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Eine schoene,
anmutige und lesenswuerdige
Historie von der unschuldig bedraengten frommen
Pfalzgraefin Genovefa,
wie es ihr in Abwesenheit ihres
herzlichen Ehegemahls
ergangen.

Zu den Zeiten des seligen Hidulf, Erzbischofs der Trierischen Kirche, welcher in dem Schlosse Ochtendung wohnte, geschah ein Kriegszug gegen die Heiden. Es war damals im Trierischen Schlosse ein sehr vornehmer Pfalzgraf namens Siegfried, der nahm sich ein Weib aus koeniglichem Geschlecht, naemlich eine Tochter des Herzogs von Brabant, mit Namen Genovefa, welche recht schoen war; dieselbige diente auch Tag und Nacht, wann es die Zeit erlaubte, der seligen Mutter Gottes Maria, und so sehr liebte sie die, daß sie alles, was sie an zeitlichen Guetern haben konnte, aus Liebe zu ihr den Armen schenkte. Wegen ihrer großen Schoenheit befahl der Pfalzgraf, sie sollte waehrend der Zeit, da er abwesend sei, im Mayengau in der Burg Simmern wohnen, um unerlaubten Umgang zu vermeiden, denn er fuerchtete wegen ihrer großen Schoenheit, und sie hatten keine Kinder; und weil er mit den andern eilends fort mußte, so ordnete er alles so schnell es moeglich war und rief die Edlen und Ritter zusammen, welche er haben konnte, um besagten Kriegszug ins Werk zu setzen.

Unter diesen befand sich ein Ritter namens Golo, der Vornehmste der Ritterschaft, und der Pfalzgraf liebte ihn sehr wegen seiner Tapferkeit. Wie sie nun alle auf besagter Burg und in ihrer Umgebung zusammengekommen waren, befragte sie der Pfalzgraf um Rat und spricht: »Gebt Uns Euren Rat, wem wir das Unsere anvertrauen koennen und zu Unserm Statthalter machen.« Wie sie das gehoert hatten, vereinigten sie alle ihre Stimmen auf Golo, und wurde ihm der Eid abgenommen, und setzte ihn der Pfalzgraf als Statthalter ein. In der Nacht aber schlief der Pfalzgraf bei seiner Ehefrau, und sie empfing in derselben Nacht.

Wie es nun Morgen geworden war, ließ er den Ritter Golo vor sich rufen und sprach so zu ihm: »Golo, wir uebergeben Dir unsere vielgeliebte Gemahlin benebst unserm ganzen Lande, sie getreulich zu bewachen.« Da fiel die Pfalzgraefin zu dreien Malen auf die Erde und lag da wie halb tot. Der Pfalzgraf aber hob sie auf und sprach: »O Herrin Jungfrau Maria, Dir und keinem andern empfehle ich mein vielgeliebtes Weib in die Hut,« weinte, umarmte und kueßte sie, erwies ihr auch noch andere Liebeszeichen; denn sie hatten sich einander sehr lieb. Und so sagte er ihr Lebewohl und ging fort.

Was geschieht nun? Nicht lange Zeit danach entbrannte der treulose Ritter Golo in Liebe zu der Pfalzgraefin und wollte mit ihr buhlen, drang mit schmeichlerischen und ueppigen Reden bestaendig in sie und sprach also: »O Herrin, Gott weiß, daß ich um uebergroße Liebe, welche ich zu Euch trage und lange Zeit getragen habe, nicht weiß, was ich beginnen soll; ich bitte Euch, wollet mir zu Willen sein.« Aber die gute und christliche Frau wies ihn mit Verachtung ab und sagte, daß sie lieber sterben wollte, wie ihrem geliebten Mann untreu sein. Indessen erwies es sich von Tag zu Tag immer mehr, daß sie mit einem Kindlein ging; ueber welches der Ritter Golo sich freute.

Es ging aber der ruchlose Golo eines Tages zu der Pfalzgraefin und hatte einen Brief in der Hand, welchen Brief er selber geschrieben hatte, wollte sie betruegen und sprach: »O geliebte Herrin, siehe, dieser Brief ist mir geschickt, und wenn Ihr wollt, so will ich Euch diesen Brief kundgeben.« Sie antwortete: »Leset ihn.« Wie er den Brief las, vernahm die Pfalzgraefin, daß ihr Mann, der Pfalzgraf, mit seinem ganzen Kriegsvolk im Meere untergegangen sei. Wie sie das vernommen hatte, seufzte sie und weinte bitterlich und flehte zu der seligen Jungfrau Maria, welche alle troestete, so sie anrufen, und sprach: »O Herrin Jungfrau Maria, siehe doch auf mich Elende.« Und so schlief sie ein wenig ein, indem ihr die Augen von dem großen Kummer schwer wurden. Da erschien ihr die Jungfrau Maria mit großer Klarheit und sprach: »Der Pfalzgraf, Dein Mann, lebt, aber etliche von den Seinen ruhen in Frieden.« Sie wachte auf und war gestaerkt. Der Ritter Golo aber hieß eine seine Mahlzeit zubereiten, ging zu der Pfalzgraefin, wollte sie zwingen und reizen zum Ehebruch und sprach: »O Herrin! Ihr wißt aus dem Brief, daß unser Herr gestorben ist, und meine Gattin ist gestorben, und weil die ganze Grafschaft mir untertan ist, so koennt Ihr mich als Gatten annehmen,« wollte sie umarmen und ihr einen Kuß geben; sie aber vertraute auf die Hilfe Gottes und der seligen Maria und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, so hart sie vermochte.

Wie sie nun Golo gar nicht zu seinem Plan verfuehren konnte, nahm er ihr alle ihre Diener und Maegde. Es kam aber die Stunde, daß sie gebaeren sollte, und gebar die Pfalzgraefin einen Gott teuren und lieben Knaben, und wagte kein Weib zu ihr zu gehen und zu troesten außer allein eine Waschfrau, welche die schlechten Kleider wusch. Und alles Herzeleid, welches er ihr antun konnte, tat er ihr an. Und wie sie so elendiglich lebte, kam ein Bote von dem Herrn Pfalzgrafen an die Pfalzgraefin und sprach: »Der Herr Pfalzgraf lebt, aber etliche von den Seinen ruhen in Frieden.« Da fragte ihn die Pfalzgraefin und sprach: »Wo ist er, sage es mir.« Er antwortete ihr: »In der Stadt Straßburg.« Da freute sie sich und hoffte, daß sie befreit werde von dem boesen Ritter.

Es kam aber der Ritter Golo zu ihr, und sie berichtete ihm, was sie von dem Boten erfahren hatte. Wie er das gehoert hatte, erschrak er sehr, fuerchtete sich, schrie und weinte und sprach: »Wehe mir ganz Ungluecklichen, ich weiß nicht, was ich tun soll und wohin ich mich wenden soll«. Das erfuhr ein altes Weib von schlechtem Lebenswandel, welches am Fuße des obenbesagten Burgberges wohnte, die kam zu dem treulosen Golo und sprach: »O Herr! Was ist Euch, oder was drueckt Euch? Saget es mir! Und wenn Ihr meinem Rate folgt, so werdet Ihr Euch von Eurem Kummer und Gefahr frei machen.« Da antwortete der treulose Ritter: »Weißt Du nicht was und wie ich gegen unsere Frau Pfalzgraefin gewesen bin? Ich weiß, wenn mein Herr Pfalzgraf zurueckkehrt, so wird er mich mit dem Tode bestrafen, aber wenn Du mir einen Rat gibst, wie ich entkomme, so sollst Du und Dein ganzes Haus es gut haben.« Da sprach jenes schlechte und listige Weib: »Das ist mein Rat. Unsere Frau Pfalzgraefin hat ein Kind geboren. Wer weiß, ob unser Herr sie erkannt hat oder einer von den Koechen;« und berechnete die Abreise des Pfalzgrafen und den Tag der Geburt und fand, daß sie zuletzt bei seiner Abreise empfangen hatte und sprach: »Wer kann das genau wissen, da niemand zugegen war? Gehet zum Herrn und saget ihm, daß die Frau Pfalzgraefin mit einem Koch gebuhlt hat und hat von ihm ein Kind, und ich weiß, daß er sie zum Tode verdammen wird, und Du bist errettet.« Antwortete der treulose Ritter, daß der Rat gut war, beruhigte sich und tat also.

Wie der Herr Pfalzgraf das von dem Ritter Golo gehoert hatte, ueberkam ihn ein heftiger Kummer und wurde ganz verstoert, seufzte und sprach: »O Herrin Jungfrau Maria, Dir hatte ich meine liebe Frau in die Hut gegeben; warum hast Du solche Schaendlichkeit geschehen lassen? Wehe mir Ungluecklichen! Ich weiß nicht, was ich tun soll. O Gott, Schoepfer und Begruender Himmels und der Erden, laß die Erde sich oeffnen und mich verschlingen. Besser ist es, ich sterbe, als daß ich in Schande lebe!« Da trat der treulose Ritter nach dem Geheiß des schlechten Weibes zu ihm und sprach: »Herr, bei meinem Eide! Es ziemt sich nicht fuer Eure Wuerde, daß Ihr ein solches Weib habet.« Erwiderte der Pfalzgraf: »Aber was soll ich mit ihr machen?« Sprach der Ritter: »Ich will gehen und sie mit dem Kind in den See werfen lassen, damit sie im Wasser umkommen!« Sprach der Pfalzgraf: »Gehe!«

Der Ritter Golo eilte sich, wie er die Erlaubnis hatte, und der Teufel trieb ihn an; trat zu der Kindbetterin, legte die Hand auf die Pfalzgraefin und ihren Sohn und sagte zu den umstehenden Untergebenen: »Ergreifet sie, und erfuellet den Befehl unseres Herrn.« Die antworteten: »Was hat denn der Herr befohlen?« Er sprach: »Ich soll diese toeten lassen!« Sie sprachen: »Was haben sie denn Uebles getan?« Golo antwortete: »Gehet hin, und tuet nach dem Befehl des Herrn, oder Ihr sollt sterben!«

Da nahmen die Diener die Mutter mit dem Knaeblein, um sie zum Tode zu bringen, und fuehrten sie in den Wald, wo wilde Tiere inne waren. Wie sie aber in den Wald gekommen waren, sprach einer von den Dienern: »Was haben diese Boeses getan?« Und so entspann sich ein Wortwechsel unter ihnen. Einer aber von den Dienern spricht: »O Diener und lieben Freunde, wißt Ihr nicht wie und auf welche Art mit unserer Herrin und ihrem Knaeblein verfahren ist, die uns uebergeben sind, sie zu ermorden?« Und antworteten alle einmuetig mit Bitterkeit des Herzens und sagten: »Wir wissen es!« Da sprach ein Getreuer unter den Dienern: »Nichts Boeses hat sie getan,« und schwur und sagte: »Sie ist unschuldig jeglichen Verbrechens.« Weiter sprach der treue Diener: »Warum sollen wir sie bestrafen samt ihrem Knaben?« Da war einer unter ihnen, der sagte: »Kann uns einer einen Weg zeigen, wie wir sie entlassen?« Und sprach der treue Diener: »Wir wollen ihnen einen Ort anweisen, wo sie bleiben muessen; besser ist es, die wilden Tiere verzehren sie, als daß unsere Haende besteckt werden.« Sprachen die Diener: »Wie aber, wenn sie von da entweichen?« Jener: »Sie soll uns versprechen, daß sie dableibt.« So geschah es auch. Da beratschlagten die Diener unter einander ueber das Zeichen. Es folgte ihnen aber ein Hund und sie sprachen: »Wir wollen die Zunge des Hundes abschneiden und sie als Zeichen geben, daß sie gestorben sind.« So geschah es. Und dergestalt gingen sie gleich nach Hause. Wie sie der Ritter Golo zurueckkehren sieht, sagt er: »Wo habt ihr sie gelassen?« Sie sagten: »Sie sind getoetet. Dieses geben wir als Zeichen!« und zeigten ihm die Zunge des Hundes. Da sprach der treulose Ritter: »Ihr werdet Unserm Herrn und Uns angenehm sein, weil Ihr das Gebot des Herrn vollfuehrt habt.« Es glaubte aber der Ritter Golo, daß es sich mit allem so verhalte.

Die Frau Pfalzgraefin aber, welche mit ihrem Knaben an dem grauenerregenden Ort zurueckgelassen war, weinte eine Zeit lang und sprach: »Wehe mir Ungluecklichen, die ich in großem Ueberfluß war, und habe jetzt durchaus garnichts und bin verlassen!« Der Knabe aber war noch nicht dreißig Tage alt. Weil die Mutter aber keine Milch hatte, so weinte sie bitterlich und konnte sich gar nicht troesten. Da vertraute sie auf die Hilft der seligen Gottesmutter, der Jungfrau Maria, und sprach so zu ihr: »O Herrin, Jungfrau Maria! Erhoere mich verurteilte Suenderin! Da ich unschuldig bin dieses Verbrechens, so bitte ich Dich, Du lassest mich nicht in meiner Not. Ich weiß, daß mich keiner befreien und ernaehren kann außer Du, Jungfrau Maria, und Dein eingeborener Sohn. Errette mich, o Herrin, Jungfrau Maria, Du Troesterin aller, so Dich anrufen, von den grausamen wilden Tieren.« Sogleich hoerte sie eine sueße Stimme, welche sprach: »Geliebte Freundin, ich will Dich nicht verlassen.« Darauf wurde die Stimme nicht weiter gehoert. Es kam aber durch die Fuegung des allmaechtigen Gottes und die Fuerbitte der seligen Jungfrau Maria eine Hinde und legte sich zu Fueßen des Knaebleins. Wie die Mutter dieses Wunder sah, legte sie das Kindchen gleich an die Zitzen, und es saugte.

Die Pfalzgraefin blieb aber an demselben Ort sechs Jahre und drei Monate. Sie naehrte sich von den Kraeutern, welche im Walde wuchsen. Ihr Lager war ein Haufen Reisig, welches sie sammelte, und war mitten in einer Brombeerhecke. Wie die besagten sechs Jahre und drei Monate um waren, ließ der Pfalzgraf alle seine Ritter und Bedienten zusammenrufen und wollte ein großes Gastmahl geben am Tage von Epiphanias. Und weil nun einige von diesen Rittern, und der groeßere Teil, etwa einen Tag frueher gekommen waren, so befahl der Pfalzgraf zu ihrer Erheiterung, daß alle gleich mit ihm auf die Jagd gehen sollten. Und wie die Jaeger die Hunde hetzten, erschien mit einem Male die Hinde, welche den Knaben naehrte, und die Hunde jagten sie mit Gebell und die Jaeger mit Geschrei. Der Ritter Golo aber verließ die Meute und folgte von ferne. Wie nun die Hinde nicht mehr aus wußte, lief sie an den Ort, wo sie den Knaben der Pfalzgraefin naehrte, und wie sie da war, legte sie sich zu Fueßen des Knaben, wie sie ihre Gewohnheit hatte. Die Hunde mit Gelaeute, nach ihrer Sitte, verfolgten die Hinde und wollten sie fangen und wie die Mutter des Knaben sah, daß die Hunde das ihr vom Himmel geschickte Tier fassen wollten, verscheuchte sie die Hunde so gut sie konnte, mit einem Stock, den hatte sie in der Hand. Indessen kam der Pfalzgraf mit den Seinen, und wie er dieses Wunder sieht, sagte er: »Jagt die Hunde fort.« Das geschah auch. Da gefiel es dem Pfalzgrafen, mit ihr zu sprechen, und kannte sie nicht, und sagte: »Bist Du eine Christin?« Antwortete das Weib: »Ich bin eine Christin, und ohn alles Gewand, wie Du siehst, denn ich habe meinen ganzen Koerper bloß, aber gib mir Deinen Mantel, damit ich meine Bloeße bedecken kann.« Und er gab ihr seinen Mantel, und wie sie mit dem Mantel des Pfalzgrafen bedeckt war, sprach der Pfalzgraf: »O Weib! Hast Du keine Speise und kein Kleid gehabt?« Sie sprach: »Brot habe ich nicht gehabt, außer ich habe die Kraeuter gegessen, welche in diesem Walde wachsen; mein Kleid aber ist durch sein großes Alter vernutzt.« Der Pfalzgraf sprach zu ihr: »Wie viele Jahre sind es, daß Du nach hier gekommen bist?« Sie antwortete: »Es sind sechs Jahre und drei Monate.« Sprach der Pfalzgraf zu ihr: »Wessen Sohn ist dieser?« Sie antwortete: »Er ist mein Sohn.« Denn es ergoetzte sich der Pfalzgraf an dem Anblick des Knaebleins und sagte weiter: »Wer ist des Knaebleins Vater?« Sie sprach: »Gott weiß es!« Darauf der Pfalzgraf: »Wie heißest Du?« Sie antwortete: »Ich heiße Genovefa.« Wie er den Namen Genovefa hoerte, bedachte er, ob sie seine Gemahlin sei. Und trat einer vor, der frueher der Kaemmerling der Pfalzgraefin gewesen war, und sagte: »Es scheint mir, daß es unsere Herrin ist, welche seit langem gestorben ist, denn sie hatte eine Narbe im Gesicht. Laßt uns sehen, ob sie die hat.« Und betrachteten sie alle und fanden es so. Der Pfalzgraf sagte auch: »Sie hatte einen Trauring.« Und traten zwei Ritter hinzu, um nachzusehen, und fanden den Trauring. Da umarmte sie der Pfalzgraf und kueßte sie und den Knaben, weinte und sprach zu der Frau: »Wahrlich, Du bist mein Weib,« und zu dem Knaeblein: »Wahrlich, Du bist mein Sohn.« Was geschah weiter? Die Pfalzgraefin erzaehlte Wort fuer Wort, wie es oben beschrieben ist, allen, die da waren, was ihr geschehen, und weinte der Pfalzgraf und alle die Seinen.

Und wie alle vor Freude weinten, kam der Ritter Golo dazu. Da stuerzten sich gleich alle auf ihn und wollten ihn toeten. Der Pfalzgraf aber sprach: »Haltet ihn, bis wir ausgedacht haben, zu welcher Strafe wir ihn verurteilen sollen.« So taten sie. Und dann befahl der Pfalzgraf, daß vier Stiere geholt werden sollten, die noch nicht im Pflug gegangen waren, und je einer an die vier Glieder seines Koerpers gebunden werden sollte, naemlich zwei an die Fueße und zwei an die Haende, und dann sollten sie losgelassen werden. Und da sie nun so angebunden waren, zog jeder an seinem Strick, und so wurde er in vier Stuecke zerrissen.

Nach diesem wollte der Pfalzgraf seine Vielgeliebte nebst dem Knaeblein mitnehmen, sie aber weigerte sich und sprach: »Die selige Jungfrau Maria hat mich mit meinem Knaeblein in dieser Einoede vor den wilden Tieren beschirmt und mein Knaeblein von den Tieren ernaehren lassen, deshalb will ich nicht von diesem Orte weichen, er werde denn zu ihrer Ehre geweiht und eingesegnet. Da schickte der Pfalzgraf gleich Leute zu Hidulph, dem Erzbischof von Trier, daß der Ort eingesegnet werde. Und wie sie dem seligen Hidulph alles erzaehlt hatten, freuete er sich mit großer Freude und kam am Tage Epiphanias und segnete den Ort ein zu Ehren der unteilbaren Dreieinigkeit und der seligen Jungfrau Maria. Nach der Einsegnung des Ortes fuehrte der Pfalzgraf die Pfalzgraefin in sein Haus, auch gab der Pfalzgraf ein großes Gastmahl fuer alle, die da kamen. Die Pfalzgraefin, aber bat ihren Herrn und sprach: »O Herr, ich bitte Dich, daß Du lassest eine Kirche bauen auf dem geweihten Orte und sie begabest.« Er versprach es. Auch ließ der Pfalzgraf alle Speisen bereiten, die seiner Frau mochten zutraeglich sein, sie konnte aber solche Speisen nicht vertragen, sondern aß und ließ sammeln die Kraeuter, so sie in jener Zeit gegessen hatte. Und so lebte die Pfalzgraefin vom Tage ihrer Auffindung an, das ist vom Tage vor Epiphanias bis zum zweiten April, da ging sie zum Herrn ein.

Der Pfalzgraf aber baute, wie er es versprochen hatte, an jenem Orte eine Kapelle zu Ehren der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit und der seligen Jungfrau Maria, und in der begrub er seine geliebte Frau Genovefa mit Trauern und Weinen. Der selige Hidulph weihte sie ein und verlieh bei derselben Kapelle einen Ablaß von vierzig Tagen. Am Tage der Einweihung aber geschahen in derselben Kapelle zwei große Wunder und viele andere kleine. Es waren naemlich zugegen zwei Maenner, ein Blinder und ein Stummer. Der Blinde erhielt das Gesicht wieder, der Stumme aber bekam die Sprache. Sie dankten Gott und der allerheiligsten Jungfrau Maria, welche solche Wunder an ihnen zu tun wuerdigte, und gingen ehrfuerchtig von dannen. Auch schickte der Pfalzgraf Leute an den Apostolischen Stuhl, um Ablaesse zu erwirken. Der damalige allerheiligste Herr aber ließ in Barmherzigkeit ein Jahr von der ihnen anbefohlenen Buße nach Allen, welche die zu Ehren der seligen Jungfrau Maria vom Pfalzgrafen erbaute Kapelle besuchten, an allen Festtagen der seligen und glorreichen Jungfrau Maria, am Fest der Geburt des Herrn, der Auferstehung, Pfingsten, Epiphanias, der Kirchweih, welche ist der naechste Sonntag nach Petri Kettenfeier, im Monate August, und waehrend der Oktaven derselben Feste.

