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Erstes Hauptstück

An einem Frühlingsabend des Jahres 1685 ging ein junger Mann auf der Landstraße von Vienenburg nach Goslar. Er trug ein mäßiges Ränzel, schwang fröhlich einen Knotenstock und hatte recht bestaubte Schuhe. So mochte er wohl schon den ganzen Tag gewandert sein, aber Gang und Haltung zeigten doch keine Müdigkeit. Als er unter das Stadttor trat, schob der Torschreiber sein Fenster hoch und sah ihn stumm an; der Jüngling grüßte höflich und wies einen Wanderschein vor; der Torschreiber rückte sich die Brille auf die Stirn und las bedächtig, indem er das Gelesene schwerfällig murmelte: »Kurfürstlich sächsische Bergstadt Annaberg. Bürgermeister und Magistrat. Hm. Hm. Kurt Pfeffer, geboren den hm 1660, ehelicher Sohn des Geschworenen Hans Pfeffer und seiner hm. Hm. Auf Wanderschaft. Hm. Was habt Ihr in Goslar vor?« – »Übernächtigen. Durchwandern,« erwiderte Kurt Pfeffer höflich, aber kurz. »Hm. Hm. Neu Bergwerk, neu Geschrei,« sagte der Torschreiber. Der Jüngling lachte und zeigte seine gesunden Zähne: »Einen ordentlichen Kerl, der seine Sache versteht, können sie überall brauchen.« – »Unsereinem kommt viel vor,« sagte der Torschreiber. »Nun Gott befohlen,« schloß er und lüpfte das Mützchen; »Gott befohlen,« sagte Kurt, grüßte höflich und ging in die Stadt hinein auf den Katzenköpfen des Bürgersteigs.

Da reichten manche Herbergen ihren Arm heraus und winkten ihm zu. Prüfend sah er jedesmal das Haus an, dann ging er weiter. In der Nähe des Marktes war ein sauberes kleines Haus, das hatte als Zeichen ein goldenes Lamm herausgehängt. Kurt musterte es schnell, dann ging er die Trittstufen hoch, öffnete die Tür, deren Bimmel laut und nachhaltig klingelte, und trat in die reinlich gescheuerte Diele mit dem rotgepflasterten Boden. Der Wirt, ein behäbiger Mann in den Fünfzigern, trat gerade durch die Hoftür in das Haus; er warf einen schnellen Blick auf den Fremden, dann zog er das Käppchen und fragte freundlich: »Was wünscht der Herr?«

»Ein sauberes Bett und zu essen und trinken,« erwiderte der Jüngling.

Der Wirt nahm brummelnd einen Schlüssel mit angehängtem Holzklötzchen vom Schlüsselbrett und stieg schwerfällig die Treppe hoch. Kurt folgte ihm ungeduldig. Oben schloß der Alte ein Zimmer auf; er sagte: »Drei Betten, aber es wird heute wohl niemand mehr kommen, dann seid Ihr allein.« Damit ging er.

Kurt hängte sein Ränzel am Hakenbrett auf; er entnahm ihm eine Bürste und bürstete sich Schuhe und Hosen, dann nahm er die Waschschüssel, ging mit ihr auf den Hof, füllte sie an der Pumpe mit Wasser und stieg mit ihr wieder nach oben. Aus dem Küchenfenster sah neugierig ein junges Mädchen; er nickte ihr grüßend zu, sie grüßte wieder und wurde rot.

»Ein hübsches Mädchen. Das will ich für ein gutes Zeichen nehmen für meinen Eintritt in den Harz,« dachte sich Kurt.

Nachdem er sich gesäubert, ging er in die Gaststube. Die Gaststube war leer; nur auf einer der Bänke, die um die Wände liefen, saß das Mädchen, das er eben gesehen; sie strickte an einem Strumpf und zog eben den Faden vom Knäul weiter ab, das in einem hölzern gedrechselten Knäulbecher sich drehte. Er grüßte: »Guten Abend, Jungfer,« sie nickte mit dem Kopf und errötete wieder.

Er setzte sich auf eine Bank und sah zu ihr hin: »Weshalb steckt Ihr denn immer das rote Fähnchen heraus?« fragte er. »Habt Ihr denn noch nie einen hübschen jungen Mann gesehen?« Sie lachte und stand auf, um zu ihm zu gehen; da errötete sie wieder, und in ihren Augen standen Tränen. Nun stand sie ihm gegenüber, spielte mit ihrem Täschchen, senkte den Kopf und fragte: »Was wäre denn gefällig?«

Er war betroffen geworden, als er die Tränen in ihren Augen sah. Nun langte er über den Tisch hinüber, wollte ihre Hand ergreifen und sagte begütigend: »Es war doch nicht böse gemeint.« Sie entzog ihm die Hand und wich etwas zurück, dabei sah sie ihn an und lachte, indessen eine verlorene Träne über ihre Wange rollte. »Ihr seid mir der Rechte,« sagte sie. »Aber schönen Speck hätten wir und gutes Brot.« Mit diesen Worten ging sie schon in den Hintergrund der Stube, wo in der Ecke die Kellertreppe hinab führte. Sie stieg hinunter und kam mit einer Flasche im Arm zurück. Die zog sie auf, nahm einen buntbemalten Krug vom Bord und füllte den mit der schäumenden dunkelbraunen Gose, dann stellte sie Flasche und Krug vor Kurt hin.

Kurt betrachtete das Bild auf dem Krug. Es stellte einen Jäger dar, welcher auf einen Hirsch zielt.

»Der Jäger schießt den armen Hirsch mitten in das Herz,« sagte Kurt. »So machen es auch die Jungfern, wenn sie ihre Blicke auf die armen Jünglinge schießen,« sagte er.

»Ich habe aber noch nicht gesehen, daß ein Mann von einem Blick umgefallen ist und tot dagelegen hat,« erwiderte lachend das Mädchen.

»Das wohl nicht gerade, aber wund werden sie und siech,« sagte Kurt.

»Wißt Ihr, das ist der Hunger, da müßt Ihr gleich essen. Legt Euch ein gutes Stück Speck über das Herz, dann fühlt Ihr Euch gleich wieder wohler,« erwiderte sie und lief lachend aus dem Zimmer.

Nach einer Weile kam sie zurück und stellte vor ihn ein rechtes Stück Speck auf einem Holzteller und legte dazu ein Brot, damit er sich abschneiden solle, wie er Hunger habe. Und so zog denn der Jüngling sein Messer aus der Tasche, schnitt ab und aß, und aß tüchtig. Das Mädchen aber hatte sich inzwischen wieder zu ihrem Strickstrumpf gesetzt.

Sie machte große Augen, wie sie seinem Essen zusah. »Ihr könnt aber beischlagen,« sagte sie. »Das habe ich von meinem Vater geerbt,« erwiderte er ruhig. »Ist das die ganze Erbschaft?« fragte sie schnippisch.

»Ei ei, die Rose hat auch Dornen,« erwiderte er. »Ja, viel habe ich freilich nicht zu erben, denn das Amt wird einmal mein Bruder antreten. Aber ich habe meinen Kopf und meine Arme, da kann es mir nicht fehlen.«

»Ich könnte ja ein reiches Mädchen sein, wenn das Unglück nicht gekommen wäre,« sagte sie verlegen und sah wieder auf den Strumpf, an dem sie strickte. »Ich habe ja keine Geschwister weiter, und es ist einmal ein hübsches Vermögen dagewesen. Aber so muß ich nun bei dem Oheim hier dienen. Der Oheim und die Tante, die sind ja beide gut zu mir; aber zu Hause ist doch zu Hause, und mein Vater ist doch nun schon alt und muß gepflegt werden, und meine Mutter ist nicht mehr; da wäre ich zu Hause eigentlich nötig.«

»Was ist denn das für ein Unglück gewesen?« fragte Kurt teilnehmend.

»Ach, das versteht Ihr nicht, da muß man schon vom Bergwerk sein. Die Bergmännelei ist ein Glücksspiel,« sagte das Mädchen. »Der Bauer hat es gut. Der pflügt und wirft seinen Samen, und nachher erntet er; und wenn es noch so schlecht geht; so viel, wie er braucht, hat er allemal.«

»Ich bin ja vom Bergwerk,« erwiderte der Jüngling. »Mein Vater ist Geschworener in Annaberg; das liegt im Erzgebirge, weit von hier. Was zum Bergwerk gehört, das verstehe ich schon alles.«

»Mein Vater ist Geschworener in Lautenthal,« sagte das Mädchen. »Er heißt Wiedenhöfer, und ich heiße Marie, Marie Wiedenhöfer heiße ich. Seit das Bergwerk in Lautenthal aufgekommen ist, da ist immer einer von unsern Leuten dort Geschworener gewesen, bis zum Ururgroßvater hinauf, und vielleicht noch länger, das weiß ich nicht. Und nun ist der letzte Geschworene immer noch ein Wiedenhöfer ... Wie ich noch ein kleines Kind war, da sagte mein Vater immer: ›Andere Kinder kommen nun nicht mehr, weil ich doch schon alt bin, du bist die einzige; wenn du einmal heiratest, dann muß dein Mann Geschworener hier werden, damit das Amt in der Familie bleibt.'«

Kurt lachte. »Da sind wir ja gleich und gleich,« sagte er, »da müssen wir ja du zueinander sagen.«

Marie warf den Mund schmollend auf, zuckte mit den Achseln und ging aus der Gaststube.

Da saß nun Kurt allein, und ein wohliges Behagen überkam ihn. Er dachte an das Mädchen, das hatte flachsblonde Haare in einem schweren Zopf aufgesteckt zu einem Nest, und ein rot und weißes Apfelgesichtchen mit strahlenden blauen Augen. Er seufzte leicht auf und dachte: »Wenn man jetzt ein Vogel wäre, dann baute man ein Nest, denn es ist Frühling, und der Vogel findet überall Nahrung für sich und die Kleinen.«

Draußen auf der stillen Straße ging gelegentlich einmal jemand vorbei, etwa ein bedächtig altes Weiblein, das ein Töpfchen sorgsam mit beiden Händen trug. Vom Dom kam ein schweres Geläut, die andern Kirchenglocken fielen hämmernd, läutend und bimmelnd ein. Kurt sah in die Ecke, in der Marie in den Keller hinabgestiegen war, um das Bier zu holen; zuletzt war noch ihr Köpfchen mit dem schweren Haarnest zu sehen gewesen, sie hatte noch einmal schnell den Kopf zu ihm gewendet und hatte freundlich gelacht. »Sie ist aus guter Familie,« dachte er, »und ist gesund, und hat zugreifsche Hände, und hat ein fröhlichgutes Gemüt, da wäre ich wohl trefflich aufgehoben.«

Marie kam wieder in das Gastzimmer. Sie hatte einen Taler in der Hand, den legte sie vor Kurt hin und sagte: »Das ist ein Lautenthaler Ausbeutestück, den Taler wollte der Vater nicht ausgeben, weil er so ein vererbtes altes Stück ist, deshalb hat er ihn mir geschenkt, denn er sagte: ›Du hältst es schon zusammen, das ist eine Sünde, so ein Stück auszugeben.‹«

Kurt nahm den Taler in die Hand und betrachtete ihn, indessen auf der anderen Seite des Tisches Marie stand, den einen Arm untergeschlagen und das Kinn auf die andere Hand gestützt, und ihm aufmerksam zuschaute.

