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Waidwund

Im Kloster Mönchsbronn war eitel Lärm und Leben, Lachen und Schwatzen. Wie Kinder, die am Strande sitzen und jubeln, wenn ihnen eine Welle, die stärker ist als alle anderen, gleichsam in den Schoß läuft, so benahmen sich die Mönche, die das Leben vor längerer oder kürzerer Zeit an den Strand dieses einsamen Klosters geworfen hatte.

Gewaltiges war in der Welt geschehen. Der große Karl hatte Gericht gehalten über Thassilo, den Bayernherzog, und ihn samt Weib und Söhnen und Töchtern in die entlegensten unter seinen Klöstern gesteckt. Die Avaren trugen die Kriegsfackel in das Land des allmächtigen Karl, und die Welt brannte.

Aber all das hätte nicht solche Bewegung unter die Kuttenmänner gebracht, als sei der Marder im Taubenschlag. Nein, das Neue, das Unerhörte, was sich ereignete, ging sie an, sie selbst, die Mönche von Mönchsbronn.

Im Refektorium saß ein reisiger Sendbote Kaiser Karls, der sich unter den sorgenden, hätschelnden, neugierigen und freigebigen Mönchen als Hahn im Korbe fühlte. Aber nichts war weniger umsonst, als die Sorge und Freigebigkeit dieser Mönche: wurde er vollgefüllt wie ein Faß, so wurde er auch ausgepreßt wie ein Schwamm.

Was wußte der Mann nicht zu erzählen!

Es war eigentlich immer dieselbe Geschichte, die er zum besten gab. Aber jedesmal, wenn er geendet, kam irgendein Frater atemlos gelaufen und ließ keine Ruhe, bis er den Grund der schallenden Heiterkeit erfahren hatte, die sich bis in die entlegensten Winkel des Klosters verbreitete. Und ruhte nicht, bis er alles wußte, brühwarm wie die andern. Und dann war wieder ein anderer da, der es wissen wollte, und wieder einer, und so fort und fort ohne Aufhören.

Und was war das für eine Geschichte! Ihnen, den Mönchen von Mönchsbronn schickte der große Karl ein Angebinde. Und dieses Angebinde war nicht mehr und nicht weniger als des wilden Thassilo letzter Sproß, den man endlich auch gefangen wie all seine Brüder und seine ganze Sippe.

Aber wie gefangen! Das war der Kern der Sache. Das war der Grund der immer erneuten Heiterkeit.

Wohl schlich bei der Erzählung des Reisigen mancher Mönch mit narbenvollem Gesicht und mancher verwitterte Graukopf unruhig und grollend beiseite – ihnen brachen wohl alte Wunden auf, als beschwatze man ihr eigenes Geschick – doch das mehrte nur den prickelnden Reiz, den der Bericht für die übrigen hatte.

Und immer wieder erzählte der gutgelaunte Kriegsmann, wie man Reinald, Thassilos jüngsten Sohn, gefangen hatte.

Wie hatte der Schlaukopf sich zu verbergen gewußt! In Höhlen, im wilden Walde, in unzugänglichen Felsschluchten! Was für ein großmäuliges Geschwätz hatte er gemacht! Wie hatte er im geheimen gehetzt und geschürt unter den Bauern und Edelingen seiner Heimat, als sei er, der unbärtige Knabe, der Mann dazu, den Kaiser Karl aus dem Lande zu jagen!

Und was war das Ende von all dem Geschrei gewesen! Ein paar fränkische Reiter hatten seine Spur ausfindig gemacht und ihn beschlichen wie ein entsprungenes Füllen.

Ganz ohne Ahnung war der Bursche gewesen. In einer abgelegenen Kapelle, wo er die Nacht verbracht, hatte er seine Morgenandacht verrichtet. Da hatte sich einer der Reiter, ein ungeschlachter Geselle, der einen Stier auf dem Rücken zu tragen vermochte, den Spaß gemacht, ihn zu fangen wie ein Hündlein. Lautlos war er herangekommen und mit angehaltenem Atem hinter dem Knieenden gestanden.

