Max Eyth
Volkmar
Max Eyth

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IV. Ernst.

1. Der Rüsttag.

»Es stand zu St. Georg am Stein
     Eine Linde bei der Kapelle;
Die Äste wachsen zum Fenster hinein
     Und die Wurzeln über die Schwelle.«

»Das Öl vom ew'gen Lichte war
     So lang schon auf der Neige;
Die Sonne schien über den Hochaltar
     Und de Mond durchs grüne Gezweige.«

»Schon lang hat niemand am heiligen Fest
     In die staubige Orgel gegriffen;
Das Vögelein nur, im grünen Nest,
     Hat treulich die Messe gepfiffen.«

»Die Bögen, zerdrückt und ungestalt,
     Hätt' längst das Wetter zerschlagen,
Hätt' nicht der Baum aus dem grünen Wald
     Die morschen Steine getragen,«

Und Volkmar sang's; heut lohnt ihn nicht
     Ein Blick, ein freundliches Winken;
Sie sitzen da mit ernstem Gesicht;
     Ach Gott, sie vergessen das Trinken!
Der Kaiser sieht sich am Tische um:
»Ihr edlen Herren, so still? Warum?
     Trinkt aus und füllet die Humpen!«

Auch er traf nicht den alten Ton;
     's war nicht die alte Stimme;
Es zuckt um den Mund ohnmächtiger Hohn
     Und die Zähne knirschen im Grimme;
Man hörte den Wein, wie ins Glas er fällt;
So stille war es im Kaiserzelt,
     So still im Lager draußen.

Er legte das Pergament aus der Hand
     Und legt's auf die Tafel von Eichen,
Ein mächtiges Blatt mit schwarzem Rand,
     Mit roten, brennenden Zeichen;
Was schaut ihr euch an, stumm Mann für Mann?
Es war des Papstes Bulle, der Bann,
     Der heute den Kaiser getroffen.

Da bebt manch Ohr, das nie gescheut
     Beim Schlachtlärm und Rossegestampfe;
Es zittert die Hand am Schwerte heut,
     Die nie gezittert im Kampfe;
Sie schauen sich an, stumm Mann für Mann!
Es war des Papstes Bulle, der Bann,
     Der heute den Kaiser getroffen.

Und lange sieht der Knapp' ins Gesicht
     Den ernsten bärtigen Alten;
Und ein Blick auf den Kaiser, – er hält sich nicht,
Es fassen ihn dunkle Gewalten;
Und mitten mit keckem Griffe frisch
Greift er hinein auf den Eichentisch
     Und reißt die Bulle in Stücken.

»Da habt ihr's, ihr Herren vom römischen Reich!
     Jetzt möget ihr baß euch entsetzen!
Was sitzet ihr stumm, was sitzet ihr bleich
     Vor diesen erbaulichen Fetzen?
Wer den Kaiser liebt und ein Schwert schon trug,
Der läßt sich mit lumpigem Federzug
     Nicht werfen vom mutigen Gaule!«

»Die fechten da drüben – o Ritterehr'!
     Die greifen zu sauberen Waffen!
Wir haben nichts, als der Väter Wehr;
Laßt sehn, laßt sehn, was sie schaffen!
     Dort die Kirche mit ihrer giftigen Wut, –
Hier das deutsche Recht und das deutsche Blut – – –
     Ihr sitzet und schüttelt die Köpfe?« –

»Ha, Knappe, zurück! Was hast du gewagt?
     (Wie die Augen des Kaisers grollen!) –
Wo der Ernst erzittert, das Alter zagt,
     Will die Jugend brausen und tollen?
Vergebt ihm, ihr Herren; sein Herz ist echt;
Mein Gott, ruft immer das deutsche Recht
     Nur Kinder und Narren zum Kampfe?« –

Und eh's verklungen, da klirrt ein Sporn,
     Da rasseln gewichtige Schritte,
Da tritt, die Adern blau vor Zorn,
     Graf Schweppermann keck in die Mitte:
»Willkommen, ihr Herrn! Herr Kaiser, verzeiht;
So führt man nicht Krieg mehr in unserer Zeit
     Um Land und Leute im Reiche!«

»Ihr nehmt's, wie ein lustiges Turnei,
     Wo man sich grüßt mit der Lanze;
Verzeiht, Herr Kaiser; das ist vorbei;
     Es geht zu ernsterem Tanze!
Die fremden Völker in langen Reihn,
Die Ungarn reiten ins Lager ein
     Da drüben, – zweitausend Pferde!«

»Wir liegen acht Tag' auf der Bärenhaut
     Und warten und passen noch heute,
Bis euer sauberer Vetter traut
     Zusammengetrommelt die Leute;
Im Lager erfuhr ich es frisch und warm;
Ihr habt ihm versprochen, daß Gott erbarm!
     Zu warten, bis gleich sind die Heere.« –

»Seid ruhig, tapferer Degen mein!
     Und wenn wir die Stunde verpaßten.
So schlagen wir um so deutscher drein;
     Wir werden nicht lange mehr rasten.
Kommt, trinket! Das echte Blut vom Rhein!
Mein Knappe, schenke die Humpen ein!
     Fort mit dem papierenen Jammer!« –

Und eh noch verklungen die Rede frei,
     Da naht ein Page mit Sitten:
»Herr Kaiser, es stehen draußen drei,
     Die lassen Euch höfisch bitten, –
Ein Kanzler in goldenen Ketten reich,
Von Eurem Vetter von Österreich;
     Zwei Ritter geleiten den Herren.«

Sie treten herein, sie neigen sich;
     Der Kanzler scharrt mit den Füßen:
»Der Kaiser des Reiches, Friederich,
     Der tät Euch ritterlich grüßen!« –
»›Ho, ho, ihr Herren! Fein gemach!
Ihr steht just unter des Kaisers Dach;
     Was will mein Vetter von Östreich?‹« –

»Zum ersten – (der Kanzler spricht's mit Bedacht; –)
     Es sind erst wenige Stunden,
Seit die Heere gleich; nun habet acht:
     Des Wortes seid Ihr entbunden.
Zum zweiten dankt Euch mein Fürst dafür,
Daß Ihr es gegeben, sowie daß Ihr
     Es gehalten, wie's Rittern geziemet.«

»›Viel Ehre!« Der Kaiser laut lachend sagt;
     Es murren die Ritter im Kreise;
Zum Schluß, wenn's beliebt! Ihr seht, es behagt
     Den Herrn nicht die höfische Weise!‹« –
»So hört! – Wie Ihr's auch nehmet und nennt: –
Damit Ihr den treuen Vetter erkennt,
     Soll ich Euch zum dritten berichten:

Es reitet mit großer Heeresmacht
     Des Herzogs Bruder aus Schwaben;
Drum sputet Euch, wollt Ihr eine Schlacht
     Bei gleichen Heeren noch haben!
Rasch ist der Herzog; sei fein wach!
Ihr seht, wir geben Euch nichts nach
     An ritterlichen Sitten.«

Der Kanzler schwieg; der Kaiser lacht:
     »Ihr Herrn, 's gibt ander Wetter!
Graf Schweppermann, – dann gute Nacht!
     Was sagt Ihr zu dem Vetter?«
»Herr Kaiser, ich bin verwundert schier;
Der Vetter ist ein Mann, wie Ihr;
     Ich freue mich auf morgen!‹«

Die Herren gehn; im Lager laut
     Wird's, wie mit einem Schlage;
Sie putzen sich, wie wenn die Braut
     Sich putzt am Hochzeitstage;
Dann legt' sich, in dem Arm das Schwert,
Zur Seite bei dem treuen Pferd
     Der Ritter auf den Rasen.

Nur Volkmar blieb; der Kaiser winkt;
     Will er noch heute Lieder?
Der Kaiser geht, der Kaiser trinkt,
     Er geht wohl auf und nieder;
Sein Blick jetzt auf dem Jungen ruht;
Dem ward so wunderbar zumut;
     Er weiß sich's nicht zu deuten.