»Das ist ein schönes altes Stück,« sagte Kurt, »das verstehe ich, denn ich habe schon selber Muster in Buchsbaum geschnitten, nach denen der Eisenschneider dann arbeiten konnte.«

»Das Silber war von der Sanct Jacobsgrube, die nun eben abgebaut ist,« sagte Marie, »deshalb steht auf der Vorderseite Sanct Jacob mit Stab und Buch und Muscheln an dem Hut, und siehst du, auf der Erde liegen Muscheln, und darauf geht auch die Umschrift, die kann ich aber nicht lesen, denn die ist lateinisch.«

Kurt drehte den Taler in der Hand und las langsam: »Es heißt: ›Gott, vermehre unsre Erze, wie die Muscheln.‹ Nämlich, wie die Muscheln im Meer wachsen, so wachsen die Erze im Gestein. Und nun gibt es vielerlei Arten von Muscheln; solche, wie diese hier, die flach sind und zwei Schalen haben, und solche, die wie Schneckenhäuser aussehen, da gibt es ganz große, und dann solche, die wie Röhren sind. Und die Muscheln findet man auch oft im Gestein, da sind sie denn wie die Steine, die stammen noch aus der Zeit der Sündflut her, und wie die Wasser sich verlaufen haben, da sind sie zurückgeblieben und sind dann schließlich im Lauf der Jahre versteinert.« Das Mädchen sah ihn gläubig an, dann nickte sie und sagte: »Ja, das habe ich auch schon gesehen, ein ganz großer Stein, in dem saßen lauter steinerne Muscheln. Und mein Vater hat ein Stück Kupferschiefer aus Rottleberode, auf dem liegt ein ganz natürlicher Fisch, er liegt etwas gekrümmt, und seine Schuppen glänzen in allen Farben: grün, rot, blau und golden, und das ist nun eben der Kupferkies, was so glänzt.«

Kurt drehte den Taler um: »Ja, das ist nun das Wappen der Braunschweigischen Herrschaft, fünf Helme sind darauf, und es wird gehalten durch den wilden Mann. Nämlich, der wilde Mann hat auch mit dem Bergwerk zu tun. Denn wie die ersten frommen Bergleute in die Wälder gekommen sind, da haben sie den wilden Mann getroffen, mit dem haben sie erst kämpfen müssen, bis sie ihre christliche Arbeit anfangen konnten.«

So sprach Kurt belehrend, und Marie hörte ihm andächtig zu. Dann nahm sie ihren Taler wieder zurück und sagte: »Davon hat mir mein Vater auch erzählt, wie der Ahn zuerst nach Lautenthal gekommen ist, das ist vor über hundert Jahren gewesen, er sagt, es sind wohl anderthalbhundert Jahre her, wie der Herzog Heinrich regiert hat. Da ist er mit den Bergleuten nach Lautenthal gekommen. Da hatte er nämlich eine Runse beobachtet, in der wuchsen Goldmilchkraut und Binsen, da hat er abgeteuft, das ist nun der Sanct Jacobsschacht. Aber den wilden Mann haben sie damals nicht mehr gesehen, den hatten wohl schon die Alten vertrieben.«

Vor Eifer errötend erzählte sie, und Kurt fühlte, wie ihm das Herz schlug, und er hätte aufspringen mögen und das Mädchen in seine Arme schließen und küssen. Aber nun saß er doch auf der Bank, und vor ihm stand der lange Tisch, auf dessen anderer Seite Marie stand; da hätte er sich zwischen Bank und Tisch durchquetschen müssen, und plötzlich schämte er sich seines Begehrens und sagte sich: »Wie kann ich denn ein ehrliches Mädchen begehren, ich habe ja nichts, davon ich einen Hausstand begründen kann, und ehe ich eine Stelle finde, das mag lange währen, und eine ewige Brautschaft, das ist nichts für ein Mädchen.«

Indem trat der Wirt ins Zimmer, schwer und groß; Marie holte ihm schnell einen Stuhl und setzte den an den Tisch Kurt gegenüber, wo sie gestanden hatte. Dann ging sie wieder auf ihren Platz und nahm ihr Strickzeug zur Hand.

Der Wirt legte seine Arme schwer auf den Tisch und faltete die Hände. Er trug ein gestricktes braunes Kamisol, und unter den Ärmeln unten kam weiß der Hemdbund vor.

»Hat es dem Herrn geschmeckt?« fragte er. »Der Speck ist von unsern Schweinen, das Brot backen wir auch selber von unserm Korn, und ich habe auch im städtischen Brauhaus eine Brauzeit. Das Mädchen haben wir zu uns genommen, weil sie mir Bruderskind ist. In Lautenthal sieht es schlecht aus. Voriges Jahr ist plötzlich die Laute versiegt. Wie von der Erde verschluckt. Der Müller, der seine Mühle hinter Lautenthal hat, kann nicht mehr mahlen, er kann seine Mühle zusperren. Und vor zwei Jahren ist mit einemmal der Erzgang zu Ende, der Lautenthaler Hauptgang. Das ist ja wohl schon früher einmal gewesen, aber da haben sie ihn immer wiedergefunden oder haben eine Abzweigung entdeckt. Aber jetzt: plötzlich verworfen. Die Gewerke haben kein Geld mehr; sie sagen: ›Zubußgruben sind ein schlechtes Geschäft.‹ Da ist hier gleich in Langelsheim ein Herr von Uslar, ein junger Mann. Die Familie hat viele Kuxe, die hat einmal große Erträge gezogen. Jetzt nichts mehr. Und was mein Bruder ist, nun, der sagt: ›Mein Vermögen habe ich auf dem Lautenthal verdient, da soll es auch bleiben.‹ Was macht er? Er treibt einen neuen Stollen ein, er sagt, da kommt er auf einen neuen Gang. Na, ich wünsche ihm ja, daß Gott ihn segnet. Er ist ein guter Mann. Aber ich an seiner Stelle ..., aber ich will nichts sagen. Er ist auch ein kluger Mann.«

Marie wischte sich heimlich eine Träne aus den Augen; Kurt hatte sie immer verstohlen betrachtet und sah das.

»Ja, mit dem Bergwerk geht es auf und ab, das weiß ich,« sagte Kurt.

»Ich lobe mir meine Gasthofsnahrung. Da weiß ich, was ich habe,« sagte der Wirt. »Ich werde ja nicht reich, aber ich werde auch nicht arm. Ich habe so mein Auskommen; und was will der Mensch mehr! Nicht zu hoch hinaus wollen, das ist die Hauptsache.«

Und so plätscherte das Gespräch denn nun eine Weile weiter, und nachdem der Wirt den Gast genug unterhalten hatte, da stand er auf, entschuldigte sich, daß er einmal im Stall nachsehen müsse, und ging.

Da wollte nun Kurt mit Marie wieder ein Gespräch anfangen, die inzwischen fleißig gestrickt hatte, den Kopf über ihr Strickzeug gebückt. Er räusperte sich und wollte beginnen, aber es fiel ihm nur eine Bemerkung über das Wetter ein, und die schien ihm doch zu dumm; so stockte er mitten im Räuspern, und da wurde ihm klar, daß er sich überhaupt zu früh geräuspert hatte, denn nun kam ihm gar kein Gedanke mehr. Das Mädchen aber merkte seine Verlegenheit; sie hob ihr Strickzeug hoch vor ihr Gesicht und sah scharf zwischen ihre Nadeln hinein, und ihr Gesicht wurde dunkelrot vor unterdrücktem Lachen.

Da klopfte es hart an die Tür, fast gleichzeitig wurde die Tür auch aufgerissen und ein Wanderbursche trat ein mit dem Felleisen auf dem Rücken, aus dem zu beiden Seiten das zweite Paar Stiefel mit den benagelten Sohlen herausschaute. »Gott zum Gruß,« sagte er und lüpfte seine Mütze. »Kann ich hier zu essen haben?«

Das Mädchen bejahte, da warf der Bursche das Felleisen krachend auf die Bank, legte seine Mütze darauf und setzte sich schwerfällig. »Ich bin müde,« sagte er. »Wie weit ist es noch bis Lautenthal?« – »Vier Stunden,« erwiderte Marie, indem sie sich erhob, um in den Keller zu gehen, »aber die hat der Fuchs gemessen, da hat er den Schwanz zugegeben.« – »Die mache ich nicht mehr heute,« sagte der Bursche. »Kann ich hier ein Nachtlager haben, ein Bett, ich bin Müllergeselle und kann's bezahlen.« – »Wenn Ihr so reich seid, dann könnt Ihr auch das Bett haben, das für den Kaiser Friedrich aufgeschlagen steht, wenn er aus dem Kyffhäuser kommt und in Goslar einkehrt,« sagte lachend Marie. – »So fein brauche ich es nicht, wenn es nur sauber ist,« sagte, sich dehnend, der Bursche; da verschwand das Mädchen in den Keller, brachte die Bierflasche herauf, nahm einen Krug vom Bord und stellte beides vor den Gesellen hin. Der goß lachend ein, und während das Mädchen aus der Tür ging, um das Essen zu bestellen, hob er den Krug und trank Kurt zu.

Er wischte sich den Schaum vom Schnurrbärtchen und begann unbekümmert zu erzählen. Während seiner Erzählung kam das Mädchen zurück und setzte sich wieder still an ihren Strickstrumpf, den sie auf den Tisch gelegt, als sie sich erhoben hatte.

Der Bursche erzählte: »Nun ist es gerade ein Jahr her, da stand ich in Arbeit in der Lautenmühle, oberhalb von Lautenthal; ein guter Müller, ist in der Welt herumgekommen und hat etwas gesehen. Dann war eine Tochter da, die Käthe, sehr angenehmer Gegenstand, und kochte gut. Ich bin doch nun auch guter Leute Kind, mein Vater hat selber eine Mühle, Franz Bacher schreibe ich mich, ich habe freilich fünfzehn Geschwister, zwei sind gestorben, da muß man sich denn in der Welt umsehen, wo man sein Glück machen kann. Andere Kinder waren nämlich nicht in der Mühle. Also ich werde handelseins mit der Käthe. Ich habe sie immer nur das Käthchen genannt, so hübsch ist sie. Aber weshalb sollen wir gleich dem Alten etwas sagen? Das hat noch lange Zeit, denken wir, und ich sage mir: ›Wer weiß, vielleicht findest du auch noch ein besseres Glück.‹ Und das hat sich das Käthchen vielleicht auch gesagt, das kann ich ihr nicht übelnehmen, weil ich das doch selber auch gedacht habe. Also nun eines Tages, ich auf dem Boden, und kippe Roggen in den Trichter. Eben habe ich den Sack an den Zipfeln und schütte ihn aus, da steht das Käthchen hinter mir und hält mir die Augen zu und ruft: ›Rate mal, wer ist das?‹ Ich mich natürlich herumgekehrt, na, und da haben wir uns denn abgeküßt. Steht doch mit einemmal der Alte da! ›Weißt du, Franz,‹ sagt er ganz still, ›das paßt mir nicht, diese Herumleckerei. Ich will ja nichts gegen dich sagen. Aber du bist mir noch zu jung, und das Mädchen ist mir noch zu jung. Jetzt gehst du hinunter in die Gesellenkammer, da packst du dein Felleisen, und dann: Lebe wohl.‹ Fällt das Käthchen doch dem Vater um den Hals und heult! Ich, ich kann das nicht vertragen, wenn die Frauensleute heulen, da muß ich gleich mitheulen. Aber nun werde ich grob. ›Meister,‹ sage ich, ›mit aller schuldigen Achtung, weil Ihr der Meister seid, denn das Mädchen hätte ich schon gern, aber wenn es denn nicht sein soll, wer weiß, vielleicht finde ich auch noch ein besseres Glück.‹ Da hat das Käthchen noch lauter geheult, und ich, weil ich doch so ein weiches Herz habe, ich habe auch die Tränen in den Augen.

Und so stehen wir nun also alle drei, und der Alte, der heult doch auch, ich weiß gar nicht, weshalb. Und da, mit einemmal: wie abgeschnitten. Ich schreie: ›Horcht mal, es klappert ja nicht!‹ Da plätschert noch so ein bißchen was, sonst nichts. Die Mühle steht. Ich, zur Tür hinaus, zum Gefluder. Kein Tropfen Wasser im Gefluder. Mühlbach: trocken. Ich, zur Laute. Da sind so ein paar Tümpel, in denen schlagen die Fische mit den Schwänzen. Alles fort. Wie von der Erde verschluckt. Nun kommt der Alte auch mit dem Käthchen. Wir gehen am Ufer entlang. Kein Wasser mehr. Wir gehen und gehen. Nichts. So ein paar Rinnsel, die hören aber auch gleich auf. ‚Meister,‹ sage ich, ›das ist die Strafe des Himmels. Denn mir kann keiner auch nur so viel nachsagen.‹ Denn ich hatte doch meinen Groll, denn etwas Unrechtes wollte ich doch nicht von dem Mädchen, denn der Mensch hat doch seine Ehre, denn man weiß doch, wen man vor sich hat, denn das Käthchen ist keine angreifsche Ware. Also ich in die Gesellenkammer und aufgepackt und fort, und wie ich mich umsehe, da steht oben am Gefluder das Käthchen und hat ihre Arme dem Vater um den Hals geschlungen und weint. Also keinen Abschied und nichts.

Und nun, wie ich wieder auf Wanderschaft bin, da arbeite ich hier und arbeite da, aber das Käthchen kommt mir nicht aus dem Sinn, denn sie war wirklich ein zu angenehmer Gegenstand, und so sanft und so gut. Und dann tat mir das doch auch leid, daß das Wasser von der Mühle fort war, denn was soll denn der Müller nun machen? Und das ist also der Grund, daß ich jetzt nun wieder nach Lautenthal gehen will, und da will ich so nachsehen. Ich habe auf dem ganzen Weg gefragt. In Oker war einer, der wußte genau Bescheid. Das Wasser ist nicht wiedergekommen, die Laute muß einen unterirdischen Weg gefunden haben, und das Mädchen ist noch da, und ist nicht verlobt, aber wenn das Wasser fort ist, dann ist doch die Lautenmühle keine Bürgernahrung mehr, und ich selber, ich habe fünfzehn Geschwister, da habe ich von zu Hause nichts zu hoffen, aber das Käthchen liegt mir nun einmal im Sinn, denn ich hätte ja wohl noch eine andere gefunden, aber nein! Die soll es nun eben sein! Das habe ich mir nun in den Kopf gesetzt.«

Als der Müller schloß, da standen ihm die Tränen in den Augen, und er wischte sie mit der flachen Hand fort.