»Ei, Junge, bist du so fromm! Wart', dafür soll wohl Zeit werden!« Mit eins saß dem Burschen die grobschlächtige Faust des Mannes im braunen Schopf und im Nacken, hob ihn auf wie ein Hündlein und trug den Zappelnden ausgestreckten Armes hinaus zu seinen johlenden Gesellen. Ei, wie hatte das Bürschlein um sich geschlagen, gebissen und gekratzt wie eine Wildkatze! Half ihm doch nichts und schürte nur das tolle Gelächter der andern. Ehe er sich's versah, war er nur mehr ein verschnürtes Bündel, das der ungefüge Reiter querüber vor sich über den Sattel hängte. Und dann heidi auf und davon! Ein Ritt mochte das gewesen sein, von dem man schon Schädelbrummen bekommen konnte. – – –

Die Heiterkeit wollte kein Ende nehmen.

Und je mehr der Reisige zum Aufbruch drängte, um so stürmischer wurde das Fragen. Man wußte eigentlich noch nichts, als daß er Reinald heiße, ein hübscher Bursche von kaum siebzehn Jahren sei, unbärtig, mit braunem Gelock, das er nun wohl zum längsten getragen hatte. – – Man wollte noch viel mehr wissen. Mühsam nur konnte der Kriegsmann zur Tür vordringen. Umdrängt von fragenden, schwatzenden, schreienden Mönchen, bahnte er sich lachend den Weg über den Klosterhof zur Torfahrt.

Im Sattel wandte er sich noch einmal zurück und rief dem braunen Häuflein gutgelaunt zu: »Hütet euch gut! Schneidet dem Jungen die Krallen, er weiß wohl zu kratzen! Hahaha! Hahaha – – –«

Der Abt hatte für seinen jüngsten Zögling eine fast väterliche Zuneigung gefaßt. Ein tiefes Mitleid hatte ihn bewegt, als der Jüngling, ein Bild hoffnungslosen Jammers, noch in der kriegerischen Tracht seiner Heimat, durch die Gassen der neugierig gaffenden Mönche schritt, ohne auch nur einmal aufzusehen. Er ging barhäuptig, und der wie zum Hohn von tölpelhaften Händen regellos geschorene Kopf war das Ziel aller Blicke. Auge und Gesicht war kaum zu sehen, so tief trug er den Nacken, und sein Schritt war so schleppend, seine Haltung so gebückt, daß es einen Wunder nehmen konnte, wie nachher doch so viele von dem prächtigen Wuchs seiner schlanken Gestalt zu tuscheln wußten.

Barmherzig entzog der Abt den Ankömmling der allgemeinen Neugier und führte ihn in die für ihn bestimmte Zelle. Außer dem Gruß, den er bot, und der unbeantwortet blieb, wußte auch der Alte kaum ein Wort zu reden. Der matte Glanz der Augen und das apathische Gebaren des jungen Menschen gaben das klägliche Bild eines geprügelten Hundes. Es war, als ob die Seele des Jünglings so wund sei, daß ihr jede Bewegung und Empfindung, jeder Gedanke und jede Erinnerung Pein verursache.

Als die mitleidige Hand des welt- und menschenfremden alten Mannes an ihm herumtastete, war es, als ob die Hand des Arztes in bloßgelegtes Nervenwerk griffe! Der junge Mensch zuckte gepeinigt unter dem quälenden Erbarmen und floh vor dem Zuspruch des Abtes, bis dieser ihn seufzend sich selbst überließ.

Als die Tür sich hinter dem Alten schloß, blieb der Jüngling, ohne sich zu rühren, noch lange wie betäubt mitten im Gemache stehen. So jäh und unentrinnbar war das Unfaßbare über ihn gekommen, daß er zuerst nichts empfand als eine dumpfe, ziellose Verzweiflung.

