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II. Das Ja der sozialistischen Lebensgestaltung

Das Leben, wie es uns beschäftigt, bildet nicht ein Nebeneinander einzelner Bestrebungen und Leistungen, es bedarf zur Ausbildung eines Charakters fester Grundlinien, um die sich alle Mannigfaltigkeit ordnet, und von denen aus das Ganze einen inneren Zusammenhang gewinnt. Es hat nun das sozialistische Leben, wie es heute durch die Menschheit geht, zwei Hauptzüge, welche Nein und Ja untrennbar miteinander verschlingen.

1. Es stellt sich ausschließlich auf den Boden der Erfahrung, wie sie uns unmittelbar in Wirkungen und Gegenwirkungen umfängt, es stempelt damit alles Streben, das diesen Rahmen durchbricht, zu einem irrigen und erfolglosen;

2. es versteht die Wirklichkeit als ein Zusammensein einzelner Elemente, die gegenseitig aufeinander angewiesen sind und in ständiger Wechselwirkung stehen; sein Neues liegt darin, die Elemente enger zu verbinden und fruchtbarer aufeinander zu beziehen; es faßt ihren Umkreis kräftiger zusammen, es entdeckt und entwickelt eine Fülle bis dahin schlummernder Möglichkeiten, es drängt die zerstreuten Elemente fester zusammen und gewinnt mit solcher Belebung ein volleres und reicheres Bild des menschlichen Bereiches. In solchem Streben vollzieht es eine zuversichtliche Lebensbejahung und verheißt es ein wachsendes Glück. Es steht in einer gegebenen Welt, aber es kann das bloße Geschehen durch sein Walten in ein eigenes Handeln verwandeln, es trägt durch die Herbeiführung eines neuen Standes den Charakter eines Idealismus, aber eines Idealismus, der alle erträumten Größen und Güter verwirft, und der seine Aufgabe nur innerhalb der Wirklichkeit findet. Diese Lebensführung bedarf eines kräftigen Verneinens und Austreibens alles Fremden und Feindlichen, so trägt sie in sich eine entschiedene Begrenzung und Abstoßung, aber diese Verneinung und Begrenzung dient hier einer überwiegenden Bejahung, die in dem Einfachen und Nächstliegenden das Große entdeckt und hochhält.

Es gliedert sich aber diese Lebensgestaltung in folgende Hauptstücke, sie bedarf

1. einer festen Grundlegung,

2. wirksamer Hauptbewegungen,

3. eines Gesamtaufbaues.

Zu 1. fordert sie

a. gegenüber dem vorgefundenen Stande mehr Einheit und Zusammenhang,

b. einen engeren Anschluß an den Menschen und mehr Verbindung seiner Kräfte.

Zu 2. fordert sie

a. die volle Begründung des Lebens und aller Verhältnisse auf die Gegenwart (Wahrhaftigkeit),

b. die gleichmäßige Belebung aller einzelnen Elemente (Gleichheit und Gerechtigkeit).

Zu 3. fordert sie

a. den Zusammenschluß zu einem gemeinsamen Wollen und Handeln (Sozialisierung).

b. eine engere Verbindung der materiellen und ideellen Faktoren des Lebens (Ökonomismus).

Als ein gemeinsamer Grundzug erweist sich dabei eine kräftigere Zusammendrängung und vollere Belebung des menschlichen Daseins nach allen Richtungen hin, ein durchgängiges Mehr des Lebens. Betrachten wir nun jene charakteristischen Bewegungen kurz und knapp.

1. a) Die Forderung einer größeren Einheit.

Das sozialistische Leben widerspricht energisch dem Durcheinander und den Gegensätzen, die das moderne Leben bedrücken. Ein vielfaches Durcheinander zeigten auch frühere Epochen, aber niemals erreichten diese eine solche Höhe, und niemals wurde das Mißliche, das Unerträgliche dieses Standes mit solcher Bewußtheit empfunden. Die Gegenwart läßt Altes und Neues, Höheres und Niederes sich gegenseitig fortwährend durchkreuzen und hemmen. Wir Modernen schöpfen ein Hauptstück unserer Kultur aus der Antike mit ihrem Trieb zum Gestalten und Begrenzen, aber zugleich umfängt uns die unbegrenzte Kraftfülle und unablässige Lebenssteigerung der Neuzeit, wir können die vom Christentum eröffnete Weltüberlegenheit, ihre tiefe Innerlichkeit, ihren moralischen Ernst nicht entbehren, aber zugleich umfassen wir mit glühendem Verlangen die sichtbare Welt und ihre reichen Güter. Weiter zerwerfen sich innerhalb der Neuzeit die Lebensströme: wir berauschen uns an der übersprudelnden Lebensfülle der Renaissance, aber wir ergreifen die verstandesklare und zwecktätige Aufklärung als eine unentbehrliche Förderung; wir genießen dankbar die reichen Schätze unserer eigenen klassischen Geisteskultur, aber zugleich dienen wir einem entschiedenen Realismus mit seiner Richtung auf die sinnliche Welt. Ist es ein Wunder, daß die Individuen nach Tätigkeit, Beruf, Stimmung, Gemütslage weit auseinandergehen, daß unser Leben vornehmlich auf freischwebende Reflexionen oder Stimmung gestellt ist, daß kein überragendes Ziel die Kräfte verbindet und der Willkür der Individuen einen Damm entgegensetzt? Ist es ein Wunder, daß uns große Menschen fehlen, daß schaffende Höhen versagt sind, Menschen, aus deren Feuerseele eine umwälzende Kraft sprüht?

Seit Jahrzehnten haben manche Zeitgenossen diesen Mangel einer inneren Einheit und eines beherrschenden Mittelpunktes schmerzlich empfunden und beklagt; auch ich habe schon im Jahre 1888 in einem Werk über die Einheit des Geisteslebens die gegenwärtige geistige Zersplitterung geschildert und nach bestem Vermögen bekämpft; inzwischen hat der innere Zerfall immer weiter um sich gegriffen, er beherrscht mehr als je die Tage der Gegenwart.

Dem stellt sich nun die sozialistische Lebensführung kräftig entgegen und unternimmt es, von der Wurzel aus eine Rettung zu bringen. Wo anders kann, so meint sie, der Mensch eine Einheit und einen Zusammenhang finden, als bei sich selbst, in Konzentration auf den Mittelpunkt seines eigenen Lebens, in seiner Selbsterhaltung und seiner Wohlfahrt; nur hier können die verschiedenen Bewegungen sich in einer Ebene zusammenfinden, sich gegenseitig verstärken und verbinden, hier muß alles ausscheiden, was nebensächlich und überflüssig ist, hier müssen alle Gegensätze sich entweder ausgleichen oder verschwinden, Geistiges und Sinnliches aber eine unzertrennliche Einheit erstreben. Auf diesen Gesamtstand des Menschen gilt es alles zurückzuführen, danach alles zu messen, alles Erlebnis an die einfachsten Grundempfindungen zu knüpfen, alle Vergangenheit in eine lebendige Gegenwart zu verwandeln. Von hier aus läßt sich auch eine allumfassende Lebensanschauung erreichen, wie die Gegenwart sie schmerzlich entbehrt; Leben und Wirken greifen hier unmittelbar ineinander. Die Stärke dieser Lebensführung liegt nicht nur darin, die Gesamtheit eines Volkes als eine wirtschaftliche Einheit zu behandeln – in dieser Hinsicht kann sich Rodbertus mit seinem wohlgegliederten System vollauf mit ihr messen –, sondern mehr noch in der Bildung einer Lebens- und Gedankengemeinschaft der ganzen Menschen, in der Erzeugung einer geistigen Atmosphäre, die alle Aufgaben und Leistungen in sich trägt und ausgleicht. Eine derartige gemeinsame Atmosphäre besitzt heute aber neben dem Sozialismus nur der Katholizismus, aber wir wissen, wieviel ihn und den modernen Menschen voneinander trennt, auch, wie sein Zusammenfügen der Gegensätze unserer kritischen Denkweise nicht als eine innere Einigung gelten kann. Jener Katholizismus redet zu uns in der Sprache des Mittelalters, der Sozialismus dagegen steht mitten in der Gegenwart und teilt ihre Kämpfe und Sorgen.

b) Die Forderungen eines neuen Wirklichkeitsgewebes

Der Sozialismus nimmt seine Stellung klar und bewußt im Menschen der Erfahrung, er kann das aber nicht, ohne sich mit einem eingewurzelten Irrtum auseinanderzusetzen und das überkommene Bild gründlich zu verändern. Es handelt sich darum, wie der Mensch zum Ganzen der Welt steht. Sicherlich umfaßt auch ihn dieses Ganze und bereitet ihm sein Leben; aber hat er das Recht, sich als ihren Mittelpunkt zu betrachten und zu behandeln, er, der ganz und gar unwandelbaren Weltgesetzen des Weltalls untersteht, und der an der Unendlichkeit der Räume und Zeiten gemessen nur ein gleichgültiges und verschwindendes Wesen bedeutet? Durch ungezählte Zeiträume ist er diesem Irrtum verfallen, er hat sich in seiner Meinung an die Stelle der Welt versetzt, er hat unbedenklich menschliche Größen und Güter in sie hineingetragen und sie in seiner Vorstellung seinen eignen Zwecken unterworfen, er verkehrt mit einem selbstgeschaffenen Bilde wie einer echten Wirklichkeit und teilt ihm seine wichtigsten Wünsche und Hoffnungen mit. Solche Vermenschlichung der Welt ergab ein Gewebe der Einbildungen und entfremdete den Menschen sich selbst. Vor mehr als 2000 Jahren sprach Xenophanes das Wort, daß die Menschen das Bild der Götter von sich selbst zu nehmen pflegen; die Neuzeit hat durch das Ganze ihrer Entwicklung das Verführerische und Irrige dieses Gedankenganges erkannt, sie hat immer mehr das Übersinnliche und Metaphysische als eine Einbildung aus dem menschlichen Gedankenkreise verbannt. Zugleich gewann der Positivismus mehr und mehr Boden mit seiner Behauptung, daß unser Denken und unser Leben sich streng auf das Reich der unmittelbaren Wahrnehmung und Erfahrung einzuschränken habe; wir dürfen ohne schwere und gefährliche Irrung jenes Gebiet nicht überschreiten, noch weniger dürfen wir Beziehungen zu unbekannten Mächten pflegen und daran unser Herz hängen. Damit ward alle Religion und alle Metaphysik ein Wahngebilde. Dieser nüchternen Denkweise des Positivismus hat dann Ludwig Feuerbach ein affektvolleres Bild zur Seite gestellt und dabei sowohl alle Theologie als alle Metaphysik zu einer bloßen Anthropologie gestempelt. Diese Gedankengänge teilt auch der Sozialismus, seine eigne Leistung aber liegt darin, daß er zuerst etwas, das sich bis dahin als eine wissenschaftliche Lehre einzelner Kreise gab, zu einer Macht für weiteste Kreise, zu einer Glaubensüberzeugung gemacht hat.

