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Die Winternacht

Nicht einen Tag zu früh waren wir in den schützenden Hafen gekommen, denn schon begann der heranziehende Winter sich ernstlich bemerkbar zu machen. Bereits am Tage nach unserer Ankunft überzog sich der Himmel mit grauen Schneewolken, und auf dem stillen Wasser der Bucht bildete sich eine Haut von jungem Eis. Mit Volldampf wurde gearbeitet an den Vorbereitungen für die lange Winternacht. In einem nahegelegenen Süßwasserteich schnitten wir Eis und häuften es auf ein Gerüst neben dem Schiffe auf, um es für Trinkwasserzwecke bereit zu haben. Aus Rahen und Segeln machten wir ein Haus über dem Verdeck, das wir alsdann von außen mit einem Schneewall von mehreren Meter Dicke umgaben. Wir suchten das spärliche Brennholz am Strande zusammen und verrichteten tausend andere Arbeiten, die getan werden müssen, wenn anders man nicht zu Schaden kommen will unter dem gestrengen Regiment des arktischen Winters.

Doch nicht ein Wort weiter will ich erzählen von jenem Winter. Unzählige Male ist so etwas geschildert worden von den Polarfahrern. Mit Fug und Recht möchte ich es aber bezweifeln, ob jemals ein anderes Schiff unter solchen Verhältnissen die lange Nacht überdauerte wie die »Bonanza« im Niemandsland. Zu dem nimmer endenden Nachtdunkel gesellten sich noch die Schatten der überhängenden Katastrophe, die sich immer mehr verdichteten mit dem Fortschreiten der Monate. Zuweilen, wenn Land und Eis so tot und unwirtlich unter dem weißen Mondlicht lagen und ringsum kaum ein Laut zu vernehmen war in der regungslosen Stille, da kamen Augenblicke, in denen ich mich zweifelnd fragte, ob das nun alles Wirklichkeit sei und ob ich nicht doch noch eines Tages wieder daraus aufwachen würde wie einer, der in seinem Bette aufschreckt aus einem wüsten Traum.

Auf die stille Feierlichkeit des Winters waren die rasenden Frühlingsstürme gefolgt, und nun kündigte sich der Mai mit grauem Himmel und dicken Schneeflocken an. Die Tage waren nun schon recht lang, die Sonne – wenn sie sich überhaupt blicken ließ – entwickelte eine ansehnliche Wärme, und ringsum wurde es lebendiger mit jedem Tage. Nicht, als ob es vorher gänzlich an Leben gefehlt hätte auf unserer Insel! Kaum ein Tag verging, an dem nicht – angelockt durch den Geruch der Menschen und ihrer Beute – ein Eisbär auf der Bildfläche erschien, um auch hier nach dem Rechten zu sehen in seinem Reiche, in dem er bisher ein souveräner Herrscher war. Allenthalben sah man die Spuren von Füchsen und Wölfen, und in den zur Küste abfallenden Talschluchten wimmelte es von Schneehühnern. Man mußte sich wundern, wo das Getier alles herkam und wovon es lebte. Offenbar lagen wir hier vor einer Insel von großem Umfang. Oder war es gar das gewaltige, von den Gelehrten vermutete unentdeckte arktische Festland?

Wie dem auch war: Hier war alles »Kaukau umalakta«, wie die Eskimos sagten. Bären und Hühner wanderten alle in den Kochtopf, und es war gut, daß sie so freundlich waren, uns über den Weg zu laufen, denn wäre es wirklich so, wie es die landläufige Ansicht haben will, wäre die Arktis wirklich das tote, öde Land, als das sie oftmals in den Büchern hingestellt wird, so hätte keiner von uns das Frühjahr erlebt. Die lange Nacht war noch nicht halb vorüber, als der Koch das letzte Faß Salzfleisch mit einem Seufzer nach der Kombüse schaffte und die letzten verkrümelten Reste des Hartbrotes aus der Kiste zusammenfegte. Fortan lebten wir im wesentlichen à la Eskimo von Seehunden. Nun aber, da der Sommer vor der Tür stand, kamen noch andere Nahrungsmittel aus den Hügeln des Innern in großen Herden herangewandert. Das waren die Karibus, eine Art Renntier, die aber etwas kleiner sind als die bekannten lappländischen und sich nicht zum Zähmen und Abrichten eignen. Sobald die ersten in Küstennähe erschienen, litt es unsere Eskimos nicht mehr an Bord. Mit einer Ausrüstung von Gewehren und Patronen zogen sie in die Berge, wo sie ein grausames Blutbad anrichteten unter der ahnungslosen Beute. Ganze Orgien der Gefräßigkeit wurden gefeiert. Und was selbst ein Eskimoheißhunger noch übrig lassen mußte, das wurde wohl verstaut auf hohen Gerüsten aus Treibholz zum Schutze gegen die Wölfe. Diese »Depots« waren für die Schiffsmannschaft bestimmt, die sie mit Handschlitten abholte und nach der Küste brachte. Jedesmal, wenn solche Expedition wieder fällig war, gab es einen großen Streit unter der Mannschaft, weil jeder lieber hinter dem warmen Ofen sitzen blieb. Was mich anbelangt, so konnte ich nie genug bekommen von solchen Fahrten. Man hatte dabei Gelegenheit, während eines ganzen Tages, unter Umständen sogar für zwei oder drei Tage, die »Bonanza« außer Sicht zu haben. Es gab nichts auf dieser Erde, das mir ein angenehmeres Gefühl verursacht hätte als dieses Bewußtsein.

Eine dieser Schlittenfahrten liegt mir noch in der Erinnerung, als ob es gestern gewesen wäre.

Drei Tage waren wir unterwegs gewesen, und nun hielten wir – Alaska-Jim, Jim Collins und ich – am Rande des steil abfallenden Plateaus, von wo man eine weite Aussicht hatte über das hart- und festgefrorene Meer und auf das Schiff, das da irgendwo in der Wildnis wie ein winzig kleines, verlorenes Pünktchen neben der Sandbank lag. Es war Nacht, und über Land und Himmel lag das seltsam fahle Dämmerdunkel der letzten Schatten der langen nordischen Nacht, ehe sie in das Einerlei des langen Sommertages übergeht. Gleichmäßig, wie Meereswellen, lagen die vom Winde geschichteten Schneebänke und warfen lange, schwarze Schlagschatten in die Ebene. Klirrender Frost lag in der regungslosen Luft. Die Hunde schliefen zusammengeringelt vor dem Schlitten. Kerzengerade stieg der Rauch des Lagerfeuers zum Himmel, wo vereinzelte Sterne durch das unsichere Zwielicht blinkten. Wir saßen um das Feuer und starrten in die Flamme. Lange Zeit sagte keiner ein Wort, bis auf einmal Jim eine Anwandlung von Beredsamkeit bekam. Plötzlich sprang er auf und schaute sich wild im Kreise um wie einer, der eben aus einem Traum erwacht. Sein Gesicht war noch gelber als gewöhnlich, und in seinen dunklen, tiefliegenden Augen glühte noch mehr als sonst die Leidenschaft, während er die Worte zwischen den Zähnen hervorzischte:

»Nein«, sagte er mit zorniger Miene, »ich halte es so nicht mehr aus! Ich habe genug von der Geschichte! Seit einem halben Jahre liege ich hier an einem Leeufer wie eine gesegnete Hulk. Ich schlingere nach allen Seiten, ich drehe mich nach allen Winden, ich tanze nach jedermanns Pfeife. Ich bin es müde, und ich dulde es nicht länger!«

»Du wirst es wohl dulden müssen«, antwortete Alaska-Jim.