Dumpf spricht der Fürst: »Er oder ich
     Vergessen und begraben!
Du wolltest so, mein Friederich;
     Nun wohl, du sollst es haben!
Er oder ich! – Es reißt uns fort;
Doch nie will ich den Brudermord
     Auf meinem Wappen tragen.«

»Er wird mich suchen; o ich kenn'
     Den Heißsporn aus früheren Zeiten;
Wir werden fechten und bluten – und wenn
     Zwei Engel die Schwerter uns leiten! –
Wir werden's nicht! Mein Knapp', hieher!
Du sollst mir morgen die Waffenehr'
     Der Fürsten des Reiches bewahren.«

»Du kämpfst mit dem jungen Löwenmut,
     Solange die Schwerter sich zanken;
Du streitest für mich, du junges Blut,
     Solange die Banner noch schwanken;
Doch wenn zertreten und besiegt
Er tot auf blut'gem Felde liegt, –
     Will ich dich nicht mehr sehen!«

Jung Volkmar sank tiefernst aufs Knie:
     »Herr Kaiser, ich werde sterben!
Was wendet Ihr Euch, mein Fürst? O sieh!
     Was mag die Wange Euch färben?« –
»Weiß Gott, – weiß Gott, was mich bewegt!
Wenn ich den Jungen seh' – es regt –
     Geh', geh'! und rüst' auf morgen!«

Und vor dem Zelte Volkmar zog
     Die Klinge mit freudigem Beben,
Und durch die blutigen Runen flog
     Ein seltsam wunderlich Leben;
Wie wenn das altvertrocknete Blut
Durchs Herz ihm strömte mit wilder Glut,
     So küßt er die heiligen Zeichen.

Und zwischen den Lagern, hoch oben am Wald,
     Wagt niemand sich heute zu zeigen;
Da stehet nur eine hohe Gestalt,
     Verborgen fast unter den Zweigen;
Sie starret hinauf in die Sterne dort,
Sie sieht hinab, sie flüstert ein Wort
     Und faltet die knochigen Hände:

»O dürft' ich fechten, wie ich wollt',
     Für meinen Kaiser in Treue!
O dürft' ich bluten, wie ich sollt',
     Statt meiner müßigen Reue!
So muß ich allein durch öde Nacht
Hinschleppen den schweren Fluch der Acht,
     Den schwereren des Gewissens.«

»O Gott, nimm du das Opfer hin,
     Das Liebste, das ich mag bieten;
O Gott des Streites, gib mir ihn,
     Des Herzens heiligen Frieden!
O Gott der Schlachten, wenn ich es find',
Auf blutigem Plane tot mein Kind,
     Laß du mich Ruhe finden!«

2. Die Schlacht.

Boten über Boten flogen;
»Hilfe, Leopold, mein Adler!
Hilfe dem bedrängten Bruder!
Hilfe deinem Könige!«
Boten über Boten flogen;
Doch zu Fürstenberg im Kloster
Hielten Mönche sie gefangen;
Keiner fand den Weg zu ihm.

      Sieh die Banner die zerfetzten,
Pfeildurchschossnen, blutbespritzten!
Wie die Schwerter, die gezahnten,
Schartenreichen, niedersausen!
Wie die staubbedeckten Schilde
Dröhnend aneinanderprallen!
Ha, die Männer – wie sie heulend
Stürmen über Bruderleichen,
Baden in dem eignen Blut!

     Lanzen fliegen wetterleuchtend,
Büsche tauchen auf und nieder
Und verschwinden; Hammerschläge
Pochen schallend durchs Gebrause;
Pfeile zischen, Rosse wiehern
Jammernd aus dem wirren Knäuel,
Und des Glutstaubs weiße Wellen
Wogen ob dem Ungeheuer,
Das sich windet, das sich krümmet.
Und sich selber zu vernichten,
Auf von blutbedeckter Erde,
Auf zum glutumzognen Himmel
Heulet seinen eignen Fluch.

     Fern vom Wahlplatz dort bei Mühldorf,
Wo sie fechten, seine Männer,
Saß der König Ludwig, stützte
Schweigend in die Hand das Haupt,
Harrte bange auf den Boten,
Der die Kunde sollte bringen,
Ob der Tag die Kaiserkrone
Ihm geraubt, ob einen Freund?

     Sprich, wer tummelt dort das flinke
Berberroß in goldner Rüstung
Durch das dichteste Gedränge,
Eine schwarze, eine goldne
Feder auf dem blanken Helm?
Das ist Friedrich, Habsburgs Herzog!
Hörst du seines Schwertes Klingen
Mitten durch das Schlachtgebrause?
Siehst du seine Augen blitzen
Schwarz im finsteren Visiere?
Das ist Friederich, der Schöne!
Ha, wie er von Hauf' zu Haufen
Hinfliegt, mit des Schwertes Zunge
Worte donnert, dumpf, gewaltig!
Viermal schon erschlug er Ludwig;
Immer wieder war's ein andrer,
Der den wirren Sinn ihm foppte!
Wie's ihn jetzt von Kampf zu Kampfe
Peitscht, und jagt von Sieg zu Sieg!

     Weh, vermag des Kampfes Hitze
Heiß're Flammen zu ersticken?
Weh, vermögen Schwerterschläge
Laut're Schläge zu betäuben
Unterm eh'rnen Panzerhemd?

     »Habsburg! Habsburg!« – Seht, sie weichen!
Seht, sie fliehn! Wie Feuerbrände,
Flammt der wilde Ruf des Glückes
Durch des Herzogs stolze Brust.
Ha, sie weichen! Ha, sie fliehen!
Dort versinken schon die Banner,
Dort – schon stürzen ganze Haufen,
Überflutet von den Ungarn;
Dort – schon führen sie Gefangne
Über Leichen, über Trümmer;
Sieg, Sieg, Kaiser Friederich!

     Nur der Schlachtenruf, der laute,
Keine Boten melden's Ludwig;
Und die Stirne, die gefurchte,
Überfährt er mit der Hand,
Weh dir, daß du es vergessen,
Was wir uns als Knaben schwuren!
Ging's hinab, wie jene Jahre?
War die Treue Kinderspiel?
Weh dem Speere, weh den Pfeilen,
Die die Brust des Bruders suchen!
Wehe, dreimal weh dem Lande,
Wo man solche Speere schmiedet,
Wo man solche Pfeile schnitzt!

     »Wittelsbach!« – Was soll das Winken
Mit den Bannern, den bestäubten?
»Wittelsbach!« – Was soll das Rufen,
Wenn der letzte Mann verröchelt?
Seht, sie stehn! Der greise Feldherr,
Schweppermann, der Graf von Nürnberg,
An der Spitze; die Verwegnen!
Und sie stehen! Die Gefangnen
Greifen zu verlornen Waffen,
Hauen durch die Reihn der Marter,
Ihre Schmach mit Blut zu rächen.
Ha, und aus dem Hinterhalte
Stürzen Reiter, wohl fünfhundert,
Auf den Rücken der bedrängten,
Der bestürzten Sieger ein.«

     Wilder schlingen sich die Knäuel,
Dichter wirbelt Staub zum Himmel,
Reicher fließt das Blut zur Erde,
Geller heult das Kampfgeschrei.

     Hei, was fliegt und flattert drüben?
Das sind Volkmars goldne Locken!
Will er sich die Sporen holen
In dem dichtesten Gedränge?
Lüstet's ihn, zermalmt zu werden
Unter Schilden, unter Panzern?
Wie er fliegt, der Heldenknabe!
Wie die blauen Augen leuchten!
Wie die strammen Sehnen zittern!
Wie die Adern auf der Stirne
Schwellen in des Kampfes Hitze!
's ist, als ob ihm Pfeil und Lanze
Prallten von dem leichten Rocke;
's ist, als ob die alte. Klinge
Drei- und vierfach in den Lüften
Auf die Schilde niederblitzte;
's ist, als ob die Runenzeichen
Wilder drauf und graus'ger glühten,
Frischgebadet in dem Blute;
's ist, als ob geheimer Zauber
In dem rost'gen Stahl erwachte
Und dämonisch wilde Kräfte
Überströmten in des Knaben
Fieberisch durchzucktes Mark.

