Gustav Falke
Landen und Stranden
Gustav Falke

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Kummers Freude auf die nähere Bekanntschaft der Dänin wurde leider getäuscht. Es tat Frisoni sehr leid, aber das Paar, das in der Regel noch in den vorn gelegenen Restaurationsräumen zu speisen pflegte, hatte für heute anders beschlossen.

Da man einmal solange gewartet hätte, käme es auf eine halbe Stunde länger nicht an, meinte Kummer. Mit oder ohne Dänin, eine halbe Stunde wäre eine halbe Stunde. Dieser Logik war nicht zu widersprechen, noch weniger Frisonis Ueberredungsgabe, der von Sturzens Suade sekundiert wurde.

Der Speisesaal war in gemütliche Bocs abgeteilt, die geräumig genug waren, sechs Personen Platz zu gewähren. Einzelne dieser Bocs waren von flüsternden Pärchen besetzt, Sängerinnen mit 230 ihren Verehrern. Speisegerüche und der Duft starker Parfüms vermischten sich.

Die Anwesenheit der beiden Künstler machte, daß man schnell und mit einer gewissen vertraulichen Freundlichkeit bedient wurde. Helene und Berta hatten sich gleich für Krebssuppe entschieden, während Kummer längere Zeit zwischen Hummermajonnaise und Heringssalat hin und her schwankte, bis der Hummer siegte. Meise schützte Appetitlosigkeit vor und begnügte sich mit einem Käsebrot.

Helene wußte, warum. Sie hätte auch gern Hummermajonnaise gegessen. Aber sie kannte ja Meises Portemonnaie.

Die neuen Eindrücke dieses Abends, die Nähe Frisonis, der sie beständig mit den Augen verfolgte und sie absichtlich in Verwirrung bringen zu wollen schien, die ganze Atmosphäre mit ihren schwülen Düften und ihren heimlichen Geräuschen, diesem versteckten Geflüster, gedämpftem Lachen, alles versetzte Helene in eine eigenartige, fiebernde Stimmung. 231

Was starrt er dich immer so an, dachte sie. Aber es ärgerte sie weniger, als daß es sie verlegen machte.

Dann ward wieder das Loblied der Dänin gesungen.

»Und was 'n Glück«, meinte Berta. »Kriegt so'n reichen Mann.«

»Na, was denken Sie, das ist in kurzer Zeit das zweite, nein, das dritte Mal, daß sich eine unserer Damen so gut verlobt.«

»Nicht möglich!«

Sturz bestätigte es.

»Da möchte man ja gleich Sängerin werden«, lachte Berta.

»Danke doch«, rief Helene.

»Warum, gnädiges Fräulein?« fragte Frisoni, sie mit seinen brennenden Blicken ansehend.

Helene wurde etwas verlegen.

Meise wollte etwas von dem Ruf solcher Damen sagen, schwieg aber aus Rücksicht auf die beiden Kollegen der Sängerinnen. Aber Frisoni erriet natürlich diese Bedenken und verteidigte die 232 Damen, die in der Regel besser als ihr Ruf wären. Jedes seiner Worte war ein Stich für Helene. Daß sie das gerade aus seinem Munde hören mußte. Wie ritterlich er seine Kolleginnen in Schutz nahm. Wie würde er wohl von ihr denken?

Kummer ließ ein überlegen zweifelndes »Na« hören. »Schließlich haben die Damen doch alle Schiffbruch gelitten«, sagte er.

Frisoni war etwas »geratt«.

Schiffbruch. Das Wort hatte ihn getroffen.

»Schiffbruch, sagen Sie«, nahm er Kummers Gedanken auf. »Ich habe auch Schiffbruch gelitten.«

Er sagte das in einem halb elegischen, halb ironischen Ton.

Eine verlegene Pause entstand nach diesem Selbstbekenntnis Frisonis.

Nur Sturz sah mit einem komischen Blick in sein Glas und kniff die Mundwinkel.

»Hm, hm«, machte er.

»Sie können doch noch von Glück sagen, Herr Kollege«, sagte er dann. »Sie sind doch beim Fach 233 geblieben. Aber mich, den die Natur zum Hamlet bestimmte:

Mich hat des Schicksals harte Faust geschüttelt,
Bis alles Lebens unverstandne Wehmut,
In einen Wutschrei der Natur gepreßt,
Schlug in Gelächter um.

Und Hamlet ging in ein Kloster.«

Die Herren lachten; Helene und Berta, denen der Blödsinn dieser im Shakespeare-Pathos deklamierten Improvisation gar nicht zum Verständnis kam, lachten etwas gezwungen mit. Eine heitere Stimmung bemächtigte sich nach diesen drollig pathetischen Deklamationen des Komikers der kleinen Gesellschaft und hielt bis zur Trennung vor. Sturz war unerschöpflich in Anekdoten und Schnurren. 234

* * *

Helene träumte die Nacht von Frisoni.