»Müssen«, rief Jim mit einer Stimme, die von Leidenschaft erzitterte, »müssen, müssen und gehorchen und nicht dürfen und Order parieren! 's ist ein Monat von Sonntagen, seit ich nichts anderes mehr gehört habe als das. Nun wird es ungefähr Zeit, daß man endlich auch einmal davon redet, was wir dürfen und die anderen nicht. Seit Monaten leben wir von Seehunden und Walfischen wie die Wilden, und von Schneehühnern, die hart und zäh genug sind, um den Teufel zu vergiften, derweilen ihr in der Kajüte volle Rationen habt und Duff zweimal in der Woche und alle Tage Whisky. Ich dulde es nicht länger! Ich will an seine Butterdosen und an seine Marmeladebüchsen. Er hat Würste und Schinken in der Kammer hinter der Kajüte – ich weiß es! Ich werde sie holen! Und ich hole auch meine Ration Whisky und noch mehr, als mir zukommt!«

»Das kannst du tun, wenn es dir so gefällt«, meinte Alaska-Jim. »Aber laß mich dann aus dem Spiel, ich will nichts damit zu tun haben.«

Das war eben das Wort, das gefehlt hatte, um Jims Wut aufs höchste zu steigern. Die schwarzen Augen traten fast aus den Höhlen, während er sich wild im Kreise umsah.

»Nichts zu tun willst du damit haben? Und vielleicht hast du damals auch nichts damit zu tun gehabt, wie du den Jungens die süße Geschichte erzähltest von verschlagenen Schiffen und verborgenen Schätzen, wie du Joe Carrol die Dollars versprochen und Tom Johnson die Karte gezeigt hast? Vom Herbst bis Neujahr hast du uns hingehalten mit deiner glatten Zunge, und es wird wieder Neujahr werden, wenn wir noch weiter darauf hören. In allen diesen Monaten hast du Sturm gebraut, und jetzt, wo die Böen kommen, tust du dich um nach einem Nothafen, aber du wirst pfeifen, wie du den Mund gespitzt hast! Wir haben eine Beratung abgehalten, Joe Carrol, Tom Johnson, Schanghai-Bill, Johnny West und die anderen. Und dies ist nun, was sie dir zu sagen haben: Die Sache wird noch in dieser Woche steigen, und du wirst mit von der Partie sein, oder wir drehen dir deinen Hals, bis er so lang ist wie deine Zunge!«

Während dieser ganzen leidenschaftlichen Rede hatte sich Alaska-Jim nicht vom Fleck gerührt. Kaum eine Miene regte sich in dem glatten Gesicht, auf das der Widerschein der Flammen fiel. Auch jetzt, nachdem der andere geendet hatte, verriet er keinerlei Gemütsbewegung. Bedächtig zog er einen Brand aus dem Feuer und zündete damit seine Pfeife an.

»Was die langen Hälse anbelangt«, sagte er zwischen langen Zügen an seiner Pfeife, »so hat schon mancher helle Junge dort drunten im Zuchthaus von San Quentin seinen Hals strecken müssen für genau dasselbe, was ihr hier beabsichtigt. Nicht überall bist du im Niemandsland! Eines Tages wirst du wieder zurückkehren wollen nach der großen Welt, wo du deine Beute versilbern kannst für Autos und solche Dinge. Wie aber willst du das tun? Ich wette einen Dollar, daß noch keiner von euch sich die Mühe gemacht hat, darüber nachzudenken! Wenn du heute nach San Franzisko fährst mit dem Schiff, zum Sinken voll mit Gold, so würde Onkel Sam dir einen verdammt neugierigen Offizier an Bord schicken. Der würde verdammt neugierige Fragen stellen. Sie würden uns allesamt vors Seegericht bringen, und wer garantiert dir dann, daß alle dicht halten? – Ah, mein Junge! Ich kenne die Seeleute! Ich habe sie kennengelernt in diesen dreißig Jahren! Mancher fixer Bursch, der nicht beigedreht hat vor der Mündung eines Revolvers, hat schon gezittert vor einer Advokatenzunge und ist zerschmolzen wie Butter vor einem Pfaffentalar, und wenn's auch nur die Mütze eines Heilsarmeesoldaten war!«

»Nicht ich!« rief Jim voll Entrüstung.

»Das weiß ich, daß man eher einen Ziegenbock bekehren kann als dich. Aber wer garantiert dir für die anderen? Und wenn wir schon einmal dabei sind: wer garantiert dir, daß du je wieder herauskommst aus diesem Loche? Wir sind hier alle an einem Leeufer, sozusagen. Wer soll uns wieder hinausnavigieren, wenn der Sommer kommt? Etwa du oder ich? Oder irgendein anderer von den Jungen? Manche von ihnen sind so gute Matrosen, wie man sie nur immer finden mag. Schnell und lebendig, tüchtig und praktisch beim Spleißen und Segelnähen. Sie können Kurs steuern, so gerade wie nur einer, aber wer von ihnen versteht es, einen Kurs zu setzen? Nicht einer. Und ich auch nicht. Wenn's nach unseren Navigationskünsten ginge, so müßten wir hier bleiben bis zum Jüngsten Tage oder uns verlieren auf der See und dorthin gehen, wo schon so manches gute Schiff vor uns gegangen ist.«

»'s ist etwas dran«, meinte Jim.

»Etwas dran? Nein, beim Teufel, es ist alles! Die ganze Weisheit in einer Nußschale! Kapitän Tilden hat uns hierhergebracht, und er muß uns wieder hinausnavigieren. Wer soll es sonst tun? Er ist ein guter Seemann und ein erstklassiger Navigator. Er hat einen langen Kopf; aber nicht lang genug für Alaska-Jim. Ich hab' ihn unklar wie die Ankerkette in einem Bumboot. Er ist an einem Leeufer, und er weiß es. Er kennt nicht seine genaue Lage, er hat nicht die richtige Karte, und niemals wird er imstande sein, den Ankerplatz des alten ›Walroß‹ zu finden, wenn ich ihm nicht an die Hand gehe. Ich allein kenne die Gegend, und ich allein habe die richtige Karte. Aber ich gebe sie nicht heraus. Wo werde ich denn? Ehe ich mich's versehe, würde er sein Kabel kappen und mich zurücklassen in diesem wunderschönen Lande. Ich weiß, daß er es tun würde. Er ist von New Bedford. Ich kenne die Sorte. Nicht umsonst habe ich ein halbes Menschenleben lang unter ihnen gefahren.«

Bei diesen Worten schüttelte Jim heftig den Kopf, während er einen Priem in den Schnee spuckte.

