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Erster Band.

I.
Natur und Gnade.

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Felix von Oßler war seit Kurzem in die Stadt zurückgekehrt, in der er seine Kindheit verlebt hatte; nach vieljähriger Entfernung fand er dieselben engen, dunklen krummen Gassen wieder, fand, wenn auch zum Theil in anderer Auflage, dieselbe gleichgültige, schwerfällige Menschenart, mit der er wenig sympathisirte. Die vaterländische Zeit, in welche seine Jugend fiel, war eben die des Stillstehens und Ausruhens nach gewaltiger Bewegung und den jungen Mann hatte in die Heimath nicht jener Zauber zurückgelockt, unter welchem das Alte sich verjüngt.

Er hatte sich mit so beharrlichem Ernst in seine neue Beamtenstellung einzuleben gesucht, daß er heute zum erstenmale aus dem düsteren Festungsthore in's Freie trat. Er war auf dem Wege zu einem Jugendfreunde, den er nun auch schon ein Jahrzehnt aus den Augen verloren und den er in den jüngsten Wochen abwesend gewußt hatte.

Eine fruchtreiche Ebene lag vor ihm ausgebreitet, nur gegen Mittag begrenzt durch die Kette der letzten deutschen Berge. Da, wo der Strom die Kette durch 4brochen hat, um von nun ab ruhig dem Meere zuzuwallen, öffnet sich der Blick in eines unserer herrlichsten Thäler. Von eichen- oder buchenbewaldeten Höhen eingerahmt, wechseln Feld, Forst und Wiese in gedeihlicher Fülle. Zur Rechten der engen Pforte drängte sich ein Städtchen zwischen Fels und Fluß, zur Linken lag vereinzelt Roderichs, des Freundes, väterliche Erbstätte.

Es war einer jener klaren, milden Tage, die unserem Breitengrade am stätigsten der September gewährt, der unser Wonnemond zu heißen verdiente weit eher, als der wetterwendische Mai, und in dieser herzstärkenden Luft, unter Gottes freiem Himmel wachten denn auch Lust, Liebe und frohe Bilder aus seiner frühesten Zeit in des jungen Mannes Seele auf. Er ging wieder an der Hand seiner seligen Mutter, horchend auf die lieblichen Legenden, die sie ihm erzählte, er pflückte Blumen im Walde mit seiner Schwester Veronika, schwamm neben Roderich im Fluß, ließ Drachen steigen und lieferte Schlachten mit der Schaar der Schulgenossen, nicht die Schlachten einer glorreichen Neuzeit, sondern die, welche der Zauber der Heimathssage umwehte: die Schlachten Wittekinds und Armins.

Die Ernte war noch nicht vollständig eingeheimst; ein reges Treiben belebte die Felder, von welchen die Stadt in unübersehbarer Breite bis zu den Bergen umgeben ist. Felix hatte seine Freude an den kräftigen Gespannen und dem stattlichen Menschenschlag. In glücklicher äußerer Lage war er innerhalb Deutschlands und 5 darüber hinaus weiter umhergekommen, als es seiner Zeit noch die Regel war; nirgend aber hatte er die deutsche Race und Art so unverfälscht gefunden, wie in seiner heimathlichen Provinz. An diesem Bauernschlag hatten die Jahrhunderte kaum Merkliches geändert; hier baute man noch die Gehöfte, wie sie schon zur Zeit der heidnischen Sachsen gebaut worden sein mögen; Menschen und Vierfüßler lebten in harmloser Gemeinschaft, die Höfe lagen minutenweit auseinander und ein Kirchspiel hatte oft eine stundenlange Ausdehnung. Die angestammte Redlichkeit des Volks machte diese Ablegenheit nicht unsicher; Felix sah auf seiner Wanderung manches Haus unverschlossen; ein Besen, an die Thür gelehnt, galt als Zeichen, daß die Bewohner auf dem Felde seien und Niemand fiel es ein, daß das Hausrecht verletzt werden könne.

Fand der Heimkehrende auf diese Weise die gute Vätersitte treu gewahrt, so konnte ihm andrerseits nicht entgehen, daß eine ererbte Unsitte ebenso wenig abgethan worden sei. In keiner deutschen Gegend hatte er dem Trunke fröhnen sehen wie hier. Gewaltthätigkeiten, im Rausche verübt, waren kaum etwas Auffälliges und mancher Sonntagstanz endete mit blutigen Wunden, ja mit dem Tode eines Burschen, dem Opfer einer sinnlosen Schlägerei.

Es erneuerten sich Oßler diese Erfahrungen, als er von den bisher eingeschlagenen Feldwegen auf die Landstraße abbog und unter einem goldfruchtigen Apfelbaume vor der Thür eines Kruges ausruhte. Er sah 6 die Bäuerinnen vom städtischen Markt zurückkehren, im buntgesäumten rothen Rock und kurzen Mieder, das schwarzweiß gemusterte Tuch um den kräftigen Nacken geschlungen, die daumendicke Bernsteinkette dicht am Halse zugeschnürt, das Haar sorgfältig aus der Stirn gestrichen und unter der steifen Kapselmütze geborgen. Kraftvolle Gestalten, mit reinen Zügen und treuherzigem Blick, schritten sie drall einher, das Gefäß, indem sie ihre Vorräthe zu Markt geschafft hatten, ohne Schwanken auf dem Kopfe tragend, während die Hände das blaue Strickzeug rührten, oder nach Urmütter Weise den Faden aus der im Schürzenbund befestigten Spindel zogen. Das war wohl ein herzerquickendes Bild.

Aber auch Männer kamen des Wegs, stattliche Männer, in rothgefütterten, blankgeknöpften Leinenkitteln, der Erntehitze zum Trotz die unzertrennliche Pelzkappe auf dem Kopfe. Die Mehrzahl lallte taumelnd vom Markttrunk in der Stadt, kehrte aber dennoch im Kruge ein, um noch einmal einen Trunk zu thun und noch lallender den Heimweg weiter zu taumeln oder auch wohl mitten auf der Straße umzusinken und in todtenähnlicher Betäubung den Rausch zu verschlafen.

»Welch' unverwüstliche Naturkraft, die solchem Gifte ohne körperliche Einbuße widersteht,« sagte Felix zu sich selbst, indem er sich erhob und seine Wanderung fortsetzte. »Ein Pater Matthew thäte hier noth. Aber diesem protestantischen Cultus fehlen die Handhaben wider jegliches Elend. Kein Menschenfreund wie Roderich, kein Schulmeister hat noch je einem Laster 7 Einhalt gethan. Nur der Priester bekehrt und nur wir, wir haben ein Priesteramt, welches von der Sünde löst und an die Tugend bindet.«

Diese bittere Wallung war in mehr als einem Betracht, zunächst aber schon im räumlichen, eine ungerechte. Denn die Bevölkerung dieser Gegend ist dem Bekenntnisse nach gemischt und wenn in der Stadt, aus welcher Felix kam, das protestantische vorwaltete, so würde es ihm schwer geworden sein zu beweisen, daß in den nahegelegenen Kirchspielen seiner katholischen Glaubensgenossen unter strengerer Priesterzucht man des Erblasters mehr als bei den andern Herr geworden wäre. Weit eher das Gegentheil, da die häufigeren Festtage dem Schenkentreiben Vorschub leisteten. Aber liegen unsere einseitigsten Verblendungen denn nicht allezeit hart an der Grenze der wirksamsten Ueberzeugungen?

Des jungen Mannes Blicke richteten sich während jener abfälligen Betrachtung unwillkürlich nach einer kleinen Kirche, die in einiger Entfernung auf einer Anhöhe das umliegende Dorf überragte. In diesem protestantischen Gotteshause war er getauft und eingesegnet worden, da dem Landesgesetze gemäß, der Sohn dem Cultus des Vaters, welcher Patron dieses Kirchspiels war, zu folgen hatte, während in der Stille und Tiefe der Einfluß der frommen katholischen Mutter in dem jungen Gemüthe Wurzel schlug. Nach des Vaters Tode war der Sohn bald denn auch nach elterlichem Uebereinkommen öffentlich zur Kirche der Mutter, der seine Schwester von Haus aus angehörte, übergetreten. Das Gut war verkauft worden, die 8 Familie in das Innere der Provinz übersiedelt. Felix sah die Stätte jener kindlichen Weiheakte heute zum erstenmale wieder und es war ein herber Gruß, den er mit jener Bemerkung ihr entgegenbrachte.

Um sich von der peinvollen Erinnerung zu befreien, lenkte er die Gedanken mit einiger Gewalt auf das Schicksal des Freundes, das einst mit dem seiner Familie auf das engste verwoben gewesen und ihm doch völlig ein fremdes geworden war, seitdem er die Universität bezog und der etliche Jahre ältere Roderich dieselbe verließ. Der Abbruch des heimathlichen Verkehrs, der frühe Tod auch von Oßlers Mutter, sein Bekenntnißwechsel, Veronika's Uebertritt in's Kloster, nachdem ihr Herzensverhältniß zu Roderich aus Gewissensgründen gelöst worden war, des Bruders längerer Aufenthalt in Italien, starke Beeinflussungen nach einer seinem eigensten Wesen adäquateren Richtung und schließlich die Entscheidung für einen staatsbürgerlichen Beruf hatten sich zwischen die alten Beziehungen gedrängt.

Es war Roderich, als dem einzigen Sohne eines reichen Mannes vergönnt gewesen, seine Studien auf umfassende, naturwissenschaftliche Gebiete zu verbreiten. Als er sich von Veronika trennte, hatte er für lange Jahre, vielleicht für alle Zeit von der Heimath Abschied genommen, um von Humboldts Schilderungen angeregt, dessen transatlantische Entdeckungen weiter zu führen. Kaum aber in Mexiko gelandet, rief eine hoffnungslose Erkrankung seines Vaters, den er rüstig in ärztlicher Wirksamkeit verlassen hatte, ihn in die 9 Heimath zurück. Der Vater starb und der Sohn, statt in die Fußtapfen des großen Naturforschers zu treten, trat in die des bescheidenen Provinzialarztes; er nahm dessen Praxis auf, erweiterte sie durch humane Bestrebungen, sowie mannigfache in sein Gebiet schlagende Beobachtungen und galt weit über seinen Bezirk hinaus als wissenschaftliche Autorität und als ein Mann von unverbrüchlichem Charakter.

Alles das hatte Felix, der den Freund noch in fernen Zonen vermuthete, erst erfahren, als er vor Kurzem in die Nachbarstadt versetzt wurde und herzlich hatte ihn nach genaueren Aufschlüssen aus Jenes eigenem Munde verlangt. Der letzte Theil des Weges führte ihn dicht den Fluß entlang; nach einer kurzen Biegung stand er, im geöffneten Thale, plötzlich vor Roderichs Hause. Zwischen demselben und dem bewaldeten Königsberge hob sich leise ein umfänglicher Garten, großentheils bepflanzt mit fremdländischen Gewächsen, deren Gedeihen die vor Nordwinden geschützte Lage förderte; saubere Wege zogen sich weiterhin bequem den Bergwald hinan bis zum Gipfel, auf welchem eine alte sagenreiche Kapelle von dem Besitzer zu einer astronomischen Warte eingerichtet worden war.

Felix betrachtete beifällig die umgewandelte Erbstätte des Freundes; das Haus aufgeführt aus den festen, buntgeäderten, braunen Quadern, die im Thale gebrochen werden, war ein tüchtiger Bau, dem Zwecke entsprechend und von gutem Geschmack; man erkannte den Mann aus seiner Umgebung. Ein frischgrüner Rasenplatz senkte 10 sich nach der Straße ab, von dieser nur durch einen Laubengang herbstblühenden Geisblattes getrennt. Vor einem Seitengebäude saßen mehrere Frauen und Kinder mit wirthschaftlichen Arbeiten beschäftigt. Früchte wurden geschält und zum Trocknen auf Fäden gereiht, Gemüse geschnitten zum Einmachen für den Winterbedarf; ein Mann auf einer Leiter stehend, band die Ranken des Weines fest, mit welchem die Mittagsseite des Hauses bezogen war.

»Ist Doctor Roderich zu sprechen?« fragte ihn Felix.

»Der Herr Doctor besucht seine Kranken drüben in der Stadt; doch erwarten wir ihn vor Mittag zurück. Darf ich den Herrn in das Wartezimmer führen?« antwortete der Angeredete von der Leiter steigend.

»Sind Sie der Diener des Doctors?« fragte Felix, angesprochen von des Mannes heiterer Art. »Ich heiße der Gärtner, doch bin ich eins in allem,« versetzte der Andere lachend. »Ich sagte ich, Herr, will aber sagen wir. Ich habe eine Frau und zehn Kinder, groß und klein. Ein Paar von meinen Mädchen sitzen dort drüben, wie Sie sehen; die Jungen arbeiten im Garten. Wir alle leben durch den Doctor und für den Doctor. Die weitläufige Besitzung und der große Haushalt geben zu schaffen für viele Hände.«

»Der große Haushalt? Lebt Doctor Roderich nicht allein? Hat er Familie?« fragte Felix.

»Er nicht, aber ich,« entgegnete der Gärtner wiederum lachend. »Wir sind ihrer zwölf, Herr, die versorgt sein wollen. Und dann die Kranken hier im Nebenhaus; 11 zwanzig Betten allezeit besetzt. Ein gehörig Stück Arbeit und Pflege. Aber meine Mädchen verstehen's. Kein Prinz hat's so sauber und auf den Punkt.«

»Wer sind die Kranken, Freund?«

»Armes Volk, das einen Schaden hat und kein Geld, um ihn in einer großen, theueren Stadt heilen zu lassen. Mehrentheils Blinde, die schneidet der Doctor am liebsten. Drüben in der Stadt liegt auch noch eine Schaar, die von weit her zu uns gekommen ist, aber Wartung und Kost bezahlen kann. Ja, Herr, unser Doctor ist gar ein berühmter Mann und ein Segen für die Gegend. Gott erhalt' ihn.«

Felix ging an der arbeitenden Familie vorüber, rothbäckige, lachende Gesichter wie der Vater. Sie standen auf und grüßten zutraulich. Sie mochten ihn für einen Hülfesuchenden halten, denn Felix war von jener gleichmäßig matten Blässe, die im Salon für interessant und im Volke für ein Leidenszeichen gehalten wird. Der Gärtner führte ihn in ein großes, behagliches Zimmer, deutete auf einen Tisch mit Zeitschriften bedeckt, bat ihn Platz zu nehmen und entfernte sich.

Felix warf einen Blick auf die Landschaftsbilder rings an den Wänden, englische Stiche nach guten Originalen, deren Betrachten einem Rathsuchenden wohl ein bängliches Wartestündchen verkürzen konnte; er übersah darauf aus dem Fenster den reich im Herbstflor prangenden Garten mit seinem dunklen Waldeshintergrund und hielt es dann für erlaubt, durch eine halb offene Thür in des Freundes Arbeitszimmer zu treten, das nach der 12 Straßenseite gelegen, aus einem einzigen hohen, breiten Erkerfenster den Blick auf vielleicht die schönste norddeutsche Landschaft eröffnete. Das räumliche Gemach war gewölbt und halbrund; längs der in Nischen abgetheilten Wände liefen Repositorien von geschnitztem Eichenholz, auf welchen Karten, Mappen, physikalische Instrumente und eine auserlesene Bibliothek derartig sinnvoll geordnet standen, daß über jeder Nische die Marmorbüste eines hervorragenden Vertreters die Rubrik der Sammlung bezeichnete. In diesem geistigen Freundeskreise des Freundes unterschied Felix die Häupter eines Spinoza, Humboldt, Boerhave, Göthe und lächelte, als er über den Geschichtswerken alter und neuer Zeit nicht einen Tacitus oder Gibbon, überhaupt keinen Schreiber, sondern einen Helden fand; Roderichs Lieblingshelden: Georg Washington.

Felix war bewegt; erkannte er doch den langezeit Fremdgewordenen, ohne ihn zu sehen. Er setzte sich vor den Arbeitstisch, der den tiefen Fensterbogen füllte und träumerisch über Wipfel und Gipfel hinweg in den sonnenklaren Himmel blickend, versank er in das ewige A und O unserer Gedanken, in das Räthsel des Glücks, das so Wenige lösen. Veronika, die Nonne, Roderich, der Freund des Menschengeistes, sie hatten fern von einander gefunden, was sie einst miteinander und durcheinander gesucht. Und er selbst? Er stellte sich im Geiste zwischen die Beiden. Nein, er war nicht ruhig und glücklich wie sie. Und doch war er jung und unabhängig wie der Freund, doch hatte er einen freudigen 13 Glauben wie die Schwester, hatte ein warmes Herz, eine reiche Bildung wie sie beide und wußte von keiner gemeinen Leidenschaft, die seine Entwickelung im Banne hielt. »Sie lehren es mich,« sagte er endlich zu sich selbst, »das Glück hebt erst an, wenn wir das Ich überwunden haben, und ich – ich habe es nicht überwunden.«

Sein Blick fiel bei diesen Worten auf ein kleines Portrait, das über dem Schreibtische hing; es war das einzige Bild im Zimmer, ein Kinderkopf, der ihm bekannt und doch so neu und eigenartig vorkam, daß er das Auge lange nicht von ihm abzuwenden vermochte. Kurzes, dichtes, tiefschwarzes Haar, dessen Spitzen sich kräuselten, indem sie zum Nacken niederfielen, hätten es zweifelhaft lassen können, ob der stark gebaute Kopf einem Knaben oder Mädchen angehöre; der physiognomische Ausdruck jedoch und die Conturen der Büste unter der dicht den Hals umschließenden dunklen Draperie deuteten auf den Uebergang des Kindes zum Weib. Die noch nicht völlig ausgearbeiteten Züge verhießen keine einstige Vollendung der Form; sie würden Felix, der durch seine Schwester an einen hohen Maßstab weiblicher Schönheit gewöhnt war, alltäglich erschienen sein, ohne den Blick der großen, dunklen Augen, der den Beschauer unwiderstehlich fesselte. Mit Schriftzügen einen Blick schildern wollen, hieße so viel als mit Saitenspiel einen Blitz: genug, es war ein Kinderblick von räthselhaftem Ernst und Glanz. »Mignon oder Julia?« fragte sich Felix.

14 Wie es ihm in Galerien wohl manchmal begegnet war, daß er unter dem Eindruck bedeutender Physiognomien die Vergangenheit der Dargestellten aus ihrer Erscheinung zu enthüllen suchte, so träumte er heute sich unwillkürlich in die Zukunft dieses Kindes und fragte: »Was wird diesen strahlenden Augen das Leben offenbaren? Wird dieses Feuer wärmen oder sengen oder – erlöschen? Diese hochgewölbten, fast in eins verwachsenen, dichten Brauen, weisen sie auf Unmuth, oder, wie das Volk es glaubt, auf Unglück? Werden diese schwellenden Formen sich ungehindert entwickeln und mit der Lebensfülle, die sie andeuten, den gebührenden Raum behaupten dürfen?«

Er wendete endlich mit Gewalt die Augen von den bestrickenden des Bildes; die Zimmerluft dünkte ihm schwül; er öffnete das Fenster. Ein Windhauch wehte ein loses Blatt vom Schreibtisch auf den Boden; indem er es aufhob, bemerkte er, daß es nur etliche Verszeilen enthielt, ohne Unterschrift, ohne irgend welchen Zusatz. Die Züge frappirten ihn, groß wie die eines Kindes, fest und deutlich wie die eines Mannes; nur eine gewisse Ungleichheit der Buchstaben, ließ hier und dort eine weibliche Hand vermuthen. Die Worte, vielleicht eine – Abschrift, waren ein Beleg des weltmüden lyrischen Pathos der Zeit. Ein namenloses Verlangen, ein Groll gegen das Ungenügen des Daseins, ein düsteres Begehren des Aufhörens anstatt des Vollendens mußten des jungen Mannes frommen Glauben, wie seinem streng geschulten Geschmack wiederstehen. Bei alledem durchzuckte ihn die visionaire Eigenart der Bilder und der leidenschaftliche 15 Puls des Rhythmus schlug wie ein Naturlaut in seinem Herzen nach. In ihm unerklärlichen Zusammenhange wurden seine Augen zu denen zurückgezogen, welche aus dem Bilde mit unheimlicher Lockung auf ihn niederblickten. »Schrieb sie es?« fragte er halblaut als Roderich eintrat.

*

Das ist wohl tiefe Freude, einen langentbehrten Freund wiederzufinden und ihn so wiederzufinden, wie Felix den seinen, so seinem Einst getreu und doch völlig entwickelt, so schlicht und würdig, in den edlen Zügen nur leise Spuren der Leiden, die ein kräftiges Thun in freiwilliger Beschränkung überwunden hat. Dazu die hohe, markvolle Gestalt, reines Sachsenblut, blauäugig, mit starkem, hellem Haar.

Aber selber diese herzinnige Freude konnte dem jungen Manne die Unbefangenheit nicht wiedergeben, mit der er dieses Zimmer betreten hatte und nach der ersten Bewillkommnung sagte denn auch Roderich, das Blatt bemerkend, das jener unwillkürlich in der Hand festgehalten hatte: »Ach diese traurigen Verse! Kennst Du Fräulein von Merwaldt?«

»Die Tochter unseres Präsidenten?« antwortete Felix. »Nein. Ich habe keine Besuche gemacht und nicht die Absicht es zu thun.«

»O, des stoischen jungen Bluts!« rief Roderich lachend. »Zwei Wochen lang in einer kleinen Stadt, neben solchen Augen zu leben und sie nicht zu bemerken!« Er deutete bei den Worten auf das Bild über dem 16 Schreibtisch und des Freundes Ueberraschung gewahrend, setzte er hinzu: »Man sieht sie ja so viel im Freien; bist Du ihr denn niemals begegnet?«

»O, doch von Weitem,« entgegnete Felix mit einer abfälligen Miene. »Zwei, dreimal, als wir aus der Session nach Hause gingen, stieß ein heißblütiger College mich an, raunte mir in's Ohr: ›die Merwaldt!‹ und zog devotest den Hut vor einer gewaltigen Gestalt, die mit weitausgreifenden Schritten, gleich den Göttinnen des Olymps, an uns vorüber nicht etwa spazierte, aber stürmte.«

»Sie bedarf rascher Bewegung, mag auch Eile gehabt haben, dem aus der Session heimkehrenden Papa durch ihre Unpünktlichkeit nicht das Mittagsmahl zu vergällen,« wendete Roderich ein.

»Mit frei umherschweifenden Blicken.«

»Sie ist etwas kurzsichtig; Du aber bist es hoffentlich nicht geworden.«

»Nein,« sagte Felix, »aber es ist meine Art, ruhig vor mich hinzublicken und ich liebe die Allüren solcher vielgefeierten Weltkinder nicht, zumal wenn sie wie dieses, reiche Erbtöchter sind.«

»Eine reiche Erbtochter ist Susanne Merwaldt allerdings, vorzugsweise eine der Mutter Natur. Ich würde ihre Allüren daher lieber die eines Naturkindes nennen, das mit seinen Schätzen noch nicht hauszuhalten versteht.«

»Mir kann's recht sein,« versetzte Felix, gegen seine Weise zum Widerspruch bei fernliegenden Gegenständen gereizt; »wenngleich weniger gute Freunde das freie 17 Gebahren der Dame anders commentiren. Weltkind oder Naturkind, das Schwerbegreifliche ist nur, daß eines oder das andere solchen lebensmüden Seufzer ausgestoßen haben sollte.«

»Wie commentiren denn aber jene weniger guten Freunde der Dame Gebahren, daß es mit einem unerfüllten Gemüth dermaßen im Widerspruch stände?« fragte Roderich lächelnd.

»Specieller Belege erinnere ich mich kaum,« sagte Felix, »wiewohl die Launen des schönen Goldfisches den jungen Officieren, meinen Tischgenossen, zum Stichwort der täglichen Unterhaltung dienen. Sie soll eitel sein, kokett, herzlos und rücksichtslos, in einem Athem warm und kalt, anziehend und abstoßend und was sonst noch in diese Categorie gehört.«

»Und stimmte das so wenig zu dem gelangweilten Ueberdruß, der aus diesen Versen wiederklingt? Der völlige Mensch liebt das Leben.«

»Der oberflächliche auch; wie viel mehr aber einer, der wie man von dieser Dame sagt, Gott sei uns gnädig bei noch nicht zwanzig Jahren! mit dem Freigeist paradiren soll und daher so gut wie ein Universitätsprofessor, wissen muß, daß mit dem gegenwärtigen Leben alles in allem zu Grunde geht.«

»Nun mindestens diese letzte Anklage der Herrn Officiere wirst Du für hinfällig erklären, Freund, nachdem Du aus diesem lyrischen Document Dich überzeugt hast, daß die Schreiberin an ihrem jezeitigen Leben kein Gefallen findet,« sagte ihr Vertheidiger noch in 18 scherzendem Ton; setzte aber darauf mit bedeutsamem Ernste hinzu: »Zugegeben, daß Susanne Merwaldt weit von Deinem Traumbild einer Begnadigten absteht und daß sie es voraussichtlich niemals erreichen wird, so ist sie den Jahren nach doch noch jünger, als ihr Aeußeres und ihr geselliger Habitus es vermuthen lassen, an seelischen Erfahrungen aber jünger noch als an Jahren. Selber das Stadium des Zweifels an dem, was ihr Religiöses durch die Erziehung geboten worden, ist ein von ihr noch unberührtes und jenes Vacuum, das Du mit einem glücklicher Weise selten zutreffenden Schiboleth bezeichnest, würde sie dem Sinne nach einfach nicht begreifen. Sie steht eben noch vor der Schwelle natürlicher Forderungen und erst nachdem diese Schwelle überschritten ist, wird das Bedürfniß nach dem Uebernatürlichen sich regen.Es ist dies ein Prozeß, den ich energische und dabei ehrliche Gemüther weit öfter habe gewinnen sehen, als wenn der Instanzenzug der entgegengesetzte war, da Jene, welche gewohnheitsmäßig bei dem Uebernatürlichen begonnen haben, ja häufig an den natürlichsten Forderungen Schiffbruch leiden.«

»Wenn sie schwach genug sind, dieselben nicht zu bewältigen,« ergänzte der jüngere Freund mit schneidendem Klang. Da der ältere ihm nicht widersprach, setzte er nach einer Pause, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen, hinzu: »Woher kennst Du denn aber Fräulein von Merwaldt so genau, daß Du Dich mit so viel Zuversicht zum Anwalt in ihrem Naturprozesse aufzuwerfen getraust?«

19 »Von dorther, wo der Arzt seine Bekanntschaften macht und auch psychische Beobachtungen mit der Zeit zu machen lernt: vom Krankenbette,« antwortete Roderich, der mit Verdruß gegen sich selbst inne ward, wie weit er sich in ein Gebiet hatte treiben lassen, das er überhaupt selten, einem Menschen auf Oßlers Grundlagen gegenüber, aber niemals zu betreten pflegte. Ablenkend äußerte er sich daher über sein Verhältniß zu der Merwaldtschen Familie eingänglicher, als er es sonst vielleicht gethan haben würde.

»Kurz nach meinem Ansiedeln in der Heimath, das mit des Präsidenten Hierherversetzung fast zusammenfällt, behandelte ich dessen ältere Tochter im letzten Stadium einer unheilbaren Zehrkrankheit und nach ihrem baldigen Tode die eben heranwachsende Susanne in einem Nervenzustande, welchen die Affecte des langen Leiden- und Sterbensehens hervorgerufen hatten. Der Vater, – was er als Staatsbeamter ist, nun das weißt Du ja, – er ist aber auch in seinem Hause einer von den pflichtstrengen Despoten, die sich aus des ersten Friedrich Wilhelm Schule vom Throne herab in den militairischen und büreaukratischen Kategorien unseres Vaterlandes fortgepflanzt haben, und wie anerkannt werden muß, ein starker Kitt in seinen Fugen heute noch sind. Sein Temperament gönnt so leicht keinem Wesen Raum und Licht in einem größeren Maaße, als er den einen für sich selber abgrenzt und das andere mit eigenen Augen leuchten sieht; auch den eigenen Kindern nicht, 20 wiewohl er mit leidenschaftlicher, ja eifersüchtiger Zärtlichkeit an ihnen hing und hängt.

Ja dem erwähnten Zustande war es nun aber das erstemal, daß unser Gewalthaber Akt nahm von der Widersetzlichkeit der geheimen, kleinen Emissaire, welche die Aufträge des unsichtbaren Potentaten Geist an den sichtbaren Potentaten Leib und des letzteren Rückantwort zu vermitteln haben. Die Haare sträubten sich dem alten Herrn bei der Vorstellung, daß unter diesem jakobinischen Unfug subalterner Beamten, auch sein letztes Kind zu Grunde gehen könne. Als der Tumult aber sich beschwichtigte, schrieb er dem Magus, das heißt dem Doctor, zu Gute, was lediglich der kerngesunden Organisation der beiden hohen Auftraggeber zu danken war und gestattete ihm, dem Magus, auf seine Stammhalterin einen dauernden Einfluß, wie er ihn sonst einem Menschen von nicht völlig correcten politischen Ansichten nimmer gestattet haben würde.

Es liegt auf der Hand, daß eine von Haus aus wenig auf Ebenmaß angelegte Natur wie Susannens unter dem Contrast häuslichen Zwanges und gesellschaftlicher Selbstständigkeit, wie die Stellung ihres reichen Vaters in einer Provinzialstadt sie ihr gestattet, nicht leicht in's Gleichgewicht zu setzen sein wird. Dazu ihre Isolirung. Den Schutz einer Duenna, welchen der Vater anstandshalber ihr aufnöthigen wollte, hat sie beharrlich abgewehrt, wie sie schließlich denn allemal ihren Willen durchsetzt, so oft sie sich die Mühe nimmt, aus einer Forderung oder Weigerung zu bestehen. Als ich mich 21 herbeiließ, die Wünsche ihres Vaters zu befürworten, antwortete sie mir: »die einsame Freiheit, oder freie Einsamkeit ist mein Recht, nachdem der natürliche Anhalt der Mutter und meiner lieben Sophie mir entzogen worden ist.

Diese Sophie, ihre Schwester, war ein weiches, künstlerisch talentirtes Wesen. Ein Grübelfang, der nicht von vornherein einen Strich durch dieses dunkle Gebiet zieht, und ich will gestehen, daß ich lange Zeit ein solcher Grübelfang gewesen bin, könnte zum Narren werden über dem wunderlichen Naturspiel, das einem solchen Vater zwei ihm selbst und untereinander so ungleichartige einzige Kinder gab. Wenn Du Susannen einmal kennen lernst, wird dieser kleine Studienkopf Dir sagen, wie idealisch und doch wahrheitstreu Sophie zu lieben und zu malen verstand. Sie schenkte das Bildchen mir, als sie ihren Tod nahen fühlte, indem sie mich das Versprechen ablegen ließ, ihre junge Schwester nicht blos als Arzt in meine Obhut zu nehmen sondern so viel an mir sei, in den unablässigen Reibungen ihres Innen- und Außenlebens auch ihr Gemüth vor Verkümmerung oder Entartung zu bewahren.

Ich stehe Susannens Umgangskreisen fern, darf auch die Mentorrolle just nicht meine starke Seite nennen; immerhin jedoch ist die Anwaltschaft in ihrem Naturprozeß, so nanntest Du es ja, als theures Vermächtniß mir überkommen und durch ein seltenes väterliches Vertrauen gerechtfertigt, mir zur ebenso werthvollen als interessanten Lebensaufgabe geworden; und so habe ich 22 auch diese Dir so widerspruchsvoll dünkenden Verse heute Morgen erhalten, als Antwort auf meine Mahnung ein ungewöhnliches poetisches Talent sich zur Beruhigung und Anregung kunstmäßig auszubilden.«

Roderich hielt nach dieser weitläufigen Ausführung den Gegenstand erschöpft; da der Freund jedoch in auffälliger Weise eine Erwiderung unterdrückte, kehrte er nach einer Pause noch einmal auf denselben zurück. »Du siehst mich befremdet an, Felix,« sagte er lächelnd, »schließest wohl gar auf noch intimere Bezüge neben jener anspruchslosem vorzeitig väterlichen Art zu dem schönen Kinde. Ei nun, der Reiz dazu läge ja wohl nahe; ebenso nahe aber liegt das Erkennen einer Organisation, die bestimmt ist, ähnlich gewissen in unserer Zone nicht heimischen Blüthen, nach langer scheinbarer Ruhe plötzlich aufzubrechen und unter einem besonderen Schicksal sich zu entwickeln. Die sorgsamste Freundschaft ist machtlos, solche Naturen vor Irrungen zu bewahren und vielleicht,« – setzte er mit einer gewissen Bewegung hinzu, indem er den Freund forschend betrachtete, – »vielleicht ist die Stunde nicht fern, in welcher – – doch hüten wir uns vor voreiligen Prognostiken, welche eine unberechenbare Macht in den meisten Fällen Lügen straft.«

Nach diesen Worten schloß Roderich nun entschieden mit der Rechtfertigung seiner Anwaltschaft ab. Er lud den Besucher zu Tische und suchte seine Aufmerksamkeit auf den Gegenstand zurückzulenken, der jedem Menschen ja immer der natürlichste ist, auf sein eigenes Geschick. 23 Der ältere Freund hatte den jüngeren nicht aus den Augen verloren, wie dieser ihn, sondern war seinem Entwicklungsgange aus der Ferne mit verständnißvollem Antheil gefolgt. Sein Bekenntnißwechsel befremdete ihn nicht; er würde es keineswegs unnatürlich gefunden haben, wenn er noch einen Schritt weiter gethan und das priesterliche, oder gar wie die Schwester das klösterliche Leben erwählt hätte. Das jedoch, was er erst bei genauerer Prüfung allenfalls erklärlich fand, war sein Uebertritt aus dem beschaulichen in das praktische Leben.

Die Söhne des katholischen Adels unserer Provinz waren jener Zeit noch selten geneigt, sich dem vaterländischen Staatsdienste zu widmen und nichts hätte Oßlers innerlichem Wesen mehr widerstehen können, als der büreaukratische Schematismus, der jedem öffentlichen Gebiete zu Grunde lag. Als Roderich daher den unabhängig gestellten, weder eiteln noch ehrgeizigen jungen Mann nach längerem Aufenthalt in Italien, wohin er nach vollbrachten Studienjahren einen geistlichen Familienfreund begleitet hatte, plötzlich zurückkehren, ihn mit Eifer die Beamtenlaufbahn ergreifen, seine Examina rasch zurücklegen und in das administrative Collegium seiner heimathlichen Gegend eintreten sah, da mußte er sich wohl fragen, was ist dieses Strebens Grund, welches sein Ziel? und er glaubte kaum zu irren, indem er diese Wandlung einem fremden Einfluß zu Gute schrieb.

Roderich erkannte die führende Hand jenes geistlichen Freundes, dessen bedeutende Wirksamkeit von seinen Gesinnungsgenossen schon in jener Zeit ebenso hoch an 24geschlagen, als in einer späteren von den Gegnern in einem zweideutigen Lichte dargestellt worden ist. Hatte derselbe nun bisher sich darauf beschränkt, ein friedsames Gewährenlassen von oben herab in der Stille für seine Zwecke auszubeuten, so konnte er jetzt sich füglich nicht darüber täuschen, daß das Ferment, welches seit der Julirevolution auf die Oberfläche gestiegen war, über kurz oder lang auch bei uns zu einem politischen Umschwung führen werde und daß der Moment gekommen sei, wo seine Partei eine festgegliederte Stellung für Abwehr und Angriff einzunehmen habe.

Es galt daher, das schmollende oder lässige Zurückhalten aufzugeben und zunächst den staatlichen Mechanismus practisch kennen zu lernen, um wenn er dereinst ein gegnerischer werden sollte, ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen zu können. Zu einem solchen Werkzeug im Kampfe der Zukunft ward nun auch Oßler angeworben und reichbegabt, lauter und stark gewillt, nicht um Bedeutendes zu werden, aber um Bedeutendes vorzubereiten, trat er seine Lehrzeit an.

In diesem Sinne faßte Roderich den neuen Zustand des Freundes auf und legte mit eingänglichen Fragen es auf ergänzende Mittheilungen an. Aber auch nicht der Aufruf der theuersten Namen, weckte den jungen Mann aus seiner Befangenheit; er blieb schweigsam und zerstreut. Der andere lenkte die Rede darauf vom persönlichen in gegenständlichere Gebiete, die in anderer Stimmung sein Gast kaum ohne Controverse hätte berühren lassen. Heute aber stockte Antheil und Gegen 25rede auch hier und als Roderich endlich seinerseits sich mühsam auch zu einer Frage zusammenfaßte, zu dem Ausdruck der Verwunderung über die beschränkte Berufsthätigkeit des einst so in's Weite und Große strebenden Freundes, da glaubte dieser, als Antwort sich begnügen zu dürfen mit dem alten Citat: bene vixit qui bene latuit, und Felix begnügte sich damit.

Die Sonne neigte sich; er brach auf.

»Grüße morgen Fräulein Merwaldt von mir,« sagte Roderich, indem er ihm zum Abschied die Hand reichte.

»Morgen?« fragte Felix verwundert.

»Sie wird auf dem Balle nicht fehlen, welchen die Stadt dem durchreisenden Prinzen zur Bewillkommnung giebt,« versetzte der Freund, »und Du wirst ihre Bekanntschaft dort nicht vermeiden können.«

»Ich bin von Prinzen und Bällen so wenig ein Liebhaber wie Du, ich bleibe zu Haus,« entgegnete Felix und entfernte sich.

Der Freund sah ihm nach, bis er ihm aus den Augen entschwunden war. Auf seiner Stirn lagerte eine Wolke.

Der Heimweg war zauberisch; das Thal im Westen schwimmend in einem Meer von Purpur und Gold, die alte Stadt gegen Morgen in weißem Abenddufte, bläulich überhaucht von dem aufsteigenden Mond. Aber Felix spürte nichts von der Schönheit, die ihn umgab. Wie Geisterstimmen umschwirrte es ihn: »Rette sie, rette sie!«

26 Am andern Morgen war sein Wesen maßvoll gehalten wie alle Tage; doch hatte er über Nacht sich überzeugt, daß Roderich Recht habe und er als Beamter sich nicht füglich von dem städtischen Feste ausschließen dürfe.

*

Am andern Abend machte die schöne Schreiberin jener bänglichen Verse Toilette für den besprochenen Ball und lieferte einmal wieder den Beweis, daß sie in dieser vorzüglich auf das Maß gestellten Kunst so wenig Maß zu halten verstehe, als in der des Lebens überhaupt. Für gewöhnlich von sorgloser Einfachheit, alles Ueberflüssige oder Beengende vermeidend, gefiel sie sich bei besondern Anlässen, auf Bällen zumal, wo sie immer von Neuem Erregung und Freude suchte, in einem auffälligen Flitterstaat, wich vom modischen Geschmack ab, und gab den ehrsamen Ballmüttern, sammt wohlerzogenen Fräulein reichlichen Flüsterstoff.

Auch heute hatte sie sich phantastisch genug aufgeputzt; die helfende Zofe schüttelte den Kopf, die Dame aber lächelte befriedigt über ihre preciosenhafte Verwandlung. Noch stand sie musternd vor der Psyche, als in Begleitung eines Rosenstraußes, ihr ein Brief von Roderich gebracht wurde, die Antwort auf ihre gestrigen Verse.

Unumwunden, wie er es schon oftmals gethan, tadelte er die düstere Stimmung, der sie sich wie einem Verhängniß unterwerfe, nannte dieselbe ein Gespenst, das sie durch ihre Lässigkeit groß gezogen habe und mahnte sie zu einem belebenden Blick auf den Reichthum 27 der Welt und die ernsten Freuden der menschlichen Bestimmung. Warnend berührte er das leichtfertige Urtheil, das durch ihre Launen geweckt worden sei, forderte sie auf, jemehr und mehr einerseits dem Comfort ihrer einsamen Freiheit, welcher der Jugend nicht gestattet sei, andrerseits dem verflachenden Gesellschaftstreiben, in dem sie keine ziemliche Rolle spiele, zu entsagen, dahingegen sich einem ernsteren Verkehr zuzuwenden, dessen Elemente auch in einer kleinen Stadt aufgefunden werden können. Er lenkte bei dieser Gelegenheit ihren Blick auf seinen Jugendfreund, den Assessor von Oßler, dessen tiefbegründeten Charakter und edle Bildung er ihrer Beachtung empfahl. Wohl dürfe, so meinte er, Oßlers confessionell begrenzter Standpunkt ihrem natürlichen Erfassen widerstreben; aber auch nur für die Intimität sei ja das gleiche Wurzelland bedingend, zu einem belebenden Umgang genüge das gleiche Niveau. Und so schloß er endlich mit einer Wendung, deren Strenge er für den bilderliebenden Sinn schmeichelhaft umkleidet hatte.

»Verzeihen Sie diese Mentorrede. Sie sind von uns Männern an einen anderen Ton gewöhnt, aber nicht so verwöhnt, um den Rath eines aufrichtigen Freundes zu überhören. Sie wissen, es ist meine Art und Pflicht, einen Jeden ungestört in seiner Sphäre zu belassen; hier aber sehe ich die Ihrige verfehlt, die der Selbstachtung, deren kein wahrer Mensch sich entrathen darf. Der Planet folgt der Sonnenbahn; es giebt aber auch Naturen, die, wie die Sonne selbst, ihren eigenen 28 Standpunkt haben und ihr eigenes Licht; nur ahnend empfunden wird die ferne centralische Kraft, die ihnen den einen anweist und das andere verleiht. Ehren Sie sich selbst, Susanne, auf daß Sie sich selbst erhalten werden.«

Susanne saß, nachdem sie diese Zeilen gelesen hatte, eine lange Weile in sich versunken. »Treuer Freund!« flüsterte sie endlich, »treuer, einziger Freund! Ich möchte zu Hause bleiben.«

»Excellenz erwarten das gnädige Fräulein,« meldete der eintretende Diener.

Sie warf einen Blick in den Spiegel. »Rasch, Lisette, ein weißes Kleid!« rief sie, nestelte die blitzende Coiffüre aus dem Haar, steckte ein Paar frische Rosen aus Roderichs Strauße hinein, ließ sich ein einfaches weißes Kleid überwerfen und ging gelassen zu ihrem Vater, der sie murrend über ihre Unpünklichtkeit empfing. Susanne schwieg, wie sie es allezeit that seiner grollenden Laune gegenüber und sie fuhren zum Ball.

Sie tanzte, sie lachte, sie ließ sich huldigen wie sonst, aber noch früher als sonst ward sie des Treibens müde. Unruhig und traurig setzte sie sich in eine Fensternische. Sie hätte weinen mögen vor unerklärlicher Wehmuth, aber es war eine ihrer Besonderheiten, daß ihr das Weinen versagt war. Als Kind am Sterbebette der Mutter, später an dem der geliebten Sophie hatte keine Thräne sie erleichtert. »Der sengende Neid um die Ruhe der Todten zehrte die Tropfen auf,« sagte sie in einem ihrer kleinen damaligen Lieder.

29 Ihre Kindheit fiel ihr ein; wie die Schwester, die Cousinen vom Balle heimkamen und sie selber mit geschlossenen Augen, aber athemlos lauschend im Bette lag und gierig die Gespräche der Erwachsenen verschlang. Es handelte sich nur um schöne Kleider, um kleine gesellschaftliche Abenteuer und mehr oder minder gern gesehene Verehrer. Aber der Sinn des Kindes war früh empfänglich für den Samen der Eitelkeit. Sie ahnte im Tanze das, was dem Vogel das Fliegen ist: der Ballsaal schien ihr der Gipfel aller Erdenlust: ihr schwindelte bei der Vorstellung, daß auch sie eines Tages in seinen Wirbeln glänzen werde. Nun aber stand sie schon seit Jahren inmitten dieses geträumten Paradieses, zwar nicht in Gewändern aus Sonnenstrahlen gewoben, wie sie dazumal geträumt, doch schön und blumengeschmückt stand sie mit kaltem, freudenlosem Herzen, umringt von platten Physiognomien., umschwirrt von nichtssagendem Geschwätz und rauschenden Weisen, die sie nicht berauschten.

So hatte sie regungslos eine Weile gesessen und als sie wieder aufblickte, bemerkte sie im Thürrahmen sich gegenüber einen jungen Mann, der gleichgültig, oder müde in das Tanzgewühl schaute. Er war nicht das, was sie bisher schön genannt; ihm fehlte die rosige frische Jugend, die sie an Frauen, wie Männern gern sah und er hatte nicht den energischen Bau, der ihr an Roderich imponirte. Aber es machte ihr Freude, in seinen Zügen zu lesen; die hohe Stirn war schmal, von langem dunklem Haar eingefaßt; das Auge sehr ausdrucks 30voll und sein weicher, fast trauriger Blick versöhnte mit den strengen, auf Unduldsamkeit deutenden Linien des Mundes. Er stand still für sich, oder unterhielt sich mit einigen älteren Herren in der Art eines Mannes, der aus anerzogener Sitte den Tribut der Höflichkeit entrichtet.