Marie hatte den Schluß der Erzählung mit angehört und hatte den Anfang wohl erraten. Sie sagte: »Ja, so ist es. Das ist so ein Unglück gewesen wie beim Bergwerk, und mein Vater meint, das hängt vielleicht zusammen. Ich glaube ja immer, das kommt alles vom Bergmönch. Der kann das Pfeifen und Johlen nicht leiden. Und nun haben die jungen Burschen in der Grube immer solchen Spektakel gemacht. Meine Mutter, als sie noch lebte, hat meinen Vater oft gewarnt: ›Laß die jungen Burschen nicht in die Grube! Du kannst sie ja im Pochwerk gebrauchen oder in der Hütte.‹ Mein Vater wird ja wohl recht gehabt haben, es ging wohl nicht anders, die Arbeit mußte gemacht werden; aber nun haben wir das Unglück.«

Marie brachte dem Müller sein Abendessen, und der löffelte nun schweigend. Die Dunkelheit kam, und Marie steckte ein Tranlämpchen an, das sie vor die beiden stellte, dann kam sie mit einem Holzstuhl, setzte den auf die andere Seite des Tisches und saß so den beiden gegenüber, um für ihren Strickstrumpf das Licht mit zu genießen. Kurt sagte zu dem Müller: »Es ist Zeit, zu Bett zu gehen. Wir kosten den Wirt Tran, da dürfen wir nicht unbescheiden sein.« Die beiden erhoben sich, das Mädchen begleitete sie mit dem Tranlämpchen zu der Schlafkammer, wo die Betten standen mit dem blau und weiß gewürfelten Bezug.

Der Müller sagte: »Was ein richtiger Mühlenknappe ist, der kann immer schlafen.« Er legte sich, betete ein kurzes Gebet, und da schlief er auch schon. Kurt aber lag noch lange wach. Er dachte an Marie, und ein tiefes Glücksgefühl, eine selige Sehnsucht, die ihrer Erfüllung gewiß war, überkamen ihn. Er hätte mögen leise den Namen rufen. Dann aber dachte er plötzlich daran, daß sie beide unvermögend waren, daß er noch nicht einmal wußte, wo er sein Brot verdienen sollte; da mußte er tief seufzen; und mit dem tiefen Seufzer schlief auch er ein.

Unterdessen dieses in Goslar geschah, ging mit andern Personen, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen werden, in Gittelde etwas vor.

In Gittelde war ein Hof, der Junkernhof, auf dem immer Herrschaften gesessen hatten, denn es gehörten zu ihm eine Anzahl Hufen und Gerechtigkeiten. Der Hof ging vom Herzog von Braunschweig zu Lehen. Der letzte Eigentümer war ein alter Herr gewesen namens Hans Koch, der nun gestorben war und eine einzige Tochter Eva hinterlassen hatte; seine Frau war schon seit langem tot.

Der Junker Thilo von Uslar in Langelsheim war ein junger Mann, welcher desgleichen nach dem Tod seines Vaters zurückgeblieben war, aber mit seiner Mutter. Dieser Thilo hatte ein Verständnis mit Eva Koch. An dem Morgen, da Kurt Pfeffer und Franz Bacher sich in Goslar aus dem Bett hoben und ihre Frühstückssuppe aßen, ritt er von Langelsheim nach Gittelde, um mit Eva eine Rücksprache zu nehmen. Nun saß er mit ihr in der Stube. Das war eine niedrige, kleine Stube, braun getäfelt und mit brauner Balkendecke; zwei Fensterchen gingen ins Freie, in die blühenden Bäume hinaus. Ein großer Tisch stand da mit schrägen Beinen, welche durch Stege verbunden waren, und zwei Stühle standen sich gegenüber an dem Tisch, und Thilo und Eva saßen sich gegenüber und hatten ihre Arme auf die braune Tischplatte gelegt, und des Mädchens Hände sahen weiß und zart aus den grauen Ärmeln der Leinenjacke heraus.

Eva hatte ein helles Gesicht mit leicht geröteten Wangen, helles Haar und helle Augen. Nun sah sie aufmerksam auf ihre Hände, die miteinander spielten, weil sie so ganz benommen war von ihrer Sorge. Sie sprach mit leiser Stimme; ihre Augen blieben trocken, aber man sah, daß sie sich sehr bezwang. Ein Vogel setzte sich draußen auf das Fensterbrett und pickte an die Scheibe, sie machte eine unmutige Kopfbewegung.

Es hatte nämlich früher eine Familie auf dem Hof gesessen, die sich nach dem Ort Gittelde schrieb. Der letzte dieser Familie war ein Heinrich von Gittelde gewesen, der war im großen Krieg mit Frau und Kindern nach Northeim geflohen, weil die Frau Angst hatte und er ein Weiberknecht war, und in Northeim war er mit allen seinen Söhnen im Elend gestorben. Dadurch war das Lehen an den Herzog zurückgefallen, und der hatte einen Mann namens Jagemann mit ihm belehnt, von dem Eva weiter nichts wußte. Von diesem aber hatte es ihr Vater Hans Koch ehrlich gekauft, der ein Kriegsobrister gewesen war und Beute gemacht hatte. Ihr Vater hatte ihr erzählt, wie er mit dem Geld auf einem Bauernwagen gefahren war, den er selber kutschiert hatte, das Geld war in lauter Talern gewesen, in Säcken. Und nun, wie er gestorben ist, da findet sich der Kaufbrief nicht. Eva hat überall gesucht im Haus, sie hat auch im Pfarrhaus gesucht und in der Kirche, aber der Kaufbrief findet sich nicht. Die alten Leute sagen, daß sie bezeugen können, daß der alte Herr Hans Koch ehrlich gekauft hat; aber das gilt nicht, wenn der Kaufbrief nicht da ist. Der herzogliche Vogt sagt aber, nun ist das Lehen verfallen und muß eingezogen werden, und der Herzog will es wieder verleihen an Hans Kühn, und er hat gesagt: so soll sie doch Hans Kühn heiraten, denn der will sie gern zur Frau nehmen; aber das tut sie nicht, und lieber geht sie ins Wasser, denn wir sind doch nicht Türken, wo die Frauen gekauft werden, sondern wir sind Christenmenschen.

Da steht sie auf von ihrem Stuhl, und Thilo steht auch auf. So stehen die beiden sich gegenüber. Und so fällt sie denn ihrem Thilo in die Arme und weint, und der streicht ihr das Haar aus der Stirn und küßt sie auf den Mund mit einem Kuß, der salzig schmeckt. Er hat ihr ein eigenes Leid zu klagen, aber das tut er nicht, denn er sieht, daß sie schon so traurig ist, und so denkt er, daß er sie trösten will, und erzählt, daß er Briefe wechselt mit einem Grafen von der Schulenburg, der hat in der Fremde Glück gehabt und ist in Kriegsdiensten der erlauchten Republik Venedig, da hat er eine hohe Stelle, der hat ihm geschrieben, er soll nur kommen, er macht ihn gleich zum Hauptmann.

Aber wie Thilo das sagt, da macht Eva einen Schritt auf ihn zu, ballt die Fäuste, tritt vor ihn hin und ruft: »So, in die Fremde! Und ich habe keinen Schutz hier, und Hans Kühn kommt jede Woche zweimal geritten und will Süßholz raspeln mit mir, der zuwidere Mensch! Und du wirst vielleicht krank in der Fremde und hast keinen Menschen, und dann stirbst du mir! Wenn du in die Fremde ziehst, dann lasse ich alles, dann gehe ich mit, und wenn ich Marketenderin werden soll!« Und dabei stürzen ihr die Tränen aus den Augen und rollen ihr dick über die Backen; sie reibt entrüstet die Tränen mit beiden Händen, sie ruft: »Und wenn ich weine, dann sehe ich häßlich aus, dann kriege ich eine rote Nase, dann magst du mich nicht mehr;« sie stampft mit dem Fuß und sagt: »Ich will nicht mehr weinen.«

Thilo suchte die Erregte zu begütigen. Er sagte: »Wir sind beide jung, ein paar Jahre können wir warten. Sollen wir heiraten als Bettler und Bettler in die Welt setzen? Wir wollen uns beide nicht vor unsern Vorfahren schämen. Morgen kann dich der Vogt aus dem Hause treiben, du findest Aufnahme bei meiner Mutter. Aber ich, soll ich zu Hause hocken und dir und meiner Mutter das bißchen Brot fortessen, das noch da ist? Siehst du, mein Vater ist ein reicher Mann gewesen; ich war es auch, als mein Vater starb. Mit einemmal war das Silber in der Grube fort, da hatte ich nun lauter Zubußekuxe. Der alte Geschworene Wiedenhöfer ist ein braver Mann. Als das Unglück kam, da hat er auf sein Gehalt verzichtet, dann hat er mit seinem eignen Geld den neuen Stollen angefangen. Sollte ich mich lumpen lassen? Ich habe zugebüßt, was ich konnte, ich habe die silbernen Löffel verkauft und die Ehrenkanne, und nun ist der neue Stollen schon weit hineingetrieben. Das Vieh aus dem Stall ist auch verkauft. Nun mögen die andern sehen, die Kuxe besitzen, daß sie zubüßen. Der Herzog zahlt nichts; das kann man nicht verlangen, denn er bekommt keinen Zehnten aus Lautenthal. Die Kirche und die Schule hat nichts. Aber da sitzen noch überall so Bürger herum, die Kuxe haben, in Braunschweig, in Magdeburg und in Leipzig, die können nun auch zahlen, denn mit dem neuen Stollen müssen wir Glück haben, sagte Wiedenhöfer.«

Eva hängte sich um Thilos Hals. Sie sagte: »Du hast recht, ich bin ja dumm; dafür bist du der Mann, daß du leitest, und ich bin das Mädchen, ich muß mich fügen. Sei nur nicht böse, aber es kam so über mich, ich war so in Gram, daß du fortgehen willst, denn dann habe ich ja keinen Menschen mehr in der Welt, nur deine gute Mutter, aber die kann mich auch nicht beschützen, wenn es schlimm kommt ... Ich gehe zum Herzog!«

Thilo biß sich die Oberlippe. Er sagte: »Ich habe ja daran gedacht, daß ich selbst zum Herzog gehen wollte, denn es ist ein Raub, der an dir geschieht, und den kann der Herzog nicht wollen, das ist nur der Vogt, der das will. Aber dann habe ich mir gedacht: ›Was wird er mir sagen? Welches Recht habe ich denn? Da sind die giftigen Zungen am Hof, da wird dann über dich geredet ...!‹ Aber wenn du gehen willst, ich habe nichts dawider. Nur warte noch, bis das mit dem Schulenburg in Ordnung ist; so zwei, drei Wochen warte noch; vielleicht findet sich noch ein Ausweg bis dahin; der Wiedenhöfer sagt immer: ›Jede Schicht kann der Anbruch kommen.‹«

Thilo umarmte Eva heftig und küßte sie; sie erschrak und stemmte die beiden Hände gegen seine Brust; aber da lachte er und drückte sie erst recht fest an sich, dann ließ er sie, eilte die Treppe hinab; im Stall stand sein Roß und kaute behaglich; als er in die Tür trat, da wieherte es und stampfte mit einem Hinterfuß auf. Der Knecht kam und sattelte es, Thilo zog die Handschuhe an, dann trat er in den Hof und winkte noch einmal nach oben, wo Eva am Fenster stand. Der Knecht führte das Roß heraus, Thilo schwang sich auf und ritt ab.

Er ritt ab und ritt. Er ritt die Landstraße nach Langelsheim zurück. Zur Linken zog sich leichtgewelltes Land mit Äckern und Wiesen, zur Rechten hoben sich die Harzberge, einer gelagert hinter dem andern. Aber da waren eben die Apfelbäume erblüht, fast ganz erschlossen waren die weiß und roten Knospen, wie runde Blütensträuße standen die Bäume, umsummt von Hunderttausenden von Bienen, und über ihnen stiegen die Buchen den Berg hoch, die schwarzen Stämme einer neben dem andern, einer hinter dem andern, schlank und hoch und oben verzweigt und verästelt, und überhaucht von dem allerersten Grün der sich erschließenden Blattknospen. Das Pferd wieherte und setzte sich von selber in schnellere Gangart, und Thilo fühlte, wie sein Herz schneller schlug und das Blut rascher kreiste; alle seine Bedenken und Besorgnisse schienen ihm plötzlich töricht; er dachte: »Weshalb habe ich sie nicht mit auf den Gaul genommen und bin mit ihr fortgeritten, was bin ich für ein zaghafter Mensch, der immer an morgen und übermorgen denkt!« Da jubelten zwei Lerchen in den Lüften hoch über ihm, plötzlich hörte er den Jubel, er hatte ihn wohl vorher überhört.