     Blitzschnell reißt er eine Gasse!
Staunend sinkt manch bärt'ger Krieger,
Wie von Gottes Strahl getroffen;
Nach die Bayern, nach die Schwaben,
Nach die ritterlichen Städter,
Wie ein Keil, aus Stahl, gegossen,
Eh'rne Panzermauern sprengend;
Jubelnd braust es: »Wittelsbach!«
dorthin fliegt er! Dreimal faßt er
Das zerfetzte Banner Habsburgs;
Dreimal ward es ihm entrissen.
Bis er es im Staub zertrat.

     Und dem Herzog in die Zügel
Fällt er. Wie die Pfeile zischen,
Wie die Schwerter, Morgensterne
Sausen um des Edlen Haupt!
Noch ein Sprung und wiehernd stürzt sein
Schwarzes Berberroß zusammen;
Blutend sinkt der Held zur Erde,
Blutend Habsburgs Hoffnung hin.

     Drauf die Städter, drauf die Ritter,
Stürmend über den Gefallnen!
Soll im Blute, soll im Staube
Unter Tritten, unter Hufen
Ludwigs Freund zertreten sein?

     Nimmermehr! Jung Volkmar wendet;
Sausend haut die alte Klinge
Auf die Freunde, auf die tollen.
Schützend Friedrichs edles Haupt.
Heller flammt der Runen Zeichen;
Rein, wie Gold, sang seine Klinge,
Als beim letzten Schlag er blutend
Sinkt auf den Geretteten.

     Boten über Boten flogen:
»Hilfe, Leopold, mein Adler!
Hilfe Habsburgs heil'gem Banner!
Hilfe!«– – – doch – es war zu spät.

3. Versuchung.

Volkmar. Das hat gegolten! – Still! – die Hütte ist
Umstellt; die Knechte sind gebunden; sie
Vermuteten uns nicht in diesen Bergen. –
Kein Blut, Kurt! Hörst du, Kurt? Kein Blut! Es ist
Genug geflossen über deutschem Boden!

     Das hat gegolten! Einen vollen Tag
Und eine Nacht vom Pferd nur, wenn es stürzte; –
Durch Wald und Dickicht über Berg und Tal
Die Spur verfolgt, die uns bis hierher führte!
Wir jagten auch ein edel Wild; sie sagten:
Es sei der tapferste von Friedrichs Kämpen,
Der klügste Kriegsmann unter Habsburgs Banner.
Mir ward der Auftrag, ihn zu fahen, sei's
Lebendig, oder tot, – ein ehrenvoller,
Ein schöner Auftrag für die alte Klinge
Und für den jungen Arm, dem sie vertraut!
»Du wirst zufrieden sein, mein Kaiser!« sagt' ich
Und warf mich blutend noch aufs Pferd. Er wird's!
»Von Fichteneck« – wenn ich des Namens denke,
– 's ist doch ein eigner Laut, – da wird mir's fast,
Als ob er alle Nerven lähmt' in mir,
Gleich einem Zauberwort vergangner Zeiten,
Das Bilder und Gestalten uns beschwört
Aus einer träumerischen Märchenwelt,
Die enger stets und schwüler uns umrankt.
Weg, weg damit! Die Laute und der Stahl –
Sie klingen schlecht zusammen, und die Laute
Muß schweigen, wenn das rauhe Eisen spricht;
Auch ist ja längst das Saitenwerk zerrissen, –
Zerschnitten!

Fichteneck. O mein Herzog!

Volkmar. Sieh, er schläft!
Es mag kein sanfter Schlaf sein auf der Flucht,
Wenn man verfolgt, verlassen und verblutend
Kaum einer Hütte seine Ruh vertraut;
Ein hartes Lager für die alten Glieder –
Auf Kummer ruhn und Wunden und der Schmach!
Das magst du nicht gewohnt sein, grauer Degen.

Fichteneck. Das Banner sinkt! O Habsburg! Habsburg!

Volkmar. Wie
Es in ihm schafft! – Ein trüber Traum für dich!
Das Banner sank.

Fichteneck. Gib's keinem Priester, Herzog;
Gib's keinem Pfaffen!

Volkmar. Ja, das war ein Schrei
Aus Eurem Lager, Ritter!

Fichteneck. Keinem Pfaffen!
O Gott!

Volkmar. Er reißt sich seine Wunden auf;
Ich muß ihn wecken; 's tut ihm nicht zu weh;
Sein Traum ist bitter, wie das Leben auch.
Spar deine Klagen für die Wirklichkeit;
Du könntest sie wohl nöt'ger brauchen. – Hört,
Herr Ritter!

Fichteneck. Rasch mein Pferd!

Volkmar. Herr Ritter, hört!

Fichteneck. Wer bist du? – diese Farben? – Wittelsbach! –
Verraten? Überfallen?

Volkmar. Ruhig, wenn's
Beliebt, Herr Ritter! Mögt Ihr mir verzeihn.
Daß ich um Euer Schwert Euch bitte.

Fichteneck. Ha!

Volkmar. Ist's jenes, will ich Euch die Müh' ersparen;
Nur wollt' ich's einem Ritter nicht im Schlaf
Wegstehlen.

Fichteneck. Nicht im Schlafe?! Tod und Teufel! ,
Du bist wohl nicht allein hier, junger Fant?
Die Hütte ist umstellt mit hundert Schwertern?
Gebunden ist mein Volk? Soweit ist's doch
Mit uns noch nicht gekommen, daß man so
Ein bartlos Milchgesicht ausschickt, den Wolf
Von Fichteneck zu fangen, und man soll
Nicht sagen, daß die erste Niederlage,
Die ich erlebt, den Wolf von Fichteneck
Von Sinnen hab' gebracht! – Hier, Knabe! – Nein!
Gib's noch einmal und denke wohl daran.
Wenn du die alte Klinge wiegst, daß sie
Schon manchen Teufel in die Hölle jagte
Und manchen braven Rittersmann gen Himmel
Denk dran, daß Blut sie fünfzig lange Jahre
Blank hat erhalten und die Schneide scharf;
Erst seit drei Tagen rostet ihre Spitze.
Du hättest's nicht erleben sollen, Wolf!
Wärst du gestorben, wie du solltest, wände
Sie heut' aus deiner altersschwachen Hand
Kein Bube! – Wolf, – 's ist weit gekommen, Wolf!

Volkmar. Vergebt's dem »Buben«, daß er Euren Schmerz
Zu achten weiß und diese Worte nicht
Gehört hat.

Fichteneck. Nein, verstell' dich nicht! Ich bin
Seit wenig Stunden nicht mehr das, was ich
Gewesen. Lache, höhne! Ist mir's doch,
Als hätten wir uns schon einmal begegnet!

Volkmar. Ihr denket dran; was kümmert das Euch heute?

Fichteneck. Drum gibt's Gestalten, die durchs ganze Leben
Uns schattenhaft verfolgen. Bist du nicht
Derselbe, der sich diebisch in das Herz,
Das unbewacht arglose meines Kind's
Geschlichen? Sagt mir nicht der Priester: du
Hab'st meines Kindes reine Brust vergiftet
Durch Zauberformeln und durch Satanslieder?
Du habest ihres Blickes frohe Ruhe
Gestohlen und die Rosenwangen, die
Mir meine einz'ge Lust und Hoffnung waren?

Volkmar. Der Priester – ja!

Fichteneck. Hat er mir nicht gesagt,
Daß nur der Vaterstrenge ganze Kraft
Ihr diese Ruhe könne wiedergeben?
Gleich einem Opferlamm mußt' ich sie sehn,
Wie vor dem herben Worte zitternd, das
Ich selber zitternd aussprach, – wie sie dir,
Im Auge Tränen, – eine Fichteneck
Mit Tränen in den Augen! – sagte, daß
Sie deine Künste hasse und verachte.

