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Die Goldkiste

Es gibt Tage im Leben, die man nie vergißt. In meiner Erinnerung gibt es keine, die so lebhaft noch heute vor mir stehen wie jene, da wir, südwärts steuernd, ins blaue Meer hinausfuhren, derweilen die steilen, finster drohenden Küsten der verfluchten Insel sich mehr und mehr mit dem blauschimmernden Mantel der Ferne überzogen und endlich spurlos versanken im unendlichen Meere. Tagelang blieb das Wetter klar und freundlich. Das Meer war blau mit kräuselnden Wellen, der Himmel klar und freundlich, mit gerade genug Wind, um die Segel prall zu halten. Schwerfällig schlingernd zog das alte »Walroß« seine schimmernde Straße. Nicht eben schön war das anzusehen, und elegant war es auch nicht. Aber es ging doch, wenigstens vorwärts, heimwärts – der Freiheit entgegen mit jeder Meile. Es war wieder alles Himmel und Wasser und das weite Meer, das zu allen Zeiten zum Herzen des Seemanns spricht, im glitzernden Sonnenschein unter den ziehenden Wolken, im sternbesäten Nachtdunkel, das sich, unruhig flimmernd, wie flüssiges Silber in den Wellen spiegelte. Von Stunde zu Stunde wuchs meine Hoffnung. Sie flog mit dem Winde nach Süden, sie blähte sich voll Übermut wie die Segel an Rahe und Gaffel.

Und doch konnte ich die Unruhe nicht loswerden. Tausendmal redete ich mir ein, daß doch eigentlich alles weit über Erwarten schön und gut ging. Stunden- und stundenlang schaute ich über das Wasser, ohne etwas anderes zu sehen als die blaue Fläche, auf der nur da und dort eine weißleuchtende Eisscholle schwamm. Tag um Tag waren wir nun schon so weiter gesegelt bei raumem Winde ohne ein einziges der Hindernisse, über die man bei der Schifffahrt im Eismeer alle Augenblicke stolpert. Die verhängnisvolle Insel lag bereits viele hundert Meilen zurück unter dem grauen Horizont, und gegen Süden war noch immer alles freies Meer und fröhlicher Wind. Das war nicht natürlich. Einmal mußte der Augenblick kommen, wo wir bezahlen mußten für all das unverdiente Glück! Unruhig ging ich auf und ab auf dem Verdeck und hörte auf das Summen des Windes und das Ächzen und Stöhnen in der kümmerlichen Takelage unseres Halbwracks, und es war mir, als ob die Schatten einer herannahenden Katastrophe bereits in allen Ecken hockten.

Je mehr ich diesen düsteren Gedanken nachhing, je mehr konzentrierten sie sich alle in einer einzigen Person, und das war niemand als Fung Li, der Chinese. Ich wehrte mich gegen diese Idee. Ich redete mir ein, daß das unsinnig wäre; eine lächerliche Suggestion, die aus einem überhitzten Kopfe kam. Tausendmal mußte ich mich zwingen, an andere Dinge zu denken, aber ebensooft waren diese Gedanken wieder im gleichen Fahrwasser. Immer wieder, wenn ich an der Stelle vorbei kam, sah ich den Mann vor mir liegen, der im letzten Todeshauche noch mit einem Fluch den Namen über die Lippen brachte. Ich holte das Tagebuch des Kapitäns hervor und studierte die Krähenfüße auf dem vergilbten Papier. Da stand es mit dicken, zornigen Buchstaben zu allerlegt:

»Der Hundesohn von einem Chinesen!«

Immer wieder – wenn sich die Möglichkeit bot – beobachtete ich den Burschen, wenn ich mich selber unbeobachtet glaubte. Aber nie war eine Bewegung zu erkennen unter der undurchdringlichen Maske seines Mongolengesichtes. Immer war er fleißig, reinlich und dienstbereit; ein Muster von einem Schiffskoch. Oftmals war ich im Begriff, ihn festzunehmen und in Eisen zu legen im Schiffsraum, als Sicherheit für alle Fälle. Dann wieder sagte ich mir, daß ich doch eigentlich keinen Grund und keine Ursache hatte zu solchem Vorgehen und daß wir ohnehin keinen Mann unserer kümmerlichen »Besatzung« entbehren konnten. Es war wohl nur Tinte auf dem Papier, die mich schreckte, nur die wirren Worte eines Sterbenden, denen man keine Bedeutung beizumessen brauchte.

Ich sagte mir das alles mit dem Verstande, aber in meinem Herzen wuchs die Angst vor dem Ungewissen mit jedem Tage.

Und ich war nicht der einzige, der diesen problematischen Sohn des Himmels mit mißtrauischen Augen betrachtete. Zumal Hein konnte ihn nicht ansehen, ohne das ganze reichhaltige Schimpfwörterrepertoire von Sankt Pauli vor sich hinzumurmeln. »Ein bannig fixer Kerl, der Chinamann«, sagte er nachdenklich, »zu verdammt fix für uns, glaube ich. – Wenn ich nur wüßte, was er alle Tage dort unten im Raum zu schaffen hat. Etwas Gutes kann's nicht sein, oder ich müßte die Chinesen nicht kennen. Ich wette ein Pfund Tabak, daß sich dort unten ein › four piecee man chou chou‹ zurechtbraut, von dem wir alle nicht mehr aufwachen werden, wenn wir ihn erst einmal zurückgelotst haben nach der zivilisierten Welt.«

Ähnliches war mir auch schon durch den Kopf gegangen, wenn ich es auch nicht so gerade heraus zu denken oder gar auszusprechen wagte. Etwas war nicht richtig mit dem Burschen. Irgendein Geheimnis hatte er ganz für sich hier an Bord, und es reizte mich, auf dessen Grund zu kommen, schon um unser aller Sicherheit willen. An jedem Abend, nach getaner Arbeit, verschwand er auf beinahe unerklärliche Weise – jedenfalls durch eine nur ihm bekannte Falltür – aus der Kombüse und blieb gewöhnlich eine oder zwei Stunden lang abwesend, ohne daß jemand mit Bestimmtheit sagen konnte, wo er sich in der Zwischenzeit aufgehalten hätte. Wenn man genau hinhörte, konnte man dann ein leises Geräusch wie von rieselndem Wasser aus dem vordersten Teil des Raumes vernehmen. Wochenlang war in jeder Nacht der gleiche Spuk zu beobachten. Abraham Lincoln Jonas, der sich am besten auskannte in den Gewohnheiten seines langjährigen Schiffskameraden, versicherte uns, daß das eine alte Gewohnheit sei, die er schon lange ausübe, sicherlich schon seit dem Tage, da der Kapitän auf so unerklärliche Weise »die Platte geputzt« habe und die große »Skorbut«-Epidemie über alle Mann gekommen sei. Er sei eben ein Chinese, und wer könne wissen, was alles in so einem Chinesenkopf vor sich gehe? Er bete wohl dort unten zu seinen Göttern und halte Zwiesprache mit den Geistern. Da bleibe man lieber weit davon weg und lasse die Neugier nicht über die Vorsicht siegen. Es sei nicht gesund, sich in so etwas einzumischen.

Ich aber hatte große Lust, mir den Geist aus der Nähe zu betrachten. Ich beredete das Unternehmen mit Hein, der sich ebenfalls nach solcher Begegnung sehnte, und so trafen wir denn mit aller Vorsicht unsere Vorbereitungen für die folgende Nacht. Nach den beobachteten Geräuschen zu schließen, mußte der Spuk etwa in der vordersten Ecke an der Steuerbordseite der Vorderluke vor sich gehen. Wenn man also ein genügend großes Sehloch in der dünnen Bretterwand anbringen würde, so könnte man vom Kabelgatt aus alles aufs beste beobachten, ohne daß man selbst gesehen werden konnte.