Wie oft, so hat auch an dieser Stelle der Sozialismus eine durchgehende Bewegung der Zeit mit voller Kraft ergriffen und mutig in alle ihre Konsequenzen verfolgt; er hat das Lebensproblem völlig vom Weltproblem abgelöst und den Menschen allein auf sich selbst gestellt. Was darin an Begrenzung und Entsagung liegt, das bereitet ihm keinen Schmerz. Denn was gehen uns jene unzugänglichen Tiefen an? Unsere Sorgen und Schmerzen berühren sie augenscheinlich nicht, jene dunklen Mächte schädigen uns nicht, sie helfen uns nicht; die große Welt folgt lediglich eigenen ehernen Gesetzen, die keine Ausnahme und keine Milderung zugunsten der Menschen kennen.

Zudem enthält die gebotene Begrenzung eine Kräftigung unseres Lebens, die alle Verneinung weit überwiegt; wir werden unsern wahren Besitz um so mehr steigern, je mehr wir erträumten Gütern entsagen. Mag uns alles übrige unsicher werden, es bleibt uns der Mensch, der Mensch im Ganzen seines Lebens, der Mensch jenseits aller einzelner Stücke; die unabgreifbare Tatsache wird uns zu einer großen Aufgabe, wenn wir uns des ganzen Menschen bemächtigen. Die Erfahrung der Geschichte zeigt, daß der Mensch sich selbst nicht etwas Selbstverständliches ist, sondern daß er sich erst zu entdecken hat, er muß aller falschen Zutat, aller Verschnörkelung, allem von draußen Angewehten, aller künstlichen und unwahren Lebensführung entsagen.

Wiederholt hat die Menschheit sich zu sich selbst und zu ihrer eigenen unverfälschten Natur geflüchtet, wiederholt ergriff sie eine glühende Sehnsucht nach einer Herausarbeitung ihres eigenen Wesens, nach einem ungehemmten Zugang zu lauteren und kräftigeren Lebensquellen. So tat es das spätere Altertum, so tat es auch der Verlauf des 18. Jahrhunderts; namentlich hat Rousseau damals den Weg gewiesen, um das Leben sowohl von dem Schutt der Vergangenheit als von den Mißständen des Augenblicks zu befreien. Aber leiden wir heute nicht an ähnlichen Mißständen? verschwindet uns nicht oft der Mensch als Ganzes vor dem Stückmenschen, vor dem Ressortmenschen, dem sein Winkel zum Ganzen der Welt wird? vergißt nicht auch der Gelehrte wie der Künstler oft in bedauerlicher Weise den ganzen Menschen in sich selbst?

Zugleich muß sich entscheiden, welcher Weg den Menschen in den Vollbesitz seines Vermögens versetzt. Das sozialistische Leben hält dafür eine einfache und deutliche Antwort bereit: es ist die Gesellschaft, es ist das menschliche Zusammenleben, was die eigentümlichen Züge des Menschen herausbildet, das in seiner Zerstreuung Schwache, Schwankende, Unausgeprägte durch die gegenseitige Verbindung kräftigt und ihm einen festen Zusammenhang gibt. Nur die Gesellschaft kann das eigentümlich Menschliche am Menschen entwickeln und zur Entfaltung bringen, nur unter Menschen wird der Mensch zum Menschen. Die alte Wahrheit, daß der Mensch ein gesellschaftliches Wesen (ζῶον πολιτικόν, animal sociale) sei, wird nun erst voll anerkannt. Aller Vorzug des Menschen hängt daran, daß er nicht einen abgesonderten Punkt bildet, sondern nur im Zusammensein mit seinesgleichen und in Wechselwirkung mit ihnen gedeiht. Als greifbarstes Zeugnis dessen hat Aristoteles die Bildung einer Gedankensprache gegenüber den tierischen Empfindungslauten bezeichnet und allen Aufbau der Vernunft daran geknüpft. Aber er betrachtete gemäß der älteren Denkweise die Vernunft, das geistige Vermögen, als die Hauptsache, und ließ aus ihr die menschliche Art der Gesellschaft als eine bloße Folge hervorgehen; die neuere Denkweise hat mit ihrem Ausgehen von der Erfahrung das in das Gegenteil verschoben, sie erklärt die Gesellschaft als die Wurzel aller Geistigkeit, aller Erhebung über die Natur.

Die energische Durchsetzung dieses Grundgedankens liefert ein eigentümliches Gesamtbild des menschlichen Daseins, alle Größen und Werte verschieben sich wesentlich gegen die herkömmliche Fassung, alle Verzweigung der Gebiete wird von der neuen Denkweise ergriffen und ihr angepaßt. Was wir bis dahin »Vernunft« nannten, das wird nun eine menschliche Größe; teilte sich früher das Leben zwischen einem auf das Weltleben gerichteten, einem kosmischen, und einem sozialen Leben, so wird nun das gesellschaftliche Leben zu unserem ausschließlichen Bereiche. Wie hier die Gesellschaft alle Geistigkeit aus sich erzeugt und alles Leben umfaßt, so wird ihr Wohl zum höchsten aller Ziele, dies Ziel empfängt damit einen zugleich alten und neuen Sinn; als gut kann nunmehr nur gelten, was das Wohl der Gesellschaft fördert, so daß Gutes und Gemeinnütziges zusammenfallen, als wahr nur das, was innerhalb der Gesellschaft wirkt und ihre Zustimmung findet; demnach ist hier kein Platz für die alten Begriffe eines Ansichguten und Ansichwahren, es gibt kein Gutes und Wahres in jenem Sinne. Der Mensch wird damit nach dem Ausdruck des Protagoras zum Maß der Dinge; darin aber vollzieht sich eine Verschiebung, daß nicht der einzelne Mensch, sondern das menschliche Zusammensein entscheidet. Diese Wendung macht das Leben und Wirken flüssiger und elastischer, es verwirft alle Starrheit einer absoluten und selbstgenugsamen Wahrheit, es gibt dem Befinden und dem Streben des Menschen eine größere sinnliche und geistige Nähe. Mit der Aufklärung übt diese Bewegung eine eingreifende Kritik und Umwandlung des überkommenen Lebensbestandes, aber sie unterscheidet sich von jener dadurch, daß dies Wirken beim Sozialismus nicht sowohl von den Individuen als von dem Stand der Gesellschaft vollzogen wird; das macht jenes minder abstrakt und verflicht es enger mit den tatsächlichen Verhältnissen und Aufgaben, Denken und Handeln können hier unmittelbarer zusammengehen, das eine in das andere ohne Hemmung einfließen.

Aber wenn der Sozialismus seine Sorge mehr dem gesellschaftlichen Stande widmet, als die vornehmlich auf den einzelnen bedachte Aufklärung, das Grundstreben ist nahe verwandt, es gilt, das ganze Dasein der menschlichen Tätigkeit zu unterwerfen; dazu aber bedarf es an erster Stelle der Klarheit und der Kraftaufbietung, das Bündnis beider verspricht einen neuen Lebensstand, es gilt, die Vernunft zu vollem Selbstbewußtsein zu bringen, die Unvernunft gründlich auszutreiben, alle Verhältnisse zielbewußter gestalten.

Das Hauptmittel, solches Ziel der Klärung und Kräftigung zu erreichen, ist aber die Erziehung, an ihr vornehmlich liegt es, daß der Mensch sich von dem Naturstand zum Kulturstand erhebt und sich voll zum Menschen entwickelt. Sie hat alle Kräfte zu beleben und für das Leben zu verwerten, sie kann sie ins Unbegrenzte steigern, auf ihr vornehmlich begründet sich die Zuversicht auf einen unablässigen geistigen und moralischen Fortschritt des Menschengeschlechts. Aus diesem Geiste sind die Worte des Helvetius entsprungen: l'education peut tout. Antike und moderne Denkweise gehen hier weit auseinander; jene betrachtete die Begabung des Menschen als eine feste und begrenzte Größe, die nur zu voller Deutlichkeit herauszuarbeiten sei, diese dagegen sieht im Menschen einen Keim eines unbegrenzten Lebens, das sich immer neue Kräfte ausbilden kann. Damit wird die Sorge für die Erziehung zur allerwichtigsten Aufgabe, alle Mittel der Gesellschaft müssen ihr dienen. Notwendig wird es damit, den materiellen und geistigen Besitz der Menschheit jedem einzelnen zuzuführen und ihn damit ganz zu durchdringen; es entspricht aber ein solches Streben des Sozialismus einer weltgeschichtlichen Bewegung, welche die letzten Jahrhunderte immer stärker durchdrungen hat. Unermeßliche Aufgaben stehen hier vor uns; ist nicht die Kultur viel zu wenig eine Sache des ganzen Menschen und jedes einzelnen Menschen geblieben, ist sie nicht viel zu wenig ihm zu eigenem Leben geworden? Schmerzlich haben hervorragende Lehrer der Menschheit, haben Männer wie Comenius, Pestalozzi, Fröbel die Fremdheit unserer Bildung beklagt, findet der Sozialismus hier nicht sehr viel zu tun? Früher bestand eine schroffe Kluft zwischen den Höhen und den Grundlagen des gemeinschaftlichen Lebens; muß nicht alles dafür geschehen, diese Kluft zu überbrücken?