»Wenn immer du sonst nichts zu sagen weißt«, fiel er ihm heftig ins Wort, »so kommst du mit der Karte. Seit einem halben Jahre spukt sie hier herum wie der Teufel im Gebet. Aber noch keiner hat sie gesehen. Ich glaube nicht an die Karte, so wenig wie an den Teufel.«

Statt aller Antwort zog Alaska-Jim seine dicken Pelzhandschuhe aus, wühlte in den Taschen und holte einen Leinenbeutel hervor, der aussah wie ein gewöhnlicher Tabaksbeutel. Sorgfältig band er die Schnur los und zog ein umfangreiches Papier hervor, dessen Anblick ich nur flüchtig erhaschte im unruhigen Schein des Feuers. Aber wenn ich es auch gar nicht gesehen hätte, so hätte ich doch alsbald gewußt, um was es sich handelte, aus dem Eindruck, den es auf Jim Collins machte. Der Mund blieb ihm offenstehen vor Erstaunen, und die Augen traten aus den Höhlen, während er gierig nach dem Zettel griff. Aber Alaska-Jim zog ihn schnell wieder zurück.

»Hände weg!« sagte er scharf. »Ich erlaube dem Kapitän nicht, daß er es ansieht, und gebe es auch blutigen Vormasthänden nicht in die Finger!«

»Bist nicht der einzige Hahn im Korbe hier an Bord«, meinte Jim mit beleidigter Miene, »es gibt noch andere Männer außer dir.«

»Ich hab' sie noch nicht gesehen, wenigstens nicht an Bord der ›Bonanza‹. Alles nur ein Pack von Narren, die mich daran hinderten, einen geraden Kurs zu steuern, von Anfang an. – Ah, dieses ist die Gelegenheit meines Lebens; für mich und für jeden Muttersohn unter euch. Wir brauchen das Ding nur richtig zu drehen. Jeder tut sein Teil an dem Geschäft, und ich werde euch alle unterbringen in einem bequemen und sicheren Hafen für den Rest eures Lebens. Keine Nachtwachen wird es für euch geben, und volle Rationen, und ab und zu ein Glas Whisky, um der Gemütlichkeit nachzuhelfen. – Ihr könntet es haben, wenn ihr nur wolltet. Aber nicht ihr! Wo ist denn einer unter euch Stockfischen, der überhaupt etwas will? Nur heute wollt ihr euren Bauch voll haben und verdammt das Morgen. Ich bin es müde, mit solcher Sorte zu fahren. Sollt euren Willen haben! Ihr habt euch eine Suppe eingebrockt gleich zu allem Anfang. Nun sollt ihr sie auch ausessen. Ihr habt versprochen, auf mein Signal zu hören. Nun gut, wenn ihr's nicht anders wollt. – Ich geb's für morgen früh!«

Wie ein Pfeil schnellte Jim von seinem Sitz hoch.

»Morgen?«

»Jawohl, morgen! Schlimm genug, daß ich es tun muß. Es sieht mächtig so aus wie eine Reise zu David Jonas.«

Beide gaben sich die Hand und schauten einander starr in die Augen, als wollte jeder in der Seele des anderen die Hinterlist lesen, die in der eigenen steckte.

Dann packten sie die Sachen für die Weiterreise, und bald hörte man nichts mehr als das Bimmeln des davoneilenden Hundeschlittens in der stillen Wildnis. Ohne weiteren Zwischenfall kamen wir wieder an Bord, als eben die Nacht schon wieder aus allen Ecken herausgekrochen kam.

Trotzdem ich todmüde war von der langen Reise, konnte ich doch stundenlang nicht einschlafen. Nur die Hälfte von dem, was ich gehört hatte, hatte ich verstanden, aber auch dieses war genug und übergenug, um mein Herz mit bösen Ahnungen zu füllen. Hätte ich aber nur den zehnten Teil geahnt von dem, was uns noch bevorstand, so wäre mir die Angst noch viel kälter über den Rücken gelaufen.

Am anderen Morgen ging ein wütender Südweststurm; eines jener echten Eismeerunwetter, die den Boden erzittern machen und den Treibschnee aufwirbeln, bis man draußen die Hand nicht mehr vor den Augen sehen kann. Die Leinwand über dem Deckhause flatterte wild im Sturm, und es heulte in der Takelage. Die Steuerleute und Harpuniere standen verfroren an Deck und wärmten die Hände an dem Ofen, der zum Schmelzen des Trinkwassers diente. Nur der Kapitän ging ständig auf und ab in seiner unruhigen Art. Auf einem Berg von Segeln saß der japanische Segelmacher über seiner Arbeit und unterhielt sich dabei mit mir, der ich ihm dabei helfen mußte. Es war sein altes Thema, das er schon so oft variiert hatte seit unserer Abfahrt von New Bedford: »Amerikamänner viel verrückt. Viel verrücktes Schiff. Eines Tages bums! Kaputt!« Und dieser lange vorausgesagte Tag schien ihm nun bedenklich nahe herbeigekommen zu sein.

»Mister Jim Collins sehr schlechter Mann«, sagte er mit bedeutungsvollem Kopfschütteln. »Alle Mann böses Gesicht, böse Augen. Kapitän großer Narr. Nix Augen. Heute abend viel kaputt. Wirst schon sehen!«

Während er noch so redete, hatte sich im vorderen Deckhaus, wo die Matrosen untergebracht waren, ein mächtiges Geschrei erhoben; eine Symphonie von Schimpfen und Fluchen, aus der man immer wieder die tiefe Baßstimme des Mister Silas Hard heraushören konnte. Man vernahm ein Geräusch von Schieben und Schlagen, wie von einem Ringkampf. Schon drängte die Schar der Matrosen in einem einzigen aufgeregten Haufen durch die Tür in den vom gelben Lampenlicht nur spärlich erleuchteten Raum.

»Was gibt's schon wieder?« fragte der Kapitän.

Ein undeutliches Murmeln war die Antwort.

Nun schaute der Kapitän sich um mit einem Blick, von dem Alaska-Jim solche Wunderdinge zu berichten wußte.