Das Kabelgatt ist der Raum in der vordersten Spitze des Schiffes, wo Taue, Schlingen, Ketten, Taljen, Eisenkabel und dergleichen aufgehoben werden. Zu passender Zeit gingen wir – Hein und ich – hinunter und legten uns auf die Lauer. Das Guckloch konnte man sich sparen, denn ein großes Stück der Zwischenwand war herausgerissen und ließ eine breite Öffnung, durch die man weit hineinschauen konnte in das Zwischendeck, dessen ägyptische Finsternis nur da und dort unterbrochen war von matten Lichtstreifen, die durch die Ritzen der undichten Luke schimmerten. – War es nur die Ungeduld, die brennende Erwartung der kommenden Dinge, die mir die Zeit so lang werden ließen dort unten? Mir war, als ob Stunden und Stunden verrannen, ohne daß sich etwas zeigte in der undurchdringlichen Finsternis, ohne daß sich etwas anderes hören ließ als das Ächzen und Knacken in dem morschen Holze und das eintönige Rauschen und Waschen des Wassers an der Schiffsseite. Schon glaubte ich, daß der verschmitzte Sohn des Himmels auf irgendeine Weise Wind bekommen hätte von der Falle und daß das Spiel, heute wenigstens, nicht stattfinden würde, als Hein mich plötzlich recht unsanft in den Arm kniff. Ich schaute auf und wußte, daß nun die »Stunde der Gebete« gekommen war. Irgendwo in der Finsternis war ein rotes Licht aufgetaucht, das sich langsam pendelnd näher bewegte, wie wenn einer im Gehen eine Laterne schwang. Nun konnte man auch schon das Gesicht des Chinesen wahrnehmen, das sich seltsam verzerrt und geisterbleich aus dem Lichtscheine abhob. Weder von der Laterne noch vom übrigen Menschen war das geringste zu sehen. Es war, als ob es nur ein Gesicht – ein geisterhaft unwirkliches Gespenstergesicht – wäre, das hier durch das Dunkel glitt. Mit Gewalt mußte ich an mich halten, um nicht sogleich darauf los zu springen, aus purer Angst und Verwirrung. Ganz nahe kam er heran, ohne daß etwas anderes zu sehen gewesen wäre als eben diese grinsende Maske von einem Gesicht. Nun blieb er stehen und machte sich an etwas zu schaffen. Mehr hören als sehen konnte man, wie er, in kaum fünf bis sechs Schritten Abstand von uns, einige schwere Taue auf das Verdeck warf und dann mit vieler Mühe eine große Persenning von einem offenbar recht umfangreichen Gegenstand wegzog. Im Lichte der Laterne, die er nun voll darauf richtete, konnte man sehen, daß es eine schwere, messingbeschlagene Truhe war von der Art der Seekisten, wie man sie heutzutage noch manchmal im Besitze von alten Seeleuten sehen kann. Er drückte auf einen Knopf, der mächtige Deckel flog auf wie ein Pfeil, und im nächsten Augenblick – ja, nimmer werden mir die Worte ausreichen, um diesen Augenblick zu beschreiben!

Ein heller, merkwürdiger Schein, wie phosphoreszierendes Licht über dunklen Wellen, kam aus der Kiste. Er lag voll auf dem Gesichte des Chinesen, der bei seinem Anblick zurückprallte wie einer, der in weißglühendes Feuer sieht. – Das war nicht mehr der Fung Li, den wir kannten! Der stille, diensteifrige Schiffskoch mit dem ewig gleichen, undurchdringlichen Gesicht. Da war alles Gier und Besessenheit und halber Wahnsinn in des Teufels Fratze; der Widerschein des Feuers, des Phosphors, oder was immer es sein mochte, lag glühend auf seinem Gesicht und ließ es leuchten wie das eines Mephisto auf dem Theater. Mit einem unterdrückten Schrei stürzte er sich auf den Schatz, wühlte darin herum, nahm eine Handvoll, richtete sich auf und ließ sie langsam durch die Finger gleiten und wieder zurück in die Kisten fallen, während er irrsinnig vor sich hin lachte. Lauter winzige Körner, die in der Dunkelheit funkelten. Trog aller gebotenen Vorsicht konnte ich einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. Es war Gold!

So war es also doch kein Irrsinn, den der Sterbende auf dem Verdeck gestammelt hatte, so waren es also doch keine Fieberphantasien eines dem Tode Geweihten, die da im Tagebuch standen. In einem Augenblick wurde mir nun klar, über was ich durch lange Monate vergeblich nachgesonnen hatte. Was konnte es denn anders sein als dieses Narrenseil, das diese Menschen durch endlose Intrigen von Verbrechen zu Verbrechen führte und wieder zu Taten entflammte von beispielloser Kühnheit? Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, und im selben Moment erfaßte mich selbst der Teufel des Goldes. Ich sprang hinzu. Mit einem Satze schlug ich den Chinesen nieder und wühlte nun selbst in dem Schatze, so irrsinnig wie nur einer. Ich hörte und sah nicht, was ringsum vor sich ging, vor lauter Gier zu wühlen in dem glitzernden Schatze.

Als ich wieder zu mir kam, lag der Chinese an Händen und Füßen gefesselt auf dem schmutzigen Boden des Zwischendecks. Noch immer hatte er sich nicht beruhigt. Er suchte sich zu wehren mit Kratzen und Beißen. In ohnmächtiger Wut schlug er mit dem Kopf gegen den Boden, das Weiß seiner verdrehten Augen leuchtete unheimlich aus dem Dunkel. »Junge, Junge«, sagte Hein, »das ist ein schwerer Junge! Er versteht sich aufs Jiu-Jitsu. Das Messer hat er auch schon in der Hand gehabt, und wenn ich nicht ein so verdammt fixer Kerl gewesen wäre, so lägen wir beide jetzt an Deck, denn du hast nur Augen gehabt für den Stoff in der Kiste.«

Nur halb hörte ich auf seine Worte. Ich ließ den Chinesen Chinesen sein und machte mich sogleich wieder an die Untersuchung des Schatzes. Ein ordentliches Fieber bemächtigte sich meiner bei dem Gedanken, daß vielleicht andere Goldkisten hier im Zwischendeck verstaut sein könnten. Ich nahm die Laterne, die, fernab vom Handgemenge, immer noch brennend neben der Kiste stand, und leuchtete in alle Winkel des weiten Raumes. Als ich mich davon überzeugt hatte, daß sonst keine Schatzkiste vorhanden war, ging ich wieder zu der zuerst aufgefundenen zurück. Sie zog mich an mit magnetischer Gewalt. Etwas, was ich bisher noch nie gekannt hatte in meinem ganzen Leben, war über mich gekommen wie ein Ungewitter: Die wilde, die unersättliche Gier nach dem Golde!

Der Deckel der Kiste war wieder weit offen, und Hein saß davor wie einer, der in einem Traum befangen ist. Der goldene Widerschein des Metalls lag auf seinem breiten Gesichte. Das Blut stieg mir in den Kopf bei dem Anblick. Der Gedanke, daß jemand anders mit dem Schatze – mit meinem Schatze spielte, war mir unerträglich. Ich sprang hinzu und schleuderte ihn zur Seite mit einem einzigen Handgriff wie vorher den Chinesen. Er wollte etwas erwidern, da zog ich den Revolver und jagte ihn an Deck unter Androhung sofortiger Erschießung.

Nun war ich allein bei dem Schatz. Es war wieder ganz dunkel in dem weiten Raume und ganz still, bis auf das Fluchen und Stöhnen des gefesselten Chinesen. Aber auch dieses hörte ich nicht über dem Rieseln des Goldes, das durch meine Finger rann. Stundenlang saß ich so über der Truhe und dachte nicht mehr ans Schiff, an unsere gefährliche Lage, an Tod und Gefahren, die uns umlauerten in dieser Wildnis. Es war, als ob der Glanz des Goldes alle anderen Gedanken ausgelöscht hätte in meinem Kopfe.

Als ich endlich wieder an Deck kam, fand ich das alte »Walroß« in merkwürdig verändertem Zustand. Kein Mensch war zu sehen an Deck. Niemand war am Steuer. Der Wind kam direkt von vorne und drückte in die Segel, die bei jedem Überholen des Schiffes donnernd gegen die Masten schlugen. Das einzige sichtbare Lebewesen war Admiral Dewey, der Papagei. Krampfhaft hatte er sich festgekrallt am Fockstag und schrie mit heiserer Stimme das Sprüchlein, das ich schon so gut kannte, dessen Sinn mir aber jetzt erst aufgegangen war: »Alle Mann! Alle Mann! Klar zum Wenden! Vorsicht mit der Kiste! Sie ist so gut wie hunderttausend Dollars! Hunderttausend Dollars!«

Ich sah und hörte das alles und sah und hörte das doch nicht, denn meine Gedanken waren beim Golde und bei der Kiste. Ich merkte auch nicht, wie der Wind zu mollen anfing, wie ein eisiger Hauch über das Wasser gekrochen kam und ringsum im blauen Meere die weißen Eisfelder auftauchten. Ich nahm ein Papier zur Hand und rechnete mir den Schatz aus in Mark und Pfennig und dann wieder in Dollar. Ich malte mir aus, was ich mir alles davon leisten könnte, und hatte darüber eine solche Freude, als ob ich den Reichtum schon sicher im Hafen von San Franzisko hätte und nicht hier oben im Eismeer, unzählige Meilen von der zivilisierten Welt. – –

Je mehr ich darüber nachdachte, desto tiefer verstrickte ich mich in diese Gedanken und Ideen. So merkte ich gar nicht, wie zwei Männer auf dem Achterdeck auftauchten, die mich fremd ansahen wie völlig Unbekannte, obwohl sie vor wenigen Stunden noch meine Schiffskameraden gewesen waren. Hein und der Neger. Hein hielt sich vorsichtig und anscheinend etwas verlegen im Hintergrund, während der Mister Abraham Lincoln Jonas reichlich sicher und selbstbewußt auftrat.

» Well«, sagte er ohne Umschweife, »das ist hier eine häßliche Sache. Das Eis kommt herein, das Schiff ist durchgedreht, die Mannschaft ist beim Meutern, der Koch in Eisen. Da kennt sich kein Teufel mehr aus. Und kommt alles nur daher, daß wir keinen Kapitän haben und niemand weiß, wer Koch und Kellner ist hier an Bord. Ein Kapitän ohne Schiff ist etwas Schlimmes. Aber verdammt viel schlimmer ist ein Schiff ohne Kapitän. Wir haben deshalb eine Schiffsberatung abgehalten und uns einen gewählt, und das bin ich.«

Mächtig warf er sich in Positur.