Der modernen Erziehung entspricht die moderne Humanität, verbindet sich ein eifriges Streben des Sozialismus, das Leben dem Menschen, jedem einzelnen Menschen, angenehmer und freudiger zu machen, es möglichst von Hemmungen zu befreien, Härte und Strenge durch Milde und Güte zu überwinden, einen solchen Geist auch der Gesetzgebung und der Verwaltung einzuflößen. Es kommt hier nicht nur der Gehalt, es kommt auch die Form des Lebens in Frage, sie wurde oft ungebührlich unterschätzt. Besonders war und ist es eine Schwäche der deutschen Art, das subjektive Befinden, die Zustimmung und die Neigung der Mitmenschen als nebensächlich, ja gleichgültig zu behandeln; wir pochten auf die Tüchtigkeit unserer Sache und vergaßen darüber, sie dem Menschen lieb zu machen. Es war ein kluges Wort von Aristoteles, die Speisen dürften nicht sowohl dem Koch als den Gästen schmecken, er dachte dabei an politische Aufgaben; auch uns Deutsche trifft die darin liegende Mahnung. Die anerkannte Tüchtigkeit unserer Beamten hat nicht verhindert, daß sie oft recht unbeliebt waren, der oft verwandte barsche und herrische Ton, auch ihre schulmeisterliche Art hat zum guten Teil verschuldet, daß mancher Deutsche sich in seiner Heimat wie in einem fremden Lande fühlte. Wie weit dieser Mißstand, die gegenseitige Entfremdung von Bürgern und Beamten, zurückreicht, das bekunden folgende Worte von Luther: »Doktor Martinus ist nicht Theologus und Verfechter des Glaubens allein, sondern auch Beistand des Rechts armer Leute, die von allen Orten und Enden zu ihm fliehen, Hilfe und Vorschrift an Obrigkeit von ihm zu erlangen, daß er genug damit zu tun hätte, wenn ihm sonst keine Arbeit mehr auf der Schulter drückte.« Lassen diese Worte nicht tief blicken?

Das war auch bis zur Gegenwart ein Mißstand, daß der Staat viele Opfer von seinen Gliedern verlangte, ohne ihre eigene Überzeugung und Entscheidung genügend aufzubieten; das war möglich in früheren Zeiten, wo das Leben zwangsmäßiger verlief, es wurde unmöglich bei größerer Gewecktheit der Geister.

Der Unbeliebtheit im eigenen Kreise entsprach oft eine Unbeliebtheit bei anderen Völkern; wir waren ungeschickt, unsere sachliche Tüchtigkeit zur Geltung zu bringen und die anderen dafür zu gewinnen. Die Franzosen waren uns hier weit überlegen. Zu dem ungünstigen Ausgang des Krieges hat auch das beigetragen, daß das als das Volk der Denker und Dichter gepriesene Volk seinen eigenen Überzeugungen nicht die Darstellungsgabe, die Beredsamkeit, das Feuer zu verleihen vermochte, um jene den anderen Völkern mit überlegenem Vermögen mitzuteilen; wir, d. h. zunächst die damalige Regierung, waren sehr ungeschickt, die vorhandenen Kräfte seelisch zu mobilisieren, sie zu organisieren, sie vollauf in den großen Weltkampf zu werfen. Wir setzten unsere Kraft nicht genügend an den entscheidenden Stellen ein. Für jene Deutsche war das Wort des weisen Philo ungesprochen, der Mensch lebe nicht in einer Wüste, er dürfe auch die anderen nicht mißachten, er habe nicht nur das Sein, sondern auch den Schein zu beachten. Wir aber suchten wohl eine Größe darin, die Wirkung auf die anderen als gleichgültig zu behandeln.

Gefährlicher noch war es, daß unsere Staatskunst es wenig verstand, sich mit den geistigen Strömungen der Zeit auseinanderzusetzen und sie in die eigene Bahn zu lenken. Wir glaubten z. B. die gewaltige demokratische Woge, die seit Jahrhunderten die Kulturwelt durchflutet, straflos mißachten zu können; wir übersahen dabei den großen Unterschied des Denkers und des Staatsmannes. Der Denker kann, ja, er muß sein Werk in dauernden Zusammenhängen und unbekümmert um menschliche Ansicht verrichten, der Staatsmann aber hat mit solchen Strömungen als mit gegebenen Mächten zu rechnen, wenn er nicht seine Zeit verfehlen will.

Hier wie bei den anderen Fragen verschlingt sich oft Kleines und Großes eng miteinander; beides aber hat nach sozialistischer Überzeugung dem einen Grundgedanken zu dienen, den Menschen und sein Wohl in den Mittelpunkt zu stellen. Es kommen dabei keineswegs einzelne Leistungen und Forderungen in Frage, sondern es gilt den Menschen als Ganzes umzuwandeln, ihn von zäh anhaftender Irrung zu befreien, ihn in den Vollgenuß seiner Kräfte zu setzen. In Frage steht eine durchgreifende Wertverschiebung im menschlichen Lebensstande, es gilt einen neuen Menschen auszubilden. Die erste Bedingung dessen aber ist eine feste Grundlage, wie der Sozialismus sie verheißt.

2. Nun aber gilt es, die Kraftverschiebungen und Krafterhöhungen zu verfolgen, die das sozialistische Leben fordert und erweist; es erscheint dabei als die Ausführung und Vollendung von Bewegungen, die die ganze Neuzeit durchdringen; es zieht die Summe der einzelnen Strömungen und steigert sie damit wesentlich. Es bedarf aber für sein Grundstreben einer Verschiebung und Erhöhung an zwei Hauptstellen, es bedarf einer Wendung von der Vergangenheit zur Gegenwart, und es bedarf einer Verschiebung der Kräfte in der Richtung zur Gleichheit; dort führt das sozialistische Leben einen harten Kampf gegen die Unwahrhaftigkeit, hier einen gegen die Ungerechtigkeit und die Ungleichheit des überkommenen Standes; die Verbindung von Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit des Lebens verspricht dem Ganzen sowohl eine vollere Belebung als auch einen ethischen Charakter zu geben, der die üblichen Morallehren weit übersteigt. Betrachten wir das neue Leben zunächst in seinem Verhältnis zur Zeit.

c) Der Kampf gegen die Unwahrhaftigkeit des Lebens

Eine Unwahrhaftigkeit empfindet der Sozialismus in der überkommenen Lebensführung, insofern diese das Dasein nicht aus seinen eigenen Kräften bestreitet, sondern es an vergangene Zeiten bindet, innerlich Erloschenes äußerlich festhält, dadurch ein Beleben und Verwerten des eigenen Vermögens der Zeit hindert, die Versetzung des Daseins in volle Tätigkeit hemmt. Ein großes Problem ist hier unverkennbar. Es ist ein Hauptunterschied zwischen Natur und Geist, daß dort jedes Geschehen den angetroffenen Stand der Ruhe oder Bewegung festhält, bis von außen her eine Veränderung erfolgt, daß dagegen auf geistigem Gebiete jede Betätigung einer fortdauernden Belebung bedarf, um nicht rasch zu sinken oder völlig zu verschwinden; eine unablässige Anstrengung ist notwendig, um die erreichte Höhe zu wahren. Diese Neubelebung wird aber meist nicht vollzogen, im Durchschnitt des menschlichen Daseins waltet das Trägheitsgesetz und macht aus dem Schaffen eine mechanische Gewöhnung, aus echter Gegenwart wird eine bloße Anhäufung vergangener Elemente. So verwandelt sich uns immer wieder das Datum in ein Problem, fortwährend droht die Vergangenheit die Gegenwart zu überwuchern.

Was aus solchem Zusammenstoß an Verwicklung entsteht, das trifft namentlich die Neuzeit und mit ihr auch die Gegenwart. Unsere Kultur ist geschichtlichem Boden entwachsen, denken wir nur an das Christentum, denken wir auch an die antike Welt –; aber zugleich hat die Neuzeit eine wesentlich andere Kultur hervorgebracht; nun schiebt sich Altes und Neues wirr durcheinander, zwischen verschiedenen Welten geteilt, droht die moderne Welt einer argen Unwahrhaftigkeit zu verfallen. Der Kampf dagegen ist schon von der Aufklärung kräftig aufgenommen, aber immer neu erwachsen Hemmungen und Widerstände; der Sozialismus darf es sich zum entschiedenen Verdienst rechnen, die Geschichte der Gegenwart möglichst zu nähern und seine Hauptstellung in der Gegenwart zu nehmen, durch eine gründliche Verschiebung das Tempo des Lebens möglichst zu beschleunigen. Manche Einrichtungen und Zustände hatten ein Recht für eine besondere Zeit, aber dies erhielt sich weit über sein wahres Bedürfnis hinaus; vieles, was vordem als ein Gut galt, hat der Verlauf der Geschichte in ein Übel verkehrt; ist es nicht wichtig, ja, notwendig, damit gründlich aufzuräumen? Punkt für Punkt gilt es hier, eine Wendung von einem halbwachen und gebundenen Leben zu einem vollgeweckten und selbsttätigen zu vollziehen. Damit erlangt der Fortschrittsgedanke eine überragende Macht; ihn treibt letzthin ein Verlangen des modernen Menschen nach einer Unbegrenztheit des Lebens; von der Höhe des philosophischen Denkens hat es sich mehr und mehr über das ganze Leben ausgebreitet. Zugleich aber ward ein starkes Bedürfnis hervorgerufen, Veraltetes und Aufstrebendes scharf und gründlich zu scheiden.

