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III. Besinnung auf das Ganze des menschlichen Lebens

Es war unser Streben, die sozialistische Lebensgestaltung sich voll aussprechen zu lassen und uns möglichst in ihr eigenes Streben zu versetzen, nur so durften wir hoffen, sie in ihrem Ja und Nein angemessen zu erfassen; im Überblick aber gilt es, ein eigenes Urteil zu gewinnen und eine klare Stellung zum Dargebotenen zu nehmen. Dazu aber bedarf es eines festen Maßes, ohne ein solches bliebe die Sache gänzlich den Parteien und den Individuen mit ihren Unterschieden und Gegensätzen überlassen; in welche hilflose Lage aber uns das bringt, das erfahren und empfinden wir gerade jetzt in unerträglicher Weise. Wo anders aber ist dieses Maß zu suchen als in der eigenen Natur des Menschenwesens, wie sie mit dem Ganzen ihrer Entfaltung vorliegt; nur sie kann uns der Zufälligkeit und Wandelbarkeit der Strebungen und Meinungen entwinden und uns zu einem selbständigen Urteil über das führen, was bei uns und um uns geschieht. Aber was uns einen Halt verspricht, das zeigt sich selbst bald als ein Problem, das dringend einer genaueren Erläuterung bedarf; wir gewahren leicht, daß das menschliche Leben nicht in einer einzigen Ebene verläuft, sondern verschiedene Schichten und zugleich verschiedene Aufgaben enthält; diese Schichten genügend zu erfassen und deutlich zu scheiden, das ist die erste Bedingung einer Klärung der eigenen Überzeugungen und einer Beurteilung einer dargebotenen Lebensgestaltung. Betrachten wir demnach die Folge dieser Schichten, nur ihre Abstufung gewährt uns haltbare Maßstäbe für das menschliche Leben und für die menschliche Lage. Es treten aber solcher Stufen drei auseinander, die Grundschicht, der menschliche Lebensstand, die geschichtliche Bewegung.

a) Die Grundschicht

Den Ausgangspunkt unserer Betrachtung bildet der Grundbegriff des Lebens, wie ihn der Mensch mit allen Lebewesen teilt; das Leben bildet eine große Tatsache und zugleich ein großes Rätsel, das aller Zerlegung widersteht. Die Hauptsache ist weiter für unsere Betrachtung das Erscheinen verschiedener Stufen: es erscheinen ein naturgebundenes und ein selbsttätiges Leben, jenes steht in einer gegebenen Verkettung, wie sie uns von der Erfahrung aus umfängt; dieses offenbart sich uns nur im Bereich des Menschen, es fordert seine eigene Betätigung, es eröffnet ihm neue Zusammenhänge; jenes nennen wir Natur, dieses Geist oder Geisteswelt, jenes sei uns als Dasein, dieses als Tatwelt bezeichnet. Es scheint dabei die Geisteswelt das Dasein als ihre Grundlage vorauszusetzen und sich von ihr aus zu einer höheren Stufe emporzuheben. Diese beiden Arten zeigen ein sehr verschiedenes Gesamtgefüge: das Dasein besteht aus lauter einzelnen Elementen, die miteinander nur einen Stand der Zusammensetzung ergeben; die Tatwelt dagegen erzeugt innere Zusammenhänge, ihr werden die Elemente zu Gliedern eines Ganzen, das ihnen ein eigentümliches Leben zuführt; so sind auch die Größen und Werte der beiden Stufen sehr verschieden; während sich die Elemente dort nur gegenseitig anziehen und abstoßen, und ihr Wirken sich auf einen gegenseitigen Austausch ihrer Leistungen beschränkt, bildet hier das Leben einen selbständigen Bereich, es vermag einen Inhalt zu erzeugen, ein Beisichselbstsein aufzubringen.

Ein solches Beisichselbstsein mit seiner Inhaltsbildung stellt bestimmte Forderungen, es fordert im Beisichselbstsein zugleich ein Auseinandertreten, die Scheidung von Gegenstand und Zustand; es entsteht ein Gegensatz, der sowohl zu überwinden als festzuhalten ist, der damit eine innere Bewegung in das Leben bringt. Nur in der Überwindung dieser Spaltung kann das Leben sich bei sich selbst vollenden, nur so kann es sich auf sich selbst richten und sich mit sich selbst befassen, sich selbst zur Aufgabe und zum eigenen Werk werden. Daß jene Bewegung durch eine Scheidung hindurch und in Festhaltung ihrer erfolgt, das ergibt nicht nur eine durchgreifende Klärung der Gesamtlage, sondern es macht auch zu Hauptträgern unseres Strebens und zu untrennbaren Genossen die Mächte Wahrheit und Freiheit. Von hier aus entsteht ein charakteristisches Grundgefüge des Lebens, aus dem kein Unternehmen herausfallen darf, ohne seinen geistigen Charakter einzubüßen.

b) Der Lebensstand der Menschheit

Über dieses Grundgefüge hinaus und über seiner Festhaltung zeigt aber das menschliche Leben einen besonderen Stand: es enthält schroffe Widersprüche, die nicht als endgültig behandelt werden dürfen, die vielmehr zwingend zu einer Weiterbildung drängen, damit aber die Gesamtlage als eine durchaus unfertige erweisen.