»Kapitän Abraham Lincoln Jonas! Ich bin's durch Wahl und durch das Recht des ersten Besitzers, denn ich habe hier gehaust, ehe einer von euch Bettlern hier an Bord gekommen ist. Ich bin der einzige hier, der etwas versteht von der christlichen Seefahrt, und deshalb gehörte auch mir allein das Gold, nach den Gesetzen der hohen See. Weil ich aber ein farbiger Gentleman von großer Freigebigkeit bin und mein Matrose Hein Petersen hier es nicht anders tut, habe ich bestimmt, daß der Schatz zu gleichen Teilen unter uns drei aufgeteilt werde. Der Eskimo zählt nicht. Den können wir mit einem Seehund abspeisen für seinen Teil.«

Mit einer gewissen Feierlichkeit hatte er die Worte gesprochen, und nun, nachdem er mit der Rede zu Ende war, wandte er sich mit großartiger Gebärde an seinen Kameraden, der die Abmachung mit einem leisen Kopfnicken bestätigte. Ich wußte nicht recht, was ich zu alledem sagen sollte, aber da die beiden es offenbar ernst meinten mit dem, was sie sagten, beschloß ich, vorerst einmal nachzugeben und den Verlauf der Dinge abzuwarten. Es war noch weit von hier bis zur zivilisierten Welt, und manches konnte noch anders werden auf dem Wege.

»Als Kapitän habe ich allein hier zu befehlen«, fuhr der Neger fort, »und die anderen haben Order zu parieren, solange sie hier an Bord sind. Im ganzen Eismeer gibt es keine härtere Nuß als Kapitän Jonas. Das könnt ihr euch merken, wenn ihr noch Wert legt auf eure Gesundheit. – Alle Mann nun hinunter zum Zwischendeck. Aber ein bißchen fix, ehe ich euch Beine mache mit dem Schießeisen!«

Einen Augenblick starrte ich ihn an in starrer Verwunderung über die Metamorphose des sonst so kindlich-gutmütigen Mister Abraham Lincoln Jonas. Die Frechheit des Burschen überstieg wirklich alles erträgliche Maß. Am liebsten wäre ich ihm an seine schwarze Kehle gesprungen. Da er aber links und rechts einen großen Revolver in seinem Gürtel trug und außerdem mit einem dritten in seiner Hand fuchtelte, blieb mir nichts anderes übrig, als schnell und lebendig, wenn auch zähneknirschend, seinem Befehle nachzukommen.

Drunten im Zwischendeck lag noch immer der Chinese. Stumm und regungslos wie ein Toter lag er auf dem schmutzigen Boden. Niemand kümmerte sich um ihn. In unseren heißen Köpfen gab es nur noch einen einzigen Gedanken:

Die Kiste!

Sogleich machten wir uns an die Arbeit, um sie aus ihrer dunklen Ecke ans Tageslicht zu ziehen. Aber sie war schwer wie Blei, und selbst mit Hilfe von Handspeichen und Brechstangen konnte man sie kaum von der Stelle bewegen. Da brachten wir eine Schlinge im Fockstag an und hängten daran eine Talje, deren Ende wir um das Gangspill nahmen. Fieberhaft wie die Titanen, mit dem Goldteufel im Nacken, arbeiteten wir an dem Geschäft. Stumm und mürrisch marschierten wir um das Gangspill, während mit leisem Klick-Klack die Leine langsam hereinkam und das schwere Ungeheuer im Zwischendeck ruckweise aus der dunklen Ecke herausrutschte. Nun stand es im hellen Tageslicht, direkt unter der Luke.

» Heave high!« kommandierte Kapitän Jonas.

Das Fockstag bog sich bedenklich unter der Last. Die Blöcke kreischten. Die dicken Taue stöhnten über der Arbeit. Langsam, ganz langsam kam die Schatzkiste herauf. Nun schwebte sie über der Luke. Langsam wurde sie heruntergefiert an Deck. Kein Mensch wagte zu atmen bei dem Anblick. Totenstille herrschte an Deck. Nur der Papagei kreischte irgendwo sein altes Lied, das nun einmal wenigstens einen Sinn hatte: »Vorsicht mit der Kiste! Hunderttausend Dollars! Hunderttausend Dollars!«

Jetzt erst, im hellen Tageslicht, konnte man sehen, wie groß die Kiste war und wieviel sie enthalten mochte. Aber die Gier hielt sich nicht bei ihrem Anblick auf. Beim Herausschaffen der einen hatte sich herausgestellt, daß noch weitere im äußersten Hintergrund des Raumes standen, ganz verdeckt unter einem mächtigen Haufen von Tauen, Ketten, leeren Kannen, alten Brettern und einer Schicht von Staub und Spinngeweben, die sich in Jahren hier angesammelt haben mochten. Sogleich machten wir uns an die Wegräumung des Plunders. In einer Wolke von Staub, die einen fast ersticken wollte, zerrten wir das Zeug aus der Ecke, so daß die Kisten freilagen. Es waren ganz gewöhnliche Bretterkisten ohne irgendwelche Inschrift, doch waren sie ebenso groß und fast ebenso schwer wie die bereits herausgeschaffte Truhe mit dem Golde. Wieder mit Hilfe der Talje schafften wir eine der Kisten nach der Mitte des Raumes, wo wir sie unter dem Lichtschein, der durch die offene Luke fiel, gründlich untersuchen konnten. Mit dem Eisen brachen wir einige der Bretter los, konnten jedoch darunter nichts weiter erkennen als eine große Anzahl von kleinen, dicht verlöteten Blechbüchsen, auf deren jeder fein säuberlich aufgedruckt ein Wort stand, bei dem es uns mit einer Gänsehaut überlief, wenn wir an unsere rauhe und sorglose Behandlung des Gegenstandes dachten:

»Dynamit!«

Um uns von der Richtigkeit der Aufschrift zu überzeugen, öffneten wir vorsichtig eine der Büchsen, wo sich tatsächlich die harten Stangen vorfanden, die in ihrem äußeren Ansehen etwas an Schwefelstangen erinnern. Diese nebst einer anderen Dynamitkiste schafften wir der Sicherheit halber an Deck, mit der Absicht, sie bei erster Gelegenheit über Bord zu werfen. Der ganze Aberglaube des Laien, der mit solchen Sachen nicht umzugehen versteht, hatte uns erfaßt beim Lesen des Namens. Die Angst kroch mir kalt den Rücken herauf bei dem Gedanken, daß wir alle die Zeit auf einem solchen Vulkan gelebt hatten, ohne es zu wissen. Die anderen Kisten – es waren noch etwa drei oder vier – hatten einen weniger aufregenden Inhalt. Allerlei Handwerkszeug lag hier in buntem Durcheinander. Schaufeln, Pickäxte, Siebe, merkwürdige rundgeformte Hämmer, wie sie die Geologen brauchen, und einige mächtige, wohlverkorkte Flaschen mit Quecksilber. Es war offenbar das Handwerkszeug, mit dem Kapitän MacKay seine Goldwäscherei betrieben hatte.

Bis wir mit den Geschäften fertig waren, hatte sich jeder von uns in eine Art Fieber hineingearbeitet. Während des ganzen Tages hatten wir gearbeitet wie die Besessenen, ohne einen Bissen zu essen, ohne uns einen Augenblick der Ruhe zu gönnen. Der Goldteufel hatte es einfach nicht zugelassen. Und auch jetzt, nachdem die dringendsten Geschäfte erledigt waren, dachte keiner an dergleichen. Am schlimmsten war der Neger. Zu der Goldgier, die uns alle gepackt hatte, kam bei ihm noch der Machtkitzel der neuen, sich selbst verliehenen Kapitänswürde. Sobald die letzte Kiste an Deck war, rief er die gesamte »Mannschaft« achteraus auf das Halbdeck, wo er uns mit dürren Worten seine Ansicht über die Art der Verteilung der Beute mitteilte, derweilen er in gefährlicher Nähe unserer Nasen mit dem Revolver um sich fuchtelte.

»Dieses ist ein Walfischfänger«, sagte er unvermittelt.

»Das wird schon so sein«, antworteten wir.