Eine schoene
und wahrhaftige Historie von
Kaiser Karls Sohn genannt Lother,
wie er verbannt ward sieben Jahr aus dem
Koenigreich, und von seinem Gesellen
Maller und wie die beiden
sich ritterlich hielten.

 

Das erste Kapitel

Eine schoene Historie will ich Euch verkuenden; die Worte darin sind lieblich, und sagen von huebschen Abentheuern, welche in Wahrheit geschehen sind. Dieß Buch ist aus dem Lateinischen in's Waelsche, und vom Waelschen in's Deutsche uebertragen und erneuert von Friedrich Schlegel, und sagt von zwei getreuen Gesellen, getreuere wurden nie erdacht. Sie waren beide Fuersten; der eine war Koenig Karls Sohn von Frankreich, und hieß Lother; der andre war des tapfern Koenigs Galyens Sohn, und hieß Maller; seine Mutter, die schoenste Frau der damahligen Zeit, ward Rosamunde genannt.

Lother nahm in allen Tugenden zu, war froehlich und heiter; darueber gefiel er allen Frauen so wohl, daß sie ihn alle lieb hatten. Dieß verdroß viele von der Ritterschaft sehr, sie gingen hin vor Ludwig, Koenig Karls Sohn, und klagten ueber Lother. Herr, sprachen sie, Euer Bruder Lother gehet stets zu unsern Frauen, und wir koennen es auf keine Weise verhindern. Er laeßt nicht ab, wenn Ihr ihn nicht auf sieben Jahre aus dem Lande verbannt; unterdessen wird ihm vielleicht der Schimpf vergessen, und dann wuerde er wohl verstaendig genug sein, Gutes und Boeses zu verstehen. Bliebe er aber hier, so moeget Ihr fuerwahr wissen, er braechte Eure hohe Verwandte in solchen Zorn und Unwillen, daß Ihr und Euer Vater nicht wissen werdet, Euch zu sichern. Darum, Herr, bitten wir Euch, dieß Euerm Vater vorzulegen. – Ich will es gern thun, sprach Ludwig, ging zu seinem Vater, dem Koenig Karl, und legte ihm die Sache vor.

Koenig Karl schickte sogleich nach seinem Sohne Lother; er kam, und mit ihm sein Gesell Maller. Mein lieber Sohn, fing Koenig Karl an, meine Herrn und Getreuen, und meine hohe Mannschaft, die sind um Eurentwillen sehr erzuernt, und hassen Euch alle gar sehr, wegen der Sache, die ich Euch schon oftmahls verboten habe, aber das Verbot habt Ihr nicht gehalten, welches mich nicht wenig betruebt. Nun muß ich ueber Euch ein Urtheil sprechen: Bei dem allmaechtigen Gott und seiner lieben Mutter, der reinen Jungfrau, bei allen Gottesheiligen im Himmel und dem guten St. Dionysius, bei meiner Krone, die ich auf dem Haupte trage, und bei meinem Barte, den ich in meiner Hand halte, und bei meines Vaters und meiner Mutter Seelen, finde ich Euch in sieben Jahresfrist in den Graenzen meines Landes, und sollt ich darum ewiglich verdammt werden, so will ich Euch in einen tiefen Thurm werfen, darinnen Ihr in sieben Jahren weder Sonne noch Mond werdet scheinen sehen. Als Lother seinen Vater so sprechen hoerte, erstarrte ihm das Blut in seinen Adern. Lieber Herr und Vater, fing er an, wer Euch dazu rieth, der ist sicher nicht mein Freund; darum bitte ich Euch sehr, seid mir nicht so ungnaedig, ich hoffe, ich habe dieß nicht verschuldet, ich bitte Euch um Gottes Willen, berathet Euch eines Bessern. – Es mag und kann nicht anders sein, sprach Karl; nehmet Goldes und Silbers so viel Ihr beduerft, auch von meiner besten Ritterschaft, die Euch anstehet, ziehet in ein anderes Land und erwerbet Ehre. Streitet gegen die Heiden, und gerathet Ihr in eine Noth, so laßt es mich wissen, daß ich Euch zu Huelfe komme. Fuerwahr, mein lieber Sohn, Ihr mueßt sieben Jahre lang aus sein, solches ist mir getreulich gerathen worden; werdet Ihr nicht thun, was ich Euch heiße, so habt Ihr niemahls Friede mit mir. Gedenket alle Wege nach Ehre zu streben, wie Geryn von Mangelen that, der dasselbe Land mit seiner Hand gewann, dazu ich ihm verhalf. Leget Ihr Euch auch sowohl an, so will ich Euch auch helfen. Seid fromm und getreu, so will ich Euch fuer einen Sohn halten; seid Ihr dieß aber nicht, so werde ich Euch stets verlaeugnen. Vater, sprach Lother, ich will thun, was Ihr mich heißt. Mallern, meinen Gesellen, will ich mitnehmen, und mehrere andere Ritter, die ich gern habe. Gott empfohlen, mein lieber Vater, ich bin nicht Willens, wieder zu kommen, ich habe dann Ehre und ein Koenigreich gewonnen. Der Koenig sprach: Damit erfreuest Du mich gar sehr.

Wohlan, liebe Gesellen, rief Lother seinen Rittern zu, als er von seinem Vater fortgegangen war, wir wollen fort, mein Vater hat mich verbannt auf sieben Jahre aus diesem Lande; mein Herz sagt mir, ich werde nimmer ein Erbe in diesem Reiche. – Lieber Herr, sprach Maller, verzaget nicht, diejenigen, welche dem Kaiser Euerm Vater dieß riethen, die werden schon ihren Lohn davon tragen; Euch zum Schaden war es erdacht, aber ich hoffe, es soll Euch zur Ehre und zum Nutzen werden; ein junger Mann muß nicht zu Haus bleiben, sondern im fremden Lande sein Glueck suchen und Ehre erwerben, denn daheim mag es ihm wohl nicht gelingen. Ich zieh' mit Euch, und will Euch treulich dienen. Mit diesen Worten umarmte er ihn, und troestete ihn. Lother ward getroestet, und sprach lachend: Ich hoffe, Gott wird mir helfen; wir wollen uns ihm befehlen und uns die Reise leicht werden lassen. Damit hieß Lother seinen Gefaehrten, daß sie sich bereit machen, und ihre guten Ruestungen anlegen sollten. Maller, wie die uebrigen Ritter, bereiteten sich koestlich, und stellten sich vor dem Pallast wohl geruestet und im Zeuge. Lother saß auf sein Roß, nahm Abschied von den Herren und der Ritterschaft. Diese weinten alle, da sie Lother fortziehen sahen; jene aber, die dazu gerathen, die lachten und waren froehlich.

 

Das zweite Kapitel

Lother und seine Gesellen zogen aus Paris, nachdem sie Goldes und Silbers in Menge vom Kaiser Karl erhalten, und ritten nach der Lombardei in eine Stadt, Pavie genannt, wo Lother seinen Oheim, seiner Mutter Bruder, fand. Er zog mit seinen Gesellen nach einer Herberge in der Stadt, und nachdem sie ihre Ruestungen abgelegt, gingen sie allesammt zu der Burg, wo sie den Koenig Dansier, den Oheim Lothers, in dem Garten unter eines Oelbaums Schatten fanden, wo er saß, und mit einem seiner Ritter Schach spielte.

Gott wolle meinen Herrn Oheim behueten, sprach Lother, als er vor ihn kam. Da stand Koenig Dansier auf, und empfing sie sehr freundlich. Wie geht es Euerm Vater, den ich sehr lieb habe? fragte er den Lother. Ihm geht es sehr wohl, antwortete Lother; aber ich bin bei ihm verlaestert worden, daß er mich auf sieben Jahre aus seinem Lande verbannt hat. Dieß erschrecke Euch nicht, sagte Koenig Dansier, ich bin reich genug, und lasse Euch sicher nicht stecken; ein Biedermann verlaeßt seine Freunde nicht in der Noth. Herr Oheim, sprach Lother, schweigt davon, daß ich bei Euch sollte verbleiben, dazu bin ich noch zu jung; ein junger Mann muß ausreiten, und ritterliche Abentheuer suchen, und weder des Winters noch des Sommers achten, was er sich dann in der Jugend erstritten, deß mag er sich im Alter wohl erfreuen. Darum, lieber Herr Oheim, bin ich Willens, gegen die Heiden zu ziehen und Abentheuer zu suchen. Ihr redet sehr wohl, sprach Koenig Dansier. Waehrend sie mit einander sprachen, trat zu ihnen Otto, Koenig Dansiers Sohn, ein Juengling von schoener Gestalt, huebschem Angesicht und roethlichem Haar; als dieser hoerte, wie es dem Lother ergangen, und daß er so verbannt worden, da schwur er ihm, er wolle ihn niemahls verlassen; aber er log ihm das, wie Ihr hernach wohl hoeren werdet.

Nachdem Lother wohl vierzehn Tage bei seinem Oheim zugebracht, sprach er zu Otto: Vetter, ich will nun ueber die Heiden, willst Du mit mir ziehen, so will ich gern alles mit Dir theilen, was ich gewinne. Ja, Vetter, sprach Otto, ich will mit Euch ziehen, und will auch meine Ritterschaft mit mir nehmen, wofern Ihr mir schwoeren wollet, dieß ganze Jahr lang meinen Nahmen zu tragen, und mich dafuer den Eurigen fuehren zu lassen; Ihr und Eure ganze Ritterschaft mueßt es mir auf dem Altar zuschwoeren, daß Ihr dieß ganze Jahr hindurch von ihnen nicht anders wollet gehalten sein, als waere ich es, und ich muß dafuer statt Eurer gelten. Das will ich sehr gern thun, sagte Lother, schwor es ihm auch mit allen seinen Gesellen vor dem Altar zu. Darauf nahmen Lother und Otto Urlaub von dem Koenige; dieser befahl seinem Sohne, daß er Lothern in Ehren halten und alles thun sollte, was ihm angenehm waere. Darauf ritten sie hinweg.

In dem Roemerlande kamen sie in einen Wald, vor eine Burg, in dieser meinten sie die Nacht zuzubringen. In dieser Burg lagen aber Raeuber verborgen, wohl zweihundert an der Zahl. Man spricht, und es ist auch wahr: Wie man sich vor heimlichen Dieben nicht wohl verwahren kann, so mag einem auch niemand mehr betruegen, als dem man am meisten vertraut. So geschah es dem Lother; er traute seinem Vetter Otto gar viel, aber dieser betrog ihn faelschlich, denn wie sie in der Burg zu Tische saßen, wo sie zuerst von dem Raeuberhauptmann waren guetlich empfangen worden, sprangen, als sie sich keines Ueberfalls versahen, die Raeuber alle aus ihren Schlupfwinkeln hervor, und fielen sie an. Sobald als nun Otto dieß gewahr wurde, ließ er seinen Vetter Lother und die Uebrigen in der Roth, suchte sich mit der Flucht zu retten, und lief hinaus. Lother und die Seinigen kaempften frisch mit den Raeubern, mit solcher Mannskraft, daß die Raeuber ueberwaeltigt wurden und entflohen. Lother und seine Gesellen setzten ihnen nach. Als Otto dieß gewahr wurde, stieg er von dem Baume herab, auf welchen er sich gerettet hatte, zog sein Schwert heraus, und lief auch mit den andern den Raeubern nach. Vetter, rief er Lothern zu, wir moegen wohl Gott danken, daß wir die Moerder ueberwunden haben. Freilich, rief Maller, Ihr habt sehr viel dazu beigetragen, es liegen ihrer viel, die Ihr erschlueget. – Nun blieben sie die Nacht in der Burg und ruhten aus. Den Morgen begaben sie sich auf den Weg, gingen ueber Rom nach Constantinopel zu. Sie mußten ueber Meer. Als sie eingeschifft waren, sprach Lother: Nun laßt uns froehlich sein, unser erstes Abentheuer mit den Moerdern haben wir gluecklich geendet; Gott wolle uns ferner helfen. Euch alle bitte ich aber, daß wir bei einander bleiben und uns nicht einander verlassen, wenn uns wieder etwas begegnet. Das schworen ihm alle zu, mit frohem Muthe.

Sobald sie an's Land getreten waren, wurden sie sogleich wieder von Raeubern ueberfallen, die mit großem Geschrei auf sie zukamen. Otto wandte sogleich sein Pferd um, und ritt in einen Busch, nah am Ufer. Hier verbarg er sich, waehrend Lother und die Ritter sich mit den Raeubern schlugen. Maller sah es, wie er sich verbarg, ritt hin und fand ihn hinter der Hecke sitzend. Du falscher Dieb, rief Maller, moege Gott Dich verfluchen, daß Du Deinen Vetter Lother in solcher Noth magst allein lassen! Nahm einen Stecken und schlug so auf Otten, daß dieser, ihm entfliehend, in das Wasser fiel; worauf Maller ihn aber wieder bei einem Beine heraus zog, und ihn vor sich her in den Streit jagte. Er sagte es dem Lother, wie er den Otto hinter einer Hecke haette sitzend gefunden. Bei meiner Treue, sprach Lother, ich war ein Thor, daß ich ihn mit mir ausfuehrte, und noch dazu meinen Nahmen mit dem seinigen vertauschte. Der Streit war sehr groß, doch waeren sie diesesmahl nicht so gut als das erstemahl weggekommen, waere nicht der Richter des Landes, ein sehr tapfrer Ritter, ihnen zu Huelfe geeilt. Die Raeuber wurden geschlagen, und Haende und Fueße ihnen abgehauen. Darauf fuehrte der Richter Lothern und die Ritter alle in sein Haus, nachdem er gehoert, daß sie gekommen seien, Koenig Orschier zu dienen und ihm zu helfen in seinem Kriege gegen die Heiden. Der Richter fuehrte sie dann zum Koenige, dem er erzaehlte, wie er sie mit den Raeubern kaempfend angetroffen, und wie sie gekommen seien, ihm gegen die Heiden zu helfen. Koenig Orschier war dieser Soeldner sehr froh, und besonders da er vernahm, daß sich des Koenigs Sohn von Frankreich dabei befaende.

 

Das dritte Kapitel

Koenig Orschier nahm Otten bei der Hand: Lieber Herr, sagte er, wie nennt man Euch, und wo kommt Ihr jetzt her? – Herr, sprach Otto, ich heiße Lother, und bin des Koenigs Karl Sohn von Frankreich. Ich freue mich, entgegnete Orschier, daß Ihr hergekommen seid, mir in meiner Noth beizustehen. Ihr sollt hier an meinem Hof leben, ich will Euch guetlich thun, und will Euch meine Tochter Zormerin zur Frau geben; sie ist so schoen, meine Tochter, als ihr wohl nimmer ein schoeneres Weib saehet. – Herr, antwortete Otto, ich waere wohl ein Thor, wenn ich dieß nicht annaehme, ich danke Euch sehr dafuer. Hier kam Zormerin die Stufen herab zu ihnen; zwei Herzoginnen fuehrten sie. Komm her, meine liebe Tochter, sprach der Koenig, hier ist Lother, des Koenigs Sohn von Frankreich, empfange ihn freundlich, und danke ihm, er ist hergekommen, mir zu helfen; ich habe Dich ihm verlobt, Du wirst, will's Gott, gut mit ihm berathen sein. – Er und seine Gesellen sollen mir willkommen sein, sprach Zormerin; auch sehe ich dort hinten einen schoenen Ritter stehen, er ist von edlerer Gestalt, als einer unter ihnen, ich wuensche wohl zu wissen, wer er waere?

Er heißt Otto, sprach der Koenig, er ist mit Lother aus Frankreich gekommen.

Zormerin war sehr schoen und verstaendig, man mochte ihres Gleichen wohl selten finden. Otto dachte in seinem Herzen: Wann doch nur erst die Zeit waere, daß ich koennt' in ihren Armen liegen und mich mit ihr ergehen, und sollte Lother und seine Gesellen auch alle darum an dem Galgen haengen. Er weiß nichts als zu kaempfen; ich ziehe es vor, bei den Frauen zu bleiben; was hilft es einem Manne, wenn er im Streit erschlagen wird? er wird gar bald vergessen; ich lobe mir ein gutes Leben, daß man zarte Speise und guten Wein zu sich nehme, denn das ist des Leibes Arznei. Maria, Mutter Gottes, wie schoen ist diese Zormerin; wie hat Lother sich nun selber betrogen, denn nun werde ich sie unter seinem Nahmen heirathen.

Sie saßen zu Tisch, Koenig Orschier und seine Tochter, und Otto ihnen gegenueber. Maller waere vor Zorn darueber fast unsinnig geworden, und sprach zu Lother: Herr, wie seid Ihr doch ein Thor gewesen, daß Ihr dieß nicht eher bedacht! – Lother hieß ihn schweigen und troestete ihn mit guter Hoffnung, aber er selber war in seinem Herzen nicht froehlicher darum, und verfluchte die Stunde, in welcher er seinen Nahmen mit Otto getauscht. Koenig Orschier sagte zu Otto, er solle seine Gefaehrten nach der Herberge in die Stadt schicken, ihn selber aber hieß er in der Burg bleiben, um gleich bei ihm zu sein, wenn die Heiden ihn ueberfielen. Sobald der Krieg geendet, fuegte er hinzu, so will ich Euch meine Tochter geben, und sobald ich nicht mehr bin, so sollt Ihr Koenig dieses Landes sein. – Otto bedankte sich sehr fuer diese großen Gaben.

Lother und Maller zogen in die Stadt mit ihren Gesellen, und wohl mit dreißig Pferden zu einem Wirth, der hieß Salomo.

Otto und die Seinigen blieben am Hofe, und haetten gern gesehen, daß Lother und Maller an dem Galgen waeren, denn sie fuerchteten sie. Zormerin erzeigte dem Otto alle Ehre, die sie glaubte, dem Sohne des Koenigs von Frankreich schuldig zu sein. Otto, als er die schoene Zormerin immer vor seinen Augen hatte, und in Freuden am Hofe lebte, vergaß des Lothers und seines Gesellen Mallers in der Herberge, und bekuemmerte sich so wenig um sie, als waeren sie Heiden. Lother verzehrte all sein Gut daselbst; als er nichts mehr hatte, verkaufte er nach und nach alle Pferde, ausgenommen sein eignes vortreffliches Roß; er hatte es von seinem Vater bekommen, und seine Gesellen wollten es nimmer zugeben, daß er es verkaufen sollte. Der Wirth war ein Biedermann, er gab ihnen zu essen auf Glauben, und lieh ihnen dann noch an zwanzig Mark dazu, weil er wohl sah, wie Lother sich adlich hielt. Aber die zwanzig Mark halfen nicht viel, Lother hatte sie sehr bald ausgegeben; er kaufte seinen Rittern Kleider dafuer, nebst uebrigem Zugehoer. Herr, sprachen endlich die Ritter, es ist in Wahrheit thoericht von Euch, daß Ihr nicht dem Koenige Orschier sagt, wie der Schalk Otto uebel mit Euch verfaehrt, und wie sich die ganze Sache mit Euch verhaelt; wollt Ihr aber Euern Eid nicht damit beflecken, so wollen wir in Gemeinschaft vor den Koenig treten und es ihm vorstellen. Euer Vater, Koenig Karl, hatte einst den Ogier von Daenemark gefangen, und geschworen, er wolle ihn toedten; wer sich unterstand, fuer ihn zu bitten, den haßte er und ließ ihn sogleich um das Leben bringen; damahls entschloß sich auch die ganze Ritterschaft, daß sie gemeinschaftlich vor den Koenig traten und ihn fuer den Ogier baten; so wollen auch wir jetzt thun. – Ihr Herrn, antwortete Lother: Bei der Jungfrau, die Gott unter ihrem Herzen trug, wer von Euch mir dieses thun wollte, der mueßte von meiner Hand sterben. Der ist kein Biedermann und keine Treue ist in dem, der seinen Eid nicht fest in sich haelt. Sollte ein Mann um Armuths willen seine Seele beladen? Ihr wißt es wohl, was wir dem Otto auf dem heiligen Altar geschworen; will er nun Uebels thun, sollen auch wir darum Uebels thun? Eher wollte ich Steine auf meinem Nacken tragen, ehe ich meinen Eid faelschte, und ihn nicht grade und unbefleckt hielt! Laßt uns stets aufrichtig im Dienste Gottes leben, so wird er uns auch sicher lohnen. Die Ritter, als sie Lothern so wohl reden hoerten, gingen hinaus und weinten.