Denken wir nur an die Religion! Wie viele Widersprüche enthält ihr gegenwärtiger Stand, und wie schmerzlich entbehren wir einer vollen Wahrheit! Wir lassen uns das kirchliche Weltbild mit seinen sinnlichen Wundern ruhig gefallen; zugleich aber stehen wir zur modernen Naturwissenschaft mit ihrer streng kausalen Denkweise; wir begründen unsere religiösen Überzeugungen auf Tatsachen geschichtlicher Art, zugleich aber macht unsere historische Denkweise und Kritik sie uns unsicher, ja, vielfach unglaubwürdig; wir gestalten das Weltbild unabhängig von allen menschlichen Größen und Werten, aber zugleich verwendet unsere religiöse und persönliche Überzeugung derartige Größen, die doch der modernen wissenschaftlichen Denkweise nur als mythologische Gebilde gelten. Der Widerspruch reicht über die Begriffe hinaus, er spaltet den Grundtrieb des Lebens. Der Mensch gilt uns in der Religion als ein schwaches und übernatürlicher Hilfe höchst bedürftiges, in der Kultur als ganz auf sein eigenes Vermögen gestelltes und zur Weckung aller seiner Kräfte berufenes Wesen. Der tiefste Grund der Verwicklung lag dabei in dem Hervorbringen einer besonderen geschichtlichen Lage durch das Christentum, die dauernd festgelegt wurde, obwohl sie dem Fortgang der Bewegung nicht entsprach. Zur Zeit seines Entstehens war der mittelländische Kulturkreis arg geschwächt und entbehrte eines frischen Lebenstriebes, zugleich erschienen neue Völker, denen eine alte Kultur erst zu übermitteln war; das Zusammentreffen dessen ergab eine eigentümliche Lebenssynthese, die damals jenen Völkern einen Halt und ein Ziel gewährt hat. Aber inzwischen sind gewaltige Umwandlungen des Gesamtlebens erfolgt; sollen wir nun die brausende und schäumende Gegenwart mit ihren großen Problemen von der Vergangenheit aus beleuchten und sie nach dort empfangenen Werten messen? Soll eine längst vergangene Zeit unser Leben beherrschen? Noch tiefer greift der Widerspruch, den der Positivismus in unserem Lebensstande entdeckt hat und den der Sozialismus bereitwillig aufnimmt: die ganze Religion ist nach ihm nur eine historische Kategorie, eine Vermenschlichung der Wirklichkeit, welche aus einer besonderen, gegenwärtig überholten Lage hervorgegangen ist; die Vermenschlichung klar durchschauen, das heißt sie zerstören; ist es dem Sozialismus zu verdenken, wenn er die volle Konsequenz aus solcher Einsicht zieht?

Auch dem politischen und dem sozialen Gebiet droht ein Unwahrwerden durch ein Überwiegen der Vergangenheit über die Gegenwart. Zunächst ist es klar, daß uns heute eine Fülle von Rechten, Einrichtungen, Anschauungen umgibt, welche die Gegenwart längst entwurzelt hat, die aber fortfahren als unsere eigenen zu gelten und eine schädigende Wirkung zu üben. Die Summe dessen droht das Ganze des Lebens zu einem Halbleben und zu einer Halbüberzeugung herabzusetzen. Das hat besonders deshalb große Folgen, weil das l9. und mehr noch das 20. Jahrhundert tatsächlich große Wandlungen aller politischen und sozialen Verhältnisse gebracht hat. Es verdeckt uns bei solchem Durcheinander die Vergangenheit vielfach die Gegenwart, wir sehen die Dinge im Licht einer anderen Zeit und schwächen damit das eigene Leben. Solches Übersehen der Gegenwart trifft nicht nur eine ferne Zeit, es reicht bis in die nächste Nähe hinein; wir Deutsche zeigen uns vielfach als ungeschickt, das Leben in vollen Fluß zu bringen und den Forderungen des Tages zu genügen. Wir leben in einem viel zu schleppenden Tempo und lassen kostbare Augenblicke ungenutzt verstreichen. Denken wir nur an die langjährige Verzögerung der preußischen Wahlrechtsordnung! Sahen wir nicht die großen politischen und wirtschaftlichen Wandlungen, die um uns vorgingen? Sahen wir nicht die Ungerechtigkeit, die Gefährlichkeit des überkommenen Standes? Wir sahen es, und wir sahen es nicht; wir waren zu träge, die Widerstände zu überwinden und der Gegenwart ihr Recht zu geben. – Auch den österreichischen Staat sahen und behandelten wir im Licht der Vergangenheit, in der Glorie früherer Zeiten. So entgingen uns die gewaltigen Veränderungen, welche der Aufstieg und die Scheidung nationaler Kreise mit sich brachten. Jede Reise nach Prag, nach Krakau, nach Pest konnte uns jene Verschiebungen vor Augen stellen, aber geistig blieb das Auge unserer Staatsmänner dafür verschlossen; so sahen wir nicht, wie morsch das Gebäude war, das unsere äußere Politik und damit unser Schicksal trug. Der Sozialismus erwehrt sich solcher geistiger Blindheit, er will das Gesamttempo der Bewegung gründlich umwandeln und das Leben vollauf in die Gegenwart stellen.

Auch den Stand der Kultur haben wir viel zu sehr als ein Schicksal über uns ergehen lassen. Unser Geistesleben enthält sehr verschiedene Bestandteile: Griechentum, Römertum, Germanentum, Christentum, Mittelalter, moderne Entwicklung haben dabei zusammengewirkt; wir leben und zehren von der Geschichte. Aber wir setzen nicht die genügende Kraft daran, eine überlegene und umfassende Gegenwart zu bilden und diese der Geschichte selbsttätig zu verketten; infolgedessen ist unsere Kultur viel zu sehr eine gelehrte Kultur geblieben, statt eine volle Menschen- und Geisteskultur zu werden. Dabei wird leicht eine vorübergehende Lage als endgültig genommen und ihr unser Handeln unterworfen; wir verkennen oft die Bedingungen, unter denen die geistige Bewegung förderlich war. Es war z. B. eine besondere Lage, aus der die Höhe des deutschklassischen Lebens emporstieg; für sie war besonders wichtig die enge Verbindung von deutschem und griechischem Leben; in diesem sah jene Zeit ein verklärtes Bild des eigenen Strebens, die Griechen erschienen damals als die Hauptvertreter echter Menschlichkeit und hehrer Schönheit. Aber dürfen wir das belebende Band vergessen, das jener besonderen, geistig gehobenen Zeit die Wechselwirkung fruchtbar machte? Dürfen wir dauernd jenen begeisterten Humanisten die Führung unseres höheren Schulwesens übertragen, und dürfen wir dauernd unsere Lehrpläne danach bemessen?

Was aus solcher Lebensrichtung an Gefahren für ein frisches und ursprüngliches Leben erwächst, das durchdringt unser ganzes Leben. Unser Stolz ist die deutsche Gründlichkeit, und von diesem Vorzug wollen wir nicht lassen. Aber aus dem Vorzug kann leicht eine Schwäche werden, indem wir ins Schwerfällige und Umständliche verfallen; wir lieben es, unser Lebensschiff mit manchem Ballast zu beladen, und verzögern damit seinen Lauf; wie viel hätte z. B. ein genialer Denker, wie Leibniz, der Menschheit und seinem Volk sein können, wenn er die Grundzüge seines Denkens nicht mit so vielen Zutaten behängt hätte? Wir stellen gern unser Leben auf die breite und feste Grundlage einer geschichtlichen Bildung, aber wir ergeben uns oft einem gelehrten Historismus, der Leben und Wissen zusammenwirft und die eigene Überzeugung nur als einen Anhang fremder Meinungen gibt. Noch immer ist der Vorwurf der Frau von Staël nicht veraltet, der Deutsche sei überall zu Hause, nur nicht bei sich selbst, er sei mit allen Zeiten vertraut, nur nicht mit der Gegenwart. Die Aufklärung dachte enger, aber sie dachte klarer und kräftiger, sie dachte in schroffen Gegensätzen, während die deutsche Art sich oft einem bequemen Sowohl-Alsauch ergibt.

Demgegenüber bedeutet es viel, wenn der Sozialismus die schwere Bürde der Geschichte entschlossen abwirft und das Leben der unmittelbaren Gegenwart anvertraut; er denkt mit Parazelsus, dem Führer der modernen Medizin: »Was nützt der Regen, der vor tausend Jahren gefallen ist? Der nützt, der jetzt gegenwärtig fällt! Was nützt der Sonnenlauf vor tausend Jahren das jetzige Jahr!« Er fordert demnach eine durchgreifende Revision unseres gesamten Kulturbesitzes, ein kräftiges und unter Umständen rücksichtsloses Hervorkehren alles dessen, was eben die Gegenwart bietet und was sie fordert, damit die Welt uns vollauf zum eigenen Besitz, nicht zu einer Fremde werde.

Wenn aber der Sozialismus eine solche Belebung und Verjüngung erstrebt, so liegt es ihm nahe, sich an erster Stelle an das jüngere, das eben aufstrebende Geschlecht zu halten und seine Gesinnung zu gewinnen zu suchen. Wurde sonst den Alten der Vorzug der Weisheit, der Lebenserfahrung, der Umsicht zuerkannt, so neigt die sozialistische Denkweise zu einer Umkehrung, ihre Hoffnung richtet sich auf die Jungen, da sie den Quellen des Lebens näher zu stehen, sowie kräftiger und ursprünglicher zu denken scheinen. So dünkt ihre Betätigung und Zustimmung besonders wichtig und wertvoll; demgemäß werden die Grenzen des Alters durchgängig möglichst herabgesetzt und in den Einrichtungen möglichst die Jungen zur Selbstbestimmung und Beratung aufgefordert; durch das alles geht ein zuversichtlicher Glaube an einen unablässigen Fortschritt des Menschengeschlechts; alle Vergangenheit verblaßt hier vor den Aufgaben und den Hoffnungen der Zukunft. Zum Hauptproblem wird die Verjüngung der Menschheit, wird zugleich die Austreibung aller Unwahrhaftigkeit aus den Gesinnungen und aus den Einrichtungen des gemeinsamen Lebens. Wir haben uns später mit diesem Lebenszuge auseinanderzusetzen; jedenfalls hat das Wort ein gutes Recht: Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft.

d) Der Kampf gegen die Ungleichheit

Dem Kampf zwischen Gegenwart und Vergangenheit geht zur Seite beim Problem der Gleichheit ein Kampf zwischen Vernunftforderung und menschlichen Zuständen, auch hier handelt es sich nicht um einzelne Mängel und Fehler, sondern um eine Wandlung des Lebensprozesses; der Sozialismus gewinnt dabei seine Macht namentlich dadurch, daß er ein Jahrtausende durchwaltendes Streben abschließt und es ins Ganze und Prinzipielle hebt. Die Forderung der Gleichheit, einer gleichmäßigen Beteiligung aller Lebensträger, wächst ihm aber durch die Überzeugung, daß alle Ungleichheit eine Ungerechtigkeit bedeute, die einem vollgeweckten Vernunftwesen unerträglich sei. Nirgends mehr als hier trägt diese Lebensführung einen ethischen Idealismus, indem sie eine Vernunftforderung in alle ihre Folgen begleitet, sie gegen die härtesten Widerstände der Erfahrung durchsetzt, ihr alle Verhältnisse unterwirft. Es geht aber die Forderung der Gleichheit und der Gerechtigkeit sowohl auf die einzelnen Persönlichkeiten als auf die verschiedenen Lebensverhältnisse; auch diese seien in der Richtung der vollen Gleichheit und Gleichwertigkeit gestaltet.