» Well, und wenn das ein Walfischfänger ist, so muß hier an Bord auch alles ehrlich und schiffsgemäß zugehen, wie es der Brauch ist in unserem Handwerk. Jeder bekommt seine Fangprämie von der Beute, der Besitzer die Hälfte, der Kapitän ein Drittel, der Steuermann ein Viertel und die Vormasthände zusammen den zweihundertsten Teil. Da ich aber durch Wahl und durch den ersten Besitz Eigentümer, Kapitän und Steuermann bin und ihr eine Bande von aufsässigen Meuterern seid, so nehme ich für mich die ganze Kiste und verspreche euch dafür, daß ich bei der Ankunft in San Franzisko weder Augen noch Ohren gehabt haben will für eure Untaten hier oben und euch dadurch aus dem Zuchthaus und vom Galgen retten will. – So, und nun geht nach vorn, wo ihr hingehört, einer von euch geht ans Ruder, und ein bißchen lebhaft, ehe ich euch nachhelfe mit dem Schießeisen!«

Das war nun eine Sprache, die an Unverschämtheit nichts zu wünschen übrig ließ. Der Zorn siegte bei mir über alle Vorsicht. Obwohl er mir noch immer den Revolver gerade unter die Nase hielt, schlug ich ihm diesen aus der Hand und zog blitzschnell einen anderen aus seinem Gürtel. Die Reihe des Kapitänspielens sollte zur Abwechslung nun einmal an mich übergehen. Aber mit Gedankenschnelle hatte der Neger ein weiteres Schießeisen aus seinem waffengespickten Gürtel herausgezogen; in der linken Hand hatte er ein ellenlanges Messer und stürzte damit auf mich los wie ein fauchender Waldaffe aus den finstersten Urwäldern. Im letzten Moment prallte er noch zurück vor der erhobenen Pistole. Die weggeworfene Waffe war inzwischen in Heins Hände übergegangen, und so standen wir uns alle drei gegenüber, mit Mord in den Augen, bis an die Zähne bewaffnet. Nur Jack stand abseits an der Bordwand und rauchte gemächlich seine Pfeife. Was mich anbelangt, so war ich förmlich besessen von Gier nach dem Golde. Alles wollte ich haben oder gar nichts; die ganze Ladung in der Kiste oder nicht ein Lot. Eine wilde Idee schoß mir durch den Kopf.

»Wenn wir darum losten –?«

Abraham Lincoln Jonas mußte denselben Gedanken gehabt haben. Er zog einen Würfel heraus, den er fast immer in der Tasche mit sich herumführte – denn er war ein passionierter Würfelspieler wie alle Neger – und ließ ihn über das Verdeck rollen.

»Sieben ist hoch!« rief er mit leuchtender Miene.

Wieder warf er den Würfel, während er mit den Fingern schnalzte. »Komm sieben! Komm sieben! Komm, meine süße, kleine Sieben! – Willst du wohl kommen, wenn ich es dir befehle? Wenn Kapitän Abraham Lincoln Jonas es so wünscht? – Ah, wieder nichts! Du machst mir Unehre, mein Honig, mein Goldkäfer, du machst mich weinen! Der Teufel hole deine schwarze Seele!«

So löste sich die wilde Szene von Mord und Totschlag plötzlich in ein richtiges Negerwürfelspiel auf, das jedoch keineswegs so harmlos war, wie es aussah. Jeder hatte die Waffen weggelegt und verfolgte mit brennenden Augen das Spiel der Würfel.

Das Aufblitzen eines Schusses, der scharf wie ein Peitschenschlag durch das Zwischendeck hallte, schreckte mich aus meinen Träumen. Jack, der Eskimo, hatte ihn abgegeben. Eben legte er an zu einem weiteren Schusse, und indem ich seiner Zielrichtung folgte, gewahrte ich etwas, was mich aus allen Träumen schüttelte. Nur einen kurzen Augenblick sah ich das Bild, etwa so wie einer unter dem Aufflackern eines Blitzes oder eines künstlichen Lichtes eine Erscheinung beobachten mag, aber in mein Gedächtnis hat es sich furchtbar eingekrallt, so daß ich es allezeit vor mir sehe. Zwischen einer der Kisten und der Truhe mit dem Golde stand hochaufgerichtet der Chinese. Ganz ruhig stand er da und übernatürlich groß, ins Riesenhafte verzerrt, wenigstens stand er so vor mir in meiner überhitzten Phantasie. Das Gesicht war gräßlich verzerrt, mit einem teuflischen Grinsen. In der erhobenen Rechten hielt er eine Stange, erst später erfuhr ich, daß es eine zum Goldgraben benötigte Dynamitstange war, mit der er zum Wurfe ausgeholt hatte.

Nur einen Moment – kaum auf die Länge eines Augenblicks – sah ich das Bild, und dann war es, als ob die ganze Welt unterginge in einem schaurigen Aufschrei. Man hörte ein schrilles Krachen und Brechen, wie wenn alle Masten auf einmal von oben kämen. Der Stoß hatte mich längs auf das Verdeck geworfen mit einer Gewalt, die mir fast die Besinnung raubte. Dumpf nur merkte ich, wie das Fahrzeug mächtig schlingerte und erst nach der einen und dann nach der anderen Seite kenterte. Das Meerwasser rauschte über das Verdeck wie ein brausender Wildbach. Mehr aus instinktivem Selbsterhaltungstrieb, denn aus verstandesmäßigem Handeln hielt ich mich an einem Poller fest, um nicht an der Bordwand zu zerschmettern. Eine heftige Bewegung des Schiffs schlug meinen Kopf gegen den Mast, und dann konnte ich gar nichts mehr denken – – –

Stunden vergingen, ehe ich wieder zu mir kam. Ich wachte auf mit einem merkwürdigen Summen und Sausen im Kopfe und einem stechenden Schmerz im Körper, der mir bei der geringsten Bewegung wie Messerstiche durch die Eingeweide ging. Ein ekliger Salzgeschmack lag mir in Mund und Nase. In den Ohren war noch immer das Rauschen des Wassers. Nur die Augen waren noch ganz in Ordnung, aber was die zu sehen bekamen, das erfüllte mich mit bleichem Entsetzen, je mehr ich zum Bewußtsein meiner Lage erwachte.

War das noch das alte »Walroß«? Solange ich das Fahrzeug kannte, war es mir nichts anderes gewesen als ein notdürftig zu einem gewissen Grad der Schiffsmäßigkeit hergerichtetes Wrack. Nun aber war es das Chaos, das Verderben, nicht viel mehr als ein wilder Trümmerhaufen, der da noch notdürftig – aber wie lange noch? – auf dem Meere schwamm. Der Klüverbaum war wie mit einem Messer durchgeschnitten von der Gewalt der Explosion. Der Fockmast war völlig herausgerissen und über Bord geworfen worden, und an seiner Stelle starrte ein gähnendes Loch in dem Verdeck. Vom Großmast waren nur noch Trümmer vorhanden. Nur der Besanmast war merkwürdigerweise ziemlich unversehrt, abgesehen von der Bramstenge, die zersplittert auf dem Großdeck lag. Vom Chinesen war nichts mehr zu sehen, und auch die Teufelskiste, die all das Unheil verschuldet hatte, war verschwunden. Dafür klaffte eine breite Lücke in der Steuerbordreling. Offenbar hatte sie sich beim Überholen des Schiffes einen Ausgang geschlagen und war im Meer verschwunden auf Nimmerwiedersehen.

Eine ganze Weile starrte ich verständnislos auf die Bescherung. Ich sah alles mit den Augen, aber mit dem Kopfe konnte ich nicht verarbeiten, was ich gesehen hatte. In dumpfen Brüten betrachtete ich das Bild der Zerstörung, bis es mir vor den Augen flimmerte. Unversehens fiel ich in einen tiefen Schlaf. – –

Als ich wieder aufwachte, mußte ich mir erst eine ganze Weile die Augen reiben, um mich zu vergewissern, daß ich nicht träumte. Ich lag in meiner Koje und schaute in die von mattem Licht der Laterne spärlich erhellte Kajüte. Um den Tisch, auf dem ein dampfender Kaffeepott stand, saßen Hein, Jack, der Eskimo, und der Mister Abraham Lincoln Jonas und unterhielten sich einträchtig mit halblauter Stimme. Voll Verwunderung starrte ich eine Weile auf das unerwartete Bild. Ich fing an zu grübeln in meinem wirren Kopfe, ohne mir doch einen Vers auf das alles machen zu können. Dann aber kam es über mich wie eine Offenbarung. – Da saßen noch alle gesund und wohlbehalten am Tische, wo sie immer gesessen hatten, und keiner war zu Schaden gekommen bei der Katastrophe! Das war wie ein Wunder. Das konnte nicht sein! – Und also war alles, was ich an diesem Tage erlebt hatte, nur ein Spiel der überhitzten Phantasie. Ich erinnerte mich daran, daß ich mich tags zuvor mit einem bösen Kopfweh niedergelegt hatte. Das hatte sich inzwischen jedenfalls zu einer bösen Krankheit ausgewachsen, und alles, was mich in Schrecken versetzt hatte, das Abenteuer im Zwischendeck, die Geschichte mit dem Chinesen und der Goldkiste, die Dynamitexplosion auf dem Verdeck, die zersplitterten Masten und die zerbrochene Deckwand, war nichts gewesen als nur ein wilder Fiebertraum!

Mir war zumute wie einem, dem man eine zentnerschwere Last vom Rücken genommen hat. In meiner Freude und Erleichterung richtete ich mich halb auf von meinem Lager, obwohl mir ein stechender Schmerz durch alle Glieder fuhr. Die drei am Tisch unterbrachen ihr Gespräch und schauten zu mir herüber.

»Hallo!« rief Abraham Lincoln Jonas, »da bist du ja wieder! Laß mal sehen, ob noch alle Knochen beisammen sind.«

Er kam herüber und schaute mich eine Weile kopfschüttelnd an. Mit einer Behutsamkeit, die einer tüchtigen Krankenschwester Ehre gemacht hätte, befühlte er alle Glieder und schüttelte dann noch mehr mit dem Kopf.