»Was gibt's?« wiederholte er scharf. »Denke, daß ihr noch einen Mund habt, zu reden. Tut ihn auf und spuckt es heraus, was ihr ausgeheckt habt in eurer Höhle, oder packt euch wieder nach vorn, wo ihr hingehört!«

»Was soll's denn geben?« fragte Jim Collins, der nun frech aus dem Haufen heraustrat. »Man wird sich doch noch die Finger wärmen dürfen an einem kalten Morgen!«

»Wenn's weiter nichts ist, was ihr auf dem Herzen habt, so kann euch schon geholfen werden. – Zu kalt, was? Ich werde euch schon einheizen, wenn ihr euch nicht augenblicklich nach vorn packt!«

Niemand rührte sich vom Fleck. Einer schaute erwartungsvoll den anderen an. Dann trat Jim Collins, der sich von Anfang an als Rädelsführer gefühlt und danach gehandelt hatte, noch näher heran.

» Well, sir«, sagte er bedächtig und ohne ein Zeichen der Erregung. »Wenn Sie's schon einmal wissen wollen, so können wir es ja gleich sagen, ehe Sie es erfahren durch drei Zoll lange Messer und Kugeln, die Amok laufen hier an Deck. Diese Mannschaft hat das Matrosenspielen satt. Wir leben hier in einem freien Land, auf einer freien Insel, unter keinem Gesetz. Jedermann ist hier Kapitän. Es ist aus mit Kapitän Tilden. Wir haben eine Beratung abgehalten, und dies ist, was beschlossen wurde mit Stimmenmehrheit und damit rechtsverbindlich für alle Mann an Bord. Von heute ab geht Schiff und Ausrüstung mit allem Drum und Dran in die Hand der Mannschaft über, wie sich das von Rechts wegen gehört. Denn der Matrose ist auch ein Mensch, sozusagen. Wir leben in einer neuen Zeit. Da ist kein Platz mehr zum Schikanieren und Kommandieren. In Zukunft wird alles kommunistisch gehandhabt. Gleiches Recht für alle und achtern und vorn die gleichen Rationen und Whisky für alle Mann an jedem Tage. Das ist, was wir beschlossen haben in unserem heute zusammengetretenen ausführenden Rat. Wir wissen wohl, daß Sie daran keine Freude haben werden, so wenig wie der Teufel an einem Gebetbuch, aber da es nun schon einmal so ist, so können Sie nichts Besseres tun, als die Flagge zu streichen und sich in Güte auseinanderzusetzen mit dieser Mannschaft. Jede Widersetzlichkeit werden wir bestrafen nach den Gesetzen der hohen See. Im anderen Falle wollen wir Vergangenes vergangen sein lassen und verpflichten uns, Ihnen am Ende der Reise denselben Gewinnanteil auszuzahlen wie jedem anderen Kameraden.«

» Aye, aye«, sagten die anderen, »das ist ein anständiges Angebot.«

»Und nun«, fuhr Jim fort, »geben wir ihnen fünf Minuten Zeit, unseren Vorschlag zu bedenken.«

Einen Augenblick, nachdem er geendet hatte, herrschte betretenes Schweigen. Man hörte nur das Flattern der Leinwand über dem Verdeckshause und das Pfeifen des Sturmes in der Takelage. Jim wischte sich den Schweiß ab, der ihm über seiner oratorischen Anstrengung aus dem Gesicht gequollen war. Der Kapitän stand noch immer wie versteinert vor solcher Verwegenheit. Eine dicke Zornesader schwoll auf seiner Stirn. »Fünf Minuten!« rief er mit donnernder Stimme. »Ich brauche nur drei, um euch den Wind aus den Segeln zu nehmen. In drei Minuten lasse ich euch alle in Eisen legen und verpflichte mich, euch mit heiler Haut nach San Franzisko zu bringen für eine gerechte Aburteilung in Onkel Sams Gerichtshof! – Mister Jim! Von allen Mistern, die ich je gesehen habe, ist der der tollste! Ich werde euch mistern! Noch ehe die Stunde um ist, werdet ihr eure Köpfe noch verdammt viel höher tragen. Von einer Rahnock werden sie baumeln, wenn ihr euch nicht augenblicklich nach vorn schert, wo ihr hingehört!«

Er schaute sich um nach Alaska-Jim, der aber ruhig stehen blieb und tat, als ob er nichts gehört hätte. Er warf einen zweifelnden Blick auf die Bootsteuerer, die um den Ofen standen. Aber auch diese machten keine Miene, den Befehlen nachzukommen. In allen Mienen stand die gleiche Verdrossenheit, in allen Augen brannte das gleiche Feuer der Meuterei. Nur der Koch, der in der Tür der Kombüse stand, fand sich bemüßigt, einige Worte zu sagen.

»Vielleicht, Herr, ist's besser, Sie treiben die Sache nicht auf die Spitze«, meinte er, indem er seine nassen Hände an der Schürze abwischte. »Sie sehen, daß alle Mann im anderen Lager sind, und 's ist ein verdammt schweres Geschäft, ein Schiff wieder vor den Wind zu bringen, wenn es schon einmal durchgedreht ist, und das, wenn man so knapp an Mannschaft ist wie Sie – mit Ihrer Erlaubnis, Herr.«

Langsam wandte sich der Kapitän nach dem Sprecher.

»Vielleicht, Herr Koch, haben Sie die Güte, sich nach der Kombüse zu bemühen, damit die Beefsteaks nicht wieder anbrennen wie gestern abend«, sagte er mit eisiger Ruhe.

Dann drehte er sich plötzlich um und stand mit erhobener Pistole vor dem meuternden Haufen.

»Zurück«, donnerte er sie an, »wer noch einen Schritt weiter geht, der hat eine Kugel zwischen den Rippen und wandert obendrein an die Rahnock, noch eh die Sonne aufgeht!«

Aber noch ehe die Worte ganz ausgesprochen waren, packte ihn Joe Carrols Arm von hinten wie eine Eisenklammer. Die Kugel ging pfeifend durch das Dach des Deckhauses. Im selben Augenblick war Jim herangesprungen und stieß zu mit dem langen Scheidemesser mit einer Geschicklichkeit, die von langer Übung zeugte. Es war ganz so, wie wenn man irgendwo in der Pampa ein wehrloses Schaf abschlachtet. Fast ohne einen Laut war der starke Mann hintenübergefallen, und nun lag er regungslos da mit weitausgestreckten Armen und geballten Fäusten.

Einen Augenblick herrschte Totenstille. Es war, als ob der Geist des Mannes, den sie im Leben so sehr gefürchtet hatten, sie nun auch noch im Tode gefangen halte. Louis Gonzalez, der portugiesische Bootsteurer, beugte sich behutsam über den Körper. »Ave Maria!« sagte er, indem er das Zeichen des Kreuzes machte. »Er ist tot. Schon auf dem Wege zur Hölle, und wenn es wahr ist, was die Leute sagen, so wird es ihm dort nicht an Licht und Kohlen fehlen!«

Alaska-Jim war der erste, der wieder sein Gleichgewicht fand.