Eine große Spannung ist hier unverkennbar; das Dasein zeigt die Menschen als höchst ungleich: ungleich macht uns die Natur sowohl körperlich als seelisch, ungleich macht uns über die Natur hinaus die Kultur mit ihrer wachsenden Differenzierung, ungleich macht uns auch die überlieferte Gesellschaft; was haben wir einem solchen Strom der Tatsächlichkeit entgegenzusetzen? Wir haben nichts anderes dagegen aufzubieten als unser Denkvermögen, aber an diesem einen Punkt, an diesem zugleich äußerlich verschwindenden, innerlich aber höchst mächtigen Vermögen hängt alles, liegt der Aufstieg einer weltgeschichtlichen Bewegung, welche ungeheure Wirkungen hervorgetrieben hat und sie fortwährend hervortreibt. Das Problem hat eine reiche innere Geschichte, deutlich scheiden sich dabei eine religiöse, eine rationale, eine politische, eine sozialistische, eine kommunistische Art der Gleichheit. Es hat sich diese Bewegung mehr und mehr vom Unsinnlichen ins Sinnliche gewandt und aus Gedankenmächten soziale Forderungen abgeleitet.

Im Verlauf der Geschichte war es zuerst die Religion, welche der Ungleichheit widersprach und aus dem gemeinsamen Verhältnis aller Menschen zu Gott, dem Urgrund alles Lebens, eine innere Gleichheit alles Menschenwesens erschloß; denken wir nur an die markigen Worte Luthers: »Ob wir vor der Welt nie gleich sind, so sind wir doch vor Gott alle gleich, Adams Kinder, Gottes Kreatur, und ist jeder Mensch des anderen wert.« Auch der Gedanke eines allgemeinen Priestertums der Gläubigen verfolgt diese Richtung. Aber wie die überkommene Religion scharf ein Jenseits und ein Diesseits trennte, so verlieh sie jener Überzeugung keinen tiefen Einfluß auf den Weltstand; wohl brachte sie eine gewisse Milderung, auch eine Stätte, wo die Gegensätze verblaßten, aber sie sah in der Ungleichheit keine Ungerechtigkeit. Sie tat das namentlich aus der zuversichtlichen Erwartung einer überweltlichen Herrlichkeit, die keine Unterschiede kannte, ja, wo die Armen und Unterdrückten der höchsten Macht besonders empfohlen schienen. Der heutige Sozialismus aber läßt sich nicht durch jene Aussicht vertrösten, ihm genügt nicht eine Gleichheit der Hoffnung und der Erwartung.

Der Zug der weltgeschichtlichen Bewegung ging von der Religion zu einer Vernunftkultur, die persönlichen Größen wurden durch unpersönliche ersetzt. Schon im späteren Altertum gewann diese Denkweise einen nicht geringen Einfluß, ihre Höhe erreichte sie aber erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit der Aufklärung; sie begründete den Gleichheitsgedanken nicht sowohl auf das Verhältnis zu Gott, als auf die allen Menschen innewohnende Vernunft; gleich Descartes berief sich auf die Gleichheit der Vernunft bei allen Menschen ( rationem quod attinet, quia per illam solam homines sumus, aequalem in omnibus esse facile credo), der Fichtesche Gedanke von der Gleichheit alles dessen, was menschliches Angesicht trägt, hat das nur anschaulicher ausgeführt, vom philosophischen Denken hat sich dann der Gleichheitsgedanke allmählich in die Seelen eingesenkt und nach und nach auch die Weltverhältnisse ergriffen. Die der französischen Revolution vorangehenden Bewegungen standen zunächst unter dem Zeichen der politischen Freiheit, nicht dem der wirtschaftlichen Gleichheit, mehr und mehr gewann aber der Gleichheitsgedanke die Oberhand und erzeugte stürmische Bewegungen. Er zerfiel dabei in zwei verschiedene Fassungen, in eine mehr negative und in eine positive; auch diese erklärte alle Menschen als gleich, aber sie fand den Hauptinhalt der Gleichheit darin, jedem einzelnen das gleiche formale Recht zuzuerkennen und sich aus eigener Kraft auszubilden; die tatsächliche Ungleichheit der Individuen wurde nicht bestritten. Die positive Fassung jenes Gedankens forderte dagegen eine völlige und unbedingte Gleichheit aller Individuen; alle Ungleichheit erschien hier als ein schweres Unrecht, das nur eine Folge äußerer Umstände, namentlich des Besitzes und der Erziehung, sei; so sei es mit allen Mitteln ausgetrieben und eine unbedingte Gleichheit verlangt. In der französischen Revolution vertrat die Gironde die negative, der Berg die positive Fassung der Gleichheit. Als letzter Abschluß der Bewegung entstand ein reiner Kommunismus (Babeuf); er wurde rasch gewaltsam unterdrückt, aber er hat, wie wir wissen, seine Rolle keineswegs ausgespielt.

Der Gleichheitsgedanke hat sich aber nicht nur des einzelnen Menschen, sondern auch seiner Lebensführung und seiner Arbeit bemächtigt und sich immer tiefer in sie eingegraben; es sei hier nur an einzelne Züge erinnert. Der Gleichheitsgedanke stellt die Idee der Menschheit allen Unterschieden voran und macht sie zum Maß für alle gemeinsamen Verhältnisse; der höhere Grad der Allgemeinheit entscheidet über den Wert der Lebensbildungen.

So steht hier das Ganze der Menschheit vor dem besonderen Volk, und das Ganze der Volksgemeinschaft vor allen einzelnen Elementen; wie dem Menschen die Zugehörigkeit zum Gesamtbegriff der Menschheit seine Bedeutung verleiht, so muß alle Scheidung in Klassen verschwinden, eine klassenlose Gesellschaft wird damit zum Ideal.

Dies ergibt ein eifriges Streben, die Abstände der Menschen zu verringern und sie möglichst zu völligem Verschwinden zu bringen; so im Staatsleben, so im Bildungswesen, so beim Wahlrecht; die Gleichheitsidee wird zu einem hohen Wertbegriff, sie zwingt alles zu vermeiden, was den einen über den anderen hinaushebt und ihn in der Schätzung nicht nur der anderen, sondern auch seiner selbst herabdrückt. Großes und Kleines verband sich dabei eng miteinander; wir Deutschen z. B. hatten die Neigung, künstliche Unterschiede auszubilden, die Menschen in verschiedene Klassen einzuteilen; das mußte das Bewußtsein einer Gemeinschaft schwächen und das Interesse für das Ganze vermindern. Wir vergaßen oft über den Unterschieden der Volksschule und der Gelehrtenschule die Aufgabe einer gemeinsamen Menschenbildung, sowie über der Abstufung niederer, mittlerer, höherer Beamten die durchgehenden Aufgaben des Beamtentums; es ging das bis ins kleine und kleinliche hinein; gewisse Waffengattungen dünkten sich »vornehmer«, auch unsere akademische Welt scheute nicht die sprachliche Ungeheuerlichkeit eines Dr.-Ing., um nur deutlich zu machen, daß die Universitäten als die älteren sich auch für die vornehmeren betrachten. Solche Tatsache muß gegenwärtig halten, wer die elementare Macht der Bewegung zur Einheitsschule voll würdigen möchte, sie ist mehr politischer als pädagogischer Art.

An der Scheidung verschiedener Stände ist viel gerüttelt worden, und es hat die Zeit mit ihrer schroffen Fassung weit über den Sozialismus hinaus gebrochen, aber der Sozialismus darf sich rühmen, die Bewegung ins Prinzipielle gehoben und sie in allen Konsequenzen ausgeführt zu haben.

Wie diese Denkweise aller schroffen Scheidung menschlicher Tätigkeit widersprach, so konnte sie auch die übliche Schätzung der menschlichen Arbeit nicht unberührt lassen. Seit Jahrtausenden standen geistige und körperliche Arbeit als verschiedenwertig gegeneinander, es dünkte wohl als ein Zeichen idealistischer Denkart, die geistige, namentlich die intellektuelle Tätigkeit, aller körperlichen und handwerksmäßigen unvergleichlich vorzuziehen. Inzwischen haben die Verhältnisse sich wesentlich verschoben; mochte schon Aristoteles aus griechischem Geiste heraus die Hand als das Werkzeug der Werkzeuge schätzen, und hat uns Pestalozzi über die Bedeutung der Hand für die geistige Bildung genügend belehrt, jetzt erst wird vollauf anerkannt, wie sehr auch hier die Gebiete zusammenfließen, und wie in unserem Leben alle Verzweigung der Arbeit von geistiger Anstrengung und Leistung getränkt wird; weit mehr Gedankenübung und Technik ist in unsere alltägliche Arbeit gekommen, immer mehr verwischen sich die Grenzen dessen, was uns früher als Höheres und Niederes galt; mehr und mehr haben sich auch auf diesem Gebiete die Gegensätze der Qualität in quantitative Unterschiede verwandelt und weicht die schroffe Scheidung früherer Zeiten einer fortlaufenden Linie.