Die ganze Ausbeute des Vergnügens, von dem Berta behauptet, daß es ganz famos gewesen sei, war für sie Frisoni. Sein Bild verfolgte sie. Vorher war es eine schattenhafte Erinnerung, ein unbestimmtes Traumbild, das sie nur quälte, weil es immer wiederkam und ihr ein Rätsel blieb. Jetzt war es etwas Wirkliches, was sie schreckte und ängstigte. Und die Erinnerung an Frisoni kam nicht von selbst, sie kam gerufen. Sie suchte sie. Sie spielte damit. Es war ihr eine aufregende Unterhaltung, mit der sie sich über die graue Alltäglichkeit, die Langweiligkeit ihres Verhältnisses zu Meise hinwegzuhelfen suchte. Es war ein ungeschriebener Roman, den sie las.

Meise hatte sich abschätzig über diese Lokale und diese Künstler und Künstlerinnen ausgesprochen. Er mochte besonders Frisoni nicht 235 leiden. »Ein eitler Patron«, schalt er. »Und ein Mädchenjäger, wie er im Buch steht.«

»Woher weißt du das?« fragte sie ihn.

»Diese Sorte muß man kennen. Das sind so die Glücksprinzen in allerlei Amouren. Hübsch und gewissenlos.«

Ob Meise recht hatte? Frisoni wurde ihr dadurch nur interessanter. Sie malte sich seinen Verkehr unter diesen Damen der Tingeltangelbühne aus. Ihrer Phantasie erschloß sich ein verlockender Garten mit verbotenen Früchten. Was war das für eine Welt, in der er lebte? Und diese Damen? Diese Sängerinnen? Sie erinnerte sich seiner Verteidigung.

Neben ihm tauchte immer das Bild der hübschen jungen Dänin auf, dieser blonden Gretchenfigur. Die hatte da ihr Glück gemacht. Andere auch, sie war nicht die einzige, hatte Sturz gesagt.

Und dann dachte sie, wie es wohl wäre, wenn sie selbst da oben säße. Vor ihr das Publikum.

Um Gottes willen! Nicht für Gold!

Aber doch kehrten ihre Gedanken immer 236 wieder dahin zurück, mußten ja, denn Frisonis hübsches Gesicht verfolgte sie, und das andere war ja der Rahmen für dieses Bild.

Einige Tage später traf sie ihn auf der Straße. Sie hatte gerade das Schaufenster dekoriert und stand einen Augenblick draußen, um ihre Arbeit zu mustern. Da kam er die Straße herauf. Er war nur ein paar Schritte von ihr, grüßte schon aus der Entfernung und ließ ihr keine Zeit sich zurückzuziehen. So schnell war er an ihrer Seite. Sie wurde ganz blaß und sah ihn fast ängstlich an. Er sagte einige höfliche Worte, fragte, ob sie hier im Geschäft angestellt sei – eine überflüssige Frage, wie sie dachte – und erkundigte sich nach ihrem Verlobten. Durchaus höflich, nicht aufdringlich. Nur diese Augen, diese fragenden, suchenden, schwarzen Augen, die ein ganz anderes Gespräch führten als die Lippen. Sie verwirrten sie, sie machten sie erröten, zwangen sie beiseite zu sehen.

»Aber ich halte Sie gewiß auf, gnädiges 237 Fräulein«, sagte er entschuldigend. Er lüftete leicht den Hut und ging weiter.

Sie sah ihm nicht nach. Sie hätte weinen mögen, so ärgerlich war ihr diese Begegnung.

Im Laden trat sie trotz des Aufruhrs ihrer Gefühle vor den schmalen Pfeilerspiegel und warf einen flüchtigen Blick hinein.

Wie seh ich aus? dachte sie. Was wird er gedacht haben?

Von jetzt ab sah sie täglich nach ihm aus. Sie wünschte jetzt nichts sehnlicher, als daß er mal vorbeikäme. Nur einmal, dann wäre sie zufrieden gewesen. Es war kindisch von ihr.

Endlich, nach fast vierzehn Tagen kam er.

Sie stand hinterm Ladentisch und sah ihn durch die offene Tür. Es war ihr, als hätte er einen flüchtigen Blick hineingeworfen.

Also doch. Er ging also doch hin und wieder hier vorbei. Sie war ganz glücklich darüber, ganz befriedigt. 238

* * *

Leonhard mochte Frisoni nicht. Aber Leonhard war auch gar zu philiströs. Und was verstehen Männer von Männerschönheit. Das ist wie bei den Weibern. Die finden auch in der Regel die hübsch, an denen die Männer nichts finden.

Von nun an sah sie Frisoni häufiger. Er kam immer um dieselbe Zeit. Sie vermied es möglichst, dann vor der Tür zu sein. Aber nicht immer ließ es sich vermeiden.

In jenen Tagen erzählte ihr Meise, daß er an einer Novelle schriebe, die ihm viele Freude mache.

»Rate mal, woher ich den Stoff habe.«

»Nun?«

»Die Dänin – du erinnerst dich wohl – in dem Tingeltangel.«

Sie war sehr neugierig, aber er wollte ihr nicht eher davon vorlesen, bis er die Arbeit beendet hatte. Er müsse auch noch einige Studien machen, sagte er lächelnd. Er wolle sich doch noch einmal das Lokal ansehen. Aus dem Milieu wüchse ja die ganze Geschichte heraus.

Er fragte sie, ob sie mitwolle. 239

Sie erschrak und besann sich. Aber Meise ermunterte sie.