Susanne, die sich sonst so selten die Mühe nahm, eine Sache, oder einen Menschen nahe in's Auge zu fassen und häufig mit Kurzsichtigkeit entschuldigte, was lediglich Unaufmerksamkeit war, beobachte jede seiner stillen Mienen, die leiseste Bewegung mit scharfblickendem Interesse; obgleich sie heute manchem Unbekannten begegnet war, zweifelte sie nicht, daß dieser der ihr von dem Freunde angekündigte Freund sei und fühlte das lebhafteste Verlangen, mit ihm in Berührung zu kommen, ja sie scheute nicht kleine, unfeine Mittel, um sich ihm bemerkbar zu machen; sie ging am Arme ihrer Kindheitsgespielin Lucie, einer reizenden kleinen Blondine, plaudernd in seiner Nähe auf und ab, ließ ihren Blumenstrauß fallen und erzählte laut genug, daß der Fremde es hören mußte, Doctor Roderich habe ihr die schönen Rosen aus seinen Treibhäusern gesandt; sie mischte sich endlich wieder unter die Tanzenden, in der Hoffnung seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die Galanterien eines bis diesen Abend bevorzugten jungen Officiers wurden ihr aber bald genug lästig; sie antwortete ihm kurz und schroff und als er sich über ihre unfreundliche Laune beklagte, trat sie ohne weitere 31 Entschuldigung aus der Reihe und riß ein Fenster auf, daß der Nachtwind ihre glühenden Wangen kühle.

»Sie verzeihen, wenn ich es wage, Ihrem schädlichen Beginnen Einhalt zu thun, obgleich ich so eben Zeuge davon gewesen bin, was es heißt, Ihre Ungnade auf sich zu ziehen,« sagte Herr von Oßler lächelnd, indem er gelassen das Fenster wieder schloß und sich darauf zu einem Bekannten wendete, um sich ihr vorstellen zu lassen.

Er setzte sich an ihre Seite und Roderichs gemeinsame Freundschaft gab der Unterhaltung bald einen vertraulichen Anklang. Felix erzählte, daß er in des Freundes Hause gestern ihr Bild gesehen und eine unerwartet düstere Devise dazu gefunden habe.

»Die Ihnen zu meiner heutigen Erscheinung nicht passen wird,« fiel lachend Susanne ein.

»Warum nicht?« versetzte er, »Sie sind ja verstimmt, Ihrer festlichen Umgebung zum Trotz.«

»Aber diese Umgebung ist es ja eben, die mich verstimmt, wie alles im Leben, das mir nicht gewährt, was ich von ihm verlange.«

»Und wäre es erlaubt zu fragen, was Sie von einer Ballgesellschaft verlangen?«

»Schönheit, Witz, Glanz, Sympathie, mit einem Worte – Freude.«

»Und wenn Sie alles das gefunden hätten, würden Sie zufriedener Ihre Augen schließen?«

»Diesen Abend gewiß. Wer verlangt denn eine Freude von ewiger Dauer? Man putzt eine armselige 32 Gegenwart heraus, lernt also heraus geputzt sie von Tage zu Tage ertragen, bis die Zeit der Erfüllung – so oder so – herankommt.«

»Mit diesem Sinne werden Sie eine armselige Gegenwart niemals ertragen lernen und das, was Erfüllung heißt, – so oder so, –niemals erreichen,« versetzte Felix plötzlich sehr ernst. »Sie schmücken einen Leichnam mit Blumen und erwarten, daß er dadurch lebendig werde; Sie schließen Ihre Augen vor den Sternen der Nacht und beklagen sich über ihre Dunkelheit.«

Susanne tanzte an diesem Abend nicht mehr. Sie sprach mit Felix weiter in einem Ton, der sie an die Grenze heiliger Gebiete, ja über diese Grenze hinausführte. Noch nie hatte ein Mensch diesen Ton mit ihr angeschlagen, keiner mindestens, dem sie hätte zustimmen mögen. Sie stimmte auch heute nicht zu, sie widersprach, sie erzürnte sich sogar und doch klang dieser Ton ihr wie ein wohllautendes Gedicht, nahm sie gefangen, so daß sie seine Dissonanz mit der lärmenden Begleitung gar nicht einmal spürte. Felix dahingegen, der sie nur allzutief spürte, war an den Mißklang seines Instruments im Concerte der Welt gewöhnt und unterwarf sich ihm wie einer Art von Martyrium.

Der Präsident entzog endlich seine Tochter dem auffälligen Beieinandersein; der Prinz, den sie so wenig als möglich berücksichtigt hatte, empfahl sich ihr und sie verließen bald nach ihm die Gesellschaft.

Zu Hause angelangt verabschiedete Susanne ihre Dienerin, ohne deren Hülfe beim Auskleiden anzunehmen. Als jene aber am Morgen mit dem Frühstück das Zimmer betrat, fand sie das Fräulein noch im Ballstaat am Fenster sitzen. Susanne hatte sich nicht zum Schlafen niedergelegt; jetzt aber war es ihr wie Einem, der jach aus einem bedeutenden Traume erwacht und sich nicht mehr besinnen kann, auf was er hinausgelaufen sei. Als sie sich endlich ermunterte, da sah sie sich lächelnd nach dem Flügelpaar um, das ihr über Nacht gewachsen war. Sie glaubte den lange vermißten Menschen gefunden zu haben, welcher den Schlüssel zu allen Heimlichkeiten ihres Herzens besäße.

Am Nachmittag kehrte Oßler schon wieder aus des Freundes Hause zurück; seine Gedanken waren noch bei den Eindrücken des gestrigen Abends, seine Seele voll Unruhe über die Begegnung mit dem ungewöhnlichen Mädchen; er hatte bei Roderich Aufschluß über die sprunghaften Bewegungen ihrer Natur gesucht und war verstimmt, den Freund nicht gefunden zu haben. Er konnte sich nicht klar darüber werden, was ihn eigentlich in Susannens Worten und ihrem Wesen so lebhaft interessire, ob sie ihn anzog, oder abstieß, ja ob sie nur den Reiz der Schönheit für ihn habe. War doch auch nicht ein Zug an ihr, der an die Schwester erinnern konnte, seinem Ideale auch der äußeren Erscheinung nach.

Er nahm einen Umweg durch das Glacis, das während der langen Friedensjahre zu einer schattigen Promenade umgeschaffen worden war. Da aber die Bewohner kleiner Städte Werkeltags, überhaupt selten Festtags nicht zum bloßen Naturgenuß in's Freie zu gehen 34 pflegen, so konnten einzelne Ausnahmsspaziergänger, wie Fräulein von Merwaldt sich in den freundlichen Anlagen ungestört wie im eigenen Garten bewegen. Susanne that es täglich stundenlang, entweder allein, oder da älteren Bekanntinnen ihr starker Schritt leicht unbequem ward, in Gesellschaft ihres Lieblings, der kleinen, munteren Lucie, ein an Leidenschaft grenzendes Verlangen befriedigend.

Ihr Vater hatte sich demselben fügen müssen, nachdem er es an den stärksten Einwendungen gegen dieses unverständliche moderne Frauenbedürfniß, das er sogar unanständig nannte, nicht hatte fehlen lassen. Ja, da sein Töchterchen von Haus aus, mit einer noch kühneren Forderung aufgetreten war und anstatt bescheiden zu Fuße, hoch zu Rosse in der Gegend umherzuschweifen verlangt hatte, – ein geschicktes Strategem, wenn es als solches auch nicht beabsichtigt wurde, – so war er froh genug, von zwei Extravaganzen die kleinere wählen zu dürfen. Als nun obendrein Roderich mit den rebellischen kleinen Nervengeistern drohte und dem alten Herrn demonstrirte, daß die Promenade den Enkelinnen heute die Dienste leiste, welche Küche und Bleichplatz den Großmüttern geleistet haben, als er sagte: »Excellenz, eine Dame, die tüchtig spazieren geht, träumt und grübelt so wenig wie etwa ein Mann, der Holz hackt, Complotte schmieden wird;« auf dies Maguswort hin hätte Excellenz sämmtliche hochrangirten deutschen Frauenzimmer, die Gott sei's geklagt! sich nun einmal in der Küche und auf dem Bleichplatz partout 35 nicht mehr nützlich beschäftigen wollen, in's Freie hinaustreiben und der gesammten, deutschen akademischen Jugend die Holzaxt in die Hand geben mögen.

Nach diversen Scharmützeln gelangte man zu einem Compromiß; der Vater verzichtete auf das lästige Duennengeleit, die Tochter ließ sich die räumliche Beschränkung auf das Glacis, welches die häufigen Schildwachten in der Nähe der Festungswerke sicher machten, gefallen. Es kam Susannen darauf an, vor sich einen freien Raum und über sich den Himmel zu haben, nicht eigentlich die Natur zu genießen. Auch hierin war sie nach Außen hin unaufmerksam; ja sogar ihre physischen Sinne schienen noch nicht völlig geweckt. Als einmal Lucie ausrief: »Wie köstlich diese Linden duften!« fragte sie erstaunt: »Duften denn Linden?« sog aber darauf den süßen Balsam mit wollüstiger Erquickung ein. So wurde auch von ihr behauptet, daß sie tief in den Winter hinein die leichten und tief in den Sommer hinein die dichten Kleider beibehalte und erst anfange, sich dadurch erkältet oder erhitzt zu fühlen, sobald man sie auf das Ungehörige ihres Anzugs aufmerksam machte. Sie lachte über Roderichs Neckereien bei diesen oder ähnlichen Anlässen und nannte sich eine Wilde, die er mit seiner Civilisation zu Grunde richten werde.

Auch heute hielt sie ihren Rundlauf im Schutze der Wälle, mit dem freien Ausblick auf Fluß und Flur; ihr Herz schlug in der Erinnerung an »ihren Götterboten« und in dem ungestümen Verlangen, ihn wiederzusehen. Eine alte Frau unter einem Baume am Boden 36 hockend, sprach sie wie sie, kaum hinhorchend, meinte, um eine Gabe an. »Ich habe kein Geld bei mir,« sagte sie, indem sie mit abgewendeten Augen vorüber eilen wollte. »Melden Sie sich morgen in der Präsidentur.«

Die Alte, anscheinend schwerhörig, schüttelte jedoch den Kopf und griff, um die Dame zurückzuhalten, nach ihrem Kleid, just in dem Augenblick als Felix, aus einem Seitenwege biegend, sie überholte.

Ein Freudenschauer überrieselte Susannen. »Befreien Sie mich aus diesen unsauberen Händen, Herr von Oßler, und seien Sie mein Almosenier,« sagte sie lachend.

Felix aufmerksamer als das Fräulein auf die Bitte der alten Frau, half ihr einen Korb mit gesammeltem Reisig auf den Rücken heben, legte ein Geldstück in ihre Hand, erkundigte sich nach ihrer Wohnung und folgte dann Susannen, die indessen einige Schritte vorangegangen war. Sie sagte heiter:

»Alte Weiber sind die einzige Menschengattung, denen mein Vater das staatsgefährliche Betteln allenfalls gestattet; während Roderich es auch diesen als der Menschenwürde zuwider, wehren will, und lieber jenem Unhold dort seinen Reisigkorb mit einem Goldstück abkaufen, als das Almosen eines Kupferdreiers in seine Hand legen würde.«

»Beide haben von ihrem Standpunkte aus Recht,« versetzte Felix, »und bin ich überzeugt, daß es bei dem einen wie beim anderen nicht die nackte Selbstsucht ist, die sich in den Mantel einer gemeinnützigen Pflicht drapirt. Der moderne Staat wie das selbstgerechte Bewußtsein 37 steigen und fallen nach dem Maße geleisteter Arbeit. In einem höheren Sinne aber und in einem höheren Reiche wiegt die Herzenshärtigkeit eines Einzigen, der einen bittenden Bruder verweigert, was er gewähren könnte, den Gemeinschaden von tausend lungernden Bettlern auf.«

»Ich verstehe das nicht ganz« – entgegnete Susanne.

»Weil Sie das Band, das eine ewige Mutter webt, nicht kennen,« sagte Felix.

Sie gingen ein paar Schritte schweigend neben einander, dann hob Susanne ernster als vorhin wieder an: »Die Nothwendigkeit dessen, was wir Wohlthun nennen, ist mir eine der widerwärtigsten Bedingungen des Daseins. Der Eindruck so viel unheilbarer Mängel und Schäden erregt meinen Ekel und macht die Welt mir nahezu verhaßt. Der Tropfen Linderung, den ich zu spenden vermag, löscht weder den brennenden Durst, noch die brennende Scham, die ich in der Seele dieser Elenden empfinde. Ich würde mir mit Freuden einen Abzug alles Ueberflüssigen gefallen lassen, um der Schmach des Erbettelns unentbehrlicher Bedürfnisse zuvorzukommen. Wo ich nun aber einmal absolut nicht helfen kann, möchte ich meine empfindlichen Sinne schonen.«

»Eine grausam bequeme Consequenz Ihres natürlichen oder wie Sie es vielleicht nennen, ästhetischen Gefühls,«, entgegnete Felix mit unwilligem Spott. – »Schon ein türkisches Sprichwort sagt: ›Was weit vom Auge, ist es vom Herzen auch;‹ und der Dichter, welcher 38 ohne Zweifel der Schülerin Roderichs ein bevorzugter ist – –«

»Die Schülerin macht ihrem Lehrer wenig Ehre,« unterbrach ihn Susanne lachend, »sie hat keinen bevorzugten Dichter, kennt überhaupt nur wenige Dichter und diese wenigen oberflächlich.« Da ihr Begleiter ihr bei diesen Worten mit einiger Verwunderung in's Gesicht sah, setzte sie unbefangen hinzu: »Mein Vater liebt es nicht, daß Frauen viel lesen, und mir ist's kein Bedürfniß, das ich wie das Spazierengehen durchsetzen müßte. Später vielleicht. Aber was sagt denn der Dichter, dessen Kenntniß Sie mir zutrauten, um das türkische Sprichwort zu bekräftigen?«

»Er ruft Gottes Zorn herab über die, welche keine Augen weil kein Herz für das menschliche Elend haben. Und ich wollte die Dichterin nur fragen, was wird aus des Dichters Kunst, wenn er sein Herz ertödtet, um seinen Augen nicht wehe zu thun? Nun frage ich aber statt der Dichterin die Christin: ›Was wird aus der Welt ohne die Liebe, welche die Folgen der Sünde überwindet?‹«

«Liebe!« fiel Susanne lebhaft ein, »o, nennen Sie doch nicht Liebe ein Gefühl, das an der Grenze meiner menschlichen Natur beginnt. Wir lieben, was uns schön dünkt, wohin unser Wesen sich freiwillig neigt, das was uns glücklich macht. Die Liebe und die Sehnsucht nach Liebe hören nicht auf, so lange es Menschen giebt, niemals, niemals! Aber das Häßliche, Böse, den Feind lieben, – das Evangelium stellt diese Satzung mit einem un 39rechten Wort, – dieses übermenschliche Vermögen nenne ich nicht Liebe, sondern allenfalls Güte.«

»Sei es denn Güte, deren Name selber von Gott geleitet ist,« versetzte Felix; »seien es denn, wenn Sie so wollen, Gegensätze, Liebe und Güte, wie Natur und Gnade es sind, aber nur die letztere kann das Elend der Welt zur Freude der Welt verklären.«

»Wenn ich glücklich wäre,« sagte Susanne still vor sich hin, nachdem sie eine Weile schweigend an seiner Seite gegangen war, »wenn ich glücklich wäre, vielleicht würde ich auch gut, – vielleicht!«

Er machte keine Erwiderung. Sie waren am Thore angelangt und er empfahl sich ihr, seine Begleitung entschuldigend.

»Mir wird immer wohl, wenn ich einmal das Herkommen vergessen darf,« entgegnete Susanne lächelnd, indem sie sich entfernte.

Am andern Morgen hielt es Oßler für unerläßlich, sich im Hause seines Chefs einzuführen; da der Präsident abwesend war, ließ er sich bei seiner Tochter melden. Man führte ihn in den Salon, während das Fräulein aus dem Garten herbeigerufen ward. Harrend blickte er durch die offene Thür in ein anstoßendes Gemach, das im Gegensatz zu dem modisch gefüllten Empfangszimmer, einfach, ja kahl, wie eine Nonnenzelle, nur ohne deren heilige Merkmale eingerichtet war. Vollendete, sogar reinliche Ordnung, aber nirgend ein Zierrath, nichts Lebendiges, keine Blume, kein Bild, kein musikalisches Instrument, nicht einmal ein Buch.

40 »Wie gefällt Ihnen meine Klause?« fragte lachend Susanne, die unbemerkt eingetreten war.

»Sie scheint mir zum Gefallen nicht ausgeschmückt,« antwortete Felix ebenfalls lachend. »Wenn ich aber neulich bei unserem Freunde die Bemerkung machte, daß die Wohnung den Bewohner kennzeichne, was dürfte ich in dieser von ihrer Inhaberin schließen?«

»Vielleicht, daß sie sich auf der Reise nicht mit beschwerlichem Ballast beladen möchte; oder auch, daß wie sie sich selber nicht putzen würde, wenn kein Mensch sie zu sehen bekäme, sie auch ihre Umgebung nicht putzen mag, auf welche niemals ein anderes Auge fällt.«

»Ich hätte Ihnen diese Selbstentäußerung kaum zugetraut,« sagte Felix.

»Es ist auch nichts weniger als Selbstentäußerung,« versetzte Susanne lebhaft; »nur Bequemlichkeit. Ich kann mir auf der Lebensreise die Station recht wohl vorstellen, in welcher ich, um mit einer Dichterin, von der auch ich zufällig, das heißt durch Freund Roderich, gehört habe, zu reden, lieben würde ›den heiteren Genuß der Pracht und der Lebensfülle sonnig glänzende Lust‹« – –

»In meinem Inneren das Schöne,« ergänzte Felix mit einer Galanterie, die er für gewöhnlich verschmähte.

Ihre Erscheinung fiel ihm heute vortheilhafter auf als am neulichen Abend. Der schlichte, züchtige Hausanzug war ihren stark entwickelten Formen kleidsamer als der leichte Ballstaat; auch besaß sie mehr freie Sicherheit des Alltagslebens als Grazie und Gewandtheit in der 41 Gesellschaft. Nächstdem bewunderte er die köstliche Frische des Colorits im klaren Morgenlicht. Vor allem aber fesselte ihn ihre vollkommene Natürlichkeit. Niemals eine Absicht, nichts Hergebrachtes, keine verhüllende Phrase. Wer hätte ahnen mögen, daß diese impulsive Natur sich unter den beschränkendsten Erziehungs- und Umgangsverhältnissen entwickelt hatte? Der Trieb zum Schweigen, so äußerte sie gelegentlich, habe ihr ihre Freiheit gerettet.

Als er sie über ihre Poesien befragte, versprach sie ihm gern einen Einblick, wiewohl sie dieselben bisher vor jedem Auge außer dem ihres Seelenarztes, Roderich, geheim gehalten habe. »Er so wenig wie ich selbst,« sagte sie, »betrachten die kunstlosen kleinen Lieder als etwas Geleistetes, nur wie etwa Andere die Thränen als eine Erleichterung, wenn mir das Herz beklommen ist. Schon als Kind, ehe ich schreiben gelernt, habe ich meine kleinen Leiden und Freuden in Reimklängen vor meiner Sophie, aber nur vor ihr ausgetönt. Was damals wie ein Schall verwehte, das vernichte ich jetzt großentheils bald nach der Niederschrift, da es mir ja nur um den Akt, nicht um das Resultat zu thun ist, auch der mangelnde Sinn für das von Außen Wirkende diesen Ergüssen nicht einmal den Werth von Tagebuchblättern giebt.«

Der Eintritt des Vaters unterbrach diese Mittheilungen. Alsobald breitete es sich wie ein Schleier über des jungen Mädchens Wesen. Mienen und Bewegungen wurden steif, die Worte spärlich und langsam. Sie gestattete sich keinen Einwand, als der alte Herr, 42 vielleicht aufgebracht über ihr Alleinsein mit dem Besucher, ihr in dessen Gegenwart rücksichtslos etliche unbedeutende häusliche Versäumnisse vorwarf. Oßler empfahl sich, sobald es irgend schicklich.

*

Felix und Susanne sahen sich von der ersten Begegnung ab fast täglich: auf dem Spaziergange, im Hause einer Beiden nahestehenden Familie, in gesellschaftlichen Kreisen, denen Oßler sich gegen seine ursprüngliche Absicht hatte zuführen lassen, auch im eigenen Hause unter Freund Roderichs Aegide. Sie suchten, sich zu sehen und wurden nicht müde, sich zu sehen.

Der Gegensatz seines Wesens zu dem ihren wirkte auf Susannen als ein Reiz und die Widersprüche, die sie in seiner eigenen Natur erkannte, schärften diesen Reiz. Die Freude am Leben, welche er niemals so stark wie in Susannens Nähe empfunden hatte, die kindliche Heiterkeit, der er sich überließ neben der abgeschlossenen religiösen Richtung und dem strengen kirchlichen Gesetz, der Wechsel von Liebe und Güte oder Natur und Gnade, die er einst Gegensätze genannt hatte, zeigten ihn ihr jeden Tag in einem neuen, bezaubernden Lichte.

»Alle Liebenswürdigkeit ist Inconsequenz,« sagte sie zu sich. »Mit ihr fassen und halten wir unsere Menschen. Durch sie werden sie uns erst gerecht. Roderich könnte niemals inconsequent werden. Vorstellungen, Gedanken, Entschlüsse, Handlungen reihen sich aneinander, greifen in einander wie ein nothwendiger Kettenschluß. Wer 43 ehrt und bewundert ihn nicht, den unvergleichlichen Freund? Aber lieben? Könnte man Roderich lieben? Wie alt erscheint er neben dem doch nur wenige Jahre jüngeren Felix! Roderich läßt sich nicht anders denken als er zur Stunde ist: nicht älter und wenn er am Stocke ginge und weißes Haar trüge, aber auch nicht jung und warm wie Felix. Felix! o, schon dieser bedeutungsvolle Name! Ja, Glück, Glück, du Sehnsucht meines ganzen Lebens, du Frühling, welcher die Brust mit Wollust füllt und ihre heimlichsten Träume wie Knospen zur Blüthe treibt! Und jener mystische Seelengrund lockt er nicht an und lullt mit seinem verborgenen Rauschen uns ein wie ein liebliches Märchen, dessen Tiefsinn wir ahnen, wenn wir auch seinen Laut nicht verstehen? Roderich sieht die Welt wie sie ist und möchte aus ihr machen, was sich im besten Sinne aus ihr machen läßt – die Menschen zu Menschen. Oßlers Streben ragt weit über die Wirklichkeit hinaus und seine Ideale sind nicht von dieser Welt. Aber haben die erhabensten Menschen nicht allezeit nach dem Unerreichbaren gestrebt? Sind es nicht die reinsten Blicke, die empor zu den Sternen gerichtet werden? Ist aller Mysterienglaube nicht selber ein Mysterium? Und ist der eine Wahrheit, warum das andere nicht? Warum müssen so viel Andere aber mit kalten, verneinenden Herzen an den Gnadenbildern vorübergehen, die auf die Besten von uns tröstend und stärkend niederblicken.«

So, in Prosa umschrieben, die »Herzenserleichterungen« der jungen Dichterin.

44 Auf der andern Seite fühlte Felix sich je mehr und mehr in seinem inneren Zusammenhange gestört. Vergebens grübelte er, den Gesprächen mit Susannen nachdenkend, oder in ihren Poesien blätternd, nach einer bewußten religiösen Offenbarung und wenn er ebenso wenig auf eine Spur des ihre Umgebung beherrschenden Vernunftscultus, den er strenger als Unglauben verdammte, stieß, so glich sein Trost doch nur dem des Gärtners, der statt des Unkrautes, das er roden müßte, auf unerschöpften, jungfräulichen Boden stößt. Durfte er aber auch der stärksten Erdenliebe die Macht zutrauen, diese ursprüngliche Eva die Bahn zur Maria zu führen?

War er dann jedoch mit Susannen zusammen, so schwanden wie unter einem Zauber alle Zweifel seines Gewissens. Wohl war es nicht das erste Mal, daß er den Einfluß einer Persönlichkeit empfand; er war dann und wann auch von einzelnen weiblichen Eigenschaften stärker ergriffen worden; er hatte die vollendete Tugend und Anmuth einer Frau in seiner nächsten Nähe kennen lernen und sein Traumbild einer Geliebten trug weit eine andere Gestalt: das Totale, Untheilbare einer Erscheinung aber hatte ihn noch niemals mit so magnetischer Allgewalt gefangen genommen wie das Susannens.

So gerieth denn sein ganzes Wesen in Zwiespalt. In Susannens Nähe fühlte er sich eins mit ihr, fern von ihr sah er eine Kluft. Und diese Kluft war die Region, in welcher seine heiligsten Ueberzeugungen wurzelten. Er hatte als Kind es im Zusammenleben seiner Eltern empfunden, hatte es später, als Roderich 45 und Veronika von einander schieden, deutlich erkannt und im tiefsten Grunde erkannte er es zur Stunde noch so deutlich wie je: Temperamente, Neigungen, Meinungen, Charaktere mögen auseinander gehen, ohne daß ein inniges Verhältniß dadurch Störung leidet. Nur zwischen Religionen giebt es keine Vermittlung; sie sind unantastbar wie kein anderer Seelenschatz. Er aber wenigstens, er hatte eine Religion. Eine Religion, deren Höhe und Tiefe, Ursprung und Ewigkeit das Mädchen, das er liebte, nicht begriff; und ob sie dieselbe jemals begreifen werde, das war der Zweifel, der ihn zerrieb, wochenlang, monatelang, bis das Jahr sich neigte.

Tiefer aber noch als durch seine eigenen Bedenken ward er erschüttert durch die Mahnungen der Schwester, die seine einzige Blutsverwandte, seine vertraute Freundin und ihm der Inbegriff weiblicher Vollendung war. Schon im Kindesalter hatte er über ihrem Haupte gleichsam einen Heiligenschein leuchten sehen und hätte sie in dieser Entscheidungszeit in seiner Nähe gestanden, würde er seine Augen vielleicht niemals zu dem Veronika so ungleichartigen Mädchen aufgeschlagen, oder gewiß sie wieder rasch von ihm abgewendet haben.

Nun aber war es geschehen, nun konnte sie nur noch aus der Ferne die Arme ausstrecken, um ihn zu retten, ihn warnen mit allem Ernste irdischer und überirdischer Liebe vor dem Schiffbruch seiner Seele; ihn fragen, ob er Frieden finden werde, wenn er die Pforten seines Allerheiligsten vor den Blicken seiner nächsten Menschen 46 verschließen müsse, wenn er dereinst seine Kinder aus ihrem ewigen Erbe verstoßen sähe?

»Felix, mein Bruder,« so schloß ein Brief, den er erbrach, als er am Weihnachtsfeste vom Hochamt aus dem Dome kam; »mein Bruder, es ist Christabend heute. Denke an unsere Kindheit, an unsere selige Mutter; sieh sie zu Füßen des Heilands flehen für ihren strauchelnden Sohn. Schaue im Geiste den Christabend Deiner Zukunft, schmecke im Voraus den Wermuth Deiner Seele, wenn das Symbol unserer ewigen Freude der Mutter Deiner Kinder nur als ein Lichterbaum zur Lust einer Stunde strahlen, wenn sie den eingeborenen Gottessohn nur als ein hülfloses Menschenkind in der Krippe von Bethlehem liegen sehen wird. Ach mein geliebter, einziger Bruder, eine Reihe ähnlicher Bilder steht vor meiner jammervollen Seele von dem Augenblicke an des unwiderruflichen Ja vor dem Altar bis zu dem letzten Seufzer auf einem einsamen, trostlosen Sterbebett.

Und dennoch Felix, alle Qual des Diesseits, Du solltest sie tragen: das Entblättern der Hoffnung, das Verschmachten der Seele, das Ringen zwischen dem Gotte des Geistes und dem Dämon der Lust. Sie sind Gesetze des Erdenlebens und keine Schicksalsgunst, kein Eingriff einer höheren Hand, kann Dich rein aus ihrem Banne lösen. Aber das Jenseit, mein Freund, das ewige unausdenkbare Einst. Das Einst, an welches das Weib, das Du liebst, vielleicht nicht einmal glaubt! Und wenn Du warm bliebest unter den Kalten, treu unter den Ab 47gefallenen, wenn Du durch allen Streit der Welt Deinen heiligen Glauben unangetastet hinübertrügest zu den Füßen der göttlichen Mutter: bist Du nicht gefesselt durch ein ewig gültiges Sakrament? oder achtest Du auch nur die Liebe, die Liebe selber in ihrer sinnlichsten Gestalt so gering, daß Du sie mit Deiner Erdenhülle abstreifst wie ein Kleid? Die Gluthen, welche die geliebte Sünderin in alle Ewigkeit verzehren, werden sie nicht auch Dich umwallen wie den heidnischen Helden das flammende Gewand, das auch die Hand einer frevelnden Leidenschaft ihm reichte zu qualvollem Verderben? Du hast das Geschöpf mehr geliebt als den, welcher es schuf, das ist der Fluch, der Dich ohne Heimkehr aus Deinem Paradiese treiben wird.

Mein Bruder, ein Chaos endloser Angst und Qual möchte ich vor Deiner Seele enthüllen. Aber meine Vorstellungen schwinden, die Hände zittern; ich kann nicht mehr. Habe Erbarmen mit der Geliebten, die Du in Deinen Zwiespalt hinüberziehst, Erbarmen mit Dir selbst, Erbarmen mit Deiner Schwester, die vor ihren Augen ihr, einziges Erdenband und ihre theuerste Himmelshoffnung zerreißen sieht.«

Felix war bis in den Herzensgrund bewegt. Theilte er auch nicht völlig die Extase der Nonne, so fühlte er doch, daß ihre Mahnung gerechtfertigt sei, daß ohne den wesentlichsten Theil seines Selbst aufzugeben, er sich dem süßen Glücke nicht überlassen dürfe, das ihn mit tausend magnetischen Reizen an sich zog. Der mächtigste dieser Reize, der, welchen er nicht auszudeuten vermochte, ohne 48 zu erbeben, war das Bewußtsein, daß Susanne ihn liebe und daß sie das, was er selber litt, zehnfach leiden würde, weil sie das Gesetz nicht begriff, welches das Opfer ihres Glückes von ihm heischte. Aber er war entschlossen, dieses Opfer zu bringen, noch war ihr Verhältniß ja nur eines des Ahnens und Sehnens; er wollte Susannen nicht wieder sehen, nicht früher mindestens wiedersehen, bis der Stolz, diese Sünde edler Seelen, denen der Glaube fehlt, über ihre Neigung triumphirt haben werde.

Es war in dieser Weihnachtszeit, daß die Kunde von einer unter der Fabrikbevölkerung eines Nachbarbezirks ausgebrochenen Seuche Theilnahme und Sorge weithin verbreitete. Mißwachs, Arbeitslosigkeit und Hunger waren, wie gewöhnlich, die Ursachen des Unheils, das, in schleichendem Brüten um sich greifend, erst jetzt durch Roderichs energischen Eingriff an die Oeffentlichkeit gezogen wurde Er drang bei der Behörde auf Mittel der Hülfe und Anstalten der Abwehr in weitere Kreise. Ein Bevollmächtigter der Regierung sollte in den District gesendet werden, um die erforderlichen Maßnahmen zu regeln und zu überwachen. Präsident Merwaldt reiste unverweilt dahin ab und von dort nach der Hauptstadt, um an höchster Stelle die Bestätigung seiner Anordnungen und staatliche Mittel zur Linderung des Nothstandes zu erwirken.

Unter dem ersten warmen Eindruck der schwesterlichen Warnung, schrieb Felix an den Präsidenten in die Residenz, indem er sich zur Uebernahme des Commissoriums freiwillig erbot. Seine Bestätigung war kaum zu be 49zweifeln; denn kein gewissenhafterer Mann hätte für den gefahrvollen Auftrag gewonnen werden können; abgesehen davon, daß unter der vorwaltend katholischen Bevölkerung die Wirksamkeit eines Glaubensgenossen ein stärkeres Vertrauen erwecken mußte. Bis Neujahr spätestens durfte mit der Heimkehr des Präsidenten sein Mandat erwartet werden. Oßler zog sich in der Zwischenzeit aus der Geselligkeit zurück und suchte unter rastloser Thätigkeit alles verlockende Sehnen zu bewältigen. Angehäufte Arbeitsreste mußten beseitigt, Belehrung über den neuen Zustand gesucht werden; auch seine eigenen Angelegenheiten bedurften der Ordnung; er machte sein Testament, in welchem er das von seiner Schwester gegründete Kloster zu seinem Erben einsetzte.

Niemand ahnte sein Vorhaben mit Ausnahme von Roderich, der es in allen seinen Motiven ehrte und förderte. Keiner weniger als er würde in einem Conflict mit dem Gewissen, oder auch nur der Vernunft der Leidenschaft das letzte Wort gegönnt haben. Dennoch aber, wenn er in den jüngsten Wochen bei einer flüchtigen Heimkehr von dem Schauplatz seiner aufopfernden Thätigkeit seine junge Freundin wiedersah und sie so erwartungsvoll aufgeregt fand, dann wieder so abgespannt, zum Aeußersten gereizt und geneigt, da wallte das Verlangen in ihm auf, diese ungestüm fordernde Natur um den Preis seiner Grundsätze zu befriedigen. Susanne liebte Felix mit lange aufgesparter Gluth und wie schmerzte es nun den Freund, daß seine eigenen Hände, ein Feuer zerstören helfen sollten, von dem er Helle und Wärme 50 für ihre ganze Zukunft erwartet hatte. Würde er den Funken im Auflodern haben ersticken können? Nimmer! antwortete er sich selbst. Keinem Menscheneinfluß ist es gegeben, die Gewalt der Natur in einem Wesen wie diesem zu beherrschen.

So blieb ihm denn nur die Sorge um schonende Durchführung des Unvermeidlichen. Er bereitete Susannen leise andeutend auf die Trennung vor und bat den Freund, nicht von der Geliebten zu scheiden, ohne ihr seine Gründe darzulegen und persönlich Lebewohl zu sagen. Felix versprach es, froh einen Bundesgenossen für seine heimliche Sehnsucht gefunden zu haben, während die Stimme vernünftiger Selbsterkenntniß laut von ihm forderte, Susannen ohne Wiedersehen zu fliehen.

Das junge Mädchen verbrachte die Weihnachtswoche in einem aufreibenden Schwanken zwischen Erwartung und Enttäuschung. Sie hatte während der Abwesenheit ihres Vaters auf ein ungestörtes Zusammentreffen mit Felix gerechnet und nun entzog er sich ihr wie noch nie. Sie begegnete ihm nicht auf dem Spaziergange, sie traf ihn weder in der befreundeten Reißigerschen Familie, noch in weiteren geselligen Kreisen; er kam nicht mit Roderich, sie zu besuchen. Und doch erfuhr sie durch Lucie, daß er im Orte anwesend sei. Sie befürchtete ihn krank und schickte den Diener zu ihm, um sich Saint Martins oeuvres posthumes zu erbitten, die Felix ihr neulich versprochen hatte. Felix war gesund; aber er sandte ihr das Buch, er brachte es nicht selbst. Sie durfte kaum noch daran zweifeln, daß sein Zurückziehen 51 absichtliches Meiden sei; aber wie es deuten? Roderichs vorbereitende Mahnungen glitten an ihr ab, verstimmten sie sogar. Sie stellte ihm peremptorisch die Frage, ob Felix sie liebe? Und nachdem Jener die Frage nach seiner Ueberzeugung bejaht hatte, was bedeuteten ihr da alle Düfteleien über den Zwiespalt des Natürlichen und Uebernatürlichen im Menschengemüth? was dieser Aufruf zu Kampf und Ueberwindung? Ist die Blüthe menschlichen Daseins nicht göttlicher Natur, indem sie den Menschen zum Gott beseligt? Mit welcher Sprache redet denn der Ewige, wenn nicht mit der Liebessprache des Gemüths?

Sie hatte in früherer Zeit wiederholt den Wunsch zu reisen ausgesprochen; jetzt schlug Roderich ihr vor, sich einer ihm befreundeten, ausgezeichneten Familie zu einem längeren Aufenthalt in Italien anzuschließen, indem er sich anheischig machte, ihres Vaters Einwilligung in diesen Plan zu erwirken. Susanne wies ihn mit Unwillen zurück. Sie hätte den Freund hassen mögen, der ihr die Zumuthung stellte, sich von dem Geliebten zu entfernen. Von allen Versicherungen Roderichs verstand sie nichts und wollte nichts verstehen als: Felix liebt dich, liebt dich wahr und warm.

Es war eine Reihe von Jahren hindurch zum Herkommen geworden, daß ein weiter gesellschaftlicher Kreis sich am Sylvesterabend uneingeladen im Hause des Präsidenten versammelte. Das fiel nun in seiner Abwesenheit heuer fort. Auf Susannens Bitte lud jedoch die Majorin Reißiger die näheren Bekannten zu sich ein, 52 um die zu Ernst wie Scherz so anregende Stunde des Jahreswechsels gemeinschaftlich zu verleben. Susanne rechnete mit Bestimmtheit darauf, dem schmerzlich Vermißten in der befreundeten Familie zu begegnen.

Sie kleidete sich wie zu einem Fest und mit besserem Geschmack als in früherer Zeit; der weiße Atlas schmiegte sich an die vollentwickelten Formen und der Korallenschmuck im Haar hob dessen bläulich schwarzen Ton. Ihre Züge hatten in der jüngsten Zeit an Beweglichkeit und seelischem Ausdruck gewonnen; sie sah schön aus und freute sich schön auszusehen. Um so empfindlicher ward sie daher enttäuscht, da sie den, für welchen allein sie schön sein wollte, auch heute in der Gesellschaft nicht traf. Mit fieberhafter Spannung blickte sie nach der Thür, so lange noch eine Hoffnung seines Eintretens blieb. Als aber spät noch Herr von Beheim, seit Kurzem Luciens Verlobter erschien, und den Assessor Oßler, den er nach der Vespermesse im Dom gesprochen, entschuldigte, hinzufügend, daß derselbe wohl gewohnt sein möge, das Jahr in stiller Betrachtung abzuschließen, da litt es Susannen nicht länger; unbekümmert, wie man ihr plötzliches Ausbrechen deuten werde, verließ sie ohne Vorwand die Gesellschaft, wartete nicht einmal ihren Wagen ab, sondern ging, von dem harrenden Diener begleitet, zu Fuß nach Hause.

Aeltere Leute erinnern sich heute noch des seltsam milden Winters in jenem Jahr; die Veilchen blühten zum heiligen Christ und auch am letzten Tage wehte eine Frühlingsluft; ein Gewitter zog sich am Horizont 53 zusammen; die Straßen waren belebt wie an Sommerabenden; in allen Häusern brannte Licht; man saß gesellig bei einander, den Glockenschlag erwartend, der zwei Jahre schied.

Der nächste Weg führte Susanne an ihrem Garten vorüber; da sie das Pförtchen, ihres Vaters strenger Hausordnung entgegen, unverschlossen fand, trat sie durch dasselbe ein. Nach wenigen Schritten überholte sie jene alte Bettlerin, die sie damals auf dem Spaziergange festgehalten hatte und die sich jetzt scheu hinter einer Taxuswand zu verbergen suchte. Die Begegnung in dieser Stunde und Stimmung war Susannen widerlich. »Was treiben Sie hier?« fragte sie unwillig und da die Alte nur ein Paar unverständliche Worte stotterte, wiederholte Susanne, an den Diener gerichtet: »Was will das Weib?«

Der Diener zögerte verlegen, denn das Fräulein, für gewöhnlich von lässiger Nachsicht, in besonderen Fällen aber leicht unbillig gereizt, war keine von den Herrinnen, mit denen sich ein gemüthliches Wörtchen reden ließ. Nach nochmaligem Befragen gestand er endlich, daß die Frau unter dem Namen der Hexe in der Gegend bekannt, eine Kartenschlägerin sei, deren Orakelweisheit namentlich in der Sylvesternacht stark beansprucht werde; daher denn auch das Hausgesinde sich die Abwesenheit der Herrschaft zu Nutze gemacht und der Hexe das verborgene Pförtchen geöffnet habe, um sich das Schicksal des kommenden Jahres verkünden zu lassen.

54 Eine abenteuerliche Grille stieg plötzlich in Susannen auf; sie befahl der Frau auch ihr die Karten zu legen und da es ihr widerstand, ihr eigenes Zimmer im oberen Stock von der Unholdin betreten zu lassen, schritt sie ihr in den Gartensaal voran. Der Diener brachte die erforderliche Anzahl Lichter herbei, entfernte sich aber dann, da derlei geheimnißvolle Vorgänge unter vier Augen vollzogen werden müssen. Das schöne Fräulein und die Hexe blieben allein.

Die letztere machte dem landläufigen Begriff nur insofern Ehre, als sie häßlich, grauhaarig und just nicht appetitlich anzuschauen war. Irgend einen zigeunerhaften, oder gar spukhaften Zusammenhang würde man aus den platten Zügen nicht haben erlesen können. Einen bösen Zahn mochte sie freilich auf die Dame haben, die ihr zweimal so unfreundlich begegnet war, wie sie denn auch bemerkt oder erfahren haben mochte, an welcher Stelle der Stachel einzusenken sei, mit welchem das beleidigte Insect sich rächt. Kurzum, es war ein hämischer Blick, den sie dem reichgeputzten Fräulein zuwarf und da sie es auch an einer handwerksmäßigen Umständlichkeit nicht fehlen ließ, gelang es ihr, in Susannen ein phantastisches Grauen zu erregen, wie es ihrer Großmutter etwa das Lesen einer Gespenstergeschichte erregt haben würde. Sie setzte sich auf ein niedriges Tabouret, der zum Garten führenden Glasthür gegenüber und blickte gespannt auf das thörichte Beginnen.

55 Die Alte rückte einen Tisch in die Mitte des Zimmers, breitete ihren fadenscheinigen, rothen Plaid darüber, stellte sieben Lichter in einer besonderen Ordnung darauf, zog die schmutzigen Karten unter ihrem Busentuche hervor und machte drei Kreuzeszeichen darüber. Dann ließ sie sich die Hand des Fräuleins zeigen, wendete und betrachtete dieselbe von allen Seiten, indem sie den Kopf schüttelte und die Stirn in finstere Falten zusammenzog. An den Tisch zurückgekehrt, mischte sie die Karten und legte mit katzenartiger Behendigkeit die Blätter auseinander. Mehr als einmal schien die Constellation nicht zu stimmen; die Prophetin machte bedenkliche Mienen und Zeichen. Des jungen Mädchens Herz klopfte, als ob seine ungestümen Wünsche und Zweifel in diesem frevelhaften Spiel zum Austrag kommen sollten.

Die Hexe hatte die Blätter noch einmal ausgebreitet. Jählings machte sie eine Geberde des Entsetzens, schob die Karten zusammen, verbarg sie unter ihrer Jacke, zog den Plaid unter den Leuchtern hervor, warf ihn über die Schulter und sprang mit gewaltigen Sätzen nach der in den Flur führenden Thür, welche der nach dem Garten führenden gegenüber lag.

»Bleib!« herrschte Susanne sie an, indem sie dem Weibe nacheilte. »Bleib und sprich!«

Die Alte schüttelte den Kopf mit einem Grinsen, das ausdrückte. »Ich werde mich hüten.«

»Sprich, alte Hexe!« wiederholte Susanne zornig und doch zitternd vor Angst.

56 Ein giftiger Blick traf ihre Augen, eine knorrige Hand griff nach der ihren, eine heisere Stimme raunte in ihr Ohr: »Er geht in den Tod!« Wie ein Messerstich fuhr das Wort in der Bethörten Herz.

»Hinaus, hinaus!« schrie sie halb von Sinnen und stieß das Weib aus dem Zimmer. Sie rang nach Athem; sie wankte nach der Gartenthür, daß unter freiem Himmel der Spuk entschwinde. Ihre Füße trugen sie kaum.

In diesem Augenblick, in dieser Erregung, die Hand an der Klinke und geblendet von dem Lichterglanz, in welchen sie so anhaltend geblickt hatte, sah sie hinter den Scheiben der Thür einen Schatten vorüber schweben, eine Gestalt – – war es eine Vision ihres fiebernden Bluts? der Dämon des Unheils, das ihr verkündet worden? War er, er es selbst? Sie riß die Thür auf, ihr war, als höre sie leise Tritte hinter den Hecken verschwinden. »Felix!« schrie sie laut. Keine Antwort. Sie sank auf das Tabouret zurück. Das Geläut hob an, das den Eintritt des neuen Jahres verkündete. Eine Weile saß sie regungslos und als sie ihrer selbst wieder mächtig wurde, hörte sie vom Thurme herab den Posaunenschall eines Dank-Chorals. Menschenstimmen fielen begleitend ein. Sie faltete die Hände, bis die letzten Töne erklungen waren. Dann flüsterte sie vor sich hin: »Mein frommer Felix, du suchst deinen Gott, derweil ich mich herumschlage mit Hexen und Gespenstern. Vergieb die Thorheit und den verwirrenden Nervenspuk.«

57 Aber es war kein Nervenspuk, keine Vision des fiebernden Bluts und noch viel weniger das Unheil der Zukunft, das seinen Schatten mahnend vorauswarf, es war Felix leibhaftig, der ihr Auge im Auge gegenüber gestanden, der ihren Ruf gehört hatte und vor ihr geflohen war.

