Gustav Falke
Landen und Stranden
Gustav Falke

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Seit jenem Nachmittag im Billwarder-Park und dem darauf folgenden festlichen Abend waren Kunkel und Adolf die besten Freunde. Kunkel hatte, als er von Adolf hörte, daß Frau Leidig alles wisse, der alten Frau einen Besuch gemacht; dabei war er so liebenswürdig gewesen, daß Mutter Leidig ganz von ihm bezaubert war. Helene und er sahen sich jetzt öfter. Helene hatte nun immer ein großes Interesse für das Schaufenster der Buchhandlung. Sie ging nie vorüber, ohne einen Augenblick stehenzubleiben, und während sie anscheinend die neuesten Erscheinungen der deutschen Literatur musterte, hatte sie nur den einen Gedanken: ob er wohl mal überguckt.

Herr Kunkel wußte sich um die Zeit, da er Helene zu sehen hoffen konnte, so viel als möglich beim Fenster zu schaffen zu machen. Sie trafen 44 sich auch auf der Straße. Wenn er zu Tisch ging, kam sie von ihrem Mittagessen zurück. Sie gingen nach der Uhr und verfehlten sich selten. Abends wartete er auf sie, die eine Stunde später Feierabend machte, und begleitete sie nach Hause.

Mutter Leidig war in ihren Kreisen den zwanglosen Verkehr der jungen Leute beiderlei Geschlechts gewohnt und gestattete dem Kollegen ihres Sohnes gern den Umgang mit Helenen. Sie sah darin eine Anerkennung der feineren Artung ihrer Kinder und der guten Erziehung, die sie ihnen gegeben hatte.

Nach einer Seite hin jedoch warf der Verkehr des jungen Buchhändlers mit der Familie Leidig störende Schatten. Wilhelm Schmüser merkte mit dem Scharfsinn der Eifersucht sehr bald, daß die häufigen Besuche Kunkels im Parterre nicht dem Bruder, sondern der Schwester galten. Er haßte ihn. Mit dem konnte er nicht konkurrieren, das empfand er. Lackstiefel trug er nicht, und Handschuhe auch nicht. 45

»Na, sie soll sich man vorsehen. Immer fein und nix dahinter. Die Art kennt man. Auch so'n Studierten, die meinen, mit die Bücher hätten sie es gefressen. Unsereins hat auch was gelernt.«

Schmüser beschloß sich zu rächen. Er ließ eine Annonce in den »Generalanzeiger« einrücken:

»Ein achtbarer junger Mann in den besten Jahren, verträglichen Charakters, gesund und mit einem gutgehenden Fettwarengeschäft, sucht die Bekanntschaft eines ansehnlichen Mädchens zwecks Heirat. Auf Herz und Gemüt wird mehr gesehen als auf Geld, da selbiges vorhanden. Anonym wird nicht berücksichtigt. Diskretion Ehrensache.«

Zwei Tage später kam er mit einem ganzen Paket Offerten von der Expedition des »Generalanzeigers« zurück.

›Sehn Sie mein Fräulein‹, höhnte er in Gedanken. ›Die alle kann Willy Schmüser kriegen. Wir sind durchaus nich verlegen.‹

Wenn er sie nun auch wirklich alle kriegen 46 konnte, so konnte er doch nur eine davon brauchen. Aber welche? Sein Triumph verwandelte sich bald in Ratlosigkeit. Marie Schulze, Pauline Möller, Berta Neuers, Henriette Auguste Schmidt, Anna Karoline Louise Elisabeth von Harve und zwanzig andere trachteten nach der Ehe mit einem gesunden und verträglichen Fettwarenhändler. Die meisten hatten ihre Photographie mit eingeschickt. Willy Schmüser hatte sie alle vor sich ausgebreitet und ging bald mit der einen, bald mit der anderen ans Fenster, drehte den kurzen Hals, schob die Unterlippe vor, kniff die Augen zu und war doch noch zu keiner Wahl gekommen, als schon sämtliche Bilder mehrfache Malzeichen seiner kurzen, fettigen Finger trugen.

Er sah ein, daß er allein nicht damit fertig würde. Er mußte irgend jemanden ins Vertrauen ziehen. Und er ging zu einem Freund: zu Fritz Jürgens, dem Krämerkommis. »Wat, du wullt heiraten?« lachte der. »Na, denn lat mal din Harem sehn.« 47

Der junge Mann musterte etwas oberflächlich die Bilder. »Eens as de anner,« meinte er. »De, de geiht, de mügg'k woll hemm'. Dat's 'n stramme Deern.«

»Dee?« fragte Schmüser zweifelhaft.

»Ja, de, Minsch. De geföllt mi. De hätt so wat int Liv, und denn de Backen, de is echt, Minsch, de mußt du nehmen.«

»Ja, se geföllt mi ok woll. Wer is dat doch gliek. Mütt doch mal nachsehn – Ja so!«

Schmüser griff mit der linken Hand nach der Stirn.

»Nu häff ik de Breef nich bi mi.«

»Ja, häst du di denn ok markt, welk tosamen hören?«

»Ne, Dunner, doran häff ik nich dacht. Dat's wohr!«

»Dööskopp, nu büst ok noch so klook.«

Schmüser stand ratlos da und kratzte sich hinter die Ohren.

»Ik glöv, dat is de Schmidt, sonst is dat de Möllersch,« sagte er zögernd. 48

»Ja, denn mütt dat dorup ankamen. Denn müßt du di an all beid wennen und sehn, welk dat is.«

Schmüser fand den Rat gut.

»Wat wullt du mit de annern anfangen?« fragte der Freund. »De kannst du mi man geben.«

»Wat wullt du damit?«

»Min Schwester hätt mi vergangenen Wihnachten 'n Photographiealbum schenkt, da könnt welk rinn kamen. Un viellicht is do jo ok noch een för mi datüschen. Tid ward ja ok für mi bald.«

»Ja, mal mut't ja sien,« meinte Schmüser. – »Wenn du di um Michaeli süllben etableerst, denn kannst du ja ok all 'n Fru bruken. Dann kannst du ja ok de Breef man gliek nehmen.«

»Giv man her. Ick kam eben bi di mit 'ran.«

Fritz Jürgens ging mit und ließ sich von Schmüser die Briefe einhändigen.

»So, meine liebe Lotte,« lachte er und schob alles in seine Tasche.

Schmüser war froh, daß er so weit war. Nun hieß es, sich mit Pauline Möller und Henriette 49 Auguste Schmidt in Verbindung zu setzen. Er schrieb daher zwei gleichlautende Briefe.

»Geehrts Fräulein!