Die Entwicklung dessen bringt einen gewaltigen Wandel in den Gesamtstand der Gesellschaft. Lange Jahrtausende hatten unter verschiedenen Formen die Menschheit in eine kleinere und in eine weit größere Hälfte geschieden, bald war es die Rasse, bald die persönliche Freiheit, bald der Besitz, bald die Bildung usw., welche dabei den Ausschlag gab. In Deutschland erreichten nicht mehr als fünf Prozent der männlichen Jugend die Höhe voller akademischer Ausbildung. Diese fünf Prozent schienen den Grundbestand der Kultur auszumachen, sie gaben das Maß für die Bildung des ganzen Volkes; mochte in dieser Richtung manches verbessert und weit mehr Zusammenstreben in die Verhältnisse gebracht sein, es verblieb dabei, daß die volle Höhe der Entwicklung den meisten nur in begrenzter, oft kümmerlicher Weise zugeführt wurde, es blieb eine Scheidung geistiger Stände, eine Scheidung von Gebildeten und Ungebildeten.

Je ernstlicher aber uns diese Kluft der Menschheit beschäftigt, desto zwingender wird die Frage, ob sie notwendig sei, ob sie sich nicht durch menschliches Denken und Wollen heben lasse; diese Frage aber führt auf die überragende Bedeutung des wirtschaftlichen Faktors und auf sein Vermögen, die Ungleichheit zu überwinden. Je mehr das Gleichheitsstreben des Menschen die Verzweigung der Verhältnisse durchdringt, desto schmerzlicher, desto unerträglicher wird der Widerspruch zwischen einer bloßformalen Gleichheit und den tatsächlichen Verhältnissen. Wohl erhalten die einzelnen Bürger gleiche Rechte, es steht ihnen frei, alle materiellen und geistigen Güter zu erstreben, aber verwenden und ausnutzen können sie jenes Recht nur auf Grund eines gewissen Besitzes; der Besitzlose geht leer aus, für ihn bleiben jene Güter bloße Möglichkeiten. Nun ist schon die physische Selbsterhaltung voller Mühe und Gefahren. Diese müssen um so verbitternder auf die Seelen wirken, je schroffere Gegensätze die moderne Entwicklung des Wirtschaftslebens hervortreibt. Neuyork ist die Stadt der Milliardäre, und deren Zahl wächst unablässig; aber zugleich ist dort ärztlich festgestellt, daß im Jahre 1914 unter den untersuchten Kindern fünf Prozent unterernährt waren, daß aber im Jahre 1919 diese Zahl auf neunzehn Prozent stieg. Wieviel geben solche Zahlen zu denken! Dazu ist die Empfindung für derartige Mißstände gegen frühere Zeiten stark gewachsen; was uns sonst als ein unabwendbares Schicksal zufiel, das erscheint jetzt als die Schuld menschlicher Einrichtungen; so haben die Klassenunterschiede sich zu schroffen Klassengegensätzen verschärft.

Besonders schwer empfunden wird dabei die Schwierigkeit eines geistigen Aufstiegs bei den Besitzlosen. Wohl erklommen einzelne Glieder der arbeitenden Klassen höhere Stufen; aber es geschah das nur durch einen glücklichen Zufall und durch Hilfe einzelner Menschenfreunde; eine solche Lage erscheint uns jetzt nicht nur als ein Unrecht gegen die Bevorzugten, sondern auch als eine Schädigung der Menschheit, welche die Leitung ihrer Angelegenheiten den Tüchtigsten aller Bevölkerungsklassen anvertrauen möchte. Manches ist in dieser Richtung schon geschehen, aber es blieb dem Sozialismus vorbehalten, die volle Kraft an diese Aufgabe zu setzen und durch staatliche Einrichtungen die Fürsorge ins Große und Sichere zu heben. Der Sozialismus braucht die Schwierigkeit dieser und verwandter Probleme nicht zu übersehen, er kann gewisse Grenzen wirtschaftlichen Vermögens vollauf anerkennen, aber es macht einen erheblichen Unterschied, ob wir uns jene Grenzen schlechthin gefallen lassen, oder ob wir allen Eifer daran setzen, sie zurückzuschieben und damit den Menschen von eigener Schuld möglichst zu entlasten.

So verstanden, wird der Gleichheitsgedanke zu einer zwingenden Forderung der Gerechtigkeit, zu einem Triumph der Vernunft über die Unvernunft menschlicher Verhältnisse, zu einem Sieg des Ganzen der Menschheit über die Interessen einzelner Klassen oder Individuen.

3. Die frühere Forderung einer Versetzung des Lebens in volle Gegenwart, sowie die eben erwähnte Forderung, alle Kräfte gleichmäßig zu entwickeln und sie zu einem ungeschiedenen Ganzen zu verbinden, erzeugt eine eigentümliche Wirklichkeit, die nur noch eines festen Aufbaues bedarf, um allen Widerständen gewachsen zu sein. Diesen Aufbau liefert aber dem Sozialismus ein Zusammenwirken von Sozialisierung und Ökonomismus. Wie bei den früheren Aufgaben, wird er auch hier das Dasein energischer zusammendrängen, es unmittelbar auf den menschlichen Stand begründen, damit aber dem Leben mehr Kraft, Selbstbewußtsein und Freude verleihen. Befassen wir uns zuerst mit der Sozialisierung, die den Kern dieser Lebensführung bildet.

e) Die Forderung einer Sozialisierung

Die Sozialisierung erst gibt dem sozialistischen Leben eine feste Verkörperung, sie unternimmt zuversichtlich den Kampf gegen die Zerstreuung und den Egoismus der Individuen, sie führt den Gemeinschaftsgedanken aus dem Reich der Wünsche und Träume zu voller Wirklichkeit und läßt ihn das ganze Dasein des Menschen beherrschen. Die fest organisierte Gesellschaft wird hier zum Träger aller Werte. Vor allem werden die ethischen Überzeugungen sich wesentlich umgestalten, wenn die Sozialisierung ihnen ein festes Ziel und einen sicheren Halt gewährt.

Nach verschiedenen Richtungen verspricht die Sozialisierung erhebliche Vorteile. Zunächst wird ihre volle Zielbewußtheit und ihre Verkettung aller einzelnen Kräfte durch den Willen der Gesamtheit die Arbeitsleistung des Ganzen weit erfolgreicher machen und ihm alle Hemmungen und Reibungen fernhalten. Das Ganze kann glatter verlaufen, Überflüssiges wegfallen, die einzelnen Kräfte werden sich gegenseitig unterstützen und fruchtbarer ineinandergreifen. – Aber so schätzbar dieser Gewinn der Leistung, er bildet nicht die Hauptsache, diese ist vielmehr ethischer Art, es gilt, ein neues Verhältnis des Menschen sowohl zu seinen Genossen als zum Gegenstand seiner Arbeit auszubilden und ihn unmittelbarer mit beiden zu verbinden. Die überlieferte Art der Arbeit richtete den Menschen vornehmlich auf seinen eigenen Nutzen, sie trieb ihn vornehmlich, an sich selbst zu denken. Das hatte so lange einen triftigen Grund, als die Lebenskreise geschieden waren, als jeder seinen eigenen Acker bestellte, jeder sein besonderes Handwerk ausübte, jeder die Früchte seiner eigenen Arbeit genoß. Dieser Stand wurde aber zu einem unerträglichen Mißstand, sobald die moderne Arbeit ihren unterscheidenden Charakter entwickelte. Denn nunmehr löste sich die Arbeit mehr und mehr von ihren Trägern ab und ging ihre eigenen Wege. Mochte sie unter der Herrschaft der Technik die Naturkräfte in unbegrenzter Weise in den Dienst der Menschheit stellen: sie machte den einzelnen Arbeiter wehrlos, ihre Riesenkomplexe raubten ihm alle Selbständigkeit, das Kapital aber erlangte eine unbegrenzte Macht und ließ ihn lediglich fremden Zwecken dienen, er wurde eine bloße Ware, die der Marktwert bestimmt. So geriet die Menschheit unter einen schroffen Gegensatz zwischen »Kapital und Arbeit«, beide wurden unversöhnliche Gegner. Demgegenüber erwuchs der gewaltige Emanzipationskampf des Arbeiterstandes, welcher besonders die Gegenwart charakterisiert, er nahm sein Schicksal selbst in die Hand und gewann mit solcher Wendung eine innere Größe, eine wachsende Macht, eine volle Selbständigkeit. Solange aber jener Zwiespalt dauerte, konnte der Arbeiter keine innere Teilnahme an seiner Arbeit nehmen, sie blieb ihm bei aller Aufbietung seiner Kräfte fremd, ja verhaßt. Wie aus jener Wendung eine große weltgeschichtliche Bewegung hervorging, das hat Marx nach der Art der Hegelschen Dialektik klar und scharf ausgesprochen; nach ihm bedeutet die »kapitalistische Phase« die erste Negation des individuellen, auf eigene Arbeit gegründeten Privateigentums; nun wird der Fortgang der Bewegung diese Negation negieren und aus der Überwindung der Gegensätze eine höhere Stufe hervorgehen lassen.