Die Bestätigung seines Commissoriums war am Nachmittag eingetroffen, am übernächsten Tage sollte er die Stadt verlassen. Das Schwerste drängte sich in seinem Herzen zusammen. Nach der Abendmesse fühlte er sich zu ernst gestimmt, um in Gesellschaft zu gehen, aber auch zu unruhig, um still mit sich allein zu weilen. Er nahm sich vor, Roderich, mit dem er noch manches Geschäftliche abzusprechen hatte, aufzusuchen und bei ihm zu übernachten.

Die Straße war menschenleer, die Luft weich und still; langsam zog Wolke um Wolke über die volle Scheibe des Mondes; Zwielicht und Dunkel scheuchten sich am Himmel, wie in seiner Seele. Er dachte daran, daß er vielleicht keinen Jahreswechsel mehr erleben werde und der Tod war ihm niemals so trostreich erschienen, wie in dieser frühlingsmilden Winternacht.

Schon nahe seinem Ziele begegnete er Roderich, der gefahren kam, um in der Stadt einen Fieberkranken während der kritischen Mitternachtsstunde zu beobachten, Oßlers Plan war nun vereitelt; er stieg in den Wagen und besprach mit dem Freunde das geschäftlich Nächstliegende. Bei der Kürze des Wegs mußte aber manches 58 Wichtige unerledigt bleiben und da der Arzt, durch heimische Kranke gefesselt, nicht wie Oßler gehofft hatte ihn bei seinen ersten Maßnahmen in der Typhusgegend unterstützen konnte, kamen sie überein, daß Felix morgen Nachmittag zu dem Freunde zurückkehren und von seinem Hause aus in der Nacht die Reise antreten solle. Der Abschied von Susannen mußte demnach am anderen Vormittage Statt finden. »Würde es nach diesem Abschied mich doch auch nicht eine Stunde länger in der Stadt geduldet haben,« sagte Felix mit einem Seufzer.

Sie hatten in einem Gasthof vor dem Thor den Wagen verlassen und gingen über die Promenade, an welcher das Haus von Roderichs Kranken lag und auf welche der Merwaldt'sche Garten mündete. Roderich bemerkte die offene Pforte und das in dieser Jahreszeit ungewohnte Licht im untern Salon: er schloß daraus, daß der Präsident im Laufe des Tages zurückgekehrt sein und wie in früheren Jahren sich ein Bekanntenkreis im Hause versammelt haben möge.

»Ich hätte Lust,« sagte er, »nach meinem Besuch noch einen Augenblick hier einzutreten und unserer Freundin ein gut Heil für's neue Jahr zuzurufen. Wie wär's, wenn du mich begleitetest, Felix. Es ist bei diesem Svlvesterzuspruch so wenig etwas Auffälliges als anderwärts beim Carneval und wohl möglich, daß sich heute leichter als morgen eine Gelegenheit findet, das schwere Wort, das Du doch einmal nicht auf dem Herzen behalten darfst, unbeobachtet auszusprechen.«

59 Der Vorschlag stimmte mit des jungen Mannes heimlichster Sehnsucht zusammen. Wie viel wärmer und weihevoller als bei grellem Tageslicht in der nüchternen Visitenstunde würde in dieser feierlichen Nacht das Lebewohl aus seinem Herzen klingen! Und war es ausgeklungen, dann konnte er heute noch mit dem Freunde sich entfernen, um niemals, niemals in die Region seines heißesten Verlangens zurückzukehren.

Er versprach im Garten, Roderichs Wiederkunft abzuwarten und trat durch die Pforte. Ein paar Mal schritt er längs der Mauer auf und ab; die Glocken hatten schon eine Weile das dritte Viertel auf Mitternacht ausgehoben. Er schlug den Heckengang, der zum Hause führte, ein. War Roderich bis dahin nicht zurück, so wollte er mindestens aus der Ferne das Bild der Geliebten vor Augen haben, sobald die Stunde aushob, welche dieses wonnevolle Jahr abschloß.

So näherte er sich denn leise der Thür und erstarrte vor der widerwärtigsten Scene, Frivolität und Aberglauben, unter dem geschmacklosesten Apparat, in der feierlichen Stunde, in welcher er selbst unter den bittersten Seelenkämpfen gerungen hatte! Das Mädchen, das er so heiß geliebt, in phantastischem Putz, die Wangen purpurroth, Geberde, Worte, Züge von Zorn entstellt! Ekel und Grauen erfaßten ihn; eine Minute lang stand er in einem unheimlichen Bann, dann floh er so unbemerkt, als er gekommen war; er hörte seinen Namen rufen, aber er blickte nicht um. Als er die Pforte erreichte, erschallte das Geläut des nachbarlichen 60 Doms; er stand still, faltete die Hände und dankte Gott, der ihn durch ein unwiderlegliches Zeugniß gewarnt, jedes Schwanken fortan unmöglich gemacht hatte. Roderich, der wenig Minuten später zurückkehrte, fand die Pforte verschlossen, die Lichter ausgelöscht, den Freund entfernt. Er kehrte sorgenvoll in sein Haus zurück.

*

Felix schlief diese Nacht so ruhig wie seit Wochen nicht und beim Erwachen hatte sich der widerliche Auftritt in seiner Erinnerung gemildert. Es ward ihm heute nicht schwer, eine kleine Abenteuerlichkeit mit Susannens Wesen zu reimen; die zornige Aufregung aber, in welcher er sie gesehen hatte, was bedeutete sie anders als Scham über den Ungeschmack, zu dem eine Laune sie hingerissen hatte? Als nun aber gar sein alter, treuer Hubert, der Erbdiener seiner mütterlichen Familie kam, um ihm mit niedergeschlagenen Augen zu bekennen, daß auch er sich habe hinreißen lassen, die Weisheit der Kartenhexe in Anspruch zu nehmen, nicht etwa aus Neugier nach seinem Geschick, aber aus schwerer Angst für das bedrohte Leben seines lieben, jungen Herrn, da verwies er ihm zwar das gottlose Beginnen, fragte aber doch mit einem begütigenden Lächeln, was die Hexe ihm denn für einen Bescheid gegeben habe?

»Daß der fromme und mildthätige Herr Baron gesund und als ein glücklicher Mann aus der verpesteten Gegend zurückkehren werde,« antwortete der alte Mann, 61 indem er sich der erhaltenen Zurechtweisung zum Trotz sichtbar getröstet, die Hände rieb.

Felix sagte zu sich selbst: »Bleigießen, Schiffchen schwimmen lassen und manche andere Orakelzeichen, sie sind heidnischen Ursprungs allerdings, aber doch nichts weiter als ein zum Brauch gewordenes volksthümliches Spiel und in Susannens Wesen ruht ein gutes Theil von der ursprünglichen Phantasie und dem Temperamente des Volks.«

Daß er sie nicht wiedersehen wolle, stand ihm auch jetzt noch fest; war er aber in der Nacht entschlossen gewesen, ohne irgend welche Erklärung abzureisen, so schrieb er heute ein herzliches Abschiedswort, in welchem er ihr seine zeitweise Entfernung mittheilte und eine dauernde schonend andeutete. Unmittelbar nach dem Gottesdienst machte er sich auf den Weg zu Roderich, ihn um Uebergabe des Briefes an Susannen zu bitten. Am Nachmittag wollte er dann in die Stadt zurückkehren; sein gestriger Fluchtplan kam ihm nahezu kindisch vor; auch blieb ihm, ehe er abreiste, doch noch manches Geschäftliche zu ordnen, das er in der Erregung der letzten Tage nicht berechnet hatte.

Er aß zu Mittag bei dem Freunde; ein bängliches Mahl, Beider angekünstelter Ruhe zum Trotz. Gegen seine Gewohnheit sprach Felix lebhaft und trank mit Ungestüm. Roderich mußte ihn zum Aufbruch mahnen, denn das Unwetter, welches der gestrige Wolkenzug angekündigt hatte, begann sich zu thürmen, und der Weg mußte zu Fuß zurückgelegt werden, da in Roderichs Equipage ein 62 seiner Heilanstalt entlassener Kranker nach Hause befördert wurde. Er begleitete den Freund, um Susannen dessen Botschaft mitzutheilen, ehe die Kunde seiner bevorstehenden Abreise ihr von Fremden hinterbracht ward.

Das Gewitter brach rascher aus, als er berechnet hatte und mit einer Gewalt, deren kein Zeitgenosse sich an einem Wintertage erinnerte. Blitze zuckten rings am Horizont, ein orkanartiger Sturm trieb die Wolken bergehoch zusammen. Als sie in die Nähe des Kruges kamen, vor dessen Thür Felix auf seinem ersten Weg zum Freunde gerastet hatte, platzte jach ein Regenstrom nieder; sie flüchteten in das Haus, um das überwältigende Toben abzuwarten. Der Wirth und seine Familie lagen betend auf den Knieen; sonntägige Abendgäste fehlten noch. Die Freunde traten an das Fenster und betrachteten schweigend den seltsamen Naturkampf an einem Neujahrstage.

Wenige Minuten hatten sie so gestanden, als zwei Frauen mit einem »Gottlob!« die Schwelle des Hauses überschritten. Ein ungeahntes, verhängnißvolles Zusammentreffen, denn die eine der beiden Schutzsuchenden war Susanne Merwaldt.

Es galt als eine Besonderheit des Mädchens, in welchem von weiblichem Wesen ein gutes Theil, sei es nicht beanlagt, sei es noch nicht entwickelt, war, daß es im Frauenumgang nur die weiblichsten Eigenschaften suchte und liebte. Niemals verkehrte sie mit sogenannten geistreichen, oder in irgend einer ungewöhnlichen Weise 63 ausgeprägten Naturen; sondern entweder mit herzlichen, hausmütterlichen Matronen, oder mit anmuthigen schmiegsamen Kindern, wie jene Lucie, in deren Nähe Felix die Geliebte allezeit mit kaum verhehltem Unwillen bemerkte. Durch seine Schwester zu dem höchsten weiblichen Maßstab berechtigt, war es in erster Ordnung das Außergewöhnliche der ganzen Erscheinung, das ihn zu Susannen gezogen hatte; sah er sie nun im allergewöhnlichsten Verkehr, so verlor sie ihren Ausnahmsplatz und er fand sich in Veronika's Seele beleidigt und beschämt.

Susannens heutige Begleiterin, die Majorin Reißiger, gehörte in die erste Categorie ihrer Auserwählten. Sie galt, und mit Recht, für eine Musterfrau, die mit warmem Herzen und praktischem Sinn, ohne viel Worte zu machen, allezeit das Richtige fand und that. Was sie veranlaßte, das junge Mädchen an sich heranzuziehen, war nicht dessen bevorzugte Lebensstellung und noch weit weniger das Glänzende seines äußeren und inneren Naturels, die beide, Schönheit wie Geist, der älteren Frau zu fremdartig waren, um sie anzusprechen. Aber sie war die Jugendfreundin von Susannens Mutter gewesen und eine gute Mutter, wie sie selber war, suchte sie das, was sie an der Tochter nicht begriff, oder ihr an derselben nicht gefiel, in ihrer frühen Verwaisung und that, was an ihr war, die Lücke der mütterlichen Liebe durch mütterliche Rathschläge nothdürftig auszugleichen.

64 Susannens Verlassen der Gesellschaft, die sie selbst erst angeregt, hatte Frau Reißiger mehr denn je verstimmt; und wenn sie sich auch bemühte, der spöttischen Nachrede Schranken zu setzen, so sah sie doch klar, daß ohne Schädigung von Susannens Ruf, das Verhältniß zu Oßler in der bisherigen Weise nicht dauern dürfe. Die heikle Sache mußte bei erster Gelegenheit zum Austrag gebracht werden.

Als daher Susanne am Nachmittag zu ihr kam, um ihr den gestern versäumten Neujahrswunsch auszusprechen und sie um Verzeihung wegen ihres unschicklichen Aufbruchs zu bitten, war jene rasch bereit, sich der Spaziergängerin anzuschließen und im Freien, wo es am unbeobachtetsten geschehen konnte, ihr recht ernstlich in's Gewissen zu reden.

Die brave Frau durfte in keinem Sinne eine Eiferin genannt werden; aber sie war selbst Katholikin und glaubte Oßler hinlänglich zu kennen, um ihm zuzutrauen, daß er niemals eine Ehe mit einer Andersgläubigen schließen, oder wenn ja, in solch' einer Ehe glücklich werden könne. Diese Ansicht brachte sie denn auch ihrer jungen Freundin unumwunden zu Gehör, sobald sie aus der belebten Stadt in das stille Glacis getreten waren.

»Sprechen Sie doch wie zu einer Jüdin oder Heidin,« entgegnete Susanne unwillig. »Sind wir nicht Christen wie Ihr? Bildet Ihr Euch etwas anderes zu glauben wie wir?«

65 »Etwas anderes nicht, aber etwas mehr,« versetzte die Majorin ruhig. »Würde Herr von Oßler die Confession, in welcher er erzogen worden ist mit der unseren vertauscht haben, hätten jene Satzungen ihm genügt?«

»Ist Ihr Gemahl nicht auch Protestant?« wendete Susanne ein, »und sind Sie nicht glücklich in Ihrer Ehe?«

»Vollkommen glücklich,« antwortete Frau Reißiger. »Aber unsere Charaktere sind andere als Ihrer Beider und auch der Fall ist ein dem Ihren entgegengesetzter. Hier bin ich es, das heißt die Frau, die das mehrere glaubt, und die Männer, die in anderen Stücken gern etwas vor uns Frauen voraus haben, begnügen sich in Glaubenssachen willig mit dem bescheideneren Theil. Die Männer fast ohne Ausnahme lieben fromme Frauen und ich wüßte keinen einzigen, der es ertrüge, wenn seine Gattin unter dem Maße seiner eigenen religiösen Vorstellungen zurückbliebe.«

»Nun,« rief Susanne heiter, »nun, so möge der reiche Mann seine Schatzkammer öffnen für die ärmere Frau und sie zu der Höhe seiner Anschauungen heranziehen.«

»Das ist leichter gesagt als gethan, Kind,« erwiderte die erfahrene Frau. »Vernunft mag gepredigt werden und ein rechtschaffener Wille genährt; der Glaube wird mit der Muttermilch eingesogen. Ein oberflächlicher Schein der Uebereinstimmung, wie er vielleicht Lucien gelingt und Beheim genügt, Ihnen Susanne wird er 66 nicht gelingen, Oßler nicht genügen und die Opposition nur schärfen.«

»Wer dächte denn aber an Opposition? Wenn eine Frau geloben will und geloben kann, in des Mannes Sinne, das heißt im reinsten christlichen Sinne, ihr Denken und Thun zu regeln – –«

»Denken und Thun heißt: nicht glauben und die Forderungen der Kirche sind andere als die, mit welchen die Vernunft und selber das Gewissen sich allenfalls zufrieden geben können.«

»Die Forderungen des Herzens aber, die so scheint es, achten Sie für nichts. Die Ehe Beheims und Luciens wird eine unglückliche werden und würde es werden, selbst wenn er es darauf anlegen, oder es ihm gelingen sollte, sie als Frau zu seinem Bekenntniß hinüberzuziehen, denn Lucie liebt den älteren Mann nicht und heirathet ihn nur aus aufgenöthigten, äußeren Gründen. Wenn aber zwei sich lieben, tief und wahrhaft lieben – –«

»Mögen sie sich lieben, so tief, so wahrhaft und so lange, als sie wollen oder können; selbst wenn er ein rechtgläubiger Christ und sie etwa eine Feueranbeterin sein sollte, der Liebe mag's nicht schaden, aber das Heirathen sollen sie bleiben lassen. Nur in der Ehe wird der Gegensatz zur Widerwart. Denn es ist ein Unterschied zwischen der Geliebten und der Gattin oder gar der Mutter; ein Unterschied an Ansprüchen und Erfüllungen, den Sie, Kind, noch gar nicht zu fassen im Stande sind, und wenn ein Mann von Oßlers Sinnes 67art ein Mädchen heirathet, das er im innersten Grunde für eine Ketzerin hält, so nenne ich es schlechthin: Gott versuchen.«

Ein Wirbelsturm unterbrach die Rede und machte die Gegenrede stocken. Die Spaziergängerinnen waren in der weichen Luft und dem scharfen Gespräch rüstig zugeschritten, weit über Susannens alltägliche Umgrenzung hinaus, ohne das drohende Wetter zu beachten. Jetzt plötzlich sahen sie den dunklen Wolkenkegel über sich und schon fielen einige große Tropfen. Frau Reißiger erkannte, daß sie ohne durchnäßt zu werden, die Stadt nicht mehr erreichen könnten und schlug daher vor, das Unwetter in dem nahen Kruge abzuwarten. Sie beschleunigten ihre Schritte, ohne weiter ein Wort zu wechseln.

Susanne war in bedrückter Stimmung vom Hause fortgegangen. Sie wußte von Oßlers bevorstehender Entfernung noch nichts, daß er ihr aber am Morgen nicht einmal Glück zum neuen Jahr gewünscht, das hatte alle Zweifel und sogar den Spuk des gestrigen Abends wieder in ihr aufgeregt. Durch die verständigen Vorhaltungen der alten Freundin wurde indessen die bängliche Stimmung keineswegs vermehrt; sie prallten an ihr ab, wie verständige Rathschläge regelmäßig an den Eingebungen der Leidenschaft abzuprallen pflegen. Ja, just um des nüchternen Vortrags willen, fühlte sie sich nicht einmal durch dieselben gereizt oder beleidigt, wie es durch Roderich geschehen war, wenn er ungefähr den 68 nämlichen Sinn, in die Sprache des Ethos übersetzt, ihr warnend entgegenhielt.

Dort hatte es sie verstimmt, weil die Forderung des Entsagens von Einem gestellt ward, der im Stillen sich auf sein eigenes Beispiel des Entsagens berufen durfte.

Was aber verstand diese brave ältliche Hausfrau, die obendrein in einer ungleichen Ehe alles denkbare Behagen gefunden hatte, was verstand sie von dem Recht der Jugend und der Liebe Allgewalt? Die Rede, die ein Windstoß unterbrach, war in den Wind geredet.

In der raschen Bewegung löste sich nun vollends der beklemmende Bann und der Ausbruch des Wetters steigerte Susannens Laune zum Uebermuth. Nie war ihr wohler als während der electrischen Entladungen der Luft; sie athmete in tiefen Zügen und würde, ohne die Rücksicht auf ihre zartere Begleiterin, trotz Sturm und Strom, den weiten Heimweg eingeschlagen haben.

Nun traten sie ein und die unerwartetste Begegnung durchzuckte sie wie ein Freudenstrahl, hob sie gleich einem Fatumszeichen weit über alle Zweifel und Hemmungen hinaus. In so blendender Originalität hatten die Freunde sie niemals gesehen, nie die Wangen so in wogender Gluth, die Augen so voll Licht. Zum ersten Male fand auch die Matrone ihren Schützling schön; die blitzartigen Einfälle; das Passionirte ihrer sprudelnden Laune wirkten auch auf sie einem Zauber gleich. Sie sah ihre mütterlichen Vorschriften wie Seifenblasen zerplatzen und sie wunderte sich nicht, daß es also geschah. Felix wurde immer bleicher und stiller; er fühlte einen Puls in jeder 69 Ader klopfen und nur Roderich blickte trübe in der Voraussicht des Niederschlags, der in der nächsten Stunde dieses Freudenfeuer dämpfen mußte.

Es war vor der Zeit Nacht geworden; der Wirth zündete Licht an, wie die Vorsicht bei dem starken Gewitter gebot. Susanne blies sie wieder aus; sie wollte sich durch eine Oellampe nicht um die himmlischen Funken betrügen lassen. Der Sturm raste durch die enge Felsenpforte, daß die Eichen im nahen Walde zusammenkrachten, der Wolkenkegel stürzte lawinenartig nieder und der Fluß vom Orkane gepeitscht, brauste wie ein gewaltiges Wehr.

»Ist es doch, als ob die Welt untergehen sollte!« sagte Roderich, der an das Fenster getreten war.

»Und wenn die Welt unterginge,« rief Susanne, »wenn wir wüßten, daß nur diese Nacht noch unser eigen wäre, und morgen wir mit allem Lebendigen im Chaos zertrümmert lägen, was begönnen wir in diesen äußersten Stunden«?

Keiner gab eine Antwort; aber Susanne hielt ihren Einfall fest.

»Nun, Frau Reißiger,« drängte sie, »was würden Sie thun?«

Die gute Frau fühlte sich wie von einem herausfordernden Frevel beunruhigt; nur um die Aufgeregte zu beschwichtigen, indem sie ihr den Willen that, versetzte sie:

»Gott behüt' uns! ich würde, denk' ich, wie bei jedem Aeußersten, dem ich nicht zu steuern vermöchte, 70 wie bei einem Schiffbruch oder einer Feuersbrunst, meine Kinder an's Herz schließen und unter Zittern und Zagen erwarten, was eine höhere Hand über uns verfügt.«

»Und Sie, Doctor?« fragte Susanne weiter.

»Ein Fall, den ich allerdings noch nicht in Betracht gezogen habe,« entgegnete Roderich lächelnd. »Wahrscheinlich jedoch würde ich den Gipfel meines Königsbergs erklimmen, und so weit Sinne und Gedanken Stand hielten, den Eindruck dieses abschließenden Erdprocesses in mich aufzunehmen suchen.«

»Vollkommen, Freund Roderich!« sagte Susanne, indem sie ihm über den Tisch hinüber die Hand reichte. »Sie aber Herr von Oßler?« fuhr sie etwas schüchterner fort. »Was thäten Sie?«

Oßler gab keine Antwort. Die Majorin entnahm aus seinem Schweigen den Vorwurf gegen sie selbst, das unziemliche Frage- und Antwortspiel nicht von vornherein durch eine entschiedene Wendung abgeschnitten zu haben; sie sagte daher verweisend, indem sie auf ihr Zwiegespräch mit Susannen zurückdeutete. »Halten Sie doch Frieden, Kind! Soll Herr von Oßler auf Ihre Scherzrede erwidern, daß er an heiligster Stätte für die verlorenen Sünder beten würde?«

»Und wer möchte denn auch nicht, dort, wo er sich dem Unendlichen am nächsten fühlt, den Abschluß des Endlichen und vielleicht einen Wiederanfang erwarten?« setzte Roderich mit Bedeutung hinzu.

Allein Susanne war nicht in der Stimmung, mahnende Winke zu verstehen. »Ich aber,« rief sie, wie 71 in einem Rausch mit wogender Brust, »ich ließe Harfenklänge ertönen und Rosendüfte den Raum erfüllen, ich legte ein Festgewand an und drängte in die letzten Momente alle Wonnen – –«

»Der Regen läßt nach,« unterbrach sie Roderich. Er hatte gesehen, wie Felix unter dem Glanz ihres Blickes erbebte und hielt es gerathen, der gefährlichen Laune nicht länger den Zügel schießen zu lassen.

In der That zog das Gewitter so jach, als es aufgezogen war, thalab. Der Donner grollte und die Blitze zuckten nur noch aus der Ferne, schon rang sich die Mondscheibe durch die nordwärts jagenden Wolken. Roderich zündete die Lichter wieder an und forderte Felix auf, mit ihm nach der Stadt aufzubrechen und den Damen einen Wagen zu bestellen. Felix erhob sich hastig mit den Worten: »Ja, komm, komm!«

Susanne aber rief: »Nicht doch, wir gehen mit!« und auch die Majorin, welche auf der Straße Umschau gehalten hatte, zog dem langen Warten die Fußwanderung vor, da der Regen nur noch in einzelnen Tropfen falle, der Wind in ihrem Rücken wehe und der heftige Guß den Boden nicht erweicht, sondern festgeschlagen habe.

Noch saßen sie eine Weile rund um den Tisch; Felix und Susanne schweigend mit gesenktem Blick; Frau Reißiger stärkte sich durch eine Tasse Kaffee für den nächtlichen Weg und dachte seufzend an die Unruhe ihrer Kinder daheim. Roderich erzählte von phänomenalen Wettererscheinungen in verschiedenen Zonen, sich wohl bewußt, daß er vor tauben Ohren rede.

72 Endlich brachen sie auf. Roderich führte die ältere Dame, Felix Susannen. Sie hängte sich fest an seinen Arm. Da Oßler nicht tanzte, hielt er sie zum ersten Male in dichtester Nähe. Nie in Italien glaubte er, unter einem so südlichen Himmel gewandelt zu sein wie in dem Sturme dieser Winternacht. Susanne dünkte ihm ein Kind der Tropen, durch unheimlichen Zauber in den Norden verschlagen; die Erde wurde bunt unter ihren Tritten und der Himmel sonnenglänzend unter ihrem Augenstrahl. Beide wechselten kein Wort.

Als sie an den Haslauer Bach kamen, der nahe dem Thore sich dem Flusse vereint, fanden sie den Steg, der darüber führt, unter Wasser stehend, und nur noch durch das Geländer bezeichnet. Nachdem Roderich, die Tragkraft des Brückchens untersucht hatte, schritt er voran, seine Schutzbefohlene leicht wie ein Kind über dem Wasser haltend. Susannen bat er, am jenseitigen Ufer zu warten, bis er die wenigen Schritte zurückgethan haben werde.

Schon aber hatte Felix sie in seine Arme genommen; die ihren schlangen sich um seinen Hals. Er fühlte das Zittern ihrer Glieder, das Schlagen des Herzens, ihren wallenden Athem. Er hätte sie durch das Weltmeer tragen mögen. Als er sie niedergelassen, nahm sie seinen Arm nicht wieder; schweigend, mit gesenkten Blicken schwebten sie leicht wie auf Flügeln nebeneinander hin, unter dem beruhigten, mondglänzenden, nächtlichen Himmel.

Vor Frau Reißigers Wohnung und nur wenige Schritte von dem Hause des Präsidenten entfernt, trennte 73 sich Roderich von ihnen, um, wie er sagte, der erschöpften Dame ein Corroborativ zu verordnen; Felix drückte ihm stumm die Hand, er wußte, für welches Wort ihm der Freund eine Minute des Alleinseins gönnte. Aber wie sollte er es aussprechen, das vernichtende letzte Wort in diesem Augenblick, wo seine Pulse flogen, sein ganzes Wesen in Aufruhr war?

Sie standen vor dem Portal; er faßte ihre beiden Hände und sagte nichts als mit zitternder Stimme: »Leben Sie wohl, Susanne.«

Ein ahnendes Grauen, der Hellblick der Angst durchzuckte sie.

»Wohin gehen Sie, Felix?« preßte sie hervor und als er den Namen seines Bestimmungsortes flüsterte, schrie sie hell auf: »In den Tod!«

Das Gespenst des gestrigen Abends stand aufgerichtet ihr gegenüber; ihre Augen starrten wie verglast, der Körper ward marmorsteif; jener seltsame Krampf, der sie in der Kindheit wiederholt, aber seit ihrer schweren Jugendkrankheit nicht wieder befallen hatte, machte sie einer Leiche gleich.

Kalt und starr lag sie in des jungen Mannes Armen, als auf sein Läuten ihr Mädchen herbeikam. Sie trugen die Leblose auf ihr Ruhebett; die Dienerin versuchte ihr ein paar stärkende Tropfen einzuflößen, sie glitten an den festgeschlossenen Lippen hinab; sie rieb die Schläfen, die Glieder, sie blieben eisig steif. Oßler trug ihr auf, einen Diener nach Doctor Roderich zu schicken, der bei Frau Reißiger eingetreten sei. Aber 74 Kutscher und Bedienter waren zur nächsten Station gefahren, um den Präsidenten abzuholen, dessen Rückkunft in der Nacht erwartet wurde; die übrigen weiblichen Dienstboten waren von einem freien Abend, den ihnen das Fräulein gestattet hatte, noch nicht heimgekehrt. Das Mädchen, dem der Schrecken die Besinnung raubte, lief selbst nach dem Arzte und da sie ihn bei Frau Reißiger nicht mehr traf, eilte sie ihm nach, in der Hoffnung, ihn auf dem Wege zu seinem Hause zu überholen. Roderich jedoch hatte statt heimwärts sich Oßlers Wohnung zugewandt, und so verging länger als eine Stunde, ehe das Mädchen, hierhin und dorthin fragend, ihn endlich auffand und mit ihm zurückkehrte.

Während dieser Zeit war Felix mit der todtengleichen Geliebten allein. Ihr Kopf ruhte an seinem Herzen; er hauchte in ihre eisigen Hände, immer fester drückte er sie an sich, seine Lippen berührten die Locken auf ihrer Stirn, er rief sie mit tausend Liebesnamen, bis er endlich, endlich, – waren es Minuten, war es eine Ewigkeit? spürte, wie nach und nach die todte Gestalt sich erwärmte, wie sie athmete, ihre Glieder regte, Tropfen um Tropfen, anfänglich langsam und kalt, dann immer strömender und heißer den Augen entrann. Es waren die ersten Thränen ihres bewußten Lebens und sie weihten einen Bund, der unter den Schauern des Todes geschlossen, sie ohne Worte vereinte für Zeit und Ewigkeit.

Während dieses verhängnißvollen Beieinanderseins kehrte der Präsident zurück. Scheu vor Mißdeutung 75 und die unaufschiebbare Reise drängten die entscheidende Frage auf des jungen Mannes Lippen; Bestürzung, Sorge und der Tochter kühn heischender Blick die entscheidende Antwort auf die des Vaters. In der Frühe des anderen Tages verließ Felix die Stadt als Susannens Verlobter. Er hatte den Tod auf diesem Wege geahnt und unverwelkliches Leben blühte nun auf in seiner Brust.

Und als er seine aufopfernde Sendung vollbracht hatte, ward Susanne am ersten Mai, ihrem Geburtstage, seine Gattin. Des Freundes Vermittelung zwischen den ausschließlichen Forderungen der Kirche und dem Beharren des gesetzesstrengen Vaters dankte das Paar eine würdig stille Feier. In einer blumengeschmückten, ländlichen Kirche vollzog ein Roderich nahestehender junger Pfarrer die katholische Einsegnung, indem er mit mildem Sinn zum Text seiner Rede die Worte der Ruth an Naemi nahm, die so innig jedem menschlichen Liebesverhältniß entsprechen. Eine andächtige Bauerngemeinde störte die Stille des heiligen Akts nicht, wie das Drängen der Neugier in der Stadt es gethan haben würde. Aber nur der Vater und Freund waren Zeugen der darauf folgenden Einsegnung nach protestantischem Ritus in der alten Kapelle auf Roderichs Königsberg.

Unmittelbar nach dieser zweiten Weihe stiegen die Vermählten in den Wagen, der sie in das Gebirge führen sollte. Susanne bemerkte die Bangigkeit nicht, die in des Freundes Zügen geschrieben stand; sie hatte keinen Blick für den Kampf des einsam zurückbleibenden 76 Vaters; sie spürte nicht die Thräne, die aus den Augen des strengen Mannes in ihre Locken fiel. Felix küßte die Thräne fort und ihre Blicke senkten sich in einander. Er wie sie hatten das, was bisher ihre Welt hieß, vergessen.

»O, Räthsel der Liebe, das keine Weisheit löst!« sagte Roderich, als das Rollen des Wagens verhallt war, indem er gedankenvoll in sein Haus zurückkehrte. »Werden Sie die Glücklichen sein, die seine Tiefe ergründen?«

*

Das Holdeste im Leben soll verschleiert bleiben; und so werden denn auch die Maientage nur geahnt, die jenem ersten folgten. Mögen die unter uns, die auf der Lichtseite wandelten, ihrer Erfüllungen gedenken und die im Schatten standen, der Traumblüthen, die kein Sonnenstrahl gereift.

Wenn die Liebenden auf ihrer Wanderung durch's Gebirge Hand in Hand an einem Waldbache saßen, wenn die Sonne hoch über Wipfeln und Gipfeln goldene Streifen zwischen das schattige Rasendunkel warf, Blätter und Blüthen mit funkelndem Zauberlichte übergoß, wenn sie die Frühlingswürze der Kräuter und Moose athmeten und die Vögel ihre Lenzeslieder girrten, Eichhörnchen lustig von Baum zu Baum, glitzernde Eidechsen von Stein zu Stein schlüpften, Schmetterlinge sie umschwirrten wie schwebende Blüthen und selber das Gewürm am Boden im warmen Tageslicht lebendig ward, da fühlte 77 Felix mit Entzücken, daß auch Freude und Schönheit Offenbarungen der Vaterliebe seien, Strahlen der unendlichen Gottessonne, wie seine Susanne sie nannte.

Ihre aber, Susannens, Sinne, entfalteten sich in diesen Frühlingstagen wie Knospen im Sonnenschein; sie hatte einen Blick für jede Farbe, ein Ohr für jeden Laut der Natur; eine Künstlerstimmung erwachte in der kunstlosen Umgebung und war auch jegliches Lied in ihrer Brust verstummt, jetzt erst verstand sie, was dichten hieß. »O, daß wir hier bleiben dürften, Felix!« rief sie oft, »wir Beide allein, niemals, niemals in die Welt zurückkehren müßten!«

Sie drang allen Ernstes in ihn, den Staatsdienst zu verlassen und sich in irgend einer schönen Einsamkeit mit ihr anzusiedeln. Sie bauten dann manches heitere Luftschloß an einem blauen Schweizersee, oder wenn seine südlichen Erinnerungen erwachten, in einem jener elysischen Pianos, in welchen, wie ein edler Freund seiner seligen Mutter es geschildert hatte, »unter dem mildesten Himmel sich alle Reize der Erde zu einem Paradiese vereinigten.« Wie jener Freund fragte er sich oft, wenn er das geliebte Weib, ruhend oder belebt, immer neue Reize enthüllend an seiner Seite sah, fragte sich Morgens und Abends statt des Gebets:

»Liebe ich mehr sie als Dich? Liebe ich mehr sie,
O, nimm Du mir sie nicht!«

Und:

»Den Wonnebecher trank er, lobte den Geber,
Liebte heißer die Gabe.«

78 Sein Herz schlug zwischen freudiger und beklommener Erwartung, als nach Monaten am Schluß der Reise ihr Wagen vor der Pforte von Veronika's Kloster hielt. Hier war die Stätte, die er seine eigentliche Heimath nannte; seine Mutter hatte als Wittwe die während der Fremdherrschaft säcularisirte Abtei angekauft und bewohnt; nach ihrem Tode stifteten die Geschwister in ihr die barmherzige Anstalt, welcher Veronika ihr gesammtes Erbtheil und die aufopferndste Thätigkeit widmete. In diesen, dem jungen Manne heiligen Räumen sollten seine beiden theuersten Menschen sich nun zum ersten Male sehen, um sich festzuhalten für's Leben.

Auf Susannens Herz wälzte es sich wie ein Alp, als sie aus der sonnigen Morgenlandschaft vor das große, graue Gebäude trat und wartete, bis die Pförtnerin sie gemeldet habe. Die Orgel tönte von oben herab, ernste Nonnen- und Kinderstimmen sangen den englischen Gruß.

Man führte sie durch eine Reihe leerstehender Gänge und Säle; denn das weitläufige Bauwerk ward nur zum Theil durch die erziehenden und verwaltenden Anstalten ausgefüllt. Alles war sauber und hell wie einst Susannens Mädchenklause, wo aber war der heitere Farbenschimmer, der Blüthenschmuck, mit welchen sie sich ihr zukünftiges Heim ausmalte? Wie vordem in ihres Vaters Nähe breitete sich ein Schleier über ihr ganzes Wesen, die Blicke wurden glanzlos, die Schritte schwer, die Worte langsam.

79 Sie gingen durch das Musikzimmer, in welchem die blinden Kinder, welche die Schwester erzog, mit ihren Nonnen versammelt waren. Die Kleinen begrüßten den Bruder ihrer »Mutter« wie einen alten Freund; seine Augen füllten sich mit Thränen und Susannens Herz krampfte zusammen vor dem Bilde dieses lichtlosen Daseins gegenüber ihrem eigenen strahlenden Glück.

Auf der Schwelle ihres Gemachs trat ihnen Veronika entgegen. Bruder und Schwester hielten sich lange umschlungen und Susanne hatte Zeit, die Frau zu betrachten, die ihr in diesem Augenblicke fast wie eine Nebenbuhlerin erschien. »Wie schön sie ist!« rief es in ihr, »wie viel schöner als ich; hoch und schlank gleich der Palme im sicilianischen Klosterhof, die Felix mir als den Baum des Friedens geschildert hat.«

Und Susanne hatte Recht; die Nonne war über die Jugend hinaus noch schön; das anschließende, graue Gewand ließ die feine Ebenmäßigkeit der Glieder, die stille Grazie jeder Bewegung erkennen; die aschblonden Haarwellen wurden durch ein Schleiertuch verhüllt, zu dicht und schlicht, um weltlich, zu sehr das regelmäßige Oval des Gesichtes freilassend, um klösterlich zu erscheinen. So zweckmäßig einfach, auch im Entsagen nicht eitel, wie die der Oberin, war die Tracht sämmtlicher Lehrerinnen und Kinder; auch die Wohnzimmer waren zwar einfach, doch mit allem der Wohnlichkeit dienenden Geräth ausgestattet und wurde Susanne bei einer späteren Besichtigung der Einrichtungen dieser geistlichen Gemeinschaft, welche durchaus nach den Angaben der 80 Gründerin getroffen waren, in Plan und Durchführung unwillkürlich an Roderichs charakteristischen Lebenszuschnitt erinnert. Ihr Gemüth und sein Gedanke schienen einem verwandten Gestaltungstriebe gefolgt zu sein. »Ob das Liebe ist?« fragte sich Susanne.

Felix führte die beiden Frauen einander zu. Seine Seele war, wie bei jedem Wiedersehen durchdrungen von Veronika's heiligender Erhabenheit; es würde ihm natürlich vorgekommen sein, wenn seine Gattin der Schwester Hände geküßt und sie knieend begrüßt hätte. Aber Susanne stand kühl und wortlos ihr gegenüber; die Schwägerinnen umarmten sich in förmlicher Weise und die Nonne sagte, nachdem sie die junge Frau eine Weile prüfend betrachtet hatte, wie dieser däuchte mit einem Klang wehmüthigen Zweifels nichts weiter als: »Lassen Sie Felix glücklich bleiben, Susanne.«

Nach einem Rundgange durch die Anstalt, den Felix in Susannens Interesse gewünscht hatte, verwickelten die Geschwister sich bald in ein ernstes Gespräch, dessen Gegenstände der jungen Frau zu fern lagen, um sich daran betheiligen zu können; die speciellen Angelegenheiten des Klosters führten auf die des geistlichen Sprengels, diese hinwiederum auf die allgemeineren der Kirche auch in gewissem politischem Zusammenhange. In halben Worten wurden Erwartungen in Bezug auf einen voraussichtlichen Wechsel an hoher, oder höchster Stelle angedeutet, Strebungen als der Verwirklichung nahe bezeichnet, welche ahnen ließen, daß die Nonne so gut wie der junge Beamte Ziele verfolgten, die weit 81 über den barmherzigen Dienst im Kloster und die Verwaltung im stricten Staatsdienst hinausreichten. Wenn Beide denn auch diese Anspielungen mit merklicher Beflissenheit rasch wieder fallen ließen, Veronika, indem sie warnend zu der jungen Frau hinüberblickte, Felix, indem er die Augen niederschlug, so viel mußte Susanne herausfühlen, daß hier ein besonderes Leben geführt wurde, in welches eingeweiht zu werden man sie nicht fähig oder würdig hielt.

Wiederholentlich hatte man sich bei diesen Berührungen auf einen geistlichen Freund berufen, dessen Ansichten als maßgebend betrachtet zu werden schienen; einmal fragte die Nonne dann auch mit leiser, eine Ueberwindung andeutender Stimme, ob Felix diesem Freunde seine Verheirathung mitgetheilt habe? und als Felix die Frage bejahte, bat sie ihn, ihr einen Einblick in des Paters Antwort zu gönnen.

»Er hat mir nicht geantwortet und – er wird es nicht thun,« versetzte Felix mit einem Ausdruck herber Pein, der Susannen durch's Herz ging.

»Armer Bruder!« sagte Veronika, indem sie ihm die Hand drückte. »Armer Bruder! ich werde ihm heute noch schreiben.«

Auf Susannens Lippen schwebte die Frage nach dem Namen des Mannes, dessen Abwenden als solch tiefer Schmerz empfunden werde. Hatte die Gattin denn nicht das Recht, die Freunde des Gatten zu kennen? Da sie aber unwillkürlich erspürte, daß ihre Person die Ursache dieses Abwendens sei, unterdrückte sie die Frage 82 und blickte mit finster zusammengezogenen Brauen vor sich hin.

Diese Verstimmung bemerkend, versuchte Veronika wiederholt, ihre neue Verwandtin in die Unterredung zu ziehen und deren religiöse Auffassungen, wenn auch nur von ihrem confessionellen Standpunkte aus, hervorzulocken. Aber Susanne hatte diese confessionellen Unterscheidungen niemals gemacht und sich gleichgültig verhalten, wenn dieselben in ihrem früheren Lebenskreise berührt worden waren, sei's daß man sie als der Erörterung entwachsen belächelte, sei's daß man sie als ungebührliche Anmaßungen verdammte. Seit sie dann Felix nahe getreten war, würde sie, ohne den starren Widerspruch ihres Vaters, jede kirchliche Concession gemacht haben, um dem Geliebten angehören zu dürfen. Ob ihr Bund nach diesem oder jenem, christlichen Ritus eingesegnet wurde, schien ihr nebensächlich und die Folgerungen für die Zukunft kamen ihr nicht in Betracht.

Wie nun aber in ihrem Wesen bei aller Unfertigkeit etwas schwer Biegsames lag, etwas Radicales hatte Roderich es einmal genannt, so konnte sie auch heute sich nicht zum theilnehmenden Eingehen in ein unverständliches Gebiet entschließen; und wie sie einem Zuwiderstrebenden wohl trotzen, ihn gleichgültig meiden, allenfalls scheu vor ihm fliehen, nimmer jedoch sich demüthig von ihm bewältigen lassen konnte, so hatte sie auch heute statt einer gutwilligen Näherung nur ablehnende, kurze Antworten, die ihrem Manne durch's Mark schnitten und seinen Zügen ein fast hartes Ge 83präge gaben. Er empfand den Eindruck, welchen Susanne seiner Schwester machen mußte und beschränkte fortan Alle Aufmerksamkeit auf diese. Ja, war es Unmuth, Verlegenheit, Absicht oder nur durch Veronika angeregtes höchstes Interesse, er schien je mehr und mehr zu vergessen, daß an seiner Seite Eine saß, deren Herz in wühlenden Schmerzen zuckte. Verflogen war die Zuversicht, die sie bis vor wenig Stunden beseligt hatte; sie hörte nur immer in sich eine Stimme ächzen: »Er liebt nicht Dich, er liebt die Nonne, seine Seele ist für sie, nicht für Dich.«

Der Abschied nahte; ein tiefes Weh lag in den Zügen Veronika's, das Weh des Zweifels an ihres theuersten Menschen Glück. Sie weinte bitterlich und klammerte sich an ihn, als wollte sie ihn festhalten für ewig. Die Trennung der Schwestern war kühl wie ihr Begegnen. Als sie das Zimmer verließen klang in Susannens Ohr zum zweiten Male der Seufzer: »Armer Felix.«

Stumm und nicht wie bisher Hand in Hand saßen die jungen Gatten im Wagen; ihr Weg führte durch flache Moor- und Haidstrecken, die man nicht durchreisen, in denen man leben und weben muß, um von ihrer eintönigen Harmonie, von der Mannichfaltigkeit im Gleichartigen der Farben und Formen heimathlich, ja selbst poetisch ergriffen zu werden. Der Himmel war weiß umschleiert, die Luft mild! Aber Susanne hatte keinen Sinn für dieses Zusammenstimmen der Umgebung; sie kam sich vor wie das erste Weib, als es aus dem Eden 84 in die Wüste vertrieben ward und Felix saß in der Ecke und brütete.

Die Scene änderte sich, als sie gegen Abend in das Thal ihrer Heimath einlenkten. Der Fluß mit seinen Uferhöhen zeugte Leben und Wechsel; die Sonne zerriß im Sinken den verhüllenden Nebelhauch. Auch die Umschleierung der Herzen löste sich Schritt für Schritt. Ohne der Eindrücke des Morgens zu erwähnen, besprachen sie die, welche ihrer harrten, Hände und Blicke fügten sich ineinander und fand ihr Ton auch nicht alsobald den früheren vollen, reinen Klang, so mischte sich doch keine Bitterniß in denselben und heiteres Erinnern wechselte mit heiterem Erwarten.

Mitten in der Nacht langten sie vor ihrem Hause an, das außerhalb des Thores am Flusse gelegen war, mit dem Blick auf die Pforte, durch welche jener sich Bahn gebrochen hat und auf Roderichs Königsberg. Das Haus war bekränzt und erhellt, sie fanden sich alsobald in einen behaglichen heimischen Zustand versetzt.