Ihre mich sehr schmeichelhafte Offerte habe ich erhalten und bin ich gewillt mit Ihnen in den heiligen Stand der Ehe zu treten, wenn sich ein beiderseitiges Wohlgefallen herausstellen sollte. Ich schreibe Ihnen dieses alles aus aufrichtigem Herzen mit der Bitte, sich am Sonntag abend 9 Uhr in den Anlagen bei der Alsterlust vertrauensvoll einzufinden. Den Weg bei der Eisenbahn wissen Sie wohl, den oben, nicht unten beim Wasser. Als Erkennungszeichen trage ich ein Bukett Maiglöckchen in mein linkes Knopfloch, und Sie müssen Ihr Taschentuch in der linken Hand tragen und dabei dann und wann mal husten.«

Er sann lange nach, wie er unterzeichnen sollte, und entschied sich endlich für »Der Bewußte«.

Dann machte er vorsichtigerweise eine Nachschrift: 50

»Sollten Sie Sonntag verhindert sein, so schreiben Sie mir bitte bis übermorgen postlagernd Hauptpostamt T. 4, wann und wo ich Sie sprechen kann.«

Beide Briefe waren gleichlautend, nur hatte er die Schmidt einen Sonntag später bestellt. Mit großer Wichtigkeit schloß er die Kuverts und adressierte sie:

An Fräulein Henriette Auguste Schmidt
Schmiedestraße 6, 3. Et. links.

und

An Fräulein Pauline Möller
bei Herrn Burmeister an der Alster,
Ecke der Lohmühlenstr.

Als er die Briefe zum Kasten trug, begegnete ihm Helene, die ein Bukett trug und tat, als ob sie ihn nicht sehe.

Mit einem Aplomb warf er die Briefe in den Kasten. »So, du hast es nicht anders gewollt.« 51

* * *

Helenes Verhältnis zu Kunkel wollte sich nicht recht festigen. Sie hatte in der ersten Zeit für ihn geschwärmt, und seine Kurmacherei hatte ihrer Eitelkeit geschmeichelt. Ihrem ersten Herzensbedürfnis hatte der Zufall gerade ihn in den Weg geführt. Nun sie ihn nach ihrer Meinung besaß, hatte sie angefangen, Vergleiche anzustellen. Sie hatte sich gesagt, daß er, so nett er auch sei, doch eigentlich nicht ihr Ideal sei.

Was er sich wohl eigentlich dachte? Ueber die harmloseste Kurmacherei war er noch nicht hinausgegangen. Einmal hatte er ihr die Hand geküßt, das heißt den Handschuh. Zärtlicher war er noch nie geworden.

Kunkel wollte doch nur poussieren. Je klarer sich Helene über Kunkels Absichten wurde, je lebhafter erwachte ihr Wille, ihn zu besitzen, zu beherrschen.

In jener Zeit, in der sich Helene mit solchen Gedanken trug, kam der Sohn des Seniorchefs ihrer Firma in ihre Abteilung, um für seine 52 Mutter eine Bestellung zu machen. Der junge Ludwig Burmeister betrug sich ziemlich ungewandt. Er betrachtete Helene sehr von oben herab, so daß sie ganz weiß wurde vor Aerger. Seine Augen machten dabei durchaus kein Hehl daraus, daß sie ihm gefiel. Aber es lag in dem Auftreten dieses fast noch in den Knabenschuhen steckenden jungen Mannes etwas Herrisches, Beleidigendes, das zu sagen schien: wenn ich pfiffe, müßtest du tanzen, aber ich mag nicht pfeifen. – Dies Gefühl ließ Helene seit dieser Begegnung nicht mehr los. 53

* * *

Der folgende Sonntag war ein Regentag. Ununterbrochen rieselte ein feiner, sachter Regen. »Hamburger Wetter!«

Willy Schmüser, der am Abend unterm Schirm mit einem Maiglöckchenstrauß im Knopfloch unverdrossen den Weg längs dem Bahndamm in den Anlagen bei der Lombardsbrücke auf und ab schritt, hatte schon nasse Füße bekommen. Es war sehr dunkel.

Nur eine einzige Gaslaterne warf ihr flackerndes Licht auf den nassen Weg.

Eine kleinere Gestalt im grauen Radmantel, einen großen Schlapphut tief in die Stirn gezogen, ging ohne Schirm eiligen Schrittes vorüber. Zwei funkelnde Augen über einer großen Hakennase musterten ihn schnell, aber scharf.

Sonst zeigte sich keine Menschenseele. 54

Schmüser spähte fleißig aus, aber kein weibliches Wesen ließ sich sehen.

›Warum kommt sie nu nich?‹ dachte er. ›Es is grade so schön passend hier. Keine Menschenseele. Das büschen Regen wird ihr doch woll nich abhalten.‹

Endlich näherte sich eine dunkle Gestalt unterm Regenschirm. Er sah von fern schon etwas Weißes leuchten.

›Das is sie, sie hat das Tuch in der Hand.‹

Schmüser, statt ihr entgegenzugehen, blieb erwartungsvoll stehen. Ihm war doch etwas sonderbar zumute. Die ganze Geschichte hatte so etwas ungewohnt Romanhaftes für ihn.

Die Gestalt kam näher und Schmüser konnte schicklicherweise nicht mehr stehenbleiben. Er ging ihr sehr langsam entgegen.

Die Person stand jetzt dicht vor ihm. Ein dralles, hübsches »Kökschengesicht« unter schwarzem Federhut. Eine rundliche, untersetzte Figur in grauem Regenmantel. 55

Das Mädchen machte eine verlegene, drehende Bewegung mit dem ganzen Körper.

»Nein, ich schäme mich doch so,« sagte sie.

»O, wo denn,« beruhigte Schmüser sie, froh, daß das erste Wort gefallen war. »Sie hätt'n sich man 'n büschen besseres Wetter aussuchen soll'n.«

»Nich wahr? Ich leck all ordentlich.«

Er schlug vor, in ein Lokal zu gehen, der Regen wäre doch zu schrecklich. Sie kehrten wieder um und gingen nach der Alsterlust, die am nächsten lag. Er hatte ihr schon den Arm geboten und sie waren schnell vertraut miteinander geworden. Sie fanden in dem nur schwach besetzten Saal einen bequemen Platz. Er bestellte Bier für sich und Weinpunsch für sie. Sie gefiel ihm sehr gut. Sie war nicht das Original der erwählten Photographie, aber für seinen Geschmack ebenso hübsch, ein rundes, frisches Gesicht mit gutmütigen, sehr hellen blauen Augen. Sie wurde von der Hitze, die im Lokal herrschte, und von dem Wein schnell warm und einige Schweißperlen rannen über ihre 56 niedrige Stirn. Sie wischte sich mit dem rechten Arm ab.