Gewiß ist hier manches zu dogmatisch und zu summarisch gefaßt, aber es bleibt eine weltgeschichtliche Wendung, daß ein großer Teil der Menschheit ein bloßes Objekt und Mittel der Tätigkeit wurde, nicht aber ein selbständiges Subjekt; daß er dieses wurde, das muß alle bisherigen Verhältnisse umgestalten. Die Sozialisierung aber ist der Weg, auf dem sich jene Wendung vollzieht. Nunmehr wird der Arbeiter aus einem Diener zum Herrn des Werkes; nunmehr kann dieses durch Vermittlung der Gemeinschaft die Gesinnung der Handelnden gewinnen, nunmehr entsteht über die Leistungen hinaus eine Zusammengehörigkeit der Gesinnungen, eine Solidarität aller Genossen. Es läßt sich nunmehr der Arbeit ihren oft schmerzlich empfundenen unpersönlichen Charakter, wenn auch nicht gänzlich aufheben, so doch mindern und mildern, wenn der Mensch seine ganze Persönlichkeit, all sein Sinnen und Trachten an die gemeinsame Sache setzt und in ihrem Gelingen sich selbst bejaht. Zuversichtlich erhebt sich hier die Hoffnung eines Lebens, das mehr Liebe und mehr Wohlwollen in sich trägt. Wohl hat früher auch die Religion nach dieser Richtung gewirkt, aber nicht nur ist ihr Inhalt anfechtbar, ihr Streben hat auch im Gelingen mehr den Gefühlsstand als den Kern des Lebens ergriffen.

Die von der Sozialisierung vollzogene Wendung entspricht dabei der Gesamtbewegung der Kultur. Denn überall gewinnt uns jetzt das Leben einen überindividuellen und übernationalen Charakter, es entsteht eine Weltwirtschaft, welche die einzelnen Völker wirtschaftlich immer enger verbindet, die jetzige Wissenschaft geht durch die ganze Welt, selbst die Religionen möchten die alten Gegensätze, wenn nicht aufheben, so doch mildern, die Menschheit sucht jetzt mehr als je ihr Heil in der Gemeinschaft und verrichtet ihr Werk als ein zusammenhängendes. Nun gilt es auch, vollen Ernst mit dem schon vor 200 Jahren von dem edlen Menschenfreunde Abbé de Saint Pierre (1713-1717) erstrebten Völkerbunde zu machen, die Kriege als unerträgliche Schädigung des gemeinsamen Wohls auszurotten und zwischen allen Völkern einen Bund der Eintracht und Freundschaft zu stiften; so gibt die von der Sozialisierung quellende Gesinnung der Menschheitsidee zugleich einen festen Grund und eine greifbare Nähe. Demnach kann der Mensch in dieser Gedankenwelt unmittelbar durch den Menschen wachsen und seine Höhe im Menschen suchen.

f) Die Forderung eines Ökonomismus

Demnach eröffnet die Sozialisierung große Aussichten. Aber werden die Mittel zur Erreichung so großer Pläne auslangen? Wird der hier verkündete Idealismus nicht scheitern an der Härte der sinnlichen Bedingungen, welche unser Leben und Streben beherrschen, wird das Geistige nicht der Übergewalt des Sinnlichen unterliegen? Eine solche Wendung ist nicht zu verhüten, wenn nicht Sinnliches und Geistiges enger verbunden werden, und wenn nicht die Vernunft die Leitung des Ganzen erhält. Dies aber erstrebt die Ökonomisierung, wie der Sozialismus sie versteht, und wie sie sich eng an die Sozialisierung anschließt; es gilt, hier einmal die überragende Bedeutung der wirtschaftlichen Aufgabe vollauf anzuerkennen, zugleich aber den Sinn des Ganzen zu verändern und zu veredeln. Wir werden sehen, wie viel die weltgeschichtliche Bewegung hier an dieser Stelle zu tun hat, und wie große Wandlungen der Verlauf der Zeit gebracht hat.

Zunächst beherrschte den Menschen ganz und gar die physische Selbsterhaltung, zunächst mußte er ganz und gar einer bald freundlichen, bald feindlichen, im Grunde aber gleichgültigen Natur sein Dasein abringen, erst nach und nach konnten andere Aufgaben eine Anziehungskraft erlangen und einen selbständigen Wert gewinnen. Es galt nach dem Aristotelischen Ausdruck zuerst überhaupt zu leben (ζῆν), dann erst wohl zu leben (εὖ ζῆν). Einem Kulturvolke ist es wesentlich, dabei eine bestimmte Richtung zu verfolgen; wir wissen, daß hier namentlich die griechische Kultur mit ihren Zielen auf uns stark gewirkt hat, und daß im besonderen Aristoteles eine genaue Formulierung des Grundstrebens gebracht hat, welche Jahrtausende beherrscht hat. Er unterschied deutlich das Nützliche, das nur der Selbsterhaltung dient, und das Schöne, das dem Leben einen Wert und eine Freude bei sich selbst verleiht. Als Hauptaufgabe erschien hier, den ganzen Umfang des Lebens in Tätigkeit zu setzen, die einzelnen Betätigungen aber nicht nebeneinander zu stellen, sondern sie zu einem Gesamtwerk zu verbinden, das in seiner Selbstdarstellung unmittelbar die Vollbefriedigung des Ganzen, die Glückseligkeit (εὐδαιμονία), als den höchsten Zweck in sich trägt. In deutlicher Abstufung scheidet dies Leben einen Grundbestand und Daseinsbedingungen, jener liegt in der inneren Tüchtigkeit, die äußeren Güter aber sind nicht Selbstzweck, sondern nur Bedingungen; nur jener Grundbestand gibt ihnen einen Wert; er setzt ihnen zugleich eine feste Grenze, die ein vernunftgemäßes, echtes Glück erstrebendes Leben nicht überschreiten sollte. Diese scharfe Scheidung von Zwecken und Mitteln beherrschte auch die Gemeinschaft, welche Aristoteles nach griechischem Vorbilde als einen engbegrenzten Stadtstaat oder Gemeindestaat faßt. Wie dieser Staat an den einzelnen Persönlichkeiten hängt, so entsprechen sich genau die Zwecke der Gemeinschaft und die des einzelnen, wie der einzelne, so soll auch das Ganze nicht die Sorge um die materiellen Güter zur Hauptsache machen, es soll den unbegrenzten Erwerbstrieb der einzelnen als etwas Niederes mit allen Kräften einschränken und bändigen, es soll im besonderen alles Jagen nach Geld um des Geldes willen als eine gefährliche Verirrung verpönen. Wie diese Lebensordnung die wirtschaftliche Betätigung lediglich als ein Mittel für höhere Ziele betrachtet, so faßt sie jene nicht in ein Ganzes zusammen, so konnte sie ihr daher auch keine Eigengesetzlichkeit zuerkennen.

Jene Scheidung zog sich auch durch die christliche Welt; wohl hat die Religion hier verschiedenes ergänzt, umgebogen, gemildert, aber die nähere Gestaltung verblieb der Aristotelischen Lehre, deren Bekämpfung des Wuchers Lactantius auf den christlichen Boden verpflanzte. Die Hauptsorge galt der Seele, den äußeren Gütern wurde ein geringer Wert zuerkannt. Auch in der näheren Gestaltung verband sich hier manches, um die wirtschaftliche Tätigkeit zu begrenzen und sie innerlich herabzusetzen. Sie zersplitterte sich in lauter Einzelvorgänge, welche eines gemeinsamen Zieles entbehrten; die Arbeit verlief in geschlossenen Kreisen und hatte begrenzte Aufgaben, so daß alles Produzieren ins Grenzenlose wegfiel, auch ein unermeßlicher Reichtum unmöglich war; das Individuum galt als schwach und eines Schutzes durch wirtschaftliche Organisationen bedürftig, wie namentlich die Zünfte ihn boten, als Triebfeder des wirtschaftlichen Erwerbes galt die Habsucht der Individuen, schon das hemmte eine volle Anerkennung der wirtschaftlichen Betätigung. So hatte die mittelalterliche Art enge Grenzen, ihr galt auch auf diesem Gebiet die Welt als gegeben und geschlossen, ihr fehlte ein Drang nach eingreifenden Umwandlungen und nach einer Versetzung des Lebens in einen fortlaufenden Fluß.

Wir wissen, wie große Umwälzungen dagegen der Ausgang des Mittelalters brachte, im Grunde stehen wir selbst noch inmitten der damals erweckten Bewegung; zunächst ist sowohl das Erwachen eines neuen Lebenstriebes als eine gesteigerte Technik der wirtschaftlichen Tätigkeit anzuerkennen. Daß das Leben sich hier weit mehr der vorhandenen Welt bemächtigt und mit stärkerem Eifer in sie wirkt, das mußte auch die Schätzung der äußeren Güter umgestalten, sie gelten nunmehr nicht als bloße Mittel und Nebensachen, sondern sie werden zugehörige Stücke des Lebens; die Kategorie von Mittel und Zweck erweist sich als ungenügend, um der Wirklichkeit des Lebens zu entsprechen, Äußeres und Inneres treten vielmehr in ein Verhältnis der Wechselwirkung; wie damit der Glaube an die Möglichkeit einer unbegrenzten Steigerung des Lebens immer mehr gegen das überlieferte Beharrungssystem vordringt, so sollen auch die wirtschaftlichen Güter nicht ein fertiges Vermögen nur verwenden, sondern sie sollen das Leben von sich aus steigern, seine Kraft und sein Glück erhöhen; sie werden unentbehrliche Hebel, das von Natur aus träge Dasein aufzurütteln und in volle Bewegung zu bringen. Das verändert auch die Grundbegriffe; stand früher das Schöne hoch über dem Nützlichen, so befreit dieses sich von ihm bis dahin anhaftenden Makel, es veredelt sich und möchte alles Streben leiten. Die Selbstdarstellung des Lebens weicht der unbegrenzten Kraftsteigerung, ihr unablässiges Anschwellen wird zum Hauptantrieb des Strebens. Es gilt jetzt, alle Möglichkeiten zu wecken, alle Beziehungen zu entwickeln, das Leben mehr und mehr aus einem geschlossenen Sein in ein unablässiges Werden zu verwandeln.

