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Die Tonnara.

An Sommerabenden, ehe die Sonne hinter dem Monte Maggiore versinkt, ist es oft so still über dem weiten blauen Golf, daß man nichts vernimmt als das eintönige Ächzen der Ruder in den aus Weidenruten geflochtenen Kränzen, in denen sie sich bewegen, und das leise Rauschen des von den eintauchenden Ruderflächen zurückgeschobenen Wassers. Dann gleitet die Barke wie über geschmolzenes Glas hin, und in der azurnen Tiefe des Grundes erblickt, wer sich über Bord neigt, versunkene Wälder von Seetang, die sich lautlos wie im Winde bewegen, und abenteuerlich geformte Lebewesen, die lauernd in den Schluchten einer unterseeischen Felsenlandschaft kauern. Ein wonniges Gefühl von Reinheit und Frische scheint aus der kristallklaren, salzduftenden Flut emporzusteigen, aus jenem keuschen, makellosen Element, das allen Staub und Moder der Erde, die es umspült, gleichsam entpestet und zur Unschuld und Lauterkeit eines jungfräulichen Urzustandes zurückführt.

Es ist etwas eigen Ergreifendes um das rätselvolle Schweigen des Meeres, ein Schweigen, das wie mit Zungen von Abgeschiedenen flüstert. Unwillkürlich erhebe ich, stumm Einhalt gebietend, die Hand – da läßt Vlado, mein Barkenführer, die Ruder sinken. Die Bewegung des Bootes erstirbt allmählich. Das Kinn in die aufgestützte Hand geschmiegt, sitzt der prächtig gewachsene, bildschöne junge Mensch mir gegenüber und läßt sein schwermütig dunkles Auge über die weite Wasserfläche hinstreichen …

»Bonaccia! …«

Meeresstille! Etwas wie ein Ahnen all der Dinge, die der Verstand nicht faßt, ein Ahnen von der Ewigkeit der Zeit und der Unendlichkeit des Raumes, eine leise Ahnung des Unbekannten sogar, das sich in Erscheinung kleidet, will uns umschleichen, wenn das sonst so rastlos arbeitende Meer wie lauschend den Atem anhält und sein Puls zu stocken scheint, als wär' es eingegangen in den ewigen Frieden. »Bonaccia« nennen sie dieses stumme, erhabene Naturspiel, aber in der kindlich bilderreichen Sprache bezeichnet das Wort auch den Zustand einer Seele, die stilles Glück und Frieden gefunden hat …

Langsam kriechen die breiten, trägen Abendschatten die verkarstete Steile des kroatischen Küstenlandes hinan. Schon verblich der warme Schein, der über Kraljevica lag und aus den massigen Mauerflächen und Rundtürmen des alten Kastells der Frankapan. Nun kommen die weißgetünchten, grellblinkenden kleinen Häuser der auf halber Höhe klebenden Flecke Fara und Hreljin an die Reihe und löschen aus, eines nach dem andern. Und schließlich beginnen auch die Trümmer der verfallenen Burg Gradina, hoch über allen bewohnten Orten, sich zu verfärben und werden fahl und grau wie gebleichte Gebeine eines riesigen vorsintflutlichen Tieres, das in diesen unwirtlichen Felsen verendete. Bloß über dem langgestreckten nackten Rücken des Kapelagebirges glüht und zittert noch ein rötlicher Abglanz von Wärme und auf der trotzig gefurchten steinernen Stirn des Velebit.

Mit einemmal – mitten in die bang-erlösende Stille – Geschrei vom Ufer her, wo auf leicht vorspringender Felsenzunge eine Tonnara liegt. Ich sehe, wie der Wachtposten, der auf dem Wipfel einer schräg geneigten schwanken Leiter haushoch über dem Wasser hängt, Steine von seiner Warte ins Meer schleudert. Aus einem notdürftig mit Brettern eingedeckten Schuppen stürzen Männer hervor, treten an wie auf Kommando und beginnen an Seilen zu ziehen.

»Werden sie jetzt einen guten Fang tun?«

Geringschätzig zuckt Vlado die Achsel. In großen Schwärmen wandert der Thun nur, wenn es stürmt.

»Und immer knapp das Ufer entlang zieht die Herde? Und blindlings ins Netz hinein?«

Er erklärt es mir. Aus den Tiefen des Mittelmeeres kommen sie gewandert zu Tausenden und Abertausenden um die Laichzeit. Dis in die bergumgürtete Bai von Buccari hinein, die wie ein Binnensee ist; denn gerade die stillsten Buchten lieben sie am meisten. Wenn die Bora bläst und die See hochgeht, dann kann man sie bisweilen beobachten, ganz an der Oberfläche, im wilden Knäuel durcheinander sich fortwälzend, Milchner und Rogner. Dann gewahren sie kein Fangnetz, die sonst so scheu sind, daß jeder Steinwurf sie schreckt …

»Und also wie sinnlos vor Leidenschaft geradewegs in ihr Verderben?«

Schwach und trübselig lächelt Vlado: »Schust leik die Mahn«, was englisch sein sollte und so viel hieß wie: » Just like men«, ganz wie die Menschen.