»Ik sweet all ordentlich.«

»Ja, is bannig warm hier.«

Sie sprachen schon eine Weile platt, sie waren da so hineingekommen. Als der Kellner kam, ihm ein neues Glas Bier zu bringen, ward Schmüser wieder vornehm.

»Is Sie auch noch eins gefällig?« fragte er laut.

»Ja,« sagte sie resolut. »Aber recht süß,« rief sie dem Kellner nach.

»Mögen Sie gern süß?« fragte er.

»Ja, kann mich nie zu viel werden.«

»Denn passen wir ja zusammen.«

»So? Mögen Sie auch so gerne süß?«

»Ja, besonders kleine süße Mädchen.«

Schmüsers wasserblaue, quellende Augen nahmen einen verliebten, zärtlichen Ausdruck an. Er rückte ihr näher, legte seinen kurzen Arm um ihre volle Taille und drückte sie leise. 57

Sie kicherte in ihr Glas hinein und ließ ihn gewähren. Er bestellte Kuchen und sie nahm alles ungeniert an. Um zehn Uhr brachen sie auf, da sie nur bis halb elf Erlaubnis hatte. Er begleitete sie nach Hause. Unterwegs verabredeten sie, wann sie sich wiedersehen wollten. Von Heiraten war den ganzen Abend kein Wort zwischen ihnen gefallen. Pauline schlug den Himmelfahrtstag vor. Da wäre sie den ganzen Nachmittag allein zu Hause. Die Herrschaften gingen nach Reinbek und der junge Herr wollte eine Tour machen.

»Denn mach ich Sie eine feine Tasse Kaffee und Kuchen kauf ich auch. Und dann fahren wir forts in'n Himmel. Soll'n mal sehn, das wird 'n Spaß.«

Nach einigem Zögern und als sie ihm »heilig« versichert hatte, daß sie ungestört sein würden, sagte er zu. 58

* * *

Adolf kam am Abend vor dem Himmelfahrtstage mit der Nachricht nach Hause, daß Herr Kunkel ihn und Helene zu einem Ausflug am Himmelfahrtstage eingeladen hätte. Er hätte allerdings für sich abgelehnt, weil er sich schon mit einem Freund verabredet habe. Von Helenen wolle Herr Kunkel sich morgen früh selbst Bescheid holen. Wenn Helene mitgehen wolle, möge sie sich gleich zum Ausgang bereit halten.

Frau Leidig wollte erst nicht viel davon wissen, dann sagte sie aber doch:

»Na, meinetwegens. 'n ordentlichen Menschen is er ja und auf dir selbst kann ich mir ja auch verlassen.«

Am nächsten Tage früh um sechs Uhr stellte sich ein Freund ein, um Adolf abzuholen. Um acht Uhr kam Herr Kunkel, höchst elegant, in neuem Sommeranzug, ganz in Hellgrau, mit einem leichten weißen Filzhut, der ihm vortrefflich stand. Helene war schon in voller Toilette und überhob 59 ihn dadurch eigentlich der Anfrage, ob er sie einladen dürfe.

Herr Kunkel versprach Frau Leidig, Helene wie seinen Augapfel zu hüten, und verabschiedete sich mit einer sehr eleganten Schwenkung seines weißen Filzhutes.

In der Bahnhofshalle am Klostertor wimmelte es von Ausflüglern. Kunkel und Helene hatten im Blankeneser Zug in einem Coupé zweiter Klasse Platz genommen. Ihre Befürchtung, eine ungemütliche Fahrt im überfüllten Coupé zu haben, bestätigte sich. So waren sie froh, als sie in Blankenese aussteigen konnten. Mit einem »Gott sei Dank« hängte sie sich an seinen Arm. Sie gingen gleich rechts vom Bahnhof ab auf der Chaussee hin, bogen in den nächsten links abführenden Weg ein und stiegen den steil abführenden sandigen Waldweg nach Falkenthal und Westerbad hinab.

Sie waren anfangs nebeneinander hergegangen. Als dann der Weg, nachdem sie die Wasserkunst hinter sich gelassen hatten, eine 60 Strecke tief und sandig wurde, bot er ihr seinen Arm, den sie aber bald wieder fahren ließ.

Hin und wieder lagen aufgeschichtete Steinhaufen am Wege, altes Bauholz oder ein gefällter Baumstamm. Helene, von Natur wild und knabenhaft, konnte der Lockung nicht widerstehen, wieder einmal wie als Kind umherzutollen. Sie mußte auf jedem Balken, auf jedem Baumstamm balancieren und fand um so mehr Vergnügen daran, da Kunkel ihr die Hand zur Stütze reichte. Einmal, als sie sich nicht abzuspringen getraute, fing er sie in seinen Armen auf.

Beim Weitergehen kamen sie an eine Stelle, an der von dem letzten heftigen Regen noch eine Pfütze stehengeblieben war. Es hatte sich hier im Schatten des dichten Gestrüpps ein kleiner Morast gebildet. Wie dahinüber kommen? Es bedurfte einiger Ueberlegung, wenn man sich nicht das Fußzeug allzusehr beschmutzen wollte. Helene stand ratlos. Er, um sie zu necken, faßte sie mit beiden Händen um die Taille und wollte sie vorwärts drängen. 61

Sie kreischte auf und suchte sich loszumachen.

Aber er hielt sie fest, zog sie hinterrücks an sich und küßte sie. Dabei hatte sich ihr Hut in dem Geäst verwickelt, und sie stand, blutrot, den Kopf von dem unerwarteten Verbündeten Kunkels hinten übergezerrt, und versuchte vergebens mit beiden Händen ihren Hut aus dem Gehäkel zu befreien, ohne die feine Tüllgarnitur zu zerreißen. Während er ihr half und ihr Gesicht in dieser gezwungenen Haltung ihm voll zugewandt war, konnte er nicht widerstehen, diese frischen weichen, in ihrer Hilflosigkeit leicht geöffneten Lippen wieder und wieder mit Küssen zu bedecken.

Ein kleiner Fetzen des Tülls blieb an den Zweigen hängen, als sie sich plötzlich mit einem schnellen Ruck losriß. Aber berauscht von seinen leidenschaftlichen Liebkosungen, ließ sie es willenlos geschehen, daß er sie mit einem kräftigen Schwung über die sumpfige Stelle hinwegsetzte.

Er hatte den Arm fest um ihre Taille gelegt und sagte ihr allerlei schöne Worte, wie lieb er 62 sie habe, wie reizend sie sei, und wie vergnügt sie heute sein wollten.