Volkmar. Da sprach mit mir der Priester und nicht sie.

Fichteneck. Sagt er mir nicht, daß nur im Kloster endlich
Des Herzens Wunde wieder heilen könne?
Ich habe nichts sonst auf der weiten Erde
Zu lieben, als dies eine, einz'ge Kind;
Dich traf es nicht, wenn ich sie blutend mir
Vom Vaterherzen mußte reißen, um
Vielleicht für immer meine einz'ge Perle
In dumpfen Klostergrüften zu begraben.

Volkmar. »Der Priester« – und nicht sie! O, sagt es wieder!

Fichteneck. Und hört' ich nicht, wie ihre Wangen bleichen?
Ich glaub' es Wohl; 's weht keine Waldluft dort.
Und sagte er nicht, daß für ihr Seelenheil,
Nur wenn ich ewig ihr den Schleier ließe.
Die Kirche noch Gebete hab' und Gnade?
O Fichteneck! Ein Bube stahl die Blüte,
Ein Bube greift nach deinem alten Stamm.

Volkmar. »Der Priester« und nicht sie! – Betrogner Vater!

Fichteneck. Nun kommt der Hohn doch. O du darfst wohl spotten!
Grau sind die Haare ja und mürb die Knochen,
Und schartig und verrostet ist die Klinge,
Die sonst für unsre Ehre blitzte. Höhne!
Doch nimmer soll ein Betteljunge mir
Mein Kind entreißen; eher schläft der letzte
Der Fichtenecker in zerfallner Gruft.

Volkmar. So fluchet, fluchet noch im kranken Wahn
Dem armen, armen Kind!

Fichteneck. Bei Gott, so spottet
Kein Mensch, der noch ein Herz hat,
Volkmar. Fichteneck!
Ihr habt ein zartes Pflänzchen abgebrochen;
Trägt sie den Schleier schon?

Fichteneck. Nein, Satanas!
Frag' nicht in diesem Ton! Der Teufel lehrte
Dich diese Stimme.

Volkmar. Trägt sie schon den Schleier?

Fichteneck. Wenn nicht,– sie soll's! Es geht das Haus zu Grabe.
Hier ist mein Schwert.

Volkmar. Ich nehm' es nur mit der
Gewißheit – – – –

Fichteneck. Kümmert's dich? Nimm! Nimm!

Volkmar. Ihr gebt,
Bei Gott, Ihr gebt es keinem »Buben«, Herr!
Seht diese Klinge hier; sie focht schon gegen
Und focht schon für die Eure. Sagt, bei allem,
Was Euch noch heilig: trägt sie schon den Schleier?

Fichteneck. Nicht möglich!

Volkmar. Staunet Ihr? Was soll's? O Gott,
Nur diese eine Antwort ruhig! Seid Ihr krank? –
Ihr seid verwundet; ruht ein wenig!

Fichteneck. Nein,
Nicht möglich! doch – was trägst du eine Binde
Um deine Stirne?

Volkmar. Ihr mißgönnt mir wohl
Die Wunde vorn?

Fichteneck. Woher? Laß mir das Fragen.

Volkmar. Ein Herr von Rinddorf schlug sie mir.

Fichteneck. Wer Bayer!
Ha, so bist du der Junge, der so toll
Sich über Freund und Feind zum Herzog drängte
Und mit dem eignen Leib das edle Haupt
Beschützte?

Volkmar. Wie man mir befohlen.

Fichteneck. – Der
Betäubt zusammensank auf unsrem Herrn
Als eben mir das Blut aus Mund und Nase
Hervorschoß? Knabe, – deine Hand!

Volkmar. Herr Ritter!

Fichteneck. Was soll das Narrenspiel? Komm, komm! Noch ist
Nicht alles aus. Wir ziehn zu Leopold;
Denn er wird eine Klinge brauchen können,
Wie deine. – Du vergiß'st ja wohl, was ich
Gesagt? Das alte Mark kann wohl das Fieber
Nicht meistern, wie das deine. Auf! wir müssen
Sie morgen schon erreichen; folge mir!

Volkmar. Ihr täuscht Euch, Fichteneck, so weh mir's tut!
Doch Ihr müßt folgen; Ihr seid mein Gefangner.

Fichteneck. So bist du nicht auf unsrer Seite? Hölle!
Träum' ich.?

Volkmar. Ich fechte für den Kaiser.

Fichteneck. Nun, auch wir.

Volkmar. Für meinen Kaiser, für den Herzog Ludwig,
Der mir gebot des Freundes Haupt zu schirmen.
Und sollt' mir's zehnmal auch das Leben kosten.

Fichteneck. Bei Gott, ein traurig Licht! 's ist fast zu trüb
Für meine alten Augen.

Volkmar. Faßt Euch, Herr!
Ihr werdet ritterlich gehalten werden.

Fichteneck. Wer fragt danach? Ich folge. Doch – ein Wort noch!

Volkmar. Sprecht, Herr! Wie gerne gönn' ich's Euch! Ich wollte:
Ihr hättet mir ein anderes zu danken,
Als daß ich heute Euch den Bügel halte.

Fichteneck. So sah ich niemand noch für Feinde fechten
Und hab' schon manchen wunderlichen Kampf
Geseh'n. Du bist nicht Habsburgs Feind.

Volkmar. Ich bin
Des Kaisers Dienstmann, wie Ihr wißt. Ich darf
Drum den auch meinen Feind nicht nennen, welchen
Mein Kaiser liebt.

Fichteneck So mein' ich nicht. Es ist
Nicht möglich, daß du Ludwig zugeschworen.
Wer dich in jenem letzten Augenblick
Bei Mühldorf kämpfen sah und bluten, darf
Geruhig schwören auf das heil'ge Kreuz:
Es ist nicht möglich!

Volkmar Dennoch ist es so.
Die Kampflust trieb die Unsern bis zum Wahnsinn,
Und nur das äußerste, das schlimmste nur
Von allen Mitteln konnte Friedrich retten.
Gewonnen war die Schlacht, der Feind am Boden;
Mehr wollte unser Kaiser nicht.

Fichteneck O stille!
Was ich mit ansah, redest du nicht weg.
Wie war's auch anders denkbar? Nein, du kannst
Den Bayern nicht so lieben, nicht so achten,
Wie du es solltest, wie du Friedrich muß't.
Du hast ihn wohl zum erstenmal gesehn?
Doch war's kein Ritter, war's kein Heldenbild.
Wenn er so stolz von Sieg zu Siege sprengte,
Bis er zusammenbrach? Sahst du ihm nicht
Im dunkeln Äug' das deutsche Feuer glühn.
Und auf der Stirne Kaiserhoheit thronen.
Daß mächtig es in jeder Ader pochte:
»Das ist der Kaiser!?« – Keine Antwort jetzt!
Ein jeder Schlag der jugendlichen Klinge
Rief damals: »ja!« Für ihn hast du geblutet.
Er ist ein Krieger, der's zu achten weiß.
Bewundernd strahlte noch sein brechend Auge
Auf dich, als du sie warfest um ihn her.
Und Ludwig! Weißt du es? Dein Heldenkaiser –
Er weinte, als sich seine Mannen schlugen!
Führ' mich, wohin du willst! Wirf mich in euer
Verborgenstes Verließ! Du bist um Ludwig.
Gelegenheit muß jeder Tag dir bieten;
Rett' deinen Kaiser, rette Friedrich!

Volkmar Herr!