á) Der Unterschied zwischen Natur und Geist, von Dasein und Tatwelt gehört zum Grundgefüge unseres Lebens, aber über den Unterschied hinaus erscheint ein Widerspruch zwischen dem Vermögen und der Geltung beider. Das Geistige gibt sich als das Höhere, nicht bloß in den Meinungen und Stimmungen der Menschen, sondern in dem Erzeugen eigentümlicher Größen und Werte, ja, es wagt einen Aufbau einer selbständigen Wirklichkeit; in unserem Weltstande aber ist es untrennbar mit der Natur verkettet und teilt es ihre Geschicke. Die Naturordnung behandelt das Ergehen der geistigen Wesen als etwas durchaus Gleichgültiges, auch die einzelnen Lebensphasen bemessen sich ganz und gar nach den Forderungen der Natur. Wohl ist der Mensch bemüht, in seinem Bereiche dem Geistigen eine gewisse Macht zu erringen, aber auch dem besten Willen sind hier überlegene Schranken gesetzt; was sich als das Höhere gibt, das unterliegt für die Dauer der Macht der Natur. Große Umwälzungen der sinnlichen Welt scheinen alles Geistige zu zerstören, damit aber dieses zu einem bloßen Nebenergebnis herabzusetzen. Trotzdem kann das menschliche Streben eine Selbständigkeit und einen Selbstwert des geistigen Lebens unmöglich preisgeben, ohne es in seiner Wurzel zu vernichten; wie entgehen wir diesem Widerspruch, der unser Leben zerreißt?

â) Zum Widerspruch von Natur und Geist gesellt sich ein noch größerer innerhalb des seelischen Lebens. Das Seelenleben hat mannigfache Bewegungen und Richtungen, aber diese Richtungen gehen vielfach aus- und gegeneinander. Der Lebenszug kann den höheren Zielen widersprechen. Ungeheure Verkehrungen nicht nur bei den Individuen, sondern des Ganzen der Menschheit sind augenscheinlich möglich, ja, eine unleugbare Tatsache. Damit erscheint das Problem des Bösen: mag es einerseits eine Selbständigkeit des Lebens bekunden, andererseits bedeutet es eine ungeheure Hemmung und Verwicklung, das menschliche Leben scheint nicht bloß in den Lehren der Denker, sondern in seiner eigenen Entfaltung in harten Kampf mit sich selbst zu geraten; wie können wir diesem Widerspruch entrinnen?