»Ich bin wohl sehr, sehr krank gewesen?« sagte ich mit matter Stimme.

Da schaute er mich verwundert an.

»Krank? Von Rechts wegen solltest du schon längst bei David Jonas sein. Wie der Chinese das Pulver an die Kiste gesetzt hat, da hat er uns alle für › four piecee man chou chou‹ gegeben. Hein hier hat den Arm gebrochen, Jack hat einen verstauchten Fuß, und selbst mein harter Niggerschädel hat eine handgroße Beule. Aber wie du noch einen einzigen Knochen beisammen haben kannst, kann ich nicht begreifen! Schon gleich beim ersten Knattern, wie du von einer Schiffsseite zur anderen geflogen und mit dem Kopf gegen die Wand des Kartenhauses gestoßen bist, habe ich mir nicht anders gedacht, als daß es nun aus und vorbei sei mit dem Neffen deiner Tante. Beim zweiten Überholen hat dich das Wasser mitgenommen über Bord, und mit einmal bist du wieder aufgetaucht und wieder mit dem Schädel gegen das Kartenhaus gerannt. – Und da sollst du noch lebendig sein? Es geht nicht mit rechten Dingen zu! Ich wette einen Dollar, daß da noch etwas hinterher kommt. Einmal wirst du doch noch zu David Jonas gehen, wenn du so weiter machst.«

»Und wie steht es mit dem Schiff?« fragte ich ängstlich.

»Das war einmal ein Schiff! Jetzt ist es nur noch ein Bündel Schiffsplanken, das es gut mit uns meinen muß, wenn es noch vierzehn Tage zusammenhält. Überhaupt sieht es für uns alle hier so aus wie eine Reise zu David Jonas.«

»Und die Kiste?«

»Die liegt schon seit drei Tagen auf dem Meeresboden. Nicht ein Goldkorn hat sie zurückgelassen, und es ist gut so, denn solange das Zeug an Bord war, war hier einer des anderen Wolf. Wir lägen heute vielleicht schon sicher und geborgen in einem bequemen Hafen an der Alaskaküste, wenn der verhexte Stoff uns nicht um jedes bißchen Verstand gebracht hätte. Statt dessen treiben wir hier als hilfloses, entmastetes Wrack, das jeden Augenblick auseinanderfallen kann. Ist's unsere Schuld? Das Gold hat das alles verursacht. Jetzt liegt es im Meere, und da können sich meinetwegen die Fische darum streiten, zusammen mit Fung Li, oder was von ihm übriggeblieben ist, und Admiral Dewey und Schiffskamerad Tom, der auch gerade auf dem Fockstag gesessen hat, als die Kiste in die Luft geflogen ist.«

Noch eine Weile plapperte er weiter mit seinem Berichte, aus dem ich nur mühsam den Zusammenhang finden konnte in meinem wüsten Kopfe. Obwohl er von dem schaurigen Abenteuer mit so ruhiger Miene berichtete, als ob er von einem Tanzvergnügen erzählte, lief es mir doch abwechselnd kalt und heiß über den Rücken, wie nach und nach das Bild der Katastrophe sich wieder in meinem Kopfe formte. Im Augenblick überfielen mich wieder eisige Fieberschauer, aus denen ich in langen Tagen und Nächten nicht mehr aufwachte.

Es gibt Zeiten, die man am besten überschläft oder, wenn es nicht anders geht, in den besinnungslosen Fieberträumen einer wohltätigen Krankheit überdauert, Zeiten, in denen Vernunft zu Unsinn, Wohltat Plage wird und alles, alles besser ist als das machtlose Hineinstarren in das herannahende Unglück, mit wachen Augen und klarem Verstande. Was könnte es Schlimmeres geben als dieses trübe, geduldige, nervenzerfressende Ausharren auf diesem Wrack, das in jedem Augenblick auseinanderfallen konnte, zerbrochen von dem Arbeiten der Dünung, zerrieben zwischen den Eisschollen des fernen Meeres. Wären wir im offenen Atlantischen oder Pazifischen Meere getrieben, so hätte es wohl keinen Tag gedauert, ehe der baufällige Rumpf des »Walroß« vollends in Stücke gegangen wäre. Aber das Eismeer ist im allgemeinen ein stilles Gewässer. Zumal in Gegenden, wo sich viel Treibeis befindet, ist es oftmals glatt wie ein Spiegel, ohne die geringste Dünung und bei stillem Wasser ohne die Spur eines Wellenschlags.

Allmählich waren wir mitten in die treibenden Eisfelder hineingeraten. Als ich nach langen Tagen – oder waren es Wochen? – zum erstenmal wieder an Deck humpeln konnte, da war es mir, als ob die ganze Kälte des Eismeeres mich noch einmal überliefe bei dem Anblick, der sich dort oben bot. Soweit das Auge reichte, zeigte sich kein Tropfen Wasser in der Runde. Bis zum fernsten Horizont war alles ein Trümmerfeld von wild und wirr übereinandergepreßten Eisschollen, die geisterhaft weiß leuchteten unter dem schweren, düsteren, bleigrauen Himmel. Man konnte sich nicht gut ein Bild denken, das melancholischer stimmen konnte als dieses erstarrte Chaos, das kalt und tot wie eine Mondlandschaft sich in unabsehbare Fernen breitete, während die weißen Nebel langsam wie Geister darüber hinzogen. Und von dem Eise wanderte der Blick nach dem »Schiff«. Solange ich das alte »Walroß« kannte, war es eigentlich nie ein stolzes Fahrzeug gewesen. Nun aber machte es einen geradezu bemitleidenswerten Eindruck mit seinen gekappten Masten und den zerschlagenen Decksplanken, die an eine verlassene Baustelle erinnerten, nicht aber an ein christliches Schiff. Das Ganze hatte eine Schlagseite von etwa dreißig Grad gegen die Oberfläche des Eises. Es war klar, daß es nur zusammengehalten wurde durch den Druck des Eises, das knirschend und mahlend an der Schiffsseite rumorte. Einmal würde es wieder nachlassen. Und was dann wohl kommen sollte? Es bedurfte keiner großen Phantasie, um sich auszumalen, was dann geschehen würde. Wir befanden uns » between the devil and the deep blue sea«, wie die Amerikaner sagen. Beim Anblick des Eises mochte man wünschen und beten für endliche Befreiung aus der tödlichen Umklammerung. Und doch mußte man wieder zittern vor solchem Ereignis, da es nur den sicheren Untergang bedeuten konnte für alle Mann und für das, was noch von dem Schiff vorhanden war. – –

Weiter ging die Reise in den hellen Tagen und den weißen Nächten, die alle zusammenflossen zu einem einzigen unendlichen Tag, so daß ich heute bei bestem Willen nicht mehr sagen kann, ob es Wochen oder Monate oder doch nur wenige Tage gewesen sind, die wir in langer Hilflosigkeit zubrachten als Gefangene des Eises. Alle Begriffe von Raum und Zeit verschwanden, und nichts war übriggeblieben als das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit und die Angst vor dem Morgen. Fast während der ganzen Zeit wehte eine ziemlich starke Brise aus Nordosten, und es war unverkennbar, daß das Eis mit unserem Wrack in großer Schnelligkeit nach Südwesten trieb. Die genaue Stärke der Stromversetzung konnten wir nicht feststellen, denn dazu fehlten uns die Instrumente. Der Kompaß war zwar noch gänzlich unbeschädigt, aber abgesehen davon, daß das Schiff keine eigene Bewegung hatte und deshalb auch keinem Steuer gehorchte, ist dieser treue Führer des Schiffes in jenen Breiten nur ein sehr unzuverlässiger Berater. Theodoliten, Chronometer, Seekarten und dergleichen Dinge befanden sich reichlich und in gutem Zustande an Bord. Sie hätten uns unschätzbare Dienste leisten können bei der Bestimmung unserer Länge und Breite – wenn einer von uns sich auf ihren Gebrauch verstanden hätte. So waren sie uns alle nur wertloser Plunder, der uns bei jedem Anblick unsere Hilflosigkeit um so eindringlicher vor Augen führte. Das einzige, was uns einen bestimmten Anhaltspunkt über die Veränderungen in unserer Lage geben konnte, war die Beschaffenheit des Eises, aus dem der erfahrene Eismeerschiffer zu lesen versteht wie in einem Buche. Offenbar war es kein altes Packeis, in dem wir uns befanden, denn dieses hätte uns längst zerrieben zwischen seinen mächtigen, blauleuchtenden Eisbergen. Es konnte sich nur um ein Feld von Treibeis handeln, das allerdings einen recht bedeutenden Umfang haben mußte, denn es war, wie gesagt, weit und breit kein offenes Wasser zu sehen, und auch über dem Horizont zeigte sich überall nur der weiße Eisblink. Hier und da sah man auf dem Eise sogar die Spur von Füchsen und Eisbären, die darauf schließen ließen, daß das Land in nicht allzu großer Entfernung sein konnte.