Es war ihm, als sei plötzlich über ihm ein Haus zusammengebrochen und er stände ratlos in den Trümmern. Bald dünkte ihn alles ein Trug der Sinne, ein unmöglicher, sinnloser Traum, dann überfuhr ihn wieder zuckend die ganze Schmach der Erinnerung. Er sank schlaff, als lösten sich ihm die Gelenke, in sich zusammen und fiel zu Boden. Dann kauerte er lange mit hochgezogenen Knieen, stemmte die Fäuste in beide Schläfen und starrte gradaus vor sich hin.

Und da sah er wieder die Fratze vor sich, der er nicht mehr entrinnen konnte, seit jenem Augenblick, da sie zuerst vor ihm auftauchte. Da fühlte er wieder die rohe, haarige Faust im Nacken, deren Griff er Tag und Nacht zu spüren verdammt war. Da war wieder das rote, narbige, grinsende Gesicht, das keinen Namen trug.

Das war das Schmachvollste, daß dieser Irgendjemand, der ihm den tödlichen Schimpf angetan, keinen Namen trug. Das war, als ob eine Hand aus dem Dunkel getaucht sei, um ihm ins Gesicht zu schlagen. Und Hirn und Herz brannte von dem Schmerze, und es war niemand da, den er fassen und hassen konnte. – Die ersten Tage waren vergangen. Der Jüngling trug die Novizenkutte.

Da störte eines Tages der junge Mensch die Messe durch ein lautes, nervöses Lachen. Es klang unnatürlich und wild. Der neben ihm knieende Bruder preßte ihm erschrocken die Hand auf den Mund und hielt ihn nieder, er aber sprang auf und griff mit beiden Händen in das Holz des Betstuhls. Wie er so zurückgebeugt mit hochgeworfenem Kopfe dastand, sah es sich an, als wolle er schreien, vorspringen ... er ließ sich widerstandslos hinausführen.

Seit man ihn dafür gestraft, war seine Art wie verwandelt. Er trieb es seitdem wie ein flegelhafter Schulbube. Stunden- und tagelang verharrte er in reizbarer Teilnahmlosigkeit wie in tückischem Trotze, dann wieder vergriff er sich ohne Grund an Heiligem und Unheiligem, riß die Rosenstöcke aus dem Klostergarten und gab sich keine Mühe, sein Treiben zu verheimlichen. Die Gemeinschaft anderer floh er hartnäckig im Guten wie im Bösen; als eines Tages einer der Jüngsten sich an ihn heranmachte, ihn wie einen dummen Jungen zu einem Streit zu verleiten, schlug er ihn ins Gesicht und warf ihn aus der Zelle. Die Klosterstrafen, Zellenhaft und Geißelhiebe, ließ er stumpf über sich ergehen, ja es war, als wolle er damit heißere Qualen des Blutes und der Seele ertränken.

Nur mit einem der kleinen Klosterschüler hatte er ein loses, sonderbares Verhältnis. Es war ein schlanker, feingliedriger Junge von elf Jahren, auf schmalen Schultern ein zarter Hals, der einen großen dunklen Kopf mit weichen verträumten Augen trug. Seit der zufällig bei Reinalds Ankunft im Kloster zugegen gewesen, hatte er eine unerklärte, scheue und wunschlose Kinderzuneigung zu dem Älteren gefaßt. Als der junge Novize eines Tages in dumpfen Gedanken, an die Säule des Kreuzganges gelehnt, in den Garten hinaussah, war der Kleine auf einmal wortlos neben ihm gestanden. Der Größere wandte sich nach ihm um und strich ihm leise, ohne ihn recht zu sehen, mit der Hand durchs Haar. Der Kleine sah mit seinen großen, weichen Augen zu ihm auf und schmiegte sich an ihn ... Da hatte sich der junge Mönch hastig losgemacht und war unruhig den Gang hinabgeschritten. Seitdem machte sich der kleine Geselle gern dort zu schaffen, wo er den anderen wußte. – – –

Ein warmer, fast schwüler Abend lag über dem Klostergarten. Der Abt, ein Gebetbuch in der Hand, schritt zwischen den Rosensträuchen in merklicher Unruhe umher. Bald tat er einige hastige Schritte, bald machte er sich wieder lange mit einer entblätterten Rose zu schaffen. Endlich raffte er sich seufzend auf und verließ den Garten. Den kühlen Kreuzgang schritt er herunter, an den Zellen der Mönche vorbei. Vor einer der Türen am Ende des Ganges blieb er lauschend und unschlüssig stehen. Er hörte nichts und konnte sich doch nicht entschließen einzutreten. Er stand im Begriff, den jungen Bruder aus der Haft zu entlassen und sehnte sich, ihn, dessen Wesen er nicht zu nehmen verstand, nicht nur freilassen, sondern auch freimachen zu können.