Sie gingen darauf zu Tische; ihrer waren wohl an vier und zwanzig, aber ihr Vorrath an Speisen langte kaum fuer zehne zu. Der Wirth theilte, als ein Biedermann, alles was er hatte mit ihnen, gab ihnen wohl zwanzig Kruege mit Wein und auch der Speisen genug. Dieser Wirth zeigte sich als ein rechtschaffener, frommer Mann. Denn als Otto erfuhr, wie es dem Lother in der Herberge ging, und wie große Armuth er leiden mußte, da freute er sich dessen von ganzem Herzen, ging auch zum Koenig Orschier, und beredete ihn, daß er jemand sollte nach der Herberge schicken, um dem Lother sein gutes Pferd abzuhandeln, denn er meinte, in der Noth wuerde dieser es gern um Geld verkaufen. Koenig Orschier sandte einen Ritter deshalb nach der Herberge, dieser fand den Lother, als er mit seinem Wirth spielte, um sich den boesen Verdruß zu vertreiben. Als nun der Ritter seine Botschaft, wegen des Pferdes, angebracht, sprach Lother zu seinen Gefaehrten: Ihr Herrn, ich muß nun wohl mein Roß verkaufen, um den Wirth davon zu bezahlen. Da der Wirth nun dieses hoerte, sprang er hervor und rief: So mir Gott helfe, Ihr sollt meinetwegen Euer Roß nimmer verkaufen, und sollte ich zehen Jahre vergebens warten, und sollt' ich alles, was ich habe, dabei verlieren! Geht nur wieder zu Eurem Herrn, fuegte er hinzu, indem er sich zudem Boten wandte, sagt ihm, seinen Verwandten ginge es schlecht, aber das Roß sollt Ihr dennoch nicht mit Euch fuehren, eh' wollt ich ihm mit einem Stecken die Beine entzweischlagen. – Ueber diese Rede des Wirths lachte der Ritter in seinem Sinn, denn sie gefiel ihm gar wohl. Darauf nahm er Abschied von dem Wirth, von Lother und seinen Gesellen, und ging wieder nach der Burg, wo er dem Koenige und Otten alles wieder erzaehlte; darueber ward Otto sehr verdrießlich.

Hast Du wohl vernommen, lieber Maller, fragte Lother, was Otto gegen mich im Sinne hat? Gott wolle ihn ewig verdammen! – Amen! rief Maller; Maria, Mutter Gottes, wann wollen doch die Heiden kommen, daß man dann moege sehen, welch ein Mann der falsche Verraether ist! Kaeme es zur Schlacht, so verloer er zur Stund seinen Nahmen wieder, denn er wagt es nimmer zu kaempfen.

 

Das vierte Kapitel

Lother lag eines Tages in seinem Bette, und sah sein Hemd an, daß es sehr unrein war. Hemd, sprach er, es ist sehr lang her, daß du nicht gewaschen bist, das kraenkt mich am meisten. Maller, lieber Gesell, nimm mein Hemd, gieb es einer Frau, daß sie es wasche, ich will im Bett liegen bleiben, bis es trocken ist. – Sehr gern, lieber Herr, sprach Maller, nahm es und ging damit hinaus, des Morgens ganz frueh. Ich werde keine Frau suchen, sondern ich selbst will dich waschen, du Hemd, sprach er; denn einer schlechten Frau goennte ich es nicht, daß sie dich wasche, und eine edle wird es nicht thun. Er ging aus dem Haus hinaus, und durch die Stadt, bis an die Burg, wo ein sehr schoener Garten lag, worin viel schoene Baeume waren. Von ungefaehr hatte der Pfoertner den Garten nicht wohl verschlossen, so daß die Thuer weit offen stand. Maller ging hinein, und kam zu einem Brunnen mitten in dem Garten; das Wasser lief hell und klar aus goldenen Loewenkoepfen in ein großes Becken von weißem Marmor, einen schoeneren Brunnen konnte man nicht erdenken; auch ging eine marmorne Treppe von hier nach einem Gang, auf marmornen Saeulen, wo Zormerins Kammern waren, denn der Garten lag gerade hinter der Burg. Als Maller den Brunnen sah, warf er das Hemd hinein, und wusch und rieb es mit seinen Haenden gar fleißig. In derselben Zeit kam Zormerin mit ihrem Fraeulein, Scheidechin genannt, die Stufen herab in den Garten, und als sie den Ritter an dem Brunnen gewahrte, schlichen sie sich leise hinter einer Hecke nah dabei, um ihm zuzusehen, wie er das Hemd so fleißig wusch und rieb. Waehrend dem sprach Maller ganz laut mit sich selber, als ob er zu dem Brunnen redete: Ach du sueßer Brunnen, koenntest du sprechen, so moechtest du dich wohl beruehmen, daß du heute mit deinem Wasser das Hemd des tapfersten Ritters hast gewaschen, der je auf Erden gelebt, oder der jemahls Waffen getragen. Verflucht sei doch die Stunde, da er seinen Nahmen hat verwechselt mit dem falschen verraetherischen Rothkopf, dem Otto; erbaermlich ist es, daß ein Mann von so edler Abkunft nun solche Armuth leiden muß! – Als Zormerin diese Worte hatte vernommen, schlich sie sich leise wieder mit ihrer Jungfrau die Stufen hinauf nach ihrem Gemach, und befahl dieser, daß sie sogleich wieder hinunter gehen und den Ritter zu ihr fuehren sollte, den sie unten die Worte habe sagen hoeren.

Scheidechin, Zormerins Fraeulein, ging sogleich hinunter, wo sie Mallern noch an dem Brunnen antraf, und richtete die Botschaft ihrer Gebieterin aus. Maller folgte ihr auch sogleich nach, in das Gemach der Prinzessin. Er fand es so schoen, und mit solcher Pracht verziert, daß er darueber erstaunte. Zormerin saß auf einem hohen Sessel, der mit Gold und edlem Gestein gar wohl geziert war. Maller sah sie an, und es ueberlief ihn kalt, da ihm zu gleicher Zeit die Worte einfielen, welche er am Brunnen mit sich selber geredet. Er kniete vor ihr nieder, und sprach: Der Gott, der um unsrer Erloesung willen die Marter litt, der wolle die Prinzessin Zormerin, und alles was ihr lieb ist, in seinen Schutz nehmen! Ich bitte Euch, Ihr wollet meinem Herrn zu essen schicken, er liegt fastend von gestern Morgen her in seinem Bette. – Wie heißt Euer Herr, fragte Zormerin, dessen Hemd Ihr gewaschen habt? – Maller erschrack so sehr, daß er nicht ein einziges Wort hervorbringen konnte. – Erschreckt nicht, lieber Herr, fing Zormerin wieder an; wer in fremde Laender reist, um Abentheuer zu suchen, oder auch um Ehre zu erwerben, der kann nicht zu jeder Stunde alles haben, dessen er bedarf, oder was er gerne haette. – Jungfrau, fing Maller an, ich gestehe es Euch, waere mein Herr Otto, in seiner Heimath in Lombardei, so waere er reich und versorgt. – Wie ist es denn, daß Ihr ihn Otto wollt nennen? Mich duenkt, Ihr verwandelt seinen Nahmen, denn ich hoerte Euch sagen: der Brunnen leistete den Dienst dem besten Ritter, der heißet Lother, und ist des Koenigs Karl Sohn aus Frankreich? so hoerte ich Euch sprechen; auch sagtet Ihr noch: verflucht sei die Stunde, daß er seinen Nahmen verwechselte; meine Jungfrau wird es bezeugen, daß ich Euch dieß sagen hoerte. – Ja wohl bezeuge ich es, sprach Scheidechin, und da ich Euch das Hemd so mit Euern Haenden reiben sah, da haette ich Euch gern ein Waschholz bringen wollen.

Frauen, ich kann es nicht laeugnen, antwortete Maller, es ist wahr, ich habe das Hemd des tapfersten, des frommsten Ritters gewaschen, mit meinen Haenden; koennt' ich aber auch ein Koenigreich damit gewinnen, so moechte ich keinem lebenden Menschen seinen wahren Nahmen sagen, weil ich einen theuern Eid geschworen habe, es nicht zu thun. – Als Zormerin dieß hoerte, duenkte es ihr schlimmer, daß sie diese Sache nicht gruendlich und ganz zu Ende hoeren sollte, als wenn sie gar nichts davon erfahren haette. Denn es ist gemeinlich so der Frauen Art: so man ihnen etwas zu erzaehlen beginnt, wird all ihr Sinn bewegt, und sie gewinnen keine Ruhe, bis sie auch das Ende davon erfahren. Sie fragte also den Maller noch einmahl; da er aber darauf bestand, er duerfe es keinem Menschen entdecken, sprach sie: Hoert eine List; ich will mit Scheidechin in eine andre Kammer gehen, dann entdeckt Ihr hier der Erde Eures Herrn Nahmen, dieß kann mit Eurem Eide sehr wohl bestehen; sollt' ich es dann von ungefaehr auch hoeren, so will ich es doch nimmer jemand sagen, bis die Zeit um ist. – Werthe Frau, sprach Maller, ich will thun, was Ihr befehlt; versuendige ich mich an meinem Eid, so will ich Gott stuendlich bitten, daß er es mir wolle verzeihen um Euerntwillen. – Da entfernte sich Zormerin und Scheidechin, und gingen in eine andre Kammer.

Erde, fing Maller an, hoere zu; dir will ich klagen von dem großen Schalk, dem Otto von Lombardei; der hat meinen Herrn mit glatten Worten dazu verfuehrt, daß er seinen Nahmen mit dem des Otto vertauschte, der nun den Nahmen meines Herrn traegt, der ist: Lother, Koenig Karls Sohn von Frankreich! Darum bietet jetzt Koenig Orschier dem Otto solche große Ehre, in meines Herrn Nahmen, waehrend mein Herr sich in Ottens Nahmen so schaemen muß, und solche Armuth erleiden, nebst seinen Gesellen; niemahls hat ein so großer Herr solche Armuth leiden muessen. – Eh er noch weiter reden konnte, sprang Zormerin aus der Kammer hervor, und sprach: Lieber Geselle, Dein Herr soll genug bekommen. O fuerwahr, mir hat diese Verraetherei schon lange geahnt, oft sah ich in der Kirche wie Deinem Herrn die heißen Zaehren ueber die Wangen liefen, daß es mich jammerte. Mein Herz hat es mir gleich gesagt, es hat mehr nach ihm gestanden als nach dem Verraether Otto, wenn gleich mein Vater mich diesem zum Weibe zugesagt, aber nimmer, nimmer soll er mich haben; denn wer mich zum Weibe haben will, der muß mich erst verdienen. Wie heißt Ihr, Geselle? – Ich heiße Maller. – Lieber Maller, zur gluecklichen Stunde habt Ihr Euers Herrn Hemde am Brunnen gewaschen, ich will Euerm Herrn so viel schicken, daß er die Armuth, welche er und seine Gesellen erlitten haben, bald vergessen und daß er sich mit ihnen wohl ergehen mag.

Sie hohlte Hemden und Kleider von ihrem Vater, gab sie Mallern, daß er sie seinem Herrn in ihrem Nahmen bringe, dazu auch einen kostbaren Guertel. Maller dankte ihr, nahm Urlaub von ihr, und ging desselben Wegs, den er gekommen war, wieder zu seinem Herrn in die Herberge. Wo koemmst Du so eilends her? Da warf Maller, was er auf seiner Schulter trug, auf das Bett. – Hast Du diese koestlichen Kleider einem reichen Manne gestohlen? fragte Lother, so trag sie nur wieder dahin, woher Du sie genommen hast, nimmermehr sollen sie an meinen Leib kommen. – Man sollte mich billig ruehmen, rief Maller, daß ich so geschickt war, einen reichen Mann zu bestehlen; haette ich einen Armen beraubt, so waere ich den Galgen werth! Lieber Herr, nehmet des reichen Mannes Gut hin, die Suende will ich tragen, und will sie dazu nimmer beichten. Ist es nicht besser, einen Reichen bestehlen, als einen Armen Hungers sterben lassen? – So sprach Maller im Scherz, seinen Herrn neckend; doch als er sah, daß dieser gar zornig um des gestohlnen Gutes ward, da fing er ernstlich an, ihm die Wahrheit zu erzaehlen, wie die Koenigstochter ihn am Brunnen gewahrte, wie sie ihn durch ihr Fraeulein zu sich berief, und alles, was sich hier zugetragen. Da Lother den Verlauf gehoert, freute er sich herzlich. Sehr lieb ist es mir, sprach er, daß Du Deinen Eid nicht gebrochen hast, denn wahrlich, lieber Maller, so Du dieses haettest gethan, ich waere Dir nimmer wieder hold. – Nun, lieber Herr, habt guten Muth; wenn es Euch gefaellt, so will ich ein Bad fuer Euch bestellen, darin sollt Ihr Euch baden, ehe Ihr die weißen Kleider anthut. – Das waere mir sehr lieb, antwortete Lother; nur fuerchte ich, die Wirthin wird es nicht bereiten wollen, weil ich ihr schon so viel schuldig bin. – Maller schwieg, und ging hinaus zur Wirthin. Da er sie fragte: ob sie seinem Herrn ein Bad bereiten wolle, da war sie sehr freundlich, und sagte: sie wolle es gern thun. Indem sie noch mit ihm redete, kam ein Knecht vor die Thuere, der fuehrte ein Pferd mit Gold und Silber schwer beladen. Diesen Schatz, sprach der Knecht, sendet die Prinzessin Zormerin, des Koenigs Tochter dem Gaste, der hier in der Herberge liegt; sie hat vernommen, wie er große Armuth hier leiden muß, dieß wird sie nimmer geschehen lassen. – Maller nahm das Geld und trug es in die Kammer zu seinem Herrn. Sehet, lieber Herr, rief er, das koemmt Euch von der schoenen Zormerin. Gott beschuetze sie! rief Lother. Nun will ich wieder froehlich essen und trinken, nun ich meinen Wirth bezahlen kann; auch will ich, nach dem Bade mich auf mein Roß setzen und mich etwas erreiten; es ist mehr als vier Wochen her, daß ich auf kein Pferd gekommen bin, denn ich hatte nicht den Muth dazu, so lange es bei dem Wirth verpfaendet stand. Lother bezahlte den Wirth mit froehlichem Muth, und dankte ihm, daß er ihm so guetlich geborgt, rief dann seine Gesellen alle zusammen, und gab ihnen allen Geld zu Pferden, zu Ruestungen und schoenen Kleidern; badete sich, legte schoene Kleider an, und war von Herzen froehlich.

 

Das fuenfte Kapitel

Zormerin ging zu ihrem Vater und sprach zu ihm: Geliebter Herr Vater, Ihr habt so viele fremde Soeldner in der Stadt liegen, so stellt doch einmahl ein Turnieren an, ich bitte Euch darum, und versprecht dem, der den Dank verdient, ein schoenes Roß zu geben. Auf diese Weise moegt Ihr sie erproben, und wohl erfahren, was jeder unter ihnen werth ist; denn wie Ihr wißt, wird Koenig Pynart bald gegen diese Stadt ziehen, dann ist es wohl gut, daß Ihr wisset, auf welchen unter Euern Dienern Ihr Euch am besten verlassen koennt. – Liebe Tochter, antwortete der Koenig, ich wollte dieß schon sehr lange immer thun, aber Lother von Frankreich hat es jederzeit verhindert. – Waere Lother fromm und tapfer, sprach Zormerin dagegen, und waere von dem edeln Blut, dessen er sich ruehmt, so wuerde er es sicher nicht verhindern, vielmehr wuerde alle sein Trachten und Sinnen darnach stehen, oft zu turnieren und zu stechen. Ich schwoere bei dem Gott, der mich erschaffen hat, waere er auch ein Koenig ueber zehn Koenige, ich wuerde ihm dennoch nimmermehr zu Theil. Nimmer will ich mich einem Feigen vermaehlen! Der mein Gemahl wird, derselbe muß nach Euch dieses Land regieren; ein feiger, verzagter Mann, der wuerde es gegen die nahen Heiden gar uebel beschirmen! Dieß hoerte der Koenig gern von seiner Tochter; ließ auch sogleich in die Stadt ausrufen, wie er ein Stechen vor dem Pallast veranstalten lassen. Naehmlich: Sechs Bretter sollten an eben so viele Stangen aufgerichtet werden, und wer diese Bretter niederstaeche, der solle ein Roß von ihm zum Dank erhalten, das so gut als hundert Mark an Werth haette. Die Soeldner waren ueber diesen Aufruf alle sehr erfreut; Otto aber erschrack gar sehr in seinem Herzen, und fluchte mehr als hundertmahl Allen, die dazu gerathen.

Lother bereitete sich koestlich nebst allen seinen Gesellen zum Stechen; ihn duenkte, der Donnerstag, auf welchen Tag es angesetzt war, blieb gar lange aus, so ungeduldig war er zu stechen und zu turnieren. Die andern Herren und Ritter ruesteten sich auch wohl dazu; gar mancher unter ihnen duenkte sich der weidlichste zu sein, und hoffte wohl den Dank zu verdienen. Zormerin gedachte gar oft in ihrem Herzen: Ach wollte Gott es fuegen, daß Lother den Dank gewoenne, ich goennte es ihm wohl von ganzem Herzen. Oft redete sie mit ihrer getreuen Scheidechin von ihm. Koennte er den Dank verdienen, wie ich es hoffe, sprach sie, so koemmt er dann in meines Vaters Huld gar hoch, dann wuerde die Falschheit wohl ausbrechen. – Sicher, Ihr redet wahr, sagte Scheidechin; mich wollte es nie beduenken, als wenn Otto der Mann waere, fuer den er sich ausgiebt; alle sein Wesen hat ihm nie wohl angestanden, dazu ist er ein Rothkopf, die sind gewoehnlich falsch und ungetreu.

 

Das sechste Kapitel

Als der Donnerstag kam, da ging der Koenig an ein Fenster seines Pallastes, bei ihm standen andre Herren, Grafen und Ritter, wohl an zweihundert; Zormerin stand auf der andern Seite, und bei ihr wohl dreißig Jungfrauen. Sie war gar koestlich gekleidet, auf ihrem Mantel glaenzten die herrlichsten Edelgesteine, und vorn war er mit einem Karfunkel und einem schoenen Rubin befestigt. Ueber diesem Karfunkel hatte ein Jude, Nahmens Pharao wohl sieben Jahre lang gearbeitet; er gab ihn der Sybille, diese gab ihn in den Tempel, welcher Christo zu Ehren erbaut ward; Pilatus schenkte ihn dem Kaiser, daß er ihn sollte leben lassen, da Vespasian Jerusalem zerstoerte; der Kaiser gab ihn St. Clemens, dem Papst, dieser gab ihn dem Antonius, Vater der heiligen Helena. Diese fuehrte ihn nach Constantinopel und stellte ihn vor St. Sophien, da ward er zu dem Schatz gelegt. Diesen Mantel hatte Koenig Orschier aus dem Schatz genommen, und seine Tochter damit geziert, einen schoenern mochte man wohl in keinem Lande sehen; auch keine schoenere Jungfrau, als Zormerin war; sie war von so großer Schoenheit, daß sie nie ein Mann recht ansehen mochte, ohne in Liebe fuer sie zu entbrennen, so daß er sich von Stund an aus großer Liebe nicht zu rathen wußte.

Otto kam zu Zormerin, als sie mit ihrem Fraeulein Scheidechin in einem Fenster lag, dem Stechen zuzusehen. Liebe Jungfrau, sprach er, ich will hier bei Euch stehen, und dem Stechen zusehen, damit ich urtheilen kann, wem man den Dank geben mag. – Was denkt Ihr? fing Zormerin gegen ihn an; waehnet Ihr, schoene Frauen zu gewinnen mit Essen, Trinken und Schlafen, und mit mueßigem Schwaetzen? Wenn es sich denn also fuegte, daß ich Eure Gemahlin wuerde, so moechte meine Ritterschaft und die ganze Welt wohl denken, was ich fuer einen feigen unseligen Mann geheirathet habe, der nicht mit dem Schwert drein zu schlagen versteht. Um meinetwillen thut es, reitet hinaus, Ihr moechtet sonst in ein arges Geruecht kommen.

Otto mußte mit Schande von Zormerin hinunter zu dem Stechen gehen, und mußte sich Schaemens halber zu Pferde setzen.

Jedermann kam zu dem Stechen, in Begleitung von Pfeifern, Trompeten und Posaunen. So kam auch Lother mit einer Menge seiner Gesellen und Ritterschaft: er hatte auch Pfeifer, Trompeten und Posaunen, und viele Herolde und Knappen, die in Haufen neben und hinter ihnen gingen, als waere er ein großer Koenig. Wer ist, sprach Orschier, der stattliche Ritter, der mit so ansehnlichem Gefolge koemmt? – Es ist Otto von Lombardei, sprachen die Diener, der so sehr arm war; er muß den Reichthum gestohlen haben, wie kaeme er sonst dazu. – Otto wunderte sich nicht wenig, wo seinem Vetter Lother doch das Gut zu solchem Aufwand mochte hergekommen sein, und konnte deshalb seine Verwunderung nicht bergen. Maller ritt zu ihm hin, und sagte ihm: Nach Euern Gedanken mueßten wir eigentlich in großer Noth und Armuth stecken, solche Gedanken moegt Ihr aber nur fahren lassen, es sei Euch nun lieb oder leid. Wer nach Bosheit ringet, dem wird solcher Lohn! – Otto that als hoerte er nicht, was Maller ihm sagte, und ritt immer vor sich hin. Zormerin sah nach niemand, als nach Lother, er allein gefiel ihr vor allen andern; so sah auch Lother oft zu Zormerin hinauf, und wann er merkte, daß sie auf ihn sah, so ließ er lustig sein Pferd springen, und setzte ueber die Baenke mit solchem Muth und so edelm Anstand, daß alle sich darueber freuten.