Fichteneck Glaubst du: ein Habsburg werde je vergessen.
Was Treue wert ist in der Zeit der Not?
Du ringst nach Reichtum: Burgen, Wald und Felder
Versprech' ich dir auf treulich Ritterwort!
Nach Ehre: – hier winkt sie dir voll und reich,
Wie nirgends auf der Erde. Greife zu!
Du harrst noch auf den Ritterschlag: der Kaiser
Wird selbst dir ihn erteilen. Alles, alles
Ist dein; denn seine Achtung, seine Liebe
Hat jener blut'ge Tag dir schon erobert.
Du zauderst?

Volkmar Ja; – das Fieber packt Euch.

Fichteneck Mich?

Volkmar Verzeiht: ich müßt' Euch wahrlich sonst verachten,
Und das wird mir doch schwer bei weißen Haaren
Und einer solchen schartenreichen Klinge.

Fichteneck Verwegner Junge!

Volkmar Nein, vergebt; wenn es
In Eurem Lager, wo man freilich viel
Von wälschem Treiben und von wälschem Reden
Zu schlucken haben mag, so Sitte ist,
Treubruch zu lohnen, bin ich wenig lüstern,
Die Herrlichkeit des Nähern zu besehn
Und sie zu teilen; Gott bewahre mich!
Hier kämpfe ich für meinen Herrn und Kaiser,
Fürs Vaterland, fürs alte, heil'ge Recht;
Die Ehre findet sich mit Gott von selbst;
Nach Reichtum tracht' ich nicht; den Ritterschlag
Gabt Ihr mir selber auf dem Plan bei Mühldorf;
Schaut meine Schulter! –

Fichteneck Nein, so schnell sollst du
Das Ohr nicht schließen vor dem Ruf der Pflicht
Drei Stimmen hatte Friedrich bei der Wahl
Unstreitig, – viere Ludwig; zwei von diesen
Sind unecht, sind gespalten und erkauft.
Ist das dein Recht? – Die Reichsinsignien,
Kron', Szepter und den Apfel haben wir.
Und Ludwig ist mit falschem Gold gekrönt;
Ist das dein Recht? – Der heil'gen Kirche Fluch
Ruht auf dem Herzog und auf allen, die
Ihm dienen, wie des Reiches Acht; vergebens
Fleht vor dem röm'schen Stuhl er um Erlaß:
Ist dies das Recht, für das du fechten willst?

Volkmar Ich streite nicht mit Euch, ob deutsche Treu'
Vorm röm'schen Stuhle Recht ist, oder Sünde;
Das aber wisset Ihr so gut, wie ich,
Auf wessen Seite steht des Volkes Stimme,
Die nicht mehr mitzählt in dem Rat der Fürsten,
Noch doppelt, dreifach auf dem Feld der Ehre,
Wenn's gegen Bann und Acht die Banner hält.
Und Gottes Stimme sprach doch laut genug,
Und zählt wohl auch noch mit im deutschen Lande!
Bei Mühldorf, dächt' ich, schrieb sie's klar genug
Mit blut'gen Runen auf der Feinde Stirn',
Als wir für unser Recht die Schwerter kreuzten.

Fichteneck Des Unglücks Schläge nimmst du für das Zeichen;
Es ist der Jugend Art, die ich nicht schelte.
Wenn du im laun'schen Würfelspiel des Schicksals
Beim ersten, raschen Blick den ew'gen Lenker
Erkennen willst in trüber Nacht. Noch glaube
Den alten Augen, die schon mehr gesehn,
Wie sich das Recht im Staube krümmen mußte
Vor der Gewalt und wie die Unschuld ward
Zertreten von des Teufels Hinterlist!
Glaub' deinem eignen Herzen, das so heiß
Im Streite für den wahren Kaiser schlug!
Er ist gefallen, ja! –er ist gefangen
Und seine Banner wanken und zerbrechen
Am blinden Glück des Bayernherzogs, wenn
Ein Himmelswunder nicht dareinfährt. Noch
Du kannst ja darum nicht die heil'ge Stimme
Des eigenen Gewissens Lügen strafen,
Weil just der andre heut' in Ehren sitzt,
In Glück und Reichtum, und mit falschem Purpur
Und seiner Flitterkron' liebäugelt, während
Dein Friederich, der Stern der Ritterschaft,
Der stolze, schöne, jugendliche Kämpe,
Durch List beraubt und durch Gewalt bestohlen.
Im Kerker trauert ums verlorne Reich.
O Deutschland, Deutschland, wieviel hast du schon
Gelitten und geduldet! Doch das kannst du
Nicht tragen, daß man deine Kaiser dir,
Daß man das Schönste deiner schönen Kraft
Dir wegstiehlt! Knabe, deine Augen sind
Doch blau und du hast keine Träne für
Dein Vaterland? In deinen Adern rollt
Doch deutsches Blut und du hast keinen Tropfen
Für deinen Kaiser? Nein, es ist nicht möglich!
Noch kann der Frevel dir im Purpurmantel
Nicht lockender erscheinen als des Unglücks
Geheiligt Bettelkleid! Dein Vaterland
Ruft laut dir zu; du mußt, du mußt es hören!

Volkmar. Bei Gott, ich hab' kein Herz von Stein, Herr Ritter!
Kein Blut, wie Eis, das nicht erwärmen könnte,
Ihr treibt ein böses Spiel mit mir, Vergeb'
Es Euch der über uns! Wenn alte Lippen
Nicht täuschen könnten? Habt Ihr recht? Nein, nein!
Ihr habt's nicht,– könnt nicht sagen, daß Ihr's habt!

Fichteneck. Du liebtest meine Hildegard. – Ich kenne
Dich nicht. Es ist etwas in deinen Augen,
Das ich nicht liebe, – wie ein böses Träumen –
Und doch – wenn du im Bettlerkittel, in
Der Bauernjacke vor mich trätest und
Mir sagtest, daß du meinen Herrn gerettet:
Mein einzig Kind – es war' mir nicht zu teuer
Um diesen Preis.

Volkmar. O sagt, – so trägt sie nicht
Den Schleier?

Fichteneck. Nein, noch nicht! Doch wird sie es
Unfehlbar; nichts wird sie dem Kloster mehr
Entführen als dies eine, das du kennst;
Und nichts wird sie der Priesterhand entwinden
Als diese eine, heil'ge, große Tat.
O laß ein narbenvolles, graues Haupt
Umsonst nicht vor dir stehen, laß die Lippen,
Die nur den Schlachtruf kennen, den Befehl,
Nicht vor dir bitten, laß die steifen Knie – –
Nein, das –, das kann ich nicht I Doch rette
Den Herzog, deinen Kaiser!

Volkmar. Ew'ge Allmacht!

Fichteneck. Und rett' auch sie, befrei' mein armes Kind!
Das ohne dich verschmachten muß im kalten
Gemäuer eines Klosters unter Pfaffen
Und alten Weibern. Brich die Blume, ehe
Sie bleicht im dumpfigen Verließe, ehe
Sie fault am eignen Grame, welcher schon
Die junge Knospe anfrißt! Rette mir
Mein Kind!

Volkmar. Herr Ritter, mehr ertrag' ich nicht – – –

Fichteneck. Er stürzt aufs Pferd! – Er sammelt seine Knappen!
Was soll's? Sie reiten, daß die Funken stieben;
Er jagt davon, als ob ihn Teufel jagten –
Und mich vergißt er! – – – Das war deutsch!
Schad' um die kräft'ge Klinge! – Fahre wohl,
Du Herzensjunge, fahre wohl!

4. Das Siegesfest.

Zu Aachen im funkelnden Krönungssaal,
Da schallen die Lieder, da schäumt der Pokal;
Sie halten das letzte, das lustige Fest,
Eh das treue Heer den Kaiser verläßt;
     Denn Frieden soll es ja werden.

Im Hofe bei rötlichem Fackelschein
Singt Knecht und Knappe von Lieb' und Wein;
Und oben im Saale sitzen die Herrn,
Die Edlen des Reiches, Stern an Stern,
     Und trinken und singen hinunter.

Dort hinten am kleinen marmornen Tisch
Ein Häuflein zecht, so jugendfrisch;
Von Nürnberg der bärtige Schweppermann,
Der führt das Kommando, wie's keiner kann,
     Beim Fechten, wie beim Gelage.