Die nähere Gestaltung dieser Lebensordnung der Kraft und des Werdens hat sich aber durch den Verlauf der Neuzeit wesentlich verändert: sie hat sich mehr und mehr aus dem Unsinnlichen, dem Ideellen, ins Sinnliche und Greifbare verlegt, die intellektuelle und spekulative Tätigkeit, welche den Beginn der Aufklärung führte, wird mehr und mehr ein bloßes Mittel, die sinnliche Welt den Zwecken der Menschen zu unterwerfen; war die Geistigkeit anfänglich eine selbständige Größe, so wird sie mehr und mehr an das Dasein gebunden; der überkommene Idealismus weicht einem entschiedenen Realismus, den freilich fortwährend Gedankengrößen begleiten, ja, durchtränken, dem aber seine Hauptwelt das unmittelbare Dasein gibt.

Diese Wendung überträgt dem wirtschaftlichen Leben die Leitung des menschlichen Strebens und Handelns, ihm muß sich alles anschließen, was auf volle Wirklichkeit Anspruch macht, hier hat sich alles Unternehmen zu bewähren. Hatten die älteren Lebensordnungen die wirtschaftliche Tätigkeit tief herabgesetzt, so wird sie der neuesten Wendung zum Kern des Ganzen; die einzelnen Denker haben das verschieden dargestellt und auseinandergehende Wege verfolgt, aber hinter ihnen stand der Hauptzug der Zeit und gab den Gedanken eine zwingende Überzeugungskraft. Daß die wirtschaftlichen Zwecke mit ihrer Richtung auf die Selbsterhaltung durchgängig die Individuen beherrschten und ihr Streben bis in die einzelnen Zweige auch geistiger Art eigentümlich gestalteten, wie z. B. die Religion, das Unterrichtswesen usw., das hat schon A. Smith mit voller Klarheit ausgesprochen, der Sozialismus aber hat das über die Individuen hinaus auf die weltgeschichtliche Bewegung ausgedehnt, und damit eine eigentümliche Geschichtsphilosophie (Engels) begründet, die besser eine ökonomische als eine materialistische heißt. Es wirkt wie eine Entdeckung zugleich alter und neuer Wahrheit, daß die wirtschaftlichen Interessen die Haupthebel der weltgeschichtlichen Bewegung und des Fortschritts bilden, daß nicht die Ideen als selbständige Mächte, sondern die Interessen das menschliche Leben beherrschen. Das aber ergab nicht bloß ein neues Gesamtbild der Geschichte und eröffnete manche überraschende Einblicke in die Zusammenhänge der Vorgänge, es hob auch das Handeln wesentlich, indem es seine Grundwurzeln deutlich aufdeckte und es darin befestigte. Durchgängig weicht hier der Schein der Wirklichkeit, und die Einbildung der Kraft dem tatsächlichen Vermögen.

Diese weltgeschichtliche Bewegung nimmt der Sozialismus vollauf an, auch sein Leben trägt einen realistischen und empiristischen Charakter, er besonders versetzt anschaulich in die Welt, welche uns unmittelbar umgibt. Aber er vollzieht eine große Wendung, indem er das Überwiegen des Wirtschaftlichen vollauf anerkennt, aber es zugleich den bloßen Individuen entwindet und zur Sache des Ganzen macht; damit erfährt das Materielle eine Veredelung und Moralisierung, das Unsinnliche aber eine Kräftigung; mag das Sinnliche den Ausgangspunkt, ja, den Kern bilden, es ist einer inneren Weiterentwicklung fähig, beide Seiten schließen sich wie Körper und Seele zu einer einzigen und vollen Wirklichkeit zusammen, die alle Wünsche zu befriedigen verspricht. Aus dem unerbittlichen Kampf der Individuen kann nun durch die Sozialisierung eine überlegene Sorge um das gemeinsame Wohl entstehen, und dem Gewirr der Sonderzwecke können sich beharrende Ziele entwinden. Die materiellen Güter erscheinen in diesem Zusammenhange als zweischneidige Waffen, die je nach der Zielsetzung sowohl dem Guten als dem Bösen dienen können. Zum Guten und zur Herrschaft aber führt sie nach seiner Überzeugung nie ein subjektives, wenn auch gutgemeintes Bemühen der Individuen, sondern nur die Umwandlung des Ganzen, wie sie dem Sozialismus vorschwebt. Nur hier wird der alte Zwist ausgeglichen, nur hier das ganze Leben einem festen Zusammenhang eingefügt.

Mit solcher Denkweise fühlt sich der Sozialismus den überkommenen Systemen weit überlegen. Das ältere System wollte ebenfalls dem Ganzen dienen, aber es konnte die Gesinnung der Individuen nicht gewinnen; so verblieb ein peinlicher Widerspruch zwischen den Zielen des Ganzen und den Zwecken der Individuen, das Ganze entbehrte einer inneren Wahrheit und verfiel einem seelischen Dualismus. Diesen Widerspruch überwand die moderne Denkweise, indem sie den Gesamtstand des Lebens in Fluß brachte und ihm unbegrenzte Ziele vorhielt, aber die aller Fesseln entledigten Kräfte entzweiten sich im Verlauf der Neuzeit immer schroffer und gerieten endlich in einen vollen Gegensatz zwischen Arbeit und Seele, der unser Leben zerriß. Der Sozialismus schickt sich an, alle Verwicklung glücklich zu lösen, indem er die Aufgabe des Ganzen und die Antriebe der Individuen völlig ausgleicht, einen jeden anhält, das Ganze als seine Sache und als sein Werk zu betrachten, zugleich aber Sinnliches und Geistiges unter Führung des Wirtschaftslebens in ein gemeinsames Leben zusammenfügt. Auch in der Lebensanschauung darf das Sinnliche nunmehr nicht als ein Niedriges und Verwerfliches gelten, der Mensch veredelt es, er erhöht die Wirklichkeit, indem er jenes der Gemeinschaft untrennbar verbindet und durch das Zusammenwirken beider Seiten einen eigentümlichen Monismus erzeugt, einen Monismus des Lebens, der sich dem Gegensatz von Zweck und Mittel überlegen fühlt und die ganze Wirklichkeit in eine fortlaufende Leistung verwandelt. So laufen schließlich alle Bewegungen hier zu einem beherrschenden Höhepunkt zusammen.

Rückblick auf den II. Abschnitt

Ein Rückblick auf diesen Abschnitt erweist, daß die sozialistische Lebensbewegung einen Wendepunkt enthält, wie die Geschichte ihn noch nie kannte: es ist nicht dieses oder jenes verändert, sondern es ist der ganze Lebensprozeß gegen die überkommene Art verwandelt, es beginnt hier eine neue weltgeschichtliche Epoche. Das Ganze der Lebensführung hat auch die Denkweisen umgewandelt und eingreifende Wertverschiebungen ergeben. Gewiß ist das alles nicht plötzlich erfolgt, seine Kraft zog es zum guten Teil daraus, daß das Ganze der Neuzeit große Wendungen brachte; aber diese Wendungen traten erst allmählich und stückweise ein, dabei oft untermischt mit Andersartigem; das ist dem Sozialismus eigentümlich und bedeutend, die Sache ins Ganze und Prinzipielle zu heben und dabei die letzten Konsequenzen zu ziehen. Ein Zurückgehen auf das Einfache, Elementare, Unmittelbare verspricht eine Umwälzung des Ganzen und gibt dem Leben vornehmlich den Charakter der Wahrheit und der Tatsächlichkeit, einer Tatsächlichkeit freilich, die nur das eigene Wirken voll zu entwickeln vermag. Zunächst forderte dies Leben eine Zusammenfassung des Strebens unter ein leitendes Ziel, es verwarf alle Zersplitterung in einzelne Teile, es suchte jenes Ziel gegen alle Hemmungen durchzusetzen, schon das ergab ein gemeinsames Wertmaß. Die weitere Ausführung brachte der Menschheitsgedanke, wie er sich von der Gesellschaft aus gestaltet; der Zusammenhang mit dem All war hier aufzugeben; um so mehr mußte der Mensch sich auf sich selbst richten; von hier entstand bis in alle Verzweigung hinein ein eigentümliches Leben, das Punkt für Punkt neue Forderungen stellte und mit allen zusammen eine neue Wirklichkeit bereitete. Wie damit sich eine neue Denkweise bildete und eine durchgreifende Wertverschiebung erfolgte, das erwies sich auch gegenüber der Geschichte, ihr Schwerpunkt wurde ganz in die Gegenwart gelegt, alle Vergangenheit möglichst in Gegenwart verwandelt, das Tempo des Lebens wesentlich beschleunigt. Zugleich galt es, alle Abstufung möglichst aufzugeben und alles Menschenwesen auf dem Fuße der Gleichheit zu behandeln; auch hier galt es, die Wirklichkeit dem Menschen und seinem Empfinden möglichst anzunähern. Wie das den Aufbau des Ganzen im Zusammenwirken von Sozialisierung und Ökonomisierung vollzog, das haben wir eben gesehen.

Charakteristisch ist diesem Lebensgefüge, sich sowohl auf das Reich der Tatsächlichkeit zu berufen, als eine große Bewegung zu erzeugen. Das kann nicht geschehen, ohne vieles Abgelebte und Erloschene zu verneinen, das der Schutt der Vergangenheit barg; es ist begreiflich, daß diese verneinenden Züge zunächst den Vordergrund einnehmen; eine nähere Prüfung zeigt aber bald, daß diese Verneinung einer Bejahung dient. Viel gilt es hier zu wecken, viel zu fördern, viel Elend zu heben; immer noch gelten die Worte Goethes:

»In stillen Winkeln liegt der Druck des Elends,
Der Schmerzen auf so vielen Menschen,
verworfen scheinen sie, weil sie das Glück verwarf.«

Nun aber bricht ein neuer Lebensstrom hervor, er bringt eine energische Zusammendrängung und volle Belebung des menschlichen Standes, er verbindet einen festen Glauben an das menschliche Vermögen, eine zuversichtliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft des Menschengeschlechts, ein unermüdliches Wirken für die Gesellschaft bis zur Höhe opfervoller Menschenliebe. Dürfen wir uns darüber wundern, daß diese Lebensbewegung alle Resignation verschmäht, und daß sie die Seelen gewaltig aufrüttelt, namentlich diejenigen, die Druck und Elend erlitten?


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