Nun fing das Stechen an; wer die Bretter nicht eben traf mit dem Speer, dem schlug der Schwengel an den Helm, daß er vom Pferde fallen mußte. Dieß widerfuhr manchem, der sich sehr stattlich duenkte. Otto nahm seinen Speer unter den Arm und rannte so graeulich zu, daß er weder sah noch hoerte, denn er saß auf einem guten Roß. Da er aber nah an das Brett kam, wider welches man stechen mußte, da erschrack er so sehr, daß er das Brett nicht traf; der Speer ward ihm in der Hand herumgedreht; dicht an dem Brett war eine Pfuetze voll Mist und Unrath; da er nun das Brett nicht getroffen, sondern selber vom Schwengel getroffen wurde, so konnte sein Pferd sich nicht halten, sondern fiel mit ihm in die Pfuetze, darin ward Otto wie ein Schwein besudelt und herumgewaelzt. Maller fing an laut zu lachen. Schweig, Maller, sagte Lother, thaete das ein andrer als Du, ich wuerde es ihm nicht verzeihen. Lother war so gar treu, daß es ihm immer leid that, wenn dem Otto etwas Uebels widerfuhr, obgleich dieser gar schlecht an ihm handelte. Zormerin aber haette nicht einen Wagen voll geschlagenen Goldes dafuer genommen, daß Otto gefallen war.

Nun rannte Lother mit seinem Speer gegen das Brett, mit solcher Macht, daß der Stecken oben entzwei brach, woran das Brett hing, und dieses hinunter fiel; ebenso stach er auch die andern fuenf Bretter herab. Maria, Gottes Mutter, riefen die Ritter, wer sah je einen so starken Ritter? – Herr, sprachen die Herolde zu Koenig Orschier, gebt diesem Ritter so viel Gueter und so viel Pferde, als Ihr immer wollt, Ihr koennt ihm doch nimmer so viel geben, als er verdient. Zormerin, voller Freude, sprach zu Scheidechin: Der Rothkopf hat mich verloren! Geh, eile zu Maller, sag ihm in meinem Nahmen, sein Herr moechte in seiner Herberge heute offenen Hof halten, ich werde ihm Geld genug dazu schicken; was ich auch schicken mag, ist er dennoch mehr noch werth.

Scheidechin richtete den Auftrag an Maller aus, worauf dieser sich gar hoeflich bedankte, und sogleich zu seinem Herrn auf den Platz ritt, um ihm den Befehl der Koenigstochter zu hinterbringen. Lother berief zehen Herolde zu sich, und ließ durch diese alle Herren, sowohl Ritter als Knechte, Edelleute, Buerger und Buergerinnen, weß Alters oder Standes sie sein mochten, zu sich auf den Abend in seine Herberge einladen, um sich mit ihm und seinen Gesellen guetlich zu thun, mit Essen, Trinken und anderer Ergetzung. Da sprach einer zu dem andern: Wer hat wohl diesem Erbaermlichen so viel Geld und Gut gegeben? Es kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein; denn erst kuerzlich wollte er sein Roß aus Armuth verkaufen, und nun will er offnen Hof halten. Das ist ja eine große Hoffahrt; morgen frueh, beim Fruehstueck, wird er sich wohl aus dem Staube machen. So schwatzten die Leute; Lother aber war froehlich, und dankte Gott von ganzem Herzen, daß es ihm den Tag so gluecklich ergangen war. Zormerins Gunst war ihm mehr, denn alle das Gold, was sie ihm schickte, und seine Sorge ging nur dahin, wie er dieses seinen Gaesten wieder zu Gute kommen lassen wollte; darum sprach er zu Maller: Lieber Geselle, verlasse Dich nicht auf den Wirth allein, sorg selber, daß wir genug haben moegen. – Sorgt nicht, sprach Maller, was in der Stadt zu haben ist, das soll bei uns diesen Abend nicht fehlen; ritt hin zur Herberge, rief den Wirth Salomo. Herr Wirth, rief er, schafft Rath, denn mein Herr haelt diesen Abend hier offnen Hof, und er hat durch zehn Herolde einladen lassen: Ritter, Grafen, Herren, Buerger und Buergerinnen, alt und jung, groß und klein, und jedermann, der mit uns essen will; es darf uns also an nichts fehlen. – Das soll geschehen, lieber Herr, sprach der Wirth, bringet, wen Ihr wollet, ich will Eure Gaeste wohl bedienen. Ging darauf hinaus und bereitete das Gastmahl auf das koestlichste. – Da das Stechen vorbei war, da ritt jedermann nach Hause, um die Ruestung abzulegen, und sich alsdann zu Lother in die Herberge zu begeben.

 

Das siebente Kapitel

Koenig Orschier uebersandte dem Lother den Dank, und ließ ihn zur Tafel an seinen Hof einladen; Lother ließ ihm aber wieder entbieten, wie er es nicht wolle uebel aufnehmen, daß er nicht kommen koenne; es sei ihm dießmahl nicht gelegen, da er selber einen offenen Hof halten wolle. Darueber war der Koenig nicht wenig verwundert.

Lother begab sich in seine Herberge, wo der Gaeste so viel gekommen waren, daß sie in dem Hause nicht alle Platz fanden; sie mußten theils in den Garten sich lagern, theils saßen sie auf der Gasse vor der Herberge. Es war Wildbret und Gefluegel, und an Schuesseln mit Eßwaaren aller Art kein Mangel; dabei standen große Faesser mit Wein, sowohl weißem als rothem, woraus ein jeder so viel trinken mochte, als ihn geluestete. Es waren an demselben Tage wohl an zweihundert Menschen des Weins so voll, daß sie ihre eigene Sprache nicht reden konnten. Einer sprach da zu dem andern: Fuerwahr, er muß morgen davon laufen; der Wirth ist wohl ein Thor, ihm so viel zu borgen. Lother hoerte dieß und rief: Laßt Euch wohl sein, Ihr Freunde, und sorgt nicht fuer's Bezahlen, der gute Wirth borgt mir gern. – Ich habe eben so große Sorge fuer meine Bezahlung, sprach der Wirth, als ob ich das Geld schon in meiner Hand haette. – Da sagten sie: Ei, der Wirth ist so voll als irgend einer der Gaeste; morgen wird er ein anderes Lied singen. Die Gaeste blieben in Freuden und in Ergetzlichkeit zusammen bis Mitternacht, dann schied ein jeder von dannen. Zormerin hatte ihr Wort nicht vergessen, noch ehe es tagte, kam ein Pferd mit Gold und Silber beladen in der Herberge an. – Lieber Wirth, jetzt macht Euch bezahlt, so viel als drauf gegangen, das uebrige Geld nehmt in Eure Verwahrung; so bald es verzehrt ist, sagt es mir, daß ich Euch wieder welches verschaffe.

Des Morgens frueh zog Lother sich sauber an, nebst seinen Gefaehrten, und gingen in die Kirche. Als Zormerin ihn erblickte, pochte ihr Herz heftig. Sie bat ihren Vater, daß er den Ritter, der gestern den Dank verdiente, und so vortrefflich stach, doch zur Tafel bitten moechte, und zeigte dem Koenig den Lother, daß er derselbe sei. Da nun der Koenig zu ihm ging und ihn zur Tafel bat, da wollte Lother es nicht annehmen, und sprach: Herr Koenig, ich will nicht eher an der Tafel mit Euch sitzen, bis ich es gegen die Heiden verdient habe. Da gab Zormerin ihm die Hand, die er nahm, und both ihm einen guten Morgen, darueber ging er erfreut wieder in seine Herberge.

 

Das achte Kapitel

Vierzehn Tage hernach, da kam Koenig Hispinart von Akre wohl mit zweihunderttausend Mann, und mit ihm kamen vierzehn Koenige. Da diese Heiden in das Land kamen, da flohen die Einwohner alle zu Koenig Orschier, und schrien um Huelfe gegen die Heiden. Der Koenig erschrack, da er hoerte, daß die Heiden so nahe waeren, und ließ Otto zu sich rufen. Lother, sprach er zu ihm, heißet Eure Soeldner sich ruesten, wir muessen gegen die Heiden, Euch uebergebe ich und befehle ich mein Banner.

Otto erschrack von ganzem Herzen, doch verbarg er es, und sprach mit lachendem Munde: Herr, ich will das meinige auf's beste thun. Ging hinaus, und ließ austrompeten, daß ein jeder sich auf's beste waffne. Lother und seine Gesellen die waffneten sich sogleich auf's eilendste, und setzten Pferde und Zeug in besten Stand. Da rief Otto einen seiner Waffentraeger, zu dem sagte er: Geh zu meinem Vetter, sage ihm, es sei mir von Herzen leid, daß ich ihn erzuernet. Ich habe boesem Rath gefolgt, bin aber nun bereit, ihn um Gnade zu bitten, er solle mir nur dießmahl aus der Noth helfen. Denn Koenig Orschier hat mir sein Banner zu fuehren gegeben, in diesem großen Krieg, damit kann ich mich aber nimmer behelfen; mein Vetter vermag es besser zu thun als ich, denn er ist ein tapfrer starker Ritter, ihm kaeme es mehr zu als mir. Will er sich nun des Banners fuer mich annehmen, so will ich ihm die Jungfrau Zormerin gern ueberlassen, die mir von dem Koenige versprochen worden ist. Ich will lieber eine Frau entbehren, als daß ich diesen großen Streit fuehren sollte. – Herr, antwortete der Knappe, diese Botschaft will ich gern ausrichten; es waere sehr gut, wenn Lother sich der Sache annaehme; denn so viel ich Euch kenne, kommt Ihr zum Streit, so laßt Ihr das Banner fallen, das moechte den Christen zu gar großem Schaden gereichen. – Das ist freilich wahr, sagte Otto. – Darauf ging der Knappe von ihm zu Lother, und richtete die Botschaft gar ernstlich aus. Er nahm den Lother auf die Seite, und sprach: Euer Vetter Otto sendet mich zu Euch; er bittet Euch um Gnade, daß er Euch erzuernet, er hat hierin boesem Rath gefolgt, und es ist ihm leid. Er bittet sehr, Euch mit ihm zu versoehnen; wenn Ihr ihm verzeihen wollt, so will er seinen Fehler gegen Euch verbessern, und damit anfangen, daß er, um Euch zu ehren, Euch das Banner ueberlassen will, das der Koenig ihm uebergab, dazu will er Euch auch die schoene Zormerin lassen, die der Koenig ihm versprochen, und alle Ehre, die Ihr sonst verlangt. Pruefet diesen Vorschlag wohl, lieber Herr, ich bitte Euch freundlich darum. – Sage meinem Vetter, sprach Lother, ich habe keinen boesen Willen, besonders nicht gegen ihn; ich halte ihn fuer einen verstaendigen Mann, dazu ist er auch von edler Geburt; hat ihm nun der Koenig sein Banner befohlen, so ist es bei ihm in guten Haenden, besonders gegen die Heiden; hat ihm dann Gott eine Frau beschert, so begehre ich nicht sie ihm zu nehmen. Gott wolle ihm zu beiden viel Freude und Glueck geben; ich wuensche es ihm vom Herzen, und er thaete sehr Unrecht, wenn er nicht das Beste thun wollte, um des großen Gluecks willen. Sagt meinem Vetter dann auch noch in meinem Nahmen: Da der Koenig ihm das Banner empfohlen, so mag er wohl zusehen, daß er es nicht fallen lasse, denn wo er es fallen laeßt, so haue ich ihm den Kopf herunter, oder wenn ich zur Stunde nicht zu ihm kommen kann, so werde ich meinen Gesellen Maller schicken, daß er ihm seinen Kopf herunter haut. Diese Antwort bring meinem Vetter von mir.

Der Knappe war sehr betruebt, daß er nicht besseren Bescheid erhalten konnte; Otto aber erschrack gar erbaermlich, als er diese Botschaft vernahm. Ach ich Armer, Unseliger! rief er aus; ich sehe wohl, meine Zeit ist nun gekommen, ich muß streiten wider meinen Willen, und muß noch dazu der Vorderste sein, und die Andern anfuehren, wiewohl ich lieber der Hinterste waere! –

Der Koenig setzte sich auf sein Pferd, nahm das Banner in seine Hand und uebergab es Otten; dieser nahm es, und ritt hinaus, wohl mit dreißigtausend Christen. Lother ritt ihm zunaechst; er trug auf seinem Helm einen seidenen Aermel mit Gold gestickt, und mit goldnen Spangen, den hatte ihm Zormerin gegeben. Sie ging auf einen Thurm, wo sie dem Streit zusehen konnte; Lothern kannte sie wohl an dem Aermel, und bat Gott von ganzem Herzen, daß Otto doch nicht wieder kaeme.

Da die Heiden sahen, wie das Heer der Christen gegen sie zog, da stellten sie sich in Schlachtordnung, und ein Schreckliches Schlagen begann; sie hieben entsetzlich auf die Christen ein, und schlugen was ihnen vorkam. Als Otto sah, daß die Heiden so gar graeulich stritten, da ließ er vor Schrecken das Banner fallen, und sprach zu seinen Leuten: Liebe Gesellen, ich bleibe nicht laenger hier, ich will heim reiten in die Lombardei, denn ich trage große Sorge, die Heiden moechten mich noch hier erschlagen. Ich moecht' nicht hier bleiben, und wollt' Koenig Orschier auch noch ein Koenigreich zu dem seinigen geben. – Gott verdamme Euch riefen seine Gesellen ihm nach, Ihr schaendet alle Lombarden: darum moeget Ihr nur allein reiten; wer einen boesen Herrn verlaeßt, den mag Gott segnen. Koenig Pynart kam wohl mit zehntausend Heiden von der Seite her, wo Otto entfloh; da er sie so gegen sich kommen sah, rief er mit lauter Stimme und mit aufgehobenen Haenden: Toedtet mich nicht, Ihr Herren, ich will gern Gott verlaeugnen, und will an Mahom glauben.

Da ward er gefangen und in ein Zelt gefuehrt, und Koenig Pynart begonn wieder frischlich zu streiten. Die Christen waren bestuerzt, daß ihr Panier gefallen war. O weh mir! rief Koenig Orschier; verflucht sei die Stunde, wo ich diesen Lother an meinem Hof empfing, und ihm so traute, er hat heute als ein falscher Boesewicht an mir gehandelt. Die Heiden waren gar froehlich; denn wann ein Panier gefallen ist, so ist die Gegenparthei desto froehlicher. Koenig Orschier stritt auch tapfer; als er aber zu tief in den Streit gerieth, da kam der heidnische Koenig Helding und stach ihn vom Pferde; alsobald umringten ihn die Heiden, und fuehrten ihn gefangen hinweg. Als die Christen ihren Koenig gefangen sahen, da hielten sie sich gar uebel, was auch nicht Wunder zu nehmen ist; ein Heer mag wohl erschrecken, das sein Banner, und dann auch seinen Koenig verloren hat.

Lother focht kuehnlich, und schlug sich tief in das Heer der Heiden, Maller und die uebrigen Gesellen fehlten auch nicht; da erblickte Lother das Panier, das auf der Erde lag. Maller, lieber Geselle, rief er, nun schlage frisch zu daß ich absteigen und das Panier aufheben moege. Da schlugen die zween so graeulich um sich, bis sie einen Kreis um das Panier frei machten; da stieg Lother ab, ergriff das Panier und ließ es hoch in der Luft wehen; es war aber ganz beschmutzt und zerrissen worden unter den Pferden. Er gab es dem Maller, und sagte: Hier, hebe es hoch in die Hoehe; das that Maller, deß freute sich das Christenheer, und fing wieder mit frischem Muth zu kaempfen an. – Maria, Gottes Mutter, rief Zormerin, beschuetze meinen Geliebten, er ist der tapferste Mann, der je auf ein Pferd gesessen.

Lother stritt so lange, bis er kam zu Koenig Pynarts Banner, da sah er eben, wie vier Heiden den Koenig Orschier gefangen fortfuehrten, der heiß weinte. Lother eilte sogleich hinzu, erschlug die vier Heiden, ergriff eins ihrer Pferde und reichte es dem Koenig Orschier. Lieber Herr, rief er ihm zu, sitzt geschwind auf und sehet, daß Ihr tapfer streitet. Freund, erwiederte Orschier, Du hast mich heute von dem Tode errettet, Dir will ich meine Tochter geben, dazu auch mein Koenigreich; Lother von Frankreich hat mich verrathen, gar boeslich, er soll meine Tochter nimmer haben. Hiermit ritt er eilends wieder in den Streit, da brachte ihm Maller das Panier. Maria, Gottes Mutter, rief er, wer mag der Mann sein, der das Panier wieder aufgerichtet hat? – Herr, sprachen die Diener, das hat derselbe gethan, der Euch auch aus der Gefangenschaft erloeste, er hat heiß darum gearbeitet. Auf meine Treue, sprach der Koenig, das will ich ihm wohl lohnen, ich will ihm meine Tochter geben, und nach meinem Tode mein Reich; ist es nicht ein Jammer, Ihr Freunde, daß mich der so betrogen, dem ich so viel getrauet? Waere dieser fromme Ritter nicht gewesen, so waeren wir jetzt alle von den Heiden erschlagen.

Zormerin folgte dem Lother mit den Augen, denn sie erkannte ihn vor allen an dem Aermel auf seinem Helm. Da sah sie, wie wohl zehntausend Heiden ihn umringten, und sein Pferd erstachen; sie sah ihn fallen, und sah ihn nicht wieder aufsitzen, auch niemand, der ihm zu Huelfe kaeme, sodaß er mit Gewalt gefangen ward. Als Zormerin dieß sah, ergriff sie ein Messer und wollte sich dasselbe ins Herz stoßen; aber Scheidechin hielt sie, und sprach: Liebe Jungfrau, besinnt Euch, und bittet Gott Eure Sinne zu behueten. – Scheidechin, rief Zormerin, ich habe gesehen, daß die Heiden den Prinzen von Frankreich niedergestossen haben, und niemand koemmt ihm zu Huelfe, haben die Heiden ihn erschlagen, so will ich auch nicht laenger leben. Hiermit wollte sie von den Zinnen hinunter springen, aber ein Ritter erhaschte sie, und hielt sie. Liebe Jungfrau, sprach er, sie zu troesten, haltet Euch wohl, Euer Vater ist nicht erschlagen.

 

Das neunte Kapitel

Maller suchte seinen Herrn auf dem ganzen Schlachtfelde; da er ihn nirgend fand, ritt er zu Koenig Orschier: Herr Koenig, wo ist mein Herr und Meister? – Auf meine Treu, sagte Orschier, ich weiß nichts von ihm. – Du falscher Koenig, so verdankst Du dem, der Dich erloeste aus der Heiden Hand? Du hast verloren den Besten, der irgend im Lande zu finden ist, denn wisse, er ist Lother von Frankreich, denn nun kann ich es Dir nicht laenger verschweigen, auch denke ich, das Jahr ist nun wohl um. Otto von Lombardei hat Dich betrogen; mit glatten Worten hatte er meinen Herrn beredet, dessen Nahmen mit dem seinigen zu verwechseln. Nun wohl, Ihr Herren, rief Orschier, laßt uns alsbald Lothern suchen: alles was ich habe, moechte ich hingeben, nur ihn nicht verlieren. Da ritten sie allesammt hinaus, Lothern zu suchen, konnten ihn aber nicht finden; darueber der Koenig und die ganze Ritterschaft sich sehr betruebten, denn alle seine Gesellen liebten ihn, besonders aber Maller, dieser waere beinah unsinnig geworden vor großem Schmerz.