In Schulau trafen sie es unglücklich. Es war eine laute, lärmende Gesellschaft da. Aber da sie Hunger bekommen hatten, kehrten sie ein. Vom Strand herauf kamen junge Leute, die eben ihr Segelboot befestigt hatten. Helene erkannte unter ihnen den jungen Burmeister, den Sohn ihres Chefs. Er grüßte sie etwas geckenhaft und von oben herab. Sie fühlte sich sehr geniert und wurde rot, unterließ aber doch nicht, sich etwas in Positur zu setzen und ihr Jäckchen koketter auseinanderzuschlagen.

Kunkel bemerkte diesen kleinen Zwischenfall. Es war ihm unangenehm und deshalb drängte er zum Aufbruch. Seine Absicht war gewesen, in Schulau zu Mittag zu speisen, nachmittags mit dem Boot nach Hamburg zurückzukehren und den Abend in irgendeinem Theater auf St. Pauli zu verbringen. Nun war ihm dieser Plan so zeitig verdorben worden. Er sah einen langen Tag noch vor sich und fürchtete mit einem Male, 63 das Amüsement möchte ihm vor der Zeit ausgehen.

In Blankenese speisten sie unten am Strand bei Bärmann, saßen dann bei einer Tasse Kaffee oben im Pavillon der Badtkeschen Konditorei und fuhren mit dem Sechs-Uhr-Dampfer nach St. Pauli zurück. Kunkel war müde geworden. Er hätte den Rest des Tages am liebsten für sich allein bei einem Glas Bier in einer gemütlichen Kneipe oder bei einer Partie Billard verbracht. Er hatte sein Vergnügen gehabt. Mehr war ja von Helene nicht zu holen. Er hatte sie mal ordentlich abgeküßt. Sie war jetzt um den Finger zu wickeln, aber es hatte ja keinen Zweck, sich weiter mit ihr einzulassen. Merkwürdig, er verspürte jetzt gar keine Neigung mehr, sie noch einmal zu küssen. Vielleicht morgen oder wenn er sie eine Weile nicht gesehen hatte. Heute abend war sie ihm wirklich schon etwas gleichgültig geworden. 64

* * *

Helene, die am Sonnabend vor Pfingsten sich in die lange Liste der Verlobungsanzeigen vertiefte, die das »Hamburger Fremdenblatt« brachte, sprang plötzlich von ihrem Stuhl auf und lief in die Küche.

»Meine Güte,« lachte sie laut auf. »Willy Schmüser hat sich verlobt. Als Verlobte empfehlen sich Pauline Möller und Wilhelm Schmüser.«

»Was mag das für eine sein,« meinte Frau Leidig. »Kennst du die? Das is doch nich von Hein Möller eine?«

»Kein Gedanke! Weiß der Himmel, wo er sich die aufgestakt hat. Na, meinen Segen hat er,« höhnte Helene.

Die Haustür klingelte. Helene öffnete. Ein Dienstmädchen eilte mit einem »'n Abend« an ihr vorbei, direkt auf Frau Leidig zu.

»Hemm Se all hürt? Schmüser hett sik verlavt,« kramte das Mädchen seine Neuigkeit aus.

»Ja, dat steiht ja all in 'n Blatt.« 65

»Dat is ja de Pauline, de hier baben in de Straat bi Hinrichsen wesen is, weten Se; jetzt deent se ja bi Burmeister an de Alster – dat grote Mäntelgeschäft.«

»Also ein Dienstmädchen!« Helene machte ihr hochmütigstes Gesicht.

»So, is dat de?«

Hatte dieser Schmüser wirklich geglaubt, er könnte ihr so gut einen Antrag machen wie irgend einer »Köksch«?

Aber trotz alledem wirkte Schmüsers Rache. Helene war sehr mißgestimmt. 66

* * *

Da Kunkel an den Pfingsttagen zu seinen Eltern reisen mußte, ging Helene mit Mutter und Bruder zum Konzert in den Zoologischen Garten.

Es war ganz nett, so zwischen den geputzten Menschen, selbst geputzt, umherzuwandern, zu bewundern und sich bewundern zu lassen. Sie dachte sogar nicht mehr an Kunkel.

Da hatte sie ein schlanker Leutnant mit seinem Monokel fixiert, da ein blonder Merkurjünger ihr freundlich zugelacht, hier ein schwarzbärtiger Zollbeamter, der sich wie ein Offizier hielt, sie mit durchdringendem Blick gemustert. Es gab doch viele hübsche Männer. Helene hatte die Augen überall.

Auf dem Musikplatz irrten Mutter, Adolf und Helene zwischen den dichtbesetzten Tischen auf der Suche nach einem neuen Platz umher, sehr zum 67 Aerger Helenes. Da trafen sie hart am Restaurantgebäude auf eine Gesellschaft junger Leute, die höflich den Hut zogen. Es war ein Kollege Adolfs unter ihnen.

»Finden Sie keinen Platz, Leidig?« fragte er.

»Alles besetzt, wie es scheint,« antwortete Adolf.

»Nehmen Sie doch hier Platz,« lud ein junger Mann ein, der Helene schon eine Zeitlang fixiert hatte und jetzt aufstand und einen in der Nahe stehenden unbesetzten Stuhl herbeizog.

Es war der junge Burmeister, der mit einigen raschen Worten Platz an dem Tisch schaffte.

Helenen war diese Begegnung sehr peinlich. Aber sie konnte die Einladung nicht ablehnen, da Adolf schon erfreut angenommen hatte. Ludwig Burmeister hatte sie genötigt, neben ihm Platz zu nehmen. Er war sehr liebenswürdig und viel weniger von oben herab als sonst. Es dauerte trotzdem lange, bis Helene in seiner Gesellschaft auftaute. Sie hatte ein eigenes, bedrückendes Gefühl in seiner Nähe, das sie nicht abschütteln 68 konnte. Allmählich wurde aber doch die Unterhaltung lebhafter. Ludwig Burmeister war sehr freigebig, er traktierte die ganze Gesellschaft. Mutter Leidig hatte ihre Gedanken darüber.

Als man sich heiß geschwatzt und getrunken hatte, schlug einer vor, einen Spaziergang durch den Garten zu machen. Die jungen Leute drängten sich um Helene, die immer aufgeräumter in dem Kreis so vieler Kurmacher wurde. Adolf, der sich der Mutter widmen mußte, sah sich ziemlich verlassen.

In der Nähe der Eulenburg hieß es natürlich: Hinauf! Mutter Leidig dankte für das Treppensteigen, einige Herren, unter ihnen Adolf, gleichfalls. Helene aber drängte. Gefolgt von drei jungen Leuten stieg sie die Wendeltreppe der künstlichen Ruine hinauf. Die Untenbleibenden hörten ihr kurzes, helles Gelächter aus dem alten Gemäuer herausklingen.