Wenn das Eis – wie es den Anschein hatte – nach Westen trieb, so war das entschieden das Beste, was uns passieren konnte, denn nur in dieser Richtung konnten wir hoffen, mit einem Walfischfänger zusammenzutreffen. Es war allerdings nur eine sehr schwache Hoffnung; eine von denen, die man sich einredet, weil einem sonst nichts Besseres übrigbleibt. Zudem hatte man bei weiterer Trift in dieser Richtung die wenig tröstliche Gewißheit, daß nach Austritt in das offene Meer das Eis sich schnell lockern würde, der Seegang höher ginge und dem baufälligen Rest des Wracks vollends den Garaus machte.

Anzeichen hierfür stellten sich nur allzubald ein. In der Oberfläche des Eises, die vorher den Eindruck eines festen Landes gemacht hatte, zeigten sich breite Risse und umfangreiche Tümpel, aus denen das Wasser wunderbar blau und verlockend und doch so unglückverheißend zwischen der weißen Eisfläche schimmerte. Überall war Bewegung in den Schollen, die knirschend und mahlend gegeneinanderpreßten. Zuweilen knallte es im Eise wie von lauten Kanonenschüssen. An Stelle der flachen Felder schoben sich immer mehr allerlei grotesk geformte Eisberge, die geradezu unwahrscheinlich aussahen, wenn die tiefstehende Sonne den Widerschein der Wellen auf ihre weißleuchtenden Zinnen warf und der mächtige »Eisfuß« smaragdgrün schimmerte unter dem Wasser, das in dem fahlen Lichte tief indigoblau, ja stellenweise tintenschwarz leuchtete. Einer von diesen, der sich immer näher heranarbeitete, hatte schon seit Tagen unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Er war breiter und massiger als die anderen und sah aus wie eine von den mächtigen, vielgeschichteten Eispressungen, die man zuweilen an steilen Küsten beobachten kann. An der einen Seite bemerkte man in der Tat einen rotbraunen Schimmer, der sich bei eingehender Untersuchung mit dem Fernglase als eine dünne Schicht von Sand und Kies herausstellte. Kein Anblick konnte willkommener sein für unsere eis- und wassermüden Augen. Sobald es die Umstände zuließen, ruderten wir mit einem der Boote hinüber, machten eine Tauleine fest und verholten das Wrack an den Eisrand im Lee des Berges, wo es auch sogleich auseinanderfiel wie ein Kartenhaus.

Erst jetzt kam uns ganz zum Bewußtsein, wie hohl und morsch das Gebäude war, in dem wir alle die Zeit gelebt hatten. Ohne jede vorhergehende Warnung kam der Zusammenbruch, und hätten wir nicht zuvor das Schiff in einen Eisspalt manövriert, so wäre es unter uns weggesackt wie ein Bleiklotz. So aber lagen die Trümmer zum größten Teil zerstreut auf dem Eise und überließen uns die Aufgabe, sie so schnell wie möglich zu bergen an einem einigermaßen sicheren Platz.

Wie dem auch sei: Das Unglück war geschehen, und wie so manches Unglück, das man lange vorausgesehen hat, wirkte auch dieses, nachdem es endlich Tatsache geworden, wie eine Erleichterung. Übermütig wie die Kinder sprangen wir aufs Eis, und als erst der Sand unter unseren Füßen knirschte, kamen wir uns vor, als ob wir in der Tat das rettende Land erreicht hätten und nicht eine trügerische Eisscholle, die jeden Augenblick in Stücke bersten konnte. Diejenigen aber, die am meisten erfreut waren über diese Wendung der Dinge, waren die Hunde. Mit lautem Freudengeheul stürzten sie sich auf das Eis, wälzten sich im Schnee und beendeten das Fest mit einer glorreichen Rauferei, die sie alle zu einem wirren Knäuel zusammenballte, aus dem man bald nur noch funkelnde Zähne, wirbelnde Füße und fliegende Hundehaare erkennen konnte.

Während der nächsten vierundzwanzig Stunden arbeiteten wir fleißig an der Bergung des Strandgutes, das wir nach einer naheliegenden Eishöhle schafften, nicht anders wie einst der Robinson Crusoe getan hatte mit seinen Schäden. Auf dem höchsten Gipfel der Scholle pflanzten wir mit vieler Mühe die zerbrochene Bramstenge als Flaggenmast auf und heißten daran die umgekehrte Flagge als Notzeichen für etwa vorüberfahrende Schiffe, an die wir noch immer glaubten, obwohl wir uns doch sagen mußten, daß eher eine verlorene Nadel in einem Heuhaufen gefunden werden könnte, als daß irgendein Wesen aus der zivilisierten Welt uns begegnen könnte in dieser welt- und gottverlassenen Meereswildnis.

Nachdem alles so weit war, errichteten wir das Zelt am Rande des offenen Wassers. Mit Hilfe der umherliegenden Schiffsplanken entfachten wir ein mächtiges Feuer, das weithin leuchtete im weichen Lichte des mitternächtigen Tages, aus den Vorräten, von denen wir für ein Jahr genug hatten, kochten wir eine tüchtige Mahlzeit, und so war alles eigentlich recht wohnlich und behaglich trotz allem, und jeder war bei bester Laune. Wir wären es weniger gewesen, wenn wir gewußt hätten, was uns noch bevorstand in den nächsten Tagen.

Über dem ganzen Horizont im Westen und Südwesten brütete eine dicke Nebelbank, die stündlich höher stieg. Das deutete auf Wind. Zur Sommerszeit weht der Wind unter jenen Himmelsstrichen zumeist aus Nordosten. Nur gelegentlich kommt er aus westlicher Richtung. Dann aber kann man sich auf einen ordentlichen heulenden »Südwester« gefaßt machen. Dieser blieb denn auch diesmal nicht aus. Wir hatten kaum unser Zelt im Lee des Eishügels in verhältnismäßig geschützter Lage aufgestellt, als das Unwetter auch schon mit aller Macht herangebraust kam. Sofort setzte es mit aller Kraft ein. Obwohl wir durch hohe Eiswände vor der schlimmsten Wut des Sturmes geschützt waren, verursachte das Klatschen der Zeltwände und das Brechen des Eises einen derartigen Lärm, daß man selbst im Inneren des Zeltes bei lautestem Schreien sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Es war der schlimmste Sturm, den ich je erlebt habe auf offener See. Während reichlich vierundzwanzig Stunden war die Luft erfüllt von dem Kreischen und Toben des Unwetters. Ständig zitterte der Boden unter den Füßen. Die Eisschollen brachen auseinander mit betäubendem Knall. Sie stellten sich auf die Kanten in reichlich zehn Meter Höhe. Sie fuhren aufeinander los und zerschmetterten sich gegenseitig wie kämpfende Titanen. Das alles konnte man nur hören und fühlen, denn in dem wütenden Treibschnee war die Hand vor den Augen nicht zu erkennen, und draußen vor dem Zelt war des Bleibens nicht einen Augenblick, da einen die Gewalt des Sturmes ohne weiteres zu Boden warf. Zeitweilig wuchs das Schreien des Orkans zu solcher Stärke, daß man sich selbst im Zelte – es war wie ein Wunder, daß dieses wenigstens immer noch standhielt – nur durch Zeichen verständigen konnte. Selbst Jack, der Eskimo, der doch schon allerlei Unwetter erlebt hatte in seiner rauhen Heimat, meinte, daß ihm so etwas noch nicht vorgekommen sei.

Lange saßen wir frierend und zähneklappernd im hintersten Winkel des von dem harten Treibschnee fast vergrabenen Zeltes. Bö um Bö brauste über uns hinweg, und immer, wenn wir meinten, daß es höher nimmer gehen könnte, daß dies das Nonplusultra aller Windstärke sei, kam noch eine andere, die alles Bisherige übertobte.

Aber ebenso plötzlich, wie es gekommen, verlief sich das Unwetter. Als der Wind noch immer heulte und tobte, da war es mir plötzlich, als ob man sein eigenes Wort wieder verstehen könnte, als ob man draußen das Heulen der Hunde vernähme, als ob die Zeltwände nicht mehr so wütend klatschten im Sturme. Bald war es nur noch ein ganz gewöhnlicher Südwester von Windstärke neun. Schon brachen wieder die Sonnenstrahlen durch den Treibschnee. Kaum zehn Minuten später war er ausgestorben zu völliger Windstille. Aber das Krachen und Poltern des Eises waren stärker als je.

Nur zögernd wagten wir uns aus dem Zelt heraus aus Angst vor den neuen Schrecken, die wir nun mitansehen mußten. Es war in der Tat ein furchterweckender Anblick, der wohl imstande war, ein übles Gefühl in einem aufsteigen zu lassen, etwa wie das, das einen überfallen mag, wenn man bei einem Erdbeben den bisher für fest und unerschütterlich gehaltenen Boden unter seinen Füßen schwanken fühlt. Die Scholle, auf der wir uns befanden, die eine besonders schwere, von irgendeinem Lande losgebrochene Masse darstellte, war in verhältnismäßiger Ruhe; ringsum aber war es ein Hexensabbat. Das ganze Meer war in Aufruhr. Überall fuhren die Eisschollen gegeneinander. Hausgroße Eisstücke wälzten sich wie Korke im Wasser, das angefüllt war mit dem dicken Eisbrei zermahlener Schollen. Bei jedem Zusammenstoß – und es waren deren hunderte in einer Minute, gab es einen Knall wie einen Kanonenschuß. Alle Augenblicke stellten sich gewaltige Schollen auf die Kante und fielen ebenso schnell wieder zurück in das Chaos.