Wir unterhielten uns nämlich in englischer Sprache miteinander, da ich kein Kroatisch verstehe. Und die Leute dort, die meisten Männer wenigstens, beherrschen außer den paar Brocken Italienisch, die sie an ihrer Küste auffangen, zwar nicht das Deutsche, wohl aber das Französische oder Englische. Denn sie kommen weit herum in den überseeischen Besitzungen der Kolonialreiche und sprechen die betreffende Sprache dann in der Färbung jener Kolonie, wo sie in Arbeit standen. Mein Vlado war zwei Jahre lang in Australien gewesen. Ich hatte mich in seinen Dialekt bereits eingewöhnt und begriff, was er sagen wollte.

» Just like men, gerade so wie die Menschen?«

* * *

Unmittelbar an die ins Meer vorspringende Felsenzunge, aus welcher jene Tonnara lag, grenzte ein vorzüglich gehaltenes Landgut, wo man in langwieriger, beharrlicher Kulturarbeit dem ausgebrannten Kalkboden eine herrliche südländische Vegetation abgerungen hatte. Der Besitzer war ein österreichischer Adliger, den sie in der Gegend etwas übertreibend den »Conte« nannten, obgleich er nur ein einfacher »Herr von« war. Aus leidenschaftlicher Liebe zum Meer hatte er sich vor Jahren hier, etwas unterhalb von Kraljeviea, an der Küste angekauft, in der Höhe des Scoglio San Marco ungefähr, jenes langgestreckten, kahlen, ausschließlich von Sand- und Hornvipern bevölkerten Felsenriffs, das sich boshaft vor die Einfahrt in den Kanal di Maltempo legt.

Da ich eine Empfehlung an ihn besaß, so beschloß ich, an einem der nächsten Nachmittage ihm meine Aufwartung zu machen. Es war ein älterer, untersetzter Mann, der sich eine außerordentliche Frische und Jugendlichkeit bewahrt hatte und mit seinem offenen, bartlosen Gesicht ungefähr wie ein Schiffskapitän oder Flottenoffizier aussah. Er trug weiße Flanellbeinkleider, eine blaue Jacke und die goldgestickte Schirmkappe des Flottenvereines und wußte heiter und lebendig von seinen kühnen Seefahrten zu erzählen, die sein ganzes Denken und Trachten auszufüllen schienen. Auf der schneeweißen stattlichen Segeljacht, die ich bei meiner Ankunft in dem sorgfältig ausgebauten, zur Besitzung gehörigen kleinen Hafen hatte liegen sehen, bereiste er nicht nur die näheren und ferneren Gestade des Mittelmeeres, sondern hatte sie sogar von Hamburg, wo sie gebaut worden war, eigenhändig über den Atlantischen Ozean durch die Straße von Gibraltar gesteuert.

Während ich mit ihm vor dem Hause bei einem Glas dunklen Landweines, den er auf seinem Gute zog, unter einer prachtvollen Celtis saß und mich an der wundervollen Aussicht erfreute, die man von dieser hochgelegenen Stelle über den Golf, den Scoglio San Marco und die gegenüberliegende Insel Veglia genießt, trat eine junge Dame zu uns, ein reizendes schwarzäugiges Mädchen von achtzehn oder neunzehn Jahren, die der Conte mir als seine Tochter vorstellte. Sie sah ebenso gesund und wettergebräunt aus wie er selbst, trug ein milchweißes Flanellkleid mit blau ausgeschlagenem Matrosenkragen und auf dem reichen dunklen Haar gleichfalls eine Seemannskappe, die sie entzückend kleidete. Ihre Züge hatten etwas ungemein Sicheres und Entschlossenes, ihre Bewegungen jene seltene Ruhe und Festigkeit, die sich nur durch ein Leben im Freien, bei gründlicher Durchbildung des Körpers, vielleicht unter sportlichen Gefahren erwirbt. Ich wundere mich nicht, als ich erfuhr, daß sie ihren Vater auf all seinen Ausflügen zu begleiten pflege und gleich ihm eine leidenschaftliche Seefahrerin sei.

»Es gibt nichts, das mir mehr Vergnügen macht,« sagte sie einfach.

»In letzter Feit hat das freilich etwas nachgelassen,« meinte der Conte in einem Ton, in dem mir ein leiser Vorwurf mitzuklingen schien.

Ich bemerkte, daß sie leicht errötete. Aber indem sie ein paar Blätter von einem Lorbeerstrauch abriß, sie zwischen den Fingern zerdrückte und ihren würzigen Duft einatmete, sagte sie lachend: »Ach, Papa, weißt du, immer kann man doch nicht auf dem Wasser sein!«

»Es ist eigentlich ein Zufall, daß Sie uns angetroffen haben,« wendete der Conte sich an mich. »Für gewöhnlich befinden wir uns um diese Zeit weiß Gott wo unterwegs. Aber ich bin so gewohnt, daß meine Tochter mit mir kommt; allein freut es mich gar nicht mehr.«

»Wir kennen die fremden Ufer fast besser als die einheimischen,« schnitt die Contessa das Gespräch ab, das ihr offenbar nicht angenehm war. »Hattest du nicht Lust, Vater, einmal rund um Veglia herumzufahren – unser Gast wäre vielleicht so liebenswürdig, sich anzuschließen? Ich habe für alle Fälle den Motor bereithalten lassen.«

»Ich bin zur See gekommen,« sagte ich, »nicht auf der Straße. Meine Barke erwartet mich in Ihrem Hafen.«

»Das tut nichts, Ihrer Barke geben Sie einfach den Laufpaß. Wer fährt Sie?«

»Vlado.«

»So, der –?« machte der Conte.