Beim Heruntergehen sprangen die beiden anderen jungen Leute voran. Helene und Ludwig 69 folgten in einiger Entfernung. Auf der Treppe faßte er sie um und küßte sie.

Sie erschrak und wollte sich losreißen, aber das waren junge, kräftige Sportsmuskeln, die sie hielten.

»Artig sein,« drohte er. »Maulchen machen!«

Diese Sprache kannte sie nicht.

Willenlos, verwirrt, halb in Scham, halb in prickelndem Sinnentaumel duldete sie seine Küsse, heftige, leidenschaftliche Küsse, daß ihre Lippen brannten.

Eilig, mit zerknitterter Toilette langte sie unten an. Die beiden Freunde waren, nachdem sie noch einmal gerufen, vorausgeeilt. Noch einmal zog er sie an sich und drückte sie, daß sie mit leisem Aufschrei nach seinen Händen griff.

Dann gingen sie nebeneinander her, als ob nichts vorgefallen sei. Nur ihre Wangen glühten und ihre Augen glänzten. 70

* * *

Seit jenem Pfingstbesuch im Zoologischen Garten war Helene Ludwig mit Kopf und Herz verfallen. Der junge Mann hatte entschlossen sein Ziel verfolgt und mit einer Energie von ihr Besitz genommen, der sie willenlos unterlegen war. Seine Leidenschaftlichkeit hatte sie erschreckt. Sie fürchtete ihn fast, und aus diesem Gefühl ihrer Ohnmacht ihm gegenüber war ihre Liebe plötzlich in hellen, heißen Flammen aufgelodert.

Kunkel war völlig vergessen. Er selbst hatte ihr das leicht gemacht. Er war von seinem Besuch im Elternhause mit der Weisung zurückgekommen, zu Ostern seine Stellung zu kündigen und in das väterliche Geschäft einzutreten. Das war eigentlich gar nicht nach seinem Wunsch. Er war recht verstimmt darüber und hatte in den ersten vierzehn Tagen keinen Sinn für irgend etwas. In diesen 71 Tagen traf er Helene einmal. Aber jeder merkte, daß der andere »nicht bei der Sache war«. Sie gingen kühl auseinander, und – das war das Ende vom Lied.

Ludwig Burmeisters Verhältnis zu Helenen war immer intimer geworden. Es war etwas Tyrannisches in seiner Natur, vom Vater her. Helenes völlige Hingabe berauschte ihn. Er fühlte seine unbeschränkte Macht über sie und kostete diese Macht aus.

Sie fürchtete ihn wirklich, ebensosehr, wie sie ihn liebte, und sie liebte ihn mit derselben sinnlichen Leidenschaft, die sie an ihm erschreckte. Aber die Einsätze waren ungleich. Er war frei und hatte nichts zu riskieren; sie sah mit Herzensangst einer Möglichkeit entgegen, die sie ins Unglück stürzen mußte. Sie wußte, sie würde ihm einmal alles gewähren. Aber noch kämpfte sie. Ende des Augustmonats ging Ludwigs Mutter auf vierzehn Tage nach Travemünde, wo sie Verwandte wohnen hatte. Ihr Mann begleitete sie auf ein paar Tage. Ludwig kündigte dies Helenen 72 an, mit dem Ausdruck der Freude auf einige Tage schrankenloser Freiheit.

Jeden Abend holte er sie ab, das heißt, sie trafen sich unterwegs. Jeden Abend führte er sie zum Essen, mal hier, mal dahin, ging mit ihr in ein Gartenkonzert oder in ein Vorstadttheater. Sie waren glücklich.

Für den Sonntag hatte Ludwig einen größeren Ausflug geplant. Aber Helene hatte sich vergeblich bemüht, vom Geschäft loszukommen. Sie hatte nur jeden dritten Sonntag frei, sonst mußte sie bis mittags ein Uhr im Geschäft sein. Ludwigs Aerger wurde durch das Regenwetter, das sich zum Sonntag einstellte, etwas gedämpft.

Nun wäre ja doch nichts aus der Tour geworden. Gegen 7 Uhr abends trafen sich Ludwig und Helene auf dem Rathausmarkt. Dann nahmen sie eine Droschke, um nach dem Carl-Schultze-Theater zu fahren. Als sie im geschlossenen Coupé saßen, entdeckte Ludwig, daß er seine Brieftasche vergessen hatte. Er gab also dem 73 Kutscher Order, noch einmal bei seinem elterlichen Hause vorzufahren.

Sie hatten eben die Lombardsbrücke passiert und befanden sich in der Nähe des Holzdammes. Der Regen hatte nachgelassen und über Harvestehude klärte sich der Himmel etwas auf. Ein Stück roten, leuchtenden Abendhimmels zeigte sich zwischen dem dunklen Gewölke.

»O wie schön!« rief Helene.

Er sah schweigend hin.

»Wie hübsch müssen Sie wohnen, immer so den Blick auf die Alster«, meinte sie.

»Famos, ja. Die Aussicht ist brillant. Besonders aus dem Eckzimmer.«

Er erzählte von seinem Elternhaus. Da hielt auch die Droschke schon. Er öffnete schnell den Schlag.

»Einen Augenblick, ich bin gleich wieder unten. Oder wissen Sie was, kommen Sie mit 'rauf. Was? Man zu! Dann können Sie gleich mal die Aussicht bewundern.«

Er stand auf dem Trottoir, die Hand auf dem 74 offenen Kutschenschlag und sah fragend zu ihr auf. Sie zögerte.

»Es ist niemand zu Haus, die Köksch ist aus«. redete er zu. Sie konnte nicht widerstehen. »Na, was kann da sein; wenn ich darf –« Sie sprang aus dem Wagen. »Zehn Minuten«, rief Ludwig dem Kutscher zu und schloß die Haustür auf.

Es war schon ziemlich dunkel in dem nur durch das einfache Licht erhellten Treppenhaus. Aber Helene war ja hier unten keine Fremde mehr. Sie war oft geschäftlich hier gewesen. Frau Burmeister bemühte sich selten ins Geschäft, sondern ließ die jungen Mädchen zu sich kommen. Helene kannte diese breite, läuferbelegte Treppe, den breiten, freundlichen Korridor des ersten Stockwerks, an dessen Ende sich Frau Wilhelmines Boudoir befand. Nun sollte sie auch die anderen Räume kennenlernen; sie war doch sehr neugierig.

Ludwig führte sie in den Salon und machte Licht. »Hier ist es nett«, rief Helene und ließ sich in den hingeschobenen Sessel nieder. 75

»Da haben Sie die Alster.«

Ludwig wies mit der Hand nach dem Fenster.