Endlich schob er den Riegel zurück und trat ein. Der junge Mensch lag lang ausgestreckt auf dem Steinboden der Zelle, das Gesicht auf die gekreuzten Arme gedrückt. Der Abt wartete, ob er sich erhöbe, er rief seinen Namen, der Jüngling regte sich nicht. Der Greis zog leise die Tür hinter sich zu und trat tiefer ins Gemach. Eine Weile stand er unschlüssig, die Hand auf die Fensterlaibung gelegt, dann fing er leise an zu reden, als ob er zu einem Kranken spräche:

»Bruder Reinald, warum machst du mir solche Not? Und dir? Dir die größte selber? Lieber Sohn, warum hast du kein Vertrauen zu mir?« Er stockte und wartete auf Antwort, die nicht kam. Da fuhr er fort, fast schüchtern liebreich:

»Du hast ein Leid, das ich nur halb kenne. Du hast Wünsche, die nicht befriedigt werden. Ich weiß, du bist keiner der Schlechten. Dir fehlt etwas. Bruder Reinald, willst du mir nicht sagen, was dir fehlt?«

Plötzlich fuhr der Jüngling empor. Hochaufgerichtet stand er vor dem Greis. Sein Gesicht zuckte, seine ganze Gestalt zitterte. Die Lippen öffneten sich, als wolle er reden, er verkrampfte die Fäuste ineinander, der ganze Leib straffte sich. Wild und rauh würgte er endlich die Worte heraus, das brennende Auge fest auf den andern gerichtet, mit undämmbarer Leidenschaft brach es aus ihm heraus: »Einen Menschen möcht ich erwürgen – –! Da weißt du's!!«

Er stand da, als hielte er sich nur mit Anspannung aller Muskeln aufrecht. Das zuckende Gesicht war fest auf den Abt gerichtet. Der schwieg und schaute auf den Jüngling, dem dieser Blick voll Mitleid eine Pein war, der sich sehnte nach Entrüstung und Vergewaltigung.

Der Alte sah tief in das Gesicht des Jungen. Es war ein fremdartiges, in der zuckenden Pein von Leid und Trotz seltsam schönes Gesicht. Die roten Lippen, schmal und unmerklich geschwungen, waren fest zusammengepreßt. Von den schönen, stahlgrauen Augen ließen merkwürdig geschnittene Lider nur einen fast schmalen Streifen sichtbar, dessen heißer, harter Glanz aber dem feingeschnittenen Gesicht eine rassige Energie gab.

Allmählich wurde der Alte unruhig im Anblick einer Seelennot, gegen die er hilflos war. Er sehnte sich, den jungen Menschen an sich zu ziehen und zu trösten, und er traute sich nicht. Er ließ den Blick von ihm, zögerte einen Moment und wandte sich dann hastig zur Tür. »Du paßt nicht hierher, du paßt nicht hierher«, er sah den Jüngling nicht an, als er die Worte murmelte.

Er ging hinaus und ließ die Zelle offen. Das Lachen des jungen Mönchs verfolgte ihn, als er eilig und verwirrt den Kreuzgang hinabschritt. – – –

Andern Tages sollte man das Fest des Klosterheiligen feiern. Mit nächtlichem Beten und Singen bereiteten sich die Mönche vor.

Der Abt ließ seine Augen seit langem unruhig durch das spärlich erhellte Schiff der kleinen Klosterkirche schweifen. Als er den nicht entdecken konnte, den er suchte, verließ er leise während des Singens die Brüder.

