert. Zwei weißbeschuhte Füßchen folgen ihr. In jachem Erschrecken vor der wegelagernden Schaar halten sie still. »Gottlieb, zurück!« erschallt es mit dem Klang einer Silberglocke.

Der schlaue Sohn der Maja erkennt diesen Klang; er erkennt beim Schein von Gottliebs Leuchte die goldene Lockenfülle und den blühenden Kranz unter dem verhüllenden Schleier, der augenblicks dicht über dem Antlitz zusammengerafft wird; er erkennt das weiße duftige Gewand. »Triumph!,« schreit er auf, »das Fatum waltet, es ist Helena!«

Im Nu steht die Dame von der tobenden Brüderschaft umringt; der Gottlieb benannte Sclave läßt entsetzt das leuchtende Gefäß zu Füßen sinken. Helena zittert, Hermes schreitet auf sie zu mit der Hoheit eines erzürnten Gottes.

»Wisset Ihr nicht, Dame,« so läßt er sich vernehmen, »wisset Ihr nicht aus der Weltgeschichte, daß auch das schönste Weib ohne Sühne die göttliche Wissenschaft nicht verhöhnen darf? Ihr werdet ihr Genugthuung 142 geben; hier, unter diesem nächtlichen Himmel werdet Ihr mit mir und einem jeden meiner Brüder im Apoll eine Polkatour tanzen, eine Polka der Rache!«

»Eine Polka, eine Polka der Rache!« wiederhallte es im Chor.

Die melodiöse Hymne: »Wenn die Lust in der Brust ihre Spannkraft übt,« wurde als Tanzreigen angestimmt; der beleidigte Jüngling hatte bereits seine Arme nach dem schlanken Leibe der Schönen ausgestreckt, als der dicke Wenzel, der sich für eine Polka nicht mehr sicher genug auf den Füßen fühlen mochte, mit der Autorität eines bemoosten Hauptes, ein quod non erschallen ließ.

»Die Rache soll süß sein und dieses Pflaster ist halsbrechend,« brummte er mit erschütterndem Baß. »Zum Teufel mit dem Hopser! Einen Kuß, sage ich, einen Rachekuß dem Fuchse, einen Rachekuß Jedem von uns die Reihe rund!«

»Einen Rachekuß!« jubelte der Chor. Die Lust in der Brust verstummte unter einhelligem Schnalzen der Zungen. Männiglich wurden die Arme ausgespannt zu süßem Umfangen.

Die Dame stand wie versteinert. Aber nur einen Moment; im nächsten blickte sie beherzt nach allen Seiten eine Ausflucht zu erspähen, keiner der schwergestiefelten Jünger der Wissenschaft würde diese weißen Füßchen im Wettlauf überholt haben. Aber einer Mauer gleich war der Kreis geschlossen, immer rachedurstiger drängte die 143 Schaar; das Füchschen hielt bereits den schönen Leib umspannt.

»Halt!« herrschte die Dame, indem sie mit einem kräftigen Ruck den Kleinen zurückstieß, so daß er seinem Hintermann in die Arme taumelte. Und dann zu dem Diener gewendet: »Heben Sie die Laterne in die Höh, und leuchten im Kreise umher.«

Verdutzt, schier verblüfft durch die so wenig Federlesen machende Schöne ließen die freien Akademiker ihre vom Biergeist gedunsenen Angesichter mustern. Eine niederschlagende Rundschau! Eben hatte die Dame, schier verzweifelnd, den Blick von dem letzten der Reihe, dem dicken Wenzel, abgewendet; hätte sie einen Dolch bei sich geführt, sie würde ihn höchst wahrscheinlich sich in's Herz gestoßen, hätte sie das Geländer der Brücke erreichen können, sie würde sich in die Fluthen des Flusses gestürzt haben. In diesem kritischen Augenblicke durchbrach Albrecht Werner, der im Gespräche mit dem Commilitonen die aufregende Scene verpaßt hatte, dicht neben dem dicken Wenzel, der Dame just gegenüber den Kreis. Mit der blitzartigen Hellsicht, welche die Gefahr verleiht, unterschied die Bedrängte zwischen der äffischen Maskerade den schlichten Doctorrock, zwischen dem trunkenen Taumel die ruhige Haltung, die edlen, bleichen Züge, den unwilligen Blick. Da stand ein Mann! Entschlossen schritt sie auf ihn zu und sprach, alles weibische Zittern hinunterpressend, halb mit flehendem, halb befehlendem Ton:

144 »Ich werde die geforderte Sühne Ihnen zahlen, mein Herr, als ein Pfand des Vertrauens. Und Sie werden mich dafür ohne weitere Beleidigung aus diesem Kreise führen.«

Sie bückt sich rasch, pustet die Lichter in der Laterne aus, schlägt nun, da es stockdunkel rundum geworden ist, den Schleier zurück, berührt mit den Lippen die Wange ihres erkorenen Ritters, läßt den Schleier wieder fallen, faßt des Ritters Arm und zieht ihn mehr als sie gezogen wird, aus dem Kreise. Die olympische Schaar steht mit offenem Munde; bevor der Streich der neuen Helena capirt worden, sind Entführer und Entführte den Augen entrückt.

Die Dame dahingegen, die im äußersten Moment so viel Geistesgegenwart gezeigt hatte, schien die Gefahr des jachen Ueberfalls erst jetzt, nachdem sie ihr entronnen, völlig inne zu werden. Ihr Arm zitterte in dem ihres Ritters und heiße Thränen tropften auf seine Hand. Da wo am Ende der Brücke Häuser und Buschwerk kreuz und quer sich verbreiten, löste sie hastig ihren Arm aus dem seinen, flüsterte kaum hörbar: »Dank, Dank!« und war entschwunden, als hätte sie die Erde verschlungen.

Ihr Begleiter stand starr und stumm; so jach war das Wunderbare geschehen, daß er noch gar nicht faßte, wie und warum es geschehen war. Die Brücke herauf schallten die Stimmen der nachdringenden Rächer. Im Begriff sich zu ihnen zurückzuwenden, fühlte er plötzlich 145 eine weiche Hand auf der seinen und eine bebende Stimme an seinem Ohr.

»Wird dieses – Begegnen – Ihnen Gefahr – bringen?« stammelte die Dame im Schleier, »– wohl gar – –«

»Nur die lieblichste Erinnerung für mein ganzes Leben,« – erwiderte er, indem er die Hand der Dame an seine Lippen drückte. Ein duftender Rosenstrauß blieb in der seinen zurück. Im nächsten Augenblick stand er wieder allein. Der Sohn der armen Waschfrau, der in der Dinge nüchterner Wirklichkeit herangewachsen war, kam sich vor wie ein Prinz im Feenmärchen.

Bei grauendem Morgen jedoch folgte dem romantischen Traum ein ziemlich unsanftes Erwachen. Zwischen den Trümmern der alten Burg rächte der dicke Wenzel den Raub der Helena an dem glücklichen Philister und der glückliche Philister büßte seinen Ritterdienst durch ein blutiges Zeichen auf der Wange, welche die süßesten Lippen berührt hatten: Die jüngeren Corpsbrüder waren weniger mißgünstig gesinnt und gar der kleine Fuchs erwies sich als großmüthiger Gott und zuthätiger Heimlicher und Pfleger in des Burgwirths halbdunklem Verließ. Dem ritterlichen Doctor dünkte das vertraute, dämmerige Kneipchen ein strahlender Zauberpalast.

Während nun der Commilitone an seiner Statt, und mit gewünschtem Erfolg, die beregte Sendungsangelegenheit in die Pestzone betrieb und das romantische Malzeichen auf der Wange des Ritters unter kühlenden Wasseraufschlägen, der ersten Probe seiner ars medicinae, sicht 146barlich heilte, vertrieb er sich die Langeweile seines heimlichen Verwahrsams mit der begeisterten Uebung einer Kunst, die er früher als die ärztliche betrieben, die aber jahrelang unter schweren Bücherstößen erdrückt gelegen hatte. Die Kreidezeichnung der Dame im Schleier war ihr letzter Versuch und der einzige, welcher seinen bildenden Sinn befriedigte. Denn hatten das Dunkel der Nacht und der Schleierspitzen auch der Schönen Züge verhüllt, so ahnete er doch alles, was einen Menschen zu entzücken vermag, hinter den verhüllenden Falten; und kommt es bei einem Kunstwerk ja doch in erster Ordnung darauf an, was der Beschauer ahnungsvoll empfindet, nicht auf das, was er in plumpen Zügen vorgeführt sieht.

Das Bild der verschleierten Schönen und ihren getrockneten Rosenstrauß, sorgfältig eingehüllt, als Talisman auf dem Herzen verborgen, so schied unser Freund nach Wochenfrist aus dem heimlichem Verließ; einen Tag später zog er aus dem Stübchen des Hinterhofes wohlgemuth dem ersten,ernsten Wirken entgegen.

*

Das geschah in den Bergen, als die Rosen blühten. Als aber die weißen Eisblumen an den Scheiben glitzerten, da folgen wir unserem ritterlichen Doctor in jenen nördlichen Theil der Provinz, der sich flach wie eine Hand bis zum Meere ausstreckt und in welchem der unheimliche Spuk der Zeit seit Kurzem, Gottlob! erloschen ist.

147 Im angenehm durchwärmten Wohnzimmer eines stattlichen Edelhofes lehnt im weichen Polsterstuhl der alte Baron Findow, ein wohlbeleibter, rothwangiger Herr; er ist bei Dunkelwerden von der Jagd zurückgekehrt, schmaucht eine Cigarre, schlürft mit Behagen seinen erwärmenden Vespergrog und freut sich laut und leise auf das Souper, dessen Stunde je näher und näher rückt.

Ihm gegenüber sitzt seine Gemahlin, eine Dame mit einem lieben stillen Gesicht, die wennschon sie weit jünger ist als ihr Herr, ein schlichtes, graues Seidenkleid und ein Spitzenhäubchen trägt, auch, nach Großmütter Art, aus einem zierlich eingelegten Spinnrad sonder Rast noch Hast den Faden zieht. Eine Unterhaltung findet zur Zeit nicht Statt.

»Noch ein Gläschen, Mutter,« läßt endlich der Herr sich vernehmen, indem er der Mutter, die gut und gern seine Tochter sein könnte, den geleerten Becher zuschiebt.

»August!« wendete die Dame ein mit sanftem Vorwurf in Ton und Blick.

»Ach, Sapperment!« versetzt lachend der Herr. »Na nichts für ungut, Adelheid. Ich warte schon, bis die Ina kommt. Alle Wetter, wo steckt denn die Dirne heute Abend?«

»Sie sieht nur noch einmal nach, ob in des Doctor Zimmer alles in Ordnung ist, lieber Mann.«

»Recht so, recht so, Kinder. Nur hübsch bequem. Vergeßt aber beileibe die Cigarrenkiste nicht, Ihr Frauenzimmer begreift das nicht; so ein armer Pflasterkasten 148 ohne ein Rauchblatt unter der Nase ist ein verlorener Posten. Die Ina kann ihm auch – aber, à propos Adelheid, was ich doch lange schon fragen wollte, fällt Dir die Ina nicht auf? Das Kind ist wie ausgetauscht, nicht halb so fidel mehr wie vor der Reise. Sie ist doch nicht krank, Unterhaltung hat sie am Levin doch auch, was fehlt ihr, Adelheid? Was kann ihr sein?«

Der Dame stieg eine leise Röthe in das liebe stille Gesicht; sie zog den Faden hastiger an als bisher, der Faden riß und sie blickte, um ihn wiederanzuknüpfen, auf ihn nieder, als sie mit einem Seufzer antwortete: »Sie ist älter geworden, August.«

»Netto drei Monate, zu ihren achtzehn Lenzen,« versetzte lachend der alte Herr.