Die Tochter riß abermals ein Lorbeerblatt ab, brach es und sog seinen Duft ein.

»Er wird eben ohne Sie heimrudern. Wir setzen Sie bei der Rückfahrt an der Mole von Kraljevica ab.«

Im Hafen unten hatte ich neben der Segeljacht ein prächtig ausgestattetes kleines Motorboot liegen sehen. Der Gedanke, dieses niedliche Fahrzeug zu besteigen und mich von ihm in so angenehmer Gesellschaft die reizvolle Küste der großen Insel entlang tragen zu lassen, lockte mich, und ich nahm mit Freuden an. Wir stiegen langsam den in Terrassen angelegten Garten hinab, während mir der Conte verschiedene Verhältnisse auseinandersetzte, die die Gegend und die Bewirtschaftung seines Gutes betrafen. Es war ein kleines Paradies, das er aus der Steinwüste hervorgezaubert hatte, und mir schien, ich hätte nie ein schöneres Stück Erde gesehen als diesen Garten, wo gerade um diese Zeit ganze Haine süßduftender Oleanderbäume zwischen Myrten, Lorbeerhecken und dunklen Zypressen in voller Blüte standen. Auf eine Stelle machte die Contessa mich besonders aufmerksam. Da stand eine weiße Bank in einer dichten Lorbeerlaube verborgen, die gegen die Seeseite sich auftat.

»Hier war der Lieblingsplatz meiner verstorbenen Mutter,« sagte sie. »Da halte auch ich mich gerne auf, wie Sie sich denken können.«

Man hatte von dieser Stelle dieselbe einzige, unvergleichlich schöne Aussicht auf die umliegenden Gelände der Küste, die nahen Inseln und das weite blaue Meer wie auf der oberen Terrasse, unter den Zweigen der großen Celtis …

Als ich, am kleinen Hafen angelangt, meinem Vlado bedeutete, er möge allein heimfahren, gab er mir keine Antwort und machte sich verdrossen, wie mir schien, in seiner Barke zu schaffen. Es fiel mir auf, daß er den Conte und seine Tochter nicht gegrüßt hatte. Bei jedem anderen hätte ich mir ein solches Benehmen auf dem Umstande erklärt, daß der Tarif für eine einfache Fahrt billiger ist, als wenn man die Barke auch zur Rückfahrt benützt. Ihn aber hatte ich als einen stets genügsamen und in seinen Forderungen überaus maßvollen, ich möchte fast sagen vornehmen Menschen kennen gelernt, dem man eine Kleinigkeit über das ihm Gebührende förmlich aufnötigen mußte. Ich erinnerte mich plötzlich, daß Vlado diesen Nachmittag, als ich seine Barke bestieg, anfangs Schwierigkeiten gemacht hatte, mich überhaupt hieher zu rudern: der Wind sei widrig und die See gehe zu hoch. Nun glaubte ich zu verstehen. Sonst war er keiner von denen, die Wind und Wellen scheuen. Es mochte aus irgendeinem Anlaß einmal Mißhelligkeiten zwischen ihm und dem Conte gegeben haben, die mich nichts angingen, und um die ich keine Ursache hatte, mich zu kümmern.

Daß meine Mutmaßung richtig war, wurde mir alsbald durch den Conte selbst bestätigt. Denn während wir über den kleinen Molo schritten, an dem der Dampfer vertäut lag, faßte er mich vertraulich unter und sagte: »Um den Vlado tut mir's leid, Ich mein' immer, der hat eine unglückliche Liebe. Sonst wär' er ein ausgezeichneter Kerl, eine Perle geradezu. Aber ich konnte ihn einfach nicht mehr brauchen, er hatte seine Gedanken immer weiß Gott wo … Er war nämlich früher mein Bootsmann, müssen Sie wissen, mein erster Offizier sozusagen und mein ständiger Begleiter, wenn ich mit meiner Jacht in See stach.«

»Ich glaube, daß Sie recht haben,« versetzte ich nachdenklich. »Ich sah ihn neulich des Nachts auf der Straße mit der rothaarigen Marizza zanken, der man einen liederlichen Lebenswandel nachsagt. Am Ende ist er in dieses Frauenzimmer verschossen? Daß eine Leidenschaft an ihm zehrt, ist mir längst wahrscheinlich geworden.«