So tiefe Verwicklungen verraten, daß unsere menschliche Art des Lebens nicht das Ganze der Wirklichkeit bildet, daß sie eine besondere Art hat und eine besondere Stellung einnimmt; sie muß in einem größeren Zusammenhang stehen und nur dadurch irgendwelchen Sinn und die nötige Kraft gewinnen. Diesen Weg betritt die Religion, er führt über einen besonderen Bereich hinaus zu einer neuen Stufe des Lebens, zu einer Stufe, welche jene Widersprüche überschreitet und neue Inhalte sowie neue Kräfte eröffnet. Das Ganze der den Menschen zugänglichen Wirklichkeit zerfällt demnach in die drei Stufen einer grundlegenden, einer kämpfenden, einer überwindenden Geistigkeit; jene ist die Voraussetzung und Begründung aller Geistigkeit, die kämpfende bildet den Hauptplatz der menschlichen Tätigkeit, die überwindende erschließt die Aussicht und verspricht die Kraft zur Vollendung, sie erst gewährt dem Menschenleben den unentbehrlichen Halt und ein sicheres Ziel. Daraus aber entsteht eine gewaltige Spannung, daß die überwindende Geistigkeit eine volle Selbständigkeit und einen vollen Selbstwert verlangt, während das Reich der Arbeit die Geistigkeit nur in einem gebundenen Stande zeigt. Das treibt zu einer Frage, welche über die prinzipielle Stellung unserer Welt entscheidet: erhebt sich eine selbständige Stufe weltüberlegener Geistigkeit, oder kann der Mensch den Stand eines harten Kampfes und mühsamen Ringens nie überschreiten? Unser menschlicher Bereich zeigt diese selbständige Geistigkeit, dieses volle Beisichselbstsein des Lebens, nur in gewissen Zügen, aber er zeigt zur Genüge, daß auch diese Stufe bei uns wirkt, und daß sie für die geistige Selbsterhaltung der Menschheit schlechthin notwendig ist. Es geschieht das namentlich in zwei Richtungen: in der Bildung einer sowohl weltüberlegenen als weltumfassenden Persönlichkeit, als auch in der Eröffnung eines Reiches Gottes, das alle politische und soziale Gesellschaft wesentlich überschreitet. Aber so unverkennbar das Wirken dieser selbständigen Geistigkeit ist, ihre nähere Gestaltung fällt unter die Formen und Grenzen der Arbeitswelt; daher müssen dem Menschen für jene Aufgabe Bilder und Andeutungen genügen, für die Gesinnung aber bedarf es eines Heroismus, der durch alles Nein hindurch zuversichtlich ein Ja erstrebt und dieses allen Widerständen entgegensetzt. Alles zusammen zeigt den menschlichen Lebensstand in großen Leistungen, aber auch unter schweren Hemmungen; offenbar ist eine durchgehende Bewegung des Ganzen vorhanden, aber der Weltstand geht nicht einfach in diese Bewegung auf, eine Irrationalität der Wirklichkeit ist unverkennbar; alle Lebensgestaltungen müssen sich damit auseinandersetzen.

ã) Eine weitere Schicht des geistigen Lebens entsteht mit der Bildung einer Geschichte, wie sie ebenfalls dem Menschen wesentlich und eigentümlich ist. Eine passive und eine aktive Geschichte treten dabei auseinander: eine passive, welche nur berichtet, was das Dasein an den Menschen bringt, eine aktive, die damit zu tun hat, was er als Glied einer Tatwelt aus den Dingen und aus sich selbst macht. Das Zusammentreffen beider bildet eine eigentümlich menschliche Geschichte, Handeln und Geschehen, eigene Entscheidung und Schicksal verweben sich dabei eng. Aber die bewegende und forttreibende Kraft liegt in dem Handeln. Dieses hat dabei eine eigentümliche Art. Es kann dem Ganzen nichts leisten, wenn es in lauter einzelne Leistungen aufgeht, es kann enge Schranken nicht überschreiten, ohne aus sich selbst größere und festere Zusammenhänge zu bilden und selbständige Lebensbereiche, Lebenswirklichkeiten zu schaffen. Diese Lebenszusammenhänge haben selbst eine eigentümliche Geschichte, sie entwickeln nicht bloß eine feststehende Art, sondern sie haben hart mit den Widerständen des Daseins zu ringen, sie können nur durch eine nähere Gestaltung und Selbsterfahrung zu vollen Wirklichkeiten werden. Diese Zusammenhänge pflegen aber auf dem menschlichen Boden ein Aufsteigen und ein Sinken zu zeigen, sie stellen den Menschen verschieden zu seinen eigenen Aufgaben: zu Beginn steht das menschliche Handeln unter einem starken Einfluß überlegener Tatsachen und Zusammenhänge, wie Umgebung, Tradition, Lebensverhältnisse sie bilden, erst allmählich gewinnen die Individuen ihnen gegenüber eine volle Selbständigkeit, und es wird nun der Höhepunkt des Ganzen erreicht, gegen Schluß dagegen erlangen die Individuen die Herrschaft und gestalten sie den Lebensbereich überwiegend nach ihren eigenen Gedanken und Zielen; so läßt sich im geistigen Schaffen eine objektivistische und eine subjektivistische Art, eine vorbewußte und eine nachbewußte Stufe unterscheiden. Aber über dem Gegensatz und an entscheidender Stelle steht eine vollbewußte schaffende Höhe, erst auf ihr fassen sich alle Lebensbewegungen zusammen, erst hier eröffnet sich ein Einblick in eine selbständige und selbstgetragene Wirklichkeit, nur hier erwächst ein volltätiges Streben, ein unmittelbarer Zusammenhang mit den schaffenden Tiefen des Lebens, nur hier kann das Leben den flüchtigen Zeitlauf überwinden und einen zeitlosen Charakter annehmen. Diese klassischen Höhen pflegen äußerlich sehr rasch zu verstreichen, sie mögen als seltene Festtage der Menschheit erscheinen, aber sie sind von dauernder Wirkung, und von ihren mühsam errungenen Schätzen zehren die Jahrtausende.