»Der Ernst des Lebens stellt sich wohl auch ohne greifbaren Anlaß ein, Lieber, und wie hätte eine Heimsuchung gleich der, die wir durchlebt, ohne Eindruck an einem guten Herzen vorübergehen sollen?«

»Na, die Heimsuchung ist ja, Gottlob! überstanden, unser Haus wurde gnädig verschont, der Noth suchen wir nach Vermögen zu steuern und die Lamentos der Jugend sind nicht so nachhaltiger Natur. Sie hält sich an's Leben und thut recht daran. Nichts Widerwärtigeres als so eine Pleureuse, der doch die Erdenlust aus allen Fingerspitzen quillt. So eine Vernunftsbille, so ein Klageweib – straf mich Gott –«

»Schwöre nicht, lieber August,« unterbrach ihn die Dame.«

149 »Schwerenoth nein! nein doch, Adelheid. Du weißt ja, ich – es fährt mir nur noch manchmal so 'raus. Na, schneide kein Gesicht, Mutter, 's soll nicht wieder passiren. Der Ina werd' ich auf den Zahn fühlen. Aber was ich doch eigentlich sagen wollte, Adelheidchen, das war doch ein gescheidter Einfall von Dir, den jungen Doctor für den Winter zu Deinem Leibarzt zu berufen. Es soll ein handlicher Mann sein, mit dem sich ein Wörtchen plaudern läßt und ein Sechsundsechszig spielen, bis wir nächstes Jahr einen neuen Pastor an Stelle des seligen erhalten haben.«

»So Gott will, werden wir nicht wieder einen Prediger erhalten, der Karten spielt,« sagte die Dame mit einem Seufzer; setzte aber dann freundlich hinzu, indem sie dem Gatten über den Tisch die Hand reichte: »In der That, lieber Mann, danke ich Dir recht von Herzen, daß Du so bereitwillig auf meinen Wunsch eingegangen bist. Auch nach dem Erlöschen der Epidemie bleibt noch ein weites Feld für ärztliche Thätigkeit. Viele, die den bösen Anfall überstanden haben, siechen an den Folgen; auch müssen wir Vorkehrungen für die Zukunft treffen, denn das Unheil kann und wird sich wiederholen. Um aber eine angemessenere Lebensweise anzubahnen, wirkt die Autorität eines Arztes mehr als der verständigste Rath des Laien, zumal einem so zäh am Gewohnten hängenden Menschenschlage wie dem unseren gegenüber. Ich verspreche mir einen guten Einfluß von dem jungen Manne, dessen christliche Aufopferung allseitig gerühmt worden ist. Ueberdies wird 150 nach so großen Anstrengungen eine Zeit der Erholung ihm selber wohl thun. Er soll unbemittelt sein und für den Augenblick kein geeignetes Unterkommen haben.«

»Nun so laßt dem armen Teufel aber auch wirklich Zeit, sich zu erholen und scheert ihn nicht mit eueren Abstinenzen und Pimpeleien. Thut ihm was Rechtschaffenes zu Gute. Stelle ihm den Weinkeller zu seiner Verfügung. Wein ist ja nicht gegen Dein Gelübde, Alte. Meinen Vespergrog wird er hoffentlich auch nicht verschmähen und Du hast doch die Havannahkiste nicht vergessen, Adelheid?«

»Ich werde nur selber nachsehen müssen, um Dich über Deinen kostbaren Proviant zu beruhigen, lieber August,« versetzte Frau von Findow lächelnd, indem sie das Zimmer verließ in dem Augenblicke, als ihre Tochter dasselbe betrat.

Fräulein Augustine war eine anmuthige, schlanke Blondine, den Formen nach das Kind ihrer Mutter und den Farben nach voll väterlichen Bluts. Und wie dem Aeußern nach, so im Innern auch. Wen sie mit ihren rehbraunen Augen ansah, der spürte die reine Luft, in der sie geathmet hatte; wo diese vollen Purpurlippen Ja gesagt, hätte keiner gezweifelt, wo Nein, keiner unterhandelt; wenn aber die Güte einer Mutter sich mit des Vaters Biederkeit in einem Kinderherzen also vereinen, da würde wohl auch ein weniger schöner Körper als Fräulein Augustinens anmuthend durchleuchtet worden sein.

»Ist Levin zurück, Ina?« fragte der Baron.

151 »Ich weiß nicht, Väterchen,« antwortete sie gleichgültig.

»Du weißt es nicht? Ueber Nacht und Tag fort zu einem Ball, bist Du denn nicht eifersüchtig, Mädchen?«

»Auf Levin? nein, Papa.«

»Was hast Du gegen den guten Jungen, Du bist seit Kurzem unfreundlich gegen ihn?«

»Unfreundlich, wenn ich ihm sein Vergnügen gönne?«

»Du weichst ihm aus, Du wehrst ihn ab, just als wäre er Dir, – na, als wäre er Dir fatal?«

»Daß ich nicht wüßte, Väterchen. Wenn wir in Gesellschaft sind, oder wenigstens einen Dritten zwischen uns haben, sind wir die besten Freunde von der Welt; fatal, wie Du es nennst, wird er mir nur, sobald er mir gar zu nahe kommt.«

»Dumme Dirne! der Dir von Kindesbeinen an wie ein Bruder gewesen ist, soll nun mir nichts Dir nichts wie ein Wildfremder auf zehn Schritt Distance von Dir bleiben!«

»Wenn er mein Bruder bleiben will, habe ich Raum genug für ihn, Papa, in mir und mich herum.«

»Aber er will nicht Dein Bruder bleiben, Mädchen, er will Dein Mann werden und darum nimmt er eine andere Position.«

»Und eben darum mache ich Kehrt, Papa, denn mein Mann wird er nicht.«

»Wird er nicht, wird er nicht!« schalt der alte Herr, »Und wenn ich sage: er wird?

152 »So müßte er es freilich werden,« versetzte das junge Mädchen, indem sie mit ihrer schlanken Hand dem Vater die weißen Locken aus der Stirne streichelte; »aber die Ina würde eine unglückliche Frau.«

»Um Gottes Barmherzigkeit willen, was ist mit Dir vorgegangen, Kind?« rief der Baron wie aus allen Himmeln gestürzt. »Du hast ja sonst nichts gegen die Heirath gehabt.«

»Ja, – sonst, – Väterchen!« versetzte die Tochter nachdenklich.

»Und warum nun jetzund?«

Das Fräulein blickte schweigend zu Boden.

»Nun Antwort, Mädchen! Was hast Du für eine schreckliche Entdeckung beim Heirathen gemacht?« –

Das Fräulein seufzte und schüttelte die blonden Locken.

»Was hast Du an Levin auszusetzen?«

»Auszusetzen? nichts, Papa,« – antwortete das Fräulein wieder ganz munter. »Aber darum heirathet man noch keinen Mann.«

»Ist er nicht jung?«

»Sehr jung!«

»Schön?«

»Ich glaube, ja.«

»Reich?«

»Mein Papa ist auch reich, was braucht da seine Tochter einen reichen Mann?«

»Ist er nicht brav und gut?«

153 »Ich zweifele nicht daran; doch möge er es erst beweisen.«

»Ist er nicht Dir gut, Ina, von Herzen gut?«

»Weil er Dein Schwestersohn ist und weil man von klein auf es ihm nicht anders eingeredet hat.«

»Und ist das Heirathen etwa nicht genug, alberne Dirne! Alles Uebrige findet sich ganz von selbst.«

Fräulein Augustine zuckte ungläubig die Achseln und schwieg.

»Nun in Dreiteufelsnamen« – – der alte Herr blickte sich erschrocken um, ob seine Gemahlin das lästerliche Wort auch nicht gehört, – »ich wollte sagen, zum Kukuk, was kannst Du gegen den Jungen haben?«

»Ich kann ihn nicht lieb haben, Vater,« versetzte Augustine ernst, dann aber sich lachend zu dem alten Herrn niederbeugend, flüsterte sie ihm in's Ohr, indem sie bis unter die Locken wie mit Karmin übergossen ward: »Ich kann ihm keinen Kuß geben, Papa.«

Ob diese Erklärung dem Herrn Papa triftiger als die früheren gedünkt haben würde, kann nicht behauptet werden, denn die Thür wurde in demselben Augenblick geöffnet und Frau von Findow trat, gefolgt von einem Fremden, in das Zimmer: »Unser lieber Hausgenosse ist angekommen,« sagte sie. »Herr Doctor Werner. Mein Mann. Unsere Tochter, Augustine.«

Albrecht Werner verbeugte sich bescheiden. In dieser Menschen Händen lag sein Schicksal für ein Jahr, das er sich verpflichtet hatte, ihrem Dienste zu widmen. Er stand in ihrem Sold und Brod. Der Sohn der armen Tage 154löhnerin hatte nicht leichten Muthes in den Pakt gewilligt; sein Herz zog sich zusammen, als er die Schwelle des Hauses überschritt, das ihm ein demüthigend stolzes erschien. Das milde Willkommen der Hausfrau und der treuherzige Handschlag ihres Gemahls flößten ihm jedoch ein rasches Vertrauen ein. Nun fiel sein Blick auch auf die junge Dame, die wie im Boden eingewurzelt stand, das Auge gesenkt und die Wangen mit Purpurgluth übergossen, dann aber, nach einem kaum merklichen Gruß, in stummer Eile das Zimmer verließ.

»Eine hoffärtige Schöne!« dachte Albrecht, während die Eltern ihr verwundert nachblickten.

»Sie haben viel Gutes in unserer Nachbarschaft gewirkt, Herr Doctor,« sagte die Baronin mit verdoppelter Wärme, da sie den unfreundlichen Empfang ihrer Tochter zu decken hatte, »christlichen Opfermuth mit dem Eifer der Wissenschaft vereinigt.«

»Ich wünschte, daß der Erfolg Ihnen Recht gäbe, gnädige Frau,« entgegnete Albrecht. »Aber wo dieser unheilvollen Erscheinung gegenüber die erfahrensten Aerzte noch im Dunkeln tasten, was hätte da beim besten Willen einem Neuling gelingen sollen?«

»Dummes Zeug, junger Mann!« rief der Baron. »Sie haben zugepackt, wo sie konnten und das ist die Hauptkunst in allen Stücken. Im Kreisblatte hat's gestanden und die Kreuzzeitung hat's nachgedruckt, wie es mit einem Schlage anders geworden ist, da Sie in die Gegend gekommen sind.«

155 »Die Menschen schmücken sich und Andere gern mit den Verdiensten der stillhelfenden Natur,« wendete Albrecht mit einem halbtraurigen Lächeln ein.

»Alle Hülfe kommt von Oben,« sagte die Baronin und würde noch mehr gesagt haben, wenn sie nicht von ihrem Gemahl unterbrochen worden wäre. Der aber brachte in Erinnerung, daß es Zeit sei, den werthen Gast noch mit etwas Anderem als Redensarten zu tractiren. »Ein Glas Grog, Doctor, bis das Abendbrod angerichtet ist,« nöthigte er.

»Ein Glas Wein!« verbesserte die Dame, indem sie die Klingel zog und dem eintretenden Diener den Kellerschlüssel gab.

»Aufgepaßt, Freund!« sagte der Baron lachend und halblaut, so daß die Gattin es hören mußte. »Anjetzo fühlt man Ihnen auf den Zahn. Sie hat unserem Apostel den Handschlag gegeben; – kennen Sie ihn etwa, den frommen Baron? – und sich damit in eine arge Klemme gebracht. Denn was hätte es geholfen, wenn ich meine Brennereien eingehen ließ, als daß meine Nachbaren die ihrigen vergrößerten? Und mich von Kräften bringen, indem ich Abends mein Gläschen Grog, oder Punsch aufgab, das konnte ich ihr, weiß Gott, auch nicht zu Gefallen thun.«

»Der Herr wird Deinen Geist allmälig auch in diesem Stücke auf die rechte Bahn lenken, lieber August;« sagte die würdige Dame. »Einstweilen genüge es, daß ich mich persönlich des Genusses und selber der Darreichung dieses unheilvollen Gebräus enthalte, das wie 156 ein heidnischer Dämon den Segnungen des christlichen Lebensgeistes entgegentritt.«

Der Doctor zog, – und nicht blos aus Galanterie, ein Glas Tokayer aus der Dame Hand der Findow'schen Herzstärkung vor. Das Gespräch kam wieder auf die unglückselige Cholera, bis es nach einer Weile durch den Eintritt des Neffen und Mündels des Barons, des bereits erwähnten Husarenlieutenants, Junker Levin, unterbrochen ward. Nach einer munteren Begrüßung der Verwandten und ihres neuen Hausgenossen, warf er sich in einen bequemen Schaukelstuhl und schien nicht im entferntesten zu bemerken, daß der alte Herr, eingedenk seiner Unterredung mit dem Töchterchen, ihn mit gar seltsamen Blicken von der Seite betrachtete.

Junker Levin war eine ehrliche Haut, ein richtiger Findow'scher Schwestersohn und vielleicht ein Bruchtheil weniger Gardelieutenant, als die große Mehrzahl seiner Kameraden, aber doch just Gardelieutenant genug, um für die nächsten paar Jahre nicht noch mehreres außerdem sein zu können. Nachdem er, – mit der Tante Erlaubniß, – sich eine Havannah angezündet und dem Doctor eine zweite angeboten hatte, – vergeblich, da der Doctor nicht rauchte, – ihn für morgen früh zur Entenjagd eingeladen, – auch wieder vergeblich, da der Doctor kein Jäger war, – ihn auf seine braune Victoria, ein Geschenk des biederen Vormunds und Ohms, aufmerksam gemacht, – mit nicht glücklicherem Erfolg, da der Doctor einem Rosse, es sei denn auf dem Secirtische niemals seine Aufmerksamkeit geschenkt, 157 –gab er den unverbesserlichen Philister auf; setzte die Schaukel seines Stuhles in Bewegung, verfolgte mit den Blicken die blauen, sich kräuselnden Wölkchen seiner Havannah, mischte sich und schlürfte mit Behagen einen Becher nach dem anderen von des biederen Ohms Geist- und Magenstärkung, bis denn nach einer Weile die schöne Cousine in das Zimmer zurückkehrte.