Wir waren vorausgegangen, der Conte trat an Bord, ich wollte ihm folgen – da entfällt mir zufällig ein blühender Oleanderzweig, den ich in der Hand getragen hatte. Ich will ihn aufheben, wende mich rasch herum und – ich gestehe, daß es mir wie ein lähmender Schreck in die Glieder fuhr – ertappe zwei Augenpaare auf frischer Tat. Ach, es war bloß ein Nichts, ein Weniger als nichts, ein Hauch, eine Täuschung wohl gar. Wie leicht täuscht man sich in solchen Dingen! Aber ich hätte in diesem Augenblick darauf geschworen, daß etwas wie ein Einverständnis zwischen den beiden jungen Leuten bestand. Die Contessa war nur wenige Schritte hinter uns zurückgeblieben, mein Vlado stand ziemlich entfernt aufrecht in seiner Barke. Hatten sie einander zugenickt, gelächelt? Ich weiß es nicht. Oder war es nur einer jener verräterischen Blicke gewesen, die einem Kuß, einer Umarmung, einer Hingebung gleichkommen und ganze Schicksale enthüllen, eine Stichflamme verhaltener Leidenschaft, die von ihm zu ihr, von ihr zu ihm gezuckt hatte, kaum den Bruchteil einer Sekunde lang? Ich wüßte es nicht zu sagen und hätte es auch damals nicht zu sagen gewußt. Es ist merkwürdig, daß uns das, was wir einen Menschen oft in jahrelangem Umfang sprechen hören und tun sehen, weniger über ihn aufklärt als jenes Unwillkürliche und den Sinnen beinahe Unfaßbare, das manchmal ganz zufällig und unerwartet blitzartig in die Seelen leuchtet.

* * *

Die Fahrt rund um die Insel war unendlich abwechslungsreich und voll von landschaftlichen Reizen. Da der Conte am Steuer saß und das wie ein Pfeil hinfliegende Boot selbst lenkte, so hatte ich reichlich Gelegenheit, mich mit seiner Tochter zu unterhalten. Sie gab sich heiter und frisch, wie es wohl ursprünglich in ihrem Wesen lag, die Seefahrerin in ihr erwachte. Aber ich war nun einmal aufmerksam geworden und beobachtete sie scharf. Und da gab es Augenblicke der Ermüdung, wo sie auszuruhen schien von einer schwierigen Rolle, die man zu spielen gezwungen ist. Dann stahlen sich leise Spuren von Kummer in ihre entschlossenen Züge, dann stand in den irrenden Augen, die gleichsam nach einem Ausweg suchten, etwas zu lesen, das mir Mitleid einflößte und das ich als Angst vor der Zukunft deutete.

Oder bewegte ich mich in Täuschungen von dem Augenblick an, wo ich sie für kein unbeschriebenes Blatt mehr hielt? Möglich gewesen wär' es immerhin, ich kannte sie erst so kurze Zeit. Aber als wir auf der Heimfahrt an jener in der Nähe des Gutes gelegenen Tonnara vorüberkamen, da verriet sie sich mir, ohne es zu wollen und zu ahnen, so vollständig, daß all meine Vermutungen wie mit einem Schlage zur Gewißheit wurden.

Das Gespräch war auf den Thunfischfang gekommen, der für die ganze Gegend von größter Wichtigkeit ist. Abermals wunderte ich mich über die primitiven Vorrichtungen, die dazu dienen, und daß die Fische so töricht wären, in ein festliegendes Netz wie toll hineinzulaufen.

»Die Liebe macht sie verrückt,« sagte sie müd lächelnd; »sie befinden sich auf der Hochzeitsreise, müssen Sie bedenken. Sie können nicht, wie sie wollen, sie müssen einfach. So rennen sie in ihr Verderben – genau wie die Menschen …«

Es war derselbe Gedankengang, den ich fast mit den gleichen Worten schon einmal hatte aussprechen hören, damals aus Vlados Munde. Zufall schien hier so gut wie ausgeschlossen, es gab keine andere Erklärung, als daß geheime Beziehungen zwischen der Contessa und dem Barkenführer bestehen mußten. Und wenn sie in ihren vertrauten Gesprächen, halb scherzend vielleicht und doch mit einem trostlosen Anklang an den bittersten Ernst, ihr unseliges Schicksal dem Thun verglichen hatten, der sich, von übermächtiger Leidenschaft geblendet, im todbringenden Netze verstrickt, so schienen sie sich sogar dessen bewußt, daß ihre Liebe nur ins Verderben führen konnte.

Was für ein Ende sollte das nehmen? Wozu waren diese innerlich stolzen und freien jungen Menschen nicht fähig, in deren Seelen etwas von der Kühnheit und Ungebundenheit des Meeres leben mochte? Die vermutlich das Meer selbst und die Liebe zum Meere einander in die Arme geführt hatte, auf langen, einsamen, sturmbewegten Fahrten?

* * *

Wenige Tage später erhielt ich unerwartete Nachrichten, die mich zwangen, meinen Aufenthalt an der See zu unterbrechen. Unaufschiebbare Geschäfte forderten meine Anwesenheit in der Heimat.

Am Abend vor meiner Abreise wurde in der Narodna Kavana zu Kraljevica getanzt. Ich ging einen Augenblick hin, um zuzusehen. Die Tamburizzen zirpten, in dichtem Gedränge drehten die Paare sich im Kreise, Bauern, Bootsleute und Fischer mit ihren Mädchen. Meinen Vlado sah ich an einem Tische sitzen, er machte einen erhitzten Eindruck, tanzte aber nicht, sondern trank Schnaps.

Als nach einer Pause die Musik wieder einsetzte, schien es eine Art Damenwahl zu geben. Ich gewahrte die rothaarige Marizza, die aus der Schar der Mädchen trat und durch den Saal schritt. Sie war nicht gerade schön von Gesicht, hatte aber eine prachtvolle, nur etwas überschlanke Gestalt und im Hinschreiten jenes eigentümlich Lässige, Flutende, Hingebende, das manche moderne Maler lieben. Sie ging geradewegs aus Vlado zu.