Indessen berührten sie auch gleich an der Schwelle ihres jungen gemeinsamen Lebens zwei unerwartete Veränderungen: die von des Vaters Versetzung in eine einflußreiche Stellung in der Hauptstadt und die von einem weitumfassenden wissenschaftlichen Reiseunternehmen des Freundes, das sich auf Jahre hinaus, über die südasiatischen Küstenländer erstrecken sollte. Seine heimische Pflegestätte war unter die Verwaltung eines tüchtigen Arztes gestellt worden. Das, wodurch Felix sich jedoch am Tiefsten betroffen fühlte, war die Kunde, daß jener 85 junge Pfarrer, der seine Ehe eingesegnet hatte, Roderich auf seinem Forschungsunternehmen begleitete, nachdem er, freiwillig oder nicht, aus dem geistlichen Stande geschieden war. Hatte er das Glück eines anderen Menschen mit seinem eigenen vielleicht, mit seinem Heil erkauft?

Vater wie Freund hatten ihre Abreise nicht bis nach einem Wiedersehen des jungen Paares verschoben. Der Vater, um sich die Pein eines nochmaligen Abschieds zu ersparen; Roderich in der Einsicht, daß es den Freunden Wohlthat sei, ohne abirrende frühere Beziehungen in der alten Heimath ein neues Dasein zu beginnen. Die Glücklichen aber waren allzu erfüllt von ihrem wechselseitigen Selbst, um bei diesem doppelten Scheiden eine Lücke zu empfinden.

*

Wenn ein junges Paar sein Haus aufrichtet, scheint nur allzuoft das Fundament so flach und schwach gelegt, daß bedenkliche Leute daran zweifeln, ob es im Stande sein werde, die Last des Oberbaus zu tragen. Ist dann aber das Mauerwerk ausgesetzt, sind Fenster und Thüren eingefügt, lodert das Herdfeuer und rückt endlich gar die Wiege an den gebührenden Platz, dann sehen wir, daß, so wie die Wurzeln eines Baumes in die Tiefe wachsen, sich auch der Grund des Hauses unter der Wucht von Außen nach Innen hin vertieft. Das Bauwerk wird von seiner eigenen Schwere getragen; Erdenstaub und selbst Todtenasche verwandeln sich in einen bindenden Kitt und ein junges Geschlecht erblüht geschützt unter Dach und Fach.

86 Solch' einem Bauwerk glich Oßlers und Susannens Ehe nicht. Sie war in der Tiefe der Herzen unerschütterlich gegründet; aber was von Außen sich ihrem Zusammenhange an- und einfügte, dem fehlte wie die Harmonie so das verschmelzende Element. Nicht umsonst hatte das junge Weib in stiller Waldeinsamkeit danach verlangt, niemals mit dem Geliebten in die Welt zurückkehren zu müssen.

Oßler hatte die vorbereitenden Stadien im Staatsdienst zurückgelegt; kein Ehrgeiz trieb ihn auf eine höhere Staffel; durch die Verbindung mit Susannen war seine äußere Lage aus einer unabhängigen eine glänzende geworden, er hätte sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen dürfen. Dennoch widerstand er allen Lockungen der geliebten Frau, vielleicht auch denen seines eigenen heimlichen Verlangens; er beharrte auf der vorgeschriebenen Bahn, ja er fühlte sich zu einem doppelten Eifer gedrängt, weil er nach einer anderen Seite hin durch die Zugeständnisse seines Ehevertrags sich den Vorwurf halber Abtrünnigkeit nicht ersparen konnte.

Da seine Richtung mit der des Staates, bei dessen in den letzten Decennien vorwaltenden Toleranz, bis jetzt nicht in einen offenen Gegensatz getreten war, genoß er, wie selten ein jüngerer Beamter, ein Ansehen, das selber von denen getheilt ward, die bei einem ausbrechenden Conflict nothwendig seine Widersacher werden mußten. Es wurde sogar vielfach behauptet, daß er darum nicht in der Bälde für eine höhere Stellung vorgeschlagen ward, weil dieselbe ihn auf einen anderen 87 Platz versetzt haben würde und kein Collegium sich gern einer so zuverlässigen Arbeitskraft enträth. Sein rascher und dabei gründlicher Geschäftsbetrieb wurde den in der Methode ergrauten Vorgesetzten zu einer Art von Erquickung und die Subalternen, die ihm um seiner gütig höflichen Behandlungsweise anhingen, arbeiteten ihm willig in die Hände, wenn ihm die düsterndsten Ausführungen, die peinlichsten Commissorien übertragen wurden; er selber aber lernte unter diesem allseitigen Wohlgelingen als Beschäftigung lieben, was ihm als Dienst anfänglich widerstrebt hatte.

Neben dieser amtlichen Thätigkeit wurden Zeit und Kräfte nun aber auch noch beansprucht durch eine ausgebreitete Correspondenz mit Freunden, die jetzt noch geistliche hießen, bald aber politische heißen mochten; überdies wollte die Verwaltung der Blindenanstalt, zu deren Curatorium er gehörte, wie die von seinem eigenen Vermögen und dem seiner Frau in Obacht genommen sein und so waren es nur wenige Tagesstunden, die er seiner Häuslichkeit widmen durfte.

Aber diese wenigen Stunden erfüllte ein reines, tiefempfundenes Glück. Susanne wartete auf dieselben mit sehnsüchtigem Verlangen und entfaltete in ihnen eine lange aufgesparte Gluth. Sie wollte nur ihn sehen, ihn umfangen und halten, sie dachte nicht daran, sich durch gesellige Anknüpfungen auch nur eine Minute seiner Gegenwart verkümmern zu lassen. Wie sonnig ihre Liebe sein Dasein übergoldete! welche Blüthen der Phantasie ihre Düfte streuten, welch bunte Vögel ihren 88 Sommertag durchgaukelten; es war die Wonne jener Maienzeit im Wald, die er allabendlich in seinem stillen Heim nacherlebte; immer gleichmäßig Susannens Zärtlichkeit und doch mannigfaltig die Kunst, sie in Ernst und Frohsinn auszudrücken.

Dieses herzliche Behagen verdrängte nach und nach den peinvollen Eindruck jener Klosterbegegnung. Die Schwägerinnen sahen sich nicht wieder, wechselten auch keine Briefe mit einander; Felix besaß jede von ihnen für sich allein und für sich im Besonderen; er begriff, daß seiner Schwester der Maßstab für Susannens Natur fehlen müsse. Mochte es Veronika doch gewesen sein wie jenen heiligen Anachoreten, wenn sie nach Jahren der Einsamkeit zwischen Wüste und Himmel unfreiwillig aus ihrer Entsagung aufgescheucht, den ersten Blick wieder warfen auf die Fülle der mittelländischen Gestade und nicht ewiges Leben, nur ewigen Tod in ihrer üppigen Blüthe erkannten. Wohl war Susanne keine von denen, die Gott in einer Wüste dienen lernen würden; ihre Offenbarungen hießen Schönheit und Liebe. Er betrachtete sie aber auch erst als am Beginn ihrer geistigen Entwickelung und freute sich des Berufs, auf weiter Bahn ihr Führer zu sein von dem Momente rein menschlicher Bedürftigkeit bis zu dem Ideale christlicher Ueberwindung und dem Eintritt in sein heiliges Mysterium. Die Uebergänge zu dieser Bahn waren unberechenbar; vielleicht ein mäliges Steigen, vielleicht ein jäher Sprung Einstweilen gönnte er sich und ihr das Glück des Augenblicks und fühlte zwischen Thätigkeit und Genuß sich be 89friedigt wie im Leben noch nie. Ja, fast schien es, als ob das gegenseitige Bemühen, ein Unantastbares in einander zu schonen, über ihr Verhältniß einen zarten Hauch ergösse, dessen Reiz ihm ohne dieses sinnige Schonen vielleicht gemangelt haben würde.

Während der Zeit der ihn ausfüllenden Thätigkeit – von vierundzwanzig Stunden zwölf – wie vielleicht etwas übertreibend Susanne in harrendem Verlangen sie zählte – saß die junge Frau nun aber sich selbst überlassen, die Hände im Schoß, allein. Bei dem völligen Zuschnitt ihres Hausstandes traten wirthschaftliche Obliegenheiten nicht an sie heran; Handarbeiten hatte sie von Kind ab verabscheut; ein künstlerisches Talent, wie das ihrer Schwester fehlte ihr; ja für die Musik, welche ebbende und fluthende Stimmungen mehr als jede andere Gabe auszugleichen versteht, für die Musik fehlte ihr sogar der Sinn; eine physiologische Sonderbarkeit, wie Freund Roderich es einst genannt hatte, bei Einer, welcher Wohllaut und Rhythmus der Sprache in so bedeutendem Maße zu Gebote standen. Ihr dichterisches Bedürfniß aber schien eingeschlummert, da ihr Herzenssehnen gestillt, die Außenwelt dahingegen noch nicht in erweckender Weise ihr gegenständlich geworden war. Die einzigen gemüthlichen Fäden waren abgeschnitten, Vater wie Freund in der Ferne, Lucie nach auswärts verheirathet; auch Major Reißiger mit seiner Familie in eine andere Provinz versetzt; selten forderte ein flüchtiger Brief eine flüchtige Erwiderung; neue gesellige Anknüpfungen hatte sie nicht gesucht, sie verlangte nach 90 keinem Verkehr als dem mit Felix; selbst Spazierengehen oder Fahren machte ohne ihn ihr nicht mehr Freude, Felix aber hatte nur selten Zeit, sie zu begleiten.

Wenn nun andere junge Frauen ihres Standes sich vielfach in einer ähnlichen Leere befinden, so sorgt doch bald die Natur für eine Ausfüllung. Hier that sie es nicht. Auch empfand Susanne niemals ein mütterliches Verlangen. Die Liebe zu ihrem Gatten genügte ihr und wenn sie dann und wann eine Lücke inne ward, so war es keine solche, die, nach ihrem Meinen, das Lallen eines Kindes hätte ausfüllen können.

Anders vielleicht, wenn Felix dieses Versagen, so daß sie es spürte, schmerzlich empfunden hätte und gewiß würde er in einer anderen Ehe es schmerzlich empfunden haben. In der mit Susannen jedoch erregte der Gedanke, daß er Vater werden könne, ihm nahezu Furcht und war der einzige, der in jenen Erstlingstagen des Glücks ihn an das eingegangene Mißverhältniß erinnerte. Jeder Vater, auch wenn er späterhin seine Töchter eben so innig, oder wohl noch inniger als die Söhne lieben lernt, rechnet bei dem ersten Kinde auf einen Sohn und der Sohn würde wie dem Gesetze, so der ehelichen Uebereinkunft gemäß, seiner, des Vaters, Religion gefolgt sein. Wußte er denn aber nicht, welchen Einfluß die Mutterseele auf das Gemüth des Kindes übt? War er nicht selbst gegen des Vaters Willen, dem mütterlichen Zuge gefolgt? Wirkte Susannens Liebesfülle schon so bestrickend auf den ernstgeschulten Mann, wie würde erst ein Kind sich unauflöslich einschmiegen 91 in ihr Leben und Weben? Sollten die herben Kämpfe seines Elternhauses sich in einem zweiten Geschlecht wiederholen? Felix flehte zu Gott, daß er sie ihm erspare und betrachtete dieses unnatürliche Entsagen als Sühne für die natürliche Erfüllung, der er sich unter dem Widerruf seines Gewissens hingegeben hatte.

In der Langeweile ihrer zwölf Wartestunden verfiel Susanne nun endlich auf das Auskunftsmittel der Lectüre, das den Hunger ihrer Mädchenjahre so wenig gestillt hatte. Sie lachte über die Leere ihres Bücherschranks bei so vielem Ueberflüssigen ihrer anderweitigen Ausstattung. Außer Schiller, den sie schon als Kind, das heißt zu früh, um ihn zu würdigen, auswendig gelernt hatte, und den sie erst wieder vergessen mußte, um wahrhaft von ihm ergriffen zu werden, fand sie fast nur noch Zschokke's Stunden der Andacht und Tiedge's Urania, ihres Vaters Lieblingsschriften. Da es ihr nicht auf Belehrendes und noch weniger auf Erbauliches ankam, bot auch ihres Mannes Bibliothek ihr wenig Stoff und so bestellte sie sich denn in einer Buchhandlung der nächsten größeren Stadt Summa Summarum alle Dichterwerke von Bedeutung, die seit einem Jahrhundert in unserer Sprache, wie in der französischen und englischen erschienen waren; eine Welt, vor deren Fülle sie staunte und deren bloßes Kennenlernen, jetzt bei gestilltem Herzen, die Langeweile zahlloser Wartestunden verscheucht haben würde.

Mit Diesem und Jenem wurde nun aber der Umgang zur Intimität, und bestrickender als irgend ein Anderer, als Göthe selbst, ja bis zum Rausch, bemächtigte 92 sich Byron der jugendlichen Phantasie. Hat doch jede Zeit ihre Strömungen und Susanne war ein Kind jener Epigonenzeit, in welcher der genialste, dichterische Individualist wie mit Zauberflammen strahlte und zündete. Aber auch dann, als binnen Kurzem dieses Meteor unter der Gegenströmung nach der Dinge Wirklichkeit den begeisterten Blicken entschwand, auch da ist Susanne dem ersten Stern an ihrem Dichterhimmel treu geblieben.

Sie übersetzte die sie am tiefsten ergreifenden Episoden, um sie Felix vorzulesen, der die englische Sprache nicht verstand und englisches Wesen im Allgemeinen nicht liebte. Die für unseren Sprachbau so schwierigen Stanzen des Childe Harold glitten wie Perlen über der Leserin Lippen. Da wo die Ausdrücke sich nicht vollständig deckten, ersetzte die Dichterin den des Dichters durch eine Improvisation; so wurde es fast eine eigene Gabe, die sie bot; ihre klangvolle Stimme zitterte und die Augen leuchteten in höchster Beseligung.

Fast wie eine persönliche Beleidigung nahm sie es daher auf, daß der, welchen sie zu begeistern gedachte, nicht nur eisig kalt unter ihren Entzückungsschauern blieb, sondern die gesammte neuzeitliche Poesie als eine giftstreuende Sumpfflanze verdammte. Gottentfremdet und selbstvergötternd nannte er sie und läugnete die künstliche Schöne eines Products, das aus faulem Stoff getrieben worden sei. Ja selbst die romantisirende dichterische Opposition deren Einfluß jener Zeit noch nicht völlig verklungen war, schloß er in sein abfälliges Urtheil 93 ein; er sprach von ihren Vertretern als von Lüstlingen, Heiligen des Scheins oder spielenden Phantasten und wo er als Ausnahme eine wahrhaftige Natur gelten ließ, da war er gebildet genug, sich über das Unzulängliche oder Ungereifte ihres Talents nicht zu täuschen.

Als nun aber das Gespräch von diesem Ausgangspunkte auf angrenzende Gebiete geleitet ward, da hörte die junge Frau voll Staunen, daß ihr Gatte – mit einziger Ausnahme der Musik, die er liebte, aber nicht sie – alle Kunstbestrebungen, ja alle Culturbestrebungen seit Ausgang des Mittelalters in Verfall erklärte und in wissenschaftlichen Gebieten, zumal den physikalischen, deren bedeutenden Fortschritt Roderich ihr so oft gerühmt hatte, ein Rückschreiten oder Ueberschreiten geheiligter Grenzen sah bestenfalls ein verwässertes Plagiat dessen was längst in ewigen Urkunden niedergelegt sei.

Susannen fehlte zu einem Protest gegen seine Belege die Erfahrung, und in's Blaue hinein zu widersprechen, scheute sie sich. Sie schwieg mißgelaunt. Die erste Verstimmung seit ihrem heimischen Beieinandersein. Wenn sie die letzte sein sollte, so stand sie vor der Wahl, entweder einer großen Freude zu entsagen, oder dieselbe vor ihrem Gatten zu verhüllen. Sie entschied sich für das letztere und führte fortan von zwölf zu zwölf Stunden ein Sonderleben. Vom Abend zum Morgen mit dem Geliebten, vom Morgen zum Abend mit den Dichtern, die er verdammte. Versuchte Felix nun aber seinerseits von Außen nach Innen sie in seine eigensten Gebiete dringen zu lassen, berührte er Erfahrungen seiner 94 Berufsthätigkeit, in welche eine Frau von Susannens Intelligenz ja wohl leicht dem Manne zu folgen vermag, sprach er von kirchlichen oder wohlthätigen Bestrebungen, so war das nothwendig Geschäftliche derselben ihr interesselos und für den letzten Zweck fehlte ihr die Weihe.

Um Oßlers und Susannens Ehe während der ersten zwei Jahre in einem Bilde zusammenzufassen, so glich sie dem blauen Himmel über einem Alpensee, bei Sonnenschein und stiller Luft. Der Wanderer beachtet die weißen Flöckchen nicht, die am Horizonte in die Höhe steigen, bemerkt sie kaum. Der Führer aber hält scharf den Blick auf eines in ihrer Mitte gerichtet. Bleibt es gesondert auf seinem Platz, und wenn ihrer so viele wie eine Lämmerheerde würden, so verheißt er einen reinen Sonnenuntergang. Zieht das Wölkchen aber ein anderes an, treibt ein Lufthauch, den die im Thale Wandelnden nicht spüren, ihm wieder andere zu, färben sie sich nur um einen Schatten aus Weiß in Grau, dann warnt er, lange bevor sich ein Damm gebildet hat: Es giebt Sturm!

*

Es war im Herbst, aber eine Sommerluft wehte durch das offene Fenster, an welchem Felix und Susanne in zärtlicher Heiterkeit mit einander tändelten, als ein Brief Veronika's gebracht wurde. Felix erbrach ihn rasch und freudig, wurde nach flüchtigem Ueberblick aber ernst, steckte den Brief zu sich und ging auf sein Zimmer, um ihn ungestört durch Susannens Aufmerksamkeit zu voll 95enden, obgleich er wohl wußte, daß sie niemals nach seinen Angelegenheiten forschte und nach den schwesterlichen Mittheilungen kein Verlangen trug.

Die Nonne hatte stärker als Felix selbst die Hoffnung festgehalten, Susannen eines Tages der großen Mutterkirche eingereiht zu sehen, da sie es für den unnatürlichsten Grad des Egoismus erachtete, wenn in einem Weibe nicht früher oder später das Bedürfniß einer religiösen Gemeinsamkeit erwachen sollte. Ihre Hoffnung beruhte wesentlich auf dem scheinbaren Widerspruch, daß Susanne seit ihrer Verheirathung den Gottesdienst in ihrer eigenen Kirche niemals besucht, noch wie sonst mit ihrem Vater regelmäßig das Abendmahl genossen hatte.

Susanne unterließ das, was sie früher als Brauch hatte gelten lassen, einfach darum, weil sie jetzt so wenig wie damals ein Verlangen nach kirchlicher Erbauung spürte und weil es ihr widerstand, an irgend einem Orte, oder bei irgend einer Gelegenheit ohne den geliebten Mann gesehen zu werden. Felix dagegen, wie tief es auch seinem Glauben an die sakramentalische Einigung in der Ehe Hohn sprach, die Gnadenmittel seiner Kirche ungetheilt mit seinem Weibe zu genießen, so hätte er Susannen doch weit lieber im Zusammenhange mit ihrer eigenen Kirche als in gar keinem kirchlichen Zusammenhange gewußt. Er gab daher nur dem allezeit starken Einflusse der Nonne nach, wenn er sich enthielt, seine Gattin an ihre überkommenen religiösen Pflichten zu mahnen.

96 »Wenn sich,« so hatte Veronika gesagt, »wenn sich dereinst unter der Wunderwirkung Deines liebenden Gebets, mein Freund, in dem Seelenschlummer Deiner Frau die ersten leisen Spuren des Erwachens zeigen werden, dann ist es eine segenverheißende Fügung, daß der Heilssamen in brachliegenden Boden eingesenkt werde, statt in einen, den eine künstliche Cultur, ohne Blüthen zu treiben, bereits ausgesogen hat.«

Jetzt aber hielt sie den Moment des Ausstreuens für gekommen, da sie eine vielbewährte Hand bereit glaubte, der schwächeren des Nächstverpflichteten in diesem Heilswerke beizustehen.

»Der Ueberbringer dieser Zeilen,« so schrieb Veronika, »ist unser herrlicher Freund, der mit den umfassendsten Plänen aus Rom zurückgekehrt ist. Er glaubt uns nahe einer Krisis, in der wir die Fesseln von zwei Jahrhunderten sprengen werden, und scheint in unserer Heimath zu einem starken Rüstzeug bestimmt zu sein, seitdem der unerschütterlich treue, auch Deinem Herzen, Felix, so väterlich theure Mann, der Oberhirt unseres Sprengels geworden ist. Was dem Pater zunächst am Herzen liegt, ist, für ein großangelegtes Missionsunternehmen im Inneren von Afrika werbend, sammelnd, ordnend auch unter uns zu wirken. Er nennt es bescheiden einen Fühlungsversuch unserer religiösen Stimmung. Ich täusche mich jedoch wohl kaum, wenn ich neben dem heiligen und heiligenden letzten Zwecke, in diesem Unternehmen eine in die Augen springende Entfaltung der kirchlichen Macht erblicke nicht nur gegen schwächliche, 97 verwandte Strebungen des überseeischen Protestantismus, sondern auch gegen die sich neuerdings so anmaßlich blähenden Entdeckungsforschungen der weltlichen Wissenschaft. Wir dürfen uns die Palme des Sieges auch in diesen Gebieten nicht entwinden lassen. Du wirst das Nähere von dem Freunde selbst erfahren, da Hin- und Widerreisen ihn des Oefteren in Deine Nähe führen.«

Felix las diese Mittheilungen in der frohesten Erregung. Schon das Wiedersehen des Mannes, der neben der Schwester sein nächster Seelenverwandter war, empfand er als ein ungeahntes Glück und der Verkehr in übereinstimmenden Interessen mußte als ein Labsal in der Dürre seiner hiesigen religiösen Beziehungen erquicken. Wie hoffnungsfreudig aber wallte es in ihm auf, als am Schluß des Briefes Veronika's Rettungsplan ihm entgegentrat! Ja, wenn Einem, so war es diesem außerordentlichen Menschen gegeben, das Keimkorn der höchsten Erfahrung in jungfräulichen Grund einzusenken. Manches ähnliche Gelingen ward ihm nachgerühmt. Felix selber dankte seiner Entschiedenheit den, wenn auch in der Neigung begründeten, doch in der Ausführung immerhin schweren Entschluß, öffentlich von der Kirche seines Vaters zu der der Mutter überzutreten, wie er denn auch späterhin in Rom durch den Pater bewogen worden war, sein beschauliches farniente mit der Ausbildung zum staatsmännischen Berufe zu vertauschen. Der Pater kannte überdies aus seiner eigenen Seele heraus den umwandelnden Proceß, den er in Anderen weckte. Er selbst war ein Uebergetretener, 98 wenn auch nicht von einem Cultus zum anderen, so doch vom Laiengebiet in das geistliche.

Einer Familie von israelitischem Ursprung entstammend, auf dem dazumal französischen linken Rheinufer geboren, mit ausgesprochen semitischer Physiognomie, heißem Temperament und genialer Begabung war Gustav Viola, als freistrebender junger Jurist, in die Verfolgungen gezogen worden, durch welche der Staat bald nach den äußeren Befreiungskriegen mit so weit übertriebenem Eifer seine Furcht vor inneren Befreiungskämpfen documentirte. Ja, der nachmalige Präsident Merwaldt, dazumal Curator der Universität B. ging so weit, den jungen Docenten der Mitgliedschaft eines Geheimbundes zu zeihen, als dessen Werkzeuge, einige bethörte Fanatiker, zu Verbrechern geworden waren. Wenn auch nicht vollständig freigesprochen, doch ohne Schuldbeweis der Untersuchungshaft entlassen, that Doctor Viola keinen Schritt, die unterbrochene akademische Laufbahn wieder aufzugreifen; er verschwand vielmehr aus seiner heimathlichen Provinz, um erst nach Jahren, wie es hieß, aus einem lothringischen Kloster mit dem Nimbus des Geheimnißvollen als Pater Viola in dieselbe zurückzukehren.

Seine Feinde, – und ein Charakter wie dieser wird, zumal unter seinen einstigen Freunden, der Feinde ja allezeit eben so viele haben als glühende Verehrer auf der anderen Seite, – seine Feinde haben das treibende Agens des geheimnißvollen Mannes schlechthin Ehrgeiz genannt, der den gedeihlichsten Boden für seine Wirk 99samkeit erspürt habe. Der Staat, so meinten sie, könne Talente seiner Art, oder Talente überhaupt, zur Zeit nicht gebrauchen, während die Kirche wie allezeit Talenten, so auch diesen zu dieser Zeit hinlänglichen Spielraum zu bieten wisse. Und da mußte es denn allerdings befremden, den Mann, welchen vielleicht ein Bischofsstab gelockt hatte, nach fast zwei Jahrzehnten rastlosen Eifers, bei ergrauendem Haar noch immer als Pater Viola den heimischen Boden wieder betreten zu sehen. Wer ermißt denn aber von Außen her den weitläufigen Mechanismus des hierarchischen Haushalts? Und galt denn nicht eine Krisis für angezeigt, für welche diese Kraft vielleicht aufgespart worden war, um sie auf die gebührende Stelle zu heben?

Felix hätte erwarten können, sich alsobald von dem angekündeten Freunde aufgesucht zu sehen. Daß ein Gasthofskellner ihm den Brief seiner Schwester ohne irgend welches begleitende Wort überbracht hatte, befremdete ihn. Doch war er augenblicklich bereit, den verehrten Mann im Hotel zu begrüßen und ihm während seines hiesigen Aufenthalts sein eigenes Haus zur Verfügung zu stellen.

In froher Erwartung brach er auf. Schritt für Schritt, den er sich von seinem Hause entfernte, fiel es ihm jedoch bänglich und immer bänglicher auf's Herz. Er hatte den Pater seit ihrer Trennung in Rom nicht wiedergesehen, Briefe von dem vielseitig und an wechselnden Orten Beschäftigten überhaupt selten, seit seiner Verheirathung aber gar nicht mehr erhalten; durfte er erwarten, den 100 einstigen Freund und Führer in ihm wiederzufinden, nachdem er durch die Concessionen seiner Ehe, ja durch seine Ehe an und für sich die angewiesene Richtung so schnöde verlassen hatte? Was sollte er ihm sagen? Sich auf seine große Liebe berufen, kam ihm diesem Manne gegenüber als ein nahezu kindisches Beginnen vor. Hatte Veronika, stark gestützt auf den geistlichen Freund, nicht eine eben so große Liebe überwunden? Zu seiner Entschuldigung die tolerante Praxis anführen, welche zur Zeit, als er seine Ehe schloß, der bisherige Kirchenfürst walten ließ? Hatte Veronika die Pflicht gegen ihre Kirche nicht höher gehalten; als ein lässiges Regiment es ihr gestattet haben würde? Nun aber, wo seit Kurzem das kirchliche Recht im Gebiete der Eheschließung zu einer brennenden Tagesfrage geworden war, – – Felix seufzte schwer auf, ihm war zu Muthe wie Einem, der vor dem in Aussicht stehenden Kampfe seine Fahne verlassen und mit dem Feinde unterhandelt hat.

In dieser beklommenen Stimmung ließ er sich bei dem geistlichen Herrn melden und wurde ohne weitere Entschuldigung abgewiesen; eine Züchtigung herber, als er sie erwartet hatte. Er vermochte es nicht, ein starkes Band so harsch durchreißen zu lassen; er schrieb im Gastzimmer ein paar Worte, in welcher er aus tiefster Seele um eine Unterredung bat. Zitternd, ja zitternd wie ein Knabe, erwartete er den Bescheid. Ein jüngerer Geistlicher, der den Pater als Secretair begleitete, überbrachte ihm mündlich unverweilt: der hochwürdige Herr sei zu beschäftigt, um Besuche zu empfangen, da er mit 101 der Abendpost die Stadt in westlicher Richtung wieder verlassen werde.

Verletzt, verstört wie nie zuvor, entfernte sich Oßler. Er ging auf sein Büreau, aber es war ihm unmöglich zu arbeiten. Er schlug den Heimweg ein, aber ihn schauderte, sein Haus zu betreten. Kaum daß er sich Rechenschaft darüber hätte geben können, wie er hingekommen, oder was er dort suche, stand er plötzlich vor dem Postgebäude.

Es fehlte noch eine halbe Stunde an der Zeit des Postabgangs; der vielbeschäftigte Reisende durfte nicht jetzt schon erwartet werden und hatte Felix denn überhaupt ein Recht, ihn zu erwarten? Er schämte sich seines Zudringens und hatte sich eben gewendet, um die Straße zurückzugehen, als der Pater ihm aus dem Thore des Posthauses entgegen trat.

Es war dieselbe schlanke Gestalt im langen, schwarzen Kleid, an welcher Oßlers letzter Blick in der ewigen Stadt gehangen hatte; derselbe elastische Gang und die vornehme Bewegung; aber das Haar war ergraut und die geistvollen Züge waren noch fester und schärfer ausgeprägt als einst. In höchster Bewegung, beide Hände ausgestreckt, keines Wortes mächtig, stürzte der jüngere Freund ihm entgegen; er hätte auf offener Straße das Knie vor ihm beugen mögen.

Der Pater begrüßte ihn mit weltmännischer Gelassenheit wie einen flüchtig Bekannten aus ferner Zeit. Des Anderen Erschütterung schien er nicht zu bemerken. Da er sich in der Uhr geirrt habe, wie er sagte, 102 und das Wartezimmer unleidlich überfüllt sei, schlug er vor, bis zum Eintreffen des Eilwagens die Straße auf und ab zu gehen. Er erzählte so bei Wege, mit gewohntem Fluß von römischen, jedoch nichtkirchlichen Zuständen; von interessanten Ausgrabungen und trefflichen neuen Cartons des Cornelius, er schilderte darauf die erste Eisenbahn, auf der er kürzlich in England gefahren sei, und sprach über die unberechenbare Bedeutung dieses Instituts für die künftige Weltgestaltung wie über manche andere Gegenstände des Außenlebens, die den nach Innerlichem und Persönlichem verlangenden Freund nahezu wie Hohnreden kränkten. Im Verlauf erwähnte er dann auch der musterhaften Einrichtungen der Blindenanstalt Schwester Veronika's und berührte endlich flüchtig den missionairen Zweck, der ihn in diese Gegend geführt habe, dabei bemerkend, wie sorgfältig, wenn nicht Unheil statt Heil gewirkt werden solle, die Kräfte für diesen fremdartigen Beruf gewogen werden müssen, während das Interesse an demselben doch der Gradmesser religiösen Empfindens sei. Zaghaft wagte Felix an dieser Stelle die Bitte, für das erhabene Werk wenigstens über seine äußeren Mittel zu verfügen und der Pater meinte lächelnd, daß über diese erst im Werden begriffene Sache wohl noch weiterhin gesprochen werden könne. Da eben ein Hornsignal die eintreffende Post verkündete, lenkte er nach dem Hause zurück.

103 In diesen letzten Minuten floß das Herz des jungen Mannes über. Er faßte nach des Scheidenden Hand und sprach: »Ich hatte gehofft und meine Schwester hatte diese Hoffnung genährt, daß Sie als Freund, als Arzt einer kranken Seele in mein Haus einkehren würden. Werden Sie, bei Ihrer Rückkunft mich wieder von sich weisen, hochwürdiger Herr? Werden Sie die Frau nicht wenigstens kennen lernen wollen, die – –«

»Ich kenne sie,« unterbrach ihn der Pater mit seltsam herbem Klang.

»Sie kennen sie?« fragte Felix betroffen und der Andere versetzte ruhig, aber entschieden:

»Ich kannte sie, hätte ich sagen sollen; zwar nur, als sie ein Kind war und aus der Ferne, aber doch so, wie sie von Grund aus war und ist und bleiben wird, welche ärztliche Kunst sich um ihre Seele bemühen möge.«

Damit stieg er in den Wagen. Felix blickte ihm nach, bis er seinen Blicken entschwunden war; dann ging er wie von einem kalten, grauen Nebel umfangen, langsam nach seinem Hause zurück.

Seine Frau kam ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. Halb unbewußt wehrte er sie von sich ab und starrte in ihre Augen wie in ein unlösbares Räthsel. Konnte dieses herrliche Geschöpf, dieses Weib mit der sieghaften Schönheit und der sieghaften Liebeskraft eine Verlorene sein um eines Mangels willen, den sie nicht einmal spürte, um eines Irrthums willen, den sie nicht begriff?

104 »Was ist Dir, Felix?« fragte Susanne betroffen. »Warum blickst Du mich so seltsam an, als wär's zum erstenmal?« Und als er keine Antwort gab, rief sie in jach aufwallender Angst: »Bist Du krank, Felix? oder – Felix, Felix! – was schrieb Dir diese Nonne?«

»Laß mich!« versetzte er, indem er sich zum Gehen wendete, »laß mich, Du verstehst mich nicht!«

Ein convulsivisches Zittern durchzuckte Susannens Glieder. »Du liebst mich nicht, Felix!« schrie sie auf. »Liebst mich nicht mehr, hast mich nie geliebt! Du gehörst einer Anderen!«

»Thörin!« sagte er achselzuckend und ging nach der Thür.

Sie flog ihm nach, umklammerte seine beiden Arme und hielt ihn fest. Ein Strom heißer Leidenschaft drängte sich aus ihrer Brust. »Ja, einer Anderen,« rief sie. »Nicht einem Geschöpf mit Blut und Sinnen, nicht einem, das ein Herz hat, oder je gehabt; denn sie liebte und wurde eine Nonne. Aber ihr giebst Du Deine Seele, nicht mir; bei ihr ist Dir wohl, nicht bei mir. Und mir gehörst Du. Ich bin Dein eigen, bin Dein Weib und ich liebe Dich, wie die Creatur ihren Schöpfer!«

»Frevle nicht, Susanne,« gebot Felix schaudernd, halb vor Entsetzen, halb vor Lust. »Wohl Dir und mir, wenn ich Dich nicht geliebt hätte, wie ich Dich geliebt habe und ewig lieben werde.«

Eine Thränenfluth milderte Susannens überreizte Steigerung; Felix zog sie nieder auf den Sophaplatz, setzte sich neben sie und nahm ihre Hände in die seinen. 105 Nach einer langen Stille begann sie von Neuem mit von Schluchzen unterbrochener Stimme:

»Sage mir, Felix, was ich thun muß, um Dich glücklich zu machen. Soll ich die Zierrath abwerfen, mit welcher Du selbst mich beladen hast? Schätzest Du mich gering, weil mein Fuß weich über Teppiche gleitet? Sprich ein Wort und ich gehe in rauhen Kleidern und auf steinernen Fließen. Ich will meine Natur überwinden, Ekel und Trägheit. Ich will eine von denen zu werden streben, welche unser ewiger Erlöser siebenfältig selig preist. Führe mich zu den Kranken die ich pflegen, führe mich in die Schulen und lege mir auf die Lippen, was ich lehren soll. Wenn ich dann aber am Abend zu Dir heimkehre, müde und matt, dann stoße mich nicht von Dir, sprich nicht: Du verstehst mich nicht; dann nimm mich in Deine Arme, sieh mich an, höre mich an, wie Du Veronika siehst und hörst; sage mir, daß Du mich liebst, mich allein auf Erden liebst, denn ich bin eine Bettlerin und lebe von der Gnade Deiner Liebe.«

Wo wäre der Mann, der solcher Gluth des schönsten Weibes, seines Weibes widerstände? Alle Zweifel schwanden aus Oßlers Gemüth und sein Herz strömte über von beseligender Zärtlichkeit. Ein Schatten wehmüthiger Weiche gab Susannens Worten und Blicken einen neuen lieblichen Reiz. Sie saßen die halbe Nacht Hand in Hand, der Kopf der Frau an des Mannes Brust geschmiegt; er küßte die Thränenspuren aus ihren Augen und streichelte die dichten Locken auf ihrer Stirn.

106 Der andere Tag war ein Festtag. Goldener Sonnenschein lockte durch die Scheiben. Statt in die Kirche zu gehen, sagte Felix: »Wollen wir nicht einen Spaziergang nach dem Königsberg machen, mein lieber Engel?«

Susanne umarmte ihn mit stummem Dank. Sie nahm sich nicht erst die Zeit, ihr Morgenkleid zu wechseln, und knüpfte über den Kopf ein Schleiertuch, das sie, wo irgend möglich, den gewaltigen Stürmerhüten der Zeitmode vorzog. Sie hing sich fest an ihres Mannes Arm, als ob sie ihn halten wollte.

Sie hatten die Stadt nicht zu berühren und gingen eine lange Weile schweigend längs des ruhig gleitenden Flusses. Es war einer jener goldenen Herbsttage, die mit so viel Dankbarkeit genossen werden, weil man fürchtet, es könnten die letzten des Jahres sein. Der weiße Morgenduft über der Aue löste sich in phantastischen Gebilden, die der Sonnenstrahl aufsaugte. Noch war der Wald nicht entlaubt, nur bunt gefärbt; kein Begegner störte sie; in den Kirchspielen läuteten die Glocken.

Auf dem höchsten Gipfel des Königsbergs, unter der Rieseneiche, welche die Sage schon zu Wittekinds Zeiten grünen läßt, hielten sie still und schauten hinunter in das Thal, das früh ihm Heimath gewesen und ihr es durch seine Liebe geworden war. Wie rührte ihn der Kampf von Wonne und Traurigkeit in ihren ausdrucksvollen Zügen! Wie innig schmiegte sie sich an seine Seite! Sie sah seine Augen sich mit Thränen füllen, zog seine Hand an ihre Lippen und sagte auf die Landschaft deutend, die sich zu reiner Mittagsschöne entschleiert 107 hatte: »Im Glauben an diese Offenbarung sind wir eins und sind wir's im Glauben an die in unseren Herzen dann nicht auch? Gott ist die Liebe und die in der Liebe sind, die sind ja in ihm.«

»Wir werden eins werden im Glauben an alle Offenbarungen des ewigen Liebesgeistes, an die unsichtbaren wie an die, welche unsere Sinne erfassen,« rief Felix, indem er sie an sein Herz drückte und der Bund der Versöhnung war geschlossen.

Sie setzten sich auf eine Bank unter dem alten Baume, er hielt ihre Hand in der seinen und sprach ihr, wie er noch nie zu ihr gesprochen hatte, von den unsichtbaren Offenbarungen, die aus dem Mutterleben in das seine übergegangen waren. Zwei gleich starke Flammen, die Begeisterung für den Gegenstand und die Liebe zur Hörerin gaben seinen Worten Gluth und Schwingen. Susanne wendete ihre großen, leuchtenden Augen nicht von seinem Antlitz. »O, Du Geliebteste,« rief er, »wenn mein Herz die Pforte wäre, durch welche die Gnade dieser Offenbarung in das Deine zöge! Sage, Susanne, sage, hast Du mich verstanden?«

»Deine Stimme klingt mir wie Musik,« antwortete sie. »Mich umschmeichelt der süße Laut. Ueber den Sinn Deiner Rede will ich denken, wenn es still um mich geworden ist. Ich möchte ja mein Herzblut vergießen, um ganz mit Dir eins zu werden. Auch weiß ich ja von nichts, das sich zwischen uns stellte, nicht einmal von einem Zweifel. Nur – nur – –«

»Nur?« – drängte Felix gespannt.

108 »Ich kann es nicht nennen,« erwiderte sie »Vielleicht ein Mangel. Ich will's zu ergründen suchen und, wenn ich's vermag, überwinden.«

*

Aehnliche Auftritte wiederholten sich, seitdem ihr Verkehr in diese ernste Bahn geleitet worden war. Rasche, süße Versöhnungen folgten raschen, herben Kämpfen. Unmerklich wurden diese nachhaltiger und schärfer, jene zögernder und weniger beschwichtigend. In Susannen dämmerte die Ahnung, daß das, was zwischen ihnen stand, ein unüberwindliches Naturgesetz sei, scheidend nicht ihn von ihr, aber sie von ihm.

Sie hatte ihre neueren Dichter bei Seite gelegt und sich in die alten versenkt, die Felix liebte, Dante vor allen, wenn auch nur als Dichter, nicht als Politiker und nicht einmal völlig als Religiösen. Sie las auch andere Schriften nach seiner Wahl: Auszüge der Kirchenväter und der Heiligengeschichte. Wo in jenen eine Schönheit sie anstrahlte, da fühlte sie sich entzündet, und Lehren wie Vorgänge, welche diese verkündeten, begriff sie allenfalls, aber sie begriff sie auch nur. Was half es ihr und was half es ihrem Freunde, daß sie die Bekenntnisse des Augustinus, oder die Visionen der göttlichen Komödie poetisch nachempfand, wenn sie die Erfahrungen des Heiligen mit dem flammenden Herzen nicht machte und nicht im Seelengrunde des Dichters Weg zum Paradiese ging?

109 So war denn aus dem Liebenden ein Lehrender geworden, und wenn wohl schon manchesmal aus einem Lehrenden ein Liebender geworden ist, so wird die entgegengesetzte Ordnung wohl selten dem Einklang förderlich sein, zumal in der Ehe, die mit anderen Potenzen erzieht, als die in Lehrsätzen ausgesprochen werden. Wie oft im Laufe dieses Winters sehnte die Schülerin sich in die früheren Zeiten zurück, wo der Lehrherr nicht mehr sein wollte, als der Herr ihres Herzens.

In dem Thomas von Kempis, welchen Felix als Erbauungsbuch ihr geliehen und zu besonderer Schonung empfohlen hatte, weil das zerlesene Bändchen eine theuere Erinnerungsgabe sei, fand Susanne auf dem Deckblatt die Worte: »Gustav Viola seinem Freund« mit auffällig klarer, kühner Handschrift eingezeichnet. Susanne erinnerte sich unwillkürlich der bewegenden Erwähnung im Kloster und zweifelte nicht, daß sie den Namen des Mannes entdeckt habe, auf dessen Zustimmung die Geschwister so hohen Werth legten. Felix hatte ihr niemals von dem Führer seiner Jugend gesprochen, um sie nicht ahnen zu lassen, daß er seine Freundschaft um ihrer Liebe willen verwirkt habe; auch seine neuerliche Begegnung hatte er halb aus Pein, halb aus Zartgefühl nicht berührt. Nun stellte Susanne eines Tages, auf jene Widmung deutend, plötzlich die Frage: »Wer ist Viola?«

»Er war mein Lehrer, mein Führer, mein Freund,« antwortete Felix und setzte mit schmerzlicher Bewegung hinzu: »Er war es!«

110 »Ist er todt?« fragte Susanne.

»Nein, Gott sei gepriesen, er lebt,« versetzte Felix. »Aber da fällt mir ein, solltest Du, als Dein Vater in T. lebte, ihn nicht gekannt haben? Er ist eine Persönlichkeit, die selbst von einem Kinde und nach der flüchtigsten Begegnung nicht leicht vergessen werden wird.«

Susanne verneinte die Frage entschieden und da sie die Wolke auf ihres Mannes Stirn zu zerstreuen hoffte, verbreitete sie sich plaudernd über die von ihm angeregte Zeit, während sie sonst bei Kindheitseindrücken nicht gern verweilte

»Unser Aufenthalt in T.« sagte sie, »währte ja nur ein Jahr und ich zählte kaum zwölf. An Begegnungen mit Welt- und Ordensgeistlichen hat es da freilich nicht gefehlt und über diesen und jenen habe ich in unserem Hause auch wohl sprechen hören; selten mit Zustimmung, wie Du denken magst, Lieber. Ich war aber niemals neugierig und hatte wenig Acht auf das, was um mich her geredet wurde; von allen geistlichen Begegnern hat sich indessen nur ein einziger mir eingeprägt, zu unauslöschlichem Hasse eingeprägt, wie ich dazumal meinte. Welche böse Erfahrung wird denn aber nicht, Gottlob! durch Zeit und Glück verdrängt. Ich fühle die Schamröthe nicht mehr, die auf meiner Kinderwange brannte und es ist heute das erstemal, daß ich seit Jahren des Beleidigers und meines kindischen Rachedurstes gedenke.«

»Und wer war dieser gehaßte Beleidiger?« fragte Felix gespannt.

111 »Keinesfalls der Mann, dem Du und Veronika in so tiefer Verehrung anhangen und der ja auch, wie ich mich aus Euerem Gespräche erinnere und wie sein Name es andeutet, ein Römer und nicht ein Deutscher ist,« entgegnete Susanne lächelnd. »Der, den ich meine, hieß unter uns Kindern nicht anders, als der hochwürdige Herr. Er war ein Deutscher und der Kaplan, der in dem Pensionat der Ursulinerinnen den Religionsunterricht gab.«

»Und dieses Pensionat hast Du, Du Susanne, besucht und es niemals gegen mich erwähnt?« rief Felix auf's Aeußerste überrascht.

»Der Besuch währte nur ein paar Monate, die unangenehmsten meiner an angenehmen Erinnerungen nicht reichen Kinderzeit,« versetzte die junge Frau. »Ob der vielgepriesene Paradieseszustand der Kindheit überhaupt nicht eine Mythe ist, Freund? Ich mindestens empfinde, je weiter ich zurückdenke, um so lebhafter ein ungestilltes Verlangen, wie das des Hungers oder Durstes, ein Verlangen, das erst durch Deine Liebe, Felix – –«

»Du wolltest mir von den Ursulinerinnen erzählen, Kind,« unterbrach er sie mit lächelnder Ungeduld.