Sie trug die vorhin lang in den Nacken wallenden Locken am Hinterhaupte in einen Knoten zusammengenestelt, nahm Platz am untersten Ende des Tisches im Schatten der Lampe, beschäftigte sich, gegen ihre Gewohnheit, eifrig mit einer Handarbeit und redete, gleichfalls gegen ihre Gewohnheit kein Sterbenswort. Da auch der Baron merkwürdig mundfaul blieb und die Baronin überhaupt selten zu profaner Unterhaltung einen Anstoß gab, fühlte und übte nun Junker Levin die Pflicht, von der ländlichen Gesellschaft die Gefahr des Einschlummerns, noch bevor das Souper genommen war, ritterlich abzuwehren.

Der nächstliegende Gegenstand war natürlicher Weise der gestrige Ball, an welchem Theil zu nehmen Cousinchen Ina in thörichter Laune abgelehnt und damit die Gelegenheit versäumt hatte, den zukünftigen Helden des Schwerts als Helden edler Friedenskünste zu bewundern; als Haupthelden des Abends, was bescheidentlich weniger dem leuchtenden Verdienst als den blitzenden Gardelitzen zu Gute geschrieben wurde. Eine große Schachtel voll Sträußchen, Schleifen und Orden wurde als ehrenvolles Zeugniß seines Thatendurstes der schönen Cousine zu 158 Füßen gelegt, die kameradschaftliche Stimmung der dem Cotillon folgenden Bowle nicht allzu verblümt angedeutet, und bei dem sie begleitenden Quinze gewisser Verluste erwähnt, wie sie einem galanten Sieger des Ballsaals am grünen Tische geziemen und der biedere Ohm und Vormund sich nicht weigern würde, in gewohnter Großmuth zu decken.

Doctor Werner folgte den Erlebnissen auf einem ihm absolut neuen Gebiet mit sträflicher Lässigkeit; seine Neugier war nach einer anderen Seite hin dermaßen gespannt, daß er kaum vermochte, seine forschenden Blicke dem Anstand gemäß zu bemeistern. Seit Monaten witterte er hinter jedem jungen, schönen Frauenbild seine Unbekannte im Schleier; Fräulein Augustinens blonde Locken waren ihm von vornherein verdächtig vorgekommen, einmal aber, als er die Häkelnadel, die sie hatte fallen lassen, so glücklich war, vor dem Lieutenant aufzufinden, zuckte er bei der Dame »Dank, Dank!« zusammen, als ob er die Redensart zum ersten Male vernähme, der Flüsterklang derselben jedoch nicht zum ersten Male sein Ohr berühre. Scharfprüfend blickte er nach der schönen Häklerin hinüber; aber nein doch, nein. Dieses anfänglich so ablehnend stolze, jetzt so schüchtern erröthende Fräulein, das war nicht die beherzte Heldin jener Juniusnacht; das war die Geliebte Junker Levins, nicht seine Helena.

Ein Diener, welcher zur Abendtafel einlud, unterbrach den Vortrag der Ballabenteuer. Fräulein Augustine nahm hastig den Arm ihres Papa, Frau von Findow 159 legte den ihren in den des Doctors; Junker Levin schlenderte unbeleidigt solo hinterdrein, indem er erklärte einen heidenmäßigen Appetit zu verspüren.

*

So lebte Freund Werner denn nun unter den gemüthlichen Menschen als einer der ihren. Die ärztliche Praxis kostete ihm weniger Anstrengung als er gewünscht haben würde, um sich selber genug zu thun; denn die Findows waren bis auf die Zipperleinanfälle des alten Herrn, deren Periode im December nicht einzutreten pflegte, ein kerngesundes Geschlecht, was aber die übrige Bevölkerung anbelangt, so pflegt, sobald eine Seuche sich ausgetobt hat, ja allezeit ein vorzügliches Gesundheitsstadium zu walten, wie wir denn überhaupt, nach außerordentlichen Steigerungen der Natur, schlimmen wie guten, die Gegensätze sich berühren sehen. Auf den Sturm folgt die Stille, die Ebbe auf die Fluth, auf Zorn und Empörung Gelassenheit und Apathie.

Indessen wurden, angeregt durch den frommen Eifer der Baronin und den beruflichen des Doctors, doch manche nützliche Vorkehrungen für den Wiederumschlag

, in böse Tage getroffen; man legte eine Hausapotheke an, schulte ein paar Wittwen von den Gütern des Barons als Krankenwärterinnen ein, stattete ein frei und leer stehendes Nebengebäude zu einem Lazarethe aus und brachte sogar durch die Anlage eines Siechenhauses für Kinder einen lang gehegten Lieblingsplan Frau von Findows zur Ausführung. Das Wesentlichste aller 160 geistigen wie leiblichen Fürsorge, so meinten übereinstimmend Doctor und Dame, bestehe ja darin, fehlerhaften Naturanlagen im ersten Keime entgegen zu wirken.

Der Verfolg dieser Grundmaxime regte den Doctor auch zu einem Versuche populairer Belehrungen über eine der Gesundheit angemessene Lebensweise an. Allsonntägig hielt er Abends im Schulhause für die Insassen des Hofes und Dorfes, denen sich jemehr und mehr auch manche der Nachbarschaft anschlossen, einen Vortrag, in welchem er den Gegenstand, der dem Menschen zunächst und für die Mehrzahl doch völlig im Dunkeln liegt, den eigenen Körper und seine Behandlung im gesunden wie kranken Zustande, so anschaulich zu machen sich bemühte, als er dem Laien überhaupt anschaulich gemacht werden kann. Sein Augenmerk war dabei zunächst weniger auf die Ernährung gerichtet, in welcher man auf dem Lande immerhin leichter als in der Stadt sich zu seinem Rechte verhilft, das erste Hauptstück dünkte ihm die Reinlichhaltung und Lüftung der Höfe und Häuser, die dem norddeutschen Bauer ein ziemlich überflüssiger Luxus dünkt. Die Baronin und ihre Tochter wohnten den Vorträgen regelmäßig bei, auch Junker Levin begleitete sie ein oder das andere Mal, wenn er sich just nicht unterhaltender zu beschäftigen wußte und fand er das vorgeschlagene Regime der bewährten Praxis in den Pferdeställen seiner Schwadron so entsprechend, daß auf diese Versicherung hin eines Abends auch der biedere Ohm sich entschloß, seinen Abscheu gegen gesperrte Räume und Menschendunst überwindend, die Familie in 161 die Schulstube zu begleiten. Schon während des Vortrags gab er durch Kopfnicken und gelegentlichen Zuruf seine beifällige Zustimmung kund, nach der Heimkehr aber disponirte er, ohne eine Bitte seiner Gattin abzuwarten, über eine erkleckliche Summe zu baulichen Verbesserungen der Häuslerwohnungen in seinem Revier, mit welchen Verbesserungen nach des Doctors Angaben möglichst noch in der faulen Winterzeit der Anfang gemacht werden sollte.

»Sie haben,« sagte er, »die Sache angefaßt, Doctor, wie Einer, der niemals vor dem Katheder gesessen hat; haben geredet wie Einer von Denen, die Ihnen zuhörten, geredet haben würde, in so fern ein solcher überhaupt zu reden verstände. Wo in aller Welt haben Sie diese simple Ausdrucksweise aufgeschnappt, wo das niedere Volk in seiner Erbärmlichkeit kennen gelernt?«

Albrecht erröthete. Die Antwort: »von meiner Mutter, der Waschfrau, im engen Stübchen des Hinterhofs,« erstarb auf seinen Lippen unter einem Blickwechsel mit dem schönen Fräulein, das sich so herzlich des väterIichen Lobes zu freuen schien.

»Nun bleiben Sie aber auch bei den Dunsthöhlen und Mistpfützen nicht stehen, Doctor,« fuhr der alte Herr fort. »Der Levin hat Recht, im Pferdestall muß das Volk in die Lehre gehen. Was hülfen unserem Nachbar, dem Grafen, in seinem Gestüt getäfelte Wände, Spiegelscheiben und Marmorkrippen, wenn die Thiere nicht regelrecht gestriegelt und alle Tage in die Schwemme geritten würden? Waschen und kämmen muß das Volk 162 sich lernen, seine Zähne putzen, Betten und Kleidungsstücke lüften, seine Hemden nicht blos Sonntags wechseln und seine Schmierstiefeln wichsen. Summa Summarum sich mit dem Elemente befreunden, das der Bauer bis dato nur in Tropfenform als eine Gottesgabe verehrt. Machen Sie ihm die Hölle heiß mit Ihrem Popanz von Cholera; man muß das Eisen schmieden, so lange es glüht; bringen Sie es unter uns dahin, daß einem Christenmenschen nicht sein bischen Menschenliebe auf dem Wege von der Nase zum Herzen zum Kukuk läuft. Die Reinlichkeit ist die erste Tugend nach der Gottesfurcht, hat ein kluger Mann gesagt, der freilich kein deutscher gewesen ist. Was für ein Unterschied ist zwischen einem Menschen und einer vierfüßigen Creatur? Meine Frau sagt, daß der Mensch an einen Schöpfer glaubt und die Bestie nicht. Na, meinetwegen, wennschon heutzutage Eure gelehrten Professoren uns den Glauben an den Schöpfer abdemonstriren wollen. Was uns aber kein Professor abdemonstriren wird, ist, daß der Mensch sich ekelt und daß er sich schämt. Und ekeln, oder schämen, das thut weder mein Caro, noch meine Victoria, wiewohl ich schon manchesmal ein gutes oder böses Gewissen aus ihren Augen gelesen habe und sie daher eher als mancher Mensch vor ihrem Schöpfer bestehen könnten. Ekeln und schämen muß das Volk sich lernen. Warum kann es bei uns nicht werden wie in Holland, dem angenehmsten Fleckchen auf dem Erdenrund. Geht mir doch mit Euerem vielgepriesenen Italien und Spanien! Was hilft mir ein blauer 163 Himmel, wenn den Menschen, die darunter wandeln, die Lumpen vom Leibe fallen und sie sich auf offener Straße das Ungeziefer ablesen? Nächstes Jahr gehe ich mit meiner Familie nach Scheveningen und Sie sollen mit, Doctor, daß Sie sich von der Pracht überzeugen. Alles wie geleckt, Mensch, Haus und Feld. Meine Frau, die gute Seele, war nicht von hier fortzubringen, als das Elend so plötzlich unter uns losbrach, sonst wäre ich heuer schon hingegangen, nachdem die Ina aus dem Bade zurück war.«

»Aus dem Bade – das Fräulein?« fuhr Albrecht auf, einen leuchtenden Blick zu der jungen Dame hinüberwerfend.

»Sie war mit meiner Schwester in Ems,« versetzte der Baron und ging aus dem Zimmer, um nach den gehörten und gehaltenen erschöpfenden Reden, sich seine abendliche Herzstärkung zu brauen.

»Ach, in Ems!« seufzte der Doctor grausam enttäuscht.

Er war mit Fräulein Augustinen allein im Zimmer geblieben. Sie hatte sich gebückt, um ihr Taschentuch aufzuheben, das sie in merkwürdigem Ungeschick wieder einmal hatte fallen lassen und war von dem Bücken roth wie eine Päonie geworden. Der verwunderte Blick des Doctors schien sie zu verwirren; sie lenkte daher die Betrachtung in eine unverfängliche Bahn zurück, wennschon sie, wie der alte Herr meinte, ihre muntere Gesprächigkeit für gewöhnlich noch nicht wiedergefunden hatte.

164 »Mein Vater,« sagte sie lächelnd, »liebt es, mit etwas starken Farben aufzutragen; aber Recht hat er im Grunde gewiß. Es mag grausam klingen und demüthigend für den stolzen freien Willen, aber unsere fünf Sinne sind es, die sich dem Herzen und selber der Vernunft unüberwindlich entgegenstemmen. In den Sinnen wurzelt unser tiefstes Vorurtheil. Ich empfinde die sparsamen Freuden und strengen Entbehrungen der Armen und Niedrigen mit lebhafterem Antheil als die Schicksale meiner Gleichen; auch mein bischen Kopf, schilt der liebe Papa einen gründlichen Jakobiner. Ich erkenne die Menschen gleichmäßig zum Gutes thun verpflichtet und zum möglichsten Wohlbefinden berufen; jedes Ausnahmsrecht dünkt mich ein Unrecht. Allein ein gewisser Instinct bleibt unverbesserlich aristocratisch. Eine Geberde, ein Ton, ein anhängender Geruch etwa von Leim, oder Leder, Thran und schwarzer Seife, könnte mir den besten Menschen verleiden. Ich finde es daher schlechthin widernatürlich, wenn in einigen Romanen, die ich gelesen habe, Leute der verschiedensten Stände sich amalgamiren; wenn vornehme Damen sich in junge Handwerker verlieben, oder gebildete Männer Arbeiterinnen heirathen, da dieselben mit ihrer Erscheinung doch nothwendig unter den Einflüssen ihrer Handthierung und ihrer Umgebung stehen müssen. Habe ich Recht oder Unrecht mit dieser Auffassung, Herr Doctor?«

Albrecht Werner schwieg eine Minute lang tief betreten; er dachte an seine Mutter im dunstigen Waschhause und an seine Vergangenheit unter den Nachbarinnen des 165 Hinterhofs, er war sehr blaß geworden. Dann sagte er mit traurigem Ton. »Legen Sie diese Frage einem Unparteiischen vor, gnädiges Fräulein, nicht Einem, der selber aus dem Volke ist, und mit seinem ganzen Wesen unter dem Einflusse seiner Erziehung und seiner Umgebung steht.«

»Sie, Werner,« rief Augustine betroffen. »Aus dem Volke, Sie?«

»Aus dem ärmsten und niedrigsten, ja, mein Fräulein,« sagte Albrecht.