Als die Nacht einbrach, zog Koenig Orschier wieder ein in Konstantinopel, da kam Zormerin ihm entgegen. O Vater, redete sie ihn an, Ihr moeget Euch betrueben, daß Ihr den habt zurueckgelassen, der Euch von den Heiden erloeste; Ihr wißt nicht, wer er ist. – Ich weiß es, meine Tochter, sprach Orschier; Otto, der Rothkopf, der hat mich und Dich schaendlich betrogen, und haette dazu seinen Vetter gern in Schande gebracht. Gott wolle mir Lother behueten, und wolle verhindern, daß Otto nimmermehr wieder herkaeme. Zormerin weinte heftig, als sie ihren Vater so sprechen hoerte. Sie gingen darauf alle zu Tisch, Zormerin aber und Maller, die konnten Beide vor großem Leid nicht essen. Als nun die Tafel aufgehoben war, und jedermann sich in sein Zimmer begab, ging auch Zormerin in ihre Kammer und ließ Maller zu sich rufen. Da saßen sie Beide die ganze Nacht zusammen, klagten und weinten um ihren Herren. Weh mir, rief Zormerin, ohne meinen Geliebten mag ich laenger nicht leben! – Jungfrau, sprach Maller, hoert mich, ich will morgen frueh mein Leben wagen, um meinen Herrn zu suchen; ich weiß der Heiden Weise sehr wohl nachzuahmen, ich werde unter sie gehen, daß sie mich fuer einen der Ihrigen Halten, dort will ich hoeren, ob mein Herr lebt oder todt ist. – Des Morgens, da es anfing zu tagen, beurlaubte er sich von Zormerin, und ging in seine Herberge und rief die Gesellen zusammen. – Ihr Freunde, legt Eure Ruestung an, ich reite hinaus zu den Heiden, und nimmer will ich wieder kommen, ich habe dann Nachricht von meinem Herrn. Ihr kennt mein Hoernchen wohl, sprach er ferner zu ihnen, ich will Euch in einen Busch fuehren, dort sollt Ihr meiner warten; wann Ihr mich nun blasen hoeret, dann kommt mir schnell zu Huelfe. – Das thun wir mit Freuden, riefen die Gesellen, bereiteten sich dann eilends, und ruesteten sich.

Maller rieb sein Angesicht mit Kraeutern, die er wohl kannte, davon wurde seine Farbe ganz veraendert; darauf ritt er mit den Gesellen aus der Stadt hinaus. Als sie an den Busch kamen, da bat Maller sie, daß sie hier auf ihn warten sollten. Ich reite hin in das Heidenlager, sprach er, dort zu erfahren, ob mein Herr lebt oder todt ist; und lebt er noch, so wißt, ich will ihn befreien, und sollt' ich darueber mein Leben einbueßen. – Lieber Maller, riefen sie alle einstimmig, wir wollen Euren Wink hier erwarten; und zweifelt nicht, kommt es dazu, so wollen wir getreulich arbeiten, daß Ihr uns sollt Dank wissen; jeder von uns soll Zwei werth sein. – Gesellen, sprach Maller, dieß danke ich Euch freundlichst. Damit ritt er dem Lager zu, und befahl sich Gott und der Jungfrau Maria, seiner Mutter. Er dachte hin und her, wie er es anstellen wollte, um Nachrichten von Lother zu erfahren, als ein Haufen Heiden zu ihm stieß, die von der Fuetterung kamen. Er hatte sein Gesicht und Haende so gefaerbt, kannte auch die Sprache und die Geberden der Heiden sehr wohl, und ahmte sie so natuerlich nach, daß sie ihn alle fuer einen der Ihrigen hielten. So ritt er mitten unter ihnen ins Lager hinein. Er fragte nach Koenig Pynarts Zelt; als man es ihm gezeigt, da sprang er ab von seinem Pferde, und ging geradezu hinein in das Zelt zum Koenige. Mahomet, sprach er, der alle Dinge erschaffen hat, der wolle meinen Vetter, den Koenig Pynart behueten, und wolle Koenig Orschier nebst allen Christen verdammen. Vetter, ich bin Koenig Glorians, Deines Bruders Sohn; mein Vater hat mich zu Dir hergeschickt mit zwanzigtausend Gewaffneten, Dir zu helfen. Aber Koenig Orschier und sein Heer sind im Walde ueber mich gekommen und haben meine Gesellen alle erschlagen. Mit großer Noth bin ich ihnen entkommen; willst Du mich nun nicht an ihnen raechen, so will ich mich selber toedten. Damit schlug er sich selber ins Gesicht, zerraufte sein Haar und trieb so großen Jammer, daß die Heiden sich seiner erbarmten. Lieber Neffe, sprach Koenig Pynart, fasset Euch; saget mir, wie geht es meinem Bruder? Ihr seid sicher mein rechter Neffe, ich weiß wohl, daß mein Bruder einen schoenen Sohn von Eurem Alter haben muß. – Vetter, es geht meinem Vater, Eurem Bruder, sehr wohl, er laeßt Euch durch mich auf's schoenste grueßen; auch bitt' ich Euch freundlich, daß Ihr mich wollet zum Ritter schlagen, wornach mich von ganzem Herzen verlangt. Mein Vater hat mich auch mit darum zu Euch geschickt, daß Ihr mich moegt zum Ritter schlagen. Ach lieber Vetter, raechet mich doch auch an dem boesen Schalk Maller, der mir viel Schaden zugefuegt hat, und der nur darauf lauert, wie er Euch moege Schaden zufuegen. – Lieber Neffe, ich geh' nicht eher weg von Konstantinopel, ich habe dann die Stadt gewonnen; dann wollen wir die Christen alle verbrennen, Maller aber in den Wind haengen. – Ach Vetter, ich kann meinen erlittenen Schaden nicht vergessen. – Du sollst ihn gar bald vergessen; ich habe wohl achtzig Christen in meiner Gefangenschaft, an diesen sollst Du Dich wohl raechen. –

Maller fiel auf seine Knie und rief: Edler Koenig, so gib mir nur sogleich diese Christen, daß ich mich an ihnen raeche! – Recht gern, mein lieber Neffe, Du sollst sie haben, und kannst mit ihnen machen, was Dir gefaellt; meinethalben schinde sie und brate sie; vorher aber will ich Dich zum Ritter schlagen. Da schlug Koenig Pynart den Maller zum Ritter nach heidnischer Art. Dann stand Maller auf, ergriff seine Lanze, und nachdem er sie wohl vier bis fuenfmahl sich um den Kopf geschwungen, warf er sie so weit, daß man sie mit den Augen nicht erreichen konnte. Fuerwahr, sprachen die Heiden, das ist ein wackrer Geselle; wenn unser Koenig Pynart stirbt, so wollen wir diesen zu unserm Koenig erwaehlen. – Mein Neffe, sagte der Koenig, helfe mir Mahomet, wenn ich Konstantinopel gewinne, so will ich Dich zum Koenig machen ueber dieß ganze Land, und ich will Zormerin zum Weibe nehmen. Ich habe bei dem Koenig Orschier schon um sie angehalten, aber der Lecker versagte sie mir, darum will ich sie mir selber nehmen; Koenig Orschier will ich als einen Dieb in den Wind haengen, und die Gefangenen sollst Du haben. Da schickte Koenig Pynart hin, daß man die Gefangenen vor ihn fuehren solle; sie wurden auch alsbald hergefuehrt. Lother war darunter; da Maller ihn erblickte, ward ihm froehlicher zu Muth, als haette er ein Koenigreich gewonnen; er zog sein Schwert heraus und schlug einem gefangenen Lombarden den Kopf herunter, so machte er es dem zweiten Lombarden und so dem dritten. Otto war auch dabei; als dieser sah, wie Maller den Lombarden mitspielte, rief er ueberlaut: Edler Koenig Pynart, ich will gern Gott verlaeugnen und will an Mahomet glauben! Da ergriff ihn Maller und wollte ihn eben wie die andern toedten; Koenig Helding rief ihm aber zu, er solle diesen leben lassen. Er will an Mahomet glauben, sprach er, darum darfst Du ihn nicht toedten; auch ist er mein Gefangener, er hat sich mir ergeben. – Bei Mahomet, rief Maller, desto eher muß er sterben; ein schlechter Christ wird nimmer ein guter Heide. – Nein, sprach Koenig Helding, erst muß man ihn pruefen, er muß auf das Kreuz treten, Christum zu verhoehnen, dann wollen wir ihn beschneiden. – Neffe, sprach Pynart, erzuernt den Koenig Helding nicht, er ist gekommen mir zu Huelfe mit wohl hunderttausend Mann. – Lieber Oheim, sagte Maller, ich bin gar sehr bekuemmert, daß ich den Schalk soll davon kommen lassen; verflucht sei die Mutter, die ihn getragen hat! – Die Heiden aber waren einstimmig der Meinung, Otto muesse leben bleiben, weil er an Mahomet glauben wollte.

Da ging Maller auf Lother zu und ruckte ihn bei einem Arm, so daß er zur Erde fiel, dann gab er ihm noch einige harte Streiche ueber den Nacken. Lother sprang wieder auf, und schlug in seinem Muth so hart auf Maller ein, daß er ihm zween Zaehne ausschlug und ihm das Blut aus Mund und Nase stoß. Da fiel Maller vor Koenig Pynart und rief: O edler Koenig, laßt mich diesen Schalk aufhaengen, der mich so uebel zugerichtet! – Thu mit ihm was dir gefaellt, sagte Pynart. – Einen Galgen will ich aufrichten lassen, sprach Maller, gegen Konstantinopel zu, da sollen die Christen zusehen, wie ich ihn daran haengen will. Ergreift ihn sogleich und fuehrt ihn hinaus! – Da ward Lother gar erbaermlich ergriffen und gebunden, und ein Strick um seinen Hals geworfen. Da rief Lother zu Gott von ganzem Herzen, daß er seiner Seele gnaedig sein moege.

Der Galgen ward auf den Bergen gegen Konstantinopel zu aufgerichtet, obgleich Koenig Helding meinte, es waere nicht gut gethan. Wenn die Christen, sagte er, es sehen, denn sie haben alle Baeume von dieser Seite abgehauen, um alles zu sehen, was wir thun, so koennen sie uns leicht ueberfallen und einen Schrecken verursachen. Maller aber blieb dabei, die Christen sollten eben zusehen muessen, wie Lother gehaengt werde. Als die Gesellen in dem Busch den Galgen aufrichten sahen, da baten sie flehentlich zu Gott, es moege Lother und Maller kein Unglueck bedeuten, und es moege Maller sein Unternehmen gluecken; setzten sich auch sogleich auf ihre Rosse, denn sie dachten wohl, es muesse nun bald etwas setzen, um sogleich in Bereitschaft zu sein, wenn sie Maller auf seinem Horn wuerden blasen hoeren; und nun standen sie alle fertig und willig zum Streit.

Maller fuehrte Lothern gebunden zum Galgen, und viele Heiden mit ihm. Lother seufzte tief und sagte: Ach Zormerin, ach Maller, Du treuer Geselle, ich sehe Euch nie wieder, Gott dem Allmaechtigen empfehle ich Euch! – Da rief Maller in seinem Herzen zu Gott, daß er ihm zu Huelfe kommen moege, denn er sah sich allein, von den Heiden umringt, und wußte nicht, wie er es anfangen wuerde, seinen Herrn zu retten. Als sie unter den Galgen gekommen waren, da rief Lother Gott von ganzem Herzen an, daß er seiner Seele moege barmherzig sein. Dann rief er: Vater, wueßtet Ihr, wie hart es mir geht, es wuerde Euch doch wohl erbarmen. Lebt wohl, Zormerin, geliebte Jungfrau, treuer Geselle mein, nie sehe ich Euch Beide mehr, die ich sehr liebte. Ach Maller, wueßtest Du, wie man mich hier haengen will, ich weiß gewiß, Du kaemest mir zu Huelfe. Aber ich habe dich verloren, und auch Dich, schone Zormerin; der Galgen wird schon aufgerichtet, und nimmer seh ich Euch wieder!

Hoere, Du Schalk, sprach Maller, willst Du Deinen Glauben verlaeugnen, und an Mahom glauben, so sollst Du leben. – Nimmermehr, sprach Lother; fuehrt mich zum Galgen, und laßt mich nur noch so lange leben, daß ich mein Gebet verrichte. – Du Unseliger, fing Maller wieder an, willst Du Deinen Glauben nicht verlaeugnen? – Nimmermehr! – Lother weinte heiß, da er gefuehrt ward. Maller that es tief in der Seele wehe, da er ihn weinen sah. Laßt ihn los, sagte er zu denen, die ihn hielten, laßt ihn frei stehen, waehrend er betet. Da fiel Lother auf seine Kniee, und als Maller ihm noch einmahl zurief, seinen Glauben zu verlaeugnen, da hob er an mit lauter Stimme: Ewiger Gott Vater, wer Dich verlaeugnet, wer an Dich nicht glaubt, der ist kein Biedermann. Du hast Himmel und Erde geschaffen, dann gebar Dich die Mutter, die reine Magd, Du Gott und Mensch, und Du hast die Milch ihrer Brust gesogen. O Maria, Gottes Mutter, Du sahest Deinen Sohn auf den Berg Calvari fuehren, wo er die Marter litt um unsrer Versoehnung willen, und als er am Kreuze starb, da ward die Sonne verfinstert, und die Erde spaltete sich. Du erstandest am dritten Tage, und fuhrest zum Himmel, und schicktest Deinen Juengern Deinen heiligen Geist. Hernach holtest Du Deine liebe Mutter, und kroentest sie im ewigen Leben. Ewiger Gott, so wahr ich dieses glaube, so wolltest Du mir heute barmherzig sein, und meine Seele in Deinen goettlichen Schutz nehmen. Hiermit stand Lother auf, und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes ueber sich. Waehrend er gebetet, hatte Maller auf seinem Horn geblasen, und sah nun die Gesellen wohlgeruestet herzureiten. Da eilte er auf Lother zu, als dieser eben von seinen Knieen aufstand, band ihm die Augen auf, und sprach eilig: Erkennt mich, Herr, ich bin Maller, Euer Geselle; hier nehmt diesen Ring, Zormerin sendet ihn Euch, sie trauert sehr um Euch. Damit schlug er einen Heiden den Kopf herunter, nahm dessen Schwert, und gab es Lothern. Hier, Herr, nehmt das Schwert, wehrt Euch! Da schlugen sie Beide kuehn um sich her alles nieder, was vor ihnen war. Die Heiden, da sie sich von Mallern betrogen sahen, liefen sie hinzu, sich zu wehren; unterdessen kamen auch die andern Gesellen aus dem Busch herzu und fuehrten zwei gute Pferde, Lother und Maller saßen schnell auf, und indem sie bald sich umwendeten und auf die Heiden schlugen, eilten sie gegen Konstantinopel zu; die Heiden verfolgten sie hart. Koenig Orschier stand auf der Mauer, und sah das graeuliche Jagen auf dem Felde, da sprach er: Ich hoffe, es ist Maller, der den Lother zurueckbringt; wohlauf, Gesellen, daß wir ihnen zu Huelfe kommen! Da blies er auf seinem Horn, alles ruestete sich, und ritt mit ihm aus der Stadt, und nun fing ein gewaltiges Streiten an. Da Orschier Lothern erkannte, freuete er sich, ritt zu ihm hin, und fragte ihn: wie er aus der Gefangenschaft erloeset sei? Das sage ich Euch ein andermal, sprach Lother, jetzt ist es Zeit zu streiten. Damit eilte er in den Grund, zog einem Todten den Harnisch ab, ruestete sich damit, auch mit einem Helm und uebrigem Zeug, und schlug tapfer auf die Heiden, die sich stark wehrten. Einer ritt hin zu dem Graben, und rief der Prinzessin zu, die auf dem Thurm dem Streit zusah: Lother waere am Leben, und frei. Da dankte sie Gott mit heißen Zaehren, und bat die Jungfrau um fernem Schutz fuer den Geliebten. Der Streit war heiß; Koenig Helding rannte wider Maller, ward aber von ihm vom Pferde herabgestochen; Mallers Pferd fiel auch, sie standen aber Beide wieder auf, und Helding begab sich zurueck. Heute will ich die Christen vertilgen! rief Koenig Pynart. Haettet Ihr Lother und Maller, sprachen seine Diener, so moechtet Ihr die Christen wohl ueberwinden. – Diese Beiden aber schlugen so kuehnlich, daß Keiner gegen sie zu stechen vermochte. Koenig Pynart kam auf Maller los, den er an seinem Schild wohl erkannte. Boesewicht, rief er, falscher Verraether, daß Du gehangen waerst. Wie durftest Du Schelm es wagen, mich Vetter zu nennen? – Lieber Herr Vetter, sprach Maller wieder, die Vetterschaft verlaeugne ich nimmer. Da rannte Pynart mit seinem Speer gegen ihn und wollte ihn vom Pferde stechen, Maller aber traf ihn mit seinem Speer so hart, daß er ihn durch den Leib stach, davon er vor großem Schmerz auf die Erde fiel. Koenig Helding kam dem Pynart zu Huelfe, sonst haette Maller ihn vollends getoedtet. Vetter, rief Maller, ich will Gott ewig fuer den bitten, der Euch vom Pferde stach. – Ach weh mir, sagte Koenig Pynart, was habe ich fuer eine boese Verwandtschaft gefunden! – Darauf ward er in sein Zelt zurueckgetragen, wo er den Otto nicht mehr fand. Dieser war entflohen, und nach der Lombardei zurueck gelaufen.

Als er heim kam, da fand er den Koenig, seinen Vater,, todt. Das Volk empfing ihn als seinen rechtmaeßigen Herrn, und er ward zum Koenige gekroent. Er that nachmahls seinem Vetter noch vieles Leid, wie man hernach erfahren wird. Er bedachte wenig die große Ehre, die ihm in Lothers Namen widerfahren war, auch daß dieser ihn nie Uebels gethan, obgleich er ihn gar vieles Uebel zugefuegt. Dennoch haßte er den Lother und goennte ihm nie etwas Gutes; schwur auch einen Eid bei Gott, daß, koennte er Lother und Maller einen Schaden thun, er es nie unterlassen wolle. Er hielt auch seinen Schwur, wie man hernach hoeren wird.

Da es nun spaet wurde, da zog Koenig Orschier mit seinem Volke wieder in die Stadt Konstantinopel ein. Als Zormerin das Heer kommen sah, ging sie ihrem Vater entgegen vor dem Pallast; da sie Lothern erblickte, da erschrack sie vor Liebe so sehr, daß sie nicht ein Wort sprechen konnte. Lother, sprach der Koenig, ich gebe Euch meine Tochter, die hier steht. – Herr, das danke ich Euch gar herzlich, antwortete Lother, und weil Ihr sie mir nun gegeben habt, so erlaubt, daß ich sie umarme. Ging darauf zu ihr, umarmte sie und kueßte sie mit großer Wonne. Nahm sie dann in seine Arme und sprach: Geliebte Frau, danket meinem Gesellen Maller, der hat mich erloest von den Heiden. Er hat um meinetwillen gethan, was nie ein Mann um des andern willen je that. Geliebter Herr, sprach Zormerin, waeret Ihr gestorben, kein groeßer Leid koennte mir nie geschehen.

Darauf gingen sie allesammt in den Saal, und jeder legte seine Waffen ab und saßen nieder an den Tisch. Orschier ließ Lother neben Zormerin sitzen, und seinen Gesellen Maller bei ihm, da sie gegessen hatten, da fing Maller an zu erzaehlen, wie er den Koenig Pynart ueberredet haette, er sei sein Vetter, und alles was ihm auf dem Zuge begegnet, Wort fuer Wort. Darueber fing Koenig Orschier an zu lachen und alles Volk lachte sehr.

 

Das zehnte Kapitel

Die Belagerung von Konstantinopel dauerte wohl schon an zwei Jahre, waehrend denen es manchen Streit und manchen Sturm gab, worin viel gute Maenner, sowohl Ritter als Knechte, ihr Leben ließen. Lother und Maller verhielten sich so kuehn und tapfer und fromm, daß sie viel Ehre erwarben und jedermann sie lieb gewann. Oft rannten sie beide heimlich, allein von ihren Gesellen und Rittern begleitet, hinaus in das feindliche Lager, und thaten da den Heiden großen Schaden. Die Heiden hatten mehr Schaden durch Lother und Maller, als von allen andern Soeldnern zusammengenommen. Darum bedauerten sie es immer mehr, daß ihnen die Beiden aus den Haenden gegangen waren, da sie sie schon in ihrer Gefangenschaft hatten; schwuren auch bei Mahomet, weder Lother noch Maller ueber Nacht leben zu lassen, wenn sie einen von ihnen erhaschen koennten.

Zormerin war aber sehr aengstlich, daß Lother so oft hinausritt. Sie bat ihn gar freundlich, er moechte sich doch nicht so sehr gegen die Heiden wagen; sie toedten Euch gewiß, sprach sie, denn sie hassen Euch und Maller mehr als die andern Alle. – Gott wird mich beschuetzen, geliebte Zormerin, sprach Lother; ich bin hier, um Abentheuer zu suchen, so muß ich sie denn auch nicht vermeiden; soll ich mich nicht an den falschen Heiden raechen? – Ich wuenschte, sagte Zormerin, daß Ihr es um meinetwillen ließet, mir zu Liebe. – Geliebte Frau, um Eurentwillen will ich alle Unthat lassen, aber jede ehrliche That vollbringen.

 

Das elfte Kapitel

Nach drei Monathen, als Koenig Pynart von seinen wieder genesen war, da kam seine Tochter Synoglar und brachte wohl noch fuenfzehntausend Gewaffnete in ihrem Gefolge. Synoglar war die schoenste Heidin ihrer Zeit; Pynart war voller Freude, als er sie sah, er lief auf sie zu, herzte und kueßte sie, und dankte ihr vielfaeltig, daß sie ihm zur Huelfe kaeme. Liebe Tochter, sprach er, laengst schon haette ich Konstantinopel gewonnen, waere nicht ein junger Ritter darin, er heißt Lother, des Koenigs Sohn von Frankreich. Einen schoenern Juengling giebt es nirgend; wollte er seinen Gott verlaeugnen und an Mahomet glauben, so gaebe ich ihn Dir zum Gemahl. Er ist der schoenste und dabei der tapferste Mann, der je auf ein Pferd gesessen, er hat mich zwoelfmahl niedergeworfen; haette ich ihn in meiner Gewalt, ich ließe ihn nicht eher, und draengte ihn so lange, er mueßte an Mahomet glauben, dann wuerdest Du sein Weib. – Von dieser Rede ward Synoglar in Liebe entbrannt gegen Lother. Sie dachte in ihrem Herzen: nimmer werde ich wieder froh, ich habe dann Lother von Frankreich gesehen.