Ich sah, daß sie ein Gespräch mit ihm anknüpfte, vermutlich forderte sie ihn auf, mit ihr zu tanzen. Er aber tat unwirsch und wendete sich ab. Sie ließ nicht locker, es entspann sich ein Wortwechsel, der laut und heftig wurde, ohne daß ich ein Wort verstanden hätte. Schließlich erhob sich Vlado und ging einfach fort, die Tür heftig hinter sich zuschlagend. Die enttäuschte Balldame zeigte keine Spur von Beschämung darüber. Sie schimpfte ihm bloß wacker nach und zeterte und gestikulierte noch eine Weile in der robusten Art jener südländischen Naturkinder, indem sie sich jetzt an die jungen Burschen hielt, die mit ihm zusammengesessen hatten. Bis endlich einer von diesen sich erhob, sie um die Mitte faßte und mit ihr zu schleifen begann. Nun war nichts mehr zu hören als das eigentümliche zittrige Klimpern der Tamburizzen und das Scharren und Trampeln der schweren Stiefel auf der holprigen Holzdiele.

Früh am anderen Tage machte ich noch einmal meinen gewohnten Morgenspaziergang über den Gavranić, eine nackte Berghöhe, die sich zwischen die Bai von Buccari und den Golf von Fiume schiebt und einen prächtigen Ausblick auf beide gewährt. Auf dem Rückweg kam ich durch den hochgelegenen Flecken Fara, wo mein Vlado zu Hause war. Vor dem kleinen, reinlich weißgetünchten, mit Hohlziegeln gedeckten Hause saß die »Nonna«, Vlados Großmutter, und spann, wie sie es tagaus, tagein tat, an einer freihängenden Spindel, die wie aus Dornröschen Zeiten war. Da die gelähmte alte Frau etwas Italienisch sprach, so unterhielt ich mich manchmal mit ihr. Es war eine stattliche und würdige Matrone, stets in Schwarz gekleidet und sogar an den heißesten Tagen auch den Kopf mit einem schwarzen Tuche bedeckt. Sie tragen noch heute Trauer, sagt man, die kroatischen Frauen dort an der See, um das uralte, längst untergegangene nationale Fürstengeschlecht der Frankapan.

Die Marizza hätte die Nacht an die Fenster gepocht, erzählte mir die Nonna. Es sei eine wahre Schande? Aber der Vlado wolle nichts wissen von dem Frauenzimmer, der gäbe etwas auf sich und sei auch viel zu gut für so eine.

Für mich bedurfte es längst keiner Beweise mehr, daß mein erster Gedanke, den ich neulich dem Conte gegenüber ausgesprochen, Vlados Sehnsucht umkreise die Person der Marizza, ein gänzlich irriger gewesen war. Ehe ich mich von der alten Frau verabschiedete, trug ich ihr noch auf, ihrem Vlado zu bestellen, daß er gegen Mittag seine Barke für mich bereithalten möge. Denn der Dampfer, der mich an die Eisenbahn bringen sollte, lief den Hafen von Kraljevica nicht an, sondern hielt außerhalb des Leuchtturms in offener See, wo man sich dazu gezwungen sah, über eine herabgelassene Treppe aus dem Boote an Bord zu klettern.

Während Vlado mich hinausruderte, eröffnete er mir, wenn ich wiederkäme, würde ich mir eine andere Barke mieten müssen, er könne mich dann nicht mehr fahren.

»Warum?« fragte ich.

Weil er sich bei der großen Tonnara verdungen hätte, gegenüber dem Scoglio San Marco. Als Wachtposten hoch auf der Leiter, der den Wanderzug der Thunfische beobachtet. Dazu brauche man Leute mit besonders scharfen Augen, und die besäße er.

»Das wäre meine Lust nicht,« bemerkte ich. »Tagelang und wochenlang in die Flut hinunterstarren, bis endlich der Zug der Fische sich zeigt. Lieber blieb' ich Barkenführer!«

Er bewegte schweigend die Ruder und schien seinen Gedanken nachzuhängen. Erst nach einer kleinen Weile meinte er, unser Gespräch nachträglich abschließend, ein Vorteil sei doch dabei, wenn man da oben auf der Leiter sitze und den Fischen aufpassen müsse: daß man wenigstens nichts anderes dabei denken könne.

Das Wort ging mir noch lange nach, während ich schon im Eisenbahnabteil saß. Klang nicht etwas wie die dumpfe Hoffnungslosigkeit eines zerstörten Gemütes heraus? Es konnte nur zwei Möglichkeiten geben, sagte ich mir, in den Beziehungen zwischen Vlado und der Contessa. Entweder sie leistete Widerstand und beide erschöpften ihre blühenden Kräfte im aufreibenden Kampfe mit sich selbst, oder ihr Schicksal hatte sie bereits dahin geführt, wohin Gottfried von Straßburg sein unsterbliches Liebespaar gelangen läßt:

Die Frucht, die seine Eva bot,
Nahm er und aß mit ihr den Tod …

* * *

Meine Geschäfte waren nicht in vierzehn Tagen zu erledigen, wie ich gehofft hatte, sondern nahmen mich über fünf Wochen lang in Anspruch. Es war Mitte August geworden, ehe ich an die kroatische Küste zurückkehren konnte. Kaum erblickte ich das tiefe Blau des herrlichen Golfes vor mir ausgebreitet, die nackten rauhen Felsgebirge, die ihn umschließen, und die kühngeschwungenen Umrisse der Inseln, die auf ihm schwimmen, als mir auch alle Einzelheiten des gefährlichen kleinen Romans, den ich nicht ohne eine gewisse Beunruhigung sich hatte anspinnen sehen, wieder vor Augen standen.