Kummer hätte er nicht zu Hause getroffen, und er säße nicht gern allein in einem Lokal. Aber überreden wolle er sie nicht. Es sei ja gerade kein Musentempel. Und der schreckliche Kerl, der Frisoni, würde auch wohl noch da sein und »mit de Ogen klappern«. – Helene willigte ein. 240

* * *

Der Saal der Konzerthalle war ausnahmsweise gut besetzt. Vorn, in der Nähe des Podiums waren noch einige Plätze frei. Meise aber wollte nicht so nahe sitzen. Er fürchtete Frisonis und Sturzes Vertraulichkeit. Und da er gut sah und es ihm nur auf den Gesamteindruck ankam, konnte er sich für seine Studienzwecke mit einem entfernteren Sitz begnügen. Sie fanden einen solchen hart am Eingang.

Helene wußte nicht, ob sie lieber hier oder da vorn sitzen möchte. Sie war es einerseits ganz zufrieden, ungesehen von Frisoni, ihn beobachten zu können; anderseits hätte sie sich ihm doch auch gern gezeigt, um zu sehen, welchen Eindruck ihr Erscheinen auf ihn machen würde. Daß sie ihm nicht gleichgültig war, hatte sie längst gemerkt.

Sie waren gerade während des letzten 241 Vortrags vor der Pause gekommen. Ein schlanker Jüngling, der halb wie ein Schauspieler, halb wie ein Friseur aussah, sang mit einem hellen, süßlichen Tenor ein sentimentales Lied von Waldmann. Frisoni saß am Klavier.

Die Damen waren alle vollzählig auf dem Podium. Rechts, auf ihrem abgesonderten Platz, die Dänin. Helene hatte gleich den Hals nach dem eleganten Verehrer gereckt, ihn aber nicht sehen können.

Als Meise sich während der Pause erhob und seine Blicke über das Publikum schweifen ließ, entdeckte er an einem der vorderen Tische, in der Nähe der Dänin, Kummer. Er saß an einem Tisch mit dem jungen Kaufmann. Helene stand einen Augenblick auf und warf auch einen Blick dahin.

Meise bat, ihn einen Augenblick zu entschuldigen, er wäre gleich wieder da. Kummer schiene ihm mit dem Herrn zu sprechen. Das wäre ja interessant. Vielleicht böte sich Gelegenheit, 242 der Dänin näher zu treten. Das wäre ja von größtem Wert für seine Novelle.

Während Meise sich rechts durch die besetzten Tische zwängte, sah sie links sich Frisoni durch den Saal winden, den Blick auf ihren Platz gerichtet. Sie erschrak. Sie wollte Meise zurückwinken, aber der sah sich nicht um. Sie zitterte. Sie verlor auf einmal alle Fassung.

Und nun stand Frisoni vor ihr, lächelnd, mit einem heißen, vertraulichen Blick, unverhohlen erfreut, sie zu sehen. Sie fühlte, wie sie errötete. Er nahm mit einem »Sie erlauben« gleich Platz. Meises Abwesenheit schien ihm keines Wortes wert.

Er sprach seine Freude aus, sie hier zu sehen; er hätte sie gleich bemerkt, als sie eintrat.

»Sie haben ja gar nicht hierher gesehen«, sagte sie.

»Doch, doch«, behauptete er. – »Das ist wohl sehr schwer, das Begleiten?« fragte Helene, um etwas zu sagen. 243

»Sie singen nicht?« fragte er, ohne darauf zu antworten.

Sie verneinte.

»Schade«, meinte er lachend.

»Warum?«

»Weil ich Sie nun nicht begleiten kann.«

Sie wurde wieder rot.

»Sie müssen eine hübsche Stimme haben«, sagte er.

»Woran sehen Sie das?«

»An Ihren schönen Augen.«

Sie machte eine geschmeichelte, verschämte Bewegung mit dem Kopfe. Frisoni rückte näher an sie heran. Seine dunklen Augen blitzten heiß.

»Und wenn ich sage, daß ich mich gesehnt habe, diese Stimme wieder zu hören, nicht nur im Traum.«

Er sagte das nicht mehr lächelnd, sondern leise, etwas elegisch. Er hatte ihren Handschuh, der auf dem Tisch lag, ergriffen und spielte damit. 244

Sie wußte nicht, was sie ihm antworten sollte, und warf einen suchenden Blick nach der Seite des Saales, wo sie Meise wußte.

»Da kommt mein Verlobter«, sagte sie.

Er sah Meise sich wieder durch das Publikum zwängen.

»Ein Wort, eine Bitte«, sagte er, hastig, flüsternd. »Wann darf ich Sie sehen, ich muß Sie sprechen. Nur einmal.«

Sie sah ihn erschrocken an, sah verwirrt um sich, ob es auch jemand gehört hätte, und dachte, was fällt ihm ein, ist er verrückt?

»Freitag. Glacisallee. Um neun«, flüsterte er. Er sah sie mit verzehrender Leidenschaftlichkeit an, stand schnell auf, winkte dem sich nähernden Meise mit vertraulichem Lächeln zu, zuckte wie bedauernd die Achseln und zeigte aufs Podium.

Dann wandte er sich geschäftig, aber nicht hastig, und anscheinend mit sorgloser Gleichgültigkeit, rechts und links Grüße austauschend, durch die Gäste. 245

Meise sah ihm verwundert nach und richtete einen fragenden, mißtrauischen Blick auf Helene.