Koenig Helding stand dabei und hoerte die Reden des Koenigs Pynart. Er liebte die Prinzessin schon seit langer Zeit, und Pynart hatte sie ihm jederzeit versprochen, darum trat er jetzt vor und sagte: Edler Koenig, ich habe Euch hunderttausend Mann gebracht, sie sind auf meine Kosten in Euerm Dienst, und will Euch auch nicht verlassen, bis wir die Stadt eingenommen. Das geschieht um Eurer Tochter willen, die Ihr mir zugesagt habt; wenn ich aber weiß, daß Ihr sie mir nicht geben wollt, so wollte ich morgen des Tages mit meiner Mannschaft aufbrechen, wieder heim in mein Land zu reiten. – Bei Mahomet, antwortete Pynart, lieber Helding, das hatte ich ganz vergessen; wohlan, koennt Ihr mir Lother und Maller in meine Haende geben, so sollt Ihr meine Tochter haben. Koenig Helding sagte ihm dieses zu; ihm waere aber besser gewesen, er haette dieß nicht gethan.

Ich habe etwas erdacht, sprach Synoglar, wodurch Ihr sicher einen von den beiden in Eure Hand bekommt, ehe noch die Sonne untergehet. – O sagt mir das, sprach Helding, denn ich will nie Ruhe haben, bis ich es ausgefuehrt. – So waffnet Euch, sprach Synoglar, setzt Euch zu Pferd, nehmt Eure Lanze und laßt mich geschmueckt und reich geziert, wie es einer Koenigstochter zukoemmt, auf einem andern Pferd Euch zur Seite reiten. So wollen wir hin zu den Graben an der Mauer. Ist Lother nun so ein Held, als mein Vater von ihm ruehmet, und er sieht Euch mit mir freundlich zusammen sprechen, so koemmt er sicherlich heraus, denn schoene Jungfrauen pflegt man gern zu sehen, und wessen Mannes Herz zu schoenen Frauen nicht Liebe hat, der ist wohl nimmer ein Held im Streite. Bei Mahomet, ich weiß gewiß, wenn Lother mich so schoen und trefflich geschmueckt erblickt, so koemmt er sicher heraus, und sollte es sein Leben kosten. Wenn Ihr dann gegen ihn streitet, so will ich Euch mit meinem Dolch wohl zu Huelfe kommen und ihn damit in den Ruecken stechen, bis wir ihn ueberwunden haben. – Wenn Ihr mir helfen wollt, sprach Koenig Helding, so gehe ich mit Euch bis in den Tod. Ich gehe jetzt mich zu waffnen, geht auch Ihr und bereitet Euch.

Als er geruestet war, und Synoglar koeniglich geschmueckt, da ritten sie hinaus aus dem Lager auf einen Huegel, einen Bogenschuß weit von der Stadt, und als sie sich auf diesem Huegel umsahen und niemand im Thale erblickten, da ritten sie ganz nahe zur Stadtmauer hin. Nun sehet zu, sagte Helding zu Synoglar, daß Ihr den Dolch nicht vergesset, wenn ich in's Gedraenge mit Lother komme. Er wird herreiten zu uns, sobald er Euch gewahr wird, deß bin ich gewiß, denn einen kuehnern Ritter gab es nie und nie einen schoenern Juengling. Euer Vater hatte ihn gefangen, da erloeste ihn Maller, sein Geselle, mit großer List. Waere er nicht so hinweg gekommen, so haette Euer Vater ihn dennoch nicht getoedtet, sondern ihn an seinem Hof behalten, um seiner Schoenheit und Tapferkeit willen. Als Synoglar den Ritter so von seinem Feind ruehmen hoerte, da gewann sie ihn im Herzen immer lieber. Ach dachte sie in ihrem Sinn, moechte doch der Juengling erst herauskommen, und gewiß kommt er, da er so ein gar kuehner Held ist; wenn er dann Helding ueberwunden hat, so will ich mit ihm gehen, will Mahomet verlaeugnen und will der Christen Glauben annehmen. Wie koennte mir wohl ein besserer Mann, ein schoeneres Glueck werden als mit diesem Helden. Helding meint, ich sollte ihm helfen; aber verflucht will ich sein, wenn ich meine Hand gegen den schoenen Juengling aufhebe! – Woran denkt Ihr, schoenes Fraeulein? fragte Helding. – Laßt uns nun, sagte Synoglar, nahe zur Mauer hinreiten, dort ruft mit lauter Stimme, Ihr habet Eure Liebste hier, waere Lother von Frankreich der tapfre Ritter, so kaeme er heraus, sie Euch abzugewinnen. Vergesset Euer Messer nicht, sagte Helding. – Sorgt nicht dafuer, antwortete Synoglar.

Da rief Helding mit lauter Stimme: Wo bist Du, Koenig Karls Sohn? Komme heraus, gewinne mir meine schoene Liebste ab! – Die auf der Mauer waren, die gingen es dem Lother zu sagen. Er stieg auf die Mauer und sah den Heidenkoenig mit der schoenen Jungfrau. Lother von Frankreich, rief Helding, komme heraus, eine Lanze mit mir zu brechen, wenn Du Muth hast, um dieser schoenen Jungfrau willen! – Wer ist die Schoene, fragte Lother, die so koestlich geschmueckt ist? – Sie ist Koenig Pynarts Tochter; ihr Vater hat sie mir gelobt, aber ich darf sie nicht eher zu meiner Hausfrau nehmen, das habe ich ihrem Vater versprochen, bis ich Dich, oder Deinen Gesellen Maller erschlagen habe. Darum bin ich hergekommen, daß ich mit Dir kaempfe, Leib gegen Leib, wenn Du anders so kuehn bist, es gegen mich zu wagen. – Erwarte mich hier, antwortete Lother, ich will mich waffnen. – So spute Dich, rief Helding.

Lother ging eilends nach dem Pallast, hier fand er Koenig Orschier und Maller. Er legte ihnen die Sache vor, wie der Heide gekommen sei, mit ihm eine Lanze zu brechen, und wie er es angenommen habe. Das ist mir leid, rief Orschier erschrocken. – Herr, sagte Maller, ich will hinaus und mit ihm fechten; es ist nicht gut, daß Ihr hinausgeht. – Das leide ich nimmermehr, sprach Lother, bringe meinen Harnisch her, und helfe ihn mir anlegen. Zormerin, die es erfuhr, kam herzu eilends, und weinte sehr. Sie bat Lothern mit freundlichen Worten, daß er doch nicht hinaus reiten moechte; Lother aber ließ sich auch von ihr nicht abhalten, sondern nahm von ihnen Urlaub, und ritt hinaus vor die Stadt.

Als Helding ihn kommen sah, sprach er zu Synoglar: Nun sehet den, der Euch wohl verhaßt sein darf. Dieß ist der Lother von Frankreich, der Euern Vater zwoelfmahl im Streite hat ueberwunden, und ihm viel der Mannschaft erschlagen hat; ich bitte Euch, Fraeulein, Ihr moeget des Dolches nicht vergessen, wenn ich in's Gedraenge mit ihm komme. – Koenig Orschier, Maller und Viele andre Ritterschaft standen auf der Mauer, dem Streite zuzusehen, auch Zormerin ging hinauf und weinte sehr.

Hier bin ich, rief Lother, als er zu Helding kam, und bin bereit mit Dir zu rennen, gewinnst Du, so fuehrst Du mich mit Dir, ueberwinde ich aber Dich, so fuehre ich die schoene Jungfrau mit mir. Ich werde um desto muthiger fechten, da es eine schoene Jungfrau gilt. – Ich achte Deiner hohen Worte nicht, sagte Helding; solche Worte, waeren sie auch noch so groß, fuehren keinen Streich aus. Lother nahm seinen Speer, so that auch Koenig Helding, und nun rannten sie frisch gegen einander. Heldings Speer zerbrach, und er ward von Lother so getroffen, daß er vom Pferde fallen mußte. Synoglar lief hinzu und rief: Wie ließest Du Dich, Du falscher Mann, so bald herabstechen! Verflucht seiest Du bei Mahomet! Meinen Leib sollst Du sicher nie gewinnen. Bei diesen Worten zog sie ihren Dolch und wollte ihn damit erstechen, aber Lother verhinderte sie daran, und sprach zu Helding: Sitzt wieder auf, Herr, denn zu Fuß mag ich nicht mit Euch streiten. Helding setzte sich wieder auf sein Roß, ritt auf Lothern zu und schlug nach ihm, Lother deckte sich mit seinem Schild, so daß Helding eine Hand breit von dem Schild herunter schlug. Lother schlug wieder nach ihm, und traf eine Achsel, so daß sein Blut herabfloß. Deß war Synoglar im Herzen froh: Lieber Herr, rief sie Lothern zu, habt kein Mitleiden mit dem Lecker; wenn Ihr ihn erschlagt, so will ich aus Liebe zu Eurer Heldenkuehnheit mit Euch reiten, Mahomet verlaeugnen, und der Christen Gott verehren, sammt der Mutter, die ihn getragen. Das hoerte Lother und freute sich. Er und Helding schlugen frisch auf einander, und fuehrten beide gar harte Streiche gegen einander. Endlich schlug Helding so auf Lothers Pferd, daß es todt niederfiel; Lother sprang wieder auf, verwundete Helding in der linken Seite, und sprach: Steig von Deinem Pferde ab, oder ich toedte es. – Ich will absteigen, sprach Helding, wenn Du mir so lange nichts thun willst, bis ich abgestiegen bin. – Lother stand, und sagte: Steig sicher ab, ich thue Dir eher nichts. – So bin ich sicher vor Dir, sprach Helding, denn ich bin nicht Willens, eher abzusteigen, bis ich in meinem Zelt bin. Mahom empfohlen! Ich lasse Dir meine Liebste, Fraeulein Synoglar, die gar uebel an mir gehandelt hat. Ich will mir meine Wunden verbinden lassen, denn ich bin sehr verwundet. Damit wandte er sich und ritt schnell fort; Synoglar blieb allein bei Lother. – Du hast ein verzagtes Herz, Du falscher Heide, rief dieser ihm nach, ich haette es nicht von Dir gedacht.

Lother nahm Fraeulein Synoglar freundlich in seine Arme, und fragte sie: Schoene Jungfrau, begehrt Ihr der Taufe von ganzem Herzen? – Ja wohl, antwortete sie, von ganzem Herzen. Lother setzte sich auf ihren weißen Zelter, und sie setzte sich hinter ihn, und waehrend sie nach der Stadt ritten, redeten sie gar freundlich mit einander. Lieber Herr, sagte sie, ich hoerte so viel von Eurer Tapferkeit und Schoenheit reden, daß ich es nicht unterlassen konnte, ich mußte Euch sehen. Mein Vater hatte mich dem Helding zum ehelichen Weibe zugesagt, wenn er Euch und Maller ueberwinden, und in seine Haende liefern wuerde. Da machte ich die Erfindung, daß Helding herreiten und mich mit sich nehmen mußte, damit ich Euch nur zu sehen bekaeme. – Lother antwortete mit Lachen: Dafuer mueßt Ihr Dank haben, schoene Synoglar, daß Ihr so schoene Erfindungen koennt ersinnen. Helding haette wohl kuehner streiten sollen, er sollte sich billig schaemen, daß er sich eine so schoene Jungfrau so leicht abgewinnen ließ.

 

Das zwoelfte Kapitel

Koenig Orschier, Maller und die ganze Ritterschaft ihnen entgegen, und empfingen Lother sehr ehrenvoll. Zormerin aber ging ihm nicht entgegen, sie betruebte sich, daß er eine andre Jungfrau fuehrte, und meinte, er wuerde diese nun mehr lieben als sie. Sie ging trauernd in ihre Kammer, und ließ Scheidechin zu sich kommen. – O liebe Scheidechin, rief sie weinend, warum mußte ich Lothern je sehen, warum mußte ich solche Liebe zu ihm tragen, und ihm mein ganzes Herz geben? Ich habe ihm viel Liebes gethan, aber nun verlaeßt er mich, einer Heidin zu gefallen. Schoen ist sie, und eine Koenigstochter, so gut als ich, und das Neue liebt man ja immer mehr als das Alte! Ach liebe Scheidechin, so habe ich nun an dem heutigen Tage den verloren, den ich so vom Herzen liebe! – Liebes Fraeulein, sprach Scheidechin, dafuer halte ich Lothern nicht; er ist gewiß der treueste Mann unter der Sonne; auch ist er viel zu weise und verstaendig; er weiß ja wohl, daß er durch Euch so viel Gutes und solche Ehre genießt, darum bin ich gewiß, daß er nie etwas thun wird, was Euch Leid oder Betruebniß macht. Hat er eine schoene Jungfrau mit dem Schwerte gewonnen, so ist er darum viel Lobes und großer Ehre werth. Ich weiß gewiß, er tauft sie, und gibt sie dann der Gesellen einem. Sollte es sich auch zutragen, daß er einen oder ein paar Monathe bei ihr waere, so ist ihm das erlaubt, weil er noch ledig ist. Sie kaeme damit wohl in Schande, und Ihr bleibet dennoch die Frau.

Nein, rief Zormerin aus, ich will es nicht verschweigen, ich will Mallern meine Noth klagen. – Scheidechin ging hinaus, rief Maller zu ihrem Fraeulein; er ging sogleich mit ihr hinein. O Maller, sprach Zormerin, die Frau, welche ihren Sinn auf einen Mann setzet, die handelt thoericht! Lother verlaeßt mich um einer Heidin Willen, das koennt Ihr jetzt wohl sehen; nie ist er noch von einem Streit gekommen, oder er kam sogleich zu mir in meine Kammer, aber dießmahl koemmt er nicht. Er hat mich vergessen, obgleich ich ihm so viel Gutes gethan. Verflucht sei die Stunde, da ich ihm aus seiner Armuth half, verflucht das Hemde, das Du fuer ihn wuschest, und verflucht der Brunnen, dazu meine Ohren, daß sie je Deine Worte hoerten! – Liebes Fraeulein, klagt nicht so stark meinen Herrn an, er ist fuerwahr der treueste Mann in der ganzen Christenheit. Er hat ein heidnisches Fraeulein mit dem Schwert gewonnen, es ist ihm also nicht zu verdenken, daß er so lange bei ihr bleibt, bis sie die Taufe empfangen hat; seid ueberzeugt, sobald sie getauft ist, giebt er sie seiner Gesellen einem. Wenn Ihr erlaubt, so will ich mit Lother davon sprechen, denn es waere nicht gut, daß Ihr etwas gegen ihn zurueckhieltet. Ich weiß gewiß, Ihr findet keine Untreue in meinem Herrn! Maller beurlaubte sich hierauf von ihr, und sie blieb in ihrer Kammer.

Zormerin war in Liebe entbrannt. Welches Menschen Herz die Liebe entzuendet, dem wird es an Sorge niemahls fehlen. Sie schickte Scheidechin zu Lother, und ließ ihn rufen, er kam alsobald, nichts Arges denkend. Lother, redete sie ihn an, mag Euch an mir nicht genuegen, daß Ihr auch noch Koenig Pynarts Tochter habt genommen, und sie mehr liebt als mich? – Nie begehrte ich Koenig Pynarts Tochter, antwortete Lother, und nie kann ich eine andere Frau so lieben, als ich Euch liebe, und habe auch keine andre so geliebt. Er nahm sie hierauf in seine Arme und kueßte sie gar zaertlich, und setzte sich neben sie auf ihr Bette. Da kam Koenig Orschier wohl mit sechs Rittern, von ihrer Verwandtschaft, in die Kammer; sie hatte es so mit ihnen verabredet, noch ehe sie Lothern rufen ließ. Als nun der Koenig die Beiden nebeneinander liegen sah, da sprach er: Fuerwahr, Herr Lother, Ihr eilt sehr! Wollt Ihr, nachdem Ihr Euern Willen an meiner Tochter veruebet, nun nach Frankreich zurueckreiten, und sie in Schande und mich in Betruebniß setzen? Aber bei Gott, der mich erschaffen hat, so Ihr nun meine Tochter nicht ehelicht, so will ich Euch wohin legen, wo Ihr nimmer wieder an das Tageslicht kommt. – Lother sprang auf, und sprach: Edler Koenig, was ich mit Eurer Tochter gethan habe, das sei mir wohl erlaubt, denn Ihr habt sie mir verlobt und mir zugesagt, ich solle sie nach dem Kriege vor den Altar fuehren. Doch gefaellt es Euch, daß dieses jetzt geschieht, so kann ich mir nichts Gluecklicheres wuenschen, und ich bin sogleich von Herzen dazu bereit. – Das freut mich, sprach der Koenig, wir wollen die Sache nicht laenger verschieben, und morgen frueh sollt Ihr in der Kirche zusammengegeben werden. – Lother war voller Freude darueber, er haette lieber gesehen, daß es gleich den Augenblick geschaehe, als daß es noch bis den andern Tag waehrte, denn so konnte Zormerin nicht nach ihm sich sehnen, als ihn nach ihr verlangte.

Des andern Morgens gab der Bischof Lother und Zormerin zusammen in der Kirche, und segnete sie ein, deß freueten sie sich Beide von ganzem Herzen, denn sie liebten sich gar sehr. Zu gleicher Zeit ward auch Maller mit der Jungfrau Scheidechin vermaehlt. Als sie aus der Kirche kamen, da gingen sie zu Tische; jedermann war froehlich, die Buerger in der Stadt bezeigten allgemein eine sehr große Freude, daß sie einen so tapfern Herrn haben sollten. Nach der Tafel begann ein großes Stechen und Rennen, den Herren und der Ritterschaft ward koestliche Ehre erzeigt, in allen Stucken, ein jeder that das Beste, und bemuehte sich, einen Dank zu verdienen. Lother und Maller rannten und turnirten den ganzen Tag, und stachen manchen stolzen Ritter nieder; niemand durfte gegen sie die Bahn halten, oder gegen sie rennen. Maria, Mutter Gottes, sprach Koenig Orschier, was sind diese Beiden starke Helden! Sie allein machen den andern die Bahn zu enge; meine Tochter ist sicherlich wohl versorgt, und es ist auch ein schoenes Paar, schoenere Eheleute moechte man schwerlich finden. Seine Diener, die Herren und die Ritterschaft insgesammt gaben dem Koenig Orschier dieß gar gern zu. Alles war voll Lust und Froehlichkeit, ausgenommen Synoglar; diese war sehr betruebt, da sie ihre ganze Hoffnung darauf gesetzt hatte, Lother sollte sie zur Frau nehmen. Lother ging zu ihr und troestete sie auf's Beste. Liebes Fraeulein, sprach er, trauert nicht, Ihr sollt gut versorgt werden. Bleibt bei meiner Hausfrau, bis ich Euch einen reichen und edeln Gemahl zufuehre. – Ich danke Euch, Herr, antwortete Synoglar, meine Hoffnung ist zerronnen, nun muß ich mich der Geduld befleißen.

 

Das dreizehnte Kapitel

Als die Feierlichkeiten alle zu Ende gebracht waren, in großer Froehlichkeit, da ruesteten sich die Christen mit frischem Muthe, fielen auf das heidnische Heer hinaus, und kaempften so tapfer den Tag, daß die Heiden alle erschlagen wurden, auch Koenig Pynart und Helding mußten ihr Leben lassen. Was sich retten konnte, das entfloh, und raeumte das Land. Die reichen Gezelte, und viel herrliches Geraethe, Geld und Gut, ward den Christen zur Beute. Den Tag wurden viel hunderttausend Heiden erschlagen, doch mußte auch viel Christenblut vergossen werden, denn die Heiden hatten tapfer gestritten.

Lother blieb noch in Konstantinopel, bis die sieben Jahre um waren, waehrend denen sein Vater, Koenig Karl, ihn verbannt hatte; dann sprach er zu Zormerin, wie er wuensche, nach Frankreich zurueckzukehren, um sie seinem Vater vorzustellen. Zormerin war dieß auch gleich zufrieden. Lother ging zu Koenig Orschier, und bat ihn um Urlaub, mit seiner Tochter nach Frankreich ziehen zu duerfen, da seine Verbannungsjahre um waren. Ich will Euch das wohl erlauben, sprach Orschier, nur mueßt Ihr mir versprechen, wieder nach Konstantinopel zu kommen, wenn Ihr Euern Vater gesehen habt; darum bitte ich Euch gar freundlich, denn nach meinem Tode sollt Ihr mein Reich regieren, und sollt Kaiser von Konstantinopel sein. – Lieber Herr, sprach Lother, ich will, noch ehe ein Jahr vergangen ist, wieder bei Euch sein.