»Dies ist eine häßliche Geschichte, Jungens«, sagte er mit seiner fettigen Stimme, die auch jetzt noch wie Öl aus seinem Munde floß. »Aber es hat keinen Zweck, darüber zu weinen, weder über vergossene Milch noch über vergossenes Blut. Eines Tages werden wir alle dahin kommen. Die einen im Bett, die anderen im Wasser, die anderen an der Rahnock, aber alle zu David Jonas. Es ist indes ein schlechter Wind, der niemand etwas Gutes zuweht. So sind wir jetzt alle miteinander Schiffsreeder geworden, sozusagen. Da es aber kein Schiff ohne Kapitän geben darf, so schlage ich vor, daß wir gleich einen wählen.«

Einen Augenblick unterbrach er seine Rede, während die Matrosen ziemlich einfältig einander anschauten.

»Wie wär's mit Alaska-Jim?« meinte Jim Collins.

» Allright«, murmelten einige, »wenn es denn sein muß. Er ist so gut wie ein anderer, 's wird wohl auf eins herauskommen, ob er Jim, Jack oder Charley heißt.«

»Ist jemand gegen den Vorschlag?« fragte Jim.

Niemand meldete sich.

»Dann nehme ich die Wahl an, obwohl ich mich nicht danach gedrängt habe. Dies wird nun ein republikanisches Schiff sein, sozusagen, und ich so eine Art Präsident. Ihr wißt ja alle, wie sanftmütig ich bin und wie gut und angenehm ich Gesellschaft halte. Leben und leben lassen ist meine Parole. Volle Rationen für alle Mann und am Ende der Reise eine Handvoll Dollars für jeden einzelnen. Nun, ich denke, das wäre so viel, wie nur irgendein Kapitän tun kann für seine Mannschaft. Geht jetzt nach vorn. Ihr braucht heute nicht zu arbeiten bei dem Hundewetter. Der Koch wird euch eine Extraportion Pudding kochen. Und was ich noch sagen wollte: Mister Collins, ich ernenne Sie zu meinem Dritten Steuermann und muß Sie bitten, Ihre Sachen achteraus nach der Kajüte zu bringen.«

Langsam und fast wortlos, wie sie gekommen, trollten die Leute sich wieder nach vorn, und wäre nicht der Tote gewesen, der da lang ausgestreckt in der Mitte des Raumes lag, so hätte nichts dafür gesprochen, daß die Tragödie, die eben hier vor sich gegangen war, etwas anderes gewesen wäre als ein wüster Traum. Doch da lag er, steif, mit zurückgeworfenem Kopf und starren Augen, die gläsern nach der Decke stierten. Der Mund war weit aufgerissen, und die im Todeskrampf zusammengezogenen Lippen über den bloßen Zähnen verursachten ein schauriges Grinsen in dem frauenhaft verzerrten Gesicht. Es war das erstemal in meinem jungen Leben, daß ich einen Toten gesehen hatte. Ich sollte bald noch andere sehen.

Die anderen standen indes dabei und betrachteten den Toten mit einer Kaltblütigkeit, die etwas Grausames an sich hatte. Fred Andersen untersuchte mit Kennermiene die Wunde, aus der kaum ein Tropfen Blut herausquoll. »Ein sauberes Stück Arbeit«, sagte er bewundernd. »Hab' mir's immer gedacht, daß Jim Collins mit so etwas umzugehen versteht. Wenn er halb so geschickt wäre im Harpunieren, so wäre er ein besserer Mann als ich, und das will viel sagen.«

Eine ganze Weile berieten sie darüber, was sie anfangen sollten mit dem Toten. Jim Collins war dafür, daß man ihn bei Nacht und Nebel wegschaffe, je eher je besser. Die anderen aber protestierten heftig dagegen. Zumal Gonzalez wollte unter keinen Umständen etwas wissen von solchem Vorgehen.

»Ich bin nicht empfindlich«, sagte er entschuldigend, »o nein, nicht für fünf Cents bin ich das! Und ich habe auch nicht allzuviel Religion oder wenigstens nicht mehr, als sonst so Brauch ist unter seefahrenden Leuten. Ich glaube, daß die Toten unter die Luke kommen und geradeswegs zu David Jonas, und dann ist's aus. Wenigstens habe ich noch keinen zurückkommen sehen. Aber wenn man sie schon mal unter der Luke hat, so muß man sie auch ordentlich dicht machen, sonst kommen unversehens die Geister heraus wie die Blasen aus einem Kochkessel und laufen in dunkler Nacht auf dem Verdeck umher und verderben das Glück für die ganze Reise. So war es auf dem ›Morning Star‹, wo sie den Zimmermann über Bord warfen, so war's auf der ›Belvedere‹, wo sie den armen Tommy Burns zum Sterben auf dem Eis zurückließen. Nein, ich habe noch nie etwas Gutes von so etwas kommen sehen. Gebt den Toten, was ihnen zukommt, sage ich, und ihr werdet auch die Geister in ihrer Koje halten. Gebt ihnen ein christliches Begräbnis. Sprecht ein Vaterunser, sagt ein Ave Maria. Sicher ist sicher. Man weiß nicht, für was es gut ist.«

Ein zustimmendes Gemurmel folgte den Worten. Auch der neue Kapitän konnte sich der zwingenden Logik dieser Gedankengänge nicht entziehen. Es sei zwar sehr knapp an Händen für solches Geschäft; es fehle der Pfarrer, die Bibel, die Flagge, aber er wolle sehen, was sich tun lasse.

Zu meiner großen Erleichterung schafften sie den Toten in einen anderen Teil des Deckhauses, und der Zimmermann wurde mit der Herstellung eines Sarges beauftragt.

Acht Tage lang blieben nun die Geschäfte auf demselben Punkt. Draußen wütete der Sturm mit immer gleichem Ungestüm. In dem dicken, blendenden Treibschnee vermochte man kaum das dicht neben dem Schiff aufgestapelte Trinkwassereis zu finden und hereinzubringen, geschweige denn gar in feierlichem Zuge einen Toten hinauszutragen.

Das neue System an Bord machte sich zunächst dadurch vorteilhaft bemerkbar, daß jeder tat, was er wollte, und arbeitete, wenn er Lust dazu verspürte. Die laufenden Pflichten sollten die Reihe herum von jedem einzelnen erledigt werden. Da aber zumeist niemand wußte, an wem gerade die Reihe war, so wurde überhaupt nichts gearbeitet. Die Wirkung der vergangenen Disziplin hielt wenigstens noch lange genug an, um eine Überflutung des geheiligten Achterdecks durch die Matrosen zu verhindern. Dort saßen die »Offiziere« und spielten Poker vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein. Da sie nur wenig bares Geld hatten, spielten sie um den schwarzen Blocktabak, der sich vor ihnen zu ganzen Haufen türmte.