»Was wollt' denn der?« fragte er unwillig und mit verächtlicher Betonung.

»Nichts; was sollt er wollen«, antwortete sie so gleichgültig, wie es nur möglich war. 246

* * *

Als Helene zu Hause allein in ihrem Zimmer war, fühlte sie: es war eine Frechheit von Frisoni, ihr ein Rendezvous anzubieten. Sie war nur zu verblüfft gewesen, und dann war es ja auch nicht der Ort danach gewesen, sonst hätte sie ihm gehörig darauf geantwortet.

Aber ihr fiel ein, sie hatte ja gar keine Zeit dazu, Leonhard kam ja gerade zurück und Frisoni ging sofort, ohne eine Antwort abzuwarten. So war es ja gewesen.

Nun wußte er nicht, ob sie käme oder nicht. Ob er sie wohl erwarten würde? Jedenfalls würde er am Platz sein. Mochte er warten. Wofür hielt er sie!

Aber alle diese besseren Regungen, diese Stimmen ihres Pflichtgefühls und ihrer Selbstachtung wurden dann wieder erstickt von einem wahnsinnigen Verlangen, doch zu gehen. 247

Um Meise zu ärgern. Um sich an ihm zu rächen, dafür zu rächen, daß sie ihn nicht lieben konnte. Als ob das seine Schuld sei. Immer wieder kam ihr der häßliche Gedanke, was er wohl sagen würde, wenn sie ihm plötzlich die Augen öffnete. Und sie malte es sich mit einer Art wollüstiger Grausamkeit aus.

Liebte sie Frisoni? Sie wußte es nicht. Sie wußte nur, daß er ihr wie eine Art Rettung vor Meise erschien. In diesem Kampfe errang sie einen großen Sieg über sich: den festen Entschluß, ihrem Verlobten die Wahrheit zu sagen. Sie ertrug die Lüge nicht länger, die Unklarheit. Verzieh er ihr, wollte er trotzdem nicht von ihr lassen, so wollte sie es ihm durch treue Hingebung danken. Ja, sie wollte ihn vor Frisoni warnen. Sie wollte ganz, ganz ehrlich gegen ihn sein. Aber konnte er nicht darüber hinwegkommen, dann lieber heute als morgen ein Ende gemacht. Einmal erführe er es ja doch vielleicht. Es wußten's ja so viele. 248

Aber was dann? Dann hatte sie ja Frisoni. Der würde so heikel nicht sein.

Und dann überfiel sie auf einmal die ganze Wucht ihres Unglücks, ihres unverdienten Unglücks. War sie denn schlecht? Was hatte sie denn gesündigt?

Eine tiefe Bitterkeit erfaßte sie, ein Haß gegen alle Gerechten und Tugendsamen. Oh, sie wollte ihnen ins Gesicht trotzen, diesen Gerechten. Sie wollte sich nicht wieder mit einer Lüge vor irgend jemand erniedrigen.

* * *

Helene hatte gegen Morgen etwas Schlaf gefunden. Als Frau Obermann sie zur gewohnten Zeit weckte, war sie noch todmüde. Ihr Kopf schmerzte.

Ihr erster Gedanke, noch traumhaft, verworren, war Frisoni. Und dann ordnete sich nach und nach alles wieder in ihrem Geiste, die 249 Seelenkämpfe der vergangenen Nacht, die Ereignisse des letzten Abends, ihr ganzes Schicksal.

Es war ein trüber Wintermorgen. Es fiel kaum eine blasse Dämmerung durch die Spalte der herabgelassenen Fenstervorhänge. Es schien zu regnen. Schnee konnte es nicht sein. Es war ein prickelndes Tropfen auf die Fensterscheiben, für Hagel nicht hart genug.

Nun sollte sie hinaus in dieses Wetter, so elend wie sie sich fühlte, ins Geschäft, in diese tägliche Lohnsklaverei.

Eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Glück machte sie weinen. Wie glücklich könnte sie sein, wenn alles anders wäre. Meise meinte es gut mit ihr. So erbost sie gestern auf ihn war, so viel Gerechtigkeit ließ sie ihm jetzt widerfahren. Liebe, Leidenschaft, was war das alles. Phrasen. Nur Ruhe, etwas Sonnenschein, Zufriedenheit.

Frau Obermann klopfte an die Tür; »Zeit zum Aufstehen, Fräulein!« Und gleich darauf rief Bertas muntere Stimme: »Du, 'raus! Langschläfersch! Es ist acht.« 250

Schon acht?

Ihr graute vor dem Tag. Wenn sie sich krank melden ließe? Sie war ja krank. Ihr Kopf war, als wollte er bersten.

Sie rief Berta herein.

»Nu? Fehlt dir was?« fragte die mit einem stutzigen Blick.

»Wie siehst du aus? Ist dir nicht gut?«

Helene klagte ihr und bat, ob sie nicht ins Geschäft vorgehen wolle und sie für heute entschuldigen. Sie hätte die ganze Nacht kein Auge zugehabt und fühle sich sterbenselend.

Berta versprach, ihre Bitte zu erfüllen, und ging eilig weg. Es war schon etwas spät geworden, und sie mußte um halb neun Uhr im Geschäft sein.