Solcher Lebenszusammenhänge zeigt bekanntlich unser westlicher Kulturkreis drei: die antike Welt mit ihrer leitenden Stellung des Anschauens und des Gestaltens, die christlich-religiöse mit ihrer Seelenvertiefung, die moderne mit ihrer Kraftentwicklung und Kraftsteigerung; so sind Form, Gesinnung, Kraft die Hauptträger der Bewegung; jede von ihnen erstrebt eine eigene und selbstgenugsame Wirklichkeit; jede von ihnen hat ihr eigentümliches Verfahren, ihre eigentümliche Erfahrung, ihre eigentümlichen Ziele; so sind sie überlegene Lebensströmungen, mit denen jedes fruchtbare Schaffen sich auseinandersetzen muß; erst durch den Zusammenhang mit diesen Lebensströmungen kann jenes von einer freischwebenden Tätigkeit zu einer wurzelhaften vordringen und echte Wahrheit erringen. Die Bewegungen und der Kampf dieser Strömungen bilden den Schauplatz der Geistesgeschichte.

Aber so gewiß jene Zusammenhänge Übergeschichtliches leisten, im geschichtlichen Bereich verzehren sich die Kräfte, die Kulturen leben sich aus, wir haben gegenüber dem Aufsteigen auch eine Selbstverzehrung der Kulturen anzuerkennen; sie wäre der traurige Schluß alles menschlichen Unternehmens, wenn das Geistesleben sich in die Kulturbewegung erschöpfte, wenn nicht eine überwindende selbständige Geistigkeit über diesen Standort emporhöbe und das Nacheinander in ein Zusammenwirken verwandelte. Zunächst aber hat die menschliche Arbeit mit den einzelnen Lebenswirklichkeiten zu tun, und der jeweilige Stand einer Zeit wird hauptsächlich dadurch bestimmt, wie die Menschheit sich mit diesen Wirklichkeiten abfindet.

ä) Die Lage der Gegenwart. In diesen Bewegungen hat auch das Leben und Streben der Gegenwart seinen eigentümlichen Platz. Augenscheinlich treffen sich bei uns verschiedene Lebenswelten und kämpfen um uns entgegengesetzte Strömungen. Die geistige Macht, die den Durchschnitt der Gegenwart vornehmlich einnimmt, ist die Aufklärung, ist die Aufklärung mit ihrer Hochschätzung des Verstandes und ihrer Richtung auf das Zweckmäßige und Nützliche; im l7. Jahrhundert in ihren Grundzügen entworfen, hat sie sich im l8. völlig durchgebildet und die geistige Herrschaft errungen. Gegen sie ist dann ein starker Widerstand entbrannt, seine Entwicklung hat sehr bedeutende, ja, maßgebende Leistungen erzeugt (Sturm und Drang, Klassik, Romantik), deren geistiger Gehalt die Aufklärung weit übertrifft. Aber diese Gegenwirkungen haben wohl die geistig leitenden Kreise gewonnen, sie beherrschen jedoch nicht die Breite der Gegenwart; deren Hauptzug folgt noch immer der Aufklärung, obschon diese inzwischen sehr verflacht ist; so ist ein innerer Zwiespalt zwischen dem, was jener Breite zusagt und genügt, und dem, was die Höhen anzieht, nicht zu verkennen. Die Höhen selbst aber entbehren bei allen ihren Vorzügen einer Einheit und Geschlossenheit; so ist begreiflich, daß im Zusammenstoß die Breite die Höhen zurückdrängt; der tatsächliche Lebensstand bindet uns an manches, dem wir uns weit überlegen fühlen und dem wir uns nicht ergeben dürfen.

In diese schwankende und gärende Zeit kommt nun aber eine gewaltige Erschütterung durch das jähe Aufsteigen des sozialen Problems und durch die Erhebung des Sozialismus zu einer leitenden Macht. Diese Wendung spaltet nicht nur die Menschheit in entgegengesetzte Lager, sie möchte auch den Gesamtstand des Lebens umwälzen. Dabei gibt dem Sozialismus eine besondere Stärke, daß er das Lebensproblem aus den eigenen Bewegungen, Erfahrungen, Wünschen der unmittelbaren Gegenwart herausgreift und von einem Hauptpunkt aus allen Bestand zu beleuchten und zu gestalten unternimmt, alles frühere wird ihm zu einer bloßen Voraussetzung und Bedingung der Gegenwart. Er hält sich dabei ausschließlich an das Dasein, wie die Erfahrung es zeigt, den Mittelpunkt des Ganzen bildet der Mensch, der Mensch ohne alle Zutat und alle künstliche Umsäumung, er empfängt aber seine besondere Art und sein Leben von der Gesellschaft, wie das Zusammensein sie bietet, er findet seine Hauptaufgabe in der Erzeugung einer neuen Gesellschaft, welche alle Lebensverhältnisse umzuwandeln, zu veredeln, zu erhöhen verspricht. So erstrebt in diesen Zusammenhängen die Gesamtbewegung der Menschheit diesen Gipfel als eine abschließende Höhe.