Susanne schalt ihn einen ungalanten Nonnenfreund und fuhr dann fort: »Ich brauche Dir nicht zu versichern, Lieber, daß mein Vater zu den Erdenherren gehört, welche die Frauen unter einer Glocke erzogen sehen wollen – –«

»Und als diese Glocke das Kloster erkannte, das wir vor Euch voraus haben,« fiel Felix mit lebhafter Zustimmung ein.

112 »Nichts weniger als das,« versetzte Susanne lachend. »Seine Glocke heißt das Haus. Meine Schwester war nur von Privatlehrern unterrichtet worden; ebenso ich selbst vor wie nach jenen bösen Kloster-Monaten; spärlich genug unterrichtet, wie Du oftmals an Deiner Frau beklagt haben wirst. Indessen Papa's hoher Staatsraison haben sich ja allezeit seine persönlichen Neigungen und Ueberzeugungen unterordnen müssen. Wer weiß, ob er mich so leicht Dir überlassen hätte, wenn nicht diese patriotische Raison unserer Liebe zu Hülfe gekommen wäre! Einen jungen, fremden Zweig dem alten Baume einzuimpfen, – welchen wichtigeren Dienst hätte ein Mädchen dem Vaterlande erweisen können?

Aus Staatsraison wurde ich denn auch als Tagesschülerin zu den lehrenden Schwestern geschickt. Du weißt aus Erfahrung, Felix, in welchem Maße die straffe Ordnung der alten Provinzen der Bevölkerung der neugewonnenen, hoch wie gering, antipathisch war; an keinem Orte jedoch sollen die Vertreter jener Ordnung mit scheeleren Blicken angesehen worden sein, als in dem schönen Bischofswinkel von T. Es gehörte viel Kunst und Geduld dazu, um über das befehlshaberische Soll und Muß hinaus ein schwaches Verkehrsfädchen anzuspinnen und wirst Du über die Naivetät unseres alten Herrn lächeln, Lieber, wenn er die kleine Altpreußin, auf einer Schulbank mit den Neupreußinnen, befähigt hielt, ein solches Kunststück auszuführen. Als ob Mädchen überhaupt sich in der Schule befreundeten, wie etwa Knaben in den späteren Lehrjahren des Gymnasiums 113 oder der Universität! Die Tanzstunde, mit dem Abschluß des ersten Balls, ei freilich, die wirkt so eine Art von heiterem Band. Die holde Lucie, denn hold ist sie doch, so abhold Du ihr sein magst, Rigorist, und so wenig ich ihr gegenwärtiges Betragen in Schutz nehmen will, auch Lucie, mein einziges Mitopferlamm der pädagogischen Staatsraison ist mir dazumal nicht näher getreten. Erst als wir in dieser Stadt wieder zusammengetroffen waren und bei unserer gemeinsamen ersten Communion – –«

»Hat Dir,« unterbrach Felix die Erzählerin, »hat Dir dieses Sakrament, das, wie ich aus leidiger Erfahrung weiß, in Eurer Kirche auf so nüchterne Weise vollzogen wird, wirklich einen Eindruck gemacht, selbst wenn Du es nur als Weiheakt für das erwachsene Leben betrachtet hättest?«

»Einen tiefen Eindruck, ja, Felix,« erklärte Susanne, »den einzigen kirchlichen, dessen ich mir bewußt geworden bin; denn während unserer Trauung spürte ich nur den Rausch der Erfüllung; dort feierte ich ein Weh. Meine Schwester war in diesem Jahre gestorben; ich hatte sie mehr geliebt, als irgend einen Menschen vor Dir, Felix, hatte lange Zeit krank gelegen und wäre ihr gern nachgefolgt hinauf in den Himmel, oder auch – hinunter in's Grab. Nun wurde mir das erste Abendmahl und in schwächerem Sinne auch jedes spätere, zu einer Gedächtnißfeier, ja zu einer Art von Todtenopfer für die Geschiedene. Ihre rührende Gestalt verschmolz fast in eine mit der des Erlösers, dem sie im Leben und Dulden so liebreich nachgestrebt hatte. Nie sah ich sie 114 deutlicher und nie so verklärt als bei den Worten: Das ist mein Blut. – Meine gute, sanfte Sophie, wenn es Dir gegönnt ist, niederbzublicken in das Herz der Schwester, die Dein Kind geworden war, so wirst Du ihr nicht zürnen, aber Deinem Gott dafür danken, daß sie in eines Anderen Liebe Deine Liebe entbehren lernte.«

Susanne schwieg bewegt; Felix unterdrückte ein Seufzen. Das Mysterium des Opfertodes verwandelt in ein profanes Todtenopfer! Tiefer also drang selbst in der wehevollsten Erschütterung Susannens religiöses Bedürfniß nicht! Kein Ahnen, kein Sehnen nach dem alleinig Wahren, aus dessen Wurzel, wie sein großer Dichter schilderte, nach Schößlings Art wohl auch der Zweifel keimt, doch nur, um über ihn hinaus von Höh' zu Höh' zum Gipfel uns empor zu treiben.

Susanne spürte annähernd, wie peinvoll sie den Geliebten berührt habe, durch diesen neuen Beleg, daß sie für überirdische Befriedigungen einer Anknüpfung an das Irdische bedürfe. Als er sie nach einer langen Stille bat, in ihrer Mittheilung fortzufahren, gelang es ihr nicht, des anfänglichen, heiteren Tones wieder Herr zu werden und bemühte sie sich daher um so mehr, Alles, was in ihrer Auffassung des theueren Mannes Empfindlichkeit reizen konnte, möglichst abzustumpfen.

»Es sollen vor mir,« so hob sie an, »schon mehrmals protestantische Töchter im Ursulinerinnenkloster erzogen worden sein, sogar als Kostgängerinnen, und allezeit wohl aufgenommen und behütet. Die aber waren provinziale Heimathskinder, während Lucie und ich, als 115 die ersten Fremden, wie Eindringlinge und Störenfriede betrachtet wurden. Nicht von der révérende mère und den gleichmäßig freundlichen Schwestern, von denen es leicht gewesen sein würde, Lehre anzunehmen, auch wenn der Lehrstoff schwerer zu bewältigen gewesen wäre, als er war. Nur der aus den Familien eingeführte Widerwille der Schülerinnen machte mir das Verhältniß so unleidlich. Lucie, mit ihrer biegsamen Art, wurde viel freundlicher angesehen als ich; sie neigte und beugte sich unbefangen vor den fremden Heiligthümern, wo ich steif und stumm verharrte, wie ein Stock. Auch daß ihr Vater nur Subalternbeamter war, mag ihr zu Gute gekommen sein, während das unumwundene Gebahren meines Vaters in seiner höheren Stellung der Tochter angerechnet ward. Man wich mir aus, man zog Gesichter, wenn ich mich näherte, es circulirten Spottverschen auf den lutherschen Dickkopf, und selber die Gassenbuben höhnten: ›Die stolze Prüß, oder die geckische Prüß!‹ Die Tochter wurde genannt und der Vater vielleicht gemeint.«

»Und für diesen kindischen Unfug hast Du den Herrn Kaplan verantwortlich gemacht?« schaltete Felix unwillig ein.

»Möglich immerhin, daß ich unbewußt es gethan habe, da sein Einfluß auf die Zöglinge mir ein unbegrenzter schien. Für wahrscheinlicher aber halte ich, daß mein Widerwille gegen den Mann vom ersten Begegnen ab ein durchaus unmotivirter gewesen sei. Bin ich doch heute noch nicht in Roderichs vielgepriesenes 116 Stadium der Vernunft getreten, in welchem jach anziehende oder abstoßende Triebe sich gesetzmäßig regeln sollen und der einzige Impuls, auf welchen ich mich vor dem Tribunal der Weisheit berufen dürfte, ist der, welcher mich Dir, Geliebter, auf den ersten Blick zu eigen gab.

Der Kaplan hatte mir nie ein Leids gethan; ich erinnere mich keines Tadels aus seinem Munde. Während der Religionsstunde, die er hielt, zog ich mich nicht, wie Lucie, still in eine Fensternische des Schulsaals zurück, sondern ging hinunter in den Klostergarten und kehrte erst wieder, wenn der weltliche Unterricht begann. So oft der Kaplan mir nun im Vorsaal begegnete, redete er, und ich glaube, er blickte mich auch freundlich an; ich aber plusterte die Federn auf wie ein junger Spatz, wenn er das Miauen der Hauskatze hört und ihren Blick auf sein Nest gerichtet sieht. Und doch hatte des Mannes Stimme einen sonoren, einschmeichelnden Klang und seine geistvollen, dunkeln Augen blickten nichts weniger als furchterregend. Ich riß mich los von der Hand, die ich die Anderen so inbrünstig hatte küssen sehen und stürzte aus der Thür, als ob ein Feind mich jage. War ich dahingegen nicht unter vier Augen mit ihm, dann bot ich ihm Trotz. Wenn er gelegentlich unserem geschichtlichen Unterricht und regelmäßig den Prüfungen beiwohnte, auch wohl öfters als an Andere an mich eine Frage stellte, dann fand ich, ohne zu suchen eine Antwort, die mir allerdings Wahrheit schien, von der ich zunächst aber doch annahm, daß sie den Examinator ärgern werde. Ich nannte als den größten Helden 117 des dreißigjährigen Krieges Gustav Adolph, und Friedrich von Preußen den größten Herrscher der neuen Geschichte, versicherte auch mit dem Selbstbewußtsein eines Kopernikus, daß, wenn die Gebetglocke läute, die Sonne nicht auf- und nicht untergehe, sondern daß die Erde als ein ganz unbedeutender Trabant sich um sie bewege. Der Herr Kaplan schalt dann niemals und fand sogar eine ausgleichende Wendung, die mich vor dem Unwillen meiner Kameradinnen rettete. Sie beneideten mich um seine Gunst und Lucie goß Oel in meine Flamme, indem sie mir eines Tages zuflüsterte: ›Die Leute sagen, er wolle Dich bekehren, Du seiest die Schönste und Klügste unter uns, die Reichste und Vornehmste. Das wäre ein Fang, wie ihm noch keiner geglückt ist. Mit unser Einer lohnt sich's ihm gar nicht der Mühe.‹ Kinderthorheit und Kinderbosheit, Felix. Leider hatte ich ein Ohr dafür; ich wußte jetzt den Grund meiner natürlichen Antipathie. Der Mann wollte mich zur Nonne machen und alle meine Träume drehten sich schon damals um einen Bräutigam, der schöner war, als der schönste Märchenprinz.

Zum Glück währte nach dieser Entdeckung das häßliche Verhältniß nur noch wenige Wochen. Mein Vater wurde einer Stellung enthoben, für welche vielleicht keine ungeeignetere Persönlichkeit hätte gewählt werden können. Er war nach seinem neuen Bestimmungsorte uns bereits vorausgereist, morgen sollte der Hausstand ihm folgen. Ich ging am Nachmittag, um Abschied zu nehmen, zum letzten Male in's Kloster. Meine 118 Schwester hatte ein Bildchen von mir aufgenommen, ähnlich dem, das sie späterhin Roderich schenkte. Die Gute meinte, daß es einer oder der anderen meiner Lehrerinnen oder Mitschülerinnen ein liebes Andenken sein könne. Ich hatte es, um es zu verschenken, mit in's Kloster genommen und es ging wie ein niedliches Tändelwerk von Hand zu Hand. So gleichgültig ich mich stellte, es würde mir doch wohl gethan haben, hätte Eine es festgehalten und gesagt: ›Laß es mir, ich will bei seinem Anblick an Dich denken.‹ Aber Klosterschwestern mögen wohl kein weltliches Erinnerungszeichen hegen dürfen und in den Mienen der Schülerinnen las ich nichts als: ›Gut, daß Du gehst, Ketzerin!‹ ›Es ist für Lucien!‹ sagte ich trotzig, und da Lucie an den Masern krank lag, dachte ich darüber nach, wie ich, um nicht gelogen zu haben, es ihr rasch noch bringen könne.

Aergerlich entfernte ich mich, ohne Lebewohl von dem Herrn Kaplan, der während der Scene stumm unter der Thür gelehnt hatte. Unser alter Jochmus, mein täglicher Geleitsmann nach dem Kloster und wieder zurück, war heute mit Packen im Hause beschäftigt, so hatte ich Freiheit, nach Luciens Wohnung abzubiegen, was er, der wohlgeschulte Diener seines Herrn Ansteckungs halber unerbittlich verwehrt haben würde.

Es war im December, und über dem kühlen Händedrücken im Kloster dämmerig geworden; eine leichte Eisdecke glättete den Weg. Ich kaufte in einem Laden ein Paar Orangen, die ich meiner naschhaften Gefährtin mitbringen wollte und bog eben rasch um die Ecke der 119 Apostelkirche, als ich den Kaplan die Portalstufen hinansteigen sah. Ich wollte unbemerkt an ihm vorüberhuschen; aber er hatte mich erkannt, vertrat mir den Weg und faßte nach der Hand, in welcher ich Bild und Früchte umklammert hielt. ›Schenken Sie mir das Bild, mein Kind. Ich will es täglich anblicken und für Sie beten.‹ Ich glaube, daß er das sagte, gewiß weiß ich's nicht, denn ich stand wieder gebannt unter meiner bösen Verzauberung.

Ich machte mich von ihm los; die Orangen rollten zur Erde; das Bild blieb in seiner Hand. Ungestüm suchte ich es ihm zu entreißen. Ich war damals schon fast so groß und stark wie heute. Er glitt bei meinem Angriff auf der schlüpfrigen Schwelle aus und stürzte zu Boden und ich, ich Unhold lachte, ja, ich lachte wie über einen Triumph. Im Nu stand er wieder aufgerichtet; seine linke Hand hielt mich fest und mit der rechten führte er auf meine Backe einen harten Streich.

Es war der erste Schlag, den ich im Leben erhielt; mein zornmüthiger Vater hatte niemals die Hand gegen mich erhoben. Hätte ich einen Dolch zur Hand gehabt, ich würde ihn ohne Besinnen dem Manne in die Brust gestoßen haben. Ringen wenigstens wollte ich mit ihm, ihm den Streich zurückgeben. Im nämlichen Augenblicke aber traten Leute oben aus der Kirchthür. Ich setzte, ohne umzublicken, meinem Hause zu, vor meinen Ohren summte eine sicherlich nur eingebildete Stimme: ›Verlorene Creatur!‹

120 Rachelust und Schmach tobten in meinem Herzen; doch muß die letztere wohl obgesiegt haben, denn ich habe selbst gegen Sophie meiner Brandmarkung, wie ich's nannte, nicht erwähnt und dreist herausgelogen, zum erstenmal im Leben gelogen, daß ich das Bild verloren habe. Heute aber, wo Du, Lieber, die eingeschlummerte Erinnerung wachgerufen hast, gestehe ich Dir gern, daß das unartige Kind eine gerechte Züchtigung erduldet hatte.«

Dem jungen Manne war während der Erzählung dieser Kindergeschichte nicht wohl zu Muthe gewesen, er erkannte in dem namenlosen Kaplan Zug für Zug den Freund, welcher jedem Heilsverfahren auf solche Natur die Wirksamkeit abgesprochen hatte. Wie viel geduldige Schonung hatte er ihr gegenüber walten lassen; welch ein Zeichen hoher Güte war es, daß er durch Aneignung des Bildes dem fremden Kinde eine kränkende Erfahrung tilgen wolltet Vor Felix' Ohren widerhallte es: »Verlorene Creatur!«

Es war in der österlichen Zeit, daß dieses Gespräch stattgefunden hatte; vielleicht um seinen unliebsamen Eindruck abzustumpfen, vielleicht angeregt durch die Erwähnung ihrer eigenen Einsegnungsfeier, bat Susanne einige Tage später ihren Gatten, ihn in den Dom begleiten zu dürfen, wo das Hochamt durch den zur Firmung anwesenden Bischof mit außergewöhnlichem Apparat celebrirt werden sollte. Felix hatte früherhin über solche von Außen nach Innen wirkende religiöse Reizmittel geringschätzig gedacht und gesprochen; das 121 heutige jedoch ergriff er als verheißungsvolle Vorbereitung. Er wußte, daß er in der nächsten Zeit Pater Viola erwarten durfte, da demselben die Vertretung eines erkrankten Dompriesters übertragen worden war. Die rechte Bahn der Wirkung von Innen nach Außen stand demnach eröffnet.

Beide verließen lebhaft angeregt ihr Haus; er voll Hoffnung, sie voll Freude über seine Dankbarkeit. Ohne ein Wort zu wechseln, mit niedergeschlagenen Augen kehrten sie nach der Feier zurück. Er kannte ihre impulsive Natur zu genau, um nicht zu wissen, daß selber ihre Phantasie kalt geblieben war. Sie aber sagte nichts als mit einer Umarmung: »Würdest Du mich jemals geliebt haben, Felix, wenn ich heucheln könnte, oder nur mir einbilden könnte zu sein, was ich nicht bin?«

*

Etliche Tage waren seit jenem Kirchenbesuch hingegangen, ohne daß Susanne das Bemühen einer Näherung an ihren Gatten geglückt wäre, als eines Morgens eine umfängliche Briefsendung Roderichs anlangte, nach mehreren verloren gegangenen die erste, welche die Freunde glücklich erreichte. An Susannens Vater adressirt, war sie durch Vermittlung der englischen Gesandtschaft diesem zugekommen und von ihm an seine Tochter gerichtet worden.

Erwartungsvoll gespannt, trat sie hastigen Schrittes, den noch uneröffneten Brief hoch emporhaltend, mit einem Freudenruf in ihres Gatten Zimmer, blieb aber auf seiner Schwelle wie eingewurzelt stehen, als sie an 122 Felix' Seite den Mann gewahrte, dessen unbehagliche Erinnerung sie jüngst in sich wachgerufen hatte; ihr war, als hätte sie einen Dämon heraufbeschworen. Sein Haar war ergraut, zwölf Jahre leidenschaftlicher Anstrengung hatten seine Stirn durchfurcht. Aber sie sah ihn sich gegenüber wie in dem bösen Augenblick des Scheidens, ihre Hand zuckte nach der gezüchtigten, hocherröthenden Wange und während Felix ihr den theuersten Freundesnamen nannte, rief in ihr eine Stimme: »Da steht ein Feind!«

Auch über des Paters Züge zuckte ein Wechsel; aber nicht wie bei ihr, von Freude zu Pein, sondern weit eher von Verdruß zu Entzücken. Er erkannte in dem schönen Weibe das natürlich entwickelte Kind und ein Unbefangener hätte in dem Blick, der den Freund an seiner Seite streifte, die Frage lesen können: »Wie fandest Du, Blinder, solch einen Schatz?« Im nächsten Momente jedoch ging er der jungen Frau mit heiterer Würde entgegen, indem er sie bat, des Lehrers ungestümen Eifer dem väterlichen Freunde ihres Gatten nicht nachzutragen.

Susanne zürnte sich selbst, daß es ihr schwer ward, ihre Hand in die dargebotene zu legen und daß sie auf das gute Wort nicht eine solche Entgegnung über die Lippen brachte, wie die Blicke ihres Mannes sie so dringlich forderte. Indessen brachte des Paters gewandte Weise sie doch allmälig über den ersten peinlichen Eindruck hinweg und Roderichs Brief lenkte die Unterhaltung bald in die schickliche Bahn.

123 Der Brief war aus Calcutta datirt, nahm Bezug auf frühere, verloren gegangene Mittheilungen, vor nie nach einer durch die öffentlichen Blätter bekannt gewordenen englischen Euphratexpedition, der er sich angeschlossen hatte, und enthielt an Erfahrungen und Anschauungen einen so reichhaltigen Stoff, daß wohl Tage vergehen mußten, ehe er von den Lesern bewältigt wurde. Für heute begnügte man sich mit dem letzten Abschnitt, der darüber Auskunft gab, in welcher Richtung der Reisende während der nächsten Zeit zu suchen sein werde. Noch sollten etliche Monate den Streifereien längs der vorderindischen Küste gewidmet werden; zum Spätsommer jedoch, so schrieb Roderich, werde er ja mit sich einig darüber geworden sein, ob die alte, rothe Erde stärker locke als zuvor noch ein neugieriger Blick auf das ostafrikanische Inselparadies. Zum Schluß bat er mit alter Freundeswärme um ein recht ausführliches Bild ihres ihm noch völlig fremden Miteinanderlebens, um Kunde von seinem Haus und den heimischen Verhältnissen in Nähe und Ferne. Er schlug vor, die Briefe durch Vermittlung der englischen Gesandtschaft an das Consulat in Aden zu richten, wo er voraussichtlich im August zu einer abschließenden Entscheidung Halt machen werde.

Felix und Susanne erklärten, daß sie noch heute schreiben würden; auch der Pater bat, einen Brief beilegen zu dürfen. Er hatte Roderich einstmals in Oßlers Elternhause kennen lernen, nun pries er die günstige Fügung, die ihn unerwartet wieder auf die Spur des 124 bedeutenden Mannes führe und zwar zu einer Zeit, wo dessen Erfahrungen vom außerordentlichsten Werthe für ihn sein müßten.

Auf die einfachste Weise lenkte somit das Gespräch sich dem missionarischen Unternehmen zu, das den Pater zunächst in diese Gegend geführt hatte. Er kam direkt aus der französischen Hafenstadt, in welcher unter seiner Leitung sich eine geistliche Gesellschaft von Franzosen und Belgiern zur Gründung einer Station im westlichen Afrika eingeschifft hatte, während ein zweiter Verein, zumeist deutsche Elemente umfassend, vorbereitet ward, um binnen Jahresfrist von der Ostküste aus Licht über den geheimnißvollen Continent wieder herauszutragen. Mit Wärme und Klarheit sprach der Pater von der Jahrhunderte alten, weitverbreiteten Wirksamkeit der propagandistischen Congregation und nannte das gegenwärtige Unternehmen in mehr als einer Beziehung sein eigenstes, inneres Anliegen.

»Jeder lebhafte Mensch,« so sagte er, »ist von Natur ein Robinson, dem die Neugier nach unbekannten Zonen und Zuständen im Blute prickelt. Gesellt sich nun, wie bei dem trefflichen Roderich, ein gründlicher Forschersinn dazu, so sind gegen dessen Befriedigung Entbehrungen und Gefahren der Culturträger kaum in Anschlag zu bringen. Als eine Angelegenheit höchsten Werthes, wie ich sie keiner anderen zu vergleichen wüßte, erscheint es mir jedoch, wenn, über diesen weltlichen Eifer hinaus, eine heiligende Menschen- und Gottesliebe unsere Sendboten mit mütterlichem Auftrage unter 125 Kindervölker führt, oder unter Greisenvölker, die wieder zu Kindern geworden sind.«

Susanne hatte diesen Vortrag mit heimlichem Unmuth zugehört. Sie gönnte dem Redner ihres Mannes andächtige Aufmerksamkeit nicht, das still zustimmende Neigen des Hauptes nicht, das den wärmsten ihrer eigenen Herzensergüsse niemals begleitet hatte. Sie hätte den frommen Vater auf die erste beste der so anziehend geschilderten Stationen verzaubern mögen, nur so bald als möglich fort aus dem Hause und der Nähe des Mannes, der ihr gehörte, ihr allein. Und so sagte sie beim Schluß mit der ihr eigenen Rücksichtslosigkeit, welche nur im Verkehr mit Felix die liebende Schonung allezeit überwand:

»Ich bin nicht neugierig, klug, oder fromm genug, um den Anreiz zu solch einer beseligenden Aufgabe nachzuempfinden. Wundern aber muß ich mich, hochwürdiger Herr, warum Sie selbst die Befriedigung desselben sich nicht gegönnt haben?«

»Weil ich zu denen gehöre, die nicht zu wählen, sondern zu gehorchen berufen sind,« versetzte der Pater mit Würde, indem er sich erhob und empfahl.

Felix folgte ihm mit gefurchter Stirn und Susanne fühlte wieder die Gluth der Scham auf der gezüchtigten Wange.

In den nächsten Tagen suchte sie sich von dem innerlichen Verdrusse zu befreien, indem sie dem fernen Freunde ihr neues Leben auf das Eingänglichste schilderte. Sie hatte sich niedergesetzt im guten Glauben, ein 126 strahlendes Lichtbild zu entwerfen, das sie dem Blicke ihres Mannes offen unterbreiten dürfe. Als sie die Blätter jedoch überlas, fand sie hier und dort einen Schatten, der unbeabsichtigt sich eingedrängt hatte; da sie aber nicht einsah, was sie eigentlich hätte ändern, oder vertuschen sollen, auch zu beiden nicht mehr Stimmung und Muße fand, so übergab sie den Brief versiegelt an Felix und dieser wunderte sich nicht über diesen Verschluß, denn während der nämlichen Schilderung hatte auch er die Erfahrung gemacht, daß einem so unbestechlichen Wahrheitsfreunde wie Roderich gegenüber Menschen und Zustände gleichsam von selbst jeder Blendung entrückt und in das natürliche Licht gestellt werden.

Pater Viola brachte seine Einlage unverhüllt. Er hatte nichts Selbsterlebtes mitzutheilen und was ihm zu berichten blieb, würde nur aus weiter Ferne auf Anderer persönliche Bezüge zurückzuführen gewesen sein. Er wünschte dem nie vergessenen, einstigen Bekannten Glück, sich dem kleinlich hadervollen Mühen und Treiben im Vaterlande entrückt zu haben und unter großen Natureindrücken Freiheit und Wahrheit geborgen zu sehen; bat um Auskunft über mancherlei spezielle Reiseerfahrungen und rechnete zuversichtlich darauf, daß er seine Forschungen über Gebiete ausdehnen werde, auf denen ihm eines Tages noch zu begegnen, er, Viola, die Hoffnung nicht aufgegeben habe.

Die Briefe wurden an Präsident Merwaldt zur Beförderung in der angedeuteten Weise übersandt; daß dieser ihnen etliche Randbemerkungen beigefügt hat, welche aus dem öffentlichen Leben kaum mißzuverstehende 127 Streiflichter auf das private fallen ließen, ist in späterer Zeit bekannt geworden.

Susanne sah ihren Mann von jetzt ab in noch kürzeren Tagesstunden als früher und selten mehr allein. Aber je weniger sie ihn sah, um so schärfer sprang seine gesteigerte Stimmung ihr in die Augen. Er schien ihr wie über Nacht in sein eigenstes Element versetzt, aus seinen Blicken und Worten, aus all seinem Thun leuchtete eine Erfüllung, an welcher sie, sein Weib, keinen Theil hatte; ein bitterer Neid ergriff sie, eine Eifersucht auf den Mann, vor dessen Einfluß ihre Liebe gleich einem Schemen verschwand.

Das kirchliche Leben der katholischen Gemeinde unserer Stadt erfuhr seit Pater Viola's Anwesenheit einen Aufschwung, welcher dem Character der Bevölkerung wenig angemessen schien, oder mindestens Jahrhunderte lang in ihm geschlummert hatte. Nicht häufig wird aber auch selber in seiner, auf eifrige Wirkungen disciplinirten Sphäre Einer gefunden, der wie dieser Mann es verstanden hätte, die Lauen zu erwärmen und die Zerstreuten zu sammeln. Die argvernachlässigten Hülfs- und Wohlthätigkeitsanstalten wurden nach dem Bekenntniß gesondert; die der Mutterkirche mit Mitteln ausgestattet, für welche des reichen Oßler Hand allezeit geöffnet war. Der bisher als untergeordnet betrachtete Theil des Gottesdienstes, die Predigt, erhielt die gebührende Stellung. Es wurden Vorträge eingeführt für verschiedene wöchentliche Tages- und Abendstunden, für die getrennte Geschlechter, Berufs- und Altersklassen 128 und so oft der Pater die Kanzel betrat, war das Gotteshaus auch von Andersgläubigen überfüllt.

Die Seelsorger der weit überwiegenden protestantischen Gemeinde sahen sich durch diesen Zudrang veranlaßt, die Saiten gleichfalls klangvoller anzuspannen, Missions- und Bibelstunden anzuordnen, Vereine in's Leben zu rufen, denen allerdings die Hülfsquellen weniger reichlich als den Gegnern zuströmten. Hatten diese unter Viola's Auspicien ein neues Wochenblatt gegründet, so verfehlten jene nicht, das bisher bestehende für ihre Interessen in Anspruch zu nehmen. Es bildeten sich Parteien am häuslichen Heerd, wie in den Bierstuben und im Salon; der allmälig in die Oeffentlichkeit dringende Zwiespalt der herrschenden Gewalten schürte das Feuer, um so mehr, als die beiden Vertreter dieser Gewalten ein lokales Interesse in Anspruch nahmen. Der neuerlich bestätigte, starkmüthige Oberhirt des Sprengels war ein provinzialer Eingeborener; Präsident Merwaldt, der als einer der eifrigsten Förderer des staatlichen Widerstandes genannt ward, hatte eine Reihe von Jahren an der Spitze unseres Bezirks gewirkt und war, wenn auch nicht beliebt, so doch allseitig geehrt und nach seinem Scheiden vielseitig vermißt worden. Hie Wels, hie Waiblingen erschallte es intra muros der kleinen Stadt; in allen bisher einträchtig waltenden Verhältnissen, bis auf die letzten Erdenstätten hinaus, trat eine Scheidung ein und die Weiterblickenden glaubten sich zu der Annahme berechtigt, daß die Parole ausgegeben sei, um für eine kritische Probe die Ordnung sicher zu stellen, so wie ein 129 kriegerisches Regiment vor einem beabsichtigten Feldzug in erster Reihe sich bemühen wird, die in Friedenszeiten erschlaffte Disciplin des Heeres straff wieder anzuziehen.

Da das Haus seines ehemaligen Zöglings das einzige war, in welchem Pater Viola umgänglich, ja als Freund verkehrte, fehlte es nicht an Muthmaßungen, welche dem vielbeschäftigten Manne darin eine besonders wichtige Aufgabe zuschrieben. Wer konnte denn auch wissen, daß dieses ungesellige Haus vielleicht das einzige der Stadt sei, in welchem der kirchlichen Bestrebungen auf nächstem, wie weiterem Gebiet kaum jemals Erwähnung geschah und daß die Frau, die man für eine zu Bekehrende oder wohl gar schon Bekehrte hielt, nur aus den öffentlichen Blättern und der Stimmung ihres Mannes die gesteigerte Strömung inne ward?

Allerdings auch an diesen und jenen häuslichen Einrichtungen, welche der Welt stark in die Augen sprangen. Die protestantischen Dienstboten wurden ersetzt durch katholische, denen mit Hintansetzung der Bequemlichkeit ihrer Herrschaft ein pünktlicher Kirchendienst als oberstes Gesetz gestellt wurde; häusliche Andachten wurden eingeführt, die Festtage mußten auf's Strengste inne gehalten werden. Susanne würde in früherer Zeit sich diesen dem Hausherrn geziemenden Einrichtungen unbedenklich gefügt haben; sie ließ sich dieselben auch jetzt, wo sie die fremde, leitende Hand erkannte, ohne Widerspruch gefallen; unwillkürlich jedoch verkleinerte sich unter dem wachsenden Eifer des Ge 130liebten Bild und ihres Vaters Warnungen fanden mehr, als es sonst der Fall gewesen sein würde, Raum in ihr.

Der alte Herr, der von den Vorgängen in Stadt und Haus auf vielleicht übertriebene Weise unterrichtet sein mochte, schrieb Brief über Brief, in welchen er seine Tochter zum Festhalten an ihrer gereinigten Kirche mahnte, dieser Kirche, dem ihr Vaterland seine Größe danke und mit welcher diese Größe steigen und fallen müsse. Nicht einen Finger breit dürfe Eine nachgeben, die Merwaldtschem Blute entsprungen sei und wenn sie sich irgend schwankend fühle, solle sie sich durch zeitweise Einkehr in das väterliche Haus proselytischen Versuchen entziehen, bis der Kampf über kurz oder lang zum Siege der berechtigten Staatsgewalt geführt haben werde.

Susanne lächelte über diese Erlasse des zugleich väterlichen und amtlichen Eifers; ja sie lächelte mit Schmerz. »Wer denkt denn daran, an mir ein Proselytin zu machen?« sagte sie. »Hat Felix in seinen weiten Bestrebungen auch nur noch eine Stunde Zeit für das, was er einst das Seelenheil seiner Gattin nannte?« – Mehr aus Trotz, als aus Ueberzeugung fühlte sie sich daher gereizt, sich für ihre Person den aufgedrungenen häuslichen Anordnungen zu entziehen; und da konnte es denn wohl geschehen, daß sie sich mit fremder Hülfe frisiren ließ, weil ihre Jungfer in die Messe ging, und sie selbst nicht Lust hatte, um sich von ihr bedienen zu lassen, eine Stunde früher aufzustehen; daß sie ruhig in ihrer Gartenlaube sitzen blieb, während die Dienerschaft 131 um ihren Gatten versammelt, fromme Lieder sang und daß sie mit scheinbarem Appetit ein Hühnchen verspeiste, während die Hausgenossen sich mit Fastengerichten begnügte.

Den Pater sah sie fast täglich, häufig auch allein, da Felix die Aufgabe, an welcher er selbst gescheitert war, mit vollem Vertrauen und letzter Hoffnung in des bewährten Freundes Hand gelegt hatte. Just während dieses Alleinseins jedoch zeigte Viola sich niemals anders als ein vielumfassender Weltmann gegenüber einer geehrten hochgebildeten Frau. Er führte das Gespräch, selbst wo es kirchliche Gebiete streifte, mit einer vornehmen Billigkeit, in Roderichs freiem Sinn; ja, es hätte scheinen können, als ob er der jungen Frau diesen bedeutenden Freund zu ersetzen strebe. Einmal ging er so weit zu sagen, daß hätte er als ihr Vater, der er den Jahren nach ja sein könne, für sie einen Gatten zu wählen gehabt, er keinen wie Roderich gefunden haben würde, mit dem – was doch das Grundwesen der Ehe sei, – ihre geistige Natur sich so unbedingt hätte verschmelzen können.

Susanne nahm diese Erklärung auf wie einen Zweifel an der natürlichen Berechtigung ihrer Ehe und fühlte sich beim Preise Roderichs in des geliebten Felix Seele verletzt. Würde aber der Argwohn, daß es auf ihre Bekehrung abgesehen sei, schlagender zu widerlegen gewesen sein, hätte Susanne diesen Argwohn irgend gehegt, oder wäre seine Begründung ihr als schweres Aergerniß vorgekommen? Selber eine nicht gewöhn 132liche Frau wie Susanne läßt sich einen leitenden Einfluß, und wäre es der unberechtigtste, gefallen, wenn sie sich ihm zu unterwerfen auch nicht gesonnen ist; aber auch eine viel gewöhnlichere Frau als Susanne erträgt es nicht ohne innerliche Einbuße, den geliebten Mann und, wäre es dem berechtigtsten Einflusse, blindlings unterwürfig zu sehen.

Ein spöttisches Lächeln umspielte des Paters Lippen, wenn er gelegentlich nicht umhin konnte, das plumpe oder spitzfindige Parteigezänk des Tages zu berühren. Er pries die junge Frau darum, daß sie diesem Treiben in keuscher Zurückhaltung, als ein noli me tangere gegenüber stehe und bestärkte sie darin, ihrer Natur getreu zu bleiben, während ihre Freunde leider einen unvermeidlichen Proceß durchzustreiten verpflichtet seien.

»Jede Religion,« so sagte er einmal, »gleicht einem Strom, an dessen Quellen die Völker in ihrem Jugendalter sich einschiffen. Jemehr sie zur Mannheit sich entwickeln, um so weiter treiben sie dem Meere zu. Wir nennen unsere Kirche eine Mutter, und mit Recht; sie war die Ernährerin und Erzieherin der heutigen Cultur und hat von Zeit zu Zeit ein Zeugniß abzulegen, wie weit ihre bildende Kraft und ihr führendes Geschick noch reichen. Ihre Glaubensgenossen, meine Freundin, haben weit über die Mitte des Stromes hinaus ein Delta geschaffen, indem sie sich auf das Lehramt der Völker beschränkten. Aber auch sie werden über kurz oder lang in öffentlicher Prüfung zu beweisen haben, wie weit sie 133 ihre Schüler auf der Bahn zum reinen Menschenthume geführt.«

Ein andermal äußerte er: »Jeder sich fühlende Mann hat das Streben, auf seine Zeitgenossen zu wirken. Als ich jung war, that ich es mit Leidenschaft in einer Richtung, in welcher die große Mehrzahl meines Volkes mich und einige Mitstrebende gleichgültig scheitern ließ. Dann, mit Besonnenheit in einer scheinbar entgegengesetzten Bahn, die noch immer ein großes Gefolge hat und auf unberechenbare Geschlechter hinaus haben wird. Die Masse des Volkes wird niemals reif und darf daher niemals selbstständig werden. Das Problem der modernen Culturentwicklung ist aber, daß die Menge in der ihr adäquatesten Weise gelenkt werde, während gleichzeitig der Einzelne so viel Spielraum gewinnt, als er zur freiesten Entfaltung seiner Kräfte bedarf.«

Nach jedem solchen Sichgehenlassen der Gedanken athmete Viola immer wie erlöst von einem Zwange in wollüstigem Behagen auf, schien dann aber plötzlich vor sich selbst zu erschrecken und lenkte geschickt in ein der Hörerin angemesseneres Gebiet, sei es der Kunst und Poesie, sei es der jung aufstrebenden Naturwissenschaft, eines wie das andere als Kenner und Meister des Vortrags beherrschend. Hatte er sich dann entfernt und überdachte Susanne das gepflogene Gespräch, so fühlte sie ihren Gesichtskreis allemal merklich erweitert; ebenso merklich indessen sich auch dem ihres Gatten, dem sie sich gern genähert hätte ferner gerückt. Das Mißtrauen, welches dem Pater gegenüber eingeschlummert war, wachte 134 auf und sie fragte sich: Verfolgt der Mann einen Plan? Und welchen?

Stand aber Felix zwischen ihnen, auf Spaziergängen oder am abendlichen Theetisch, dann trat der Freund, welchem zu Zweien die Wortführung niemals entging, in eine bescheidene Ferne und Susanne, so gern sie es gethan, hätte ihn nicht der Parteinahme und kaum des anregenden Stichwortes beschuldigen können, wenn der Antagonismus des Mannes und der Frau jetzt so häufig in schroffster Weise zu Tage kam. Denn während anderwärts unter Gebildeten solche klaffende Lücken vor Zeugenaugen verhüllt werden, that man hier die frühere schonende Zartheit ab, just da, wo sie sich als eine Probe der Sittlichkeit hätte bewähren sollen; Felix wollte von seinem bewunderten Freunde sich keiner neuen Schwäche oder Lässigkeit zeihen, Susanne sich nicht indirekt von einem Dritten als Gesetz aufzwingen lassen, was sie in freier Liebe nicht hatte gewähren können. Ihr war dann immer, als widerstände sie nicht dem theueren Manne, sondern dem Zeugen, der jenen heimlich spornte und mit kühlem Lächeln wie ein Schiedsrichter zwischen ihnen stand. »Er ist ein Feind!« sagte sie sich mit dem alten Hasse, den sie vor einer Stunde Thorheit genannt hatte, »Dein Feind und seiner.«

Blickte sie jedoch nach solch einer herben Erwiderung zu Felix hinüber, sah seine Züge zucken in Scham und Pein, dann befiel sie ein leidenschaftlicher Groll gegen sich selbst; das letzte Wort erstarb auf ihren Lippen; sie hörte und schaute wie unter einem Nebeldruck und 135 zwang sie endlich mit Gewalt die Aufmerksamkeit auf die beiden ruhig Weiterredenden zurück, so begegnete sie ihnen fast regelmäßig auf dem Gebiete, wo sie zum erstenmale zu Dreien aufeinandergestoßen waren und jener erste apprehensive Eindruck wiederholte sich. Es mochte ja sein, daß des Paters Dichten und Trachten auf dieses Unternehmen gerichtet war, und Susanne begriff auch allenfalls den Grund, warum es das war, »aber,« so fragte sie sich, »gehen denn Felixens und meine Wege schon so weit auseinander, daß es kein friedliches Zusammentreffen mehr für uns giebt, keinen Ruheplatz für das gemarterte Herz als diese unheimliche Wüstenstation?« Sie spürte auch hierin eine Absicht, welche sie nicht zu ergründen vermochte.

*

Diese ihre Mißstimmung, welche bei ruhigem Blute Susanne selbst eine ungerechtfertigte nannte, steigerte sich indessen und rechtfertigte sich in ihren Augen, als der im intimen Verkehr nur vorausgesetzte Einfluß des geistlichen Freundes nach einer äußeren Seite hin unverkennbar ward.

In der zumeist den unteren Ständen angehörigen katholischen Gemeinde der Stadt und ihrer nächsten Umgebung waren öffentliche Bezeugungen der Gottesverehrung wie Susanne als Kind sie in der Bischofsstadt in allerlei Gestalt hatte erweisen sehen, seit der Reformation nicht mehr gang und gebe gewesen; auch hatte ihres Mannes tiefgerichteter kirchlicher Sinn diesen Mangel nicht em 136pfunden oder beklagt. Susanne erinnerte sich sogar, daß er einmal derartige Schaustellungen dem nordisch deutschen Wesen unangemessen genannt und gemeint hatte, bei den prunklosen Gemeindeverhältnissen werde durch unvermeidliche Geschmacklosigkeiten mehr geschadet, als durch die Anziehung kindlicher Gemüther genützt werden könne. Susanne hatte Ursache sich dieser Auffassung zu freuen, denn in Lagen wie der ihren ist es weit seltener der unfaßbare innere Gehalt als die anstößige äußere Form, welche einen Conflikt bis zur Reibung steigert.

Seit des Paters Gegenwart nun äußerte sich der veränderte Sinn in den auffälligsten Kundgebungen. Ging Susanne an ihres Mannes Arm und begegneten sie dem Viaticum, so beugte er mitten auf der Straße, unter aller Welt staunenden Blicken das Knie. Am Frohnleichnamsfeste, wo heuer zum erstenmale eine Procession außerhalb der Kirchenmauern gesehen ward, schritt Felix, als der einzige aus den gebildeten Ständen, an ihrer Spitze. Die seit Jahrhunderten eingeschlummerte Erinnerung an ein zu Wittekinds Zeiten wunderthätiges Muttergottesbild, nahe bei Roderichs Kapelle auf dem Königsberg lebte plötzlich auf und eines Tages sah Susanne ihren Mann, barhäuptig in glühendem Sonnenbrand, inmitten eines Wallfahrerzuges von mehrentheils armen Frauen und Kindern unter ihren Fenstern vorüberziehen, entlang der Straße am Fluß, auf welcher sie einst in der seligsten Lebensstunde mit dem Geliebten gefahren war, um den Segen über den Bund ihrer 137 Herzen sprechen zu lassen und auf der sie vor nicht einem Jahre ein unvergeßliches Versöhnungsfest gefeiert hatte.

Sie vermochte bei solchen Eindrücken eine geringschätzige Anwandlung nicht zu bergen und schwer zu bewältigen; sah sie doch in dem Unverständlichen nur einen aufgenöthigten Schein, für welchen die je mehr und mehr sich zuspitzenden Zeitverhältnisse den Anlaß geben mochten, daß aber unter den Chorführern der Partei, gegen welche diese Demonstrationen gerichtet waren, der Name ihres Vaters immer lauter genannt wurde, machte ihr das Aergerniß fast zu einem persönlichen.

Eine Folge dieser gereizten Stimmung war, daß Susanne den ihr so widerwärtig wirkenden Freund, oder Feind ihres Hauses nicht ein einziges Mal an der Stätte seiner bedeutendsten Erfolge, auf der Kanzel, hatte kennen lernen. Dem Strome zu folgen, widerstand ihr wie in allen Stücken; ihres Mannes wohlgefühltem Verlangen aus Gefälligkeit nachzugeben, dünkte ihr jetzt Heuchelei, und hatte der Pater selbst ihr denn nicht wiederholt an's Herz gelegt, ihrem eigensten Wesen getreu zu bleiben und sich nicht in eine Bahn locken zu lassen, die zu verfolgen ihr nicht gegeben sei?

An ihres Mannes Geburtstage aber, der in den Herbst fiel und nun schon dreimal von ihr als höchster Segenstag gefeiert worden war, da fühlte sie, daß heuer kein noch so sinniges Angebinde, keine noch so reiche Wohlthätigkeitsspende, wie Felix sie so gern bot und von ihr bieten sah, sein Herz erfreuen könne, daß sie 138 sich in einer besonderen Weise überwinden müsse, um ihm genug zu thun.

