Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Einleitung

Der Sozialismus enthält sowohl eine wirtschaftliche Behauptung als eine eigentümliche Lebensgestaltung; diese wird dem Politiker im Hintergrund stehen und nur gelegentlich gestreift werden, für den Philosophen aber bedeutet sie die Hauptsache; über dem Philosophen und dem Politiker aber steht der Mensch, bei ihm müssen die verschiedenen Bewegungen zusammentreffen und sich gegenseitig verständigen. Die wirtschaftliche Frage ist ein Kind der Gegenwart, und sie ist stark in der unmittelbaren Berührung der Zeitlage, die Philosophie dagegen ruht auf der stillen Arbeit der Jahrtausende: aber auch sie scheint an einen kritischen Punkt gekommen zu sein, der eingreifende Umwandlungen des menschlichen Standes fordert. So stehen wir mitten im Fluß der Dinge und dürfen bei der Spannung der Lage von der Berührung der beiden Betrachtungsweisen eine Förderung des Ganzen hoffen. Auch das gewährt einen eigentümlichen Reiz, daß hier uralte Weisheit und die vordringende Gegenwart einander die Hand reichen, und daß bleibende Hoffnungen des Menschenwesens die stürmische Aufregung des Tages tragen.

Als denkendes Wesen erschöpft sich der Mensch nicht in die jeweilige Lage und den flüchtigen Augenblick, zur Aufrüttelung und Beflügelung seines Strebens bedarf er einer Richtung auf einen höheren Lebensstand und auf ein volleres Glück; nur die Hoffnung vergoldet ihm das dürftige Leben, nur sie verleiht ihm eine Freude und einen Glanz. Das gilt zunächst für den einzelnen, das gilt aber auch für die Menschheit; auch sie kann nicht gedeihen, ohne das Ganze ihres Lebens zur Aufgabe zu machen, verheißungsvolle Möglichkeiten zu ersinnen, ihre Kraft an den Widerständen zu erproben. Je höher die Lebenswoge in dieser Richtung steigt, desto eifriger werden neue Wege aufgespürt, desto leidenschaftlicher wird darum gekämpft, welche der Möglichkeiten die Erreichung des ersehnten Zieles verspricht. Diese Frage kann die Menschheit in feindliche Lager spalten und sie in schwere Zweifel über den Sinn des Ganzen versetzen, aber die Zweifel selbst geben ihr eine unvergleichliche Größe; sie empfängt ihr Geschick nicht von fremder Macht, sie gewinnt es durch eigenes Entscheiden und Wollen.

Den Kampf um die Lebensgestaltung teilt auch der Sozialismus, aber erst nach und nach ist jener aus einem Nebenstrom zum Hauptstrom gewachsen und hat er alle Bewegung an sich gezogen. Wir werden sehen, wie vieles dabei zusammenwirkte, wir wissen zugleich, wie die Sache mehr und mehr zu einer brennenden Frage nicht nur für ein einzelnes Volk, sondern für die ganze Menschheit geworden ist. Auf diesem weiteren Hintergrunde aber richten wir unser Denken an erster Stelle auf das deutsche Volk, das jetzt so schwere Schicksale zu ertragen hat, und das so unmittelbar von den sozialen Problemen berührt wird. Wir können aber die gegenwärtige Lage nicht genügend würdigen, ohne in einigen Umrissen der Geschichte dieses Strebens zu gedenken.


 << zurück weiter >>