Augustine blickte eine Weile still vor sich nieder. Dann reichte sie ihm über den Tisch hinüber die Hand und sprach mit halbem Lächeln und einem herzbewegten Klang: »That ich Ihnen wehe, mein Freund, so vergeben Sie es mir. Ich, wir Alle haben Ihren Beruf für ein väterliches Erbtheil gehalten. Sprachen Sie doch oft und gern von dem guten und weisen Arzte, dem Sie so Vieles verdanken. Aber wer auch Ihnen das Leben gegeben haben mag, Sie haben die Brücke ja längst überschritten, welche die Bildung in höhere Lebenskreise schlägt. Sie stehen nicht mehr unter der Masse, die wir das Volk nennen, das Volk, das wir im Grunde ja doch einer wie der andere sind. Sie stehen nicht mehr unter dem Banne Ihres Herkommens, Werner.«

»Ich fürchte doch, – nein – ich hoffe es,« sagte Werner. Er widerstand der Versuchung die dargereichte Hand an seine Lippen zu ziehen, oder an sein Herz zu drücken. Der Baron trat bald darauf wieder ein; auch die Mutter und Levin gesellten sich zu ihnen. Der 166 Sohn der armen Waschfrau aber und das schöne Fräulein blieben in sich gekehrt, in stillen Gedanken.

Gleich nach dem Weihnachtsfest lief des Lieutenants Urlaub zu Ende und schien er nicht an Herzbrechen sterben zu wollen, als der biedere Ohm und Vormund, nach einem nochmaligen Zwiegespräch mit seinem Töchterchen, ihm am Abend vor seiner Abreise zu verstehen gab, daß er ihn vor der Hand noch zu gründlich Husarenlieutenant finde, um ihn zum Hausvater geschickt zu erachten und daß er ihm daher rathe, sich noch etliche Jahre mit Wettrennen und Cotillonstouren zu divertiren, bevor er daran denke, sich in's Ehejoch zu spannen. Junker Levin galoppirte auf seiner neuen Victoria aus dem Thore und Fräulein Augustine fühlte einen Stein von ihrem Herzen fallen, weit einen schwereren Stein als wenn sie früherhin einen Freier mit einem Korbe heimgeschickt. Und sie hatte schon manchen Freier mit einem Korbe heimgeschickt.

Fräulein von Findow auf Findow galt für eine Donna Diana in der Mark. Auch der alte Baron war es im Grunde des Herzens zufrieden, sich sobald noch nicht von seinem Augentrost trennen und die langgeplante Verbindung der Kinder aufgeben, oder mindestens in unberechenbare Ferne verschieben zu müssen. »Die Ina ist zu gut für den Jungen,« sagte er zu seiner Gemahlin Und seine Gemahlin fand, er hatte Recht.

*

167 So waren denn am Schluß des Jahres die vier Menschen allein mit einander in jeden Tag traulicher werdendem Verkehr; der Vater rüstig beim Wirthschaften und Jagen, die Mutter still in ihrem Zimmer über Zinzensdorfs Schriften und den mancherlei Berichten über Diakonissen- und Rettungshäuser, innere und äußere Mission. Doctor Werner würde Muße die Fülle zu wissenschaftlichem Forschen und Experimentiren gefunden haben, hätte nur nicht, es mußte wohl eine Wirkung der Landluft sein, eine früher wenig gekannte, oder gestattete Bewegungslust ihn durchaus nicht stätig in seinem Studirzimmer rasten lassen.

Wenn nun aber Fräulein Augustine, die allmälig zu ihrer früheren Munterkeit zurückgekehrt war, auf Schritt und Tritt mit ihm zusammentraf, so kann das nicht füglich Wunder nehmen, denn Fräulein Augustine machte gar keinen Hehl daraus, daß sie die Gesellschaft eines ärztlichen Rathgebers für ihren gesunden Menschen suchte; daß aber der Rathgeber in seinem »dunklen Drange« niemals dem alten Baron in dessen Wildparke, oder auf dem Wege zu Brennereien und Siedereien begegnete, sondern allezeit nur der in Wind und Wetter rüstigen Spaziergängerin, Fräulein Augustine; niemals der frommen Baronin, wenn sie allein im Familienzimmer saß, sondern wiederum allezeit nur dem seiner Blumen und Vögel wartenden schönen Fräulein, das mußte einem Rapport zugeschrieben werden, den Physiologen und Psychologen noch immer nicht hinlänglich zu erklären wissen.

168 Gar wunderliche Funken zuckten dann durch des Doctors junges Herz; ein Blitzen im Zickzack gleich dem der großen Electrisirmaschine, die er in einem oberen Saale vorgefunden, – (der Baron hatte sie einem früheren Pastor zu Liebe angeschafft,) –und wieder in Stand gesetzt hatte, um dem wißbegierigen Fräulein ganz allerliebste Kunststückchen darauf vorzuführen.

Da nun aber diese praktischen Experimente nothwendigerweise eine theoretische Erläuterung heischten und da, hat man nur erst einmal den weiten Mantel der Natur an der Franse eines Zipfels gefaßt, es schwer vermeidlich ist, nicht immer und immer tiefer in des Mantels Falten zu greifen, so entwickelte sich aus jenem ersten Funkenschlagen der electrischen Ballerie, zu dem Lehrherrn ein Autoritätsverhältniß, das sich seit Abälards Zeiten als ein nicht unbedenkliches erwiesen hat.

Um diesen bedrohlichen Nimbus zu neutralisiren, – zweifelsohne ist es aus keinem anderen Grunde geschehen, – maßte hinwiederum die Schülerin sich die Würde einer englischen Lehrerin an, einen Gegendienst, der schon aus Gründen der Bescheidenheit nicht füglich abgelehnt werden konnte, und soll die außerordentliche Befähigung Doctor Werners auch im Felde der Linguistik bei dieser Gelegenheit nicht ungerühmt bleiben.

In sechs Wochen profitirte er mehr von seiner Lehrerin, als diese, da sie noch Schülerin war, in sechs Jahren von ihrer Miß profitirt hatte; keine Stelle im Vicar of Wakefield, dieser lieblichsten Fiebel, die eine 169 fremde Sprache aufzuweisen hat, blieb ihm verborgen und als am Schluß der sonderbare Mister Burchall sich als reicher Lord entpuppt und die blutarme Pastorentochter heimführt in sein stolzes Castel, da gab Doctor Werner durch diverse Seufzer zu verstehen, wie glücklich ein Mann zu preisen sei, der die Geliebte also zu sich erheben dürfe. Fräulein Augustine aber entgegnete lächelnd: »Würde der edle Mann sie weniger hoch erhoben haben, wenn er zufällig kein reicher Lord, sie aber eine reiche Lady gewesen wäre?«

Albrecht Werner durfte und wollte derlei kaum mißverständliche Andeutungen nicht verstehen. Oft aber war ihm doch gar seltsam in der Nähe des schönen Mädchens zu Sinn. Ihm däuchte, er kenne sie schon lange, kenne sie von Ewigkeit her und bis auf den Grund, als habe er schon irgendwie in einem Verhältniß zu ihr gestanden, als brauche er nur ihre Hand zu fassen und zu sagen: »Dich habe ich gemeint, und Du bist die Meine.« Wonnige Träume und rauh mahnende Gedanken scheuchten sich in seinem Hirn und verscheuchten das gehegte Ideal der Dame im Schleier. Wochenlang hatte der Doctor das Kunstwerk über seinem Schreibtische keines Blickes mehr gewürdigt, ja, wäre es nicht von ihm vergessen gewesen, es würde wahrscheinlich längst im Kamin verlodert sein.

Die Familie Findow hatte wie frühere Jahre den Carneval in der Residenz verbringen wollen; keiner aber hätte einen deutlichen Grund angeben können, warum heuer die Reise von Woche zu Woche verschoben ward. 170 Dem Baron war auch außer der Jagdzeit wohler auf seinem Hof als auf dem Parket und der Baronin allezeit am wohlsten im stillen Kämmerlein; daß aber Fräulein Ina, die sich zwei Winter hindurch in Oper und Ballsaal wohl genug befunden hatte, in diesem Winter kein Verlangen danach trug, brauchte das eine weitere Erklärung, als daß man einem guten Jungen, den man kürzlich mit einem Korbe beladen hat, nicht gern im Ball- und Opernsaal unter Augen tritt? Die Findows blieben heim und freuten sich, heimzubleiben.

Gegen den Frühling hin trat dann die Periode ein; in welcher der alte Herr sein regelmäßiges Zipperlein zu bestehen hatte. Der frommen Dame Gewissen wurde anjetzo nicht mehr mit der Bereitung von Grog und Punsch unter ihren Augen behelligt, dahingegen blieben um so reichlichere Verstöße gegen das zweite Gebot ihrer stillen Fürbitte wieder gut zu machen überlassen. Das holde Töchterchen war Tag wie Nacht des geplagten Herrn Augentrost und wenn es seinem Aeskulap auch nicht gelingen wollte, ein schmerzstillendes Arkanum auszugrübeln, so soll doch gebührend erwähnt werden, mit welchem Erfindungsreichthum er in Gemeinschaft, oder mindestens in Gegenwart der schönen Pflegerin seinem Patienten die böse Zeit zu kürzen suchte. Seltsam aber! obgleich er ein Matador in der Kunst des Sechs und sechzig ward, dem alten Herrn eine Partie abzugewinnen, dazu hat er es niemals gebracht. Er sah auf diese Weise seine junge Freundin zwar selten noch allein, 171 aber stündlich in der für einen Arzt allerliebenswürdigsten Verfassung: als Krankenwärterin von unerschöpflicher Geduld und guter Laune, ja er war nahe daran sich zu gewöhnen, ihre offene Vertraulichkeit, mit geringerer Scheu als unter vier Augen, unter denen von Vater und Mutter zu erwidern.

Die schlimme Plage nahm ihren regelrechten Verlauf. Auf die Vorboten heimlicher Morosität, folgte die Hauptaction, wo der böse Feind, von der guten Natur auf das äußerste Fleckchen des Kampfplatzes gedrängt sein Terrain mit Berserkerwuth vertheidigt, aber keine Hoffnung mehr hat, es zu behaupten; und so ließ denn endlich auch die Zeit des Friedensschlusses vor der Hand auf ein Jahr sich voraus berechnen und es durften die Tage gezählt werden, wo der aufgedrungene Neptunismus der Küche, durch ein kräftigendes Vulkanisches System abgelöst wurde, wo der Baron mit drei Kreuzen in seinem Kalender den Ablauf der Suppen bezeichnete, »der Suppen, die alle sind aus dem Wasser entsprungen, die alle sind aus dem Wasser bereitet.«

Just in diese Tage froher Erwartung fiel nun aber der Termin eines wichtigen Geschäfts, das den Baron zu einer Besprechung mit seinem Notar in die Hauptstadt rief. Und das Untergestell des armen Herrn war immer noch mit dem Vließe eines Hammels umwickelt und der große Schnepfenzug konnte erwartet und verpaßt werden! Der arme Herr wußte seinem Leibe keinen Rath. Ein Glück, daß er ein kluges Töchterchen zum Berathen und einen noch klügeren Doctor zum Aushelfen besaß. Der Doctor 172 erbot sich als Unterhändler an Ort und Stelle und faßte, – es ist baß unglaublich, wie rasch so ein Doctor die kopfzerbrechendsten Angelegenheiten zu fassen vermag! – den verwickelten Auftrag, bevor der Auftraggeber ihn nur deutlich auseinandergesetzt hatte.

»Ich möchte, Ina, daß wir den Doctor für allezeit bei uns behalten könnten,« sagte der Baron.

»Ich auch, Väterchen,« versetzte Fräulein Ina.