Nun machten sich aber auch auf der andern Seite Kurt und Franz bereit für ihren Weg nach Lautenthal. Der Müller war noch einmal nach oben gegangen, und Kurt stand mit Marie allein in der Gaststube. Marie machte sich am Tisch zu schaffen, sie räumte die Teller zusammen und klapperte mit den Löffeln. Ihre Hände zitterten wohl. Plötzlich spürte Kurt, wie er sie im Arm hielt, wie er sie küßte, wie sie seinen Kuß erwiderte. »Ich komme und hole dich,« sagte er leise zu Marie, die ihre Augen geschlossen hielt. Sie öffnete ihre Augen weit, die waren ganz dunkel geworden, sie sagte: »Das weiß ich, daß du kommst; ich habe dich auch so lieb;« und damit schlang sie rasch noch den Arm um seinen Hals, küßte ihn nochmals heiß auf die Lippen, und da hatte sie sich ihm auch schon entwunden und war aus dem Zimmer. Aber eben, als Kurt recht zur Besinnung kam, trat auch schon Franz ein mit aufgeschnalltem Felleisen, den Knotenstock in der Hand; da nahm Kurt seufzend sein Ränzel auf, hängte es sich über, nahm seinen Stock und ging mit dem Kameraden. Der Wirt kam ihnen auf dem Flur entgegen und reichte ihnen die Hand zum Abschied. Knurrend sagte er: »Wo ist denn nur wieder das Mädchen! Sie kann doch wohl Abschied nehmen und glückliche Wanderschaft wünschen!« Das kam Kurt plötzlich so lächerlich vor, daß er sich auf die Lippe beißen mußte, um nicht herauszuplatzen. Daran merkte er, wie glücklich er war.

So gingen nun die beiden und gingen von der entgegengesetzten Seite wie Thilo auf Langelsheim zu, denn sie dachten auf der Landstraße zu bleiben und von Langelsheim dann harzauf nach Lautenthal zu gehen. Und auch an ihrem Weg blühten die Apfelbäume, über denen gestern erst ein leichter weißer Schimmer gewesen war, und über den Apfelbäumen kletterten die Buchen den Berg hoch, immer höher, und waren vom ersten grünen Schimmer des Frühlings überhaucht.

Der Müller schwang seinen Knotenstock und pfiff ein Lied so vor sich hin, er war verlegen. Dann faßte er sich ein Herz und eröffnete sich dem Kameraden: »Ich bin ja nun lange gewandert und habe mich auch gefreut, daß ich das Käthchen wiedersehen soll, aber nun sind das nur noch ein paar Stunden hin, und da wäre es mir jetzt lieber, ich wäre weit weg von ihr und nicht so nahe.« Kurt fragte teilnehmend: »Was ist denn das, bist du denn andern Sinns geworden?« Franz schwieg eine Weile, versuchte auch einmal wieder zu pfeifen; endlich sagte er: »Das ist es ja nicht. Aber wie das denn nun so ist. In der Fremde stößt einem manches auf. Und man ist doch eben auch nur ein Mensch, und da denkt man: morgen kannst du ja weiterwandern.«

Kurt merkte jetzt, daß ihm der andre ein Liebesabenteuer beichten wollte. Gutmütig sagte er: »Ja, ja, die Verführung ist groß.«

Hastig griff Franz die Entschuldigung auf, und nun erzählte er fleißig. Da war so ein Mädchen gewesen, von einem Flickschuster die Tochter, der auch zum Tanz aufspielte. Der hatte eigentlich nicht das Recht zum Schustern und die Meister hätten es ihm verbieten können, aber weil er so ein armer Teufel war und ja auch bloß flickte und nichts Neues machte, so drückten sie ein Auge zu. Der hat also eine Tochter, ein sehr hübsches Mädchen, Augen schwarz wie die Kohlen und krauses schwarzes Haar, aber sie hat keinen guten Namen; auf den Tanzboden durfte sie nicht kommen. Nun, also, da ist denn so ein Gesellentanz, und der Franz tanzt auch mit, einmal mit diesem Mädchen und einmal mit dem, aber dabei denkt er doch immer an das Käthchen und denkt: »Vielleicht ist die gerade jetzt auch auf dem Tanzboden und fliegt aus einem Arm in den andern,« und da wird ihm ganz siedend heiß, und wie der Tanz zu Ende ist, da bringt er das Mädchen, mit dem er getanzt hat, zu ihren Eltern zurück und setzt seinen Hut auf und geht aus dem Haus ins Freie; es ist aber eine Sommernacht, und da schlägt auch eine Nachtigall und will sich fast zerreißen vor lauter Anstrengung. Da kommen ihm aber die Tränen hoch, weil er immer an das Käthchen denkt, und er schluchzt, und so geht er denn immer weiter einen schmalen Weg, der durch die Gärten führt, und eben geht der Mond auf. Und da sieht er unter einem großen Eichbaum, an den Stamm gelehnt, die Hanna, so hieß nämlich das Mädchen des Flickschusters, und in seiner Dummheit fragt er die auch noch, weshalb sie nicht auf dem Tanzboden ist; das hätte er sich doch denken können, daß die nicht durfte, erstens, weil ihr Vater kein Meister war, und zweitens, weil sie keinen guten Ruf hatte. Also, wie er das sagt, da schluchzt das Mädchen auf. Da hat ihn doch der Teufel geritten, denn er hat das Mädchen gern gehabt, denn sie war wirklich ein angenehmer Gegenstand, und sonst war auch nichts gegen sie zu sagen, bloß, daß sie leicht war; also da nimmt er ihre Hand und will ihr etwas Tröstendes sagen, aber indem muß er selber auch schluchzen, und da liegt sie ihm auch schon an der Brust. Na, was ist da nun zu sagen! Da war es dunkel, und alle Leute schliefen schon, nur die in der Wirtschaft tanzten noch, aber das war ganz weit weg, und da hat er sich denn vergessen. Das ist eine Sünde gewesen. Nun das Mädchen aber, einen guten Ruf hatte sie ja nicht, aber sie hat ihm doch leid getan, die hat nun immer gemeint, er soll sie heiraten. Wie kann er denn das! Er ist doch aus einer guten Familie; wie soll er denn seinem Vater unter die Augen treten mit einem Mädchen, das keinen guten Ruf hat! Und wie soll er denn eine Frau ernähren! Soll er ein verheirateter Mühlknappe werden und als Kinder Spitzbuben und Huren haben? Nun, das Mädchen hat sich ja wohl nachher getröstet, er hat sie nicht mehr angesehen, er hat immer einen Umweg gemacht, wenn er ihrer von weitem ansichtig geworden ist, denn der Mensch ist schwach. Aber nun hängt es ihm doch nach, was er getan hat, und er schämt sich, wenn er dem Käthchen ins Gesicht sehen soll. Aber nun hat er einmal die weite Reise gemacht und das Geld ausgegeben, das er hätte sparen können, da muß er denn doch wohl schon zur Lautenmühle gehen.

Unter solchen Erzählungen gingen die beiden fürbaß und gingen durch Langelsheim hindurch. Da war es nun bald Mittag, aber sie hatten nicht ein einziges Gasthaus im Ort gesehen. Der Müller meinte: »So müssen wir denn wohl fechten und einen Bauern um einen Teller Suppe anbetteln;« aber Kurt erwiderte ihm, dazu habe man noch immer Zeit, denn es liegen noch weitere Höfe am Weg; und so bogen denn die beiden links ab auf den Weg, der nach Lautenthal in den Harz hineinführte.

Da kamen sie an einem Häuschen vorbei, das schon oben an der Berghalde lag, und die Halde hinab zog sich eine Obstwiese mit blühenden Apfelbäumen, und ein dünnes Wässerchen rann in der Wiese bergab, an dessen Seiten Narzissen blühten. Da stand unten im Obstgarten ein uralter Mann und machte sich an einem jungen Bäumchen zu schaffen, indem er Blüten abknipste; und von der Straße her war ein junger Herr an den Zaun getreten, um ihm zuzuschauen, indem er die Arme auf das Staket legte; sein Pferd weidete aber indessen im Straßengraben. Dieser junge Mann war der Thilo von Uslar, über den schon berichtet ist, der nun inzwischen von Gittelde angekommen war und noch wenige Minuten zu seinem Haus hatte.

Der alte Mann, der an dem Bäumchen hantierte, war im Erzählen. Er sagte: »Das ist nun so, das Bäumchen ist noch zu jung; es ist zu fleißig; und wenn man es so läßt, dann überträgt es sich. Fünf Äpfel kann es schon bringen, zu mehr aber langt die Kraft nicht; da muß man denn die andern Blüten abknipsen.«

Der alte Mann sprach so ruhig und arbeitete so sicher mit den Fingern, und der junge Herr hörte so still zu; am hohen blauen Himmel standen zwei zarte weiße Wölkchen, und die Sonne schien auf die Wiese und die blühenden Bäume, daß es den beiden Wandrern ganz heimlich wurde. Sie grüßten höflich und Kurt fragte: »Ist es erlaubt, gleichfalls zu schauen?« Der Alte rückte wortlos seine Mütze, Thilo grüßte höflich und machte den beiden Platz, und so lagen nun die drei mit den Armen auf dem Staket und sahen dem Alten zu. Der lachte und sagte: »Ja, so wird man alt, dann erzählt man, und die Jungen hören zu, und da ist einem denn mit einemmal, als ob man gestern noch selber jung gewesen ist und einem Alten zugehört hat. Ich kann das immer noch gar nicht glauben, daß ich schon so alt bin und einen weißen Bart habe; aber wie der große Krieg anfing, da war ich zehn Jahre alt, da habe ich schon meinen ersten Apfelbaum gepfropft, das hat mir mein Vater gezeigt; und wie der große Krieg zu Ende ging, da war ich vierzig alt und hatte schon Kinder, da lag ein großer Teil von Langelsheim in Schutt, aber mein Häuschen da oben war stehengeblieben, und das ist nun auch schon wieder fast vierzig Jahre her.«

Nun fragte er die beiden Fremden nach Namen, Herkunft und Ziel und unterbrach ihre Rede immer durch ein »So, so!«, aber man spürte, daß er nur wenig von der Rede merkte und vor allem an sein Bäumchen dachte. Er erzählte: »Voriges Jahr hat es zum erstenmal getragen, drei Äpfel hat es gehabt. Da habe ich meinem Urenkel die Kiepe auf den Rücken gehängt und habe ihn an die Hand genommen, damit er nicht stolpert mit der großen Kiepe, und habe ihm gesagt: ›So, nun holst du die drei Äpfel in deiner Kiepe, damit der kleine Baum seine Ehre hat, denn er ist ein fleißiger Baum und tut seine Pflicht.‹ Und so habe ich die drei Äpfel in die Kiepe gelegt. Und dieses Jahr blüht er nun so!« Dann wies er auf einen älteren Baum, der daneben stand, etwa dreißigjährig und in der besten Tragzeit. An jedem Zweig war dem ein schwerer Stein gehängt, der ihn niederzog, und der Baum stand in reicher Blüte. Der Alte lachte: »Der ist ein fauler Knecht, voriges Jahr hat er nicht einen Apfel getragen. Da habe ich ihn gezüchtigt. Ich habe ihm die Steine angehängt. Wie sieht er nun aus! Das weiß heute niemand mehr, daß man den faulen Baum züchtigen muß, und die Leute haben mich ausgelacht; aber ich habe das noch von meinem Großvater gehört, der hat mir viele Geheimnisse erzählt; und nun sieht man doch: er ist in sich gegangen.«

Da öffnete sich oben die Haustür und eine junge, gesunde und schöne Frau trat heraus; sie legte die Hand über die Augen, um den Blick vor der Sonne zu schützen, und rief: »Großvater! Essen!« Eilfertig knipste er noch die letzten Knospen ab, dann sagte er: »Nun muß ich gehen, denn wenn ihr das Essen kalt wird, dann zankt sie. Da hat sie auch recht, das kann man ihr nicht übelnehmen.«

Während er so sprach, sahen die drei jungen Männer nach oben. Da ging, die Hände auf dem Rücken, ein vornehmer Herr, er mochte wohl an die vierzig sein, in Schnallenschuhen und seidnen Strümpfen und mit einer mächtigen Perücke. Die drei Jünglinge sahen den Alten fragend an. Der aber sagte leise und ehrfurchtsvoll: »Das ist der Hofrat Leibniz aus Hannover, der ist jetzt auf dem Oberharz und probt Maschinen aus für die Wasserhaltung, der geht so auf und ab und denkt immer an seine gelehrten Sachen.«

Die Enkelin rief noch einmal. »Ich komme‚ ich komme,« antwortete er laut. Dann sagte er zu den Jünglingen: »Nun Gott befohlen alle!«; er lüftete die Mütze und stieg nach oben.

Nun wollten sich die beiden auch von Thilo verabschieden, aber der sagte: »Ihr wollt gewiß nach Lautenthal hinauf. Aber da ist kein Haus mehr unterwegs, und so kommt ihr hungrig dort an. Kommt nur mit mir, es wird ja wohl bei mir so viel auf dem Tisch sein, daß auch noch zwei mehr satt werden können.«

Die zwei dankten und gingen mit ihm zurück nach Langelsheim hinein; er war nicht wieder aufgesessen, sondern führte sein Pferd am Zügel. Sie kamen zuerst durch eine kurze und breite Straße mit kleinen Häuserchen, dann kamen sie an ein hohes und festes Haus. Thilo bog mit seinem Pferd zum Hof ein und beurlaubte sich von den beiden für einen Augenblick, die so lange vor dem Hause harrten; schnell kam er zurück, öffnete die schwere Haustür und ließ die beiden eintreten.