»Auf, trinket, ihr Herren, so lang es Zeit;
Denn morgen ist's aus mit der Herrlichkeit!
Die Schwalben ziehn zum Neste frei;
Singt, singt! Und ist die Frist vorbei,
     So wollen wir wieder reiten!«

»Es schickt mir der Kaiser – 's kommt eben recht –
Einen goldenen Becher, so klar und echt,
Wie ich noch keinen gesehn im Land;
Ich setz' ihn fürs schönste Lied zum Pfand,
     Das ihr mir zusammenreimet!«

Und der von Liebstein, ein Junge keck,
Der saß mit Sitten am untersten Eck;
Die Ritter lächeln und lauschen in Ruh,
Der griff in die Saiten und fang dazu;
     »Was soll ich singen, als Liebe?

Ich saß um Mitternacht allein
Wohl still beim schäumenden Becher Wein,
     Die Augen wurden mir trübe;
Der Regen schlug an die Scheiben mit Macht,
Es wühlte der Sturm in der tosenden Nacht
     Und im Herzen, im Herzen die Liebe.

Ihr falschen Sorgen, nein, nimmermehr!
Nicht beb' ich vor Wettern, dunkel und schwer.
     Vor der Blitze schmetterndem Hiebe;
Und doch – was klopft's in der Brust mir bang?
Das macht der Saite zitternder Klang
     Und im Herzen, im Herzen die Liebe.

Noch ist nicht verklungen mein letztes Lied,
Noch hat es da drinnen nicht ausgeglüht,
     Ob auch nur die Sehnsucht mir bliebe;
Was frag' ich nach Hoffen, was frag' ich nach Glück?
Ein Becher blinket, ein Sonnenblick
     Und im Herzen, im Herzen die Liebe.

Und stünd' ich allein im tosenden All
Umdonnert von stürzender Felsen Schwall,
     Der unter dem Fuß mir zerstiebe:
O Wonne, von Tod und Schrecken umsaust!
Den Stolz auf der Stirne, den Trotz in der Faust
     Und im Herzen, im Herzen die Liebe!

Ich rief's; da strömte die Trän' ins Glas,
Und hochauf schäumte das funkelnde Naß,
     Damit mir's den Kummer vertriebe;
Hinab mit der Träne! Ob's schäumet und grollt.
In die Saiten gegriffen, die Nächte vertollt,
     Im Herzen den Tod und die Liebe!«

Da lacht hellauf der bärtige Chor:
»Wer lieben will, der stirbt zuvor!
Blondlockiges Knäblein, trink Wein, trink Wein!«
Und errötend beugte der Junge hinein
     Den Kopf in den wuchtigen Humpen.

Da hob sich Herr Rinddorf, riesig und schwer,
Ein Recke mit Narben in Kreuz und Quer';
Man zählt' an die dreißig. Schlachten dran.
Wie die Ring' am Eichbaum; das war ein Mann,
     Wie sie seitdem selten geworden.

»Blut, Blut, das ist mein Leben!
     Es schäumt im Becher dunkelrot;
          Vivat der Sorgenbrecher!
          Ein braver deutscher Zecher –
     Der trinkt sobald sich nicht zu Tod';
Blut, Blut, das ist mein Leben!

Blut, Blut, das ist mein Leben!
     Wenn morgens früh das Hüfthorn schallt,
          Geht mir beim Bärenhetzen
          Der schönste Hund in Fetzen,
     So sing' ich fröhlich durch den Wald:
Blut, Blut, das ist mein Leben!

Blut, Blut, das ist mein Leben!
     Wir reiten lustig in die Schlacht,
          Und soll ich morgen sterben.
          Will ich den Anger färben
     (Ich Hab' mir's anders nie gedacht;)
Mit Blut, das ist mein Leben!«

Da lacht hellauf der bärt'ge Chor;
Er stürzte den Humpen fast übers Ohr;
Er stampft vor Lust, wild klirrt der Sporn;
Der ist ein Ritter von altem Korn!
     »Wer singt mir ein besseres Liedchen?«

Der Alte dort mit dem schneeigen Bart –
Seht ihr ihn lächeln in seiner Art?
Er wischt sich den Mund, vom Weine naß;
Er klappt mit dem Stelzfuß; es dröhnt sein Baß,
     Daß die Wölbung zittert im Saale.

»Der Kaiser nimmt des Reiches Kron;
Es kriegt ein jeder seinen Lohn;
Ich hinke heim auf einem Bein;
     Ich hab' den meinen schon.

Zu Mühldorf – wer hätt' das gedacht? –
War' fast der Sach' ein End' gemacht,
Verhungert war' schier Mann und Maus
     Zu Mühldorf in der Schlacht.

»Und jedermann bekommt sein Ei;
Der fromme Schweppermann kriegt zwei!«
So sprach der Kaiser auf dem Plan;
     Da war der Krieg vorbei.

Der Kaiser nimmt des Reiches Kron;
Es kriegt ein jeder seinen Lohn;
Ich hinke heim auf einem Bein;
     Ich hab' den meinen schon.«

Da lacht hellauf der bärt'ge Chor:
»Zwiefach soll trinken, wer's Bein verlor!«
Und er trank, bis der volle Humpen baß
Wie ein Helm auf dem eisigen Schädel saß,
     Eh' er genug getrunken.

Und die Reihe kam an den Schweppermann:
»Ihr Herren, ein Liedlein ich singen kann;
Ich habe den süßen Minneschall
Gelernt von keiner Nachtigall
     Im dichten, grünen Walde.

Ich habe zum Singen wohl eine Zung'
Und eine Kehle; das ist genung,
Ich brauche nicht lange Melodei;
Ich singe von der Leber frei,
     Wie ich im Feld gesungen.

     Die Zunge mein ist eitel Erz;
Durch Mark und Bein dringt sie ins Herz;
Laut soll sie schallen durch Freund und Feind:
Ein Hund, wer es nicht ehrlich meint!
     Es lebe der Kaiser, mein Herre!«

Und mit dem Schwerte, von Schlachten blank,
Zerspaltet er donnernd die Marmelbank;
Hell spritzt der Wein zur Decke hinan: '
»Es lebe der alte Schweppermann!
     Er hat den Becher gewonnen!«

So trank« sie durch die wilde Nacht,
Bis dämmernd im Fenster der Tag erwacht;
Du alte Zeit, wo ist dein Mark,
So unverwüstlich, so riesenstark
     In Lust und auch in Taten?

Und zu der gleichen Stunde fast
Auf Trausnitz saß ein trüber Gast;
Am Gitter lag die Stirne lang;
Er sah hinunter den Felsenhang
     Und hörte die Mühle rauschen.

Der Märzwind zog mit leisem Hauch
Warm durch die Nacht, um Baum und Strauch;
Dort lag noch Schnee, – der Wald war kahl.
Es zitterte heimlich das ganze Tal
     Im ersten Frühlingsschauer.

»Wie bin ich worden so müd und bleich, –
Der stolze Herzog von Österreich!
O Frühling, du sprengst mir das Herz noch entzwei!
O Freiheit, was ziehst du am Gitter vorbei,
     Am Gitter des armen Gefangnen?«

Und hinter ihm rauscht es; er wendet sich um;
Es war ein Gruß so bitter, so stumm;
Sie haben sich nimmer gesehn zuvor.
Seit der Herzog Land und Krone verlor
     Zu Mühldorf auf dem Plane.