Der Doctor dahingegen, wenngleich es ihm schwer genug ankam, sich auch nur auf Tage aus dem Paradiese seiner Gegenwart zu entfernen, der Doctor ergriff das hülfreiche Geschäft nicht völlig frei von eigennützigen Hintergedanken. Seit Monaten war er jeden Abend unter den Gaukeleien rosiger Amoretten eingeschlummert und jeden Morgen beim Erwachen klopfte an die Pforte seiner Vernunftskammer der »rauhe Mahner Pyrrhus« mit der unbescheidenen Frage: »Wenn das Idyll dieser Sonnenwende abgelaufen ist, was dann mit Dir, Albrecht Werner?« Während des hauptstädtischen Aufenthaltes konnte nun aber wohl leicht dieser und jener Schritt gethan werden, um dem rauhen Mahner eine Antwort zu geben.

Er hatte sich eines Morgens der werthen Familie empfohlen und war im Begriff, seinen Mantelsack zu schließen, als plötzlich Fräulein Augustine mit einem letzten väterlichen Auftrage in sein Zimmer trat. Es muß angenommen werden, daß die märkische Donna Diana einen Hausdoctor, auch wenn er nur vier Jahre mehr zählte als sie selbst, mit einem andern Maaße 173 maß, als junge Fräulein, die von einer Miß erzogen worden sind, ihre erklärten oder stillen Verehrer zu messen pflegen; sie würde sonst ja wohl durch den alten Gottlieb den Herrn Doctor in das Familienzimmer beschieden haben, anstatt sich ohne Umstände persönlich in sein Revier zu begeben.

Wie dem aber auch sei, das Fräulein war da, hatte ihren Auftrag ausgerichtet, dem Scheidenden noch einmal herzhaft die Hand gedrückt und war im Begriff sich in des Doctors Begleitung wieder zu entfernen, als ihr Blick im Vorüberstreifen auf die Kreidezeichnung der Dame im Schleier über dem Schreibtische fiel.

»Ein Portrait?« fragte sie, mit einem Ausdruck, der zwischen Vorwurf und Schelmerei die Mitte hielt.

»Ein Phantom! – der Traum einer Sommernacht,« antwortete der Doctor, verlegen, als ob er sich wegen einer Missethat zu entschuldigen habe.

»Ich wußte nicht, daß Sie auch Maler seien, Doctor.«

»Ich spielte auch nur zum letztenmale mit einer kleinen Fertigkeit in einigen unfreiwilligen Mußestunden.«

»Die wohl mit der Schmarre auf Ihrer Wange zusammenhängen?«

»Wie kommen Sie darauf?« rief Werner dunkel erröthend.

»Nur darum, weil unter dem Bild der letzte Juniustag verzeichnet ist, und ich durch Ihren ärztlichen Einfluß erfahren genug geworden bin, um das Datum Ihrer Wunde als zusammenfallend mit jenen unfreiwilligen 174 Mußestunden berechnen zu können. Doch scheinen es glückliche Stunden gewesen zu sein; denn das Bild ist mit sichtbarer Liebe gezeichnet. Aber warum haben Sie das Gesicht verschleiert?«

»Weil das Original, ich meine das Phantom, gleichfalls einen Schleier trug.«

»So hätte man wohl kein Recht zu fragen, ob das verschleierte Original – oder Phantom – auch einen Namen trägt und welchen?«

»Sie würden das Recht haben, jegliche Frage an mich zu stellen, theuere Augustine,« versetzte Albrecht, indem er des Fräuleins Hand an sein Herz drückte; »nur daß ich auf diese die Antwort schuldig bleiben müßte. Ich kenne den Namen des Originales nicht, habe die verhüllten Züge niemals mit Augen gesehen.«

»Und doch mit so viel Liebe gezeichnet?«

»Ich sagte Ihnen ja ein Traum, ein Spiel der Phantasie.«

»Wenn's nichts weiter ist, so schenken Sie das Bild mir, Werner,« rief Augustine muthwillig, indem sie das entthronte Ideal von dem Nagel zog. »Ich bin eitel genug, um nicht zu dulden, daß in meiner Nähe, wären es auch nur Traumbilder mit freundlichen Augen angesehen werden.«

Und mit einer raschen Bewegung floh sie an ihm vorüber und ihm voran die Treppe hinab

*

175 Das Findow'sche Geschäft in der Residenz wickelte sich über Erwarten leicht und zufriedenstellend ab; gleichzeitig aber wurde unser bescheidener junger Freund beim Betreiben seiner persönlichen Angelegenheiten auf das Freudigste überrascht, sich in medicinischen Kreisen als keinen völlig Unbekannten zu finden. Ein trefflicher Ruf war ihm bereits durch einen früheren Universitätslehrer geschaffen worden; seine Berichte an die Behörden während des Grassirens der Epidemie hatten diesen Ruf unterstützt und einige lichtvolle Beobachtungen und sanitätische Vorschläge, zu denen er zwischen den Gaukeleien seiner idyllischen Träume und Schäume sich zusammengefaßt, hatten bei bedeutenden Männern freundliche Aufnahme gefunden. So sah er sich denn von allen Seiten zuvorkommend aufgenommen und zum Vorwärtsschreiten ermuthigt. Der Vorschlag eines berühmten klinischen Arztes, zum Winter als Assistent in seine Praxis einzutreten, enthob ihn alles unsicheren Umhertastens; ein Feld reicher Wirksamkeit lag ihm eröffnet: er nahm sich vor, die süße Mußezeit möglichst abzukürzen und sich Lockungen zu entziehen, denen er sich allzu willig überlassen hatte.

Mit diesem Vorsatze kehrte er von der Besichtigung eines großen Krankenhauses zurück; morgen wollte er heim nach Findow reisen und so bald er durfte, Abschied von dem theueren Orte nehmen; Abschied für allezeit! – Dieser bänglichen Perspective wurde er in der Nähe der Universität durch die unerwartete Begegnung seines 176 einstigen Untergesellen, Freundes und Pflegers, des großmüthigen Hermes, in willkommener Weise entrückt.

Der kleine Hermes trug jetzt den Namen seines irdischen Vaters, will sagen, Kermes, er that keine Herolddienste mehr, sondern schwitzte unter schweinsledernen Pandecten und Institutionen: er hatte die bunten Falterflügel abgestreift und sich in eine unscheinbare Raupe umgepuppt. Aber schon die stürmische Umarmung that kund, daß unter dem braunen Philisterrock das olympische Herzblut unzersetzt wogte und wallte.

»Ilion muß brennen!« rief er, indem er seinen Arm in den des Albertus Magnus henkelte, und ihn in unterirdische Kellerräume zog, die vor denen des einstigen Burgverließes nicht gering zu schätzende Vorzüge aufzuweisen hatten. »Die Rache meines Durstes ist ungeheuer! Blut muß ich sehen! Doppelt geladen! Donner und Blitz bis Einer am Boden liegt!«

Da der junge Gott kürzlich seinen Wechsel bezogen hatte, fand der Handel eine gründliche Erledigung. Die Pfropfen sprangen, und in der That blieb Einer für todt am Platze, der am anderen Morgen in seinem Bette erwachte, ohne daß er wußte, wie er hineingerathen war.

Während aber diese nicht ungewohnte Katastrophe sich vorbereitete, muß über ein Zwiegespräch berichtet werden, das auch den nüchternen Partner in einen ungewohnten Taumel versetzte.

»Und nun, erzähle, amicus,« fragte Albrecht, nachdem sie unter den leuchtenden Gasflammen Platz ge 177nommen und mit den grünen Römern auf treue Kameradschaft angestoßen hatten. »Wie treibst Du's in der Residenz?«

»Ich schöpfe Weisheit an ihrer Quelle,« antwortete Kermes-Hermes, bereits gründlich wieder Gott.

»So hat die erschöpfte Welt einen Meister zu erwarten. Aber, Freund, wie fassest Du das Ding wohl an?«

»Noch bewährten Regeln. Wo gäbe es was Neues unter dem Sonnen- und Sternenhimmel? Verschlafe die Zeit, verlerne das Denken und mache stets ein Schafsgesicht –«

»Et caetera! Allerdings die Weisheit ist alt –«

»Sie ist ewig. Und wer durch sie nicht groß wird, der hat kein Wachsthum in sich. Ich werde es weit bringen, sage ich Dir. Nun aber Du, Paris, der Du aus Ilion plötzlich verschwunden warst. Auf welchem Ida hast Du die Zeit über geweidet?«

Albrecht berichtete mit kurzen Worten über seine Aussichten für kommenden Winter und seine gegenwärtige angenehme Station im Hause des Barons Findow auf Findow.

Bei dem Namen Findow prallte der Kleine von seinem Stuhle in die Höh', als hätte ihn die Tarantel gestochen. »Findow!« schrie er. »Hat sich, beim Zeus! der Duckmäuser dem Tyndarus in's Nest gekrabbelt! Findow! Nun, ich gebe meinen Segen. Wie weit bist Du mit der Helena?«

178 »Ueber den Blödsinn!« entgegnete Albrecht unwillig. »Mit welcher Helena?«

»Mit Deiner, oder von Rechtswegen mit meiner Helena. Dein Baron ist doch Vater?«

»Von einer Tochter, allerdings.

»Das Factum stimmt! Es ist Helena, und Du blöder Schäfer sitzest in der Wolle und merkst es nicht einmal.«

»Sprich deutlicher, Kermes, wenn ich Dich verstehen soll.«

»Mit klaren Worten also: die neue Helena entsprang dem märkischen Geschlechte der Findow.«

»Woher weißt Du das?« fuhr Albrecht auf.

»Und das fragst Du mich? Giebt es eine Schönheit, die einem Sohn des Zeus entschlüpft? In den Thermen von Ems –«

»Von Ems – –?«

»In den Thermen von Ems suchte sie Schutz vor meiner Rache. Sie war nur auf der Durchreise in der vermaledeiten Saline.«

Wie Schuppen fiel es von Albrecht Werners Augen. Er überließ den Gott und seinen fernerweitigen Durst ein Paar eintretenden Kameraden, eilte in sein Gasthaus, packte im Fluge seine Sachen, um noch mit dem Abendzuge nach Findow abzureisen. Binnen einer Stunde saß er im Coupé und allein. Es schwirrte vor seinen Sinnen. Augustine seine Heldin von jener Mittsommernacht; Augustine sein heimliches Traumbild, die Dame im Schleier mit dem Rosenstrauß! Thor, der er ge 179wesen, sie nicht zu erkennen beim ersten Blick und Laut! Diese mattgelbe Lockenfülle, dieser silberne Glockenton, und vor Allem dieses offene, herzhafte Behaben, eignete auf der Welt es noch einer Zweiten außer seiner Dame im Schleier?

Sie aber, sie hatte ihn erkannt auf den erstens Blick und Laut; sie hatte ein Herz zu ihm fassen lernen; sie ahnte seine Liebe früher, als er selber sie geahnt, sie liebte ihn wieder, ja sie liebte ihn! Er lebte in Gedanken Tag für Tag, Scene für Scene, Wort um Wort diese Sonnenwende nach, in welcher sein neues Leben, ein wahres Leben begonnen hatte; von jenem ersten schüchternen Begegnen an, bis zu dem letzten, das nahezu ein Geständniß war; und wie er über dieses Geständniß hinaus eine Kette in nahende Stunden zog, da rieselten Schauer über seinen Leib, wie er sie noch niemals empfunden hatte; die Augen fielen ihm zu, im halbwachen Traume spann der Zauber sich immer näher und näher, dichter und dichter um sein Herz; er hielt ein schönes Weib in seinem Arm und flüsterte in ihr Ohr, was kein Menschenmund nachzuflüstern vermag, und – –

Da jach ein Ruck, ein Pfiff, »Station Berg,« schrie der Schaffner in das Coupé. Der Träumer fuhr in die Höh'; er wischte heiße Tropfen von seiner Stirn und aus den Augen Thränen, die er im Schlummerrausche geweint hatte. Der Morgen dämmerte.

Er hatte auf Station Berg die Eisenbahn zu verlassen; das Gut lag eine kleine Meile seitab; der 180 Findow'sche Wagen sollte ihn erst mit dem Mittagszuge erwarten. Albrecht hatte Bekannte im Ort, bei denen er einkehren durfte, aber jede Minute des Säumens dünkte ihm ein Raub. Er schlug zu Fuße den Heimweg ein.

Niemals im Leben war eine Wanderung ihm erquickender vorgekommen. Noch schimmerte hin und wieder ein weißer Streifen zwischen dem Grün der Wintersaat, ein Hauch von Crystall glitzerte an den hangenden Fichtenzweigen; schon aber wirbelten die ersten Lerchen schmetternd in die Höh', der Sonne zum Gruß, die aufstieg klar und groß wie ein Gottesauge. Dem jungen Manne fiel ein, daß es seine Geburtstagssonne sei, in die er schaute. Der Tag, von Anderen unbeachtet, von ihm selber häufig vergessen, war ihm bisher kein Fest gewesen. Die Thränen der armen Mutter hatten ihn nur daran erinnert, daß es der Sterbetag seines Vaters sei. Er hatte diese Thränen gesehen halb mit Schlummeraugen und gehört, halb im Traum, ein »Gott behüt!« wenn die alte Frau ihrem »Märzlämmchen« die rauhe Hand auf die Locken legte und dann rüstig wie alle Tage an ihre Arbeit ging. Das war die ganze Feierlichkeit; seitdem er aber Schüler und Student geworden, hatte auch diese aufgehört. Heute dahingegen welch' ein Wandel; die ganze Welt trug ein Feierkleid, Jubelhymnen schwirrten in der Luft und in dem Herzen eitel Wonne und Liebe.