Der Tag fiel auf einen Freitag, an welchem allwöchentlich Pater Viola in den ersten Abendstunden eine Andacht über je ein Gebiet des Alltagslebens nach kirchlicher Auffassung zu halten pflegte. Von weit und breit kamen die Zuhörer herbei, um die zündende Rhetorik dieser freien Vorträge zu bewundern. Man glaubte sie des Paters exegetischen Predigten bei Weitem vorziehen zu dürfen. Als Felix nun aufbrach, um wie jeder bisherigen, auch dieser Andacht beizuwohnen, schloß sich Susanne ihm an, indem sie sich ernsthaft vornahm, was sie auch hören möge, allen Widerspruch zu unterdrücken und so den Freudentag zu einem Bußtage werden zu lassen.

Sie hätte es nicht beziehungsvoller und daher verhängnißvoller treffen können, denn der heutige Vortrag galt der Ehe, und zwar nicht den Pflichtgeboten der Ehe, die in für Männer und Frauen gesonderten Andachten bereits behandelt worden waren, sondern der Zeitfrage gemäß, von der Ehe als christkatholische Institution, als Sakrament.

Daß auf diesem strittigen Gebiet der kirchliche Standpunkt mit den schneidendsten Waffen vertheidigt werde, durfte von dem unbeugsamen Priester und vielgewandten Dialektiker vorausgesetzt werden; dennoch gingen seine Forderungen über die äußersten Erwartungen von Freund und Feind hinaus. Er sprach ohne merkbare Vorbereitung, ohne Citate und umkleidenden Bilderschmuck, fließend in streng gegliedertem Gedankenzug und selbst da, wo er 139 nach der Gegner Meinung Paradoxen sprach, traten sie in der Form unumstößlicher Lehrsätze auf. Keine Verbindung zwischen Mann und Weib, die nicht auf der gleichen religiösen Grundlage beruht, ist eine Ehe, das heißt ein Sakrament; keine Verbindung, die gelöst werden kann, ist eine Ehe, das heißt ein Sakrament, das Zeit und Ewigkeit überdauert. Selber die Sünde scheidet nur die Leiber; die Geister, welche das Sakrament geweiht, werden nach der Reinigung im heiligen Feuer wieder vereint. Sogenannte Mischehen, auch unter Zugeständnissen, die der Kirche günstig lauten, sind ein Widerspruch; bürgerliche Rücksichten oder selbst das Verlangen der Herzen sind Triebfedern zweiter Ordnung. Mögen die aus unserer Gemeinschaft scheiden, welchen die bindende Voraussetzung unserer Gemeinschaft fehlt; auch die irdische Liebe ist ein Gut; auch die Natur hat ihr Recht, auch die Welt. Sie können brave Menschen, nützliche Bürger bleiben, aber Christen, katholische Christen sind sie nicht mehr; denn das religiöse Gewissen steht über jedem Erdenverhältniß und über jedem Erdengesetz.

»Passen Sie auf, Freund, heute oder morgen kommt's zur Schlacht. Sie haben die Brücken hinter sich abgebrochen und die Parole ist ausgegeben,« so raunte ein protestantischer Geheimerath einem neben ihm sitzenden Amtsbruder zu. Die Menge dahingegen, welche bei so geharnischten Manifestationen gern nach persönlichen Anlässen sucht, fragte mit Blicken und Flüsterworten: »Wer ist gemeint? um wen dieser Eifer?« Daß ein armer Bauer oder Handwerker, dem der Beicht 140stuhl genügte, von diesem öffentlichen Richterspruch getroffen werden sollte, durfte nicht angenommen werden, in der Gemeinde der Gebildeten aber war in weitem Umkreis eine beziehende Auswahl gering.

Auf Oßlers Ehe verfiel kein Mensch; das ehemalige, vielbesprochene Weltkind, das schöne Präsidentenfräulein, wurde seit seiner ehelichen Zurückgezogenheit im Volke einmüthig für eine Convertirte gehalten die nur um ihres Vaters willen ein öffentliches Bekenntniß verschiebe. Unzweifelhaft dahingegen war die Rede gemünzt auf dieser Dame Jugendfreundin, das lustige Kanzleirathstöchterchen, dessen Verhältnisse seit Jahr und Tag zu einem gesellschaftlichen Aergerniß geworden waren. Sie hatte sich von ihren Eltern bereden lassen, einen Katholiken, den reichen Gutsbesitzer von Beheim, zu heirathen, hatte sich auf dem Lande mit dem ältlichen Manne gründlich gelangweilt, unglücklich gefühlt, und da ihre Ehe kinderlos geblieben war, den ersten besten Scheidungsgrund ergriffen, indem sie ihr Haus plötzlich verließ und sich zu entfernt lebenden Verwandten flüchtete. Dort war ein altes Neigungsverhältniß wieder angebandelt worden, das zu einem Officier, welcher nun, da er zum Hauptmann aufgerückt war, ihr seine Hand bieten durfte und wenngleich Katholik wirklich keinen Anstoß daran genommen hatte, sich mit der andersgläubigen, bürgerlich geschiedenen Frau zu verloben. Da nun der verlassene, erste Gemahl sich unter den Zuhörern befand, so galt es für ausgemacht, daß er es war und kein anderer, welchem vorgehalten wurde: »Deine Verbindung mit der Ketzerin war keine Ehe, 141 die Kirche läßt sich nicht spotten, und Du darfst nicht klagen, wenn Du die Scheinhandlung eines heiligen Sakraments büßest als ein unfreier Mann für's Leben.« Manche mitleidige Frau und Mutter, so fromm gesinnt sie war, fand es aber doch hart, daß der vortreffliche Mann es nicht zum zweiten Male mit einer besser gearteten Frau versuchen solle.

Mit Ausnahme von Oßler selbst, wußte deutlich nur seine Gattin, daß dieser Vortrag, zwar nicht direct für sie, denn der Redner hatte ihre Anwesenheit nicht voraussetzen können, aber um ihretwillen gehalten worden sei. Sie horchte kaum auf die schneidigen Deductionen, aber sie spürte ihre vernichtende Wirkung auf Felix, der ihr gegenüber an einem Pfeiler lehnte, bleich wie ein Schatten und mit niedergeschlagenen Augen, so, als ob er vor öffentlichem Gericht einen Verdammungsspruch vernehme.

In Susannens Brust wogten gegeneinander Abscheu und Mitleid, Zärtlichkeit und Trotz. Sie sagte sich nicht wie einst: »Er liebt mich nicht mehr,« sondern: »sie wehren ihm, mich zu lieben,« und laut auf hätte sie durch das Gewölbe schreien mögen: »Er soll und muß mich lieben; denn mir gehört er, ich bin sein Weib und werde ringen bis zum letzten Athemzuge um mein Recht und um mein höchstes Gut.«

Sie fühlte in sich einen starken Muth; dachte sie jedoch an die Wege, auf denen sie den Proceß ihres Herzens zum Siege führen könne, dann sah sie deutlich vorgezeichnet nur einen einzigen und diesen einzigen nach 142 der heutigen Herausforderung unübersteiglich abgesperrt. Nun und nimmer vermochte sie einer Kirche sich einzufügen, welche solche die Natur höhnende Satzungen als Grundbedingnisse aufstellte.

Schweigend schlugen sie, Eines hinter dem Andern, den Heimweg ein; er bot ihr nicht den Arm und sie nahm ihn nicht freiwillig wie sonst. Aber sie merkten kaum, daß sie es nicht thaten; so allein waren sie mit ihren Gedanken, und doch mit diesen Gedanken nur er bei ihr und sie bei ihm.

Der Pater folgte ihnen bald mit einem heiteren Glückwunsch, so, als ob er nicht eben ein Todesurtheil gesprochen habe. Wo früherhin Susannen für den festlichen Tag kein Leckerbissen gut genug gewesen war, gab es heute nur Fastenspeisen und nicht einmal Wein zu einem Glück auf im neuen Jahr. Felix hatte es so gewollt. Viola führte die Tischunterhaltung unbefangen über weltliche Gegenstände. Felix erwiderte wenig; Susanne sprach kein Wort; sie fühlte, daß sie Flammen sprühen oder den schwächsten Laut hinunterpressen müsse.

Wie es ihr mitten im Gewühl so seltsam eigen war, versank sie endlich in sich selbst, ohne weiter zu hören oder zu sehen, was um sie her geschah; sie wurde erst wieder rege, als sie ihren Mann den Namen »Beheim« nennen hörte.

»Er suchte mich heute auf,« sagte Felix. »Des Weibes schamloses Gebahren hat ihn sattsam ernüchtert, ihm aber auch sein Treiben in den alten Umgebungen verleidet. Er hat die Absicht sich in eine unserer beschau 143lichen Gemeinschaften zurückzuziehen und sein Vermögen für einen wohlthätigen Kirchenzweck niederzulegen, über dessen Wahl er mich bat, mit Ihnen, verehrter Freund, Rath zu pflegen.«

»Die Wahl ist weit, denn der Bedürftigkeiten sind viele,« entgegnete der Pater ruhig. »Wenn der Mann wirklich keine Angehörigen zur Vorhand hat, wird die Angelegenheit ja späterhin erörtert werden dürfen. Was aber will ein thätiger Landwirth in einer klösterlichen Verbindung, er, der weder alt genug ist, um blos auszuruhen, noch jung genug, um sich im geistlichen Dienst zu üben.«

»Er ist,« versetzte Felix mit niedergeschlagenen Augen, »er ist, Sie wissen es, einer von den Lässigen, welche erst eine späte Erfahrung treu gemacht hat. Die Freude am Leben ist dahin; er sieht sich in einer schiefen Stellung zu den Kreisen, in welche hinein er sich hat treiben lassen, in einer beschämenden zu denen, in welche er von Gottes und Rechts wegen gehört, möchte sich den Einen entreißen, den Anderen versöhnen und hält es für den geeignetsten Zeitmoment, ein erweckendes Beispiel aufzustellen.«

»Thue er, was er nicht lassen kann,« entgegnete der Pater. »Ein Jeder fällt zurück auf seinen natürlichen Grund und unser Grund ist ja ein unerschütterlicher. Die Aeußerungen der Gottesverehrung dahingegen sind den Modificationen der Zeit unterworfen. Nicht hinter absperrende Mauern, mitten hinein und hinaus in die Welt treibt es heute den, welcher im Ewigen Vergessen oder Versöhnung sucht. Wir singen Hora 144 mit Wanderstab und Arbeitszeug in der Hand und die Troglodyten unserer Zeit heißen –«

»Ich verstehe, was Sie meinen, verehrter Freund,« unterbrach ihn Felix. »Ob dieses Mannes körperliche und geistige Kräfte aber noch ausreichen für solche Mission?«

»Wer dächte denn aber auch für solche begrenzte Natur an solchen weitumfassenden Beruf?« fiel Viola ein. »Erwachsen denn nicht auch mitten unter uns heilsbedürftige, junge Geschlechter? Müssen, wie die städtischen Arbeiter, nicht auch die ländlichen in geistiger Zucht zusammengefaßt werden? Eine landwirthschaftliche Schule unter den Auspicien unserer Kirche soll der Mann gründen. Die Heidenmission, die allerdings unsere oberste Aufgabe ist und je mehr und mehr werden wird, mag geeigneteren Geistern überlassen bleiben.«

Felix seufzte tief auf. »Ja, unsere oberste Aufgabe!« wiederholte er halb versunken in einem Traum. »Das Kloster unserer Zeit! O, wer noch jung und frei wäre, um ein neues Leben zu beginnen – –«

Eine starke Bewegung Susannens machte ihn stocken. Sie hatte bisher mit halbgeschlossenen Augen im Stuhl gelehnt, nun stand sie hoch vor ihm aufgerichtet; ihre Wangen glühten und in den Blicken loderte ein Feuer von Liebeswuth und Zorn. »Und warum, Felix,« rief sie mit wogender Brust, »warum wäre es zu spät, einem Dasein den Rücken zu kehren, das Dir so geringschätzig geworden scheint und unter einem neuen Himmel unser Leben von vorn anzufangen? Laß uns hinausziehen als – – –«

145 »Uns? …« »Sie?« fragten gleichzeitig Felix und sein Freund halb betroffen, halb mit spöttischem Lächeln.

»Weshalb nicht ich?« fragte Susanne, nur zu Felix gewandt. »Schrieb Roderich doch von einer jungen, deutschen Frau, die seit Jahren ihren Gatten auf seinen asiatischen Forschungsreisen begleitet. Warum sollte für mich unnatürlich sein, was ihr natürlich ist? warum mir nicht gelingen, was ihr so wohl gelingt? Hältst Du meine Liebe für geringer? Laß uns ziehen, Felix, sei's in die tropische Wüste, sei's nach dem ewigen Eis. Wir sind untrennbar eins und ich werde überall glücklich sein, wo Du glücklich bist.«

Die Augen des jungen Mannes füllten sich mit Thränen. Er drückte der Gattin beide Hände an sein Herz, die erste zärtliche Bezeugung, die er sich in des Paters Gegenwart gestattete. Susanne schlang ihre Arme um des Geliebten Hals, sie hatte den Zeugen und die ganze Welt vergessen; ihre Liebe hatte triumphirt.

Viola blickte auf das Paar mit einem seltsamen Ausdruck heimlicher Passion. Wer hätte entscheiden mögen, was in diesen an Beherrschung gewöhnten, tiefliegenden, dunklen Augen geschrieben stand, als sie denen des jüngeren Freundes begegneten? Sagten sie:

»Armseliger Thor, der mit solch einem Weibe marktet, um den Preis seines Seelenheils?« Oder sagten sie: »Hüte Dich, Schwächling! unter dieser Gestalt lockte die Versuchung, vor welcher Sanct Antonius in die Wüste floh.«

146 Er entfernte sich unbemerkt und Susanne hörte niemals wieder von der propaganda fide reden.

*

In dieses Stadium des heimlichen Herzensprocesses, der hier geschildert wird, traf nun fast über Nacht ein öffentliches Ereigniß, welches die Krisis, wenn nicht herbeiführte, so doch beschleunigte, eine That, welche lange zögernd und endlich dennoch überraschend, weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus ein Hoch der Zustimmung oder ein Wehe der Verdammung rief. Wer bliebe in solchen Lagen gleichgültig? wer bliebe gerecht? und wer verstände es nicht, daß durch sie ein tief erschüttertes Gemüth aus seinen Fugen getrieben wird?

Unerwartet bargen die Mauern unserer Stadt als Gefangenen den unbeugsamen Kirchenfürsten, welchen die Einen als Märtyrer verehrten, die Anderen als Hochverräther verurtheilten. Felix und seine Schwester hatten sich seit ihren Kindertagen in tiefer Ehrfurcht vor ihm gebeugt; er war ihrer seligen Mutter blutsverwandt und nahe befreundet gewesen. Als nun aber jetzt dieser Mutter Sohn, gleich einem Abtrünnigen, von des Dulders Thür gewiesen ward, da fühlte er sich wie Petrus, als er den Hahn krähen hörte, und weinte bitterlich. Er hatte sich am Feuer gewärmt, derweil man seinen Herrn in Banden schlug.

Fast gleichzeitig mit dem gefangenen Prälaten, traf Oßlers Versetzung auf eine höhere Stelle in der Hauptstadt ein, allseitig betrachtet als eine Rücksichtsnahme von Susannens Vater, der für den Motor des staatlichen 147 Gewaltschrittes galt und wenn nicht den Seelenkampf seines Eidams, so doch seine schiefe äußere Stellung würdigen mochte. Oßlers Antwort war, daß er umgehend seinen Abschied forderte.

Susanne jubelte auf bei diesem befriedigenden Entschluß; sie rechnete für den Geliebten auf Zerstreuung und Wechsel. Hätte er reisen wollen, sei es an das Ende der Welt, ihr wäre es willkommen; hätte er sich in ländliche Stille und Thätigkeit zurückziehen wollen, ihr wäre es noch willkommener gewesen; nur fort von einem Platze, der je mehr und mehr aus einer Stätte heimlicher Leiden zu einer des offenen Kampfes geworden war; nur fort aus der Nähe dieses sinnbestrickenden und verwirrenden Priesters.

Felix jedoch wies alle ihre lockenden oder drängenden Vorschläge mit Entrüstung zurück. Nur einen Schritt breit weichen, hieß ihm Feigheit und abermaliger Verrath; als treuer Schildknappe wollte er vor der Schwelle des gemißhandelten Meisters stehen und harren, bis sein väterlicher Blick ihn entsühnt, ein Wort aus seinem Munde ihm die Richtung für sein ferneres Leben angewiesen haben werde.

Er brach alle bisherige collegialische Verbindungen harsch ab; lebte ausschließlich im Verkehr und Dienst seiner von jener Zeit ab streng gruppirten Parteigenossen, reiste viel und förderte nach allen Seiten. Durch seine publicistische Thätigkeit in kirchenrechtlichen und kirchenpolitischen Streitfragen ist sein Name damals auch in 148 weiteren Kreisen bekannt geworden. Häufig mochten es des Paters Elaborate sein, deren schneidige Fassung er mit dem Namen eines unabhängigen Mannes deckte. Wie herzzerstörend aber wirkte bei jedem Federstrich, bei jeder Namensunterschrift, die Ironie des Bewußtseins, daß er Satzungen vertheidige, denen sein Leben thatsächlich widersprach, daß er Forderungen stelle, denen er fürs seine Person sich entzogen hatte. Jeder Blick auf Susannen ward ihm zum Vorwurf, sein ganzes Dasein eine Lüge.

Er sah Susannen nur noch in flüchtigen Pausen; aß sogar häufig allein in seinem Zimmer, das er sich in der nach dem Garten gelegenen Giebelseite des Hauses hatte einrichten lassen. Zur Hälfte mag das Verlangen unbeobachteten Verkehrs und ungestörter Thätigkeit, zur zur anderen eine seiner innerlichen Verfassung gemäße, ascetische Stimmung dieses Zurückziehen erklären. Seine Gattin führte unter seinem Dach nahezu das Leben einer Wittwe; eine stumpfe Lässigkeit überkam sie; ihre blühende Gestalt verfiel, der Augenstrahl erlosch; sie hegte kaum noch einen Wunsch, als den des Endes. Das weltmüde Lied von Asch' und Erden, das ihre Bekanntschaft mit Felix eingeleitet hatte, jetzt würde sie es in Wahrheit singen dürfen. Ihr Vater drängte nach ihrer Rückkehr in sein Haus, er drohte, sie mit Gewalt dahin abzuholen; es schienen ihre letzten Kräfte, mit welchen sie diese Forderungen beharrlich ablehnte: es berührte sie kaum, daß sie darüber mit ihrem Vater fast zerfiel; sie wollte in Felix' Nähe leben oder sterben.

149 Den Pater hatte sie seit jenem Geburtstagsabend nicht wieder gesehen; das Amt am Dom, das er provisorisch verwaltete, war anderweitig besetzt worden; doch hatte der Prälat ihn in seine Nähe gezogen und seines besonderen Vertrauens gewürdigt. So ward er fast ein Gefangener bei dem Gefangenen und mit ihm in den Nimbus eines Märtyrerthums eingehüllt, das sich den Blicken der Außenwelt entzog.

Erst gegen den Winter hin trat er zum erstenmale wieder bei Susanne ein, nachdem er ihren Mann vergebens in seinem Hause gesucht hatte; ihre geistige wie körperliche Herabstimmung erschreckten ihn sichtlich; er sprach ihr zu mit warmem Antheil und einem väterlichen Freimuth, welche der sich so verlassen Fühlenden wohl thaten. War es doch, als ob in ihrer Seelenmattigkeit auch Groll und Mißtrauen eingeschlummert seien.

»Es gibt keinen größeren Frevel an der Natur, als sich selber aufzugeben,« sagte Viola. »Sie lassen sich zwecklos sterben, da Sie doch zum Dasein berufen sind wie Wenige. Sie haben sich falsch zum Leben gestellt, mein Kind. Wenden Sie ihm das volle Antlitz zu; fassen Sie einen rettenden Entschluß.«

»Es giebt keinen Entschluß, den ich fassen könnte und ausführen,« versetzte Susanne, indem sie müde in die Kissen zurücksank.

Er saß eine Weile in Gedanken, oder im Kampf mit einem Plan; dann sagte er kurz entschieden: »Trennen Sie sich von Felix.«

150 »Niemals!« schrie Susanne aus und ihre Augen flammten wie einst.

»Nur für einige Zeit,« beschwichtigte der Pater, »bis die überreizte Spannung sich gelöst haben wird. Was man nicht brechen lassen will, muß Raum zum Biegen haben.«

»Niemals!« wiederholte Susanne, indem sie sich erhob und mit dem Arme nach der Thüre wies. »Nicht eine Stunde weiche ich von meinem Platz.«

Eines war durch diese Unterredung erreicht worden, wenn dies Eine Viola's Absicht war: sie hatte der jungen Frau frisches Blut gemacht. Hätte der Pater ihr gerathen: »Pilgern Sie nach Loretto!« so würde sie geantwortet haben: »Sie haben Recht, aber ich vermag es nicht,« und würde, die Hände im Schooß, bis zur Erschöpfung hingesiecht sein. Nun er ihr rieth, was sie zu thun vermochte und was zu thun vielleicht das Vernünftigste gewesen wäre, was Ihr Vater gerathen hatte und Roderich wahrscheinlich gerathen haben würde, nun rief sie: »Ich will es nicht!« lebte auf und – brachte zum Brechen, was immerhin noch gebogen werden konnte.

Denn, wenn ein straff gespanntes Band durchreißt, dann ist es niemals von einer Seite, daß es angezogen worden ist, zu beiden Seiten hängt ein Schwergewicht sich an, mögen wir es Thorheit nennen, Leidenschaft oder Schuld. Hatte Felix geirrt, Susanne fehlte.

Sie stand inmitten einer Lage, in welcher die Frau den Mann zu trösten hat, »wie eine Mutter tröstet.« 151 War es ihr nicht gegeben, in die mystische Tiefe seines Wurzellandes zu dringen: theilnehmend und verständnißvoll ihn begleiten auf seiner dornenvollen Bahn, seine Lasten theilen und seine Wunden verbinden mit Samariterliebe, das hätte sie gekonnt und gesollt; er hätte ihre Dankbarkeit fühlen müssen für das, was er um ihretwillen litt und der ätzende Stachel würde sich gesänftigt haben.

Aber Susanne war aufgelebt nur zu einem Kampfe um ihr Glück und so verfing sie sich in ein Netz weibischer Stratageme, die weder ihres Verstandes, noch ihrer Redlichkeit würdig waren. Kehrte Felix auf Augenblicke in ihre Nähe zurück, müde gehetzt von Streit und Qual, zusprechender Freundschaft bedürftig, so fand er seine Frau zwar nie mehr zum Widerspruch geneigt, aber müßig neben seinen Mühen, gleichgültig gegen seine Erfolge, lächelnd über sein Scheitern, reizend zu tändelndem Vergessen, so wie sie ihn in den ersten sorglosen Tagen ihrer Verbindung gelockt und eingelullt hatte. Was die verständige Matrone ihr einst warnend zugerufen hatte: es sind zweierlei Forderungen, welche an die Geliebte und an das Weib gestellt werden, sie hatte es überhört.

Dabei blieb es indessen nicht. Verletzt, ja beschämt durch diese oberflächlichen Liebesbezeugungen, zog sich Felix immer scheuer in sich selbst zurück; Susanne aber, zum Verlangen aufgeregt, mit ausgebreiteten Armen allein gelassen, suchte einen Abzug von sich selbst in der Richtung, welche der seinen schnurstracks zuwider lief. 152 Und da war es denn wieder einmal jenes unvermuthet Störende oder Fördernde, bequemlich von uns Zufall genannt, welches auch in diesem Conflicte den Ausschlag gab.

Die muntere Lucie war in die Stadt zurückgekehrt, um unter dem Schutze ihres Elternhauses die Verbindung mit dem längst geliebten und jüngst erwählten Manne abzuschließen. Auch von Oßlers natürlichem Widerwillen und dem Rigorismus seiner Partei abgesehen, hatte sie das Urtheil streng prüfender kleinstädtischer Coterien zu stark herausgefordert, um nach der geselligen Seite hin nicht eines Anhalts zu bedürfen, den ihres Vaters bescheidene Beamtenstellung ihr nicht zu gewähren vermochte. Da ihr daran lag, in ihrem künftigen Familien- und Umgangskreise eine wohlwollende Aufnahme zu finden, näherte sie sich der einstigen Gespielin als eine Bittende und Susanne, halb aus altem Wohlwollen und Wohlgefallen, halb aber auch aus Langeweile und Verdruß, entschloß sich rasch, dem Vertrauen der jungen Frau zu entsprechen und mit dem Ansehen ihrer Stellung und ihres Rufs ein vielbemäkeltes Verhältniß zu decken.

Sie empfing Lucien daher zu jeder Zeit in ihrem bisher streng abgeschlossenen Hause, öffnete dasselbe auch einem weiteren geselligen Kreise, zeigte sich öffentlich an des verlobten Paares Seite und fand in dieser Beflissenheit allmälig ein Behagen, das sie weit hinaus über ihre anfängliche Absicht trieb. Sie legte die einfachen Kleider ab, die sie, um Felix zu gefallen, bisher getragen hatte, putzte sich wieder wie als Mädchen, wenn auch 153 mit besserem Geschmack und hoffte ihres Mannes Eifersucht zu reizen, wenn sie Anderen gefiel. Sie triumphirte wie über einen Beweis ihres Rechts, weil Viele einer Schönheit huldigten, gegen welche Felix blind, weil Viele einen Geist bewunderten, gegen welchen Felix taub geworden war. Felix von Oßlers Weib wurde von außen her wieder Susanne von Merwaldt; im heimlichen Herzen jedoch schmachtete sie darnach, durch ein Liebeszeichen, oder selber durch ein Machtgebot von ihm in die Stellung seines Weibes zurückgeführt zu werden.

Er aber, da er sie mit so viel leichtfertigem Behagen sich auf dem Wege der Alltäglichkeit ergehen sah, wurde nach dem Fehl des Gewissens auch den Irrthum des Herzens inne. Nicht nur das letzte Geheimniß hatte seine Seele von der ihren geschieden, sondern eine gähnende Kluft, in welcher zuletzt auch ihre Liebe versunken war. Er hatte sie einstmals an sich gezogen wie Einer, der für den Anderen Rechenschaft zu geben hat, nun sprach er sich los von dieser Verantwortung; er gab sie zurück an ihre Welt und entschloß sich unwiderruflich zum letzten Schritt in das geistige Bürgerthum, in welchem Erdenliebe und Erdenheimath wie Schemen verschwinden.

So wurde er zum Fremdling in dem der Weltlust geöffneten Hause, dessen Herr er noch hieß; trat ihm aber einmal, scheinbar zufällig, mit kühlem Wort aus heißem Herzen, die gegenüber, welche sich zur Herrin dieses Hauses gemacht hatte, dann sah sie an seinen gleichgültigen Blicken, die nicht einmal einen Vorwurf mehr 154 ausdrückten, daß sie dem Fremdling eine Fremde geworden sei; dann rang sie die Hände und durchwachte die Nacht in verzweifelnden Klagen und Anklagen ihrer selbst, um am Morgen sich von Neuem in das lose Treiben verlocken zu lassen, in welchem sie auf Stunden Vergessen fand.

Am Morgen nach einer solchen trostlosen Begegnung, trafen Briefe von Roderich in Erwiderung ihrer Frühlingssendung ein. Er hatte eine weitere Expedition aufgegeben und schrieb am Vorabend seiner Abreise von Suez, daß er nach einem Aufenthalte in Paris zum Zwecke physikalischer Besichtigungen in die Heimath zurückkehren werde.

Eine letzte Hoffnung zuckte in Susannen auf. Gab es einen Helfer in ihrer Noth, gab es Einen, der das gekränkte Recht beider Betheiligter wiederherzustellen vermochte, so war es dieser kluge, treue Freund. Sie schüttete ihr Herz vor ihm aus und flehte ihn an, seine Heimkehr zu beschleunigen, richtete dann den Brief unter der angewiesenen Adresse nach Paris, trug ihn eilig selbst nach der Post und recommandirte ihn, daß er ja nicht verzögert werde oder verloren gehe. Erleichterten Herzens ging sie in in ihr Haus zurück.

Sie ahnte nicht, daß in den nämlichen Stunden auch Felix mit einem schweren Bekenntniß vor dem Freunde rang und daß er das, was er von weltlichen Pflichten noch anerkannte, in Jenes Hände niederlegte. Als er jedoch, wie sie es kurz zuvor gethan, den Brief zur Beförderung übergeben wollte, zuckte seine Hand un 155willkürlich zurück. Er steckte den Brief wieder zu sich und stieg, ohne von Susannen Abschied genommen zu haben, in den Postwagen. Er sagte ihr schon lange nicht mehr, wohin oder warum er ging und wann er wiederzukehren gedenke. Heute reiste er zu seiner Schwester in's Kloster.

*

Es war in der Woche vor Fastnacht und Felix von seiner Reise noch nicht zurückgekehrt, als eines Morgens Lucie bei Susannen eintrat, mit ihren flatternden, hellen Locken und wogenden Farben ein allezeit erquickendes Jugendbild. Sie warf sich der Freundin an die Brust und erzählte strahlend von Glückseligkeit, daß ihre Wünsche sich um mindestens sechs Wochen früher als sie gehofft, erfüllen werden. Der königliche Heirathsconsens sei gestern eingetroffen, gleichzeitig mit dem Befehl von des Bräutigams Versetzung nach einer Provinz, »in der sich die Füchse gute Nacht sagen sollen,« wie das Frauchen lachend berichtete.

Daß das fürsorgliche Militairkabinet diesen Wechsel verfügt haben mochte, um den Herrn Officier seinen heiklen hiesigen Beziehungen zu entrücken, das bedachte oder beachtete Frau Lucie in ihrer Herzensfreude nicht, denn ihr Benno hatte erklärt, nur als Ehemann die Temperatur des Nordpols, wäre es auch blos auf Wochen, ertragen zu können. Die Hochzeit, die erst nach Ostern festgesetzt gewesen war, hatte demnach über Hals und Kopf anberaumt werden müssen. Das ein für allemalige Aufgebot war bereits für nächsten Sonntag 156 zugestanden, die Trauung sollte Dienstag Statt finden, am äußersten Termin vor der Fastenzeit, in welcher auch kein protestantischer Geistlicher solch frohe Handlung vornehmen dürfte oder möchte. Von einer Einsegnung in des Verlobten Kirche konnte unter obwaltenden Verhältnissen überhaupt nicht die Rede sein. »Er grämt sich aber nicht darob,« versicherte die Braut. »Wir lieben uns und seine Kameraden loben es, daß er an einem Ja und Amen sich genügen läßt.«

Indessen wünschte Herr Benno doch, die Trauung, um Aufsehen zu vermeiden, nicht in der Stadt, sondern in einer stillen Dorfkirche vollziehen zu lassen; der Wohlgelegenheit halber der nämlichen, in welcher, wie Frau Lucie sagte, »Dein Felix mit dem heiligen Taufwasser beträufelt worden ist.« Der Trauung folgte ein ländlicher Hochzeitsschmaus in dem zum Kirchspiel gehörigen Kruge, »in welchem Schönsuschen unter Blitz und Sturm ihren Felix erobert hatte,« und fort über alle Berge ging die Reise in das massurische Paradies. An die hochverehrte Gönnerin wurde nun in aller Demuth die Bitte gestellt, der Feier beizuwohnen, »und durch ihre Gewogenheit in den Augen der vielleicht, vielleicht aber auch nicht, sich einstellenden vornehmenden Sippe des Bräutigams der bescheidenen der Braut ein Relief zu geben.«

Susanne fühlte, daß sie dieses Zugeständniß nicht machen dürfe, ohne Felix im Innersten zu verletzen; da sie jedoch diesen Grund nicht mit klaren Worten aussprechen mochte und diplomatische Vorwände niemals ihre Stärke waren, entschuldigte sie sich damit, daß ihr 157 Mann verreist sei und möglicher Weise anders über ihre Zeit und Person verfügt haben könne.

Worauf denn Frau Lucie lachend erwiderte: »Ei Liebchen, hätte ich Deinen gestrengen Gebieter in der Stadt anwesend vermuthet, würde ich meine Wünsche weislich zurückgehalten haben. Ihn in unsere ketzerische Gesellschaft einzuladen, das ginge ja nicht, und die Gemahlin ohne den Gemahl, das ginge noch viel weniger. Aber wie fern wird Dein frommer Herr an diesem Tage sein! Vielleicht schon über der Grenze. Weißt Du denn nicht, welch' großartige Feier in dem berühmten Wallfahrtsorte, – ich kann mich nicht gleich auf den Namen besinnen, er liegt aber schon auf jenseitigem Gebiet, – in's Werk gesetzt worden ist und daß alle Welt Deines Gemahls Intimus, den gewaltigen Pater, als deus ex machina nennt?«

Als Susanne auf diese Frage den Kopf schüttelte, sprang die kleine Frau von ihrem Stuhle in die Höhe, warf sich würdig in die Brust und perorirte in feierlichem Ton: »›Ein vollkommener Ablaß, der auch dem Heile der Seelen im Fegefeuer zugewendet werden kann, –‹ ja, ja, mache nur große Augen, mein Herz,« – unterbrach sie sich, – »ich habe die Kunstsprache der Gläubigen von meinem, Gottlob! überwundenen Gebieter gelernt, – also: ›ein allgemeiner Ablaß soll gewährt werden allen denen, welche in der ersten Fastenwoche anno Domini 18 . . ihre Andacht in der Wallfahrtskapelle von Dings da verrichten werden zur Erhebung und Erhöhung der schwer bedrohten heiligen Kirche in unserem Nachbarstaate. –‹ 158 Ein außerordentliches Schaugepränge steht bei der Gelegenheit in Aussicht; ein ungeheurer Zustrom wird erwartet. Man spricht von einem halben Dutzend Nonnen, die in dem angrenzenden Kloster eingekleidet, auch von einer Anzahl Paters und Fraters, die alldort geweiht werden sollen, um zur Bekehrung in das Mohrenland auszurücken. Von allen Weltenden stellen die hohen Collegen unserer gefangenen Eminenz sich ein; Millionen Zähren werden seinem Märtyrerthum gezollt werden, Millionen Weherufe gegen seine Kerkermeister, – Deinen Herrn Papa, Liebchen, an der Spitze! – zum Himmel steigen. Bei solcher Gott wohlgefälligen Feierlichkeit kann ja aber Dein junger Gebieter eben so wenig fehlen, als mein ehemaliger alter, dem ich die fromme Erbauung an meinem Freudentage von Herzen gönne. Du aber, Treususchen, darfst, während sie zu den heiligen Nothhelfern pilgern, ohne Einsprache Deine alte Abendmahlsschwester zum Altar führen und Amen sagen, wenn ein Nachfolger Doctor Luthers zum zweitenmale, wolle der Himmel mit besserem Erfolge als dem ersten! ein männliches Wesen zum Herrn über sie setzt.«

Susanne fühlte sich während dieses leichtfertigen Geplauders in ihres Gatten Seele verletzt und in die eigene beschämt. Zum erstenmale begriff sie den Widerwillen, welchen Felix allezeit gegen das schöne Weltkind empfunden hatte; sie war entschlossen der Hochzeit nicht beizuwohnen und wiederholte ihre Ablehnung in merklich kühlem Ton.

159 Lucie empfahl sich mit betrübten Mienen, erneuerte jedoch ihr Anliegen, während Susanne sie bis zum Vorzimmer begleitete. Auf dessen Schwelle, innerhalb der bereits geöffneten Thür, sagte die kleine Frau mit einer Umarmung: »Verlaß Dich darauf, Du bist am Dienstag frei. Wir rechnen auf Dich, mein Engel.«

Sie hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, als sie mit einer hastigen Verbeugung entschlüpfte; der gefürchtete Hausherr und sein noch mehr gefürchteter Freund standen, ohne daß sie dieselben bemerkt hatte, hinter ihr.

Felix war im Begriff, sich schweigend seinem eigenen Zimmer zuzuwenden, da der Pater jedoch seiner unter der Thür weilenden Gattin entgegenging, folgte er ihm. Er sah sehr bleich aus und verstört; kam er doch von keinem Abschied für's Leben. Susanne deutete seinen in's Leere starrenden Blick aus einem Verdruß, der ihm selbst in dieser Stunde kaum in Betracht fiel. Es drängte sie zu einer Begütigung.

»Ich benutze dieses Begegnen,« redete Viola sie an, mit dem Ausdruck einer beherrschten Bewegung, »um Ihnen Lebewohl zu sagen, gnädige Frau. Mein Auftrag in dieser Gegend geht zu Ende und da Ihr Gemahl morgen von hier abreist, wäre es vielleicht möglich, daß ich dieses Haus zum letztenmal betreten hätte.«

»Du gehst schon wieder, Felix?« rief Susanne, ohne dem Pater ein Wort zu erwidern. Die Freude über sein Scheiden und ein rettender Gedanke durchzuckten sie. Reisest Du allein?«

160 »Allein,« antwortete Felix gleichgültig.

Da es für die Wallfahrt, von welcher Lucie gesprochen hatte, zu früh war, fragte Susanne: »Gehst Du zu Deiner Schwester, Felix?« Sie that diese Frage mit Verlegenheit, da sie niemals nach seinen Wegen geforscht und Veronika niemals zuerst gegen ihn erwähnt hatte. Auch sagte Felix ihr nicht, daß er eben aus dem Kloster zurückgekommen sei, sondern nur kurz: »Ich gehe zunächst nach K . . .«

»Nimm mich mit, Felix,« bat Susanne freundlich, so, als läge nicht fast ein Jahr zwischen diesem und dem letzten gegen ihren Gatten ausgesprochenen Wunsche.

Der jederzeit so gehaltene Pater schreckte auffällig zusammen, faßte sich aber bald und sagte lächelnd, den Blick mit der ihm eigenen bannenden Gewalt auf den Freund gerichtet: »Zum Carneval!«

Felix würde auch ohne diese Andeutung in dem Wunsch seiner Frau nichts als den Einfall einer leichtfertigen Laune gesehen, und ihn gelassen abgelehnt haben, zumal da eine erläuternde Aussprache unter vier Augen mit Susannen ihm im Laufe des Tages noch bevorstand. Des Paters Gegenwart reizte ihn jedoch wie früher hin, so auch jetzt zu einem demonstrativen Widerspruch und so versetzte er mit kalter Herbigkeit, daß sein Weg ihn ohne Aufenthalt über K . . . hinaus führen und daß Susanne wohl leicht eine heiterere Begleitung als die seine finden werde, wenn sie darauf beharre, das Straßentreiben einer fremden, großen Stadt, bei rauher Jahreszeit, dem Faschingsscherze vorzuziehen, für den sie 161 sich, wie er eben gehört, in hiesigen Freundeskreisen engagirt habe.

Susanne erbleichte während dieser eisigen Rede mit ihrem gepreßten, scharfen Klang, unter eines Zeugen höhnenden Blicken. Das Herz wendete sich ihr um; sie fühlte sich gedemüthigt, ja empört und erwiderte mit ruhig accentuirtem Willen, der in ihrem bisherigen leidenschaftlichen oder leichtfertigen Widerspruch niemals einen Ausdruck gefunden hatte: »Es war kein Faschingstreiben, Felix, das ich in Deiner Begleitung suchte, und es war auch keine Lustbarkeit, sondern eine feierliche Handlung, der ich beizuwohnen abgelehnt hatte, um einmal wieder in Deiner Nähe zu sein. Nun aber, da Du mich von Dir gewiesen hast, würde ich es für ein Unrecht achten, der Trauung meiner Jugendfreundin fern zu bleiben, da sie in einer kirchlichen Gemeinschaft vollzogen wird, von der ich allzulange vergessen habe, daß ich ihr zur Treue verpflichtet bin.«

»Dieser Hochzeit willst Du beiwohnen!« fuhr Felix auf, für welchen der Entschluß seiner Frau, so tiefkränkend wie kein anderer gedacht werden konnte und in eines solchen Zeugen Gegenwart aller Fassung beraubte, »um der Genugthuung einer Buhlerin willen giebt das Weib, das meinen Namen trägt, mein innerstes Anliegen und meine, wie ihre eigene Ehre preis!«

»Du verschiebst die Lage,« versetzte Susanne, deren Ruhe mit seiner Aufregung und aus der nämlichen Ursache wuchs. »Du weißt recht wohl, oder Du könntest es wissen, daß ich Deine wie meine Ehre niemals und 162 um Niemandes willen preisgeben werde und daß ich Deiner Genugthuung noch heute jedes eigene Anliegen opfern würde, so weit nur irgend die Wahrhaftigkeit es gestattet. Während Du meine Nähe aber fliehst, meine Begleitung als eine Last von Dir abwehrst, handelt es sich dort um einen Dienst, der einer unschuldig Verläumdeten – –«

»O, der verläumdeten Unschuld!« rief Felix höhnend.

»Es liegt ein Unterschied zwischen Deiner Wortstellung und meiner, Felix,« entgegnete Susanne. »Der Unterschied von Ursache und Folge, daß ein junges Mädchen die Frau eines ungeliebten alten Mannes wurde, blos weil er reich war und sie arm; nun ja, das ist eine Schuld und wird es bleiben, auch wenn die nächsten Menschen sie zu derselben getrieben haben. Daß sie elend wurde und elend machte, das war die Strafe, welche der Schuld gebührte. Daß sie aber das Band, nachdem es unerträglich geworden, zerriß – –«

»Die Ehe brach – –«

»Nicht brach, wer würfe diesen Stein auf sie? aber die Ehe trennte, das, das war ihr Recht.«

»Daß sie einen vertrauenden Ehrenmann der Scham und dem Gram überantwortet – –«

»Ist leider eine Folge, mit der er es büßt, daß auch er, zurechnungsfähiger als das Kind, in seiner Wahl geirrt und nach derselben auch seinerseits gefehlt hat.« «

»Daß sie aus einem Arme in den andern taumelt – –«

»Du willst sagen, daß sie eine zweite, der Natur und dem Herzen angemessenere Verbindung schließt; nun 163 das wird, so Gott will, ihr den Ersatz für geopferte Jugendjahre gewähren.«

»Daß sie ihren zweiten Gatten zum Abtrünnigen an seinem Heiligthum macht – –«

»Dafür trägt er die Verantwortung, nicht sie. Soll es ihr zugemuthet werden, ihre Kirche geringer zu achten als die seine? von der Freiheit, die ihre Kirche gestattet, keinen Gebrauch zu machen, weil die seine sie wehrt? Das lösende und das bindende Sakrament unserer protestantischen Ehe ist die Liebe, die Gattenliebe oder die Elternliebe.«

Bei diesem letzten unbesonnenen Worte durchzuckte es sie, als hätte sie sich selbst ein Messer in die Brust gestoßen oder ihr eigenes Todesurtheil gesprochen; die Arme sanken schlaff am Körper herab, die Lippen wurden bleich und die Lieder fielen über die Augen. Auch Felix stand regungslos; Viola jedoch, dessen flimmernde Blicke bis jetzt unverwandt auf die junge Frau gerichtet gewesen waren, so als feiere er einen Triumph, – den Triumph der eigenen Ueberzeugung oder den eines großen Gelingens, – der Pater fragte jetzt ruhig, als ob er das Facit eines Rechenexempels ziehe:

»Und wenn die eine versiegt, die andere versagt ist, dann soll der Schwur am Altar null und nichtig sein? Kann diese natürliche Auffassung der Ehe, die ich weit eher die Ihres Landrechts als die Ihrer Kirche nennen möchte, Ihrem idealen Bedürfen genügen?«

164 Susanne rang eine Minute lang in einem Kampfe wie um Tod und Leben. Hätte Felix diese Frage mit der gleichen Ruhe an sie gerichtet, würde sie ohne Zweifel »nein« geantwortet haben, nun da es der gehaßte Mann war, der wie ein Versucher sie stellte, stieß sie mit dem Trotz eines auf die Spitze getriebenen Vernunftschlusses heraus: »Ja!«

»Du hast es gehört!« sagte des Paters jetzt auf Felix gerichteter Blick. Ohne Erwiderung das Gesicht mit den Händen verhüllend, verließ der junge Mann das Zimmer. Der Pater folgte ihm. Auf der Schwelle kehrte er rasch noch einmal zu der Verlassenen zurück, faßte nach ihrer Hand und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Sie haben meine Warnung überhört, haben gebrochen, was sich biegen ließ.« Er bemerkte durch die offene Thür, daß Felix im Vorzimmer auf ihn wartete. »Wir sehen uns noch, Susanne!«

» Wir, niemals wieder!« rief Susanne laut mit zornig flammenden Augen, indem sie ihre Hand aus der seinen riß und in ihr Zimmer flüchtete.

Sie war sich bewußt, daß sie vor einer entscheidenden Krisis stehe. Unter den leidenschaftlichsten gegenseitigen Widersprüchen war weder von ihr noch ihrem Manne jemals der Punkt berührt worden, welcher den Kern ihres Zwiespalts bildete. Was hatte sie denn aber eigentlich ausgesprochen als ihre Auffassung eines fremden Verhältnisses? Würde sie ein Titelchen ihrer Entschuldigungen zurücknehmen dürfen? Und doch, und doch – – hatte sie mit ihrer Erklärung nicht ihr eigenes Unheil heraufbeschworen? 165 Band Felix die Vaterliebe? band ihn noch die Mannesliebe? war sie noch sein Weib?