Der Meister auf diesem Gebiete war offenbar Jim Collins, der mit seinen langen Diebesfingern die Karten wie ein Kenner hantierte und mit seinem scharfen Blick die Augen vom Blatt wegstechen konnte. Bald war seine Koje förmlich zugemauert von Tabakbergen, während die anderen mit trübem Blick und kalten Pfeifen umherschlichen.

Nach acht Tagen war endlich die Gewalt des Sturmes gebrochen und das Wetter etwas sichtiger geworden. Da bei dem hartgefrorenen Boden das Graben eines Grabes zu viel Mühe verursachte, waren sie übereingekommen, den verstorbenen Kapitän nach Seemannsbrauch im offenen Wasser über der Eisgrenze zu versenken. Alle Mann hatten sich um den mit der Flagge bedeckten Sarg im Kochraum des Deckhauses versammelt, und Joe Carrol, der sich offenbar nicht recht wohl fühlte in der Rolle, leitete die Zeremonien. Irgendwo hatte er doch noch eine recht umfängliche, altmodisch aussehende Bibel aufgetrieben, in der er nervös umherblätterte.

»Das ist nun gewiß schon zum hundertsten Male, daß ich dabei gewesen bin, wenn sie einen Jungen zu David Jonas schicken«, sagte er ratlos, »aber ich will meinen Hut fressen, wenn ich den Spruch finden könnte, der sich schickt für einen christlichen Seemann. Ich finde ihn nicht und wenn ich mich dadurch vom Galgen retten sollte.«

»Du mußt ganz hinten nachsehen«, sagte einer aus dem Publikum, »dann weiß man doch, wie's ausgeht.«

So schaute er denn ganz hinten nach in der Offenbarung Johannis bei der Geschichte von dem großen Tier. Das weiß ich noch wie heute.

»Und das Tier ward ergriffen und mit ihm der falsche Prophet und die das Tier anbeteten; lebendig wurden sie in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte. Und die anderen wurden erwürgt durch das Schwert, und alle Vögel wurden satt von ihrem Fleisch. Amen. – Und nun schafft mir das fort!«

Alles in allem war es ein recht nüchternes und nicht eben stimmungsvolles Begräbnis. Leben und Tod galten offenbar nicht viel in dieser Umwelt. Ich sollte bald noch mehr herausfinden, wie wenig das der Fall war.

Am Abend versammelten sich alle Mann in der engen Kajüte zu einem Leichenschmause. Alles, was noch übrig war an leckeren Konserven, mußte herhalten für die Gelegenheit. Spargel, Marmelade, Büchsenfleisch und kalifornische Früchte, die sie mit den Händen aus den Büchsen fischten. Vor allem aber lange Batterien von Whisky- und Branntweinflaschen, aus denen jeder nach Belieben seine Blechmug füllte. Bald war ihnen das Ausgießen zu viel Mühe, und sie wählten ein abgekürztes Verfahren. Jeder packte eine Flasche, brach ihr den Hals ab an der Tischkante und stürzte das köstliche Getränk in den schon übervollen Magen. Mit zunehmender Gemütlichkeit wurden sie immer gewalttätiger. Sie zerschlugen das Mobiliar aus purem Übermut. Einer warf eine Flasche in den großen Wandspiegel, dessen Scheiben klirrend durch die ganze Kajüte sausten, wie so viele Granatsplitter. Die anderen waren schon zu weit vorgeschritten in ihrem glücklichen Zustand, als daß sie das weiter beachtet hätten. Sie lachten und weinten, sie stritten miteinander und vertrugen sich wieder, und immer und immer wieder grölten sie mit rauhen, vom Schnaps verbrannten Stimmen das alte Lied, bei dem mir noch heute die ganze Kälte des Eismeeres über den Rücken läuft, wenn irgendwo an Bord die Matrosen den Kehrreim bei der Arbeit am Gangspill singen:

»Whisky, Johnny ...«

Zumal Jim Collins war schon erheblich mehr als drei Strich im Wind. Er fühlte sich unter den Fischen der Walfisch. Jeden einzelnen forderte er zum Boxkampf heraus, und da keiner geneigt war, die Herausforderung anzunehmen, wurde er immer kriegerischer. Schließlich endete er bei Alaska-Jim, über dessen neuerworbene Kapitänseigenschaft er sich in den niedrigsten Ausdrücken erging. Groß und breit pflanzte er sich vor ihm auf. Sein sonst so gelbes Gesicht war krebsrot vom Alkohol, und Mordlust leuchtete wieder aus seinen grünen Augen.

»Brauchst mich nicht so anzusehen mit deinen Schellfischaugen!« fuhr er ihn an. »Die ganzen Tage her habe ich dich bewundert mit deiner Kartoffelnase, und in der Tat: eine feinere Gallionsfigur habe ich noch nie gesehen für eine Kapitänskajüte. – Kapitän! Nicht mehr bist du Kapitän als die Katze in meiner Mutter Küche! Ich bin es, der das Ding gedreht hat vor acht Tagen, und ich bin es, der es immer wieder drehen kann, wenn es mir eben paßt. Und darum bin ich Meister und Präsident über alle Kapitäne, wie der Boß in Tammany Hall. – Savvy?«

»Das weiß ich, daß du fix bist mit der Zunge und ebenso mit dem Messer«, sagte Alaska-Jim, »aber dein Kopf ist niemals viel wert gewesen – nein, nicht für fünf Cents!«

»Nicht für fünf Cents? Komm herauf an Deck! Wir werden es gleich herausgefunden haben, wer der Bessere ist von uns beiden!«

Solche Kampfansage wirkte wie ein elektrischer Funke auf die Schar der Raufbolde. Die Aussicht auf einen regulären Boxkampf, und dazu noch zwischen Kapitän und Steuermann, hatte etwas ungemein Verlockendes. Sie sparten nicht mit Aufmunterungen. Im Nu hatten sie oben an Deck einen mit Strecktauen eingefaßten »Ring« hergestellt, wo die beiden alsbald ihre Kunst zum besten gaben. Freilich waren sie beide nicht »in bester Form«. Schon drunten waren sie mehrere Strich im Wind, aber hier oben, in der rauhen Nachtluft, die einen beim Austritt aus der whiskydunstenden Höhle wie ein wildes Tier überfiel, waren sie augenblicklich vollständig »durchgedreht«, wie man seemännisch sagt. Die umherstehenden Jungens ließen es zwar nicht an Aufmunterungen fehlen, aber bei den Kämpfern selber war es nur die Frage, wer dem Wirken des Alkohols noch am meisten Widerstand zu leisten vermochte. Bald wurde es offensichtlich, daß Jim nicht derjenige war. Im großen und ganzen erging es ihm wie jenem Schutzmann mit dem klassischen Polizeibericht: »Bald lag er oben, bald ich unten.« Schon war er übel zugerichtet, als er in seiner Wut eine an Deck liegende Handspeiche ergriff und mit einem Schlag seinen Partner niederstreckte, so daß er langewegs an Deck hinfiel und sich nicht mehr regte, nicht anders als der andere, dessen Leichenbegängnis man eben erst gefeiert hatte.