Allmählich kam wieder Ruhe in den Aufruhr, und als die Sonne am höchsten stand, war es wieder so still, als ob es niemals einen Sturm gegeben hätte. Das Eis lag dicht zusammengepreßt, und in der weiten Runde war kein Tropfen Meerwasser mehr zu erkennen. Merkwürdigerweise hatte der Sturm auch eine Unzahl von Vögeln herangeführt. Überall auf dem Eise spazierten Möwen und Eiderenten, und hoch in der Luft gewahrten wir zu unserer Freude einen Zug von Wildgänsen, die sicheren Boten des nahenden Landes. – Aber welchen Landes? War es die Alaskaküste? War es etwa Sibirien oder Wrangelland, oder hatte uns am Ende gar der Sturm wieder zurückgeworfen zu dem verwünschten Strande, den wir eben erst verlassen hatten? Ich dachte darüber nach und konnte keine Antwort finden, während die Tage sich weiter aneinanderreihten.

Über dem war es immer sommerlicher geworden. Die dicke Schneebank, die der Sturm über dem Zelt aufgehäuft hatte, fing an zu schmelzen und das Zelt mit Wasser zu durchtränken. Von allen anderen Schneebänken rieselte das Schmelzwasser in kleinen Bächen und stand auf dem Eise in hellen Tümpeln, die in der Sonne glitzerten. Die Möwen wurden immer zutraulicher, um nicht zu sagen zudringlicher. Ab und zu sah man eine Schneeule oder einen hoch in den Lüften kreisenden Habicht, alles Anzeichen eines nicht allzu fernen Landes. Allmählich begannen sich auch wieder Rinnen zu öffnen, in denen da und dort der glotzende Kopf eines Seehundes auftauchte. Wir schossen einige, mußten aber zu unserem Mißvergnügen merken, daß sie alle sogleich untersanken, wie sie es zur Sommerzeit immer tun, wenn man sie an irgendeiner anderen Stelle als gerade im Kopfe trifft. Ganz auffallend war der Reichtum des Wassers an Garnelen, Würmern und den als Hauptnahrungsmitteln des Nordlandwales dienenden winzigen Quallen, von denen es stellenweise ganz bedeckt war. Dieses war wohl auch die Hauptanziehungskraft für die immer zahlloser werdenden Möwen, denn es war wohl nicht anzunehmen, daß sie nur hierhergekommen waren, um uns ihre Aufwartung zu machen, zumal wir nicht allzuviel Eßbares mit uns führten, und wenn es ein Geschöpf gibt, bei dem die Liebe durch den Magen geht, so ist es die Möwe.

Etwas, was uns täglich mehr auffiel, waren die zahlreichen Spuren von Polarfüchsen, die man überall im Schnee wahrnehmen konnte. Das ließ auf baldige Jagdbeute schließen, denn überall, wo sich draußen auf dem Treibeise Herr Reineke herumtreibt, da ist auch Meister Petz nicht weit. Da er selbst nicht imstande ist, sich größere Beute zu verschaffen, so hängt er sich gewissermaßen an die Fersen des Eisbären, der bei einigermaßen großer Jagdbeute ihm übergenug von der Mahlzeit übrigläßt, wenn er sich mit einem halben Seehund im Magen zum Schlafen ausstreckt, als ob er nie wieder zu fressen brauchte in seinem ganzen Leben. Es dauerte denn auch nicht lange, ehe wir solchen Eisbärbesuch bekamen. Ganz offen und unverfroren kam er über das Eis, ein Zeichen dafür, daß er nicht auf dem festen Lande zu Hause war. Der Landeisbär ist in der Regel ziemlich scheu. Bei dem geringsten verdächtigen Anblick legt er sich flach in den Schnee, der ihm mit seinem weißen Fell die beste Deckung bietet, und nähert sich nur unter Anwendung aller Vorsichtsmaßregeln dem Gegenstand seiner Neugierde. Auf dem Packeis dagegen ist er die Verwegenheit selber. Das große Raubtier, der Mensch, ist dort noch unbekannt, Wölfe gibt es ebenfalls nicht, und vor wem sonst sollte er sich fürchten?

Es war eine Bärin mit ihrem Jungen, die in merkwürdig watschelndem Gange über das Eis kam. Vor einer Rinne stellte sie sich auf die Hinterläufe, ganz so, wie man es zuweilen im zoologischen Garten sehen kann, und äugte neugierig zu unserem Lager herüber, um sich zu vergewissern, mit was für einer Sorte von Möwen oder Seehunden sie es hier zu tun hätte. In ihrer Ruhe ließ sie sich auch nicht stören durch das wütende Gebell der Hunde, die mit Macht an der Leine rissen, mit der sie an einem Eispflock angebunden waren. Vorsichtig – als fürchtete sie sich vor dem kalten Wasser – schickte sie sich an, die Rinne zu durchschwimmen. Die Kälte der vergangenen Nacht hatte dort eine ziemlich dicke Schicht von jungem Eis entstehen lassen, durch die sie mit langausholenden Hieben ihrer Tagen einen Weg bahnte für sich und ihr Bärenbaby. Am diesseitigen Ufer stiegen beide ans Land mit elastischen Sprüngen, die man den plumpen Körpern niemals zutrauen mochte, schüttelten sich einmal wie Pudel, die aus dem Bade kamen, und setzten gemächlich ihren Weg nach dem Lager fort. Kaum drei Schritte von den Hunden entfernt, streckte sie Jack nieder durch einen direkten Herzschuß. Ohne einen Laut sank die Alte zusammen, während das Junge in seiner komisch-täppischen Weise noch immer näher kam. Mehrmals ging es um den Körper der toten Mutter herum. Es leckte die erkaltende Schnauze und streichelte sie behutsam, nicht anders, wie ein menschliches Kind gehandelt haben würde in ähnlicher Lage. Ohne Widerstand ließ es sich fangen. Es war eine willkommene Erwerbung, denn auf der ganzen Welt gibt es keine possierlicheren und unterhaltsameren Geschöpfe als junge Bären.

Nach einigen Tagen verschwand das umgebende Packeis. Über Nacht war es »abgereist« nach anderen Zonen und hatte uns allein zurückgelassen auf unserer Scholle, wie auf einem Schiff inmitten des grenzenlosen Meeres. So unauffällig war das alles vor sich gegangen, daß wir es erst merkten, als wir morgens aufwachten. Es war in der Tat ein recht ungewohntes Bild, das sich da vor unseren Augen ausbreitete. Wieder einmal, wie schon so oft auf dieser seltsamen Reise, mußte ich mir die Augen reiben, um mich zu vergewissern, daß ich nicht träumte. Es war wirklich wieder ganz so, wie wenn man sich an Bord eines Schiffes befände. Das seltsame Fahrzeug schwankte leise in der Dünung, und das blaue, vom Sonnenglanz überflutete Meer lief plätschernd und plaudernd gegen die »Schiffsseite«.

»Junge, Junge«, rief Hein, der eben mit blinzelnden Augen aus dem Zelte gekrochen kam, »das geht noch über Plumen und Klüten. Robinson Crusoe ist gar nichts gegen uns!«

Wir alle waren derselben Ansicht, wenn wir auch nur recht wenig Lust verspürten zu solchem Robinsonleben. Sogar der ewig hoffnungsfreudige Mister Jonas war diesmal entrüstet über die Wendung. Einmal nur schaute er sich um. Dann kroch er sofort wieder zurück ins Zelt, von wo im nächsten Augenblick ein geruhsames Schnarchen durch die dünne Leinwand kam. Ich aber kletterte auf den Gipfel des Hügels, wo wir die Flaggenstange aufgestellt hatten. Längst schon hatte der Sturm sie umgeworfen. Mit Mühe und Not stellte ich sie wieder auf, und, indem ich so tat, warf ich einen Blick auf unser kleines Reich. Es war immerhin einige zwei bis drei Quadratkilometer groß, zusammengesetzt aus allerdickstem Packeis, das offenbar schon mehrere Jahre alt war und deshalb aller Voraussicht nach wohl auch noch einige Jahre aushalten konnte. Proviant hatten wir reichlich für viele Monate, die Seehunde, die jetzt auch überall im offenen Wasser auftauchten, konnten für frisches Fleisch sorgen, und an Trinkwasser würde es uns auch nicht fehlen, denn wie jeder Eismeerfahrer weiß, verlieren die oberen Meereisschichten ihren Salzgehalt, so daß das davon herunterlaufende Schmelzwasser ohne weiteres zu Trink- und Kochzwecken Verwendung finden kann.

Alles das waren Umstände, die unsere Lage nicht ganz so verzweifelt erscheinen ließen, wie es zuerst den Anschein hatte.