In so froher Stimmung, von keinem rauhen Mahner behelligt, langte er auf dem Gute an. Im Hofe waltete 181 schon reges Leben; aber im Hause war alles still, Keiner hatte sein Kommen bemerkt. Als er sein Zimmer betrat, fiel der erste Blick auf einen blühenden Rosenstrauß: ein Willkommen dem Erwarteten! und der zweite Blick auf ein Lichtbild des Originals an Stelle der Copie der Dame im Schleier; er drückte seine Lippen auf das kleine Bild, drückte seine schwimmenden Augen in den Strauß, er berauschte sich in dem süßen Duft; er wußte sich nicht zu fassen. Ein Brief lag neben dem Strauße, das Papier war grob, die Aufschrift die einer zitternden Hand. Der Mutter Hand. Aber er hatte keine Ruhe den Brief zu lesen; er steckte ihn zu sich und eilte aus dem Zimmer. Sie war ja schon wach; sie hatte die Rosen in der Frühe im Treibhause für ihn gepflückt; sie mochte im Garten sein, – zu ihr – zu ihr!

Er flog die Treppe hinunter. Als er das Vorzimmer berührte, stand sie ihm gegenüber; im weißen Morgenkleid, das Angesicht in Rosengluth getaucht, er stürzte vor ihr nieder, mit ringendem Athem preßte er ihre Hand an seine Lippen und stammelte nichts als: »Du bist – Sie.«

»Blinder!« flüsterte sie, lächelnd in holder Verwirrung. »Lieber – Blinder!«

Sie zog ihn in die Höhe; er schlang den Arm um ihren Leib und gab das wonnigliche Pfand zurück, das er dereinst von ihren Lippen empfangen hatte. Sie riß sich von ihm los, öffnete das Zimmer ihres Vaters und drängte ihn hinein. Halb bewußtlos taumelte er über 182 seine Schwelle. Augustine ging rasch in das Cabinet ihrer Mutter.

Die fromme Frau lag vor ihrem Betpulte auf den Knieen, den Blick nach Morgen gewendet, dessen goldenes Licht die stille Gestalt wie mit einem Heiligenschein umleuchtete. Die Tochter trat leise an sie heran, schlang die Arme um ihren Hals und sprach mit zitternd bewegtem Klang:

»Ja, danke, Mutter, danke. Auch aus meiner Seele, danke!«

»Was ist Dir, Kind,« fragte die Baronin, sich erhebend. »Deine Augen flimmern und Dein Herz schlägt, daß ich's höre. Was hast Du?«

»Ich habe das Glück; ich habe – ihn!« rief Augustine. »Hast Du es nicht gefühlt, Mutter, daß Er – Er es war – –«

»Werner – Augustine?«

»Albrecht Werner, ja, der welcher in jener Nacht –«

»Fasse Dich, Kind,« sagte die Mutter, indem sie beschwichtigend ihre Hand auf die Stirn der Tochter legte. »Die unglückliche Begegnung ist Dir zur fixen Idee geworden. Bekämpfe dieses Spiel der Phantasie, dieses gefährliche, ja sträfliche Empfinden.«

»Ich habe es bekämpft, Mutter, und ich würde es besiegt haben, Du weißt es. Nun aber, da eine liebende, Hand mir zum zweitenmale den entgegenführt, mir als Freund entgegenführt, den, welcher sich auf geheimnißvolle Weise, sei es wie Du sagtest nur meiner Phantasie bemächtigt hatte, nun lasse ich ihn nicht, nun ist er mein. 183 Und verdient er es nicht, Dein Sohn zu werden, Mutter? Weißt Du einen besseren Menschen als Albrecht Werner?«

»Er ist ein edler, junger Mann, ich ehre ihn, Augustine, und ohne das Mißverhältniß zwischen ihm und Dir –«

»Ein edler junger Mann und ein Mißverhältniß zu Deiner Tochter? Du beleidigst mich und Dich selbst, Mama. Was wäre in seiner Natur, das mit der meinen einen Mißklang gäbe?«

»Nicht in seiner Natur, aber in seinen Verhältnissen, Kind. In der Ehe schwinden die Illusionen und das Leben schneidet scharf. Albrecht entstammt einem Blut, er ist in einem Stande geboren –«

»Und das sagt meine Mutter, die Seelenfreundin jener armen Handwerker und Fischer, von welchen das Heil in die Welt getragen worden ist?«

»O, daß wir im Lichte wandelten, mein Kind! Daß es eine Wahrheit wäre mit dem Himmelreiche schon hienieden! Aber Du kennst die Welt nicht, Augustine; Du ahnest die Kämpfe dessen nicht, der ihren Satzungen trotzt –«

»So laß uns kämpfen, Mutter!« rief das schöne Mädchen und ein hehres Feuer loderte in ihrem Blick, »kämpfen gegen alle falschen Geister unter dem Himmel. Bin ich ein zartes Püppchen, das sich brechen ließe wie ein Rohr? Und gestützt auf einen Mann wie Albrecht Werner, o, es müßte eine Lust sein zu kämpfen gegen diese thörichte, kleine Welt! Aber leider, leider,« – setzte sie mit einem silbernen Lachen hinzu, »ich habe gar 184 keine Aussicht auf einen lustigen Kampf. Alles liegt so gemächlich geplant, daß ich nur wie zu einem Spaziergang vorwärts zu schreiten brauche.«

»Du vergißt Deinen Vater, Augustine, Deinen alten Vater, dem es unmöglich sein würde – –«

»Nichts ist einem guten Menschen unmöglich, dem das Herz auf der rechten Stelle klopft. Höre selbst, Mama, wie unser lieber, alter Herr dem Doctor Werner die Hand seines Töchterchens, nicht etwa bewilligt, sondern sie ihm bietet. Sprich ein gutes Wort zu rechter Zeit, Du fromme, kluge Mutter. Ich gehe hinunter in den Garten.«

Sie öffnete hinter der Portière leise die Thür, die in des Vaters Zimmer führte, umarmte hastig die Mutter und schlüpfte aus dem Cabinet. In seltsamer Bewegung trat die Baronin unter die geöffnete Thür, lauschend auf den Schluß des Gesprächs, –im Grunde war's ein Monolog, – das ihr Gemahl mit dem jungen Arzte erhoben hatte. Sie verbarg sich nicht; aber keiner bemerkte ihre Gegenwart: der Baron hatte ihr den Rücken zugewendet, Albrecht Werners Blicke wurzelten am Boden.

»Ich will bei grauen Haaren nicht zum Schalksnarren, werden,« sagte der alte Herr, »und Ihnen weis machen, junger Freund, daß die Geschichte nach meinem Sinn ist. Mein seliger Vater und meine Vorfahren seit circa tausend Jahren werden sich über meine Schwachheit im Grabe 'rumdrehen. Aber am Ende mein Vater und meine Vorfahren sind todt; im Himmel soll's eine andere 185 Rangordnung geben; die untersten sollen zu oberst sitzen, wie Adelheid und die Pastores sagen, und meine Ina steht mir näher als Vater und Vorfahren, denn meine Ina lebt und soll leben, und soll glücklich leben. Und darum, und weil Sie mir gefallen, junger Mann, und ich Sie gern für allezeit bei mir behalten möchte, und – und na, na, und weil die Ina nun einmal partout es nicht anders haben will, darum schlage ich Ihnen vor, werden Sie mein Sohn, Doctor Werner. Sie sind ja ohnehin eine Waise, gelt?«

»Mein Vater ist todt,« versetzte Albrecht kaum hörbar, während sein Herz fast hörbar gegen den Brief der Mutter hämmerte, den er ungelesen darauf verborgen hatte.

»Um so besser!« fuhr der Baron fort, »so kommt mir keine fremde Sippschaft in's Gehege. Sie werden mein Sohn auch dem Namen nach, der sonst mit mir zu Grabe getragen würde. Werner von Findow, gelt, das klingt? Den Adel schlägt mir mein allergnädigster Herr nicht ab, insofern ich meine Güter zum Majorat mache, und warum sollte ich sie nicht zum Majorate machen? An einem Jungen wenigstens wird's doch die Ina nicht fehlen lassen. Wenn aber die Ina nicht will, ich meine das mit dem Majorat, na, da thut's Majestät auch ohne das. Sie hat ja alle Jahre die Gnade, meiner Sauhatze beizuwohnen und die wilden Sauen werden heutzutage rar, die vierbeinigen nämlich. Den Pflasterkasten hängen Sie natürlich an den Nagel, Doctor. Sie leben mit der Ina hier bei mir; 186 ich brauche das Kind nicht her-zugeben und alles geht wie die Blitzdirne sich's in ihrem schlauen Köpfchen ausgeheckt hat. Nun was sagen Sie dazu, Werner? Sind Sie doch geradezu wie auf den Mund geschlagen?«

Albrecht stand wie betäubt unter dem Strom von Glück, der sich so jach über ihn ergoß. Ob seine Sprache gelähmt war, ob er das rechte Wort nicht zu finden vermochte? – er führte nur stumm die Hand des alten Mannes an seinen Mund und eine heiße Thräne tropfte darauf nieder.

»Ziehen Sie sich zurück, lieber Werner,« sagte vortretend die Baronin, indem sie dem jungen Manne herzlich die Hand drückte. »Halten Sie Rath mit Ihrem Gott. So große Entschließungen sind nicht im Augenblick der Ueberraschung zu fassen.«

Albrecht entfernte sich. Frau von Findow umarmte ihren Gemahl; ihre stillen Augen schimmerten feucht. »Der Herr hat Großes in Dir gewirkt, August,« sagte sie.

»Der Herr?« versetzte der biedere Baron. »Ich habe, meiner Seel! nichts vom Herrn bei der Geschichte gemerkt. Die Ina hat's bewirkt und das Zipperlein. Die haben gebohrt und gezwickt so lange, bis das Loch im Stammbaum fertig war. Der liebe Gott und mein Vater selig mögen mir die Sünde vergeben, – wenn's eine ist.«

*

Wie viel mehr noch als in jener Juniusnacht glich heute Freund Werner dem armen Wanderburschen, der in einem Zauberschlosse Herberge suchte und am Morgen 187 als Königssohn erwachte. Alles was er um sich sah, mehr als sein Herz jemals gehofft und ersehnt hatte, alles war sein. Ja mehr als er ersehnt! denn seltsam! unter dem Füllhorn von Glanz und Glück, das seine Arme kaum zu umspannen vermochten, spürte er einen dumpfen Druck wie den einer Last. Noch unterschied er nicht, war noch nicht im Stande zu prüfen, wo die Last ihn drückte, ob im Herzen, oder im Hirn; er empfand sie nur dunkel, wie jedes beginnende Leiden empfunden wird. Seine Augen ruhten starr auf dem Bilde der Geliebten, die nun sein geworden war; er preßte es an sein Herz, als wäre es sie selbst, um das, was heimlich drinnen klopfte, still zu machen, und unter dem Drucke seiner Hand hörte er das Knistern des Briefes, den er dort verborgen und – vergessen hatte.

– Nun auf einmal wußte er, was ihn heimlich gemahnt und seine Wonne gedämpft hatte: das Gedächtniß seiner Mutter!

Er erbrach den Brief in zitternder Hast. Es war der erste, den er von der alten Frau empfing. Kaum vermochte er die bleichen, krausen Schriftzüge zu entziffern; denn waschfertige Finger sind keine schreibfertigen, zumal wenn sie unter Fieberschauern beben. Mutter Werner war krank. Sie hatte seit Wochen an keiner Wanne mehr gestanden und hielt sich auf ein noch längeres Ausruhen gefaßt.

»Mein Feierabend kommt,« so schrieb sie. »Die Gliedmaßen sind schwach und steif. Aber das war ein gesegneter Arbeitstag, der anjetzo auf die Neige geht. 188 Mein Sohn, Du hast mir eitel Freude gemacht und niemals Kummer und niemals Schande. Halte Deine alte Mutter in Ehren, wenn sie im Grabe liegt, und bleibe auf den Wegen Deines Vaters. Morgen ist der Tag, daß er zum letzten Male in den Schacht gegangen ist. Dreiundzwanzig Jahre sind's her und Leberecht hieß er. Lebe recht, mein Sohn und lebewohl. Ich will nun zusehen, wie es meinen Elfen drüben derweile gegangen ist. Wenn sie alle gerathen sind wie Du, wird's eine selige Ewigkeit geben.«

Ein Trauerschleier senkte sich über des jungen Mannes üppig aufgeschossenes, frisches Glück; er sah seine alte Mutter schmerzgequält auf ihrem einsamen Lager, vielleicht auf ihrem Sterbelager. Und sie, diese Treueste, ihr mühseliges Tagewerk, ihren ehrlichen Namen, das gute Loos, das sie im Schweiße ihres Angesichts ihm vorbereitet hatte, ja, seine Wissenschaft den Beruf, für welchen sein alter Wohlthäter ihn erkoren und in dem er sich gelobt hatte, der Menschheit zu vergelten, was zwei von ihr an ihm gethan, alles, was Dankbarkeit heißt, stand er im Begriff aufzugeben für ein müheloses Dasein, – für das Glück. Hatte die höchste Liebe dieses Recht? Konnte das angebetete Mädchen dieser Mutter Tochter werden, Kindestheil an ihrem Schicksal tragen?