Stolz wie ein Sieger schritt Jim davon, ohne sich noch einmal umzusehen nach seinem Opfer. Die Zuschauer, die offenbar nicht auf ihre Kosten gekommen waren bei dem Schauspiel, fingen an zu murren, und es hätte nicht viel gefehlt zu dem Ausbruch eines wilden Kampfes aller gegen alle. Die einen meinten, der ganze Verlauf des Kampfes sei nicht » fair« gewesen, und bestanden auf einer Wiederholung des Schauspiels, die anderen waren im Gegenteil der Ansicht, daß alles » fair« sei im Krieg und in der Liebe und daß es am Ende doch nur auf das Resultat ankäme. Das aber spräche doch entschieden für Jim. So schimpften sie noch eine Weile fort in ihrer trunkenen Beredsamkeit. Dann verschwanden sie wieder im Deckhaus, und von drunten kam grölender als je das alte Lied mit dem langen Schnörkel:

»Whisky, Johnny ...«

Nicht um alles in der Welt mochte ich wieder dort hinuntergehen. Wohl eine Viertelstunde lang saß ich regungslos in der Kälte und starrte in die sinkende Nacht und auf das kahle Verdeck unter den dicken, hartgefrorenen Schneemassen. Ich starrte hinaus in die frostige Wildnis, und es war mir, als ob ich sie noch nie so tot und einsam gesehen hätte in all den langen Monaten. Draußen auf dem Eise stand noch immer der Schlitten, den sie schon am frühen Morgen gepackt hatten zur Reise nach dem Innern. Die Hunde schliefen im Geschirr. Jack, der Eskimo, saß noch immer daneben und rauchte seine Pfeife mit einer Geduld, deren nur ein Eskimo fähig ist. Immer wieder mußte ich inzwischen nach dem Ohnmächtigen hinsehen. Der lag noch immer lang ausgestreckt auf dem Verdeck. Nicht ein Glied rührte er während der ganzen Zeit. Die weit aufgerissenen Augen starrten stier und regungslos vor sich hin. Aus einer häßlichen Stirnwunde quoll das Blut, das quer über das Gesicht lief. War er tot? Ich beugte mich über ihn und hörte seine unregelmäßigen Atemzüge. Für diesmal war also das Schicksal noch einmal an ihm vorübergegangen. Aber auf wie lange noch? Und wer konnte sagen, ob er morgen noch leben würde in diesem Narrenschiff?

Ich stand und starrte noch eine Weile ratlos vor mich hin. Dann überwand ich den Widerwillen und machte mich an eine Durchsuchung seines Körpers. Da hing auch wirklich der Leinenbeutel an einer teerbeschmierten Schnur über seiner haarigen Brust. Mit zitternden Händen, die kaum das Messer zu halten vermochten, schnitt ich ihn los. Dann rannte ich über die lose umherliegenden Taue hinweg nach vorn, so schnell mich die Beine trugen. Ganz mechanisch, fast unbewußt, war ich bei alledem vorgegangen, und so war es wohl nur der Zufall, der mich nach dem Mannschaftslogis führte. Es war dort ganz still. Die Lampe brannte düster in dem ewigen Dunkel des kahlen Raumes. Alle Bewohner waren ausgeflogen, mit Ausnahme von Hein Petersen, der ungestört in seiner Koje lag. Denn wenn irgend etwas nicht nach Hein Petersens Geschmack war, so legte er sich schlafen und ließ den lieben Gott für alles weitere sorgen. Glücklicher Hein Petersen! Er könnte auf einer Rolle Stacheldraht einschlafen, wenn es sein müßte, er würde schlafen unter dem Henkerbeile, wenn es nicht anders ginge. Nie wieder habe ich einen anderen Menschen angetroffen, der so wie er den Schlaf kommandieren konnte. So half ihm auch jetzt wieder sein gleichmäßiges Schnarchen über Mord und Totschlag dieser blutigen Zeit.

Beim unsicherem Licht der Lampe untersuchte ich den Beutel. Es war ein ganz gewöhnlicher, grauleinener, mit dicken blauen Streifen versetzter Beutel, der stark nach Teer und Tabak roch. Zugebunden war er mit einem teerigen Bändel von der Sorte, wie ihn auf alten Schiffen die Matrosen aus Kabelgarn drehen, wenn der Bootsmann nicht mehr weiß, was er anfangen soll mit den müßigen Händen der Wache an Deck. Allerlei Schätze kamen daraus zum Vorschein. Eine große Segelnadel, eine Marlinspike, ein angeschnittener Block von dem schwarzen Plattentabak, eine alte Maiskolbenpfeife und ganz zu unterst ein weiteres, sorgfältig in Ölzeug verpacktes Paket. Schon einmal hatte ich dieses gesehen bei der nächtlichen Unterhaltung zwischen den beiden Galgengesichtern, kurz vor der Mordnacht. Die Neugierde brannte wie Feuer in meinen Adern. Die zitternden Hände konnten kaum den Knoten lösen. Und die Erwartung wurde nicht getäuscht. Es war die Karte.

Einen Augenblick flimmerte es mir vor den Augen, während ich den Schatz untersuchte. Es war eine sorgfältig auf Leinen aufgezogene Karte von etwa einem halben Quadratmeter Umfang. Wie alles andere in dem Beutel, so roch auch sie nach Teer und Tabak, aber die handgezeichnete Skizze der Landmarken und Küstenlinien war äußerst sauber ausgeführt und rührte gewiß von einem Manne her, der länger die Schulbank gedrückt hatte als Jim Collins, Joe Carrol und Konsorten zusammengenommen. Der Rand der Karte war dicht beschrieben mit allerlei unverständlichen Notizen und nautischen Berechnungen, aus denen man nicht Kopf noch Fuß machen konnte. Der Plan der Karte aber war ganz klar und eindeutig. Da war die Entenbucht, in der wir lagen, in genauer Ausführung, mit vielen Lotungen, bis weit hinaus ins offene Meer, bei zehn Faden Tiefe. Überall entlang der im wesentlichen in ost-westlicher Richtung verlaufenden Küste waren die Landmarken eingezeichnet, die wir alle nur allzu gut kennengelernt hatten in den letzten Monaten. Das Land, auf dem wir uns befanden, bildete eine Halbinsel, die nordwestlich von unserem Liegeplatz wieder etwas nach Osten einbog in eine weite Bai, in deren Grunde an der Mündung eines kleinen Flusses sich eine fast kreisrunde Bucht befand mit einem engen Eingang, der wohl gerade nur groß genug war, um die Einfahrt eines Schiffes von der Größe der »Bonanza« zu ermöglichen. Sie trug den Namen Walroßhafen. Der steile Berg, der dicht hinter der Bucht zu anscheinend sehr beträchtlicher Höhe aufstieg, trug den Namen Bramstenge und war aus irgendeinem unerfindlichen Grunde mit einem dicken Kreis aus roter Tinte bezeichnet. Von dort lief eine schnurgerade, punktierte Linie über einen weiter südlich gelegenen Berg – es war kein anderer als unser alter Bekannter, der David Jonas – hinweg direkt nach unseren Winterquartieren. Überall den Weg entlang standen seltsame Randbemerkungen, wie sie Jack an Land in den Mund kommen, wenn er »an Bord eines Pferdes« oder auch mit einem Hundeschlitten über Berg und Tal geht. »Ebener Grund, leichtes Segeln« stand an einer Stelle. »Starke Strömung Nord zu Ost, halb Ost« an einer anderen. Auf einem flachen Bergrücken, der auf der Karte als der Walfisch bezeichnet wurde, ging es an einer Stelle durch eine enge Schlucht, die sie das Spautloch getauft hatten. »Rechtweisend Nord zu West« stand als Kurs, und als Entfernungsangabe »Sechzig Seemeilen, wie die Krähe fliegt.«