Die Zelle des jungen Mönchs war leer, auch im Garten war keine Spur von ihm zu finden. Ratlos stand der Alte, als er den dunklen Garten wieder und wieder durchschritten hatte, vor den Vorratsräumen. Aus einem der Kellerfenster drang Licht. Befremdet stieg er, vorsichtig tastend, die Treppe hinunter. Die Tür zu den Räumen, in denen der Klosterwein lagerte, stand offen und ließ einen flackernden Lichtschein auf den feuchten, dunklen Gang fallen.

Auf der Schwelle der Tür stand der Alte erschrocken still, betroffen von dem unerwarteten Anblick. Das zuckende Licht eines Kienspans beleuchtete ein sonderbares Bild.

Am Boden hingestreckt lag der junge Mönch. Sein einziges Kleidungsstück, die Kutte hatte sich gelöst und lag unter dem Leib des Jünglings ausgebreitet in dunklen Lachen roten Weines, von dem der Boden schwamm. Eines der großen Fässer war angestochen, so daß der Wein unaufhörlich herausquoll. Der junge Mönch lag völlig trunken und regungslos.

Der Alte stand noch immer in der Tür. Die Entrüstung der ersten Augenblicke war in eine tiefe, mitleidige Ergriffenheit umgeschlagen. Von keiner Askese ausgedörrt, von keinen Lüsten aufgeschwemmt, eines der schönen Kinder der Welt, lag der straffe Leib des Jünglings nackt und weinbefleckt, die Arme weit auseinandergeschlagen, über der dunklen Mönchskutte in der Flut des roten Weins, der den Boden bedeckte. Das schwelende Licht des Kienspans warf flackernde Schatten darüber.

Lange stand der Abt und schaute auf das schöne, unglückliche Menschenkind, dem selbst das Laster des Rausches nicht den Schimmer einer bacchanalen Schönheit nehmen konnte, die nur erhöht wurde durch den Gegensatz zwischen dem Bilde der äußersten Ausschweifung und dem dafür nicht geschaffenen schlanken und ebenmäßigen Leibe Reinalds.

Das Bild sprach auch zu dem Herzen des Abtes. Ein junges, edles Blut, dessen adlige Wildheit keiner Dressur gefügig war, wurde hier zuschanden; das sah auch er. Es jammerte ihn, wenn er daran dachte, wie der Jüngling, dem verzweifelten Ringen mit Zorn und Scham, mit Rachsucht und Selbstverachtung, mit allen Dämonen seines heißen Blutes und seiner heißen Seele ein Ende zu machen, sich um den Verstand getrunken hatte, wie ein Trunkenbold.

Das Erwachen wenigstens wollte er ihm ersparen. So kniete er zu ihm nieder, hüllte ihn in die feuchte Kutte und versuchte, den Leib des Jünglings zu heben. Schlaff und schwer lag er in seinen Armen, die Kraft des alten Mannes reichte nicht aus. So warf er seufzend noch einen Blick auf seinen Liebling und ging gedrückt den Weg zurück, den er gekommen.

Insgeheim beauftragte er zwei Brüder, den Trunkenen in seine Zelle zu schaffen. Er selbst folgte mit einer reinen Kutte und saß die Nacht über wachend an seinem Lager. Als der Morgen durch das Fenster hereindämmerte, verließ er leise die Zelle. – – –

Mehrere Stunden später traf er auf der Suche nach dem Jüngling den kleinen Klosterschüler, den er des öfteren in der Nähe des jungen Mönchs gesehen hatte. Er hielt den Knaben an der Schulter, als er scheu an ihm vorüberschleichen wollte. Da sah er, daß er Tränen in den Augen hatte. »Wo ist er?« fragte er, als ob er mit dem Kleinen in stummem Einverständnis rede. Das Kind zeigte mit der Hand nach dem Garten, jedes Wort hätte die verhaltenen Tränen hervorgelockt, der Alte sah ihm seufzend nach, wie er eilig davonging, um sich nicht zu verraten. Er ahnte, daß der Jüngling heute den Kleinen mit barschem Wort verscheucht hatte.