Das Bewußtsein, einen freien Tag vor sich zu haben, beruhigte Helene. Sie kleidete sich an und genoß etwas von ihrem Frühstück. Der Kaffee tat ihr wohl.

Gegen Mittag kam Meise, ganz zur ungewohnten Zeit. Er hatte zufällig Berta 251 unterwegs getroffen und von ihr erfahren, daß Helene nicht wohl sei.

Er war sogleich zu ihr geeilt, nicht ohne Selbstvorwürfe, denn er redete sich ein, der kleine Zwist vom letzten Abend könne schuld an ihrem schlechten Befinden sein.

Helene, überrascht, verwirrt von seinem unerwarteten Besuch, erblaßte. Ihre verwachten, abgespannten Mienen erschreckten ihn.

»Kind, was hast du? Bist du krank?«

Er umarmte sie zärtlich, herzlich besorgt, küßte sie und war ganz Liebe.

Helene saß zitternd in der Sofaecke. Jetzt wollte sie es ihm sagen, jetzt, alles. Aber sie wußte nicht, wie anfangen.

Es war ganz unabsichtlich, nur um etwas zu sagen, daß sie fragte, ob der junge Kaufmann die Dänin wirklich heiraten wolle.

»Freilich, er ist ganz verschossen in sie.«

»Wenn sie nun ein Kind hat?«

Es war ihr so über die Lippen gekommen. Sie erschrak selbst, fühlte aber gleich darauf eine 252 wunderliche Ruhe über sie kommen. Sie hatte den ganz klaren, überlegenden Gedanken: Was wird er darauf antworten? Diese Antwort entscheidet.

Meise hatte bei ihrer Frage kurz aufgelacht.

»Wie kommst du darauf?« fragte er zurück. »Dann würde er sich wohl schönstens bedanken.«

»Wenn er sie aber liebt.«

»Warum soll sie aber denn ein Kind haben?« fragte er und lachte wieder. »Haben tut sie keins, so viel ich weiß.«

»Auch nicht gehabt?«

»Wie kann ich das wissen«, rief er. »Und wenn, wird sie sich wohl hüten, ihm davon zu erzählen.«

»Aber wie kommst du darauf?« fuhr er fort. Er fand das Gespräch doch etwas eigentümlich.

»Das ist doch so natürlich«, sagte sie. »So wie ihr immer von diesem Mädchen sprecht. Ich meine, es muß für einen Herrn doch eine eigene Sache sein, so eine zu heiraten.« 253

»Ich möcht's nicht«, rief er.

»Ist das alles deine aufrichtige Meinung?« fragte sie. Sie holte tief Atem und verriet ihm ihre Beklommenheit.

Er sah sie stutzig an.

»Wieso?« fragte er.

»Ich meine, würdest du sie auch nicht heiraten, wenn sie –«

Er sah sie so verwundert an, daß sie das Wort nicht über die Lippen bringen konnte.

»Wenn sie ein Kind hätte?« vollendete er den Satz.

Sie nickte und sah ihn mir einem so gespannten, ängstlichen Ausdruck an, als wollte sie ihm die Antwort vom Gesicht lesen.

Noch begriff er nicht, was das alles sollte. Wollte sie ihn ausfragen, ihn prüfen?

»Du stellst ja kuriose Fragen heute, Kind.«

Er lachte etwas gezwungen und dann fuhr er fort.

»So weit ich mich kenne, es kommt ja alles auf 254 den Fall an. Aber ich glaube, ich würde mich doch bedenken«, sagte er in kurzen Absätzen, wie überlegend.

»Auch wenn du liebst?«

Sie glaubte schon zu wissen, wie ihr Urteil ausfallen würde. Das gab ihrer Stimme etwas Trotziges, Verbissenes, Heftiges.

Das fiel ihm auf. Und auf einmal durchzuckte es ihn, blitzartig.

Er sagte nichts, er starrte sie nur mit einem eigentümlichen ängstlichen Blick an.

»Helene.«

Es kam heiser, gepreßt heraus.

Sie hatte ihr Gesicht in die Sofaecke gepreßt und schluchzte. Scham, Trotz, Haß und ein schneidendes Mitleid mit sich selbst lösten sich in Tränen auf.

Eine ganze Weile herrschte Schweigen. Nur ihr Schluchzen und sein krampfhaftes, tiefes Atemholen waren hörbar.

Mitleid erfaßte ihn, tiefes Mitleid mit ihr. 255

Aber er war nicht imstande, sich zu erheben und zu ihr zu treten. Er fühlte ganz im Hintergrunde einen Zorn, eine Wut aufsteigen, die er gewaltsam bezwang. Dabei hatte er das ganz deutliche Gefühl, daß er in einer Situation war, die ihm Gelegenheit gab, sich als edel, als großherzig zu zeigen. Er fühlte sich über ihr.