Alle diese Angaben verschlang ich mit gierigen Augen, wie man sich wohl denken kann. Jede einzelne der verschrobenen Notizen wiederholte ich wieder und wieder und hämmerte sie in meinen Kopf, bis ich sie auswendig wußte. Aber je mehr ich mir einen Vers darauf zu machen suchte, desto wirrer wurde es mir im Kopfe.

Was sollten diese Krähenfüße? Es war wohl nicht anzunehmen, daß Alaska-Jim solche Kurven für nichts und wieder nichts in der Tasche herumträge, und nach allem, was man so hörte, war auch dieser Kapitän MacKay nicht der Mann, der aus Freude an der roten Tinte die Kreuze auf der Landkarte malte. Etwas mußte schon dahinterstecken, da wir doch eben um dieser Krähenfüße willen den ganzen Weg von New Bedford bis hierher gekommen waren. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir alles. – Ah, dieses war eine nie wiederkehrende Gelegenheit. Hier war die Karte, dort draußen der Schlitten, und alle Mann an Bord drei Strich im Wind. Wahrlich, man verdiente alle hier noch zu erduldende Sklaverei, wenn man die Gelegenheit nicht ausnützte, die einem ein günstiger Wind in den Schoß geweht hatte!

Wie ich noch bei diesen Gedanken war, kam Jack, der Eskimo, die steile Treppe herunter.

»Matrosen viel besoffen«, sagte er unwirsch. »Ich gehe. Allright

Schon machte er Miene, wieder die Treppe hinaufzusteigen, als sein Blick auf die Karte fiel.

»Mokporah!« rief er erstaunt.

Der Eskimo läßt sich im allgemeinen nicht leicht verblüffen von den Künsten der zivilisierten Welt. Vor Schriftstücken aber – den Mokporahs – hat er großen Respekt. Nie würde er sich in seinem eigenen Lande der Führung eines Weißen anvertrauen, den er wegen seiner Unbehilflichkeit mit Recht bemitleidet, es sei denn, daß dieser als Talisman ein wunderkräftiges Mokporah mit sich führe.

Ich setzte ihm den Fall in Kürze auseinander und klärte ihn auf über das Schiff und das viele Kaukau auf der anderen Seite des Landes. Da funkelten seine Augen. » Allright«, sagte er, »naguruk, pagmamme pischak.« Denn das Vielewortemachen ist nicht nach der Art der Eskimos.

Wenn ich nun erzählen will von jener letzten halben Stunde an Bord der »Bonanza«, so fängt meine Feder an zu meutern. Es war alles wie im Traum. Mit fiebriger Hast ging ich den Geschäften nach, ohne mir selbst recht darüber klar werden zu können, daß dieses alles wirkliches Geschehen und nicht die Ausgeburt phantastischer Träume war. Draußen auf dem Eise stand noch immer der Schlitten klar zur Abreise. Die Hunde schliefen zusammengeringelt im Geschirr. Die Ausrüstung für eine Reise von acht bis vierzehn Tagen war an Bord. Fehlte nur noch der Seesack mit den persönlichen Habseligkeiten. In der Eile stopfte ich ihn voll mit allerlei nutzlosem Plunder, den man am ersten Reisetage schon als Ballast über Bord werfen mußte, während nützliche Dinge, wie Messer, Pelzhandschuhe usw., zurückblieben.

Im legten Augenblick sah ich mich noch einmal in dem düsteren Räume um, der mir so lange eine, wenn auch recht stiefmütterliche Heimat gewesen war. Mein Blick fiel auf Hein Petersen, der noch immer kräftig drauflosschnarchte in seiner Koje.

»Sollen wir ihn mitnehmen?«

Da drehte er sich auch schon um mit einem Seufzer und schaute uns mit großen Augen an.

»Treck' man din Tüch an, Hein. Wi gat up de Reis'.«

»Utpiken?«

»Ja.«

»Denn man tau! Wat sin mut, mut sin.«

In weniger als zehn Minuten stand er schon fix und »landfein« angezogen und wartete beim Hundeschlitten. Armer Hein Petersen! Sein Kopf war niemals viel wert gewesen und seine Zunge noch viel weniger. Aber wo es darauf ankam, da war er noch immer zur Stelle mit seiner alten Devise: »Wat sin mut, mut sin.« Und fast will es mir scheinen, daß es heute besser stünde um unsere arme Erde, wenn es mehr solche Leute gäbe, die weniger reden und mehr »man tau« sagen.

Nicht länger als einige zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten brauchten wir für diese Vorbereitungen, obwohl sie mir in meiner Ungeduld wie ebenso viele Tage vorgekommen waren. Der Sicherheit halber entfernten wir die verräterischen Schellen vom Geschirr und führten das Gespann langsam und vorsichtig in den Schatten des nächsten Hügels. Mein Herz schlug zum Zerspringen vor Angst und Erwartung. Endlich aber war es soweit. Die Peitsche sauste durch die Luft. Die Hunde legten sich mit voller Kraft ins Geschirr.

Es war eben Mitternacht. Am Horizont stand die Dämmerung in leuchtenden Farben. Hoch oben am Himmel, wo das Smaragdgrün des heraufziehenden Tages mit den Nachtschatten kämpfte, stand eine blasse Mondsichel. Es war ganz windstill und beinahe warm. Scharf hoben sich die Masten des Schiffes vom hellen Himmel ab. Aus dem Kajütenfenster schimmerte ein rotes Licht, und von dorther kam auch mit rauhen, alkoholschweren Stimmen der nimmerendende Singsang mit dem langen Schnörkel:

»Whisky, Johnny ...«


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