Sie raffte sich endlich auf. Daß es klar werde zwischen ihm und ihr, Tag oder Nacht, ging sie hinüber in ihres Gatten Zimmer und fand es leer. Sein alter Diener, den er noch aus seinem mütterlichen Hause überkommen hatte, sagte mit bekümmerter Miene, daß der Herr schon wieder zu einer Reise, zu einer langen Reise aufgebrochen sei. Ohne Lebewohl wie seit Monden, ohne Aufklärung nach dieser schrillen Dissonanz! »Bin ich denn noch sein Weib?« wiederholte sie sich. Ein Sturm wirbelte in ihrem Hirn; ihr Stolz bäumte sich auf. Sie hatte kein Recht, keine Freiheit gekränkt; aber auch sie hatte ein Recht, eine Freiheit zu wahren und was es auch koste, sie war entschlossen, es zu thun.

In dieser Stimmung traf sie Lucie mit ihrem Verlobten, die kamen, um die vorhin abgelehnte Einladung gemeinschaftlich zu erneuern. Ohne Bedenken sagte Susanne zu. Die Dankbarkeit der durch diese kleine Gewährung Beglückten that ihr wohl. Was hatte sie für alle Hingebung von Felix geerntet als Scheiden und Meiden?

Sie hatte sich angekleidet, um in's Freie zu gehen. Der Athem war ihr beklemmt; sie verlangte nach Luft und Bewegung. Nun forderten die Freunde sie auf, an einer Spazierfahrt Theil zu nehmen. In goldenem Mittagssonnenschein, auf glitzernder Schneebahn; – hatte Felix je daran gedacht, ihr solche natürliche Lockung zu befriedigen? Sie war rasch bereit, der Schlitten 166 hielt vor der Thür; die Damen stiegen ein, der Cavalier lenkte hinter ihnen die Zügel. Unter Schellenklang und munterem Geplauder ging es voran durch das dunkle Thor rings um den Wall, Straß auf, Straß ab.

Als sie an der Curie vorüber kamen, welche Oßler und seine Freunde »den Kerker des Märtyrers« nannten, trat Felix aus ihrer Thür und schritt die Rampe zum Domplatz hinab. Susanne bemerkte ihn nicht, da sie den Kopf rückwärts nach dem Hauptmann gewendet hatte. Er aber sah sie und kaum noch mit einer bitteren Wallung. Er hatte eine weihende Hand auf seinem Haupte gefühlt, feiend gegen jeden Rückfall in Irrthum und Sünde. Das Bild der Weltlust zog an ihm vorüber gleich einem Schemen.

Er hatte erst morgen abreisen wollen; nun trieb es ihn zur Flucht; ihn dürstete nach Alleinsein mit sich selbst, nicht einmal den Pater mochte er zuvor noch sehen; er ging nach der Post, übergab den Brief an Roderich, schrieb im Büreau ein Wort an Viola, dem er sagte, daß er am Wallfahrtsort ihn erwarten werde, und fuhr, ohne in sein Haus zurückzukehren, in der nämlichen Stunde ab.

*

Wer will ermessen, wie solch ein gewaltsamer Entschluß in der Seele erzeugt worden ist? ob als ureigner Trieb, ob als Samenkorn von Außen hineingeweht? Wer erspürt, und wäre es in sich selbst, wie der zarte Keim heimlich wächst und erstarkt, um plötzlich festgewurzelt an das Tageslicht zu dringen? Wer möchte 167 aber auch wähnen, daß solch ein Entschluß ohne erschütterndes Schwanken, gleich dem des Baumes im Sturm, unwiderruflich werde?

Felix war aus dem Kloster zurückgekehrt, fest gewillt, seine Gattin aufzuklären über das, was sein Seelenheil nothwendig heischte und ihr eigenes Wohlbefinden zu bedingen schien; er gedachte von ihr zu scheiden, wenn nicht mit ihrer Zustimmung, so doch gerechtfertigt in ihren Augen und wenn es geschehen konnte, mit ihr versöhnt. Die Schwester hatte diesen Willen genährt, der Pater ihn bekämpft.

»So lange wir noch schwanken,« hatte dieser gesagt, »dürfen abirrende Prüfungen gesucht werden; sind wir entschlossen, müssen wir sie fliehen. Ist die Trennung einmal unhinderlich vollbracht, wird Susanne die Freiheit, nach der sie mit beiden Armen ausgreift, Dir zu danken wissen.«

Wo es aber eine Gewissenspflicht galt, die nicht innerhalb des im strengsten Sinne religiösen Gebietes lag, da widerstand Felix auch dem starken Einflusse Pater Viola's. So legte er seine weltlichen Angelegenheiten nicht in die Hände eines seiner eigenen geistlichen Freunde, sondern in die des bewährtesten Freundes seiner Gattin, und so beharrte er bei der Ueberzeugung, daß ein von Zweien geschlossener Bund nicht von Einem allein gelöst werden dürfe. Nun aber hatte Susanne ihn selbst dieser Pflicht entbunden und den letzten Stachel aus seiner Brust gezogen. Er, wie sie waren nach ihrer Erklärung frei, und zögerte er nicht, sein Vorhaben 168 ohne schwächenden oder erbitternden Abschied auszuführen. Er reiste ab auf Nimmerwiederkehr.

Allein schon während seiner einsamen Fahrt und mehr noch während seiner einsamen Andacht in dem noch menschenleeren Wallfahrtsorte fiel er zurück in sein ursprüngliches Verlangen. Er sagte sich oder er redete sich ein, daß Susanne das Recht einer ehelichen Trennung in Verhältnissen wie den ihren wohl anerkannt habe, aber doch durchaus nicht in Bezug auf dieses Verhältniß selbst; er empfand seine heimliche Flucht als eine Feigheit und daß es seiner wie Susannens nicht würdig sei, ohne gegenseitige Uebereinstimmung eine That zu vollbringen, die sie Beide retten solle. Freien Willen nannte er was ihn wie mit Ketten zu ihr zurückzog. Noch blieb ein Tag, bevor er sich mit dem Pater zum Aufbruch vereinigen mußte und an diesem Tage kehrte er heim zu einem ewigen Lebewohl.

Als er spät am Abend sein Haus erreichte, fand er es festlich erleuchtet, geschmückt und belebt. Unbemerkt trat er ein; die Melodie eines Liebesliedes umspielte sein Ohr, als er die Treppe hinanstieg. Die Thür des Vorzimmers nach dem Salon war geöffnet. Aus dem dunkel gehaltenen Raume warf er einen Blick in den tageshell strahlenden Hintergrund und stand wie von einem Zauber gebannt; die Welt, der er Fahrehin gesagt hatte, lag noch einmal vor ihm ausgebreitet mit ihren lockendsten Reizen.

Susanne hatte die letzten Tage in einem Taumel hingebracht, jede Mahnstimme ihres Gewissens betäubt 169 mit dem angstvoll trotzigen Einwurf: Bin ich denn noch sein Weib! Auf Luciens Polterabend, der im Gasthause gefeiert ward, strahlte sie in blendender Heiterkeit und tanzte seit ihrer Verheirathung zum ersten Mal. Da aber noch ein Abend zwischen diesem und dem Trauungstage lag und es ihr unerträglich dünkte, in ihrer gegenwärtigen Spannung allein zu bleiben, lud sie einen zahlreichen Gesellschaftskreis in ihr Haus und fühlte sich geschmeichelt, daß die splitterrichtendsten derselben nur des Beispiels von des sittenstrengen Oßlers Gattin, bedurften, um ihr altes Vorurtheil gegen die Braut fallen zu lassen und sich derselben zu Ehren ohne arge Hintergedanken zu amüsiren.

Pater Viola hatte sich jeden Tag im Hause eingestellt, um mit Oßlers altem Diener Veranstaltungen zu treffen, die auf eine lange Reise seines Herrn deuteten. Er fand das Wesentlichste geordnet, sämmtliche Correspondenzen und Papiere aus früherer Zeit verbrannt und es blieben ihm nur wenige verpackte Gegenstände an sich zu nehmen, die bei des Freundes übereilter Abreise unerledigt geblieben waren. Bei jeder Einkehr ließ er sich bei Susannen melden; sie war entweder nicht zu Hause oder sie ließ ihm einfach sagen, daß sie ihn nicht annehmen könne. Am letzten Morgen bat er sie schriftlich dringend um eine Unterredung für den Nachmittag und erhielt keine Erwiderung. Als er am Abend dennoch wiederkehrte, fand er das Haus gesellig angefüllt, wie es einige Stunden später Felix finden sollte. Viola verließ es mit dem Vorsatz, vor seiner Abreise, 170 früh am andern Morgen, wenn nicht Susannen zu sehen, so doch eine briefliche Erklärung für sie zu hinterlassen.

Die muntere Lucie hatte auch heute auf ein Ballfest gezählt, die Festgeberin jedoch sich für geräuschlosere Tableaux entschieden, eine Lieblingsunterhaltung der Zeit und ihre eigene, als sie noch Susanne von Merwaldt hieß. Für sich selbst hatte sie ein bekanntes Bild der Maria Stuart gewählt, wie sie im üppig reichen Gewande, das schwarze Lockenhaar aufgelöst bis an die Knie niederwallend, im Sessel lehnt, zu ihren Füßen lauteschlagend der geliebte Sänger, ein schöner Offizier, der einst für Susannens Verehrer gegolten hatte und neuerdings wieder dafür galt.

Auf dieses Bild wonnevollen Verlangens blickte Felix ungesehen im halbdunklen Hintergrunde und Ströme der Erinnerung flutheten ihm durch Hirn und Sinn. Schauer der Daseinslust und des Daseinswehs rieselten über seinen Leib. Dieses schmachtende Lächeln gebührte ihm, das Umfangen, zu welchem die Arme sich ausstreckten, war sein Recht. Dieses glühende, sieghaft schöne Weib war sein. Sein allein noch eine Nacht, noch eine Stunde und diese Stunde – – –

*

Susanne hatte sich betäubt von dem Taumel der mehrtägigen Aufregung niedergelegt; die Augen fielen ihr zu; sie streifte nur die festlichen Gewänder ab, ließ ihr Haar aufgelöst hängen und sank in tiefen Schlaf gleich einem übermüdeten Kind.

171 Am Morgen erwachte sie aus einem beseligenden Traum, so wie man sagt, daß der Opiumsrausch ihn erregen soll. Sie hatte ihres Gatten Liebe empfunden wie in den Erstlingstagen ihres Glücks. Freudenthränen waren aus seinen Augen auf ihre Wangen niedergeträufelt. Unwillkürlich griff sie nach der Stelle und siehe! sie löschte einen Tropfen. Hatte sie ihn selbst geweint im Entzücken über ihr wiedergewonnenes Glück? Hatte nicht ein Geräusch an der Thür sie erweckt? Sie blickte sich um, aber Niemand kam oder ging; sie hatte den Schritt des Geliebten nur geträumt und blieb ruhig liegen, um wie sie es sonst so gern gethan, noch eine Weile mit offenen Augen nachzuträumen und mit den auf- und absteigenden Gedanken zu spielen.

Aber es blieb heute nicht bei einem flüchtigen Spiel. Der Ernst ihres ehelichen Zerfalls trat an sie heran; ihre Schuld an diesem Zerfall, ihre große, größte, ja ihre alleinige Schuld. Sie sah ihre Lage plötzlich in einem neuen Licht, so wie Einer sie sieht, der seinen Nächsten verkannt hat und nun in sein todtverklärtes Antlitz starrt. Wie hatte sie einst um diese schöne Seele geworben, wie sie geliebt um ihres heimlich tiefen Grundes willen, und wie sie verlassen, verletzt, verhöhnt! Wie bald war sie erlahmt in der Sehnsucht, sich an ihr empor zu ranken! wie hatte sie selbst der allereinfachsten weiblichen Pflicht, der der Fügsamkeit in die Ordnung des äußeren Lebens, widerstrebt! Sie sah ihr verzerrtes Bild in einem wahrheitsgetreuen Spiegel; Scham und Reue folterten sie.

172 Sie wollte sich Felix zu Füßen werfen, um seine Versöhnung flehen, unter seiner Führung ein neues Leben beginnen, aus dem selbstischen Liebesgefallen hineinwachsen in des Weibes ernsten Beruf. Sie faltete ihre Hände und flehte zu Gott um eine weittragende Kraft; es war das erste Mal, daß sie sich einer höheren Hand zu ihrem Glück bedürftig fühlte.

Hoffnungsfreudig sprang sie endlich auf, warf ein Morgenkleid über, strich das wallende Haar zurück, das sie an das widerwärtige gestrige Schauspiel erinnerte und schrieb ohne weitere Entschuldigung ihre Theilnahme an der Hochzeitsfeier ab. Die leichtfertigen Verbindungen lösten sich mit dem heutigen Tage von selbst: auch der Pater ging, Roderich kam; Alles konnte gut und schön werden wie einst, besser, schöner.

Sie klingelte, um ihrer Dienerin das Billet zu schleuniger Besorgung zu übergeben; als dieselbe sich entfernen wollte, fragte Susanne und erröthete bei der Frage, ob der Herr in dieser Nacht zurückgekommen sei? Er war zurückgekommen. Susannens Herz klopfte, – also kein Traum. Aber am Morgen wieder abgereist in Begleitung des hochwürdigen Herrn. Ohne Lebewohl, – also doch ein Traum!

Das Mädchen schien betreten; der Herr, – und Oßler war ein sehr geliebter Herr in seinem Haus, – der Herr hatte, als das Mädchen ihm auf der Treppe begegnete, blaß und verstört ausgesehen wie noch nie. Ein bängliches Vorgefühl beschlich Susannen. Der alte Hubert wurde gerufen, der Diener, der seinen Herrn 173 liebte wie einen Sohn. Der treue Mann zitterte und schwamm in Thränen; doch betheuerte er, Zweck und Ziel der Reise nicht zu kennen; daß sie jedoch auf weite Ferne und lange Dauer berechnet sei, gehe aus den Vorbereitungen hervor, die der Herr schon seit Wochen getroffen und der hochwürdige Pater in den letzten Tagen vollendet habe, mehr aber noch aus dem Kampfe, den der Herr beim Abschied sichtbar bestanden. Er habe noch in der letzten Minute geschrieben, dann als der hochwürdige Pater gekommen sei, die linke Hand vor den Augen, die rechte dem Diener gereicht, aber kein Wort zum Abschied hervorgebracht. Zu Füßen sei er, der Diener, seinem lieben Herrn gefallen und habe gefleht, ihn mitzunehmen. Aber nur stumm den Kopf habe der Herr geschüttelt und mit der Hand gewehrt. Zwei Mal sei er auf der Treppe umgekehrt und nach der Thür der Schlafstube der gnädigen Frau gestürzt und endlich wankend, vom hochwürdigen Pater geführt, in den Wagen gestiegen.

Susanne erlebte während dieser oft von Schluchzen unterbrochenen Rede des treuen Alten, was Todesangst heißt. Wohin war Felix? Was trieb ihn? Was wollte er? Nur sie fliehen? Sie eilte in sein Zimmer und suchte unter den am Boden wirr durcheinander zerrissen liegenden Papieren nach dem Worte, das er in den letzten Minuten geschrieben haben sollte. Für wen konnte es denn sein als für sie? Sie mußte ihm ja folgen in dieser Stunde noch; aber wohin? sie mußte ihn erreichen; aber wo, wo? Der Schlüssel seines 174 Pultes steckte. Was ihr sonst wie ein Frevel, wie ein Diebstahl gedünkt haben würde, sie that es. Sie öffnete. Ein loses Blatt, scheinbar in Hast hineingeworfen, fiel ihr entgegen; ohne Aufschrift noch Unterschrift, die Züge kaum leserlich; die Hand zitternd gleich der eines vom Fieber Geschüttelten.

»Lebewohl, Susanne, lebewohl! Ich habe mich aus Deinen Armen gerissen auf ewig. Fühlst Du die brennenden Tropfen, die auf Deine Wangen geglitten sind? Werden Sie den Friedenstraum nicht scheuchen, der auf Deinen Lippen schwebte, als ich schied? Es waren nicht Thränen, es war mein Herzblut, Susanne. Du lächeltest. Ich hätte dieses Lächeln nicht wiedersehen, nicht noch einmal Deinen Athem spüren sollen. Dieses Lächeln, dieser Hauch, sie werden mich locken bis in die Wüste hinein, bis in den Tod. Wirst Du es jemals begreifen, Susanne, was es heißt, aller Huld des Daseins entsagen und seine Freiheit suchen in Gott? Wir haben uns geliebt und haben uns friedlos gemacht. Wir lieben uns noch; auch Du, auch Du, ich spüre es ich weiß es! aber Frieden fänden wir nicht. So gebe ich Dich denn zurück an Deine Welt. Niemals sehe ich Dich wieder. Du bist frei; Du darfst es sein; Du willst es. Ich aber trage die Treue, die kein Spruch mir lösen kann, über diese Erde hinweg, wo ein ewiger Richter eint und scheidet. Du bleibst ein Theil meines Selbst. – Schritte, Schritte – Susanne! Er kommt! Gott segne Dich, Geliebte, segne Dich viel tausendmal.«

*

175 Roderich hatte schon aus den ersten absichtslosen Mittheilungen der Freunde den Zwiespalt herausgelesen, der seiner Ahnung vorschwebte, als ihr Bund sich schloß. Viola's Nähe beunruhigte ihn. Er kannte den auf Gleichgesinnte unwiderstehlichen Einfluß dieses Mannes aus seiner eigenen, innigsten Erfahrung. Er hatte ihn dazumal in's Gesicht einen großen Scheidekünstler genannt, der weil er selbst in eine unnatürliche Verbindung gedrängt worden sei, sich dafür räche, indem er natürliche Verbindungen zu lösen strebe. Und Viola hatte ihm ruhig geantwortet: »Eines Tages werden Sie erkennen, daß es eine widernatürliche Verbindung war, die ich gelöst, und es mir danken, daß ich Sie frei gemacht zu einer natürlichen Wahl.«

Susannens Vater war es gewesen, welcher einst Gustav Viola's Verfolgung unmittelbar betrieben hatte. Welche Befriedigung des Hasses, oder sei es des Zelotismus, war es nun, an einem seinen Feind mitten in's Herz treffenden Exempel die Macht der Institution zu beweisen, in deren Dienst sich der verfolgte Freiheitsstreber zum Unterdrücker jeder Freiheit umgewandelt hatte. Dazu kam, daß Oßler und Susanne kinderlos, daß beide reich waren und daß ein geistlich geleisteter Dienst auch nach weltlichen Lohnmaßen gemessen wird.

In diesem Sinne, nach einer Seite hin vielleicht zu schroff und nach der anderen nicht genügend erklärt, faßte Roderich die Lage der Freunde auf; hatte er bisher zwischen weiteren Forschungen und stiller Ordnung des Gesammelten geschwankt, so war er jetzt zur Heimkehr 176 und zu einem Ringkampfe mit seinem Gegner entschlossen. In Paris fand er Susannens Hülferuf vor und im Begriffe die Stadt zu verlassen, erreichte ihn Oßlers etliche Tage später abgesendeter Brief.

Ohne die religiöse Frage direct zu berühren, mit vollkommener Besonnenheit ernannte Felix den Freund gleichsam zum Executor seines bürgerlichen Testaments. Da, so schrieb er, seine Ehe unhaltbar geworden sei, wenn nicht Susannens Lebensfreude und sein eigner Seelenfrieden zu Grunde gehen sollen, habe er ihr die unbedingte Freiheit wiedergegeben, während er selbst die einzige ihm gestattete Lösung erwählt, indem er sich für alle Zeit aus vaterländischen Verhältnissen zurückziehe, um als Mitglied einer in Ostafrika zu gründenden Missionsstation zu wirken. Möge er vor der Welt als Schuldiger erscheinen, oder als Todter betrachtet werden, in jedem Falle sei Susanne ihrer Pflichten ledig. Die Ordnung dieser Angelegenheit lege er vertrauensvoll in des Freundes zuverlässige Hand. Die Nutznießung seines Vermögens verbleibe seiner Gattin; erst nach ihrem Tode solle es der Blindenanstalt, die seine Schwester gegründet habe, anheim fallen. Alles Geschäftliche war, juridisch beglaubigt, beigefügt. Schutz und treue Sorge für Susannen brauchte dem treuen Freunde nicht erst an das Herz gelegt zu werden.

Ohne Aufenthalt Tag wie Nacht eilte Roderich der Heimath zu, in der Hoffnung, Felix noch anzutreffen und ihn von seinem unheilvollen Vorsatze abzubringen; er hatte auf der letzten Station zufällig erfahren, daß jener 177 am gestrigen Abend, also kaum zwölf Stunden vor ihm und aus der nämlichen Richtung wie er selbst kommend, nach seinem Wohnorte zurückgekehrt sei. Roderich trat nicht erst in seinem Hause ein, als er aber das der Freunde erreichte, fand er Oßler seit dem Frühesten wieder abgereist und Susannen im Begriff, ihm zu folgen. Der Wagen hielt zur Abfahrt bereit vor der Thür; Susanne in fieberhafter Erregung trat ihm auf der Schwelle entgegen. »Ihm nach!« war das einzige Wort, mit dem sie ihn begrüßte.

Sie nahm für gewiß an, daß Felix mit seinem Begleiter an dem Wallfahrtsorte Halt gemacht habe und daß er dort noch zu erreichen sein werde. Nicht ihn zurückzuführen dachte sie, aber mit ihm zu gehen, wohin es sei und niemals von seiner Seite zu weichen. Roderich hätte diesen Entschluß nicht beugen können; aber er versuchte auch nicht es zu thun; er war der naturgemäße, der rechte.

Doch bezweifelte er, daß man die westliche Richtung einzuschlagen habe, da Oßler erst in der Nacht aus derselben zurückgekehrt sei und sie für die Einschiffung nach dem Osten einen Umweg bedinge. Er rieth zu einem Aufenthalt, um den Hafenplatz der Missionsgenossen zu erkunden. Auch Pässe mußten besorgt, für eine unzweifelhaft weite Reise Vorbereitungen getroffen werden, an welche Susanne nicht gedacht hatte. Ihr blieb keine Wahl, als sich dieser Einsicht zu fügen.

Erst am Abend kehrte Roderich zurück, ohne seinen Hauptzweck erreicht zu haben. Niemand wußte, oder 178 wollte wissen, wohin sich Pater Viola gewendet habe. Die Thür des Prälaten war unerbittlich für Roderich verschlossen geblieben. Man mußte sich zu einer Anfrage im Kloster entscheiden.

In dunkler Nacht, unter einem Schneesturm, der ihnen entgegentrieb, fuhren sie über die Haide. Schweigend saßen sie einander gegenüber. Susanne weinte und klagte nicht, sie ruhte nicht, gab kein anderes Lebenszeichen als das leidenschaftliche Verlangen, daß der Wagen im Fluge rollen solle, die Gespanne ohne Aufenthalt gewechselt werden; nur wenn die Fahrt durch Schneewälle gehindert ward, dann murmelte sie starr vor sich hin: »fort, fort auf ewig!«

Der späte Februartag war längst angebrochen, als sie vor dem Kloster hielten. Die Orgel tönte, die blinden Kinder sangen wie in der ersten Prüfungsstunde von Susannens Glück. Heute aber stürzte sie zu der Nonne Füßen und umklammerte laut weinend ihre Knie. Roderich und Veronika reichten sich über dem schönen, verlassenen Weibe die Hände zum erstenmale, seit auch sie einen Trennungskampf bestanden hatten für ewig. Veronika hatte des Bruders Entschluß genährt, vielleicht ihn geweckt, nachdem der Pater sie überzeugt hatte, daß ein Wunder umwandelnder Gnade für eine Natur wie Susannens nicht zu erhoffen sei; die Nonne hatte nicht geschwankt, als sie vor wenig Tagen den liebsten Menschen segnete, um ihn hienieden nicht wieder zu sehen. In diesem Augenblicke aber siegte über die Nonne das Weib, die leidende, mitleidende Creatur; 179 hätte sie den Fliehenden in die Arme seiner verzweifelten Gattin zurückführen können, sie würde ihr Leben darum gegeben haben und sie hat dieses menschliche Aufwallen, das ihr vor einer Stunde Schwachheit geheißen haben würde, niemals verläugnet und niemals bereut.

Sie bezeichnete den Weg, welchen die Freunde eingeschlagen hatten, den Hafenort, in welchem sie mit einigen österreichischen Missionsgenossen zusammentreffen sollten, auch das nächste Reiseziel auf afrikanischem Grund. Sie schrieb ein flehendes Wort, das den Bruder heimwärts rief. Felix hatte gewissenhaft jedes bindende Gelöbniß verweigert, so lange der Schwur am Altar zu Recht bestand; er durfte ohne Frevel zurückkehren, oder wie Susanne es verlangte, seine Gattin mit sich nehmen an die Stätten seiner heilfördernden Wirksamkeit; sie flehte auch den Pater an, seinen Einfluß in diesem Sinne geltend zu machen. Sobald der Wagen vom Pferdewechsel in der abgelegenen Poststadt zurückgekehrt war, drängte sie zum raschen Aufbruch. Sie umfaßte die unglückliche Frau heute mit schwesterlicher Liebe; drückte dem Jugendfreunde die Hand, geleitete Beide zum Wagen und blickte unter heißen Thränen ihnen nach, bis das letzte Rollen ihr entschwunden war. Die Orgel tönte noch und die Kinder sangen, als sie in ihr stilles Bereich zurückkehrte.

Rastlos ging es nun weiter Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht und wieder. Ein Vorsprung von fast drei Tagereisen mußte eingebracht werden. Roderich zweifelte nicht, daß die Freunde zu erreichen 180 sein würden. Sein Mißtrauen in Viola war so groß, daß er diesen Fluchtplan für ein geschicktes Manöver annahm, um seinen letzten Zweck zu erreichen. Roderichs Begleitung konnte nicht in Jenes Berechnung liegen; dahingegen ließ sich voraussehen, daß Susanne dem Entfliehenden folgen werde und es gab kein Zugeständniß, welches der zum Aeußersten Gereizten nicht abzudingen gewesen wäre, um den Preis, des geliebten Mannes eigen zu bleiben.

Susanne saß unregsam wie ein Marmorbild. Nur bei unvermeidlichen Zögerungen rief sie convulsivisch: »fort, fort!« und flüsterte in sich hinein: »auf ewig!«

Die Sonne war im Sinken, als sie die Hafenstadt erreichten. Susanne faßte krampfhaft den Arm des ersten Schiffers, der ihnen am Landungsplatze entgegentrat. Aber der Athem stockte ihr und auch Roderichs Herz schlug hörbar, da er die Frage nach dem Schiff, das die Missionsgenossen in die Ferne tragen sollte, von ihren bebenden Lippen nahm. Der Dampfer hatte bei Tagesgrauen die Anker gelichtet und war längst außer Sicht. Susanne stand eine Minute lang starr und brach dann einer Todten gleich zusammen.

Roderich trug sie in das nächste Gasthaus am Strand; er kannte diesen krampfhaften Zustand, der von Jugend auf heftigen Affecten gefolgt war und rechnete auf sein allmäliges Lösen wie früherhin. Für den Augenblick jedoch hinderte er ihn an einer Verfolgung des Schiffs, selbst wenn dasselbe in einem Boote oder auf dem Landwege bis zur berechenbar nächsten Kohlen- oder Wasser 181station hätte eingeholt werden können. Der Abgang des nächsten Dampfers mußte abgewartet werden.

Allein Susannens Zustand nahm nicht den erwarteten beruhigenden Verlauf; ja, er steigerte sich durch seine Dauer bis zur Hoffnungslosigkeit. Roderich durfte nicht daran denken, sich selbst zu entfernen und die Kranke mit dem alten Hubert, der sie auf der Reise begleitet hatte, allein zu lassen. Dieser Getreue war es, den er dem nun bereits so Entfernten mit der gegen Ende der Woche abgehenden Schiffsgelegenheit nachsandte. Er that es, wie auch der Besonnenste in heillosen Lagen gern etwas thut, so unzulänglich er es erachten mag. Denn selbst für den Fall, daß der alte Mann die Missionare noch auf ihrem afrikanischen Ausschiffungsplatze vorfinden sollte, seine Ueberredung, wer durfte sich darüber täuschen? würde eine Umkehr nicht bewirken, und weit eher, ja vielleicht weit lieber würde er dem theueren Herrn in die Wüste gefolgt sein, als diesen in die Heimath zurückgelockt haben.

Indessen hatte ihm Roderich die Briefe der Nonne mitgegeben, wie seine eigenen dringlichen Vorstellungen mit dem starken Argument von Susannens bedrohlicher Erkrankung; er hatte ihn genau angewiesen, in welche Hände er die Papiere zur Beförderung niederlegen solle, insofern die Missionare nicht mehr zu erreichen wären. Roderich hatte sich erst kürzlich in diesen Gegenden aufgehalten; es fehlte ihm nicht an Verbindungen, auf deren Bereitwilligkeit er zählen konnte; Viola's schwerwiegender Gegendruck war beseitigt und so durfte die Hoffnung 182 einer Sinnesänderung immerhin festgehalten werden. Wo alle ärztlichen Hülfsmittel versagten, klammerte er sich von Tage zu Tage zuversichtlicher an die rettende Liebeskraft und sah die Verlassene zum Bewußtsein erwachen, wenn sie sich plötzlich von des Geliebten Armen umfangen fühlen würde.

In dieser müßigen Spannung vergingen Wochen, Susannens Zustand war in ein verändertes, aber nur räthselhafteres Stadium getreten. Die Starre der Glieder hatte sich gelöst: die Kranke verließ das Bett, nahm ohne Wahl die nothdürftige Nahrung, schlief ungestört von Sonnenuntergang bis Ausgang; aber Sprache und Geist blieben gelähmt. Ohne Laut, ohne Zeichen des Empfindens saß sie, so lange es Tag war, am Fenster und stierte mit glanzlosen Blicken unverwandt auf das Meer, das zu ihren Füßen ebbte und fluthete. Der Freund, wie der Arzt hätte verzweifeln müssen diesem Stein gewordenen Seelenleben gegenüber, wenn nicht allmälig eine Wahrnehmung aufgetaucht wäre, welche die Wirkung eines natürlichen Wunders ahnen ließ und von welcher die Kunde auch den Geflüchteten mit magnetischem Zuge an die von Gott bestimmte Stelle zurückführen mußte.

Der volle Frühling hatte sich ergossen über das geschützte reiche Ufergelände, auf welches die beiden Menschen für unberechenbare Zeit gebannt waren; es war noch früh am Morgen und Roderich blickte über Hefte und Sammlungen hinweg auf das unglückliche Weib, das am geöffneten Fenster ungeblendet und un 183bewegt hinausstarrte in die sonnenflimmernde Fluth, als leise die Thür geöffnet ward und – nicht der ersehnte Gatte, auch nicht der treue Diener, aber Pater Viola in das Zimmer trat.

Er war, nachdem er auf dem Schiffsdeck vor Ancona den letzten Segen über die Sendboten gesprochen und sie für Leben und Sterben in ihrem frommen Berufe geweiht hatte, zu Land gegangen, um an höchster Stelle Rechenschaft für sein bisheriges Wirken abzulegen. Binnen Kurzem jedoch kehrte er zur Einschiffung in jene Hafenstadt zurück, da er von Neuem zur Thätigkeit in dem ihm vertrauten und gegenwärtig so erregten deutschen Norden auserkoren worden war. Jenes Etwas, das die Einen Zufall, die Anderen Bestimmung nennen, ließ ihn am Landungsplatze mit dem alten Oßlerschen Diener zusammentreffen, dessen Schiff vor Anker lag, um die römische Post und etwaige Passagiere aufzunehmen. Von diesem seinem vormaligen Beichtsohn erfuhr er mit allen Einzelnheiten den trostlosen Zustand, welchen die junge Frau in *** zurückhielt.

Viola's Weg führte wieder über diesen Platz und es trieb ihn, an denselben zu gelangen, bevor der Arzt die Kranke vielleicht nach irgend welcher unerreichbaren Richtung entführt haben werde. Den regelmäßigen Dampfer hatte er versäumt, so benutzte er das erste abgehende locale Segelschiff.

Das Schiff scheiterte während eines der an diesen Küsten so häufigen Stürme und ist es damals in weiten Kreisen bekannt geworden, mit welchen Anstrengungen 184 der heroische Priester bei diesem Scheitern eine Anzahl Menschenleben vom Untergange gerettet hat. Er hatte sich in Folge derselben eine lähmende Verstauchung zugezogen, und so geschah es, daß er auf dem Landwege wochenlang später, als er erwartet, sein nächstes Ziel erreichte.

Der alte Hubert hingegen setzte seine Fahrt fort, ungeachtet der Betheuerung des gläubig verehrten Beichtigers, daß er die Missionsgenossen nicht mehr erreichen könne. Sein Herz und sein Wort trieben ihn vorwärts. Er hoffte bis zum letzten, seinen Herren da oder dort noch aufzufinden, seine Botschaft auszurichten und wo es auch sei, in des Theueren Nähe zu leben und zu sterben. Es schien aber ein Unstern zu walten über allen Plänen, welche Roderich zur Wiedervereinigung der Gatten entworfen hatte. Der treue Alte erlag den gemüthlichen Aufregungen und den Beschwerden der sturmvollen Seereise. Im Angesicht der ersehnten Küste wurde sein Leichnam in das Meer versenkt. Die anvertrauten Papiere gelangten nach monatelangen Kreuz- und Querzügen in Roderichs Hände zurück.

Als der Pater in das Krankenzimmer trat, bemerkte er anfänglich die Gegenwart eines Zeugen nicht; seine Blicke hafteten an dem unregsamen Menschenbilde, das er vor Wochen in der üppigsten Blüthe und in der Gluth des Affekts verlassen hatte. Die Erschütterung übermannte ihn; sein Kopf fiel auf die Brust hinab, die Lider senkten sich über die Augen; die allezeit bleichen Wangen färbten sich todtengrau und selber die Lippen 185 wurden weiß. Sobald er jedoch Roderichs sich nähernden Schritt vernahm, richtete er sich in die Höhe und begegnete ruhig dem Blicke eines bewußten Feindes. Eine Minute lang standen die beiden hohen Gestalten, die biegsam schlanke des Priesters und die markige des Arztes, sich schweigend Aug' in Auge, als ob sie sich mäßen zu einem Kampf auf Leben und Tod.

»Das ist Ihr Werk,« sagte dann Roderich, auf die Frau deutend, die nicht blind war und doch nicht sah, was neben ihr geschah und in den Worten, die vor ihrem Ohr gesprochen wurden, nur ein Geräusch vernahm gleich dem Brausen der See oder des Sturms.

»Es ist das Ihre,« entgegnete Viola; »Sie wußten es, daß Zwei sich die Hände reichten über einer Kluft, die sich weder ausfüllen noch überbrücken ließ und Sie förderten, was Sie hindern sollten.«

»Sie überschätzen meine Kunst und meinen Willen,« versetzte Roderich mit Hohn. »Das natürlich zu einander Strebende bedarf keiner Förderung und es zu hindern oder gar zu scheiden, gelingt wohl häufig dem Hasse, aber niemals dem, was Sie Vernunft nennen, ich aber Unvernunft.«

Der Pater wallte auf, so wie Roderich ihn niemals gesehen hatte und schwerlich ein Anderer, seitdem er Pater Viola hieß. Seine Wangen rötheten sich im Laufe der Rede und die weitgeöffneten Augen glänzten in hervorbrechender Leidenschaft. »Sei es darum,« rief er, »sei es, daß ich den Außenrand der scheidenden Kluft breiter gegraben und dem Einen wie dem Anderen 186 den Weg in die Freiheit geebnet habe. Es war ein Handlangerdienst der Natur. Aber warum nennen Sie ihn Haß, Roderich, und nicht weit eher Liebe? Sollte ich dieses herrliche Geschöpf, unter Tausenden ein Meisterwerk des zeugenden Mysteriums, seinen Reichthum an Einen vergeuden sehen, an Einen, der ihn nimmer nach seinem Werthe zu schätzen lernen konnte? der nach Alraunenwurzeln grub, während der Baum des Lebens ihn umrauschte und alle Erdenblüthen ihre Düfte streuten? Sie, so wenig wie ich würden diese Verirrung der Natur ertragen haben; denn auch Sie, Sie lieben dieses Weib und Sie müssen mir seine Befreiung danken, wie Sie, Hand auf's Herz, Mann, wie Sie mir, den Sie einst höhnend einen Scheidekünstler nannten; es heute danken, daß ich Ihnen und Veronika die natürliche Freiheit wiedergab. Wir werden uns nie im Leben wiedersehen, Roderich, und ich würde keinem außer Ihnen sagen, was außer Ihnen keiner verstehen und darum glauben könnte. Ich liebte dieses Weib, schon als es ein Kind war; ich hätte es bilden mögen für das Glück, das sie in diesem armseligen Puppenspiel der Existenz wie selten Eines zu genießen und zu gewähren fähig war. Hätte ich noch Gustav Viola geheißen, oder wäre nur mein Haar nicht damals schon im Ergrauen gewesen, mein hätte dieses Weib werden müssen, mein um jeden Preis. Da es zu spät war, nun so liebte ich es, nennen Sie es wie ein Vater liebt, ein Vater, der ja in dem verkümmertsten Manne schlummert; oder wie ein Künstler, der ein Meisterwerk nicht von Pfuscherhänden übertünchen sehen kann. 187 Ihnen, Roderich, bei der ewig wahrhaftigen Natur! Ihnen würde ich es gegönnt haben, gönne es Ihnen heute noch, sobald die Nymphe ihre Hülle sprengt. Der aber, der sein Heil in einer Wüste sucht und finden wird, dieser Felix – – –«

Er stockte, denn Susanne wendete bei dem Namen ihre großen, glanzlosen Augen nach der Seite, von welcher der Schall zu ihr drang. Alsobald jedoch richtete sie dieselben wieder auf das Meer hinaus. Vielleicht war die Bewegung eine zufällige; aber schon die Möglichkeit, wenn auch nur des Vernehmens, durchzuckte den aufmerksamen Arzt wie ein Hoffnungsschimmer.

»Genug der Sophismen!« rief er gebietend. »Sie sind zu lange Zeit ein Mönch gewesen, um noch zu verstehen, was Gustav Viola einst vielleicht verstanden hätte. Oder ahnen Sie noch, was Freiheit ist? Man dient nicht der Natur, wenn man gegen ihre unergründbarsten Mächte anmaßlich reagirt und man ist kein Freund der Kunst, wenn man die Basis, auf welcher ein Meisterwerk – mag es sein unrichtig – gestellt ist, untergräbt, so daß das Gebilde zusammenstürzt. Das Glück dieses Weibes, das Sie schützen konnten, haben Sie zerstört und vielleicht – das Leben einer Mutter. Wollen Sie der Natur, auf die Sie sich berufen, gerecht werden, so bringen Sie den Vater zu seinem Kinde zurück.«

Viola stand bei dieser Enthüllung wie vernichtet; er starrte in des Arztes Augen, als ob er falsch verstanden habe. Da dieser aber bestätigend den Kopf 188 senkte, preßte er seine Hand und murmelte: »Er wird zurückkehren.«

Er that darauf einen Schritt der unglücklichen Frau entgegen; Roderich stellte sich zwischen sie und ihn, wies gebieterisch mit der Hand nach der Thür und Gustav Viola entfernte sich.

Roderich hat niemals bezweifelt, daß es dem Pater mit seinem letzten Versprechen Ernst gewesen ist und daß er das Seine gethan, es zu erfüllen. Selbst wenn die Motive, die ihn bei diesem Scheidungsprozesse leiteten, weniger ideeller Natur, als er sie angab, gewesen wären, ihre Erfolge würden nach des Arztes Enthüllung hinfällig geworden sein. Fest steht indessen nur, daß keine Bemühung von irgend welcher Seite den Entflohenen zurückgeführt hat und abschließend soll hier nur noch die einmüthige Behauptung der Gegner berührt werden, die den eifrigen Priester an seinem letzten Gelingen scheitern ließ.

Das Schicksal des Oßlerschen Ehepaars hatte weithin ein ärgerliches Aufsehen erregt; die religiös-politische Streitfrage war in das Stadium scheinbarer Ausgleichung geleitet worden; die bisherigen Agenten traten in den Hintergrund. Auch Pater Viola zog sich, freiwillig oder nicht, in ein römisches Kloster zurück. Den heimischen Boden hat er, soviel bekannt geworden ist, nicht wieder betreten.

*

Woche auf Woche schlich hin, ohne daß Susanne aus ihrem Stumpfsinn erwachte. Sie gab kein Zeichen 189 des Empfindens oder Wahrnehmens mit Ausnahme eines convulsivischen Sträubens, wenn man sie, so lange es Tag war, von ihrem Fensterplatz und dem Blick auf das Meer entfernen wollte. Im Hochsommer entschloß sich der Arzt endlich dazu, sie im narkotisch verstärkten Schlafe aus der Gegend zu entfernen. Sie zeigte beim Erwachen eine lebhafte Unruhe, wendete sich von einem Wagenfenster zum andern und starrte angstvoll fragend in Roderichs Augen, wenn sie statt Masten und Wogen zu beiden Seiten der Straße nur Felsen oder Bäume gewahrte.

Indessen wurden, so schien es, während dieser Reisetage die unbewußten Erinnerungen allmälig durch gleich unbewußte Ahnungen verdrängt und diese Winke innerlichen Lebens steigerten sich, nachdem die Unglückliche in Roderichs Heilstätte nothdürftig zur Ruhe gekommen war. Wohl äußerte sie auch jetzt noch durch kein Wort, keinen Zug oder Blick ein Verständniß ihrer Umgebung und nichts drang durch ihre Nacht als ein Schimmer des Muttergefühls. Sie, die niemals eine Handarbeit getrieben hatte, fing an sich mit dem zu beschäftigen, was zur Umhüllung eines Neugeborenen nöthig ist; sie zerschnitt die Laken und Kissen ihres Bettes, um sie nach kleinerem Maßstabe einzurichten und äußerte die Freude eines Kindes beim Puppenspiel, wenn man ihr statt ihrer Versuche ein fertiges Stück unterschob. Niemals früher war sie das, was man kinderlieb nennt, gewesen; jetzt waren einige kleine Siechlinge der Anstalt und ein Enkelpärchen des Gärtners die einzigen Wesen, denen 190 sie sich mit Zärtlichkeit näherte; sie hätschelte sie auf ihrem Schooß und tändelte mit ihnen auf dem Rasenplatz im milden Herbstsonnenschein.

Es war der wehethuendste Eindruck, die einst so geistbelebte Frau sich nur noch im unmittelbarsten dunklen Triebe bewegen zu sehen, ein Eindruck, vor welchem der herbeigeeilte Vater, bis in das Mark erschüttert, floh. Die Unglückliche hatte keinen Angehörigen, keinen Theilnehmenden als einen Freund, aber in diesem Freunde auch alles, was für Vater und Mutter, Bruder und Schwester Ersatz zu gewähren vermag und dieses Alles ohne Entgelt eines einzigen Dankesblicks. Susanne gab kein Zeichen, daß sie ihn jemals gekannt habe, oder eines seiner Worte auch nur vernehme.

Wenn aber der Freund unbelohnt blieb, um so reicheren Gewinn erntete der Arzt, der nie zuvor in so mäliger Folge an einem entwickelten Wesen beobachtet hatte, wie in vielleicht gesonderten Organen ein Instinkt zur Vorstellung wird, die Vorstellung zum Bewußtsein, gleichsam zum innerlichen Wort und erst lange danach zum sprachlichen Ausdruck gelangt. Denn nach Monaten gewann die Kranke auch diesen endlich wieder und gebrauchte die Gabe zwar selten, doch mit deutlichen Worten, sobald es ein momentanes Verlangen auszusprechen galt. Niemals jedoch that sie eine Erinnerung kund und nannte keinen Namen, welcher derselben angehörte.

Gegen den Winter hin gebar sie eine Tochter und mit dem ersten Hauche dieses einem harten Kampfe ent 191rungenen Lebens, wurden nicht nur die gebundenen Seelenkräfte wieder frei, sondern es entwickelten sich auch die Fähigkeiten, welche als Keime in ihrem Wesen geschlummert hatten. Nicht die heiße Liebe zum Mann, die milde Mutterliebe bewirkte die Metamorphose, auf welche der treue Anwalt der Natur seit ihren Kindertagen gerechnet hatte. Ihr vergangenes Leben bis zu jenem sinnberaubenden tödtlichen Moment war in der Erinnerung aufgewacht; aber eine geheimnißvolle Gnade muß es genannt werden, daß die Zeit ihrer Bewußtlosigkeit in ihr gewirkt hatte gleich einer bewußten, in welcher der Stachel des schärfsten Wehes im Herzen sich abstumpft. Eine milde Trauer breitete sich wie ein Wittwenschleier über unverlöschliches Gedenken und ein edles Gleichmaß trat an die Stelle der ebbenden und fluthenden Leidenschaft. Nicht das Glück, wie sie einst gewähnt, der Schmerz war es, welcher dieser reich begabten Frau die Weihe der Güte und selbst ihrer äußeren Schönheit die der Grazie verlieh.