Der junge Mönch lag neben dem Brünnlein im Klostergarten ausgestreckt. Bis zur Pein hatte er seit dem Erwachen gegen eine halb gereizte, halb schlaffe und tränenselige Stimmung angekämpft, die ihm bisher fremd und wohl eine Folge der nächtlichen Ausschweifung war. Ein Gemisch von Erbitterung, Scham und innerster Zerrüttung ließ ihn zu keinen klaren Gedanken kommen. Der Kampf gegen sich selber steigerte sich zu einem würgenden Ekel, zu einer dumpfen, ziellosen Wut.

Er fühlte, daß der Abt hinter ihm stand und auf ihn niedersah. Er drückte das Gesicht tiefer ins Gras und biß mit den Zähnen ins Erdreich. Sein Leib zuckte vor verhaltenem Schluchzen, das endlich, mächtiger als seine Selbstbeherrschung, hervorbrach und den ganzen Körper erschütterte. Keine lösenden Tränen, sondern das trockene Schluchzen unbändiger Wut und Verzweiflung.

Der Alte, statt leise davonzugehen, kniete erschüttert neben dem Jüngling nieder. Er legte die Hand auf sein Haupt. »Mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder ...« Mehr wußte er nicht zu sagen.

Das nahm dem andern den letzten Halt. Er fühlte instinktiv, wie die Güte des Alten, wie die Zutunlichkeit des Knaben ihn mählich wie mit weichen Garnen umstrickte, wie Güte und Mitleid seine innerste freie Natur erschlafften und vergewaltigten ... Mit einem straffen Ruck schnellte er empor, daß der Alte taumelnd zu Fall kam, und jagte wie ein Panther besinnungslos dem Ausgang zu. Vor dem Tor stellte sich ihm der Pförtner entgegen und warf ihn mit derbem Stoß zurück. Dieser warf sich mit ganzem Leibe auf ihn und riß ihn zu Boden wie ein Raubtier. Keinen Laut konnte der Verfallene ausstoßen, der Jüngling kniete ihm auf dem Leibe und würgte seine Kehle mit beiden Händen. Der Mann war machtlos gegen den Jüngling. Unbarmherzig, wie in wilder Lust, hielt der andere den zuckenden, windenden, bäumenden Leib nieder, bis er schlaff und leblos wurde. Mit blutverdunkelten Augen starrte er in das blaue, gedunsene Gesicht. Endlich ließ er von dem Erwürgten, reckte sich und riß den Torriegel zurück. In wilden Sprüngen jagte er dem Walde zu.

Wenige Minuten später war eine unbeschreibliche, lärmende Verwirrung im Kloster, ein Durcheinander von Schreien und Befehlen. Zu Fuß und zu Pferde machten sich endlich die Brüder zur Verfolgung des Flüchtlings auf. – – –

Als der Abt, ermattet und erschöpft von den furchtbaren Erlebnissen, Ruhe in dem Frieden der Kapelle suchte, fand er den Knaben kniend vor dem Gnadenbilde der Jungfrau. Er trat leise von hinten an ihn heran und rührte seine Schulter. »Für wen betest du?«

Da wandte der Knabe langsam das feine, zuckende Gesicht zu ihm empor, Tränen standen in den weichen dunklen Augen. »Ich bete, daß sie ihn nicht fangen.«

Schweigend zog der Greis den Knaben an sich.

*

Ein schlanker Renner war Reinald flüchtig dahingeflogen. Das Sausen des Blutes in seinen Ohren täuschte ihm hundert Stimmen vor, die nicht waren, er glaubte, wildes Fluchen und Schreien zu hören, wähnte, den Hufschlag des Verfolgers hinter sich zu spüren und spannte alle Kräfte seines Leibes zu rasendem Laufe.

Der Schweiß floß ihm in Strömen vom Leibe, die schwere Kutte peitschte Knie und Schenkel und hinderte ihn im Dahinjagen. Ohne Besinnung tat er das Törichtste, was er tun konnte, und rannte im Staube der Landstraße dahin. Er dachte nicht einmal daran, die zahlreichen Windungen der Straße abzuschneiden und querfeldein zu laufen, so saß ihm das Entsetzen im Nacken.