Schon an einem der ersten Nachmittage beschloss ich, den Conte und seine Tochter auf ihrer reizenden Besitzung aufzusuchen. Mein Barkenführer hieß jetzt Mondo und war ein schnurriges, ausgepichtes altes Kerlchen, das sein halbes Leben in Cochinchina zugebracht hatte und fließend Französisch quasselte.

Es wehte eine heftige Bora, die See ging hoch, und als wir in der Höhe der Tonnara gegenüber dem Scoglio San Marco gelangt waren, bemerkte ich, daß eben der Wachtposten hoch oben von seiner Leiter Steine ins Wasser zu schleudern begann, während unten die Leute durcheinander liefen und sich anschickten, das Netz einzuziehen. Das Wetter versprach eine gute Ausbeute und die Aufregung und Anstrengung, mit der die Fischer an der Tonnara zu arbeiten schienen, deuteten darauf hin, daß ein reicher Fang bevorstand. Ich hatte bis dahin keine Gelegenheit gefunden, einem Fischzug aus der Nähe beizuwohnen, und hieß meinen Mondo ans Land rudern. Der Wind legte die Barke beinahe um, als er sie in die Breitseite zu fassen bekam, und wir mußten beide unsere volle Kraft einsetzen, ehe es uns gelang, das nahe Ufer zu gewinnen.

Als ich mich, über die Felsen der Landungsstelle kletternd, der Tonnara näherte, wurden gerade die ersten Fische aus dem Netz gehoben. Immer ihrer zwei oder drei Mannen, die einen von einer bereitgehaltenen Barke aus, die anderen auf den Steinblöcken des Ufers fußend, faßten eines dieser gewaltigen Tiere am Kopf- und Schwanzende, wiegten es ein paar Augenblicke in der Luft, um ihm einen Schwung zu geben, und schleuderten es dann ans Gestade. Es waren harte, stahlblaue Fische mit riesigen Flossen und silbergrauen Bäuchen, schwere, stämmige Meerungetüme von der Größe eines Kindes etwa – manche so groß wie ein erwachsener Mensch und einzelne sogar noch größer –, die durch krampfhafte Windungen ihres muskulösen Leibes das Netz zu durchbrechen, den Händen ihrer Mörder zu entgleiten versuchten. Ich sah, wie sie auf dem heißen Steinboden des Ufers vergebliche Anstrengungen machten, sich in ihr reines, kühles Element zurückzuschnellen, dem man sie so jäh und unerwartet entrissen hatte, sah die schier mannshohen verzweifelten Sprünge, an die sie ihre athletischen Kräfte verschwendeten, und hörte das metallische Klingen ihrer gepanzerten Leiber, wenn sie ermattet auf den harten Fels zurückfielen.

Niemand hatte Zeit, sich um sie zu kümmern, niemand erbarmte sich ihrer Qual und gab ihnen den Todesstoß. Man überließ es ihnen selbst, sich umzubringen, sich an den spitzen Steinen des Gestades die Köpfe zu zerschmettern. Die Fischer hatten alle Hände voll zu tun, ihre reiche Beute in Sicherheit zu bringen. Immer wieder flog mit dumpfem Schalle ein neuer zappelnder Leib zu den wie rasend hüpfenden Genossen. Mit unglaublich zäher Lebenskraft tanzten sie ihren Todestanz. Das ganze Ufer ringsum färbte sich rot. Die Bora heulte und peitschte das Meer, die Wogen gingen hoch und gischteten über die Wellenbrecher, als wollten sie ihre gemordeten Kinder zurückfordern, das Blut abwaschen und fortspülen, das an Felsen und Steinen klebte. Das Meer blieb machtlos in seiner Wut, es konnte nicht heran und wich immer wieder zurück, seine ewige Reinheit scheute den besudelten Boden. Nach allen Seiten spritzte das rote Blut der gemarterten Geschöpfe, und das felsige Gestade glich einer Schlachtbank.

Endlich war der Fang geborgen. Die glatten, stahlglänzenden Ungetüme, die sich vor wenigen Minuten noch lebensfrisch und liebestoll in der sturmbewegten Flut getummelt hatten, lagen zerschunden auf dem Trockenen, allmählich ermattend, erlahmend, den Kampf aufgebend, mit ausgedörrten Kiemen und stier glotzenden Augen. Noch immer kümmerte sich niemand um sie. Die Fischer beeilten sich, das Netz neuerdings auszulegen, wie leicht konnte dem ersten Haufen ein zweiter folgen! Der Wächter, der von seiner Warte herabgeklettert war, um mitzuhelfen, schickte sich an, seinen Posten wieder einzunehmen. Erst wie er an mir vorbeikam und die Mütze zog, erkannte ich, daß es Vlado war; meine Aufmerksamkeit hatte bis dahin dem blutigen Schauspiel gehört, das sich vor meinen Augen abspielte.