Wenn wir nunmehr das Ganze dieser Bewegung kritisch zu würdigen uns anschicken, so bedarf es zunächst einer Scheidung des weiteren Gedankens der sozialistischen Bewegung, wie sie alle Völker der Gegenwart durchdringt, und der näheren Gestaltung auf dem Boden eines einzelnen Volkes, vor allem des deutschen; zugleich jedoch müssen wir auch der Fäden gedenken, welche weitere und engere Art verbinden. Auch die besondere Lage der sozialistischen Bewegung in Deutschland sei nicht ungewürdigt, eben aus dem äußeren Sieg sind hier manche innere Verwicklungen entstanden. Früher stieß die sozialistische Bewegung auf harte Widerstände, und mußte sie sich auch mancher Verkennung erwehren, ihr fehlte es nicht an einem vielfachen Märtyrertum; kein Wunder, daß die Hoffnungen und Wünsche die Möglichkeiten einer Erfüllung weit überflogen, daß ein ungetrübter Glorienschein das Ganze umwob, ein goldner Himmel offen schien. Inzwischen hat die Erfahrung mit ihrer Schwere deutlich gesprochen, und es hat sich auch hier das Wort bewährt, daß leicht die Gedanken miteinander wohnen, aber hart im Raum die Dinge zusammenstoßen. Die ungetrübten Flitterwochen sind auch für den Sozialismus rasch vergangen, die Begrenzung der Verhältnisse und mehr noch die seelischen Hemmungen fordern immer zwingender ihr Recht. Gerade diese Lage aber macht es besonders nötig, ja zwingend, die Frage vom Lebensproblem aus anzugreifen und zu prüfen, wieweit der Sozialismus dem geistigen Stande der Menschheit genügt. Denn schließlich ist es doch der Mensch als Ganzes, der alle Versuche der Gestaltung bestimmt.

Diese Frage ist aber nicht zu entwirren ohne eine deutliche Vergegenwärtigung der Hauptstufen, welche der menschliche Lebensstand uns zeigte; so ist es unbedingt notwendig, diese Stufen mit ihren Leistungen und mit ihren Forderungen zu der hier gebotenen Lebensgestaltung in Beziehung zu setzen. Sie darf namentlich nicht den Forderungen widersprechen, welche das Ganze des Lebens mit den drei Hauptpunkten seiner Abstufung an den Menschen stellt. Es gilt demnach zu prüfen, ob l. die Grundschicht des menschlichen Lebens mit genügender Deutlichkeit aus dem Chaos des unmittelbaren Eindrucks herausschaut, und ob sie bestimmende Richtlinien für Denken und Handeln liefert; es gilt weiter 2. zu prüfen, ob die besonderen Erfahrungen des menschlichen Standes mit ihren Verwicklungen und mit ihren Widersprüchen vollauf anerkannt werden, und ob die dadurch gestellten Probleme eine genügende Lösung erhalten; es gilt 3. zu prüfen, wieweit das dargebotene Leben die geistige Bewegung der Menschheit sich aneignet und sie in eigenes Streben und Schaffen umsetzt. Es überschreitet unsere Aufgabe weit, diese Fragen in systematischer und deduktiver Weise zu beantworten, aber sie müssen uns innerlich gegenwärtig sein, sie müssen den Grundstock bilden, worauf Punkt für Punkt zurückzugreifen ist, und von wo aus ein bestimmtes Urteil möglich wird. Die Hauptfrage ist hier, wieweit die hier entwickelte Wirklichkeit den Forderungen der Sache entspricht, an welchen Punkten und in welchen Richtungen es über sie hinaustreibt, schließlich auch, welche Ziele ihr gegenüber zu verfolgen sind. So gilt es die Notwendigkeiten, welche im Grundbestande unseres Lebens liegen, an die dargebotene Lösung zu halten und ihr Recht wie ihr Unrecht festzustellen. Wenden wir uns nunmehr zu den einzelnen Punkten, welche die sozialistische Lebensgestaltung aufwies, und suchen wir uns unmittelbar in den gewaltigen Kampf der Lebenswelten zu versetzen, der uns umtobt.


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