Ich versuchte mir noch andere auszudenken, die zur Hebung meiner Zuversicht dienen konnten. Aber es wollte mir nicht recht gelingen. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich auf das weite Meer hinausstarrte, das so blau und verlockend, so glückverheißend und doch wieder so schaurig tot und einsam zu meinen Füßen lag. Was war dagegen unsere kleine Welt? Ein Nichts, das in der Sonne zerschmolz und das im nächsten Sturm auseinanderbrechen konnte, ein Strohhalm, an den wir uns alle klammerten mit falschen Hoffnungen auf endliche Errettung, an die wir noch immer wie die Toren glaubten, während es doch in allen Zeichen ringsum nur allzu deutlich zu lesen stand:

Nimmermehr!

Noch eine ganze Weile stand ich auf dem Gipfel des Eishügels und versank immer tiefer in die düsteren Gedanken, als Jack, der Eskimo, der eben auf der Jagd war auf einen Seehund, der sich am Eisrand sonnte, mit allen Zeichen der Aufregung zurückgerannt kam.

»Umiackpack! Umiackpack!« rief er im Laufen.

Ein Schiff!

Keine Bombe, ja nicht einmal die Dynamitstange des ehrenwerten Fung Li hätte eine solch aufpeitschende Wirkung ausüben können in unserer kleinen Welt. Die schlimmsten Langschläfer waren im Nu auf den Beinen und oben auf dem Hügel. Mit dem Fernglas schauten wir gespannt in die angedeutete Richtung. Es war dort in der Tat etwas zu erkennen, das ich aufmerksam musterte mit den Augen eines Mannes, der durch böse Erfahrungen mißtrauisch geworden ist gegen die Glücksfälle des Lebens. Nun aber stieg es höher über den Horizont. Mit bloßem Auge war es schon als flimsiges Wölkchen über dem blauen Meere zu erkennen. Mit dem Glase sah man deutlich drei Mastspitzen, und an den drei vorderen die oberen Rahsegel einer Bark! Mehrmals setzte ich das Glas ab und rieb mir die Augen, um mich zu vergewissern, daß ich nicht träumte. Es war auch gar zu romanhaft, was sich hier abspielte vor unseren Augen. Aus der tiefsten Nacht der Verzweiflung waren wir plötzlich hinaufgerissen in einen Himmel der Hoffnungen!

Es war alles zu schön, als daß ich es glauben konnte. Niemals, bis zu jenem Tage, habe ich gewußt, wie nahe Hoffnung und Furcht beieinander wohnen können in einem Herzen. Mitten in die Freude mischte sich eine zitternde Angst.

Wenn sie nun doch – –?

Mit fliegender Eile holten wir eine neue Fahne herbei und heißten sie an dem Flaggenmaste. Was wir an Brettern und Planken zusammenraffen konnten, schleppten wir auf die Anhöhe und zündeten ein weithin leuchtendes Feuer an, auf das wir ständig alte Felle und Seehundspeck warfen, um eine dunkle Rauchentwicklung hervorzurufen.

So wie wir da standen, wären wir wohl ein Bild gewesen für einen Maler. Die rußgeschwärzten Menschen auf der weißen Eisscholle, das rote Feuer, die schwarzen Rauchwolken, die sich über die Meeresfläche wälzten, und darüber in der frischen Brise die umgekehrte Flagge als Signal der höchsten Not, das unter Seeleuten Brauch ist.

S. O. S. – save our souls!

Das fremde Fahrzeug mußte unsere Signale verstanden haben. In einem Abstand von wenigen Seemeilen drehte es bei. Die Segel wurden aufgepeit. Die Rauchwolken quollen aus einem kurzen Schornstein. Langsam drehte sich der Bug nach unserer »Insel«. Mit Volldampf kam es gerade auf uns zu. Das Herz wollte mir zerspringen vor Freude bei diesem Anblick, und doch mischte sich auch hier wieder mitten in die Freude eine wilde, wahnsinnige Angst, daß dieses glückbringende Schiff am Ende nun doch noch einmal abdrehen könnte im letzten Augenblick, daß man noch eine letzte große Enttäuschung erleben sollte nach so vielen anderen.

Aber unbeirrt kam das fremde Fahrzeug näher. Schon konnte man es deutlich ausmachen. Es war eine Dreimastbark mit einer Dampfmaschine, ganz der Typus der Walfischfänger der dortigen Gegend. Am Heck wehte die amerikanische Flagge. Die Mannschaft drängte sich an der Reling, während das fremde Schiff dicht an dem Eisrand hinfuhr. Auf dem Achterdeck stand ein vierschrötiger Mann – offenbar der Kapitän – der uns aufmerksam mit dem Glase musterte.

»Schiff ahoi!« rief er mit wahrer Donnerstimme.

»Ahoi!«

»Was für eine Gesellschaft ist das dort drüben?«

»Gestrandete Schiffsmannschaft, Sir!«

»Hier Walfischfänger ›Wanderer‹ aus San Franzisko. Ich schicke ein Boot hinüber!«

Langsam setzte das Schiff sich wieder in Bewegung. Man sah das Arbeiten der Schraube im Wasser, man hörte die scharfen Signale für die Maschine, die Kommandos von der Brücke, die sich in meinen Ohren allesamt zu einem wunderbaren Liede aus der großen weiten Welt, die von da draußen irgendwo zu uns gekommen waren, vereinten. Nachdem der Dampfer am Eise festgemacht hatte, kletterten wir über die Strickleiter, die vom Klüverbaum herunterhing auf die Back und dann an Deck, wo die gesamte Mannschaft uns neugierig umringte. Offenbar waren sie noch alle rechte Grünhörner, denn sonst hätten sie uns nicht so angestarrt mit offenem Munde, wie sie es wirklich taten. Wären sie so lange im Eismeer gewesen wie wir, so hätten sie sich das Wundern inzwischen wohl schon etwas abgewöhnt. Der Kapitän – ein Riesenkerl, der fast so groß war wie Alaska-Jim in eigener Person – kam auf uns zu, gefolgt von einem kleinen, zappeligen Männchen, das sich nachher als der Erste Steuermann entpuppte, obwohl es gar nicht so aussah. Eine Weile betrachtete er uns kritisch.

»Gemischte Gesellschaft!« sagte er nicht eben freundlich. »Scheint mir auch so; mit Ihrer Erlaubnis, Herr«, antwortete diensteifrig der Steuermann.

»Woher kommt ihr?« fragte der Kapitän.

»Von einem Schiff.«

»Daß ihr nicht aus einem Kloster kommt, kann ich mir denken.«

»Walfischfänger ›Walroß‹.«

Ein Murmeln des Erstaunens ging durch die Menge. Sogar der Kapitän konnte seine Bewegung nicht verbergen.

»Wal–roß?« wiederholte er mit offenem Munde. »Und ist das alles, was davon übriggeblieben ist?«

»Jawohl.«

»Und Kapitän MacKay und Bones und Fung Li?«

»Ah, er war ein sauberer Junge, der Fung Li!« unterbrach ihn das kleine Männchen. »Ich wette einen Dollar, daß er ein bißchen nachgeholfen hat, wo die anderen zu David Jonas gegangen sind.«

Unbeirrt durch die Unterbrechung fuhr der Kapitän weiter in der Ausfragung fort.

»Um so besser für das alte ›Walroß‹. Es war längst schon überfällig zum Absaufen; es und MacKay. Das kommt davon, wenn man nach Schätzen sucht. Ich hab's ihm längst prophezeit. – Und habt ihr nichts gehört von der ›Bonanza‹?«

»Nein«, sagte ich mit fester Stimme.

»Und von Alaska-Jim?«

»Auch das nicht.«

»Da habt ihr nichts verloren«, fuhr er nachdenklich fort, »'s ist ebensogut, daß ihr nichts von ihnen gehört habt. Manch einer hat den Tag schon bereut, wo er ihre Bekanntschaft gemacht hat. – Ah, sie machen ein gutes Paar, Alaska-Jim und Kapitän MacKay! Der Teufel wird seine Freude haben an den beiden!«

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich auf dem Absatz um und schritt gewichtig zurück auf das Achterdeck.

Und was soll ich nun noch weiter erzählen von dieser wilden Geschichte? Die lange Reihe unserer Abenteuer war nun endlich zu Ende. Nach unserer Ankunft an Bord wurden wir allesamt als Matrosen des »Wanderers« gemustert. Die Reise verlief so gerade und so krumm, wie Walfischfängerreisen nun einmal zu verlaufen pflegen, und wir kamen endlich wieder glücklich nach Hause. Von der »Bonanza« habe ich nichts mehr gehört und würde auch nichts mehr von ihr hören wollen, genau so, wie ich sie damals verleugnet habe, als wir zuerst den Fuß an Bord des fremden Schiffes setzten. An dieser Stelle ist ein Schwamm über mein Gedächtnis gegangen, und es ist gut, daß dem so ist.

Und die Kiste –?

Die liegt noch immer auf dem Boden des Meeres, zusammen mit den Fetzen von Fung Lis Leiche. Mag sie da liegen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tage. Ich würde keinen Schritt darum tun, weder für sie noch für alle anderen Goldkisten dieser Erde. Nicht einen einzigen Schritt!


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