Nein! sprach sein Gewissen und sein Verlangen ja! Angst und Qual zog in die Brust, die vor einer Viertelstunde noch freudevoll gezittert hatte. Die Zimmerluft beklemmte ihn; er riß die Fenster auf; dann aber, er wußte selber kaum, was er that, und warum er es 189 that, wickelte er den welken und den blühenden Strauß in den Brief der Mutter, barg sie unter seinen Rock und ging in den Garten. Wollte er die Geliebte suchen? wollte er sie fliehen? Er irrte weiter und weiter ohne Begegnung, ohne Entschluß.

So kam er an den Ausgang des Parks; vorüber an der Kirche, unter welcher die Ahnen der Findows ruhten; hinein in den Gottesacker. Eine leichte Schneedecke lag noch zwischen den Gräberwellen, die nirgend ein Liebes-, ein Namenszeichen trugen. Ach solch ein schmuckloser Hügel deckte wohl bald das treueste Herz; so kahl und unbezeichnet war die Stätte aller derer, zu denen er gehörte von Ewigkeit her. Und er, er sollte dereinst ruhen in einer stolzen Gruft, vielleicht unter einem kunstvollen Monument, das er sich nicht durch ein thatvolles Leben verdient, sich nicht selbst erworben hatte?

Er setzte sich auf das jüngste Grab und las noch einmal den Brief der Mutter; dann blieb er eine Weile ohne sich zu regen, das Gesicht in die Hände auf seinen Knieen vergraben, und endlich erhob er sich rasch, legte die welken und die blühenden Rosen auf den Hügel, zum Zeichen, daß er Erinnerung wie Hoffnung in sein Grab versenke, und verließ den Friedhof, nicht mehr schwankend, wie er gekommen, sondern gefaßt, als seiner Mutter Sohn.

Ohne umzublicken durchschritt er das kleine Dorf, trat in das Wirthshaus, forderte Schreibzeug, riß ein 190 Blatt aus seiner Brieftasche und schrieb mit fliegender Hand und hoch gerötheten Wangen.

»Gnädiger Herr!

In dem Augenblicke, wo Sie mit großherzigem Opfer mir ein unausdenkbares Glück in Aussicht stellten, erreichte mich dieses Abschiedswort meiner Mutter. Es bedarf keiner Erklärung. Meine Mutter ist eine um Tagelohn arbeitende Wittwe, die im Schweiße ihres Angesichts, unter Entsagungen, die nie vergolten werden können, ihren Sohn der eigenen dunklen Sphäre enthob. Was irgend Gutes in mir ist, oder werden könnte, ich danke es ihr, was irgend mich würdig machen könnte, mich edlen Menschen einzureihen, ich danke es ihr.

Sie fühlen es, gnädiger Herr, daß ich nicht ohne Unehre mich diesem treuen mütterlichen Boden entziehen, einen Namen nicht verläugnen darf, den sie rein erhalten hat unter Versuchungen, die nur der Arme kennt; den Beruf nicht aufgeben, zu welchem sie mit ihrer Hände Arbeit mir die Bahn gebrochen. Indem ich an das Krankenbett, vielleicht an das Sterbebett meiner Mutter eile, sage ich Ihnen, edler Mann, und Ihren unvergeßlichem Hause Lebewohl und einen Dank, der will es Gott, nicht mit diesem Leben enden wird.«

Als er diese Zeilen vollendet hatte, fühlte er sein Herz erleichtert; aber er schämte sich nicht der Thränen und nicht des Zitterns seiner Hand, während er dem Abschiedswort an den Vater auch eines an die Tochter folgen ließ. An sie adressirte er dann auch den Doppelbrief, legte den seiner Mutter bei, bat den Wirth um eine be 191schleunigte Bestellung und schlug den Weg nach der nächsten Station ein, den er vor wenig Stunden mit so viel anderen Gefühlen gekommen war.

Augustine war während dessen ungeduldig aus dem Garten in ihr Zimmer zurückgekehrt. Die Unterredung mit den Eltern konnte längst zu Ende sein. Wo blieb der Freund? warum verzögerte er ihr Glück? Sie hätte ihn gern nur einen Augenblick allein gesehen, bevor sie gemeinsam mit ihm noch einmal dem guten Vater dankte; nun ging sie ohne den Freund nach des Vaters Zimmer. Der Kammerdiener begegnete ihr; erröthend frug sie nach Doctor Werner und erfuhr, daß derselbe schon vor einer halben Stunde in den Garten gegangen sei. Dort mochte er sie gesucht und verfehlt haben; sie eilte ihm nach.

Eine Spur frischer Schritte war der Schneedecke eingeprägt, welche in den dichtverwachsenen Alleen die Sonne noch nicht aufgezehrt hatte. Die Spur führte sie weiter und weiter und je weiter sie ihr folgte, um so unruhiger wurde sie. Er entfernte sich von ihr. Bedeutete das ein Schwanken, bedeutete es Flucht?

Am Pförtchen des Friedhofes hält sie still; eine unsagbare Bangigkeit befällt sie, als sie auch hier die Tritte noch verfolgen kann bis zu dem letzten Grabe. Sie gewahrt den frischen Rosenstrauß, sie erkennt auch den welken an dem Bande, mit welchem sie ihn an jenem Juniusabend zusammengebunden hatte. Sie sieht ihr Urtheil gesprochen, ahnt das Opfer, das sie nicht 192 begreift, und sinkt wie vernichtet vor dem Grabe in ihre Knie.

Eine Weile ohne Maß lag sie mit der Stirn auf dem todten Hügel, da hörte sie Schritte; sie raffte sich auf. Ist er's? Nein, es ist der Wirth; sie empfängt aus seiner Hand die Botschaft, die sie mit flimmernden Augen überfliegt. Ihre Glieder zittern, die Sinne schwinden ihr, von Neuem sinkt sie vor dem Grabe zusammen.

Aber nur einen Augenblick; Kraft und Besonnenheit kehrten rascher zurück, als sie geschwunden. Sie erhob sich, sah sich nach dem Wirthe um, der sich unbemerkt entfernt hatte, rief ihm nach, eilte ihm nach und erreichte ihn auf der Schwelle seines Hauses.

»Wie lange ist es, daß Doctor Werner Ihnen den Brief gegeben hat?« fragte sie.

»Eine gute halbe Stunde,« lautete die Antwort.

»In der Richtung auf Berg?«

»Zu dienen.«

»Wird man ihn einholen können?«

»Zu Fuße nicht; er nahm den kürzesten Weg und einen starken Schritt.«

»So spannen Sie an und fahren mich nach Berg.«

Ehren-Jobst zögerte bedenklich, unter mancherlei Entschuldigungen.

»Der erste beste Karren genügt!« rief das Fräulein, »nur rasch, rasch!«

Binnen zehn Minuten saß die Edle der Findow an der Seite des Schenken von Findow auf einem 193 Leiterwagen, bespannt mit einem knickschäligen Gaul, dem einzigen, der nicht auf dem Felde ackerte. Sein Trott auf der holprigen Straße, welch' ein Hohn auf die Ungeduld der Dame, die ein Flügelpaar noch nicht eilig genug befördert haben würde. In einer Stunde ging der Zug nach Süden hin ab. Keine Minute durfte verloren werden. War es doch, als ob das Heil der Welt an jeder dieser Minuten hange.

Das Fräulein hetzte und trieb. Ehren-Jobst erlaubte sich die bescheidene Frage, ob etwa der gnädige Herr Baron in sein böses Zipperlein zurückgefallen seien? Statt der Antwort nahm das Fräulein, das schon als Backfisch eine Pony-Equipage resolut zu regieren verstanden hatte, die Leinen des Gauls in ihre Hand. Ehren-Jobst, um doch auch etwas zu thun, hieb unbarmherzig auf die arme steife Mähre ein. Aber was half's. Die Minuten rannten rascher, als die arme, steife Mähre.

Endlich, endlich taucht in der baumlosen Ebene zur Rechten der Bahnhof auf; aber wehe! gleichzeitig braust von der Linken der Zug heran und es ist ein Courierzug! Die arme Mähre keucht und trieft. Das Fräulein zittert. Jetzt hält der Zug und jetzt der Karren. Das Fräulein läßt die Leine fallen und springt herab. Sie stürmt auf den Perron – ein schriller Pfiff – – sie hat das hinterste Coupé erreicht, – ein jacher Ruck, die Maschine schnaubt von dannen.

Das Elternpaar daheim hatte während dessen keine 194 gelindere Geduldsprobe zu bestehen gehabt, als das Töchterchen auf der holprigen Straße: Die erste Stunde ertrug sich zur Noth; die Ina war ja in den Park spazieren gegangen und der Doctor auch; der Doctor und die Ina liebten Parkpromenaden, und verliebten Leuten, so sagt man ja, – erfahren hatte es weder die Baronin noch der Baron, – verliebten Leuten werden Stunden zu Minuten, Recht und schicklich würde es aber sicherlich gewesen sein, dem Adoptivvater erst Bescheid und Dank zu sagen und dann im Parke spazieren zu gehen.

Aber die zweite Stunde hob an und die Verliebten kehrten von ihrem Spaziergange nicht zurück. Der Frühstückstisch stand zu einem Doppelfeste gedeckt: Verlobung und der erste feurige Genesungstrunk! Der alte Herr schmachtete nach seiner Ina und einem Schluck Tokaier. Ein Diener nach dem andern wurde ausgeschickt, die Vergeßlichen aus dem Parke in das Haus zu laden; ein Diener nach dem andern kehrte zurück, ohne ihre Spur entdeckt zu haben. Angst und Unruhe scheuchten die Ungeduld. »Er kann sie doch nicht entführt haben, Adelheid?« fragte der Baron, der in seiner Jugend einmal einen Roman, und seitdem keinen wieder, – gelesen hatte, in welchem ein Ritter sein Fräulein entführt hatte, genau, wie in gegenwärtigem Fall, gänzlich unnützer Weise, da der Ritter und das Fräulein auch ohne Entführung ein Paar geworden sein würden.

»Nicht doch, lieber August,« tröstete Frau Adelheid, 195 »aber ein Unfall könnte ihnen zugestoßen sein,« setzte sie kleinlaut hinzu.

»Hausen Bären und Wölfe, oder gar Räuberbanden in unserem Parke?« brummte der Baron.

Da, auf der Treppe ein Tritt. Die Ina? aber nein, so tappt die Ina nicht. Der Doctor? aber nein! der Doctor trägt auch keine Holzpantoffeln. Die Frau Wirthin ist's, die schon vor einer Stunde hätte da sein sollen, aber erst noch ihre Kuh zu melken und ihr Wickelkind still zu machen hatte. Sie kommt, im Auftrage des gnädigen Fräuleins, daß das gnädige Fräulein eine kleine Lustfahrt nach der Stadt in Ehren-Jobstens Torfkarre unternommen habe; daß es zum Mittagsessen jedoch retour sein und mündlich Bericht erstatten werde. Der Herr Doctor sei nicht von der Partie gewesen, da der Herr Doctor lange vorher zu Fuße nach der Stadt aufgebrochen sei: das Fräulein befinde sich jedoch in gutem Schutze, denn der Jobst wisse die bockige Mähre zu tractiren und die Torfkarre sei reinlich abgewaschen gewesen, auch ein Strohbündel zum Sitzen draufgebreitet.

Nun aber folgte der nebelgrauen Trübsal Wetter und Sturm. Den Zusammenhang konnte man sich allenfalls erklären und einen muthwilligen Possen seiner Ina fand der alte Herr just auch nicht außer der Ordnung. Aber mit der bockigen Schindmähre in einem Torfkarren in die Stadt zu kutschiren, dem Doctor hinterdrein, den ohne Zweifel, – einen Brief hatte er er ja am Morgen erhalten und der Doctor stand in gutem ärztlichern Andenken in der Gegend, – ein schleuniger Fall, eine 196 Entbindung oder ein Genickbruch, in die Stadt gerufen hatte, – solch eine Lustfahrt ging doch, wie der alte Herr meinte über die Puppen und erforderte eine exemplarische Correction.