Aber dann stürzte plötzlich alles auf ihn ein: die Schande, die Lächerlichkeit vor den Freunden, vor sich selbst, der Gedanke, daß sie ihn solange belogen hatte, ihm Komödie vorgespielt hatte, so ganz und gar sich beherrscht hatte, daß er nicht einmal etwas Mißtrauen geschöpft hatte. Ah, diese Schauspielerin! Und auf einmal fiel ihm Frisoni ein. Ein unsinniger Verdacht stieg in ihm auf. Und jetzt kam sein Zorn, seine Empörung zum Durchbruch. Er sprang auf, lief hin und her, schleuderte einen Stuhl, der ihm im Wege stand beiseite, und machte sich in heftigen, bösen Worten Luft. Stoßweise und mit grimmigen Blicken auf sie, als möchte er sich auf sie stürzen. Die geballten 256 Fäuste in die Hosentaschen gesteckt, als wollte er sie verbergen, daß sie keine Gewalttätigkeiten begingen.

»Und das sagst du mir erst jetzt?« stieß er heraus. »Was du mir gleich hättest sagen müssen. Das ist, das ist –« er suchte nach einem Wort.

Sie hatte sich aufgerichtet und sah ihn trotzig an.

Natürlich. Nur er, er, kein Gedanke an sie.

Was sie gelitten hatte, wie begreiflich es war, entschuldbar wenigstens, daß sie ihre Schande verschwieg, davon kein Gedanke. Nur dieser engherzige Egoismus.

»Von wem denn?« frug er brutal.

Sie wurde blutrot.

»Das geht dich nichts an«, sagte sie.

Er sah sie zornig an.

»Das Kind ist tot«, sagte sie. »Mit ihm habe ich nichts mehr zu schaffen, er ist gar nicht mehr in Hamburg –«

»Das lügst du«, unterbrach er sie. 257

Seine Heftigkeit, seine Beleidigung gab ihr ein Uebergewicht.

»Was sollte das noch fürn Zweck haben?« meinte sie ruhig.

»Ist es nicht dieser Frisoni?« fragte er. »Dieser Fatzke!«

Eine flammende Röte übergoß sie bei diesem Namen und bei der Verachtung, mit der er von dem Pianisten sprach.

»Ich seh dir's an«, triumphierte er. »Was hatte dieser Bengel gestern an unserem Tisch zu suchen. Was habt ihr miteinander gehabt? Ich will das wissen.«

»Ich bin dir keine Rechenschaft mehr schuldig!« rief sie. Sie riß ihren Ring vom Finger und schleuderte ihn ihm vor die Füße, daß er klirrend durchs ganze Zimmer sprang und unter ihr Bett rollte.

Er fand kein Wort. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt.

Sie hatte sich ans Fenster gestellt, den Rücken ins Zimmer wendend. 258

Langsam zog er seinen Ring vom Finger und legte ihn auf den Tisch.

»Das hätten wir uns ersparen können«, sagte er fast tonlos, »wenn du mich wirklich liebgehabt hättest.«

»Das ist es ja«, sagte sie, ohne sich umzuwenden. Er stand einen Augenblick, als erwartete er, daß sie mehr sagen sollte. Aber sie schwieg.

Er nahm seinen Hut.

Er wollte »Adieu« sagen, brachte es aber nicht über die Lippen. War dieses Wort hier nicht lächerlich?

So ging er langsam zur Tür, wartete hier noch einmal, ob sie noch ein Wort für ihn hätte. Aber sie verharrte schweigend und regungslos am Fenster. Da tastete er nach dem Türgriff, ging hinaus und schloß die Tür mit einem kurzen, heftigen Ruck hinter sich. 259

* * *

Als er zu Hause war, machte seine bittere, böse Stimmung einer tiefen Traurigkeit Platz.

Aus, alles aus. Er hatte sie geliebt, er liebte sie ja noch. Es war ja nur Selbstquälerei gewesen, daß er sie vorhin so schmähte. Er sah sie vor sich in ihrer jugendlichen frischen Schönheit, in ihrer naiven Mädchenhaftigkeit, die nicht verriet, daß sie schon Mutter gewesen war.

Sein Mitgefühl regte sich. Wie hatte er sie gescholten! Was mochte sie alles gelitten haben! Er verstand jetzt alles. Wie natürlich, daß sie ihren Fehltritt verheimlicht hatte. Sollte sie selbst ihr Glück zerstören?

Es drängte ihn, ihr alles zu vergeben, zu ihr zu gehen. Aber dann kamen wieder Bedenken, Zweifel. Wie mochte ihre Vergangenheit sein, in welchen Beziehungen mochte sie noch mit dem 260 Vater ihres Kindes stehen? War es wirklich tot? Und dann dachte er an Frisoni.

Daß er ihr mit seinem Verdacht, Frisoni könnte sein Vorgänger sein, Unrecht getan hatte, hatte er längst eingesehen. Wie konnte er so dumm sein. Sie hatte ihn ja erst durch ihn kennengelernt. Und so konnten sie sich nicht beide verstellen, wenn sie sich schon vorher näher gestanden hätten.

Als er gestern nacht nach Hause gekommen war, hatte er sich in seinem überempfindlichen Zartgefühl Vorwürfe gemacht, daß er einen Augenblick ein heftiges, sinnliches Interesse für die Dänin gefaßt hatte. Es war ihm eine Versündigung gegen Helene gewesen, und er hatte dieses Gefühl in zwei kurze Strophen zusammengefaßt.