Auf der Diele war der Mittagstisch schon gedeckt. Die Mutter Thilos stand da und musterte die Fremden, welche Thilo ihr vorführte, dann reichte sie ihnen die Hand und winkte der Magd, noch zwei Stühle zu bringen. Die Knechte und Mägde kamen herein, und alle setzten sich. Dann brachte die Magd den großen und schweren Suppentopf aus der Küche und setzte ihn vor die Frau. Die erhob sich und faltete die Hände; alle folgten ihr. Nun sprach sie das Tischgebet; alle sprachen es mit. Sie nahm den Deckel von der dampfenden Schüssel, füllte in jeden Teller, reichte den gefüllten zur Rechten oder Linken, und so bekam jeder sein Teil.

Eben wollten alle anfangen zu essen, da klopfte es hart an das Haustor; im Augenblick öffnete sich das Tor auch schon, und ein Fräulein im Reitanzug stand da, und hinter ihr stand das Pferd, das seinen Kopf über ihre Schulter legte und durch die Nüstern blies.

Das Fräulein sagte: »Ich bin das Fräulein von Glück. Ich bin auf dem Weg nach Lautenthal. Es ist Mittagszeit; ich bin hungrig, und mein Pferd muß rasten. Ich bitte um Gastfreundschaft.«

Thilo war aufgesprungen, ihm folgten sofort Kurt und Franz. Thilo winkte einem Knecht, der sich schwerfällig erhob, dem Fräulein das Pferd abnahm und es fortführte; das Pferd wieherte leise. Das Fräulein zog die Lederhandschuhe aus, machte einen Knicks vor der Frau des Hauses, ergriff deren Rechte und wollte die zum Mund führen; die entzog ihr die Hand, ergriff mit beiden Händen den Kopf der Fremden, beugte ihn zu sich und küßte sie auf die Stirn. Dann deutete sie auf einen Stuhl zu ihrer Seite, auf dem Kurt gesessen. Kurt hatte bald einen andern Stuhl und fand einen Platz, man setzte sich, noch sprach die Fremde ein leises Gebet, und nun begannen alle zu essen.

Die Knechte aßen stumm und eifrig; die Mägde betrachteten verstohlen die Fremde, und es stieß wohl eine die andere unterm Tisch an. Thilo aber, Kurt und Franz saßen verlegen auf ihren Stühlen und wagten kaum zu essen, während das Fräulein harmlos und heiter mit der alten Frau von Uslar sprach, was man so spricht in solchem Fall, über den Weg und den Frühling und ähnliches. So waren nur die beiden weiblichen Stimmen in dem großen Raum; Frau von Uslar sprach mit tiefem und vollem Klang, und das Fräulein – ja, da dachte Kurt: »Das ist, wie wenn ein Bach silbern über glatte Kiesel plätschert.«

Nun war Frau von Uslar neugierig, wer die Fremde sein mochte, und was sie auf ihren Weg geführt hatte; aber es wäre doch unanständig gewesen, sie zu fragen. Da brachte sie denn das Gespräch immer an so eine Stelle, wo das Fräulein etwas hätte sagen müssen, aber die entwischte ihr immer flink wie eine Eidechse. Braune, große Augen hatte sie und eine bräunliche Gesichtsfarbe mit frischen roten Backen; zwei dicke braune Zöpfe hingen ihr rechts und links über die Brust; sie sprach flink und blitzte dabei schelmisch mit den Augen, denn es machte ihr Spaß, den Netzen der alten Dame zu entgehen.

Aber die alte Dame wußte gleichfalls, wie man es anstellen mußte, und sie war hartnäckig und zielbewußt. Ganz von ungefähr fing sie an, von ihrer Jugend zu erzählen. Sie war so gerührt über das glückliche junge Mädchen, sie dachte, wie lange das nun her war, daß sie selber so gewesen war, damals in Wolfenbüttel, als sie Hofdame gewesen war; das war gerade die Zeit, da wurden die feinen neuen Sitten eingeführt, da fing das an, daß die Herzogin nicht mehr mit ihren Damen im Frauenzimmer saß und spann, und die jungen Herren standen hinter den Stühlen, und man gab sich Rätsel auf und erzählte Geschichten. Sie redete behaglich und dehnte listig ihren Bericht aus, daß die Fremde ungeduldig wurde, weil sie auch einmal zu Wort kommen wollte; da gab sie sich eine Blöße und unterbrach die Erzählerin, indem sie sagte: »Ja, davon habe ich noch gehört, davon erzählen noch die alten Damen, und es sollte einmal zum Karneval mit Verkleidungen ein solcher Abend aus der alten Zeit gespielt werden, an dem wir alle teilnehmen sollten.« – »Aha,« dachte die Alte, »das habe ich mir doch gedacht, vom Hof bist du.« Und damit nickte sie bedächtig auf die Bemerkung der Fremden und erzählte ruhig und gemessen weiter; die Fremde aber biß sich auf die Lippe, denn ihr wurde plötzlich klar, daß sie etwas gesagt hatte, das sie nicht hatte sagen wollen, und dann lachte sie hell auf.

Die drei jungen Männer hörten den Gesprächen aufmerksam zu und machten runde Augen; sie merkten gar nichts und wunderten sich nur im stillen, wie doch die Weiber immer etwas zu reden finden.

So ging denn das Essen vorüber, und da die beiden Frauen nicht viel aßen wegen ihres Sprechens, und die drei jungen Männer nicht, weil sie so angestrengt aufpaßten, und auch die Mägde vor Erstaunen den Weg nicht oft zum Teller fanden, so schlugen die Knechte bei, was sie konnten, und waren sehr zufrieden über die gute Gelegenheit. Die Frau von Uslar blickte über den Tisch; da sah sie die satten Knechte, die sich an ihre Stuhllehnen legten, und sah, daß auch die Mägde leere Teller hatten; sie stand auf und sagte: »Nun beten wir das Dankgebet,« und faltete die Hände. Sie sprach das Gebet, und alle sprachen mit. Dann gingen alle an ihr vorbei und sagten zu ihr: »Danke auch schön, Frau; das Essen war gut.« So leerte sich denn die Diele, und nur Frau von Uslar mit ihrem Sohn stand noch da und die Fremden.

Da öffnete sich ungestüm das Tor, und ein Mann sah durch den Spalt, ein alter Mann mit verwittertem Gesicht, wasserblauen Augen und einem lang hängenden Schnurrbart; der rief: »Hat denn keiner mein allergnädigstes Fräulein gesehen ...« Er erblickte das Fräulein und rief erleichtert aus: »Da ist sie ja.« Das Fräulein lachte und sagte: »Ja, ich bin nicht verlorengegangen, ich bin noch da auf der Welt.« Der Alte brummte gutmütig: »Ich habe die Verantwortung vor meinem allergnädigsten Herrn, Fräulein; Ihr wißt, Ihr seid sein Augapfel.« Er wendete sich zu den andern: »Wir reiten heute früh herunter von der Staufenburg. Ich immer hinter dem allergnädigsten Fräulein, denn sie sagt, sie will sehen, wie die Natur beschaffen ist, weil doch die Baumblüte ist, und wenn nichts dazwischenkommt, dann haben wir ein gutes Obstjahr. Also, wie wir durch Seesen kommen, da sehe ich mich doch um, denn da ist doch der Schwanzriemen bei meinem Gaul zerrissen. Also, ich abgesessen, ich rufe dem allergnädigsten Fräulein zu: ›Ich muß zum Sattler, eine Stunde dauert's.‹ Das Fräulein aber natürlich: ›Ich reite voraus, du holst mich schon wieder ein.‹ Was will ich machen? Fort ist sie. Aber, der Sattler märt und märt, ich werde fuchsteufelswild, ich sage ihm: ›Ich habe die Verantwortung; wer weiß, was für Volk sich da auf der Straße herumtreibt.‹ Na gut. Er ist fertig. Ich, auf und nun los. Gott sei Dank, ich habe eine Angst ausgestanden.« Er schwieg, nahm die Mütze ab und wischte sich mit der flachen Hand den Schweiß vom Gesicht.

Eine Magd räumte den Tisch ab. Frau von Uslar sagte zu dem Mann: »Bring deinen Gaul in den Stall, dann setze dich hier an den Tisch, das Mädchen bringt dir erst zu essen.« – »Danke auch, gnädige Frau, danke auch.« sagte der Diener. »Hunger habe ich schon. Seit wir abgeritten sind, habe ich nichts gegessen.« Er zog sein Pferd fort um das Haus herum zum Stall; die andern gingen inzwischen in die Wohnstube.

Die alte Dame sah Kurt mit scharfen Augen an und sagte zu ihm: »Nun hast du gegessen. Nun erzähle: weshalb treibst du dich in der Welt herum? Hast du zu Hause keine Arbeit?«

Kurt erwiderte: »Ich heiße Kurt Pfeffer, mein Vater ist Geschworener in Annaberg. Zu Hause kann ich nicht bleiben, denn da ist noch ein älterer Bruder. Aber ich verstehe das Bergwerk, und darin sind wir weiter, als sie hier im Harz sind. Nun habe ich gehört, daß im Harz große Anbrüche gemacht werden, sie wollen auch neue Schächte abteufen. Da denke ich: ›Vielleicht kannst du im Harz dein Glück machen;‹ da hat mir mein Vater noch drei Taler gegeben und einen neuen Anzug, und so bin ich denn hier.«

Frau von Uslar wiegte den Kopf. »Wenn einer einen Taler hat, dann heißt es eine Stunde davon schon, er hat hundert. Wie es auf dem Zellerfeld steht, das weiß ich nicht. Aber in Lautenthal sieht es nicht gut aus. Da werden die alten Leute abgelegt; wie können sie da neue einstellen!«

Kurt erwiderte bescheiden: »Im Bergwerk kennt sich keiner aus. Vielleicht, wenn einer aus der Fremde kommt, er sieht etwas, das die Einheimischen nicht sehen.«

»Nun, Gott mit dir,« sagte Frau von Uslar. »Du hast ein redliches Vorhaben; du bist noch jung und hast Kräfte.«

Dann wendete sie sich an den Müller und fragte: »Und was ist mit dir?«

Der Bursche wurde verlegen. Jeder saß auf einem Stuhl, er auch. Er drehte die Mütze in der Hand und sagte: »Ich schreibe mich Franz Bacher. Ich bin Mühlknappe. Ich reise nur so.«

Frau von Uslar runzelte die Stirn und sah den Burschen prüfend an. Dann sagte sie: »Was soll das heißen? Hast du nichts zu tun? Du siehst ordentlich aus, ein Streuner bist du nicht. Hat dein Vater zu viel Geld, daß er den Herrn Sohn auf Reisen schickt?«

Der Müller schluckte und wurde immer verlegener. Er sagte: »Das nicht. Ich habe fünfzehn Geschwister; zwei sind tot; sonst wären es siebzehn. Ich habe nämlich einmal in der Lautenmühle in Dienst gestanden, gerade ein Jahr ist das her.«

»Der Müller hat kein Wasser mehr,« sagte Frau von Uslar streng.

»Deshalb eben. Weil ich doch mit dem Mädchen versprochen bin,« platzte der Müller heraus, der nicht mehr weiter konnte.

Er machte ein so unglückliches Gesicht, daß das Fräulein hell auflachen mußte. Da lachte auch Thilo, und Kurt fiel ein, und auch Frau von Uslar verzog den Mund zu einem Lächeln. »Nun, das sind ehrbare Gedanken,« sagte sie begütigend zu dem schwitzenden Burschen. »Ich wünsche dem Müller, daß alles wieder in Ordnung kommt. Er ist ein guter Mann. So wird er sich ja wohl auch einen guten Schwiegersohn ausgesucht haben.«

»Ja, aber er wollte eigentlich nicht. Er sagte, ich bin noch zu jung und das Mädchen auch,« erwiderte der Bursche kleinlaut.

»Jung bist du ja noch, das ist richtig,« schloß Frau von Uslar das Gespräch. »Aber es braucht ja nicht gleich geheiratet zu werden. Hauptsache ist erst einmal, daß das Wasser wieder kommt, sonst ist der Müller verloren.«

Franz wollte noch sagen, daß das auch seine Meinung sei; aber als er merkte, daß keine weitere Antwort von ihm erwartet wurde, schwieg er beglückt.