Der alte Herr frevelte gegen das zweite Gebot so lästerlich, wie er während des Zipperleins niemals gelästert hatte; ein wahres Glück, daß seine fromme Gemahlin den ersten Ausbruch verpaßte; da sie hinausgeeilt war, um dem Fräulein für die Rückfahrt einen Kutschwagen nachzuschicken und der Köchin zu sagen, daß sie das Beefsteak aufs Feuer bringen solle. Als sie von draußen zurückkehrte, grollte das Wetter nur noch nach: sie ließ es grollen; setzte sich an ihren Fensterplatz und las mit gefalteten Händen halblaut vor sich hin das zwölfte Hauptstück aus dem dritten Buche der Nachfolge Christi, das also beginnt:

»Geduld ist ein unentbehrliches Ding. Denn dieses Leben hat so viel Widerwärtiges, daß man ohne Geduld wohl nicht durchkommen kann. Wenn ich auch alles thue, um Ruhe und Frieden in meinem Herzen zu erhalten, so kann es doch nicht anders sein, es giebt immer etwas Unangenehmes, das ich leiden, etwas Böses, dagegen ich streiten müßte.«

So weit war die fromme Dame gekommen, als das Beefsteak gar geworden war. Der Gemahl wurde freundlich genöthigt, sein Frühstück nicht länger aufzuschieben und der Gemahl spürte nach dem Aerger verdoppelten Appetit. Die erste Fleischspeise, das erste Tokaierfläschchen seit Wochen übten eine wunderbar be 197sänftigende Wirkung. Der alte Herr, in seinen Ohrenstuhl zurückgeführt, anstatt zu lästern, summte, »ach Du! lieber Augustin,« vor sich hin. »Eine Teufelsdirne! In der Torfkarre!« lallte er noch, dann fielen die Augen ihm zu und er schlummerte in Frieden, während Frau Adelheid das Hauptstück von der unentbehrlichen Geduld und manches folgende zu Ende las, dazwischen aber manchen sorgenvollen Blick aus dem Fenster warf.

Ein paar Stunden waren in solcher Stille hingeschlichen, als der ausgesandte Wagen in den Hof zurückrasselte. »Da ist sie!« rief der Baron aus seinem Schlummer in die Höhe fahrend.

Und da war sie! und er hielt sie in seinen Armen ganz und heil, wenn auch mit feuchten Spuren in den Wimpern, die dem alten Herrn an einer glücklichen Braut durchaus nicht gefallen wollten und mit Mienen, die auf nichtsweniger als eine gelungene Expedition in der Torfkarre deuteten, und endlich – sie kam allein und war stumm wie ein Fisch, denn die Lippen – bleich waren sie Gottlob! so wenig wie die Wangen in den paar Stunden geworden, – die Lippen zitterten und selber im Kehlkopf ging sichtbarlich etwas vor, das auf den alten Herrn ansteckend wirkte und ihn schlucken machte, als ob er Wurmsamen würgte.

Dieses fremdartige, weheleidige Wesen währte indessen doch nur so lange, bis die Tochter sich aus den Armen des Vaters gelöst hatte. Als sie auch die Mutter umarmte, war sie schon wieder das alte beherzte Kind. »Lies!« sagte sie, das vollste Vertrauen im Blick, indem 198 sie in der Mutter Hand die Briefe legte, die sie selber auf dem Wege wohl ein Dutzendmal gelesen hatte und nun vom ersten bis zum letzten Worte auswendig wußte.

Während die Mutter nun aber still für sich die Briefe las, trat die Tochter hinter des alten Herrn Stuhl, umfaßte mit ihren Armen sein weißes Haupt und flüsterte in sein Ohr das Abenteuer, nicht ihrer heutigen Lustfahrt mit Ehren-Jobst, sondern das jener Juniusnacht, mit welcher die Abenteuer in ihrem Leben begonnen hatten. Der alte Herr hörte das erste Wort von der curiosen Geschichte, welche die fromme Dame, in der ersten Stunde der Heimkehr aus Ems erfahren und leider vergebens so gern in Vergessenheit gebracht hätte.

Er hörte, was der Leser nun freilich längst alles weiß, wie Tante und Nichte auf der Durchreise in dem Soolbade übernachtet, wie die letztere sich einer bekannten Familie zu einem Ballfeste im verwegenen Ritter angeschlossen habe, während die erstere, von der langen Eisenbahnfahrt ermüdet, ruhig zu Hause geblieben sei; wie ein kleiner angeheiterter Student die Gesellschaft in Aufruhr versetzt, wie Fräulein Augustine von dem Intermezzo disgustirt und von der Gesellschaft gelangweilt, dieselbe vor dem Souper verlassen habe, wie sie auf der Brücke in einen Hinterhalt gerathen, aber einen Ritter gefunden, der mit Gefahr seines Lebens, das Merkmal dieser Gefahr stand heute noch auf seine Wange gezeichnet – ihre Ehre gerettet habe, und wie die Dame ihm aus freiem Herzen den geziemenden Ritterlohn gezahlt.

Bis zu dieser bedenklichen Stelle hatte Fräulein 199 Augustine, das Köpfchen gesenkt im Flüstertone erzählt. Nun aber richtete sie sich muthig in die Höhe, trat hinter dem Stuhle hervor zwischen Vater und Mutter und sprach mit hellem Klang, der sich bis zur Begeisterung steigerte.

»Von jener Stunde an war Levin und jeder andere Bewerber mir zuwider, von jener Stunde an hingen meine Gedanken an dem Manne, dessen Namen ich nicht kannte, dem ich nie mehr im Leben zu begegnen hoffen durfte. Dann aber als eine göttliche Hand mir diesen Mann zum zweiten Male entgegenführte, als ich von Tage zu Tage mehr erkannte, daß jene erste Regung keine Täuschung, keine Thorheit war, als der beste Mann unser Aller Freund geworden, da fühlte ich mich als die Seine und warb ihn mir zu dem Meinen. Heute aber seit ich sein Abschiedswort gelesen, heute weiß ich, was es heißt, Vater und Mutter verlassen und dem Manne angehören.Lies auch Du dieses Abschiedswort, Vater, und schilt ihn nicht diesen Theueren, jetzt erst recht Deinen Sohn; wer sich also getreu bleibt, kann nicht mehr geadelt werden.«

Sie holte des Vaters Augenglas herbei, entfaltete die Briefe auf dem Tische, der vor ihm stand und an seine Seite niederkniend, legte sie den Kopf an seine Brust und streichelte sanft seine braunen Wangen.

»August!« sagte die Baronin, nachdem der alte Herr das letzte Blatt, den Brief der Mutter, beendet hatte. »Denke an den Heiland, August, und an seine armen, niederen Genossen.«

200 »Denke an Ina, Väterchen, und an ihr Glück,« schmeichelte die Tochter.

»Narren denken!« rief der Baron, indem er mit der Hand über seine Augen fuhr.

»Kluge Leute handeln und handeln gütig!« triumphirte Augustine und küßte die Thränen aus den treuen alten Augen. »Mein guter Vater wird klüglich zu handeln wissen.«

*

Albrecht saß nun wieder im engen Stübchen des Hinterhofs, aber nicht wie sonst vergraben zwischen Heften und Bücherstößen, sondern stumm brütend auf dem Bettrand der Mutter, ihre rauhe, runzelige Hand in der seinen. Die so gerne redende Frau hatte ihn nicht mehr mit Worten begrüßen können, als er vor zwei Morgen plötzlich in das Stübchen trat; aber sie hatte ihm freundlich zugeblinkt, als ob sie sagen wollte: »Hab' Dank! daß Du kommst. Es ist Zeit!«

Seitdem lag sie ruhig und lächelte still vor sich hin, bald mit offenen Augen und bald mit geschlossenen, so wie ein Kind lächelt, wenn es träumt und der Sohn blickte in bitterem Weh unverwendet nieder auf das gute, frohe Gesicht. Er konnte die Stunden zählen, die Minuten, in denen das Lächeln schwand, mit welchem der letzte Faden sich löste, der in seine Vergangenheit zurückleitete; und doch hatte er um dieses Greisenlächelns willen die Hoffnung, das starke Kind, aus seinem Herzen gerissen. Alles was ihn liebend mit Menschen verband, bald war es Dunst und Staub. Ach, wie bleich war 201 er in den beiden Tagen geworden, wie stand es in Lettern auf seiner Stirn geschrieben: Rechtthun ist schwer.

Im Hinterhofe war es so still wie in der engen Stube; seelenstill, sterbensstill, nur die alte Uhr tickte an der Wand und gab ihre Stundenschläge unbekümmert um Leben oder Tod. An der nämlichen Wand hatte sie dem jungen, bleichen Manne das erste Wiegenlied getickt und jetzt hob sie die Mittagsstunde aus, in welcher vor so viel Jahren als sein Leben zählte, der Vater hinausgetragen worden war in den ewig unergründlichen Schacht.

Zwölf Schläge und dann ein Ruck der Ketten! Da regte sich die Mutter, schlug die Lider über den todesgroßen Augen auf; die Lippen bewegten sich; Albrecht neigte sein Ohr auf sie nieder, um das Flüstern zu verstehen. »Horch!« hauchte sie, »horch wie er hämmert dort unten – hämmert der Vater, – horch, horch!«

Wenn der Kranke ein Klopfen zu hören glaubt, dann ist es sein Sarg, der gezimmert wird. Wie oft hatte Albrecht diesen Glaubensartikel seiner Mutter belächelt. Heute grauste ihn bei der Erinnerung, ein Schauder rieselte über seinen Leib. Er hörte ihn zimmern, den schwarzen Sarg. Und dann wurde es wieder still, seelenstill, sterbensstill.

Die Thür ging auf, die aus der Nebenkammer hinaus in den Flur führt. Es mochte die Nachbarin sein, die ein Krankensüppchen brachte; die kranke Frau brauchte kein Süppchen mehr; Albrecht löste leise seine 202 Hände aus den ihren, und erhob sich, um die Nachbarin abzuweisen, die letzte Stunde gehörte Mutter und Sohn allein. Wie er aber das Gesicht nach der Thür wandte, da stand er starr, als wären seine Füße in den Boden gewurzelt, denn, – war es eine Sinnestäuschuug wie vorhin die der Mutter? – denn sich gegenüber auf der Schwelle der armen Kammer, im trüben Dämmerschein des Hinterhofes, sah er nicht die alte Nachbarin, sah er der Geliebten Lichtgestalt.

Und es war keine Sinnestäuschung, die ihn umfing, die Geliebte war es selbst, bleich und starr wie er, das Herz zusammenkrampfend, stockend der Puls und schaudernd vor dem Schattenbilde, in das sie schaute, sie, die bisher nur im Sonnenschein gewandelt war. Als aber jetzt der Freund ihr gegenüber trat, da senkte sich der düstere Flor, es löste sich der Kampf, der Puls schlug höher denn je und die Welt strahlte wieder in goldenem Sonnenlicht Mit ausgebreiteten Armen sank sie an das Herz des geliebten Mannes.

Entzücken kämpfte in seiner Brust mit unauslöschlichem Weh. »Ist dies Ihre Welt, Augustine?« flüsterte er sich ihren Armen entwindend.

»Sie sei meine Welt, weil es die Deine ist,« versetzte Augustine mit einem Ernst, in dem sie noch niemals geredet hatte. »Ueber diese Schwelle, Albrecht, trete ich in Deine Bahn; sei mein Führer, wenn ich schwanke und halte mich fest an Deiner Hand.«

»Ja nehmen Sie sie hin und halten sie fest,« sagte die Baronin, die unbemerkt zur Seite gestanden hatte 203 und unter den Schattenbildern des Lebens und des Sterbens nicht wie die Tochter ein Fremdling war. Sie legte die Hände der Kinder in einander und fuhr dann fort in sanfter Bewegung: »Geben Sie ihr Ihren Namen; führen sie in Ihre Welt; lassen sie die Gehülfin sein Ihrer Kämpfe und Mühen. Nehmen Sie sie hin als die Ihre. Es ist ein reines Herz, das ihr Vater und ich Ihrer Liebe anvertrauen.«

Albrecht stand überwältigt, Worte hatte er nicht, aber seine Thränen strömten aus den Augen, die tagelang trocken in sengendem Weh geblickt hatten.

»Die Mutter!« rief Augustine, auf das Bett in der Stube weisend. Die alte Frau hatte sich in die Höh' gerichtet, die Arme zum Segen ausgespannt; ihre Augen strahlten wie auf ein erfülltes Traumgesicht. Das schöne Mädchen an ihres Sohnes Hand, es mochte ihr ein Engel däuchten, der ihre Stelle hienieden übernahm. Die Kinder sanken an dem Bette der alten Wäscherin nieder und ergriffen ihre kalten Hände.

»Mutter!« riefen sie aus einem Mund.

Und mit diesem Rufe wollen wir schließen.

 

Ende.

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Druck der Berliner Buchdruckerei-Actien-Gesellschaft.
Setzerinnenschule des Lette-Vereins.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


 << zurück