»Einen Augenblick, ich will eben meine Brieftasche holen.«

Er ließ sie allein, um auf sein Zimmer zu gehen.

Sie trat ans Fenster. Ueber dem jenseitigen Ufer der Alster war ein Stück flammenden Himmels, das sich zum Teil im Wasser widerspiegelte. Zerrissenes Gewölk zerteilte sich langsam. Nach der Uhlenhorst hinüber lag noch alles grau in grau. Es war ein herrlicher Anblick.

Aber Helene wurde nicht lange davon gefesselt. Sie sah sich neugierig im Zimmer um, mit einem wunderlichen, beklommenen Gefühl; sie kam sich wie eine Einschleicherin vor. Sie sah Frau Wilhelmines behäbige Gestalt vor sich, ihre hochmütige Miene. Der Unterschied ihrer Stellung, ihrer Herkunft zu der Ludwigs fiel ihr mit einem Male schwer auf die Seele.

»Er heiratet dich ja doch nicht.« 76

Sie erschrak. Hatte sie das nicht eben ganz laut gesagt? Oder war es ihr nur so? Und dann kam ihr der Gedanke: wenn er es doch tut, wenn dies alles einmal dein würde!

Sie stand mitten im Zimmer, als Ludwig eintrat.

»Na, wie finden Sie es hier?« fragte er, ohne sie anzusehen.

»Ja, wer es so haben kann«, meinte sie.

Er riß die Tür zum Speisesaal auf. Er war sonderbar erregt und heftig in seinen Bewegungen.

»Warten Sie, ich mache Licht.«

Sie wollte ihn wehren, aber er bestand darauf, daß sie alles sehen sollte. So gingen sie durch alle Zimmer, und er zeigte sie ihr mit kindlicher Eitelkeit und blasierter Nichtachtung.

»Nun müssen Sie auch mein Zimmer sehen.«

»Aber der Kutscher«, erinnerte sie ihn.

»Der kann warten.«

Neugierig und doch scheu, mit klopfendem 77 Herzen, trat sie hinter ihm in sein Zimmer. Es war ein gemütlicher kleiner Raum, den er mit allerlei Sportemblemen ausgeschmückt hatte. Auf dem Tisch lag ein Album mit Sportsbildern, Photographien seiner Ruderklubfreunde. Sie blätterte darin und entdeckte hier und da bekannte Gesichter; zu anderen nannte er ihr die Namen. So standen sie nebeneinander, über den Tisch gebeugt, Kopf an Kopf.

»Aber der Wagen«, mahnte sie wieder, auffahrend.

»Ach was.«

Sie sah ihn überrascht an. Ein Gedanke durchfuhr sie. Sollte er sie absichtlich hierher gelockt haben? Sie fühlte es heiß in sich aufsteigen.

»Wissen Sie was, wir schicken die Droschke weg. Es ist doch schon zu spät. Nachher gehen wir irgendwo essen und bleiben gemütlich für uns. Was?«

Der Vorschlag gefiel ihr und beruhigte sie auch. So stimmte sie zu, und er ging hinunter, den 78 Kutscher zu bezahlen. Als er wieder heraufkam, schob er sie in die Ecke des Sofas.

»Und nun illuminieren wir erst mal 'n bißchen.« Er entzündete auch die anderen Flammen der dreiarmigen Gaskrone.

»Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen«, rezitierte er. »Und nun sehen Sie mal, was ich hier habe.«

Er öffnete einen kleinen geschnitzten Wandschrank aus Eichenholz und entnahm ihm eine Flasche und zwei Likörgläser.

Sie wehrte ab, aber er wußte, daß sie zuzeiten so ein kleines Schnäpschen sich hatte aufdrängen lassen und es hatte vertragen können. Sie gab denn auch jetzt nach.

Ludwig sah sie mit leuchtenden Augen an:

»Mädel, du auf meinem Zimmer! Das hättest du dir wohl nicht träumen lassen, was?«

Er zog sie wie ein Kind vom Sofa in die Höhe und tanzte mit ihr ein paarmal umher.

Sie war wehr- und kraftlos vor Lachen. 79

»Siehst du, so wird's gemacht«, sagte er und stellte sie gerade vor sich. Er hielt ihre beiden Oberarme umklammert.

»Sie tun mir weh, au!« jammerte sie und setzte die Zähne auf die Unterlippe.

»Sie? Wie heißt das?« fragte er, ohne auf ihre Klagen zu achten.

»Na, wird's bald? Wie heißt es?«

Er schüttelte sie.

»Du, du, au, au!« rief sie durcheinander.

»Das wollt' ich meinen. Gib Kuß«, kommandierte er. Sie gehorchte. Dann gab er sie frei.

Sie rieb sich die Arme. »Was hast du für Kräfte.«

»Ach, Püppchen, tut's weh?«

Er zog sie wieder an sich und pustete auf die schmerzenden Stellen. »So, so!«

»So, nun ist's gut«, entschied er dann, setzte sich auf einen Triumphstuhl und zog die Widerstrebende auf seinen Schoß. 80

Ihr Widerstand war nur schwach. Sie wußte ja, daß sie seinen Kräften gegenüber wehrlos war. Und dann befand sie sich auch schon in einem Zustand, wo er mit ihr hätte machen können, was er wollte.

Willenlos saß sie, lag sie ihm im Schoß, den Kopf an seine Schulter. Sie hatte es gern, wenn er rauchte. Er rauchte so feine Zigarren. Das Aroma des Tabaks gab seinen Küssen fast noch einen Reiz mehr für sie.

»Du.«

Er sagte weiter nichts wie dieses Du und drückte sie an sich. Sie sah zu ihm auf. Er atmete kurz und hastig.

»Schatz!«

Es waren immer nur einzelne Worte, die er herausstieß.

Und jedem Wort folgten Küsse, eine Flut von Küssen.

»Liebst du mich?«

Wortlos schlang sie ihre Arme um seinen Hals 81 und küßte ihn wieder, küßte ihn mit der ganzen Glut einer lang zurückgedrängten Sinnlichkeit. Abgerissene Worte. Sinnloses Stammeln. Plötzlich sprang er auf, sie mit sich empor reißend. Wie ein Röcheln kam es aus seiner heftig arbeitenden Brust. Er hatte den Arm noch um ihre Taille. Traumwandelnd zog er sie zum Sofa.

Sie klammerte sich an ihn, schloß die Augen. Sie fühlte das Zittern, das durch seinen Körper flog, die Fieberschauer, und sie selbst war wie im Fieber. Ein willenloses Geschütteltwerden von sich jagenden Wünschen, Hoffnungen, Aengsten. Ihre Oberlippe zog sich leicht über die Zähne hinauf, der Mund war leicht geöffnet, und ihre kleine Hand lag kraftlos auf dem Arm, der sie wie eine eiserne Klammer immer fester umschloß.