Der Großvater und der Freund waren Zeugen, als das kleine Mädchen nach seines Vaters Namen Felicia, aber auf das mütterliche Bekenntniß getauft ward. Susanne selbst vertrat die Nonne, welche in dem ersten Sakrament keinen Widerspruch mit ihrem eigenen Bekenntniß und eine reuevolle Genugthuung darin fand, sich zum Schutz dem Kinde anzuverloben, dessen Vater sie, der göttlichen Barmherzigkeit vorgreifend, in die Irre hatte treiben helfen.

192 Unmittelbar nach der Taufhandlung hatte der Präsident eine Unterredung mit seiner Tochter, in welcher er ihr die bereits eingeleiteten und jetzt nach ihrer völligen Genesung durchzuführenden Schritte darlegte, um ihre bürgerliche Scheidung von ihrem Gatten zu bewirken. Susanne widerrief diese Schritte und widerstand ihnen mit sanfter, aber unumstößlicher Entschiedenheit. Der alte Herr wallte auf in dem ihm eigenen Ungestüm.

»Hast Du denn,« so rief er aus, «alles Gefühl dafür verloren, was Du Deinem Vater, den Gesetzen Deines Staates, dem in Deiner Person gröblich geschmähten Rechte Deiner Kirche, was Du Dir selbst und Deinem Kinde schuldig bist?«

»Meinem Kinde bin ich schuldig, ihm den Vater zu erhalten,« versetzte Susanne.

»Und wenn er zurückkehrt,« entgegnete der Präsident, »das heißt wenn er zurückgerufen wird, der folgsame Pfaffenknecht, wie es jeden Tag erwartet werden muß, nachdem sein Erbe nicht mehr der nimmersatten todten Hand, sondern einer lebenden anheimfällt, dann willst Du ihm Deine Tochter überantworten, damit sie nur ja seiner heiligen Kirche nicht verloren gehe und in der zweiten Generation erreicht werde, was, Gott sei Dank! in der ersten die Natur vereitelt hat?«

»Meine Tochter wird in Deiner Kirche, erzogen werden, und sobald sie reif zur Wahl geworden ist, nach eigenem Bedürfen über ihr innerstes Anliegen entscheiden. Ich aber bleibe ihres Vaters Gattin, so lange er lebt und lebte er nicht mehr, will ich mich seine Wittwe nennen dürfen.«

193 »Unglückselige Phantasterei!« rief unwillig der Präsident, indem er das Zimmer verließ und da Roderich ihn an die Schonungsbedürftigkeit seiner Tochter erinnerte, ohne längeren Aufenthalt die Rückreise antrat.

In jedem seiner Briefe jedoch erneuerte er das caetera censeo seiner Forderung und in jeder ihrer Antworten wiederholte seine Tochter ihre standhafte Weigerung; das kühle Verhältniß zu ihrem ältesten Angehörigen, das aus dieser Weigerung entsprang, war ein Wehepunkt mehr in ihrem neuen, auf Versöhnung gerichteten Leben.

Am Abend des Tauftages hatte sie an Felix geschrieben und ihn mit den tiefsten Tönen der Treue zurück gerufen zu seinem Weib und Kind. Sie wiederholte diese Mittheilungen von Zeit zu Zeit, indem sie ausführlich gleichsam Rechnung ablegte, über ihr mütterliches Thun und bilden diese Mittheilungen Tagebücher, welche dereinst wohl der Veröffentlichung würdig befunden werden dürften. Roderich beförderte die Briefe durch englische Vermittelung an den ostafrikanischen Consulatplatz, welcher den Missionsgenossen als Ausgangspunkt bestimmt worden war, wie er denn schon selbst zuvor auf diesem Wege den bethörten Freund an seine neuen und nächsten Pflichten gemahnt hatte. Da nun auch Veronika durch ihre geistlichen Verbindungen den dringendsten Aufruf an das Vaterherz gerichtet hatte und an des Paters gleichen Bestrebungen nicht gezweifelt werden durfte, so war es kaum denkbar, daß diese wiederholten Mittheilungen von 194 verschiedenen Seiten nicht endlich einmal den Entfernten erreichen sollten.

Susanne widerstand auch darin den Wünschen ihres Vaters, daß sie ihm nicht in die Hauptstadt folgte, sondern wieder in das weiße Haus am Fluß übersiedelte, das die seligsten wie unseligsten Erinnerungen ihr zur Heimath machten. In dieser Umgebung wurde die kleine Felicia zu dem Kern und Stern, von welchem aus des Lebens Kreise sich erweiterten.

Die körperliche Pflege, auf welche die Sorge für ein Kind sich zunächst beschränkt, öffnete den Blick der Mutter für die allgemeine menschliche Bedürftigkeit, gegen welche sie sich bisher zwar nicht gleichgültig, aber müßig verhalten hatte. Sie lernte das Geringscheinende »durch die Lupe« betrachten, wie Roderich es nannte, und befaßte sich mit den kleinen Leiden und Freuden der Existenzen. Geweckt durch einen urewigen Trieb, gefördert auch in dieser Richtung durch des treuen Freundes Rath und durch Veronika's hohes Beispiel entwickelte sich das Verlangen des Dienens und Helfens, das wie ein Hort in der Frauenseele ruht und dem sie einstmals den Namen der Liebe hatte absprechen wollen, ja heute noch denselben ihm absprach Bei starker Bemühung blieb in dem einfachen Tageslauf der Feind ihrer kummerlosen Tage, die Langeweile, ihr fern.

Die Pflicht der Mutter vollzog eine Wandlung in ihr, aber auch noch in einem innerlicheren Sinne. Seit sie in Veronika's Namen sich ihrem Kinde zur christlichen Obhut anverlobt hatte, empfand sie ein inniges Sehnen, 195 diesem Kinde, dem der irdische Vater entschwunden war, ein überirdisches Vaterreich aufzuschließen; sie wollte, was ja das Kennzeichen, wie der Segen alles religiösen Lebens ist, sie wollte ihr Kind dereinst beten lehren und darum neigte sie selbst sich zum Gebet. Nicht mehr wie in jener verhängnißvollen Nacht zum Gebet um die Wiederkehr ihres Glückes, aber um die anspruchslose Ergebung in einen höheren Willen. So wendete sie sich auch nicht länger selbstgenügsam von ihrer kirchlichen Gemeinschaft ab, seitdem ihr ein Wesen anvertraut war, das eines Tages vielleicht mit seines Vaters Empfänglichkeit Lehre und Zucht in einer solchen Gemeinschaft bedürfen konnte und wenn es ihr nicht gegeben war, mit dem Tiefsinn der Nonne das letzte Geheimniß zu erfassen, so näherten im Ahnen des Unsichtbaren sich doch die Geister, je mehr in der Liebe des Sichtbaren die Herzen sich zu schonender Freundschaft verbanden.

Auch in dieser Richtung aber war es ein unvergängliches Weh, welches das vorgezeichnete Gleis bis zum Seelengrunde vertiefte. Die kleine Felicia entwickelte sich zu einer wunderbaren Aehnlichkeit mit dem Vater, einer Aehnlichkeit, welche der Mutter das Kind wenn nicht lieber, so doch lieblicher machte. Sie hatte die feinen Formen des Verlorenen, sein schlichtes, seidenweiches, braunes Haar, die unvergeßlichen stillen, blauen Augen. Den seltsam stetigen Ausdruck dieser Augen wähnte die Mutter lange Zeit in der Wahrnehmslosigkeit der ersten Kindheit begründet. Aber die Zeit der Wahrnehmung kam; die Kleine lächelte und zappelte vor Freude, 196 wenn ihre junge Wärterin ihr ein Liedchen vorsang, oder ein Leiermann vor der Thür die Orgel drehte. Wenn aber die Mutter ihr ein Spielzeug vor die Augen hielt, sie an den Spiegel trug, vor welchem Kinder sogern ihrem Ebenbilde zunicken, dann blieb sie starr und stumm.

»Ihre Sehorgane sind schwach entwickelt,« sagte dann Roderich, in dessen prüfenden Mienen die Mutter mit angstvoller Spannung forschte.

»Werden sie sich aber entwickeln?« fragte die Mutter, ohne das leidenschaftliche Sträuben gegen ein unheilvolles Geschick, das ihrer Jugend eigen war, aber mit um so herzergreifenderem Weh. Und der Freund nährte die Hoffnung anfänglich auf die Heilung der Zeit, später auf die der Kunst. Er that es gegen seine Ueberzeugung und es blieb die einzige Unwahrheit in ihrem langen Freundesleben. Felicia war blind, unheilbar blind geboren.

Auf die Dauer indeß durfte er diese Täuschung nicht nähren, denn die Erziehung eines verkümmerten Wesens muß von früh ab anders angelegt werden, als die eines sich mit vollen Organen entwickelnden. Möge es uns erspart bleiben, den Jammer der mütterlichen Entsagung bei dieser Aufklärung zu schildern; in seiner nagenden Dauer begreifen würde ihn ja doch nur der, welcher ein ähnliches Schicksal erfahren hat. Mit deutlichem Finger wies aber auch hier nun die Natur in das Reich jenes zweiten Lichtes, das Tagesaugen Dunkel heißt, und inniger wie durch jedes andere Geschick führte dieses schwerste die Mutter des blinden Kindes der Schwester 197 zu, die blinde Kinder mit so viel Hingebung zu fröhlichen Menschen bildete.

Bei jedem Besuche im Kloster entdeckte Susanne und entdeckte es nicht ohne Kampf mütterlicher Eifersucht, daß Felicia's heimlichstes Wesen und Weben sich dem der Nonne stärker als ihrem eigenen zuneigte; daß sie sich in Jener Umgebung so wohl und frei fühlte, wie in ihrem eigenen Hause nie. Deutlicher aber noch als bei flüchtigen Besuchen, trat diese Erfahrung an den Tag, als Susanne plötzlich an das Kranken- und Sterbebett ihres Vaters in der Residenz berufen, ihre Tochter für längere Zeit in der klösterlichen Obhut zurückließ. Wie die Mutter nun nach Monaten in die Heimath zurückkehrte, durchrissen der letzte Faden, der sie an die Vergangenheit knüpfte, mit allen Neigungen und Pflichten auf die Zukunft gewiesen, da fand sie das schmiegsame Kind zwar nicht sich gemüthlich entfremdet, aber doch mit den feinsten Fühlfäden in ein anderes Dasein verwoben.

Die Heiterkeit, zu welcher Felicia im Kreis der gleichartigen Gespielinnen erblüht war, versiegte in dem einsamen Hause der Mutter, oder unter geladenen kleinen Gästen, die mit sehenden Augen in anderer Weise spielten als die blinden; die Lieder, die sie im Kloster gelernt und mit der Lust einer kleinen Lerche gesungen hatte, banden sich neben der unmusikalischen Mutter zu keinem Accord und verstummten; die anstrengenden Uebungen eines Clavierlehrers gaben keinen Ersatz; alles Lernen wurde Felicien nur leicht in einem Verein; die kindliche 198 Phantasie von der reichen katholischen Anbetung erfüllt, schmachtete nach einer Befriedigung, welcher der protestantische Unterricht nicht zu gewähren vermochte; des Vaters Eigenart war in seinem kleinen Ebenbilde zum Durchbruch gekommen.

Nun wußte aber Susanne aus ihrer eigenen frühesten Erfahrung, wie viel tiefer noch als der zur Vernunft Erwachsene das Kind in einer unangemessenen, innerlichen Atmosphäre leidet, und sie fühlte, wie tief vor Allem ein Kind leiden mußte, dem der stärkste Sinn für das Außenleben gebricht. Sie täuschte sich daher nicht über das, was der ausgesprochenen Neigung ihrer Tochter gegenüber ihre Pflicht war: sie hatte ihr die Gemeinschaft der Gleichgearteten, die Wirksamkeit der geliebten und geübten Veronika zu gewähren, damit aber auf das Recht einer protestantischen Erziehung zu verzichten. Und sie war entschlossen, ihre Pflicht zu thun. Um indessen nicht den letzten Einfluß auf ihr Kind daran zu geben, um ihm die Freiheit eines Wechsels oder eine Heimkehr zu wahren, dachte sie daran, aus dem Hause am Fluß in unmittelbare Nachbarschaft des Klosters zu übersiedeln. Löste nun aber diese Uebersiedelung sie nicht aus dem Verkehr und dem Zusammenhange mit Roderich, dem einzigen, welchen er seit seiner Heimkehr gehegt und gepflegt, dem einzigen geistig angemessenen, welchem auch sie sich hingegeben? Hatte sie keine Pflichten gegen diesen vielgetreuen Freund, keine Rücksicht für seine Wünsche, sein Bedürfen? Wann hatte ein Mensch mehr für einen Menschen gethan, als er für sie? Er war ihr Rather 199 und Führer, der Arzt ihres Leibes und ihrer Seele; mehr, weit mehr als ein Vater oder Bruder gewesen. Und er liebte sie, sie wußte es jetzt, er liebte sie nicht blos als ein Freund. Es war Wahrheit in dem, was Viola gesagt: Auch Roderich hatte sie geliebt, als sie fast noch ein Kind war; um wie viel mehr liebte er sie heute in ihrer völligen Entwickelung. Er hing ihr an mit brüderlichem Bescheiden, vielleicht ohne Hoffnung einstigen Gewährens; aber er war gewöhnt an den täglichen Umgang der Frau, die sich unter seinen Augen zum reinsten Einklang mit seinem Geist, zum spät erfüllten Traumbild der Seele entfaltet hatte. Er war glücklich in ihrer Nähe. Sie ihm entziehen, hieß es nicht schnöder Undank, nicht Wohlthat mit Wehethat vergelten?

Jahr um Jahr war hingegangen, ohne Lebenszeichen von Felix oder eine Kunde über ihn. Die Erwiderung, welche Roderich auf seine Anfragen bei den überseeischen Behörden erhielt, lauteten dahin, daß die Missionsgenossen längst nach ihren unbekannten und unerreichbaren Stationen aufgebrochen gewesen seien, als die ersten Briefe ihr Ziel erreichten; daß dieselben aber, ebenso wie alle folgenden für eine später immerhin mögliche Beförderung oder Uebergabe wohl verwahrt werden würden. Auch die Nachrichten, welche die Nonne über die Begleiter ermitteln, die nach verschiedenen Richtungen zerstreut, mehrentheils dem Klima und ihren Strapazen erlegen waren, erwähnten ihres Bundes nur in sofern, als er die entlegenste und gefahrvollste der neuzu 200begründenden Stationen für sich erwählt habe, dorthin im Gefolge eines priesterlichen Freundes und im Geleit etlicher Eingeborener aufgebrochen und seitdem spurlos verschwunden sei.

Erst aus einer späteren Zeit datirt das, was über seine Erlebnisse und Anstrengungen auf diesem Zuge, über seine aufopfernden Heilsbestrebungen und die vielseitigen auch dem Naturforscher wichtigen Entdeckungen bekannt geworden ist. Felix von Oßlers Name wird unter den Märtyrern genannt, welche das zum Mysterium gewordene Gebiet des alten Vater Nil so unwiderstehlich angelockt hat und ja noch immer lockt.

Wie er aber auf diese Weise keine Kunde aus der Heimath zu erhalten vermochte, so hat er, als er anfänglich dazu wohl noch im Stande war, absichtlich kein Lebenszeichen dahin gerichtet. Er scheute eine Anknüpfung, denn, es muß ja gesagt sein, der Kampf entgegengesetzter Pflichten und entgegengesetzten Verlangens ist niemals in ihm zum reinen Austrag gekommen. Er wollte todt sein für die Vergangenheit, wollte zählen zu den in das Jenseit Abgeschiedenen, denen es ja auch versagt ist, den Zurückgebliebenen ein Merkmal dauernder Liebe kund zu thun.

Und zu einem Abgeschiedenen wurde er denn auch nicht nur der Welt, sondern allmälig selbst denen, die ihn dauernd hienieden liebten. Gattin und Schwester betrauerten ihn als einen Todten. Es war im zehnten Jahre seines Verschwindens, die Zeit nahte, in welcher sich Susanne ohne bürgerlichen Scheidungsakt gesetzlich 201 frei für eine neue Wahl fühlen durfte, auch bestritt ihr Gewissen das Recht einer Verbindung mit Roderich in keiner Weise. Ihres Vaters letzter Rath und Wunsch war diese Verbindung gewesen; die Rücksicht für ihr Kind durfte sie nicht hindern, denn wenn es auch nicht in Veronika eine zweite Mutter geliebt hätte, wer hätte ihm würdiger und zärtlicher Vater sein können als Roderich? Die Nonne zeigte ein dringendes Verlangen, die beiden theueren Menschen durch wechselseitiges Glück für das zu entschädigen, welches Bruder und Schwester einer höheren Satzung hatten opfern müssen. Auch die Welt, wenn deren Stimme bei solcher Lebensfrage in Betracht kommen darf, die Welt würde keinen Einspruch erhoben haben; im Gegentheil, sie erwartete, ja sie forderte diese Verbindung und hatte nicht sogar ein Menschenkenner wie Viola gesagt, Roderich wie kein anderer sei von der Natur zu ihrem Gatten bestimmt? Warum also, wenn so viele Stimmen von Innen und Außen sich in der Forderung dieser Verbindung einigten, warum zögerte Susanne?

Manchesmal im Laufe dieses Jahres saß sie am Fenster, das nach der Pforte des schönen Thales blickte, im Winter, wenn der Schnee wie ein Bahrtuch den langgestreckten Höhenzug umhüllte, im Sommer, wenn kühlende Lüfte vom Königswalde niederwehten und zu ihren Füßen der Fluß seine altvertraute Weise rauschte; den Kopf in die Lehne ihres Sessels gedrückt, die Augen still vor sich hingerichtet, suchte sie sich klar zu werden über das Recht, die Pflicht, die Möglichkeit, sich dem 202 verehrten Freunde hinzugeben als sein Weib. Aber einmal und alle schwanden die Gedanken, die Augen fielen ihr zu, Erinnerungen, Bilder, Vorstellungen drängten und scheuchten sich und wenn sie endlich wie aus einem Traume in die Höhe schreckte, dann war es der Schatten des Unvergeßlichen, der von ihrer Seite wich, sein Arm, der sie umfangen gehalten hatte, sein Hauch, der auf ihren Lippen, seine Abschiedsthräne, die auf ihrer Wange brannte und der treu harrende Freund war vergessen.

In diesem gedrängten Abriß der leidvollen Witwenjahre Susannen von Oßlers ist bis jetzt eine Phase ihrer Entwicklung unberührt geblieben, die doch für weitere Kreise diese Lebensskizze erst zu einer bedeutsamen machen wird: die Entwicklung der Dichterin.

Jener eingeborene Trieb, welcher ihrer beengten Jugend in natürlichen Lauten Luft gemacht hatte, dann während der Jahre der Erfüllung eingeschlummert war, er erwachte in der Zeit der Reife zu einem bewußten, durchbildeten Thun. Susannens Poesien sind bekannt und vielseitiger anerkannt worden, als es bei Frauendichtungen die Regel ist, ja bewundert. Uns genüge die Bemerkung, daß sie ihr innerliches Weben und Wirken deutlicher erklären, als die sorgfältigste Sichtung eines Befreundeten vermöchte. Dennoch würde selbst ein so innig Vertrauter wie Roderich nicht im Stande sein, aus ihnen den geheimnißvollen Zusammenhang zwischen dem natürlichen Empfangen und künstlerischen Zeugen erschöpfend darzuthun.

203 Wer hat der eintönigen Haide das elegische Flüstern abgelauscht und es in so mannigfaltigen Melodien ausgeklungen, wie diese Frau, die in den bängsten Lebensstunden, antheillos oder grauenvoll angeweht, die Sommers so dürftige, Winters so öde Strecke zwischen ihrem neuen Haus und dem alten Kloster durchmaß? Wem, der das ergreifende Gedicht, »das Weib des Schiffers,« gelesen, hat nicht das Herz gezittert bei den einfachen Sehnsuchtslauten nach dem Erwarteten, bei dem schrillen Schmerzensschrei nach dem Verlorenen? Wer aber ergründet den heimlichen Seelenvorgang, durch welchen eine nach der Natur aufgenommene Scenerie und der Wechsel lebensvoller Bilder auf dem Meere, wie am Strand, sich Blicken einprägten, die bewußtlos in das Leere starrten, um jahrelang in dunkler Kammer zu ruhen und endlich, dichterisch ausgestaltet, wieder in's Leben geboren zu werden?

*

Zehn Jahre waren voll seit Oßlers Entfernung und Susannens Schwanken war noch nicht zum Abschluß gekommen, als von Westen her jene Windsbraut fluthete, die in unserem Vaterlande die späten und spärlichen Knospen vom Baume der Freiheit schüttelte, bevor sie sich zu Blüthen entfalten durften.

Auch in dieser Provinz zuckte die Erschütterung nach mit vorwaltend religiösen und socialen Stößen. Es wurden Versuche gemacht, altgesicherten geistlichen wie weltlichen Besitz zu zerstören und mit Erbitterung wurde unter einem allbekannten Schiboleth ein Sturm erhoben, 204 welcher die Saaten Pater Viola's und seiner Gleichgesinnten zu knicken drohte, wenn auch nur, um sie ein oder zwei Sommerwenden später frischbestockt wieder empor treiben zu lassen.

Susanne war durch Roderich längst für befreiende Strömungen empfänglich gemacht und wurde nun antheilsvoll in dieselben hineingezogen. Sie sah mit Enthusiasmus ein regenerirtes, weltgebietendes Vaterland erstehen und sie hielt die unteren Stände berechtigt zu Forderungen an ein menschenwürdiges Dasein. Ein Geist wie der der Befreiungskriege war über sie gekommen; sie hätte Hab' und Gut der hohen Sache opfern mögen und ausziehen, um in den Kämpfen, unter denen sie erstritten werden mußte, die geschlagenen Wunden zu verbinden.

Roderich dahingegen blickte trübe. Er hatte in strenger Gedankenzucht die unklaren Ideale seiner Jugend zu Forderungen geläutert, die einem männlichen Willen und geeinten Kräften erreichbar waren. Seit den ersten Bewegungstagen jedoch erkannte er die Verworrenheit der Ziele und die Unreife der durchführenden Gewalten; mit Unwillen sah er die Strebungen in einzelnen Eruptionen verpuffen; er ahnte ein klägliches Hinsiechen der Geister und unter dem unvermeidlichen Gegendruck bestenfalls einen fernen Zukunftskeim.

Tag für Tag brachte neue Kunde von Aufregungen in Stadt und Land. Die Garnison auch unserer Festung war großentheils ausgerückt, um Zusammenrottungen hier und dort zu zerstreuen; Landwehren, deren Zu 205verlässigkeit vielseitig gemißtraut ward, hatten den Dienst übernommen, der Commandant die Wälle armiren lassen. Nur dem beruhigenden Einfluß des als Volksfreund und Wohlthäter in weitem Umkreis hochgeschätzten Arztes war es zu danken, daß es nicht zu offenem Aufruhr und Blutvergießen gekommen war. Roderich gönnte sich Tag wie Nacht keine Ruhe, Unterwühlungen einerseits, Gewaltmaßregeln andererseits vorzubeugen.

Aber in diesen haltlosen Zuständen, deren Ausgang nicht zu berechnen war, empfand er stark wie noch nie das Verlangen eines dauernden gemüthlichen Anschlusses und eines Ersatzes an Liebe für die Verkümmerungen männlichen Strebens, welche er in der Folgezeit voraussah. Herzlicher denn je neigte er sich der Freundin zu, die hoffnungsvoll und ermuthigend ihm gegenüberstand und doch, verlassen wie wenige Frauen, eines starken Schutzes bedurfte.

Sie war etliche Tage fern von ihm gewesen, um für die unberechenbaren Zwischenfälle der aufgeregten Zeit ihre Tochter, welche den Winter im Kloster verbracht hatte, zu sich abzuholen.

Als Roderich nach Mittag die Heimgekehrten begrüßte, drängten die langgehegten Wünsche sich über seine Lippen; die Hand des starken Mannes zitterte, als er die der geliebten Frau an sein Herz drückte; seine Augen schimmerten feucht; dann verließ er sie hastig, um ihr Ruhe zur Entscheidung zu gönnen.

Susanne blieb tief bewegt zurück. Sie trat an das Fenster und sah die hohe Gestalt zwischen Menschen 206gruppen verschwinden, die bandenweise einem Wirthshause außerhalb des Glacis zuströmten. Es war in demselben eine öffentliche Versammlung angesagt worden, in welcher neben anderen Zeitfragen, vornehmlich über eine Verbrauchssteuer berathen werden sollte, die als Grundquell des Volkselends eben so eifrig verdammt ward, wie sie Jahr und Tag später hartnäckig vertheidigt wurde, als die schonendste Maßregel des staatlichen und communalen Wirthschaftsbetriebs. Auch vom platten Lande war der Zuzug stark; denn wo der Stadtbürger sich von seinen Lasten befreite, wollte der Bauer nicht zurückbleiben, sein Bündel abzuwerfen. Polizei und Militairgewalt hatten gegen etwaige Ausschreitungen ihre Maßnahmen getroffen; der Einfluß eines besonnenen, redlichen Mannes konnte vielleicht schweres Unheil hindern. Roderich eilte voran.

Susanne sah sich aber auch noch nach einer anderen Seite hin zum Abschluß eines Kampfes gedrängt. Sie hatte ihre Tochter im Kloster wiedergefunden, aufgeblüht wie eine Pflanze, die in ihr heimisches Erdreich versetzt worden ist; schon während der eintönigen Reise jedoch und mehr noch in dem stillen Mutterhause ließ sie schmachtend das Köpfchen hängen; sie sehnte sich an ihren natürlichen Platz, fort von der Mutter, die sie mit beiden Armen hätte halten mögen. »Niemand,« so rief Susanne laut und wehevoll, »Niemand im Leben habe ich etwas sein können zu seinem Glück. Auch meinem Kinde bin ich Nichts, Nichts! Nur einem Einzigen bin 207 ich viel, könnte ihm Alles sein. Und kann ich denn nicht, was ich soll und will?«

Sie sank auf ihren Platz am Fenster, drückte den Kopf in das Kissen, kreuzte die Arme und schloß die Augen. Felicia saß auf einem Schemel ihr zu Füßen, schmiegte das Köpfchen an der Mutter Knie und zog langsame Töne aus einem Accordion. Ein weicher Frühlingsbrodem wehte in das Zimmer, die Gegend lag gehüllt in einen weißen Blüthenschleier. Aber die geistige Atmosphäre stimmte nicht zu den einlullenden Lüften. Susanne spürte ein Sausen und Brausen, ein Wirren und Schwirren, ein Drängen zu Handeln und That; sie fand weder in sich, noch außer sich die Stille zu beschaulichem Erwägen.

Entschlossen sprang sie endlich auf, eilte an ihr Pult und schrieb:

»So sei es denn gesprochen, das bindende Wort und was zu gewähren bleibt nach der Hingabe so vieler Bewunderung und so vielen Dankes, das volle, untheilbare Selbst, nehmen Sie es hin zu freier Verfügung. Mutter und Kind gehören Ihnen. Möchten Sie in ihrem Besitz noch ein anderes Glück kennen lernen als das gewohnte, zu beglücken.«

Sie siegelte hastig, klingelte dem Diener und befahl ihm, die Zeilen ohne Verzug in Roderichs städtischem Absteigequartier niederzulegen. Kaum aber, daß der Bote sich entfernt hatte, ergriff sie eine unsagbare Bangigkeit; sie hätte ihm nachschicken, das verhängnißvolle Blatt ihm abfordern lassen mögen. Mehr als einmal 208 stand sie vor der Thür, es selbst zurück zu holen und war es bereits in Roderichs Hand, es ihr zu entreißen, bevor sie es erbrach. Sich besinnend kehrte sie indessen immer wieder um, schalt sich eine Thörin und hielt sich alles das vor, womit Vernunft und redlicher Wille ihren Entschluß rechtfertigten.

Der Diener kehrte athemlos zurück. Die Versammlung war zu einem Tumult ausgeartet, gegen welchen Roderichs Anstrengungen sich unwirksam erwiesen hatten. Maßloser Trunk hatte die Aufgeregten übersteigert; es war zu Thätlichkeiten gegen die Polizei gekommen, das Militair eingeschritten, Blut war geflossen, floß noch immer. Und bei dieser Schreckensbotschaft dachte Susanne zunächst nur: »So wird Roderich bei den Verwundeten beschäftigt sein und Dein Ja noch nicht gelesen haben; Du kannst es zurückerhalten; kannst ihn bitten um eine Frist zu ruhigem Besinnen.«

Aber die Festungsthore waren geschlossen worden; Niemand wurde ein- oder ausgelassen. Wüste Haufen rotteten sich in der Nähe des Hauses zusammen, Susanne durfte nicht daran denken, den Diener noch einmal nach der Stadt zu schicken. Allmälig sammelte sie sich denn auch. Kannte sie sich selbst doch kaum wieder in ihrem leidenschaftlichen Schwanken nach fast zehn Jahren ausgleichender Ergebung. »Warum heute, weil ich unruhig bin, nicht aussprechen,« sagte sie sich, »was morgen in voller Ruhe doch ausgesprochen werden würde, werden müßte? was längst von allen Seiten erwogen worden ist, was nothwendig ist, recht und gut?«

209 Sie setzte sich wieder an's Fenster und schaute hinaus in das Gewühl. Der Tag neigte sich; nach und nach löste sich der Knäuel und bandenweise zogen die Dorfgenossen ihren Höfen zu. Die Mehrzahl taumelte berauscht, denn der Schenkengeist hatte den der Tribüne weit gemacht. Hier und dort wurde wohl noch ein vernommenes Schlagwort nachgelallt und mit Zetern und Drohungen beantwortet; mit größerem Behagen jedoch wurden Schimpfreden und zweideutige Späße belacht, handgreiflich vergolten und über den zu Fall gekommenen Beleidiger gleichgültig, wie über einen Block hinweg geschritten. Zwischen diesen rohen Auslassungen zog nun aber eine Schaar junger Handwerksgesellen, mit einer dreifarbigen Fahne unter den Fenstern hin und wieder und sang Uhlands trauriges Lied von den drei Burschen, das sich wie kaum ein anderes von den neuen zur Volksweise verbreitet hatte. Der Contrast war um so schneidender, da Gesang sonst wenig die Gabe dieser deutschen Gegend ist.

»Das ist das Volk!« sagte Susanne zu sich. »Roderich hat Recht, es müssen ihm erst starke materielle Fesseln gebrochen werden, ehe es die Freiheit fassen und behaupten lernt.«

Sie drängte mit Gewalt ihre Gedanken in diese Bahn und suchte sich klar zu machen, in welchen Gebieten und mit wie viel Befriedigung, sie als Roderichs Gattin, die Gehülfin seiner humanen Bestrebungen werden könne. Felicia saß zu ihren Füßen; sie hatte mit dem feinen Gehör der Blindgeborenen den Refrain der vernommenen 210 Verse und ihre einfache Melodie erfaßt, sang sie nach in leisen Tönen und begleitete sie mit ihrem kleinen Instrument. »Dich liebte ich immer, Dich lieb' ich noch heut',« umsäuselte es der Mutter Ohr und die Gedanken folgten der Lockung der Töne.

Der Tag neigte sich, der Diener brachte Licht; Susanne winkte ihm, es im Vorzimmer niederzusetzen. Draußen auf der Straße war es still geworden, auch der Fluß glitt unhörbar in der regungslosen Luft, nur Blüthenhauch und junges Mondlicht drangen durch das geöffnete Fenster. Die Mutter saß mit geschlossenen Augen und das Kind summte leise das Lied von der einigen Liebe.

*

Einer jener wüsten Haufen war dem Thale zugezogen und berührte den Krug, in welchem vor vielen Jahren der junge Oßler durch den Eindruck des Erblasters seines heimischen Stammes so empfindlich verletzt worden war. Mancher von den damaligen Einkehrern mochte unter denen sein, die sich auch heute in der Stadt noch nicht genug gethan hatten. Heute aber war es kein Markttrunk, in dem man sich berauscht hatte, es war ein Freiheitstrunk, wie er seit Wittekinds oder etwa Knipperdollings Zeiten hier zu Lande nicht wieder an der Tagesordnung gewesen war. Sie bedrohten die rohen Söldlinge und Tyrannenknechte, unter denen sie, ehe der Trunk gewirkt, wahrscheinlich manchem Sohne und Bruder treuherzig die Hand geschüttelt hatten, und sie lästerten gegen schwarze, wie weiße Pfaffen, denen sie, sobald 211 der Trunk ausgewirkt, ohne Zweifel andächtig ihre Sünden beichten würden.

Ein Gast, der bisher unbeachtet unter einem blühenden Apfelbaum gesessen hatte, erhob sich, um seinen Weg fortzusetzen, obgleich er erschöpft und rastbedürftig schien. Der Krugwirth eilte herbei, ein Glas Wein, das jener sich bestellt hatte, ihm rasch noch zu reichen. Der Stimmführer der Rotte riß es ihm aus der Hand, leerte es auf einen Zug und schüttelte sich ob des faden Genäsches. Tapfer schlug er darauf von des Fremden Kopfe den breitkrämpigen, schwarzen Hut, daß er weithin in den Straßengraben rollte und schrie:

»Respect vor dem Volke, Du Schleicher!«

Die Züge des sich barhäuptig und schweigend Entfernenden waren noch jung, aber sein Haar und der langwallende Bart waren ergraut. Ein dunkles, kuttenartiges Gewand reichte bis zu den Knöcheln hinab.

»Den sollte ich kennen,« murmelte der Wirth, indem er ihm kopfschüttelnd nachblickte.

»Den kenne ich!« brüllte der Chorführer. »Taucht das Geschmeiß auch wieder auf? Du Giftpilz aus dem Schlangenlande! Du Uhu! Du Paterkumpan! Warte, Du sollst uns nicht entwischen!« Und da er auf seinen schwankenden Füßen den Vorangeschrittenen nicht mehr erreichen konnte, schleuderte er ihm das Glas, das er noch in der Hand hielt nach, seinen Kameraden zurufend, ein Gleiches zu thun.

Während der Wirth den Wüthenden packte und in den Straßengraben stieß, waren die Anderen nicht faul, 212 dem erhaltenen Gebot Folge zu leisten; als gälte es ein Ballspiel wurde mit Steinen und Erdklößen nach dem schwarzen Mann geworfen, bis man ihn, möglicherweise todt, zusammenbrechen sah. Da die bisherige Zielscheibe fehlte, kehrte der Eifer sich nun gegen den Wirth, der die geforderte Herzstärkung verweigernd, sich hurtig in's Haus flüchtete und die Thür hinter sich verriegelte. Eine Weile wurde noch am Schlosse gerüttelt, vergeblich gegen die eichenen Bohlen gedonnert, das Fensterglas eingeschlagen und dann, als ob nichts Arges geschehen wäre, weitergezogen, um an einem anderen Platze sein Schenkenrecht durchzusetzen.

Sobald die Luft rein war, öffnete der Wirth die Thür, um nach dem mißhandelten Gaste auszuspähen. Sein Hut lag noch am Boden, eine Blutspur bezeichnete die Stelle, auf der er zusammengesunken war; er selbst aber war verschwunden und in der abenddämmernden Gegend nicht zu entdecken.

»War er's denn wirklich?« fragte der Wirth, indem er bei Wege den betäubten Gesellen aus dem Graben zog und am Rockkragen hinter sich her schleppte. Er machte ihm auf einem Strohbündel der Scheuer ein Lager zurecht, auf daß er seinen Freiheitsrausch in Gemächlichkeit verschlafe und brach dann auf, um Doctor Roderich den bedenklichen Vorfall und seine Muthmaßung zu melden.

Der unglückliche Fremdling hatte sich während dessen mit äußerster Anstrengung aufgerichtet und weitergeschleppt, Schritt um Schritt. Sein Blut rieselte aus einer Wunde 213 des Hinterkopfes. »Die letzten Tropfen!« flüsterte er mit einem wehen Lächeln. Er löste sein Halstuch und band es um den Kopf; lehnte an jedem Baum der Straße, ringend um Athem und Kraft. Beim nächsten Seitenwege bog er ein und am Haslauer Bach wusch er seine Wunde, netzte die brennenden Schläfen, die lechzenden Lippen. Erfrischt setzte er den Weg fort. Als er den Steg erreichte, welcher den Bach überbrückt, flog es über sein Antlitz wie ein Rosenschimmer der Jugend; seine fieberglühenden Blicke strebten nach dem Licht, das aus einem weißen Haus am Flusse ihm entgegenblickte. »Dorthin!« hauchte er, »zu ihr!« und wankte vorwärts.

Aber immer matter wurde er und matter, er kroch nur noch auf Händen und Füßen, tastete sich vorwärts wie ein halb zertretener Wurm, und als er endlich das weiße Haus erreichte, stürzte er auf seiner Schwelle zusammen mit dem ächzenden Ruf: »Susanne!«

Sie saß noch immer am offenen Fenster in der mildströmenden Abendluft und das Kind summte noch immer seine schwermüthige Liebesweise. Jählings fuhr sie in die Höhe, erwachend wie aus einem Traum. Sie hatte ihren Namen rufen gehört mit einem unvergeßlichen Klang, sich rufen von sterbenden Lippen.

»Sprach hier Jemand?« fragte sie das Kind.

Es schüttelte den Kopf und summte weiter: »Dich werde ich lieben in Ewigkeit.«

Susanne eilte in das Nebenzimmer, ergriff die Lampe und leuchtete vor die Thür. Mit dem Gesicht 214 auf der Schwelle lag leblos eine dunkle Gestalt. Das ahnungsvolle Weib stürzte neben ihr zu Boden. Ihre Hände flogen, als sie des Mannes Haupt in die Höhe richtete, das blutgetränkte, silbergraue Haar ihm aus der Stirne strich. O, ewige Liebe! er war es.

Mit der Stärke, welche die Todesangst giebt, trug ihn Susanne wie ein Kind auf ihren Armen in das Haus und legte ihn auf ihr eigenes Ruhebett. Die Dienerschaft eilte auf ihr Bedeuten nach allen Seiten um ärztliche Hülfe, ohne zu ahnen, für wen sie dieselbe zu fordern hatte. Susanne blieb allein bei dem Geliebten; nur das blinde Kind saß leise singend am Fenster, nicht verstehend, was in lautloser Bewegung neben ihm geschah.

Susanne verband die Wunde und wusch das Blut ab, das über die marmorkalte Stirn gerieselt war, sie flößte ein paar Aethertropfen zwischen die starren Lippen, legte ihr Ohr an das Herz, dessen Schlag sie nicht mehr hörte, mit ausgespannten Armen umfing sie das schattenbleiche Haupt.

Auf dieses Bild der Vernichtung blickte Roderich, als er, beseligt durch Susannens Gelöbniß, wenige Minuten später in das Zimmer trat. Er hatte danken wollen für empfangenes Leben und fand den Tod. Susanne richtete sich zu ihm in die Höhe; sie sprach kein Wort, aber ihr Blick heischte und hoffte von dem Freunde Hülfe.

Er untersuchte und wendete an, was Natur und Kunst geboten; noch anderer ärztlicher Beistand eilte 215 herzu; aber Saft und Mark waren erschöpft, lange bevor der Steinwurf eines Trunkenen »die letzten Tropfen« des Blutes verrinnen machte. Nur zum Bewußtwerden des Sterbens an einem geliebten Herzen konnte das erlöschende Leben noch angefacht werden.

Die Nacht und noch einen Tag hindurch athmete Felix lautlos, ohne eine Muskel zu regen; daß er aber lebte, mit höchster Empfindung lebte, das strahlte aus dem Blick, der klar und selig sich in das Auge seines Weibes senkte. Susanne lag vor ihm auf den Knien, den Kopf von seinem Arm umschlungen. Seine rechte Hand ruhte auf dem Haupte der schlummernden Felicia, die Roderich an seine Seite gebettet hatte. Von Minute zu Minute löste der Sterbende den Blick aus den Augen der Mutter und richtete ihn, wie zum ewigen Festhalten auf die den seinen nachgebildeten Züge des Kindes, dem er hienieden nicht Vater werden sollte. Kein Laut, kaum ein Athemhauch entweihte die Sterbensstille.

Roderich stand ohne Wanken bis zum Letzten zu Häupten des Bettes und wer mag entscheiden, welcher Kampf der herbere war, der, welcher der Liebe im Leben entsagt, oder der, welchem sie im Tode unsterblich sich feit?

Roderich hatte am gestrigen Tage sein Haus nicht betreten und erst am andern Morgen löste eine Botschaft aus demselben das Dunkel, das über der Heimkehr des seit Jahren nicht mehr Erwarteten waltete. Keiner hatte im Angesicht des Todes nach dieser Lösung verlangt und im Angesicht des Todes möge sie auch an dieser Stelle nur im flüchtigsten Umriß erwartet werden.

216 Ein Reisender hatte vor Roderichs Anstalt den Postwagen verlassen, um Kunde über Felix von Oßlers Weib und Kind einzuziehen. Der Hausherr war abwesend und keiner der Dienstleute erkannte in dem ergrauten, sterbensmatten Fremden den vor Jahren so häufig einkehrenden Gast. Man bat ihn, sich auszuruhen und eine Fahrgelegenheit nach der Stadt abzuwarten. Aber es duldete ihn nicht länger fern von denen, nach welchen seine letzten Pulsschläge drängten; sobald er wußte, daß er sie unwandelbar als die Seinen in dem alten Heim antreffen werde, brach er auf. Dem Freunde hatte er mit einem ewigen Lebewohl die Tagebücher zurückgelassen, die über seine Schicksale während der Entfernung Aufschluß gaben.

Diese Tagebücher waren es, welche Roderich am Morgen gebracht wurden; sie sind durch dessen Vermittlung späterhin veröffentlicht worden, haben in weiten Kreisen Antheil erweckt und mag es heute noch nicht vergessen sein, mit welchen Kämpfen und welchem Elend der zum friedlichsten und völligsten Glück berufene junge Deutsche nebst seinem priesterlichen Begleiter gerungen hat; wie aufopfernd Beide auf ihrer entlegenen Station zu wirken begonnen hatten, als sie bei einem der fürstlichen Raubzüge, die im Habesch politische Tagesordnung sind, überfallen und Jahre lang in einem Felsenkastell gefangen gehalten wurden. Jede Stunde vom Tode bedroht, weil sie sich weigerten, dem Häuptling, der sich einen Christ ernannte, die geforderte Absolution für seine Missethaten zu ertheilen, wurde der Priester zum Märtyrer, 217 der Laie zum Sklaven. Jahre gingen in diesem Zustande tiefster Entwürdigung hin, bis es Felix endlich, während des Ueberfalls eines Nachbarfürsten gelang, sich durch List und Gewalt zu befreien und fieberkrank, unter unsäglicher Mühsal eine mittlere Station zu erreichen, um welche eine italienische Colonie sich angesiedelt hatte. Felix fühlte schon an diesem Ziel sich fertig mit seiner Kraft und dankte nur Gott dafür, daß er seine Augen unter Glaubensgenossen schließen dürfe.

Wie er hier nun aber einen viele Jahre alten Brief Pater Viola's vorfindet, der ihm den trostlosen Zustand seiner Gattin schildert und die Aussicht auf eine ungeahnte nächste Pflicht eröffnet, da beleben sich die erschöpften Kräfte wie durch ein Wunder; er rastet nicht, er schont sich nicht, scheut kein Hinderniß, wird oftmals festgehalten, strebt immer wieder vorwärts und gelangt endlich in die Hafenstadt, in welcher Susannens Briefe und die des Freundes seit Jahren auf ihn warten.

Nun lebt er die reiche Fülle versäumten Lebens mit einem einzigen Zuge nach; sein Wesen tritt aus allen Fugen; kein Widerstand bannt ihn; unaufhaltsam trägt ihn die Sehnsucht dem letzten Liebesblick entgegen.

Und so, wie er es ersehnt, so wie er nicht zu leben vermocht, so starb er, voll und tief und rein, ein sich lösender Accord im Weltchorale. »Ewig!« hauchte er, die Augen gen Himmel schlagend und dann nieder zu der Geliebten: »Dein!«

Sie preßte ihre Lippen auf die seinen und so im Kusse schied er.

218 Am ersten Mai, seinem Hochzeitsfeste und dem Geburtstage Susannens, senkten sie ihn zur Ruhe auf dem Friedhofe des Klosters. Sein Weib und Kind, die Schwester und der Freund standen um das offene Grab. Die kleinen Blinden und ihre Nonnen sangen ein Auferstehungslied. Als aber der Priester den letzten Segen gesprochen hatte, Veronika die weinende Waise in ihr Asyl zurückführte, Schaufel um Schaufel die Erde auf die bretterne Hülle niederrollte und endlich Susanne mit ausgebreiteten Armen den todten Hügel umspannte, da stand Roderich bleich wie sie und tief erschüttert vor dieser Sphynx der Natur, deren Dienst er sein Leben gewidmet hatte und deren dunklen Sprüchen er sich in Entsagung beugte. Wie dem Kinde nicht den Stern des Auges, so hatte er der Mutter nicht den Stern des Herzens beleben können.

»O, ewiges Geheimniß der Liebe,« sagte, er hier am Grabe, wie einst am Altar, »Du verborgener Hort, den keine Weisheit ergründet und dessen lockende Schätze nur der Begnadigte hebt.«

*

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