Seine hohe Gestalt hatte durch das Spähen in die Tiefe eine etwas vornübergeneigte Haltung angenommen. Ich fragte, wie es gehe? Er antwortete nicht darauf und sah mich nur verständnislos an, mit einem gleichsam verschleierten, abwesenden Blick. Und indem er mit einer verächtlichen Bewegung des Fußes gegen die Leiche eines mannsgroßen Thunfisches stieß, der in seinem Blute schwamm, sagte er bitter lächelnd in seinem sonderbaren Englisch: »Datt is die Löff«, was so viel bedeutete wie: » That's love! Das ist die Liebe!«

Hierauf kletterte er behend und mit der Kühnheit eines Matrosen die Leiter hinan, die im Sturme schwankte wie der Wipfel einer Birke, und bald sah ich ihn wieder bewegungslos auf seiner Warte lauern, das scharfe Auge in die Tiefe des Meeres gesenkt. Was er hatte sagen wollen mit seinem »Das ist die Liebe«, und wie er es eigentlich meinte, indem er dabei mit dem Fuße gegen den verendeten Thunfisch stieß, der sich im Netz verstrickt und an den Felsen des Ufers den Kopf zerschmettert hatte, das verstand ich leider nur allzu gut. Es war eine Fortsetzung des Gedankens, den er schon einmal hatte anklingen lassen, und den mir dann auch die Contessa wiederholt hatte …

* * *

Für mich war es nun zu spät geworden, meinen Weg nach der Besitzung des Conte fortzusetzen, und ich wiederholte deshalb am nächsten Tage die Fahrt. Das Wetter war umgeschlagen, der Sturm hatte sich gelegt; wie damals, als Vlado mich das erstemal aus dem Golf gegen den Kanal di Maltempo gerudert hatte, lag die See glatt wie ein Spiegel, und wie damals konnte ich, wenn ich mich über Bord beugte, die versunkenen Wälder in der Tiefe sich bewegen sehen und die seltsam geformten Seetiere, die den Grund bevölkerten: Meeresstille!

Den Conte traf ich mit seiner Tochter unter der großen Celtis vor dem Hause sitzend. Er war ganz der Alte, frisch und heiter, völlig ahnungslos, wie es schien, und begrüßte mich mit offener Herzlichkeit. Die Contessa hingegen kam mir so verändert vor, daß ich Mühe hatte, meine Befremdung zu verbergen. Wär' ich ihr irgendwo auf der Straße begegnet und wär' es nicht ihr eigener Garten gewesen, wo ich sie wiedersah, ich glaube nicht, daß ich sie erkannt hätte. Das Gesicht war magerer geworden und hatte seine gesunde, vom Wetter gebräunte Farbe nur um die Augen herum beibehalten, während Stirn und Wangen sich verfärbt hatten; von den Nasenflügeln gegen die Mundwinkel verlief eine unschöne Falte, ein Zug des Leidens, wie ich ihn manchmal bei jung verheirateten Frauen beobachtet habe, die der Mutterschaft entgegensehen. Nur der feste, entschlossene Blick des Auges erinnerte mich noch an die frühere Contessa.

Im Frühling, wenn um die Zeit der Baumblüte rauhes und unfreundliches Wetter herrscht, dann wird einem weh zu Mute, wenn man merkt, wie rasch es mit dem Verblühen geht. Kaum erschlossen, sinkt der liebliche Blust auch schon wieder dahin, innerhalb weniger Tage welken die zarten, hellfarbigen Blütenblätter über dem schwellenden Fruchtboden. Etwas dem Ähnliches empfand ich jetzt.

Wir redeten dies und das, sie beteiligte sich nur wenig an dem Gespräch, das bald wieder auf das Seefahren kam. Ich merkte nach und nach, daß der Conte in der Tat keine Ahnung davon hatte, was mit seiner Tochter vorging. Durch das tägliche Beisammensein war ihm offenbar ihre veränderte Erscheinung völlig entgangen; auch mochte er, wie die meisten tatkräftigen Menschen, überhaupt kein guter Beobachter seiner nächsten Umgebung sein. Eines nur bekümmerte ihn: daß er seine Segeljacht unbenützt im Hafen liegen hatte.

»Allein freut es mich nicht, eine größere Reise zu unternehmen,« wiederholte er wie damals. »Und meiner Tochter kann ich jetzt nicht zumuten, mich zu begleiten. Sie hat seit einiger Zeit während der Mahlzeiten kleine Anfälle von Übelkeit, offenbar leidet sie unter der Hitze, wie das bei jungen Mädchen vorkommt.«

Ich sah eine tiefe Röte über das Antlitz der Contessa fliegen, die ihr für einen Augenblick ihr früheres Aussehen zurückgab. Ich glaube, sie hatte das Gefühl, daß ich die Zusammenhänge durchschaute. Bemüht, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, erzählte ich, auf den blauen Golf hinausblickend, vom Thunfischfang, den ich gestern mitangesehen.