Frau von Uslar warf einen scharfen Blick auf Fräulein von Glück. Aber das Fräulein erwiderte den harmlos mit freundlichem Lächeln, und so wendete sich die alte Dame mit etwas weniger sicherem Ausdruck zu ihrem Sohn: »Und was hat dir mein liebes Patchen Eva erzählt?«

Thilo errötete über und über und ärgerte sich, daß er errötete. Er dachte: »Was muß das fremde Fräulein von mir denken! Sie ist gewiß eine Prinzessin, sie muß mich für einen unbeholfenen Landjunker halten!« Er wollte Verlegenheit und Gedanken verbergen, und so stotterte er: »Ja, sie hat mir alles bestätigt, das wir schon gehört hatten. Der Kaufbrief findet sich nicht, trotzdem sie überall nachgesucht hat ...« Er stockte und fühlte, daß es ungeschickt gegenüber der Fremden war, so zu erzählen, daß sie nicht verstehen konnte, was er meinte. So fügte er, zu ihr gewendet, erklärend hinzu: »Es ist ein Fräulein hier in der Nachbarschaft, sie lebt allein auf ihrem Besitz, ihr Vater ist gestorben, und nun behauptet der Vogt des Herzogs, daß sie unrechtmäßig sitzt, und will sie vertreiben, weil der Kaufbrief verloren ist; er verlangt, daß sie einen andern heiraten soll« – hier stockte er. – »Das heißt, sie soll Hans Kühn heiraten; aber sie weigert sich, und ich habe ihr gesagt, daß sie zu uns kommen soll, wenn es schlimm wird.«

Das Fräulein lächelte mit einem sonderbaren Gesichtsausdruck und sagte: »Da scheint mir ja nun, daß alle die jungen Männer Glück brauchen: Der junge Herr von Uslar, daß Fräulein Eva ihren Kaufbrief findet« – hier wurde Thilo wieder rot, zu seinem größten Ärger. – »Daß Franz Bacher wieder das Wasser auf seines Schwiegervaters Mühlrad leitet, und daß Kurt Pfeffer ... nun, sagen wir also, daß Kurt Pfeffer in Lautenthal einen Anbruch findet, dann ist sein Glück gemacht, sagen wir. Kurt Pfeffer ist ein Heimlicher, der hat nichts erzählt von einem Mädchen. Wo wird er denn etwas von einem Mädchen sagen! Aber sein Glück muß er machen, das muß er nun. Da muß das Glück also sehen, was es tun kann!« Sie lachte der Frau von Uslar vertraulich zu, dann zog sie einen Ring vom Finger, einen schmalen Goldring mit einem blitzenden, wasserhellen Stein, der rot und grüne Funken strahlte; den nahm sie zwischen zwei Finger der Rechten, ergriff mit der Linken die schlaffe Hand der erstaunten Frau von Uslar und steckte ihr mit spitzen Fingern den Ring an, dann gab sie auf die Hand einen leichten Klaps und sagte: »Und weil ich denn nun das Fräulein von Glück bin, so soll zuerst unsere verehrte Frau von Uslar einen schönen Ring haben.«

Noch immer verdutzt über die Gabe wie über die plötzliche Wandlung im Wesen der Fremden, führte Frau von Uslar die geballte Faust mit dem prächtigen Ring vor ihre Augen. Sie hatte ganz ihre Sicherheit verloren, sie wußte nicht, was sie sagen sollte, und so stotterte sie: »Aber der Ring ist sehr kostbar,« sie wollte den Ring wieder abziehen; da legte ihr die Fremde die Hand auf den Arm, eine feste, zierliche Hand, an deren Fingern noch andere Ringe blitzten und funkelten. Sie sagte: »Also Frau von Uslar hat zuerst Glück gehabt. Das Glück tanzt nämlich auf einer Kugel, und die Kugel rollt durch die Welt, hierhin und dorthin, wie es so einer Kugel eben einfällt, die gar keinen Verstand hat. Das Glück aber tanzt auf ihr und hat auch gar keinen Verstand, es streut mit beiden Händen seine Gaben aus, und die fallen nun dahin, wohin sie eben fallen. Ich bin nur so ein armes Fräulein, das durch die Welt zieht, ich habe auch keinen Verstand, aber ich freue mich, daß Frau von Uslar nun so einen schönen Ring hat; sie wird ihn in Ehren tragen und, wie ich sie kenne, nur am Sonntag, damit er sich nicht abträgt, und dann wird sie ihn an ihre Schwiegertochter vererben, wenn sie einmal stirbt.«

Als das Fräulein diese Worte gesprochen hatte und die nun noch mehr bestürzte Frau von Uslar eben den Mund zu einer Antwort auftun wollte, da polterte der Diener in das Zimmer, denn man hatte auf sein Klopfen nicht geachtet; er sagte: »Ich bitte um Verzeihung, aber die Pferde sind ausgeruht, und wenn das allergnädigste Fräulein befehlen, dann können wir gleich abreiten.«

Da machte das Fräulein von Glück vor der steif dastehenden Frau von Uslar einen zierlichen Knicks, nickte den drei betroffenen jungen Männern zu, und ehe es sich einer versah, war sie schon durch die Tür verschwunden, wie fortgehext. Alle vier eilten ans Fenster. Da sahen sie noch, wie der alte Diener das Pferd am Zügel hatte und ihr mit gebücktem Knie die Rechte flach hinhielt, wie sie das zierliche Füßchen auf die Rechte setzte und er sie dann mit einem Schwung in den Sattel hob. Sie nahm die Zügel und sprengte leicht davon; der Diener schwang sich auf und folgte ihr; ein frühlingsmäßiger Staub war auf der Landstraße, der wirbelte hinter den Reitern her, und plötzlich war, als ob nur noch der Staub wirbelte.

Die vier traten in das Zimmer zurück, Frau von Uslar betrachtete ihren Ring, sie scheuerte ihn auf ihrem Ärmel, hauchte ihn an, scheuerte und betrachtete ihn kopfschüttelnd.

»Sie ist eine braunschweigische Prinzessin,« sagte Thilo mit Überzeugung. »Der Diener hat gesagt, daß er mit ihr von der Staufenburg heruntergeritten ist. Kann sie vielleicht die Prinzessin Eva sein?« Bei dem Wort ›Eva‹ wurde er rot. Die Mutter sah ihn scharf an. Dann sagte sie: »Ich hätte ja den Mann ausfragen können, er hätte es nicht gemerkt. Aber das wäre unanständig gewesen. Den Wunsch des Gastes muß man achten.« Sie fügte hinzu: »Und du, setze du dir nicht Raupen in den Kopf, sondern nimm deine Angelegenheiten in die Hand.«

Nun sagte Kurt zu der alten Dame, es sei für ihn und den Müller Zeit zum Aufbrechen, denn sie müßten früh in Lautenthal ankommen, weil sie sich dort noch umsehen müßten. So dankte er denn mit wohlgesetzten Worten für sich und den stumm verlegenen Müller, der ihm gern die Rede überließ, und verbeugte sich tief zum Abschied. Der Müller verbeugte sich auch und murmelte, daß er dasselbe meine wie der andere; Thilo begleitete die beiden noch aus der Tür und vor das Haustor, dann nahm auch er Abschied. Er reichte den beiden die Hand.

Nun gingen also die zwei den Weg wieder zurück, den sie vor zwei Stunden mit Thilo gegangen waren, zu der Ecke, wo die Straße nach Lautenthal abbiegt. Und als sie die ersten Schritte auf dieser Straße gemacht hatten, da kamen sie wieder an dem Obstgarten vorbei, wo der alte Mann an den Bäumen die Blüten abgeknipst hatte. Es war ihnen, als ob irgend etwas mit dem Garten seitdem geschehen sei. Es war, als ob eine Verheißung über ihm liege. Kein Mensch war in dem Garten, oben stand das Häuschen still und unbewegt. Aber es war wie ein Versprechen von Glück über den blühenden Bäumen, in der hellen und klaren Frühlingsluft.

Die beiden besprachen allerlei, und immer wieder kamen sie in ihren Gesprächen auf das fremde Fräulein zurück.

Der Müller sagte: »Nun ist man doch schon weit in der Welt herumgekommen, da hat man Menschen gesehen. Man geht nicht mehr nach dem Augenschein, man blickt tiefer. Es gibt so allerhand fahrendes Volk in der Welt, vornehmes und gemeines. Da war ich doch bei einem Meister in Stellung, der hatte eine Komödiantin geheiratet. Eine hübsche Person, und war auch tüchtig in der Wirtschaft. Wenn die einen anguckte, das ging einem durch und durch, gerade wie bei diesem Fräulein da. Wenn sie allein war, dann sagte sie oft ihre Sprüche auf, die sie früher gelernt hatte, wie sie noch Komödiantin war, denn die wollte sie doch nicht vergessen. Da konnte sie denn weinen und schluchzen und lachen, gerade wie es kam. Die andern Bürger wollten ja mit dem Müller nicht viel zu tun haben wegen der Frau, aber der sagte, daraus macht er sich nichts, Hauptsache ist, daß sie tüchtig ist in der Wirtschaft, und das war sie auch. Mir sagte sie einmal: ›Wer das durchgemacht hat, was ich durchgemacht habe, der weiß es, was es heißt, wenn eins ein Dach überm Kopf hat; da nimmt man viel in den Kauf.‹ Und solche Schmucksachen, wie Ringe und so, die haben sie immer beim Komödiespielen‚ die sind nicht echt. Aber sonst, das Fräulein war ein sehr angenehmer Gegenstand, und wenn einer seine Bürgernahrung hat und braucht auf weiter nichts zu sehen, warum nicht? Es sind nicht alle Menschen gleich, sage ich, und das ist gut so.«

Kurt mußte lächeln über diese Reden des guten Franz. Aber was sollte er ihm antworten? Der hätte doch nicht verstanden, was er sagen konnte, und deshalb schwieg er. Und er dachte wohl, daß der gute Müller die Fremde bei sich mit seinem Käthchen verglich, und da gefiel ihm die Fremde doch wohl besser. Aber indem er das dachte, wurde er gewahr, daß er selber heimlich und unbewußt solche Vergleichung zwischen der Fremden und der Marie in Goslar im Goldenen Lamm anstellte; und da war es ihm doch, als ob er sich schämen müßte, und er sagte bei sich: »Bin ich denn ein Narr? Nun ist die Marie ein gutes Mädchen, und ich habe sie lieb, und ich habe ihr auch schon so etwas gesagt, das ist es, als ob ich ihr mein Wort gegeben habe, wie kann ich denn da an andere Mädchen denken, und noch dazu an so eine; die ist nicht für mich, und nicht für den Dummkopf von Franz, und auch nicht für den Junker Thilo; ich habe wohl gesehen, wie der sie mit seinen Augen verschlungen hat.«

Mit solchen Gesprächen aber und Gedanken gingen sie weiter, langsam steigend, immer an der Innerste entlang, die sie mit schlammigem Wasser begleitete, und auf einer Schlammbank war oft oben ein blauer Schein. »Da jagen sie den Schlieg ins Land, das ist keine gute Aufbereitung,« murmelte Kurt vor sich hin. Nun blühten die Obstbäume nicht mehr, das Grün der Buchen war noch in den Knospen. Die beiden wanderten rüstig zu; bald verstummten sie; die Luft wurde frischer und herber, der Anstieg steiler.

Bald kamen die ersten Häuser von Lautenthal, nun führte die Straße am Ort entlang. Kurt erkundigte sich nach der Wohnung des Geschworenen Wiedenhöfer; Franz blieb zögernd an seiner Seite und sagte nichts.

Eine Straße stieg von oben herab auf ihren Weg; an ihrer Seite war das trockene Bett eines Flüßchens. Da blieb Franz stehen und hatte einen etwas unsicheren Ausdruck im Gesicht. Er sagte: »Hier geht es zur Lautenmühle hinauf, das war dort die Laute, die floß neben dem Weg hin.« Er zögerte: »Ich komme noch zu guter Zeit hinauf zur Lautenmühle. Soll ich jetzt abbiegen? Du mußt hier erst noch ein paar Häuser weiter gehen zum Geschworenen ...« Er machte eine kleine Pause, als erwartete er eine Anweisung von dem andern. Als nichts erfolgte, fuhr er fort: »Ja, es ist doch wohl am besten, wenn ich zur Lautenmühle hinaufgehe. Sonst, das fremde Fräulein wird ja wohl hier in Lautenthal geblieben sein.«

Kurt mußte wieder lächeln. Er sagte: »Das ist am besten, wenn du gleich hinaufgehst. Wer weiß, es hat dich einer hier gesehen und erzählt es auf der Mühle, wie stehst du dann da?«

»Ja, das ist richtig,« sagte entschlossen der Müller. Er reichte Kurt treuherzig die Rechte, und so verabschiedeten sich die beiden.

Die Häuser lagen klein und niedrig an der sauberen Straße; sie waren mit Brettern beschlagen, und sauber und ordentlich war alles. Hinter den Fenstern standen Blumen in Töpfen, besonders Geranien und Alpenveilchen. Es war wohl ein Fenster hochgeschoben, aus dem sah ein Mann ernsthaft heraus auf die Straße; er trug ein braun gestricktes Kamisol und hatte ein Käppchen auf dem Kopf, das er höflich grüßend vor dem Wanderer abzog. Ein Brunnen aus einem hölzernen Rohr plätscherte in einen Bottich, und eine Frau kam mit der Schanne auf dem Rücken, an welcher an jeder Seite ein Eimer hing, hängte einen Eimer an das Brunnenrohr und ließ ihn vollaufen.