Sie machten sich alle reisefertig; Lother und die schoene Zormerin, ihr geliebtes Fraeulein Scheidechin, mit Maller dem treuen Gesellen, nebst all ihrer Ritterschaft, nahmen Abschied von dem Koenige Orschier, der seiner Tochter den Segen gab. Er sah sie nicht eher wieder, bis sie große Leiden erfahren hatte, und allesammt machten sich auf den Weg, begleitet von wohl hundert Bewaffneten. Als sie nach Rom kamen, erzeigte der Papst ihnen viel Ehre, und sie blieben vier Tage lang daselbst. Da erfuhr Otto von einem Spion, daß Lother mit seiner Gemahlin, wie auch Maller und die uebrigen auf der Reise nach Frankreich seien, und wie sie ihren Weg ueber Pavia nehmen wuerden. Da ersann Otto die groeßte Verraetherei, die jemahls ist erhoert worden; er versammelte naehmlich zwanzigtausend Gewaffnete und ließ damit alle Wege besetzen, auf welchen Lother mit den Seinigen kommen konnte.

Herr, sagte Maller, laßt uns lieber nicht ueber Pavia reisen, oder uns wenigstens gehoerig ruesten und wohl waffnen, weil Otto, dem Schalk, der nun Koenig von Pavia geworden, nicht gut zu trauen ist. Lother gab ihm hierin Recht, und sie waffneten sich allesammt. Sie wurden aber von einem Spaeher bemerkt, der von Otto war hingeschickt worden, um sichre Kundschaft von Lother und seinem Gefolge zu haben. Der Spion ritt eilends zu Otto zurueck, und brachte ihm die Botschaft, wie Lother und Maller mit ihren Weibern jetzt die Straße heraufgezogen kaemen, und nur sehr wenige Leute mit ihnen; aber sie haben sich alle gewaffnet, so viel habe ich hinter einer Hecke, wo ich mich verbarg, wohl gesehen; darnach richtet Euch Herr Koenig. Bei meiner Treu, sprach Otto, ihre Waffen sollen ihnen wenig helfen, denn ich will so viele Leute ueber sie schicken, daß wohl zehne auf einen von ihnen kommen sollen. Nun will ich mich an ihnen raechen; Lother und Maller sollen an dem Galgen hangen, und Zormerin will ich zum Weibe nehmen. Hiermit ritt er, von seiner Ritterschaft begleitet, in den Wald, wo Lother durch mußte, der auch sehr bald den Weg daher kam. Otto rannte wohl mit fuenftausend Gewaffneten, mit eingelegten Speeren, auf Lother ein, den Gott in seinen Schutz nehmen wolle, weil nun ihm sowohl als seiner treuen Zormerin großes Leiden bevorsteht.

Mit großem Geschrei rannten sie auf ihn zu; Lother von Frankreich riefen sie, Du kommst nicht lebendig durch, hier mußt Du sterben! Und damit liefen sie so grimmig auf sie los, wie Woelfe auf eine Herde Schafe. – Zormerin, als sie dieses sah, sprang sie sogleich von ihrem Wagen herunter, und lief in den Wald ganz allein, und verbarg sich daselbst.

Die Lombarden umgaben ihren Wagen, und suchten sie; sie fanden sie aber nicht, da nahmen sie Scheidechin gefangen, nebst allen ihren Frauen. Lother schlug auf die Lombarden kuehnlich, und wehrte sich als ein Held, aber sein Pferd wurde unter ihm erschlagen, so daß es mit ihm auf die Erde fiel; da umringten sie ihn, und nachdem er viele Wunden erhalten hatte, nahmen sie ihn mit Gewalt gefangen.

Maller erschlug der Lombarden wohl zwanzig an der Zahl, er ward aber schwer verwundet, wohl dreißig Wunden hatte er, deren jede toedtlich war; auch sein Pferd fiel todt unter ihm nieder, und so sank er ohnmaechtig um, und lag wie todt unter den Todten. Lother ward gebunden wie ein Dieb, mit verbundenen Augen nach Pavia gefuehrt. Sein Herz war sehr betruebt, da er sich in der Gewalt des arglistigsten Verwandten befand, und er seufzte tief, als er an Zormerin und Maller dachte, und empfahl sie in Gottes Schutz.

Otto begab sich in seinen Pallast, versammelte seine Raethe und vornehme Ritterschaft, und fragte sie um Rath, was er mit Lothern machen, und wie er sich an ihm raechen solle? Er war zweifelhaft, ob er ihn aufhaengen oder welche Todesart er ihn leiden lassen solle. Da trat einer der Lombarden vor Otto, und sprach: Gnaediger Herr, mich duenkt in meinem Sinn, es waere gar uebel gethan, wenn Ihr Euer eignes Fleisch und Blut so jaemmerlich verderbtet. Dazu ist er der edelste und tapferste Ritter, der jemahls in Euerm Geschlechte geboren ward; habt Ihr auch einigen Verdruß durch ihn gehabt, so hat er doch deshalb den Tod nicht verschuldet. Toedtet Ihr ihn, und Koenig Karl erfahrt es, so gewinnt weder Ihr noch Euer Geschlecht jemahls Frieden, und Ihr mueßtet stets in Furcht vor ihm leben. Darum, Herr, legt ihn in einen Thurm, darinne haltet ihn so hart, als es Euch beliebt; wird Euch jemahls dieser Rath gereuen, so folgt mir niemahls wieder; ist aber jemand an Euerm Hof, dem der Rath mißfaellt, der thue es kund, so will ich mit ihm kaempfen.

Der Lombarde, der dieß sprach, war von einem großen Geschlecht. Er selbst hatte ehedem bei Lothers Vater, dem Kaiser Karl gedient, und war mit ihm gegen Marsilien gewesen, wo er ihm half, den Grafen Ganelon gefangen nehmen, darum mußte Otto seine Worte achten, und dem Rathe folgen. Lother wurde also in einen Thurm gelegt.

Otto schickte nach den gefangenen Frauen, da aber Zormerin nicht gefunden ward, aergerte er sich sehr. Wo ist Euere Frau? fragte er Scheidechin. Herr, antwortete diese, vierzehn Lombarden fuehrten sie fort, so viel ich sahe, ich weiß nicht, woher sie kamen, oder welche es waren, doch besorge ich sehr, sie bringen meine Frau zu Schaden und Unehre. Otto betruebte sich ueber diesen Bescheid, und ließ die Frauen in ein besonderes Gemach fuehren, wo ihnen hinlaenglich Speise und Trank gereicht ward. Lothern wurde auch ein Wundarzt geschickt, der ihm seine Wunden heilen mußte.

Otto schickte darauf Boten herum, so weit als die Lombardei reichte, welche Zormerin suchen sollten; sie ward aber nicht gefunden. Da ward Otto sehr grimmig, daß ihm sein Plan so mißglueckt war, denn ihm war es hauptsachlich darum zu thun gewesen, Zormerin in seine Gewalt zu bekommen.

Lother war jetzt mit Huelfe des Arztes wieder hergestellt, nachdem er viele Schmerzen hatte ausstehen muessen. Aber er betruebte sich und klagte innig um Zormerin, denn er wußte nicht anders, als sie sei in Otto's Haende gefallen. Er klagte mehr um Zormerin als um sich selber.

 

Das vierzehnte Kapitel

Wir lassen hier Lothern eine Weile, und wenden uns zu Maller, seinem Gesellen. Er erhohlte sich wieder aus seiner Ohnmacht, und als er den Kopf ein wenig in die Hoehe hob und sich umsah, da fand er nichts als Todte um und neben sich. Er kroch mit vieler Muehe unter den Todten hervor, und in den Wald. Hier setzte er sich nieder, und da seine Wunden sehr bluteten, zog er sein Wamms aus, und riß sein Hemde in Binden, damit verband er sich die Wunden so gut als es gehen wollte. Darauf sah er hin und wieder, und erblickte ein Pferd, das aus der Schlacht gelaufen war. Mit vieler Muehe ging er hin zu dem Pferde, setzte sich darauf, und ritt langsam durch den Wald.

Nicht lange war er geritten, als er eine schoene Frau erblickte, die schnell entlief, als sie ihn kommen sah; er ritt ihr nach, aber sie lief nur um desto schneller. Ach fliehet nicht, schoene Jungfrau, rief Maller, so laut er konnte; erwartet mich, ich will Euch nichts thun! – Zormerin war die Fliehende, und als sie Mallers Stimme erkannte, da stand sie still und erwartete ihn. – Ach Maller, bringst du mir Nachricht von meinem Herrn Lother? – Ja, theure Frau, mein Herr ist nach Pavia gefangen fortgefuehrt; ich hoffe aber, Otto ist nicht so kuehn, daß er ihm das Leben nimmt. Hilft mir Gott, daß meine Wunden geheilt werden, so soll der Verraether Otto es mit seinem Koenigreiche bueßen, dahin will ich es bringen. Aber ich nehme jetzt kein Koenigreich dafuer, daß ich Euch, werthe Frau, gefunden habe; wir wollen nach Frankreich gehen, und wollen den Koenig Karl um Huelfe anstehen fuer seinen Sohn, gegen den falschen verraetherischen Otto. Aber ich leide jetzt so große Schmerzen, daß ich immer fuerchte, ich sterbe und komme nicht weiter. – Lieber Gesell, seid getrost, ich will Gott inbruenstig fuer Euch bitten, daß er Euch helfe, und auch meinem theuern Gemahl, und daß er uns raeche an dem falschen Schalk Otto, der uns so viel Leides zufuegt. Wer Uebels thut, der entgeht seiner Strafe nicht, habe ich immer sagen hoeren; darum, lieber Maller, hofft auf Gottes Huelfe.

Zormerin war froh, daß sie Mallern hatte, aber er war sehr krank an seinen Wunden und litt viel Pein. Besonders hatte er eine sehr große Wunde von einem Speer in dem Leib, die verursachte ihm gar bittre Schmerzen. Sie ritten Schritt vor Schritt, und kamen endlich zu St. Bernhard an. Hier gingen sie in eine Herberge, wo sie beinah vier Monathe lang bleiben mußten. Waehrend vierzehn Tagen glaubte Zormerin jeden Tag, daß Maller sterben muesse. Endlich aber ward er besser und nach vier Monathen ging er mit Zormerin wieder hinaus. Alles, was sie besaßen, hatten sie verzehrt, und nun gingen sie arm und barfuß hinweg. Zormerin suchte ihn mit sanften Worten zu troesten, wie sie nun nach Frankreich ziehen wollten, und wie sie auf den Kaiser Karl ihre Hoffnung setzte. Maller troestete sie wiederum, wie sie Lother aus dem Gefaengniß erloesen, und sich an dem verruchten Schalk raechen wollten. So ermunterte und troestete eins das andere, aber ihn ahnete nicht, daß sie keine Huelfe bei seinen Anverwandten finden wuerden.

 

Das fuenfzehnte Kapitel

Kaiser Karl merkte, daß er sterben muesse; da schickte in seinem ganzen Reich nach allen Herren und seiner ganzen Ritterschaft, bezahlte ihnen alles, was er ihnen schuldig war, dann ging er in die St. Kilianskirche, hier legte er Beichte ab und ließ eine herrliche Messe singen. Wie die Geschichte sagt, so fand der Priester einen Brief auf dem Altar, darin stand eine Suende aufgeschrieben, welche der Kaiser Karl begangen, aber zu beichten unterlassen hatte. Der Priester zeigte den Brief dem Kaiser, der bekannte und beichtete auch alsobald dieselbe Suende, und dankte Gott von ganzem Herzen fuer diese Gnade.

Kaiser Karl starb bald, und sein Sohn Ludwig ward zum Kaiser erwaehlt und gekroent, nachdem er Blancheflure, die Tochter des Grafen von Narbonne, zur Gemahlin genommen hatte. – Koenig Ludwig war noch nicht lange zu Paris, als Zormerin und Maller auch daselbst ankamen. Maller ging sogleich an den Hof vor Koenig Ludwig, der von den Großen und Maechtigen des Reichs umgeben war, unter denen die Brueder seiner Gemahlin waren, denen er große Gueter gegeben, wodurch sie sehr maechtig geworden waren. Maller hatte einen ganz zerlumpten Rock an, und sein ganzer Aufzug war sehr armselig; darum wollte ihn niemand von seinen ehemahligen Bekannten wieder erkennen, und alle verschmaehten und verstießen ihn. Verflucht sei der boese Reichthum, sprach Maller in sich, weil einem reichen Schalk große Ehre angethan wird, waehrend der Fromme, wenn er arm ist, verachtet wird. Ewiger Gott, wie ist es doch so gar verkehrt auf Erden! –

Maller fiel dem Koenig Ludwig zu Fueßen, der eben nicht viel auf ihn achtete, da er ihn in so aermlichem Aufzuge sah. Herr, fing Maller an, mich beduenkt, Ihr wollet mich nicht erkennen, obgleich Ihr mich ehedem sehr wohl kanntet, und ich auch noch sehr viel Verwandte an Euerm Hof habe, nun ich aber arm bin, so erkennt mich niemand. Ich heiße Maller, Koenig Galyens Sohn, bin an Euerm Hof erzogen; mit Eurem Bruder Lother ritt ich hinweg, da sein Vater ihn verbannte. – Lieber Maller, antwortete Koenig Ludwig, ja wohl kenne ich Dich nun; willst Du bei mir am Hofe bleiben, so will ich Dir Gutes thun, und Du sollst wie die andern Diener gehalten sein. – Herr, erwiederte Maller, es waere wunderlich, wenn ich Euch dienen wollte, da ich selber eines Koenigs Sohn bin! – Und indem er in seinem Herzen dachte, welch ein Bruder ist dieß, daß er mich nicht einmahl nach seinem Bruder fragt, von dem ich ihm gesprochen, nicht einmahl fragt, ob er noch lebt, oder ob er todt ist; haette ich einen solchen Bruder, fuerwahr, ich schickte ihn hin, wo er sonst in tausend Jahren nicht hinkaeme; so sagte er: Edler Koenig, wie habt Ihr doch gegen Euern Bruder einen ehernen Sinn! Mich duenkt wohl, Ihr habt gar wenig Liebe zu Euerm leiblichen Bruder, der in Unglueck und Elend gerathen ist, und bei Euerm verraetherischen Vetter in Fesseln schmachtet, waehrend Ihr hier in Ruhe und Frieden Kaiser und Koenig seid. Darauf erzaehlte er dem Koenig Ludwig, wie alles sich mit Lother zugetragen seit seiner Verbannung, und bat ihn, nachdem er alles umstaendlich vorgetragen um Huelfe, daß er den Lother aus der Gefangenschaft rette, und sich an dem ungetreuen Otto raeche. –

Koenig Ludwig haette seinen Bruder gern gerettet und ihm Huelfe geschickt, aber es lebten an seinem Hofe alle die falschen Verraether, die stets Lothers Feinde gewesen waren, diese zogen den Koenig Ludwig bei Seite, Herr, sprachen sie, laßt Euern Bruder fahren, er thut doch nie Gutes. Eure hohe Ritterschaft hat er alle, um der Frauen willen, gegen sich aufgebracht, weswegen Euer Vater ihn auch, wie Ihr Euch noch erinnern moeget, auf sieben Jahre lang verbannte; empfanget Ihr ihn nun wieder an Euerm Hof, so habt Ihr niemahls Ruh und Frieden mit diesen Herren. Bedenkt dann auch, daß Ihr das vaeterliche Erbe mit ihm theilen mueßt; koemmt er wieder, so will er sicher entweder Koenig oder Kaiser sein. – Bey meiner Treu, sprach der Koenig, Ihr sprecht die Wahrheit; Otto wird ihn auch wohl wegen irgend einer Untugend gefangen genommen haben, Maller, fuhr er fort, sich zu diesem wendend, meine Freunde rathen mir, keinen Krieg ins Land zu ziehen um meines Bruders willen. Lother wollte immer nach seinem eignen Sinn leben, er wollte auch meinem Vater nie folgen; darum, hat er nun meinen Vetter Otto beleidigt, so ist es billig, daß dieser ihn dafuer bestraft; obgleich er ihn gefangen hat, so giebt er ihm doch genug zu leben. Ich werde also nimmermehr einen Harnisch anlegen, um ihm aus dem Gefaengniß zu helfen, wo er recht gut ist; meinen Raethen will ich hierin folgen. – Das sind lauter Verraether, rief Maller, die Euch solchen Rat gaben. Jammer ist es, daß Ihr Euerm leiblichen Bruder nicht wollt zu Huelfe kommen; Otto hat ihn verraetherisch gefangen! – Damit kehrte Maller sich um und ging hinaus. Koenig Ludwig rief ihm nach, ob er nicht mit ihm fruehstuecken wollte? Nimmermehr! rief Maller, eher will ich fastend schlafen gehen, ehe ich mit Verraethern essen will! – Das sprach Maller gar kuehnlich; er haette sich um Koenig Ludwigs willen nicht herumgedreht, denn er war eines eben so großen Koenigs Sohn als Ludwig.

Er ging zurueck in seine Herberge zu Zormerin. Frau, rief er voller Zorn, an Ludwig fand ich den ungetreuesten Mann, der da lebt. Er laeßt seinen Bruder in der Noth, und folgt dem Rathe falscher Verraether; moege Gott ihn verdammen dafuer! Ach Gott, ich fuerchte sehr, Lother koemmt wohl nimmer wieder los. – Zormerin weinte. Ach ich Unglueckliche! rief sie, litt jemahls eine Frau, was ich leiden muß? Verflucht sei die Stunde, in der ich geboren ward! – Werthe Frau, fing Maller wieder an, laßt uns wieder nach Konstantinopel zu Euerm Vater gehen. Ich will ihn bitten, daß er der großen Treue gedenke, die Lother ihm geleistet;, daß er dem zu Huelfe komme, der ihn in seiner Noth gegen die Heiden doch auch nie verließ. Ich will dann sehen, ob noch Treue auf Erden zu finden ist.

 

Das sechzehnte Kapitel

Sie verließen Paris und reisten manchen Tag. Von ihrer Reise sage ich nichts; sie gingen so lange, bis sie wieder in die Lombardei kamen, da gingen sie mit einander zu Rathe, wie sie sich unkenntlich machen wollten, um unerkannt durch das Land zu kommen. Zormerin verkaufte ihren schoenen Pelz, den sie anhatte, und kaufte sich eine Laute dafuer, denn sie konnte gar schoen die Laute schlagen. Maller, der die Kraeuter wohl zu finden wußte, faerbte sich und auch Zormerin das Antlitz und die Haende damit; es konnte kein Mensch sie in dieser Gestalt erkennen. – Maller, lieber Geselle, sprach Zormerin, als sie sah, wie entstellt sie Beide waren, laßt uns nach Pavia gehen, und dort erfahren, ob Lother todt ist oder noch lebt; ich bitte Euch gar sehr darum, denn niemand erkennt uns in dieser Verkleidung. – Weil Ihr denn ein schoenes Handwerk versteht, sagte Maller, so bin ich dieß gern zufrieden: Ihr koennt mit Euerm Lautenspiel so viel verdienen, als wir noethig haben, um nicht Hungers zu sterben. Auch kleiden soll mich Koenig Otto noch dazu; ich will sagen, ich sei Euer Gemahl, Ihr sollt Maria heißen und ich will mich Dietrich nennen. – Das ist recht, sprach Zormerin, und nun nur schnell, so eilend als moeglich nach Pavia, daß wir von Lother hoeren.

Unterdessen, daß diese so wanderten, lag Lother in einem tiefen Thurm; zu essen und zu trinken ward ihm auf Otto's Geheiß genug gereicht. Nun begab es sich am heiligen Pfingstfeste, da man Koenig Otto ein neues Gewand brachte, und er es anlegen wollte, fand es sich, daß es um eine Hand breit zu lang war. Da er nun den Schneider, der es gemacht hatte, sehr schalt, da sprach einer der Kammerdiener: Herr, Ihr habt seit langer Zeit schon Lothern von Frankreich in Eurer Gefangenschaft, und er ist seitdem noch nicht neu gekleidet worden. Er ist von hoher Geburt und Euer naechster Verwandter, darum waere es wohl schicklich, Ihr schicktet ihm das Gewand, zumahl es Euch zu lang ist; ihm wird es aber ganz recht passen, da er viel laenger ist als Ihr seid. – Es mag sein, sprach Otto, geh, bringe es ihm.

Der Kammerdiener ging mit dem Gewand zu Lothern, den er sehr betruebt in dem Thurm liegend fand. Der Diener grueßte ihn und redete ihn freundlich an: Mein Herr, der Koenig Otto sendet Euch dieß Gewand, Ihr moechtet es anlegen. Lother stand auf, zog es an, und es paßte ihm trefflich. Da entfuhr dem Kammerdiener ein unvorsichtiges Wort, das er nachmahls wuenschte, nicht gesagt zu haben. Er sagt naehmlich: Herr, das Kleid ist Euch so ganz anpassend, als ob es fuer Euch gemacht waere, meinem Herrn, dem Koenige, war es etwas zu lang. – Was heißt das? rief Lother, werde ich so in der Welt verachtet, darf Otto mir schicken, was ihm nicht paßt? O muß ich dieß erleben! Weh mir! bin ich denn so verflossen, so will ich nicht Essen oder Trinken mehr je verlangen! – Zog damit das Kleid wieder aus, schnitt und riß es in kleine Stuecke entzwei, und trat mit Fueßen auf die Stuecke. Geh nun, sagte er dem Kammerdiener, sag dem Thurmhueter, ich will weder essen mehr, noch trinken, ich will nicht laenger leben, daß mir niemand etwas bringe! – Dem Kammerdiener that es sehr leid, so gesprochen zu haben; er ging traurig zum Koenig Otto und erzaehlte ihm den Verlauf, auch alles, was Lother geredet hatte. Da fing es dem Otto an ein wenig zu erbarmen, und es that ihm sehr leid, daß der Kaemerer das gesagt hatte.