»Es ist ein rohes Abschlachten,« sagte der Conte. »Ich bin sonst ein leidenschaftlicher Fischer gewesen, aber das muß mit Feinheit und List betrieben werden. Ich denke, wir werden für einige Zeit ins Hochgebirge gehen, da kann ich wenigstens Forellen angeln. Denn was hat es für einen Sinn, an der See zu sitzen, wenn man nicht segelt – nicht wahr?«

Bald darauf erhob sich die Contessa und schritt langsam die Gartenterrasse hinab. Auch ihre Bewegungen schienen mir verändert, sie hatten ihre ursprüngliche Freiheit und Sicherheit verloren und etwas wie eine edle Müdigkeit dafür eingetauscht. Sie trug ein loses, leichtes Hausgewand aus weißer, anschmiegender Waschseide, das in wunderschönen Falten um ihre Gestalt floß.

Ich muß gestehen, daß ich in diesem Augenblicke, wo wir allein waren, überlegte, ob ich dem Conte gegenüber schweigen dürfe oder verpflichtet wäre, ihn schonend aufzuklären, und ob meine kurze Bekanntschaft mit ihm mich überhaupt dazu berechtigte. Auf dem Tische lag ein Feldstecher, ich nahm ihn in die Hand und faßte einige ferne Gegenstände ins Auge, ein Segel auf dem Meere, ein Häuschen auf einer der Inseln. Tief unten zu unseren Füßen, etwas weiter gegen den offenen Golf hin, sah ich deutlich die Tonnara liegen. Auf der Spitze der hohen Leiter eine dunkle Gestatt, das mußte Vlado sein. Jetzt war es plötzlich, als ob diese Gestalt eine Fahne oder ein weißes Tuch schwenkte. Ich preßte das Glas heftig an mein Auge, ein Ausruf des Schreckens entrang sich meinen Lippen. Ein Mensch war von der Warte in die Luft hinausgesprungen und blitzschnell zu Boden gefallen, die dunkle Gestalt hatte sich von dem Wipfel der Leiter seitlich gegen die Felsen des Wellenbrechers herabgestürzt.

Im selben Augenblicke fast fiel im unteren Teil des Gartens ein Schuß.

»Um Gottes willen, was ist das?«

Der Conte war aufgesprungen und sah mich mit aufgerissenen Augen an, bleich bis in die Lippen. Dann rannte er, ohne ein Wort zu sagen, die Terrassen hinab, verstört und fast taumelnd vor Angst folgte ich ihm.

Er hatte sogleich die richtige Fährte und stürzte nach der Lorbeerlaube, wo der Lieblingsplatz ihrer Mutter gewesen war. Als ich anlangte, sah ich ihn auf der Erde knien, vor etwas Weißem, das am Boden lag.

»Durchs Herz geschossen!« jammerte er.

Von der anderen Seite kamen ein Gärtner und ein Gärtnerbursch gelaufen.

»Ich hole den Arzt!«

Mit fliegendem Atem gegen den Hafen hinunter.

»Vorwärts, Mondo, es gilt größte Eile!«

Wie ein Pfeil schießt unsere Barke über den glatten Wasserspiegel. Wie rudern wie die Wahnsinnigen. Als wir in die Höhe der Tonnara kommen, fühle ich, daß meine Kräfte nicht reichen.

»Rasch ans Land!«

Der Wächter auf der Leiter der Tonnara war nicht auf seinem Posten. Schweigend standen die Leute um den mit Brettern eingedeckten Schuppen beisammen.

»Ein Mann her, ein guter Ruderer! Den Arzt aus Kraljevíca holen! Bei der Rückfahrt nehmt ihr mich wieder auf!«

Das waren nun freilich andere Arme als die meinen, die sich jetzt in die Riemen legten.

Ein paar Männer führen mich ernst und stumm gegen den Schuppen. Seitlich, unter der Tonnarenleiter, bleiben sie stehen und weisen auf den Boden.

»Hier war es.«

Die Steine ringsum sind mit Blut besudelt. Ist es Vlados Blut? Ist es das Blut der Thunfische, die gestern hier verendeten?

Ich trete in den Schuppen und neige mich über den Sterbenden.

Er schaut mich groß an, ein schwaches Lächeln gleitet über seine Lippen, und mit einem tiefen Seufzer flüstert er ein einziges Wort:

»Bonaccia …«

Das war das letzte Wort, das er sprach.

* * *

Niemand hat den Tod der Contessa, niemand den Tod Vlados sich erklären können. Niemand kam auch nur auf den Gedanken, sein trauriges Ende und das ihrige miteinander in Zusammenhang zu bringen. Sogar der Conte blieb ahnungslos und zerbrach sich vergeblich den Kopf. Ich war der einzige, der die verborgenen Fäden der Leidenschaft sich hatte verstricken sehen, der einzige, den ein Zufall in die Lage versetzt hatte, das zeitliche Zusammentreffen des Schusses im Garten und des Sturzes von der Leiter zu beobachten. Ich war der einzige Wissende und ich habe geschwiegen. Ich glaube, so wollten sie es. Ihr Sterben sollte ein unenträtselbares Geheimnis bleiben wie ihr Lieben und Leiden. Keinerlei schriftliche Aufzeichnung ist gefunden worden, keine Zeile, kein Wort, kein letzter Wunsch nach gemeinsamer Beerdigung, kein Lebewohl an die Angehörigen, kein Abschiedsgruß an das blaue Meer, das sie zusammengeführt hatte – in rasender Leidenschaft, so frei und gebieterisch wie dieses Meer selbst, das ewig ruhelos atmende.


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