Es war nun schon gegen Abend; das Vieh war draußen gewesen und kehrte heim. Voran ging der Kuhhirt im schwarzen langen Kittel, an der einen Seite die messingverzierte Axt im gestickten Lederband, das über die Schulter ging, an der andern Seite das Horn. Neben ihm ging der Hund, und hinter ihm kamen die Kühe, läutend und bimmelnd, so, daß es einen Zusammenklang gab, schwerwandelnd und schwankend. Wenn eine Kuh vor ihr Tor kam, dann blieb sie stehen, reckte den Kopf hoch und blies, dann hob sie den Fuß über die Schwelle und ging hinein in ihren Hof. Ein Mann im Fenster, auf den Ellenbogen liegend, betrachtete mit prüfenden Augen das Vieh.

Da war nun das Haus des Geschworenen. Es war größer als die andern Häuser, es war nicht ebenerdig, sondern hatte einen aufgesetzten Stock. Mit raschem Schritt stieg Kurt drei Stufen hoch, dann öffnete er schnell die Haustür und trat in den rotgepflasterten Flur. Die Hausglocke an langer Feder bimmelte nach.

Aus einer Stube kam eine Stimme: »Wer ist da?« – »Ich will den Geschworenen Wiedenhöfer sprechen,« antwortete Kurt. – »Der bin ich. Eintreten,« kam es zurück.

Kurt klopfte an, dann legte er die Hand auf den Drücker und trat ein. Der Fußboden der Stube war sauber gescheuert und mit weißem Sand bestreut. An der Wand gegenüber war ein Bett, in dem lag halbsitzend ein alter Mann, ein großes, rotes Gesicht, von schneeweißem Haupthaar und Bart umrahmt. Die alten Augen blickten scharf unter schiefen Lidern hervor; sie waren wie zäh verharzt. Die beiden verrunzelten Hände lagen auf der blau und weiß gewürfelten Bettdecke.

»Ich kann nicht mehr aufstehen; das ist das Alter, daß ich liegen muß, aber sonst bin ich gesund‚« sagte der Mann, indem er Kurt forschend ansah. Der nahm rasch die niedrige Stube in sich auf; der Ofen mit dem springenden Roß auf der Platte war stark geheizt, und durch die drei Schlitze der Ofentür spielte der Schein; in den Fenstern standen blühende Alpenveilchen in Töpfen; da waren noch zwei hölzerne Stühle, ein Tisch und ein Schrank.

Kurt trat zögernd näher. »Setze dich,« sagte der Alte. »Hole dir einen Stuhl.«

Kurt holte den einen der Stühle, in dessen Lehne ein Herz eingeschnitten war, stellte ihn neben den Liegenden und setzte sich. »Ich heiße Kurt Pfeffer und bin aus Annaberg, wo mein Vater Geschworener ist. Ich verstehe den Bergbau, und ich suche mir Arbeit.«

»So, so,« sagte der Geschworene. »Dein Vater ist Geschworener. Ja, in Annaberg verstehen sie ihre Sache. Hier bist du schlecht angekommen. Ich habe noch drei Leute. Da kann ich keinen brauchen, der befehlen will. Einer kommt immer des Abends zu mir und berichtet, dem sage ich dann, was den andern Tag gemacht werden soll.« Er erhob matt die Hand und ließ sie wieder auf die Bettdecke fallen. »Du hast wohl schon gehört, wie es hier aussieht. Aber du kannst die Nacht bei mir bleiben, auf dem Boden in der Kammer steht noch ein Bett, da schläfst du. Am Abend kommt eine Frau, die wartet mir auf, da kannst du auch mit essen.«

Man sah dem Alten im Gesicht an, wie er sich über seine Hilflosigkeit grämte. Er sagte: »Es ist nichts, wenn man zu alt wird. Aber das ist nun Gottes Ratschluß. Er wird schon seine Absichten gehabt haben.«

Kurt dankte für das freundliche Anerbieten. Aber der alte Wiedenhöfer sagte: »Da ist nichts zu danken. Du bist auch vom Bergwerk, du bist auch gut, das habe ich gleich gesehen, wie du hereinkamst, wie du da vorsichtig aufgetreten bist. Nun, das ist denn so, wie wenn ein Sohn zu einem kommt, und man liegt im Bett und die Kräfte wollen nicht mehr. Du bist wohl über Goslar gegangen?«

Als Kurt bejahte, fragte er: »Hast du da vielleicht das Goldene Lamm gesehen? Das ist nämlich mein Bruder, der das Gasthaus da hat.«

Kurt erzählte ihm, daß er in dem Hause genächtigt und seine Tochter getroffen hatte. Ein Schein des Glücks flog über das Gesicht des alten Mannes. Er sagte: »Ja, das Mädchen ist gut. Sie darf nicht wissen, daß ich hier liege, sonst kommt sie. Ich bin ja gut versorgt; es ist nicht nötig. Mein Bruder hat nämlich keine Kinder, und da ist doch eine Zukunft für sie.«

Es war, als ob er plötzlich kräftiger wurde. Er erzählte: »Ich bin nun vierzig Jahre lang hier Geschworener gewesen. Meinen Vater haben die Soldaten auf der Grube erschlagen, auf dem Sanct Jacob, das geschah‚ wie der große Krieg fast zu Ende war. Er liegt ganz oben auf dem Gottesacker begraben, man kann von da zum Sanct Jacob sehen. Da bin ich denn Geschworener geworden. Die armen Leute, die ihr Geld im Bergwerk stecken haben, kriegten nichts heraus, sie sollten noch Zubuße zahlen, und die armen Bergleute konnten keinen Lohn kriegen. Das waren schlimme Zeiten damals; manche Nacht habe ich wach gelegen, denn auf mir lag doch die Verantwortung. Und dann ist es so gekommen, da hatte ich schöne Ausbeuten, lange Jahre hindurch, da konnte ich an die Gewerke verteilen, viel Silber ist da in die Welt gegangen, und die Bergleute hatten ihr schönes Gedinge und verdienten, da hat es mancher zu etwas gebracht, der ordentlich war und es zusammenhielt. Ja, das waren schöne Zeiten, und da bin ich auch stolz gewesen. Als ob ich das Silber hätte wachsen lassen! Wie das denn so ist mit dem Menschen. Gott schickt uns die schweren Zeiten, damit wir klug werden, sonst bleiben wir dumm.«

Da lag nun der gesunde alte Mann, er mochte wohl an die siebzig zählen, und Kurt verspürte, daß er nicht lange mehr zu leben hatte; der Alte verspürte es auch. Er sagte lächelnd: »Ja, wenn es Abend ist, dann geht man schlafen.« Er sah freundlich auf Kurt hin. Er sagte: »Ich bin ein guter Rutengänger gewesen. Ich denke ja immer, wenn ich mich noch einmal aufraffen könnte und ginge mit der Rute in den neuen Stollen, dann würde mir die Rute etwas zeigen. Da ist etwas, das weiß ich so gewiß, wie ich hier liege. Ein schöner Gang ist da, ein großer Gang. Aber wie sollen ihn die Leute finden? Das Rutengehen ist zu anstrengend für mich, wie ich jetzt bin. Gestern bin ich aufgestanden aus dem Bett und habe mir die Hose angezogen, und habe die Rute bloß so in die Hände genommen, da bin ich gleich ohnmächtig hingeschlagen. Mit der Rute kann ich nicht mehr gehen. Und man soll Gott nicht versuchen. Kannst du denn mit der Rute gehen?«

Kurt schüttelte den Kopf.

»Ja, das ist nun eine Gabe,« sagte der alte Wiedenhöfer. »Wer sie nicht hat, der hat sie nicht. Es ist hier keiner, der mit der Rute gehen kann. In früheren Zeiten gab es viele, welche die Gabe hatten. Die Alten, ja, die haben etwas verstanden.«

»Du bleibst noch bei mir. Ich liege hier so allein,« fuhr er fort. »Die Frau kommt nachher, die macht dir die Kammer zurecht, die gibt dir auch zu essen. Ich habe alles im Haus. Hast du Hunger? Ich kann dir sagen, wo der Brotschrank steht.«

Kurt schüttelte den Kopf. Der Alte sagte: »Man hat doch sonst keine Ansprache. Das ist ein großes Unglück gewesen, vor zwei Jahren; damals wurde mir das Einfahren schon schwer, ich konnte nicht mehr jeden Tag in die Grube kommen. Hier in dieser Stube sitze ich, das Bett stand damals noch nicht hier, da klopft es, ich rufe: ›Herein!‹ Da kommt ein Bergmann und sagt: ›Geschworener, Ihr müßt morgen einfahren, der Gang ist verworfen, wir sind in ganz anderem Gestein.‹ Als ob ich es geahnt hätte; mir ist, als ob ich einen Schlag kriege. Und seitdem ist es nun so. Wir haben gesucht und gesucht, wir haben ihn nicht wiedergefunden. Er muß zu Ende sein. Das begreife ich ja nicht. Er war zuletzt so mächtig, wie er immer gewesen war. Wie mit dem Messer abgeschnitten! ... Ich habe doch nichts versäumt! Nein, ich habe nichts versäumt. Ich bin den Gewerken verantwortlich, das sind meine Herren, und ich bin den Bergleuten verantwortlich, das sind meine Diener, die haben durch mich ihre Nahrung. Nun trete ich bald vor Gott, da muß ich Rechnung ablegen über mein Leben. Nein, ich habe nichts versäumt. Ich kann ruhig sterben. Das ist Gottes Ratschluß, daß es nun so gekommen ist. Mich hat Gott zu sich gezogen durch das Unglück, sonst wäre ich in Übermut gestorben. Vielleicht ist es auch gut für die Bergleute, daß sie nun Sorge und Kummer haben. Sorge und Kummer, die machen uns klug! Es wäre nicht gut für mich gewesen, wenn ich so aus dem Leben gegangen wäre, wie ich früher war.«

Als der Alte so sprach, da klopfte es an der Tür, und eine ältere Frau trat ein, eine saubere Person in blauer Schürze, mit neugierigen Augen. Sie sah erstaunt auf Kurt hin, und der Alte sagte: »Kölschen, er bleibt für die Nacht hier, er schläft oben in der rechten Kammer. Du mußt ihm das Bett zurechtmachen, für das Abendbrot mußt du auch sorgen.« – »Jawohl, Geschworener,« erwiderte die Frau, »das soll alles besorgt werden.« Dann wendete sie sich zu Kurt und sagte: »Da liegt ja noch das Ränzel, das soll ich wohl gleich hinaufbringen?« Sie ergriff es und ging.

Nun wirtschaftete sie im Hause herum. Der Alte sagte zu Kurt: »Sieh dir die Kammer an, ob sie auch alles ordentlich vorbereitet hat. Sie ist eine brave Frau, aber ich verlasse mich auf keinen. Selber sehen ist immer gut.«

Kurt ging, die Frau führte ihn die erste Treppe hoch und dann die zweite Treppe zum Boden, wo in einer sauberen Dachkammer das Bett stand, unter den Ziegeln, die im Winde klapperten. Die Frau begann zu sprechen und zu erzählen: »Es ist nicht leicht mit dem Geschworenen; alte Leute sind wunderlich. Aber was will man denn machen! Er hat doch keinen sonst, der für ihn sorgt, denn das Mädchen ist in Goslar bei Verwandten und kann nicht abkommen. Er tut einem ja auch leid, für die armen Leute hat er immer getan, was er nur konnte, und nun mußte auf seine alten Tage noch das Unglück kommen! Das ist es, was ihn aufs Krankenlager gebracht hat. Sonst war er immer noch so kregel, wie eine Biene lief er. Ist ja doch auch noch gar kein Alter! Siebzig Jahre! Mein Großvater ist achtundachtzig Jahre alt geworden! Mein Mann ist ja auch früher angefahren; aber wir haben uns etwas gespart, und wie es so weit war, da haben wir uns ein Haus gekauft, und nun haben wir zwei Kühe. Da geht es schon. Aber wie viele gibt es, das ist ein Jammer! Früher, wenn der Lohntag war, da sind in der Wirtschaft die Weinflaschen aufgezogen, daß es nur so geknallt hat. Jetzt gibt es manche, die können nicht mehr aus der Stube gehen, weil sie nichts anzuziehen haben.«

Kurt ging wieder hinunter zu dem Alten und beruhigte ihn, daß alles in Ordnung war; dann kam die Frau, deckte den Tisch und schob ihn an das Bett, dann brachte sie eine Brotsuppe, füllte in die Teller, legte ein Brot hin und stellte ein Stück Schinken auf. »Für mich nicht, ich esse nur die Suppe,« wehrte der alte Mann ab. »Aber sorge für den Gast, Kölschen, daß dem nichts abgeht, der ist ein junger Mann und ist auf der Reise, da kriegt man Hunger.«