»Ludwig«, hauchte sie. Ein letzter mechanischer Versuch des Widerspruchs.

Er antwortete nicht. Sie fühlte nur seinen glühenden Atem über sich, seine sinnlos trunkenen, wilden Küsse auf ihren Lippen, ihren Wangen, 82 ihrer Stirne, auf Hand und Schulter. Er küßte ihre Haare, ihr Kleid, ihre Augen.

Die Uhr über seinem Schreibtisch schlug mit hastigen Schlägen neun. Die Flammen des Kronleuchters hatten schon geraume Zeit angefangen zu schwelen; sie leckten von Zeit zu Zeit aufzuckend zum Zylinder hinaus, und ein häßlicher Dunst erfüllte das Zimmer. 83

* * *

Die Weihnachtszeit rückte immer näher.

Frau Wilhelmine Burmeister war in besonderer Unruhe. Ihre Pauline wollte zum Fest heiraten und sollte acht Tage vorher abgehen.

Und für Pauline gab es überhaupt keinen Ersatz. Alles hatte man ihr anvertrauen können. Nun sollte Frau Wilhelmine der Nachfolgerin wieder wochenlang zur Seite stehen. Sie seufzte.

Pauline war um so glücklicher. Ihr volles, rotes Gesicht strahlte den ganzen Tag in eitel Freude.

Ebenso strahlend wie Pauline sah auch Schmüser seit Wochen aus. Er hatte es »höllisch hild«, wie Frau Leidig sagte. Er hatte auf eigene Kosten die Kellerwohnung und den Laden neu dekorieren lassen.

Seit vierzehn Tagen stand der glückliche 84 Bräutigam in all dieser neuen Pracht, rieb sich schmunzelnd die Hände, zeigte jedem, der es sehen wollte, die ganze Herrlichkeit bis in Küche und Schlafgemach und wartete sehnsüchtig auf den Tag der Hochzeit. Endlich kam er.

Schon am frühen Morgen des wichtigen Tages prangten Schild und Eingang zu Willy Schmüsers Delikatessen- und Fettwarenhandlung in Girlanden- und Fahnenschmuck. Es war ein Sonntag. In der Woche wäre das Geschäft zu sehr gestört worden.

Die ersten Morgenstunden vor der Kirchzeit stand Schmüser noch hinterm Ladentisch und bediente die Kunden, die sich zahlreich eingefunden hatten, teils aus Bedürfnis, da sie wußten, daß nachher der Laden nicht wieder geöffnet wurde, teils aus Neugierde. Jedem hatte Schmüser Rede und Antwort zu stehen, so daß er froh war, als die Uhr halb zehn schlug und der Laden nach polizeilicher Vorschrift geschlossen werden mußte, der Sonntagsruhe wegen.

»Hüt mak wi nich wedder up«, sagte er laut 85 zu sich selbst. Dann zählte er den Inhalt der Ladenkasse. Er war zufrieden und schloß die Summe in den Geldschrank.

Um zwölf Uhr sollte er mit Pauline zum Standesamt. Da hatte er also Zeit, in aller Gmütlichkeit Toilette zu machen. Inzwischen kam die Kochfrau und begann mit den Vorbereitungen zum Hochzeitsmahl. Auch Schmüsers und Paulines Eltern wurden erwartet, konnten aber erst gegen zwölf Uhr eintreffen. Um elf Uhr kamen Fritz Krüger und August Dobbernak, ein alter Schulfreund Schmüsers, die sich als Zeugen angeboten hatten, in einer Droschke vorgefahren. Schmüser stieg zu ihnen in den Wagen, um Pauline abzuholen; sie wohnte schon seit einigen Tagen, nachdem sie ihren Dienst verlassen hatte, bei einer Verwandten Krügers.

Schmüser ging allein zu seiner Braut hinauf. Er fand sie fertig angekleidet auf einem Stuhl sitzen, steif, als fürchtete sie, durch zu viel Bewegung ihre Toilette zu schädigen. Sie hatte ein schwarzes Seidenkleid an, darüber einen neuen 86 von Schmüser geschenkten Winterpaletot, der sich straff um ihre vollen Glieder legte. Bei Schmüsers Anblick brach sie in Tränen aus; sie hielt sich das schöne neue Spitzentaschentuch vor das runde rote Gesicht und schluchzte ein paarmal auf.

Schmüser war ganz bestürzt.

»Nanu, was fehlt dich, Kind?«

»Nichts,« schluchzte sie, »es is doch man so. Es is doch man auch keine Kleinigkeit. Es is doch nu mal 'n feierlichen Tag.«

Schmüser wußte nicht recht, was er zu diesem Gefühlsausbruch sagen sollte. Er räusperte sich verlegen.

Er begriff nicht, was so Rührendes an dem Gang nach dem Standesamt war. Er war ganz verlegen geworden und fühlte sich ungemütlich.

Auf der Treppe blieb Pauline noch einmal stehen.

»Ich schanier mir so«, sagte sie und hauchte auf ihr Tuch und drückte es auf die Augen, um die Spuren des Weinens zu beseitigen. 87

»Ach wo«, beruhigte Schmüser sie.

›So'ne Frauenzimmer‹, dachte er bei sich. Er war nicht ärgerlich. Es war mehr ein unbestimmtes Furchtgefühl vor den Rätseln der weiblichen Natur, was ihn beherrschte. Er hatte lange keine Frauensperson weinen sehen. Paulines nach seiner Meinung unmotivierte Tränen ängstigten ihn.

»Na, Dunner noch mal, man 'n beten fix!« mahnte Fritz Krüger zum Wagen heraus, »De Tid steit nich still.«

»Morgen Fräulein«, begrüßte er Pauline. »Auch 'n bischen ausfahren? Das is nett von Sie.«

Er reichte ihr die Hand und war ihr beim Einsteigen behilflich. Schmüser drückte mit seinen großen behandschuhten Händen ihr Kleid zusammen und schob seine Braut mit sanftem Nachdruck in den Wagen. Pauline kreischte auf. Sie hatte Fritz Krüger auf den Fuß getreten, hatte von dem unerwarteten Nachschub den Halt verloren und mußte sich mit beiden Händen auf August Dobbernaks Knie stützen. 88

»Dunner, dat wär min Foot«, rief Fritz Krüger.

Dobbernak aber schlang beide Arme um Pauline und küßte sie auf die Backe.