Sie schauen sich an mit starrem Blick;
Und der Kaiser wirft den Mantel zurück:
»Behagt's Euch auf dem Felsennest,
Mein werter Vetter?« (so spricht er fest),
     »Habt Ihr zu klagen hier oben?« –

«Ihr gabt mir ritterliche Haft,
Wie's Brauch ist bei edler Ritterschaft;
Ich wollt', ich lag' im tiefsten Grund;
Ich müßte dann nicht sehn allstund
     Die Freiheit vor meinem Gitter!«

»Herr Vetter, zürnet dem Geschick!
Mich grämet Euer trüber Blick;
Ihr solltet hinaus, – Ihr werdet bleich!
Entsagt der Krone, entsagt dem Reich;
     Dann mögt Ihr ziehen in Frieden.«

Wie knirscht in den Zähnen das leise: »Nein!«
»Und müßt' es im Käfig gestorben sein!« –
Ein Blick in die Nacht noch, so klar, so frisch, –
Dann setzte er sich an den eichenen Tisch
     Und legt den Kopf in die Hände.

Und traurig sieht ihn der Kaiser an:
»Herr Herzog, Ihr seid ein armer Mann!
Was hilft Euch die Krone, was hilft Euch der Stolz?
Der unbefleckte Glanz zerschmolz
     Auf Eurem blanken Wappen.«

»Ich will Euch berichten in alter Treu:
Euer Bruder sammelt ein Heer aufs Neu';
Dreihundert Ritter hat er zur Stell';
Flink ist und tapfer der kecke Rebell'
     Und Ruhe brauch' ich im Lande.« –

(Und über die fahle Wange fliegt
Ein leises Rot; – «Und wenn er siegt!« –)
»'s ist wahr: es kostet mich eine Schlacht,
Doch fehlt ihm das Recht, es fehlt ihm die Macht, –
     Und Ruhe brauch' ich im Lande. «

»Bedenket es, Herzog von Österreich;
Entsaget der Krone, entsaget dem Reich!« –
Wie biß er sich scharf in die Lippen ein,
Wie knirschte verzweifelnd das herbe: »Nein!«
     Eh der Kopf in die Hände gesunken.

Und leise, wie aus himmlischen Höhn,
Durchs offene Fenster zieht ein Getön';
Es war kein Lied, kein irdischer Sang, –
Das Eichenrauschen, der Waldesklang
     Aus alten, vergessenen Zeiten.

»Es schwuren die zwei, sich Brüder zu sein
In Kampfesnacht und Gewitterschein;
Und rostet die blinkende Klinge,
     Dann schreit zu dir ein verratenes Blut,
Dann, heiliger Thor, dann schwinge
          Der Blitze Glut
Auf den, der die Treue gebrochen!«

Dumpf sang es fort; der Kaiser spricht:
»Das ist mein Knappe, der kecke Wicht;
Er hält im Hofe mein Pferd bereit;
Er singt das Lied aus der alten Zeit;
     Herr Vetter, denkt Ihr der Zeiten?«

Und lauschend die Lippe halb offen stand.
Und vom brennenden Auge sank die Hand;
Als hätt' ein Engel drüber gehaucht.
Aus schwarzem Grunde tief unten taucht
     Ein Schimmer der Kinderzeit wieder.

»O süße Freiheit! O selige Lust!
Du wunderlich Regen in toter Brust!
Herr Kaiser, nehmet die fürstliche Hand;
Ich entsage dem Reich, entsage dem Land;
     Heut' habt Ihr die Krone gewonnen!«

»Laßt mich reiten, Herr Kaiser; versucht mein Glück;
Ich bring' Euch die echte Krone zurück;
Und sollt es sein, – wenn's nicht möglich war',
Ich stelle mich wieder; die Ritterehr', –
     Die lass' ich Euch heute zum Pfände.«

Und Hand in Hand, Nicht finster, nicht mild,
So standen sie lange, ein ehernes Bild;
Im Hofe drunten verklingt das Lied
Und warm der junge Märzwind zieht
     Herein durchs offene Fenster.

5. Ein Heerzug.

Es zogen ihrer Fünfe talabwärts durch den Tann;
Sie ritten trüb, bedächtig; sie ritten Mann für Mann,
     Als hätten sie gar schwer zu tragen;
An ihren blanken Waffen, da leckt und nagt der Rost;
In ihren Bärten nistet der Nebel und der Frost;
          Sie ließen nisten, nagen.

Ein Herzog zieht zu Felde; mag das ein Herzog sein!
Sein schwarzer Hengst von Mühldorf hinkt noch an einem Bein,
     Das eine Lanz' ihm dort zerstochen;
Her Kaiser hatte gesprochen: »Nehmt Euch mein bestes Roß;
Nehmt Euch, was Ihr begehret, von meinem ganzen Troß!«
          Er hat's umsonst gesprochen.

«Mein alter, treuer Rappe, der ist mir eben recht;
Weil mir nicht alle dienen, so brauch' ich keinen Knecht
     Aus Eurem Bayern, Eurem Franken;
Ja, wollt Ihr Euren Knappen mir gerne leihn so lang.
Daß er den Weg mir kürze mit seinem muntern Sang,
          Das wollt' ich Euch wohl danken.«

Da hat das Pferd sich wiehernd vor seinem Herrn gebäumt,
Da hat der Gischt am Maule ihm lustig aufgeschäumt,
     Und stampfend zitterten die Glieder;
Dem Knappen regt sich's plötzlich, wie stürm'sche Frühlingsluft,
Wie wenn zum ersten Male die Lerche wieder ruft;
          »Es geht die Donau nieder!«

Lautsingend er das Rößlein von warmer Krippe band;
Lautsingend putzt und rüstet er Waffen und Gewand;
     Lautsingend zieht er seine Straßen:
»Vergebt, mein hoher Herre, vergebt mir Sang und Scherz;
Seh' ich ein trübes Auge, seh' ich ein traurig Herz,
          Da kann ich's fast nicht lassen!« –

Drei Ritter seines Lehens, die ihm nach Strauß und Streit
Gefolgt vom blut'gen Anger in seine Einsamkeit
     Und treulich bei ihm ausgehalten.
Die hängten heut' die Köpfe; sie schauten ernst zurück,
Als ging's nicht in die Freiheit, als winkte nicht das Glück
          Den finsteren Gestalten.

Und wenn sie ferne sahen ein Münster, oder Schloß,
Lenkt' stumm der stolze Herzog zur Seit' das müde Roß
     Mit festem Druck, und knirschte leise;
An öden Bauernhütten, dort hält das Trüpplein Rast;
In wilden, kalten Schluchten beim glimmenden Eichenast
          Geht still das Horn im Kreise.

So ritten sie, die Fünfe, talab manch bleichen Tag,
Wo rings auf Wald und Wiese der trübe Nebel lag;
     Nur auf den Reitern lag er trüber;
Noch schimmert da und dorten der Schnee am kahlen Hang,
Noch lagen rings die Felder tot, ohne Sang und Klang;
          Der Märzwind pfiff darüber.

Da flüsterte der erste der Ritter leis genug:
»Was hilft uns Luft und Freiheit? 's ist eitel Lug und Trug!
     Was nützen Waffen uns und Pferde?
Ha, denk' ich an den Bayern und an sein Bauernpack:
Ich wollt', ich säß zu Trausnitz und hätt' die Faust im Sack,
          Statt an dem rost'gen Schwerte.« –

»Urfehd han wir geschworen: (flüstert der andre drauf);
Der Teufel soll sie holen; es war ein schlimmer Kauf,
     Um bei lebend'gem Leib zu faulen;
Ich wollt', ich läg' zu Mühldorf, gebettet unterm Feind;
Das ist die einz'ge Urfehd', die ehrlich ich gemeint,
          Seitdem ich ritt auf Gaulen.« –

»Mir ist es gleich zu Trausnitz, zu Mühldorf, oder Wien, –
Wie ich mit meinen Fäusten, wo ich dem Herzog dien';
     (So knirschte leiser noch der letzte:)
Doch der ist nicht mein Herzog, der meine Ehr' verriet,
Der mir das Schwert verhandelt, der's grimmig murrend sieht,
     Daß ich die Waffen wetzte;«

»Der nicht, der einen Laffen zum Freunde nehmen kann,
Der's Herz von Eisen wegwirft an einen Leiermann,
      Der um ein Lied sein Land verraten!
Ich schwur zu Trausnitz droben links meinen Fehdeeid;
Frei ist noch meine Rechte; Geduld, es kommt die Zeit,
          Da lob' ich mir die Taten!«

Und fester faßt die Zügel der schöne Friederich,
Und stolzer in den Sattel im Bügel stemmt er sich.
     Als er das leise Wort vernommen:
Jung Volkmar schaute ruhig und fest ihm ins Gesicht;
»Hört Ihr's dort hinten brausen? Das macht: der Winter bricht;
          Der Frühling muß wohl kommen!«

Und wie sie also sprachen, den Hügel ging's hinan,
Und wie sie oben standen, da war es aufgetan.
     Das weite Land zu ihren Füßen;
Sie hielten ihre Pferde; man hört auch nicht ein Wort!
Dort unten St. Maria, und Wien im Dufte dort!
          Es war ein banges Grüßen.