Die Frau ging, und die beiden aßen. »Früher habe ich immer gern gegessen,« klagte der Alte, »jetzt muß ich mich zwingen. Ich esse meine Brotsuppe, mehr will ich nicht. Aber iß du nur, das macht mir Freude, wenn ich das sehe. Ja, wenn das Unglück nicht gekommen wäre und du säßest hier, dann wäre manches anders. Aber morgen früh, da mußt du dir einmal alles ansehen, auch den neuen Stollen, den ich habe treiben lassen. Vier Augen sehen doch immer mehr als zwei, und in Annaberg, da hast du etwas gelernt, und ich muß mich ja jetzt immer auf das verlassen, was mir berichtet wird.«

Die beiden aßen ihr Abendbrot zu Ende, und die Frau kam, räumte wieder ab und empfahl sich; dann saß noch Kurt eine Weile bei dem Alten, der vom Bergwerk erzählte. Fünfzehn Klafter in die Höhe oder Tiefe wurde der Gang oft verworfen, das machte es so schwer im Lautenthal; oben, auf dem Zellerfeld, war es leichter, auch in Clausthal. Das muß am dritten Schöpfungstag gewesen sein, da muß Gott gesagt haben, daß die Gebirge von unten hoch gepreßt wurden. Nun, da liegt denn der Lautenthaler Gang schon so am Rand der Harzberge, da ist denn das Gestein oft gerissen, und der eine Teil ging weiter in die Höhe wie der andere, und so muß man sich das erklären. Oben, auf der Höhe, da sind die Teile zu beiden Seiten des Risses immer in der gleichen Lage geblieben. Nämlich, das muß man wissen, die Erzgänge, das sind ursprünglich Risse im Gestein gewesen, in denen der heiße Schwaden hochgestiegen ist, und der hat sich dann an den Wänden als Erz angesetzt. Aber deshalb haben wir im Lautenthal auch so reiche Erze, wir haben den Schwaden hier aus der ersten Hand gehabt. Es geht eine Sage, daß früher ein Erz gewesen ist, das haben die Alten Hornsilber genannt, das ist flüssig gewesen, das haben sie immer nur so mit den Eimern herausgeschöpft; von dem Erz sollen die Taler geschlagen sein, die das Bildnis des Herzogs Heinrich tragen, des Jüngern, desselben, der eine Liebste auf der Staufenburg gehabt hat, das Fräulein Eva von Trott, die dort eingeschlossen war, daß niemand etwas von ihr wußte.

Mit solchen Gesprächen verging die Zeit, und die Dunkelheit kam. Da sagte der Alte: »Du mußt jetzt zu Bett gehen. Ein Licht habe ich nicht, das Öl ist mir zu teuer, und der Kienspan ist mir zu gefährlich. Du mußt jetzt gehen, sonst wird es zu dunkel auf der Treppe.« Er drückte dem Gast die Hand und behielt die eine kurze Weile. »Wenn das Unglück nicht gekommen wäre, dann könnte alles anders sein,« murmelte er noch einmal. »Dann würde ich auch gern sterben. Denn so ein Bergwerk, das ist doch wie ein Kind, das ist doch auch ein Kind, das will man doch in guten Händen lassen. Viel Ausbeute habe ich abgeliefert, viel Ausbeute. Jeden zweiten Tag ist der Bergbote mit dem Felleisen auf das Zellerfeld hinaufgegangen zur Münze. Und das war ein schweres Felleisen, ein schweres Felleisen.«

Nun ging Kurt nach oben und trat in seine Schlafkammer. Da sah er noch einmal aus dem Fenster. In tiefer Ruhe lagen die kleinen Häuser des Städtchens; nur ein einziges großes Haus war zu erkennen, da brannte in einem Fenster Licht. Dann war da die dunkle Masse des Berges, auf den der Ort hinaufgebaut war; das war der Glockenberg. Es war dem jungen Mann, daß er die Hände falten mußte bei dem friedlichen Anblick, er betete: »Gott schicke uns einen guten Anbruch;« da fiel ihm auf, daß er sagte »uns«. Er wendete sich zu seinem Bett, zog seine Kleider aus, hängte die an einen hölzernen Haken und legte sich in das Bett. Er faltete die Hände zum Gebet vor dem Einschlafen; aber in die letzten Worte des Gebets kam ihm schon der Schlaf hinein und kam über ihn, und so lag er denn ruhig und tief atmend, indessen draußen der Mond aufstieg und seine Strahlen über das Städtchen fallen ließ, und auch schräg in die Kammer ließ er sie fallen, in welcher Kurt ruhig schlief. Und so ging der Mond nun still seine Bahn weiter, die Innerste rauschte in das nächtliche Schweigen, und die Stunden verrannen wohl langsam. Dann wurde es hell am Himmel, und der Mond verblaßte‚ und die Sonne hob sich, und ihre Strahlen gingen über das Städtchen, die Hähne krähten und das Vieh brüllte und klirrte mit den Ketten, die Leute kamen aus ihren Häuserchen und gingen ihrer Arbeit nach; und so rieb sich auch Kurt die Augen und sprang mit beiden Füßen aus dem Bett. Da stand auf einem hölzernen Stuhl die Waschschüssel, und über der Stuhllehne hing das silbern glänzende Handtuch. Er wusch sich und zog sich an und machte sich zurecht und ging nach unten. Im Flur traf er die Frau, welche ihn freundlich anlachte und begrüßte. Sie stieß die Stubentür auf, da lag der alte Wiedenhöfer mit seinem gesunden Gesicht in den weißen Haaren, sah freundlich zu ihm hin und reichte ihm die Hand, und der Tisch war schon gedeckt mit zwei Tellern und einer Schüssel Haferbrei.

Er setzte sich und sagte eifrig: »Nun will ich rasch essen, und dann will ich mir alles ansehen, damit ich berichten kann.« Der Alte nickte und beschrieb ihm die Wege; der Junge hörte essend zu, und als der Alte geendet hatte, da war er auch mit seiner Suppe fertig; er erhob sich, reichte dem alten Mann dankend die Hand und sprach: »Nun erkunde ich alles, wie Ihr wollt, und dann komme ich und gebe Bericht.«

Er ging aus dem Haus und auf die Straße und gelangte an den Weg, da gestern nachmittag der Müller abgegangen war; den verfolgte er, und da war auf der einen Seite das trockene Bett der Laute, und auf der andern Seite reihten sich Häuserchen. Aus einem trat eine Frau mit der Schanne und Eimern; sie sagte betrübt: »Nun muß man so weit das Wasser holen. Früher ging man nur vor das Haus und schöpfte in der Laute.« An ihrem Kleid hielt sich ein kleines Mädchen, das achtjährig sein mochte, und trippelte neben ihr. Die Ärmchen waren mager und das Hälschen dünn; man konnte tiefe Salzfässer unter dem Hälschen sehen, und in dem blassen Gesichtchen hatten die Augen blaue Ringe. Kurt ging an der Frau vorbei und sah auf das Kindchen nieder, das artig den Fremden grüßte. Da sagte die Frau: »Ja, im Brotschrank ist kein Brot,« sie ließ den einen Eimer, den sie gehalten, fahren und wischte sich mit der Schürze die Augen.

Kurt ging weiter hinauf. Bei den letzten Häusern war die Laute gefaßt gewesen; die Leden lagen nun eingetrocknet und mit Rissen leer da; das Rad stand still, auf welches das Wasser gefallen war, und das Gestänge bewegte sich nicht, welches auf den Kranichsberg hinauf zum Gaipel des Sanct Jacob führte.

Kurt bog rechts ab; er überquerte das leere Flußbett und folgte einem rasenbewachsenen Fußsteig, welcher an dem Gestänge entlang lief. Er mußte ziemlich steil ansteigen, da stand er vor dem runden Gaipelhaus, und da tat sich der Grubeneingang auf. Das war nun alles tot und leer.

Er hatte ja gewußt, daß hier nicht mehr gearbeitet wurde und daß er nicht einfahren konnte, trotzdem hatte es ihn zuerst nach hier oben getrieben; er hatte wohl dumpf an den Taler gedacht, welchen Marie ihm in Goslar gezeigt hatte. Plötzlich überkam es ihn, daß er eine Sicherheit hatte, genau so, wie der alte Wiedenhöfer gesagt: »Da ist etwas, das weiß ich gewiß. Ein schöner Gang ist da, ein großer Gang.« Er lachte und pfiff ein paar Takte. Dann drehte er sich um und sah sich die Gegend an: Dort unten rechts, das mußte die Hütte sein. Und links lag das Pochwerk, und dabei war der Eingang zu dem neuen Stollen, den der alte Mann trieb. Da hinein konnte er gehen. Vielleicht sah er etwas, das er dem Alten mitteilen konnte.

Er ging, den Weg abkürzend, gerade durch den Wald auf das Pochwerk zu. Die Stempel trampelten nicht, der Steinbrecher krachte nicht, das Wasserrad stand still, und das Gefluder von der Innerste her, das es treiben sollte, war durch ein Scheit abgesperrt. Auch das Gefluder zeigte Spalten und Risse, wie die Leden oben, in welche die Laute gefaßt gewesen war. Aber da kam ein Bergmann aus dem neuen Stollen heraus, der einen Hund schob und abkippte.

Der alte Wiedenhöfer hatte Kurt ein Grubenlicht mitgegeben. Er steckte es an dem Licht des Bergmanns an, der nun seinen Hund wieder zurückschob. Auf dem Schild des Grubenlichts stand ein Spruch:

»Dieses Licht ist ganz rot.
Die Gefahr dabei ist bis auf den Tod.
Wenn der liebe Gott nicht wollt heller sein,
so käme nicht davon unser Gebein.«

Der Bergmann schob seinen Hund in den Stollen zurück, und Kurt folgte ihm. Er leuchtete mit dem Licht, wo die Zimmerung das Gestein erkennen ließ, um sich klarzumachen, wie das Gestein gelagert war. Der Bergmann erklärte ihm alles. Aber er fand nichts, daraus er Schlüsse ziehen konnte. Zuletzt kam er vor Ort. Zwei Männer saßen da und schlugen jeder ein Sprengloch. Er begrüßte sie, und sie erwiderten stumm den Gruß. Er nahm einen Stein auf und betrachtete ihn im Licht seiner Lampe.

Der eine der Männer hörte mit Schlagen auf. Er sagte: »Da ist etwas. Aber wie soll man es finden! Wenn wir einen Rutengänger hätten! In dem Berg ist so viel Erz, da haben nach unsere Kindeskinder Arbeit. Einen Rutengänger müßten wir haben!«

Kurt ging zurück, den Stein nahm er mit. Draußen betrachtete er ihn noch bei Tageslicht. Das Stück war Schwerspat mit Quarz durchwachsen. »Da könnte wohl weißgültig Erz in der Nähe sein,« dachte er. »Aber wo soll man einen Querschlag treiben?« Die Inhaber der Kuxe in Magdeburg und Braunschweig müßten Zubuße zahlen, wie der alte Wiedenhöfer gesagt hatte; aber ob die nun Lust dazu hatten?

In Gedanken ging er zurück durch den Ort; er machte einen Umweg, um sich die Straßen und Häuser anzusehen. Den Stein behielt er in der Hand.

Ja, da konnte er nun überall den kümmerlichen Stand der Arbeitslosigkeit betrachten. Dort sah er einen Bergmann, wie er auf seinem Hof Holz spaltete. Mißmutig legte der ein Scheit auf den Block und schlug mit schlaffer Bewegung zu. Er begegnete einem Mann, der im Wald dürres Holz gesucht hatte und auf dem Rücken nach Hause trug, eine sperrig große Last dürrer Taxen, wie sonst Frauen sie tragen. Aus dem geöffneten Fenster eines Hauses sah ein Mann auf die leere Straße hinaus mit stumpfem und gleichgültigem Gesichtsausdruck. Schwer fiel Kurt die traurige Stimmung der Leute auf die Seele; er betrachtete seinen Stein gedankenlos und ging weiter.

Da kam er am Pfarrgarten vorbei, in dessen Grund das Pfarrhaus lag, gleich neben der Kirche. Ein kleines rundes Beet war da, in welchem Narzissen blühten; in der Mitte war ein versteinertes großes Ammonshorn aufgerichtet auf einem Stein. Auf das Ammonshorn hatte sich ein Mädchen hinaufgeschwungen, das Laute spielte, und im leichten Wind wehte ihr Haar, das Band der Laute und ihr dünnes Röckchen; es war, als ob sie tanzen wollte, so schwebte sie auf einem Fuß und spielte eine zarte Melodie; einen Augenblick stand Kurt erstarrt, als er das Mädchen sah; dann wurde ihm bewußt, daß er da verzückt das Fräulein von Glück anstarrte, er wurde rot vor Beschämung und ging eilig vorüber; das Mädchen hatte ihn wohl kaum bemerkt, denn ihre Blicke waren über ihn weggegangen.


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