                          Liebe

Die lange Nacht war schwarz und schwül;
In dumpfen Süchten noch befangen
Entfernt ich mich von mir, von dir,
Nun seh ich wieder über mir
Das Leuchten reiner Sterne hangen. 261

Und eine Stimme, hold vertraut,
Klingt mir ins Herz: Der wilden Triebe
Schwellende Flamme löscht der Wind.
Sieh, heiter sind
Die ewigen Lampen unsrer Liebe.

Und jetzt?

Die ewigen Lampen unserer Liebe.

Er lachte bitter.

* * *

Es war ein kalter, sternklarer Abend. Es fror, daß der Schnee unter den Rädern der Fuhrwerke und den Sohlen der Fußgänger pfiff. Frisoni, in einen Pelz gehüllt, ging schon eine Viertelstunde in der Glacisallee, an der dem Wallgraben zugelegenen Seite, auf und ab. Er hatte Helene seit jenem Abend nicht wiedergesehen, obgleich er täglich an ihrem Laden vorübergegangen war. Trotzdem war er fest davon überzeugt, daß sie kommen würde. Er wußte, daß er Eindruck auf sie gemacht hatte, und er kannte die Weiber. 262 Jedenfalls hatte sie nichts zu ihrem Verlobten von seiner Rendezvouseinladung gesagt. Der hätte gewiß in diesen fünf Tagen von sich hören lassen, wenigstens schriftlich. Wenn er auch nicht besonders tapfer aussah, so würde er sich doch diese Gelegenheit einer schwungvollen, geharnischten Epistel nicht haben entgehen lassen.

Frisoni lachte spöttisch bei dem Gedanken an Meise. Das war nicht der, der Mädchen wie Helene fesseln konnte.

Frisoni war die dunkle Straße schon mehrfach auf und ab gegangen, als er Helene endlich im Dunkel der Bäume erkannte.

Er ging schnell auf sie zu, streckte ihr beide Hände entgegen und drückte ihre kleine behandschuhte Rechte.

»Wie glücklich machen Sie mich!« flüsterte er zärtlich. »Ich fürchtete schon –«

»Sie brauchen nichts zu fürchten«. sagte sie. »Ich bin frei.«

»Frei?«

Er verstand sie nicht gleich. 263

»Frank und frei. Vogelfrei.«

Es sollte scherzhaft klingen, aber es klang bitter.

Ein Ausruf so freudiger Ueberraschung entrang sich ihm, daß sie unwillkürlich lachen mußte.

Er zog sie weiter ins Dunkel hinein. Mit leidenschaftlichen Fragen und Versicherungen überschüttete er sie.

»Warum denn, warum denn?« rief er.

Und sie sagte es ihm.

»Darum? Darum? Dieser – laß' ihn laufen«, lachte er. Es war ein leichtfertiges Lachen, aber sie schien es nicht zu empfinden.

»Ihnen bin ich gut genug?« fragte sie.

Sie wollte ihm nichts Böses sagen und es klang sogar fast traurig, wie sie es sagte. Aber er empfand doch einen Stachel darin und biß sich auf die Lippen. Er streifte sie mit einem bösen Blick, den sie nicht bemerkte. Aber dann war er wieder ganz Leidenschaftlichkeit und Beredsamkeit. Und sein Benehmen ward vertraulich, als betrachtete er sie wirklich als vogelfrei. Er faßte sie um, 264 drückte sie an sich, küßte sie. Und sie ließ alles über sich ergehen. Es war, als wollte sie sich ihm willenlos ergeben: Da, nimm mich. Mach' mit mir, was du willst. Ich habe nichts mehr zu verlieren.

Und ein ähnliches Gefühl lenkte sie auch. Sie war mutlos. Die Art und Weise, wie Meise ihr Geständnis aufgenommen, ohne ein Wort der Verständigung zu suchen, hatte sie zuerst empört. Dann aber hatte sie ihre Anklagen gegen ihn nicht aufrechterhalten können. Er war ja in seinem Recht.

Er dachte über diesen Punkt wie alle. Davor war auch seine Liebe zurückgeschreckt. Ja, auch sie würde nie über diesen Stein in ihrem Wege hinwegkommen, sie würde immer darüber fallen. Das ganze Leben lang büßen für eine Viertelstunde Rausch.

Und dann war der Trotz über sie gekommen und die Leichtfertigkeit der Verzweiflung. 265

* * *

Meise war nach tagelangem Kampf zu dem Entschluß gekommen, eine Verständigung mit Helene zu suchen. Er liebte sie noch. Er konnte nicht frei werden von ihr.

So war er denn an jenem Abend, als Helene zu Frisoni ging, in ihrer Wohnung gewesen.

Als er sie nicht antraf, kehrte er sofort nach Hause zurück, setzte sich hin und schrieb ihr:

»Liebe Helene!

Laß alles vergessen sein. Von vergeben soll keine Rede zwischen uns sein. Ich bin nicht Dein Richter, denn ich liebe Dich. Heute abend traf ich Dich nicht. Erwarte mich morgen abend. Es war eine unglückliche Stunde, es kam so überraschend. Zu anderer Zeit hätten wir alles ruhiger überlegt und uns beide diesen Kummer erspart. Also morgen abend.