Endlich war er am Ende seiner Kräfte. Der Atem ging heiß und pfeifend, Mund und Kehle waren ausgedörrt, der Staub knirschte ihm zwischen den Zähnen. Die schweißbedeckten Flanken flogen, alle Pulse hämmerten zum Zerspringen. Seine Augen waren mit Feuer gefüllt, ein Wirbel von flimmernden Pünktchen tanzte vor seinen Blicken. Haltlos brach er in die Knie.

Er raffte sich auf und lief taumelnd zu dem Bache herab, der sich in einiger Entfernung längs der Straße hinzog. Die heißen Hände und das glühende Gesicht tauchte er in das kalte Wasser des Baches und schlürfte gierig, ohne zu schöpfen, mit dem Munde das eisige Naß in die brennende Kehle.

Er raffte sich auf und empfand, plötzlich ernüchtert, das Gefahrvolle seiner sinnlosen Flucht.

Jenseits des Baches breiteten sich dunkle Nadelwälder in unabsehbarer Ferne aus. Er übersprang den Bach, reckte sich und, in das bergende Dunkel des Waldes tauchend, nahm er die jagende Flucht wieder auf.

Nach stundenlangem Laufe hielt er erschöpft am Rande eines Waldsees von mäßiger Größe. Er empfand brennenden Durst, aber er fühlte sich zu kraftlos und matt, sich niederzubeugen und zu trinken. Er warf sich im Sande des Ufers langhin und schloß die Augen. –

Da dehnte sich der enge Wiesenplan und ward zum Blachfeld.

Ein Geschwader gepanzerter Reiter brauste über das Feld.

Und er selbst hielt am Waldsaum. Hinter ihm Bauern und Edelinge mit Äxten und Schwertern. Schmerzhaft war seine Hand um den Schwertknauf gespannt. Weit beugte er den Kopf über den Hals seines Pferdes, seine Lippen waren dürstend, lechzend geöffnet.

Und jetzt war es da.

Aus der geschlossenen Masse der Feinde löste sich ein einzelner Reiter. Eine riesige Gestalt auf geschecktem Hengst. Rot und narbig das Antlitz, rot die mächtigen Fäuste. Nackt hob sich die Brust aus zottigen Fellen. Halb Tier, halb Mensch kam es heran. Hinter ihm blieb die Masse der andern zurück und verschwamm ins Ungewisse. Aber er wuchs und wuchs.

Mit einem tierischen Schrei preßte Reinald seinem Renner die Schenkel in die Weichen, daß er wiehernd stieg und brausend zu Tal flog.

Mit schmetterndem Anprall schlugen die gepanzerten Rosse gegeneinander.

Und dann stand Mann gegen Mann. Mit leeren Sätteln rasten die Hengste übers Feld.

Und keiner der Gegner dachte seiner Waffen. Ein Ringen hob an, Leib gegen Leib, auf Tod und Leben. Ein Ringen, das den Atem nahm, und Kopf und Brust und Arme mit Feuer füllte. Gesicht brannte gegen Gesicht, und Reinalds Auge schmerzte, so voll Wut starrte er in das rote, glotzende Gesicht des andern.

Feld und Welt vergingen in Feuer, nur das glotzende Antlitz blieb.

Endlich lösten sich die ringenden Leiber in betäubender Erschlaffung. Reinalds Augen schlossen sich wie von selbst. Plötzlich fühlte er sich selbst wieder, und wie ein Schleier floh es von seinen Augen. Die Welt, die eben noch lastend auf ihm lag, wich nach allen Seiten von ihm, wie abfließendes Wasser. Er lag über seinem Feind, der ohnmächtig am Boden lag. Das durchfuhr ihn, wie ein berauschender Trank. Fest und straff stand er wieder auf beiden Füßen und fühlte jedes Atom seines Leibes. Er hob den Fuß und drückte die nackte Sohle auf die Kehle des Überwundenen, der wehrlos unter ihm zuckte.