Grün zwittert auf den Espen der Sonne goldne Spur,
Grün zittert's in den Gründen, hellgrün in weiter Flur, –
     Ein buntes, wunderliches Regen;
Lautjubelnd stieg vom Anger der Lerche frühe Lust;
Da hielt es Volkmar nimmer; er sang mit voller Brust
          Dem jungen Lenz entgegen.

»Es bricht jawohl da draußen des Winters starres Erz;
Es muß, es muß ja brechen, du töricht Menschenherz,
     Mit deinen Mühen, deinen Qualen;
Laß sie noch einmal saufen, laß wehn die Winde kalt:
Es muß ja alles brechen vor deiner Allgewalt,
          O Lenz, und deinen milden Strahlen!«

Was huscht zu St. Maria noch um der Kirche Chor?
Was flüstert hinterm Pfeiler? Die Angel knarrt am Tor,
     Und wieder schleichen stumm die Stunden;
Es flattert eine Kutte, es klirrt, wie Waffen, klar;
Es glänzt dort aus dem Dunkel ein schwarzes Augenpaar
          Hellauf – und ist verschwunden. –

Da springt er von der Mauer; da drängt er durch den Zaun
Auf dem gewohnten Wege, den er sich einst gehau'n
     Und durch die wildverwachsnen Scharten;
Zum drittenmal geht Volkmar die Hügel auf und ab;
»Ich suche keine Blumen, – ich suche nur ein Grab,
          Ein Grab im Klostergarten.«

»Wo soll ich dich noch finden im engen Klosterkreis?
Wie soll ich euch noch fragen, ihr Mauern, kalt und weiß.
     Und ihr zerkniete Marmorstufen?
Stumm ist mein Mund geworden, stumm ist die Welt umher;
Ich habe keine Lieder, seit du verschwunden, mehr,
          Um dich zurückzurufen.«

»Des Todes Blumenbeete im bleichen Mondenschein –
Da liegen sie so friedlich! Kein Name und kein Stein
     Sagt, wieviel Tränen sie bedecken;
Heut' klopft an eure Bahre des Frühlings fromme Macht;
Heut' muß in kalter Tiefe die milde Zaubernacht
          Auch euch da drunten wecken,«

»Dort ragt ein frischer Hügel; ob der sie mir umschloß?
Dort heben sich die Schollen; dort regen leise, los
     Sich scheu die zarten Frühlingskinder;
O Liebe, hilf mir rütteln an ihrem morschen Haus;
O Lenz, gib mir sie wieder und rufe sie heraus,
          Du Todesüberwinder!«

»Sie hat mir nicht gelächelt aus ihren Tränen mild;
Sie gab mir keine Blume, das stille Nonnenbild,
     Als noch ihr rosig Antlitz glühte;
Jetzt regt sich wohl da drunten dein Herze, kalt und wund.
Jetzt bietest du mir reuig herauf aus finstrem Grund
          Die erste bleiche Blüte.

Ich will ja keine Blumen, ich suche nur ein Grab;
Kannst du nicht wiederkehren, so rufe mich hinab;
     Fahr hin, fahr hin, du leeres Leben!
Was soll der Lenz mir nützen, den mir kein Strahl erhellt?
Ich will allein nicht bleiben auf dieser öden Welt;
          Fahr hin, du leeres Leben! – –

«Das wollen wir dir helfen! der Kerl ist vogelfrei!»
Ein Schlag, – ein dumpfes Schmettern, – ein grausig schriller Schrei
     Ein flimmernd blitzendes Gefunkel; – –
Aufschnellt der Schwergetroffne, wie's um ihn saust und braust;
Sein Schwert klirrt in der Scheide, es fliegt ihm in die Faust;
          – –Dann wird's rings stumm und dunkel.

Im Grase wischt der Recke den Morgenstern und lacht;
Schad' um die kräft'gen Hiebe! Er hat mir's leicht gemacht;
     Der arme Junge hat nun Frieden!
Sei's drum! Er singe drüben die alten Litanein,
Und ist's ihm nicht vergangen, mag er den Teufel frei'n!
          Herr Abt, seid Ihr zufrieden?«

Und in dem schwarzen Blicke den festen, finstern Brand,
Trat Adalbert zum Ritter und bot ihm seine Hand;
     »Gott gnade seiner armen Seelen!
Ich wollt' ihn nicht ermorden; das Blut bringt stets Gefahr;
Zu Wien hätt' ich ihn lieber in sicherem Gewahr;
          Doch soll mein Dank nicht fehlen.« –

»Nicht Euretwegen macht' ich die alte Klinge naß;
Behaltet Euer Danken; ich tat's aus eignem Haß;
     Ich bin kein Freund von langem Streiten;
Er hat zuviel gepfiffen, daß mir die Ader schwoll;
Ich schenk' Euch nun die Leiche; Herr Abt, bewahrt sie wohl;
          Laßt mich zum Herzog reiten!«

Und alles war verschwunden, als wäre nichts geschehn;
Nur dort am frischen Hügel war noch das Blut zu sehn,
     Hinuntersickernd durch den Boden;
Es wühlt sich warm den stillen, geheimnisvollen Lauf;
Es heben sich die Schollen; es dringt von unten auf,
          Als suchten sich die Toten. – – –

Da springt es von der Mauer; horch, wie's den Zaun zerbricht!
Sieh, wie die grauen Locken umstarren sein Gesicht
     Und seine Augen, stier und gläsern!
Es taumelt um die Hügel; es fliegt vorbei und kehrt;
Dort blitzt im Mondenlichte jung Volkmars bloßes Schwert;
          Dort tropft's noch von den Gräsern.

Da stürzt er in die Knie und sinket jammernd hin;
Da taucht er seine Finger ins Blut in wirrem Sinn,
     Und wieder ist er aufgesprungen;
Jetzt steht er überm Hügel, ein grausig Riesenbild;
Jetzt hebt er seine Hände zum Himmel starr und wild
          Und ruft mit Donnerzungen:

»Sie haben dich gemordet, wie einen Hund im Wald;
Gemordet und erschlagen meuchlings, bedächtig, kalt,
     Bist du in deinem Blut geschwommen!
Du hast für deine Treue kein ehrlich freies Grab;
Sie warfen dich von hinten, von hinten dich hinab;
          Ich bin zu spät gekommen!«

Doch jetzt, – jetzt will ich schreien ihm in sein Kaiserzelt,
Daß ihm vom Vaterfluche das Mark im Leibe gellt
     Des Längstbegrabnen, des Gebannten;
Es soll dich niederschmettern des Jammers wilder Schrei;
Die Treu hast du ermordet, das Recht ist vogelfrei
          In deinen blut'gen Landen!«

»Ihr habt ihn mir erschlagen, wie einen Hund im Haag;
Ich will ihn wieder haben, wo er auch liegen mag;
     Die Leiche will ich wieder haben!
Werft eure blut'ge Schande in den geheimsten Schlund;
Mit meinen Nägeln will ich ihn scharren aus dem Grund
          Und unter Eichen ihn begraben!«


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