In alter Liebe, für immer

Dein Leonhard.«

Unter der Morgenpost fand Meise einen Brief von Helene, wie er geahnt, gefürchtet hatte. Er öffnete ihn mit zitternden Fingern. 266

»Herrn Leonhard Meise!

Ihren Brief habe ich erhalten und danke Ihnen für alle Güte und Liebe. Aber es ist am besten so. Ich bin Ihrer nicht wert. Geben Sie sich, bitte, keine Mühe mehr, es hilft Ihnen doch nichts.

Sollten Sie mich mal mit Herrn Frisoni sehen, so denken Sie, daß es hat so sein sollen. Ich liebe Frisoni, und es ist auch alles am besten so.

Es grüßt Sie ohne Groll

ergebenst        
Ihre Helene Leidig.«

* * *

Helene hatte ihre Wohnung bei der Obermann gekündigt. Teils genierte sie sich vor Berta, teils wollte sie Meise jede Wiederannäherung erschweren und es auch Adolf nicht leicht machen, ihre Spur zu finden. 267

Frisoni hatte ihr in der Talstraße in St. Pauli eine Wohnung gemietet. Sie war seine Geliebte, die er launisch und herrisch behandelte, aber berechnend, gleichsam systematisch. Er kannte die Weiber. Und Helene hatte er kirre.

Sie liebte ihn mit einer sinnlichen Leidenschaft, die in der Atmosphäre, in der er lebte und in die er Helene hineinzog, die geeigneten Lebensbedingungen fand. Er hatte sie gezwungen, auch ihre Geschäftsstellung aufzugeben, und hatte sie ganz von sich abhängig gemacht. Sie hatte die Bekanntschaft der »Damen« der Konzerthalle gemacht. Gutmütige, leichtlebige Geschöpfe, die sich ihr durch nichts als durch ihren Beruf von Berta und ihren früheren Kolleginnen zu unterscheiden schienen. Besonders die dicke Baronesse hatte ihr ihre Freundschaft förmlich aufgedrungen. Deren und Frisonis eifrigem Zureden gab sie endlich nach und ließ sich von ihrem Liebhaber »ausbilden«.

Er wollte, daß sie etwas verdiene, etwas 268 Ordentliches, nicht dieses lumpige Verkäuferingehalt.

Ihre Stimme war nicht übel, ihr Lerneifer stand im Einklang mit ihrer gehorsamen Furcht vor ihrem heftigen und herrischen Lehrmeister.

Nach einigen Monaten konnte sie auftreten. Sie saß an der Seite der Baronesse. Erst ängstlich, scheu. Sie wagte nicht, ins Publikum zu sehen, aus Furcht, bekannte Gesichter zu finden. Aber allmählich gewöhnte sie sich. Es schien niemand aus ihrer früheren Bekanntschaft hierher zu kommen. Sie alle würden wissen, wer Fräulein Ellen Fritz wäre, und wollten ihr und sich die Demütigung ersparen.

Aber einmal traf es sich doch, daß sie Bekannte sah. Ganz vorn, an einem der ersten Tische.

Ein lautes »Prost Willi!« hatte sie hinsehen lassen; an den Nachbartischen lachte man über diese Unterbrechung, auf dem Podium kicherte man verstohlen. Auch sie kicherte hinter ihrem Fächer.

Aber dann, aufmerksam geworden, erkannte sie Schmüser. Er saß mit Dobbernak, Fritz 269 Krüger und drei oder vier anderen Männern zusammen an einem Tisch, eine etwas lärmende, angezechte Gesellschaft.

Und dann sollte sie singen:

»Hab' ich nur deine Liebe.«

Ihre Stimme zitterte, sie sang unsicher. Alles bewegte sich im Kreis um sie. Frisoni sah sich vom Klavier aus unwillig nach ihr um.

Als sie geendet hatte und nach ihrem Stuhl schwankte, ertönte anhaltender Applaus und Bravorufen. Man hatte die zitternde Unsicherheit ihres Gesanges, dieses bebende Tremolieren für »gefühlvollen Vortrag« genommen.

Man rief: »Da Capo!«

Schmüser hatte sie während des Liedes ganz verzückt angestarrt. Nun stand er auf, das Seidel in der Hand, und schwankte gegen das Podium.

»Prost Fräulein!« lallte er.

Dobbernak versuchte ihn zurückzuziehen.

»Lat mi, August!« rief er ganz laut. »De Deern mag ik lieden.« 270

Er hob nochmal sein Glas und begoß sich dabei.

Das Publikum zischte und rief: »Da Capo!«

Schmüser wurde von seinem Freunde auf seinen Sitz gezwungen. Er wischte mit seinem rotseidenen Taschentuch an sich herum.

Und dann trat Helene noch einmal an die Rampe. Ihre Knie zitterten, sie konnte sich kaum aufrecht halten, und während die Szene aus dem Billwärder-Park, ihre mütterliche Wohnung, ihre Mutter, die Gräber auf dem Ohlsdorfer Friedhof, ihre ganze Vergangenheit in einer wüsten Bilderjagd vorüberhastete, sang sie noch einmal mit heiserer Stimme, starr vor sich hinsehend:

Hab' ich nur deine Liebe,
Die Treue brauch' ich nicht:
Die Liebe ist die Knospe,
Aus der die Treue bricht!

 

Ende.

 


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