Pauline kreischte wieder auf. Die Leute auf der Straße standen still und sahen sich nach der Fahrgesellschaft um, deren Lustigkeit in so grellem Widerspruch stand mit der feierlichen Würde ihrer schwarzen Hüte und Handschuhe.

Endlich hatte auch Schmüser sich in den Wagen hineingeklemmt.

»Nu man to, Kutscher!« rief Fritz Krüger, »abers 'n beten gau!«

Auf dem Standesamt hätte Willy Schmüser weitere Blicke in die Tiefe der weiblichen Psyche werfen können, wenn er nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen wäre.

Paulines »Schanierlichkeit« verließ sie auch hier nicht. Aber jede Rührung war verflogen. Dafür hatten Fritz Krüger und August Dobbernak schon während der Fahrt gesorgt. Dobbernak 89 hatte sie schon lange als Frau Schmüser angesprochen, und sie hatte jedesmal verschämt dazu gekichert. Fritz Krüger hatte die Lauge seines Spottes über die »Zivilpastoren« ausgegossen. Wenn's nach ihm ginge, brauchte es überhaupt keine »Pasters« mehr zu geben, »weder schwarze noch irgendeine andere Kulör«. Noch im Wartezimmer des Standesamtes setzten die beiden Zeugen ihre Bemühungen fort, Pauline in Verlegenheit und ins Lachen zu bringen. Das war sehr leicht. Als nun aber der Amtsdiener ihre Namen aufrief, waren alle wie mit einem Ruck die Feierlichkeit selber; nur Fritz Krüger, der zuletzt eintrat, tänzelte noch so komisch mit den Beinen, als handelte es sich um eine lustige Komödie und nicht um einen so wichtigen Akt, der zwei Menschenschicksale fürs Leben aneinanderketten sollte. Er biß sich auf die Lippen und ermahnte sich: »Jung, lach nich«, und wünschte, er hätte den »Schnickschnack« erst überstanden und säße vor dem Hochzeitsbraten. 90

Pauline wurde angesichts des befrackten Beamten, der mit feierlicher Amtsmine hinter dem grünen Tisch stand, ganz beklommen zumute. Sie war sehr rot und sah immer verlegen vor sich nieder. Nur als der Beamte seine Fragen stellte, sah sie verschämt zu ihm auf und schielte einmal flüchtig nach Schmüser hin. Der benahm sich bei dem ganzen Akt sehr feierlich. Seine hellen Augen quollen noch mehr aus ihren Höhlen als sonst. Er sah aus wie ein Puter, der sich blähte. Fritz Krüger fürchtete, er könne jeden Augenblick das »Kullern« kriegen.

Laut und nachdrucksvoll stieß Schmüser sein Ja-Wort heraus. Pauline mußte erst nach Luft ringen. Dann aber kam ein so herzhaftes »Dschah« von ihren Lippen, daß selbst das strenge Gesicht des Beamten sich zu einem leisen Lächeln verzog. »Somit erkläre ich Sie kraft des Gesetzes vom 6. Februar 1875 für rechtmäßig verbundene Eheleute«, sagte er. Vier Seufzer der Erleichterung erklangen fast gleichzeitig. August Dobbernak 91 war der erste, der Pauline die Hand schüttelte. »Gratulier' auch, Frau Schmüser.«

»Nein, wie komisch kommt mich das vor«, lächelte sie und sah nach dem Beamten, was der wohl für ein Gesicht dazu mache.

Dann kam der Akt des Unterzeichnens. Pauline zitterte davor. Das Schreiben hatte ihr immer große Qual bereitet. Und nun sollte sie vor so vielen Augen ihren Namen schreiben. Sie war ganz blaß, als sie die Feder mit ihrer großen behandschuhten Hand ungeschickt anfaßte und mit Zittern und Zagen ein großes »Pauline Schmüser geb. Möller« aufs Papier zirkelte.

August Dobbernak, als erster Zeuge, brauchte auch viel Zeit zur Unterschrift. Bedächtig malte er Buchstaben neben Buchstaben. Fritz Krüger aber trat mit einer Verbeugung an den Tisch, ergriff mit einem eleganten Schwung der Hand die Feder und schrieb mit vornehmer Nachlässigkeit und einem kühnen Schnörkel seinen Namen.

Draußen im Vorzimmer warf Schmüser einen 92 Taler in die Sammelbüchse. Man hörte ihn laut klappern, das Becken schien leer zu sein.

Bevor sie in den Wagen stiegen, meinte Dobbernak: »Up den Schrecken drinkt wi woll noch 'n lütten?«

»O, ik häv 'n Döst«, rief Pauline und legte die Hände vor die Brust.

»Na, sühst du. Denn man to, Schmüser«, trieb Dobbernak an.

»Ja,« meinte der, »'n lüttes Fröhstück hemm wi ja woll verdeent. Wüllt wi nah Stallknecht föhren, wat?«

»Eenerlei,« rief Fritz, »nah Stallknecht, Kutscher!«

Das Stallknechtsche Bierlokal befand sich in der Lübecker Straße in der Nähe der Neubertstraße. Hier war Schmüser Stammgast. Man wußte hier, daß er heute Hochzeit gab, und so wurden die vier mit Hallo und Hurra empfangen. Ihre Kleidung verriet, woher sie kamen, und es fehlte nicht an anzüglichen Witzen und Neckereien. 93

»Na, dat is woll 'n beten drög hergahn?«

»Hätt de Paster keen Win hatt?«

»Ja, ja, Madam, so Heiraten griept an! Kellner, eine kleine Herzstärkung für Frau Schmüser.«

Schlächter Behrmann und Glasermeister Holzenberg rückten an den Tisch; Bockmeier, der Tierarzt, fand sich auch ein, und bald war eine fröhliche Tafelrunde versammelt, die auf Schmüsers Kosten das Glück des jungen Ehepaares begoß.

»Dor mütt 'n Buddel Win her«, meinte der Tierarzt. »Stallknecht, häst keenen Schampanjer?«

»Ne, ne!« wehrte Schmüser. »Wi kummt ja duhn vörn Paster.«

»Ach was!« rief Bockmeier. »Im Wein ist Wahrheit, im Wein ist die Liebe.«

Er hatte schon einen reichlichen Frühschoppen genossen und war sehr aufgeräumt.

Der Kellner brachte den Champagner, trotz Schmüsers wiederholtem Protest.

»O ne, o ne«, jammerte Pauline. 94

»Man nich bange, Madame«, sagte Bockmeier, »der tut Ihnen nichts.«

Und nun ging's los: »Hoch solln sie leben, hoch solln sie leben, dreihhhhmal hoch! Sie leben hoch, sie leben hoch, sie leben hoch, sie leben hoch, sie leben dreihhhhmaaal hoooooch!!«

* * *


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