*

Reinald erwachte und sprang auf.

Augenblicks wußte er, daß alles ein Traum war, aber es konnte ihn nicht traurig machen, so stark und fröhlich war er über seinem Träumen geworden. Tief holte er Atem, wieder und wieder. Er dehnte die Arme und reckte sich, daß die Gelenke krachten. Das Blut strömte langsam wieder vom Haupte in die Glieder zurück. Noch zitterten alle Fibern und Fasern seines Leibes nach, die Brust flog noch ungestüm, aber mitten durch das Rasen der Pulse und das Brausen des Blutes kam es auf ihn zu, wie ein unbändiges, jauchzendes Gefühl aller Kräfte des Lebens.

Es war dem Jüngling, als wiche langsam ein lastender Alb von ihm. Die Vergangenheit fiel wie ein Spuk der Nacht von ihm ab, das in verzweifeltem Ringen gerettete Leben verschlang in stürmenden Pulsen alle Ängste und Schrecknisse der letzten Zeit. Er hatte ein Gefühl, als sei er eben erst rein und stark dem Bad der Schöpfung entstiegen.

Verwundert betrachtete er seine Hände. Er sah an seiner Kutte hinab. Alles war beschmiert mit Staub und Schweiß und Geifer. Sein Leib sehnte sich nach einem Bade. Rasch eilte er zu der Tiefe nieder, riß sich die Kutte und alle Hüllen vom Leibe und warf sich aufatmend in die frische, erquickende Flut. In weiten Stößen schwamm er nach einer kleinen schilfbewachsenen Insel und schwang sich auf die Klippe. Das Wasser troff von dem nackten Leibe. Er reckte sich im übermächtigen Gefühl kraftvollen, muskelstraffenden Lebens. Es gab keine Vergangenheit und keine Zukunft, er war nicht Mönch, nicht Herzogssohn, war nichts als ein schöner Mensch voll geschmeidiger Kraft und fühlte nichts als eine atemengende, jauchzende Lebenslust.

In die Wipfel des Waldes griff ein wühlender Windstoß. Der Jüngling blickte kampflustig auf. Er fühlte Kraft im Überschwang in sich, alle Kämpfe der Welt aufzunehmen. –

Da schlug blaffend ein Hund an. Von der Straße, die jenseits von Teich und Wald sich hinzog, klang jagender Hufschlag.

Deutlich sah Reinald, den Kopf aufwerfend, einen Reiter angaloppieren. Jetzt riß er den Gaul herum, verschattete das Gesicht mit den Händen und spähte scharf nach dem Teiche.

Ein lähmender Schreck durchfuhr den Jüngling, er hatte den Reiter in der Kutte erkannt. Die Verfolger waren ihm auf den Fersen. Mit wildem Gekläff schnoberte der Hund an der Mönchskutte, die Reinald im Ufersande abgestreift hatte.

Jetzt sah Reinald, wie der Reiter sich über den Hals des Gaules vorbeugte, eine Armbrust vom Sattel riß und zielte. Der schimmernde Leib des Jünglings, auf dem die volle Abendsonne lag, bot ein prächtiges Ziel.

Der junge Bursche bäumte sich in jähem Schrecken zum Sprung in die Flut. Da fuhr der Pfeil schwirrend über das Wasser. Mit einem wilden Ausschrei, der gellend durchs Tal schallte, brach der Jüngling in die Knie und sank kraftlos in das Wasser, das sich mit kreiselnden Streifen roten Blutes mengte.

Der Schütze in der Kutte ritt vorsichtig über die Wiesen nach dem Ufer des Teiches, hob sich in den Bügeln und spähte über das Wasser.

Der Hund fiel klatschend ins Wasser, strebte hastig auf die Insel zu und tauchte ans Land, wo der reglose Leib des Jünglings halb im Sande der Insel und halb im Wasser ausgestreckt lag. Kläffend wie ein Bracke, der ein verendendes Wild verbellt, meldete er seinen Fund über das Wasser.

Die Jagd war zu Ende.


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