An demselben Tage kamen Zormerin und Maller zu Pavia an. Sie gingen auch sogleich an den Pallast, und fragten den Thuersteher: ob es erlaubt sei, vor dem Koenig zu spielen und zu singen, dann sollte er sie hinauf in den Speisesaal fuehren. Der Pfoertner wollte Scherz mit Zormerin treiben, und ihr um den Hals fallen, aber sie wehrte sich und gab ihm einen so kraeftigen Stoß, daß ihm zwei Zaehne ausfielen. Nun ward der Pfoertner falsch, und wollte sie nicht hinauf lassen. Dieß sah ein Ritter, der nahm sich ihrer an, und fuehrte sie Beide grade hinauf in den Speisesaal, wo der Koenig mit dem ganzen Hof, vielen Rittern und auch viel schoenen Frauen an der Tafel saß. Otto dachte es wohl nicht, daß Zormerin und Maller ihm so nahe waeren; haette er sie unter dieser Gestalt errathen koennen, er wuerde Maller ohne Gnade haben toedten lassen, denn diesen haßte er ganz besonders. Zormerin und Maller gingen an die Seite, wo sie die andern Spielleute sahen, und setzten sich bei ihnen nieder. Maller langte sogleich nach der Schaale mit Wein, und trank sie auf einen Zug aus. Gott helf Dir, sprachen die Pfeifer, wir sehen wohl, Du bist unser einer. Als die Mahlzeit halb vorbei war, standen die Spielleute auf, einer pfiff, der andre orgelte, so daß jedermann sein Spiel trieb. Dann nahm Zormerin ihre Laute, und spielte darauf so sueß und wohl, daß sie Otto stets ansah, ohne daß er sie doch erkannte. Ihr Lautenspiel gefiel ihm so wohl, daß er die andern Spielleute alle schweigen hieß, und nur ihr allein zuhorchte; sagte auch zu einem der Diener: Laß die Lautenspielerin reich begaben, weil sie mich so wohl ergetzt hat, daß sie auch von mir nicht sagen koenne, ich sei karg oder unbemittelt. Diese Leute wandern mehr ueberall umher, als andere, wenn sie dann anderswo hinkoemmt, so mag sie auch meinen Hof ruehmen.

Edler Herr, sprach einer der Ritter, Ihr moegt wohl diese Spielleute begaben, damit sie Euer Lob an andern Orten preisen; gedenkt doch aber auch in solcher Stunde Euers Vetters Lother, der in Euerm Thurm gefangen liegt. Er ist Euer naechster Anverwandter, und wenn es nach dem Recht geht, so muß er Kaiser zu Rom werden. Ich habe gehoert, Euer Kammerknecht habe ihn sehr betruebt, um eines Rockes willen; Ihr solltet billig das nicht zugeben, gnaediger Herr, daß er nun so erbaermlich verderbe. Mein Rath ist, Ihr schickt ihm gute Speise und Trank, laßt ihn sagen, er solle gutes Muthes sein, seine Sache wuerde noch wohl besser werden, Ihr wuerdet Euch mit ihm aussoehnen. Es waere auch wohl gut, Ihr schicktet die Lautenspielerin zu ihm in den Thurm, vielleicht, daß sie ihn ergetzt, und er wieder Muth fast; ich weiß gewiß, er wird es Euch danken. – Es mag sein, sagte der Koenig, und rief einen seiner Diener. Nimm Speise und Wein, sagte er, trage es meinem Vetter in den Thurm. Dann befahl er auch Zormerin, sie sollte ihre Laute nehmen und mit dem Diener gehen zu einem Gefangenen in den Thurm, dem sollte sie auf ihrer Laute vorspielen, und ihn ergetzen. Ich will Euch eine gute Gabe dafuer geben, sprach er. – Herr, was Ihr mir gebietet, das thue ich sehr gern, sagte Zormerin, und daran sagte sie gewiß die Wahrheit, denn keine noch so große Gabe haette sie froher machen koennen, als daß sie den geliebten Gemahl sehen sollte. Ihr Herz klopfte sehr vor großer Freude und Erwartung; so auch dem treuen Maller, der sich nur fuerchtete, man moechte ihnen die große Freude anmerken.

Sie gingen mit dem Kammerdiener, der die Speisen trug; als sie in den Thurm kamen, fanden sie Lother sehr krank auf dem Bette liegend. – Nehmt die Speisen wieder mit hinaus, sprach er, ich mag weder essen noch trinken. Hat Koenig Otto mir diese Spielleute aus Spott geschickt? Er weiß es sehr gut, daß mich dieß nicht ergetzen wird. Geht wieder hinaus mit Euerm Spiel, gute Frau, mich wird es nicht ergetzen. Zormerin sagte darauf zu dem Kammerdiener und dem Thurmhueter: Lieben Freunde, geht Ihr nur hinaus, und schließt mich hier ein bei dem Herrn; ich will so sueß spielen, daß es ihm doch ergetzen soll, dazu will ich ihm so sueße Worte sagen, daß er mit Freuden jeden Heller mit mir theilen soll. Ueber diese Rede lachten der Kammerdiener und der Thurmhueter, sie meinten, Zormerin sei eine Corinne. – Lother war erstaunt als er sie reden hoerte, doch konnte er weder sie noch Maller erkennen. Zormerin fing an zu spielen, der Diener ging hinaus sammt dem Thurmhueter, und ließ die Beiden allein bei dem Gefangnen. Als Zormerin ueberzeugt war, daß die Beiden weit genug entfernt, und alle Riegel und Schloesser zu waren, da fiel sie Lothern um den Hals, und weinte, und kueßte ihn wohl tausendmahl. O Lother, kennst Du Deine treue Zormerin nicht? Hier ist auch Maller, Dein Geselle; um Dich zu sehen, haben wir uns so verkleidet. Lother fing gar heiß zu weinen an, als er sie erkannte, und drueckte beide an sein Herz, umarmte und kueßte sie unzaehligemahl. Kuesset mich, lieber Herr sagte Maller, denn ich habe Euch lieber, als alle Eure Freunde Euch haben. Euer Vater ist todt, und Euer Bruder Ludwig ist zum Koenig gekroent; dieser folgt aber Euern verraetherischen Feinden, so daß Ihr bei ihm keinen Trost suchen duerft. Es kuemmert ihn gar nicht, daß Ihr hier gefangen liegt. Eure Hausfrau und ich, wir waren zu Paris, und da ich so ueblen Trost von Euerm Bruder erhielt, so habe ich sie hierhergefuehrt, damit wir erfuehren, wie es mit Euch steht, ob Ihr todt oder lebendig seid. Dann will ich sie nach Konstantinopel zum Koenig Orschier fuehren, wir wollen mit ihm reden, daß er Pavia belagere, und Otto verderbe, Koenig Orschier muß Euch helfen, wenn er bedenkt, wie Ihr ihn gegen die Heiden unterstuetztet. Und nun, lieber Herr, wißt Ihr nichts von Scheidechin, meiner Hausfrau? Ist sie todt oder lebt sie? – Lieber Geselle, sie ist nicht todt, sie ward mit andern gefangen, und in eine andre Stadt gefuehrt, dort ist sie wohl noch. Zormerin, Du geliebtes Weib, wir haben in unsrer Ehe wenig Freude gehabt; moechte Gott uns aus dieser Betruebniß helfen! – Und nun weinten sie Beide heftig, und jammerten sehr. Maller versuchte sie zu troesten. Ihr habt Unrecht, sagte er, daß Ihr Euch so uebel gehabt, ist es Gottes Wille, so mag er Euer Leid bald in Freude verkehren. Ich wollte nur, daß ich Scheidechin, mein liebes Weib bei mir haette, ich wollte mich recht wohl mit ihr ergehen. Ihr solltet Euer Leid billig vergessen, weil Ihr beisammen seid. Ich will ein wenig in das Kaemmerlein gehen, und Euch allein lassen, denn ich gehoere nicht zu Euch in Euern heimlichen Rath. – Geselle, sagte Lother, gebenedeit sei die, welche Dich trug; dieß Wort hieß Gott Dich reden!

Sie waren so lang beisammen, bis sie den Thurmhueter kommen hoerten, der die Thuere aufriegelte, da mußten Lother und Zormerin mit betruebtem Herzen scheiden. Lother kueßte Maller auf den Mund; gehab Dich wohl, getreuer Geselle, arbeite nach besten Kraeften, daß ich aus dem Gefaengnisse komme. – Ja Herr, mein Herz wird nimmer froh, Ihr seid dann aus der Gefangenschaft, und arbeiten will ich so viel als moeglich, das schwoere ich Euch bei allen Heiligen. – Nun kam der Thurmhueter, und hieß sie hinausgehen. Zormerin konnte fast sich nicht entschließen, auch ihre Thraenen kaum zurueckhalten, sehr weh that ihr das Herz, als sie nun hinaus ging und Lothern zuruecklassen mußte. – Koenig Otto ließ Mallern ganz neu kleiden, und Zormerin einen goldnen, reich mit Perlen gestickten Guertel geben; behielt sie dann noch drei Tage an seinem Hof, und ließ es ihnen wohl gehen; dann nahmen sie Urlaub vom Koenig Otto und gingen aus der Stadt Pavia wieder hinaus. Als sie auf das Feld hinaus gekommen waren, da dankten sie Gott, daß sie nicht erkannt worden und ihren geliebten Herrn gesehen hatten, und empfahlen sich und ihn ferner in den Schutz des allmaechtigen Gottes.

 

Das siebzehnte Kapitel

Sie kamen nun nach Konstantinopel und gingen sogleich in den Pallast vor Koenig Orschier. Als Zormerin ihren Vater sah, konnte sie vor Thraenen kein einziges Wort sprechen. Orschier sah sie an, konnte sie lange nicht erkennen, endlich erkannte er sie. Geliebte Tochter, wo kommst Du her? kaum daß ich Dich wieder erkannte! Wer sah je eine Koenigin in diesem Zustande? Verflucht sei die Stunde, da ich Euch Lothern gegeben! – Da sprach Maller: Davon schweigt, Herr, Ihr habt sie dem froemmsten Ritter gegeben, der auf Erden lebt; und dazu ist er so wohlgeboren, als nie einer aus Euerm Geschlechte geboren ward! Ich bitte Euch, Ihr wollet gedenken der großen Treue, die er Euch bewiesen hat; Ihr wißt wohl, daß, haette er nach Gott nicht gethan, so haetten die Heiden Euch ganz und gar verderbt. Koenntet Ihr seine Treue vergessen, Ihr thaetet fuerwahr groß Unrecht. – Und nun fing er an, und erzaehlte dem Koenig Orschier alles, wie es ihnen ergangen, und wie Lother nun durch die Verraetherei des Otto gefangen in einem Thurm zu Pavia liege; auch wie Koenig Ludwig in Frankreich boesem Rath folge, und seinem Bruder nicht helfen wolle. – Gedenket, edler Koenig, sprach er, wie die Heiden Euch gefangen hatten, und wie mein Herr, Lother, Euch wieder befreite, erbarmt Euch also ueber meinen Herrn, und kommt ihm zu Trost und zu Huelfe. – Darauf antwortete Koenig Orschier: Ich hoere ja von Euch, daß sein leiblicher Bruder von ihm abstehet, warum sollt' ich ihm dann beistehen? warum sollte ich meinem Lande einen so schweren Krieg zuziehen? Ich wuerde ein Gespoette der Welt, wenn ich nicht gewinne, welches doch wohl sein kann. Da sei Gott vor, daß ich solches thue. Meine Tochter will ich besser versorgen, Lothern soll sie nimmermehr wiedersehen, ich will wohl einen reichern Fuersten fuer sie finden, als Lother ist. – Koenig, rief Maller, nimmer werde ich wieder Dein Freund! Wo ich Dir je schaden kann, da will ich es sicher nicht unterlassen, sondern Dir schaden, wo ich kann. Ich schwoere Dir ewige Feindschaft und kuendige Dir Fehde an! – Hiermit stand er auf und ging stracks hinaus.

Da ging er zu Zormerin, die saß trauernd in ihrer Kammer und vergoß viel tausend Thraenen; auch sie hatte ihren Vater fuer Lothern gebeten, aber alles war umsonst. – Was sollen wir nun thun, lieber Maller? rief sie weinend. – Ich gehe jetzt zu meinem Vater, sprach Maller, um ihn um Huelfe fuer Lother zu bitten, dieß ist das letzte, was ich zu thun weiß. – Thut so, lieber Maller, ich will Euch ein gutes Roß geben und einen Mantelsack voll Gold. – Gott wird es Euch vergelten, edle Frau! Nun bitte ich Euch, bleibt fest und getreu. – An mir soll es nicht fehlen; doch ich werde wohl nicht lange mehr leben, denn ich besorge sehr, Lother koemmt nimmer wieder los. – Maller weinte, als er sie so traurig reden hoerte, und nahm Urlaub von ihr, sie ließ ihm das beste Pferd aus dem Stalle geben, und er ritt sogleich zur Stadt hinaus.

Maller war herzlich betruebt. Nimmer, sprach er, als er auf das Feld hinauskam, nein, nimmer will ich rasten, bis ich Euch, theurer Herr, erloest habe. Er wollte jetzt zu seinen Eltern reisen, die er in vielen Jahren nicht gesehen hatte. Er ward als ein Kind von Ogier von Daenemark auf dem Wasser gefunden, als dieser hinaus gegangen war, mit dem Falken Enten zu beitzen; davon erhielt er den Nahmen Maller, der in waelscher Sprache so viel bedeutet, als Enterich im Deutschen. Ogier von Daenemark gab das Kind an Koenig Karl von Frankreich; dieser hatte erfahren, wie der Koenig Galyen sein Kind verloren haette; er dachte also, wie dieses dasselbe verlorne Kind sein muesse, und schickte es dem Koenig Galyen wieder zu. Dieser erzog den Sohn bis zu dem Alter, da er dienen konnte, und schickte ihn dann dem Koenig Karl wieder zu; dort blieb er, bis er wohl zwei und zwanzig Jahre alt war, dann ging er mit Lother nach Konstantinopel, und waehrend dieser ganzen Zeit hatte er seine Eltern nicht wieder gesehen.

Maller kam auf seiner Reise durch eine Reichsstadt. Er war zwar wohl bewaffnet, hatte aber sein Wappen auf seinem Schild; da er also in der Reichsstadt ankam, da ritt er gleich vor eines Mahlers Haus und ließ sich ein Wappen mahlen, naehmlich drei goldne Jungfrauenkoepfe im blauen Felde, ueber den Koepfen ein Leopard, und mitten in dem Schilde einen halben Loewen. Als es fertig gemahlt war, bezahlte Maller es reichlich und ritt weiter bis nach der Champagne. Hier kam er an eine große Stadt, mit einer schoenen Burg, er wußte aber nicht, wem sie angehoerte. Indem er sich besann, begegnete ihm ein Bote mit Briefen; diesen redete er hoeflich an, und fragte ihn um den Nahmen der Stadt und ihres Herrn. Herr, erwiederte der Bote, diese Stadt heißt die Neustadt und gehoert dem Koenig Galyen, dem Wiederhersteller, zu. Dieser Antwort ward Maller sehr froh, und fragte den Boten noch mehr: Wo willst Du hingehen, lieber Freund? – Nicht weit von hier, edler Herr, dort in das Schloß soll ich zehn Werkmeister hohlen, daß sie morgen in der Neuenstadt Fenster machen, und alles ruesten zu dem großen Turnier, welches in der Neuenstadt soll gehalten werden. – Was fuer ein Turnier soll denn gehalten werden? – Herr, Koenig Ansys Tochter von Hispanien, die soll dem Sohn des Koenigs Galyen, Otger, vermaehlt werden. Wer den Dank bei dem Spiele verdient, der soll ein schoenes Roß haben, dessen Sattel von Gold und die Satteldecke mit Perlen gestickt ist, ein koestlicherer Dank ward nie gesehen. Da wird man nun pruefen die Blume der Ritterschaft; Herolden und Spielleuten soll auch große Gabe verehrt werden. Ein Mann mag wohl froehlich turnieren um schoener Frauen willen, denn die Jungfrau, Koenig Ansys Tochter von Hispanien, ist so schoen, als man nicht leicht in der Welt eine Schoenheit findet.

Maller verließ den Boten und ritt weiter gegen die Stadt; er nahm sich vor, sich nicht eher seinen Eltern zu erkennen zu geben, bis er zehn der staerksten Ritter turniert haette. Dann befahl er sich Gott, seiner heiligen Mutter und St. Julian; dieser ist ein Heiliger, den man anzurufen pflegt, daß einem Gott gute Herberge beschere.

Als er in die Stadt einritt, da sah er viel edle Herren, Ritter und Knappen, auch viel schoene Frauen. Dabei ertoenten ihm allenthalben Pfeifen, Posaunen und mancherlei Saitenspiel entgegen. Ewiger Gott, sprach da Maller, wie ist eines armen Mannes Leben doch ungluecklich, jetzt habe ich dieß erfahren; wie muß sich einer quaelen, der keinen Reichthum hat, waehrend der Reiche sich das Leben so trefflich schmuecken kann. O Gott, wie ist dieß alles so nichtig! Waere nicht Lother, mein Herr, und mein geliebtes Weib Scheidechin, die ich so gern aus dem Gefaengniß befreiete, so verließ ich die weltliche Ehre und alle ihre Lust und Freude, ginge einsam in einen Wald, da moechte ich Gott dienen, denn nur dann waere ich unvergaenglicher Freude gewiß. –

Er ritt weiter in die Stadt hinein und bat an vielen Orten um Herberge, aber jedermann spottete seiner und hieß ihn weiter gehen. Da lachte er in seinem Herzen, denn er wußte wohl, haette er sich zu erkennen gegeben, er wuerde allenthalben Herberge gefunden haben. Endlich ward er in eines reichen Kaufmanns Hause aufgenommen. Hier sah er, wie jeder, der in dem Hause herbergte, seinen Helm vor das Fenster gestellt hatte, er bat also seinen Wirth, er moechte dafuer sorgen, daß auch sein Helm an ein Fenster aufgehaengt wuerde, damit man sehen moege, daß er mit turnieren wolle, und versprach dem Wirthe zehn Gulden dafuer. Der Wirth war des Geldes begierig, und befahl seinem Knechte, er solle den Helm an ein Fenster aufhaengen. Maller gab dem Knechte einen Gulden, dafuer ihm dieser dankte, und wie im Spotte hinzufuegte: Ich will es Euch besorgen, wenn Ihr mir versprechen wollt, mich zum Ritter zu schlagen, wenn Ihr morgen den Dank verdient, denn ich habe schon lange begehrt, Ritter zu werden. Maller antwortete lachend: Mehr als Du verlangst, sollst Du von mir haben. Der Knecht nahm den Helm und hing ihn spottweise hoeher als alle anderen Helme auf, damit er recht in die Augen fiele. Und so verspottete der Knecht ihn auf alle Weise, und bei allem, was Maller von ihm verlangte, denn er hielt ihn fuer einen gar armseligen Ritter, der auf Abentheuer herumzieht, um etwas zu gewinnen. Maller lachte aber des Knechts, und wußte ihn so zu gewinnen, daß er sowohl als der Wirth ihm alles zu Liebe thaten, was er verlangte.

Maller ging hierauf in der Stadt umher spazieren und kam auch vor den Pallast; hier begegnete er Otger, seinem Bruder, mit ihm ging sein Vater, Koenig Ansys, und der Bastard von Cueneber, Koenig Ansys Sohn. Als Maller die Fuersten alle kommen sah, fragte er einen Diener, wer sie waeren, und da er seinen Vater nennen hoerte, da traten ihm Thraenen in die Augen. Die Fuersten machten Otger auf Maller aufmerksam, weil er ihm vollkommen aehnlich sah. Koenig Galyen, sein Vater, kam auf ihn zu, da verneigte Maller sich ehrerbietig. Sage mir, lieber Geselle, sprach der Koenig, wo koemmst Du her? – Herr, antwortete Maller, das sollt Ihr morgen wohl gewahr werden, wenn man turnieren wird. Ich bin ein armer Geselle, suche Abentheuer, und bin hergekommen, den Dank zu verdienen; verdiene ich ihn aber, so soll Gott den verdammen, der ihn mir streitig machen wird. – Koenig Galyen lachte und wandte sich wieder zu den Fuersten. Welch ein naerrischer junger Mensch ist dieß, sprach er, wornach ich ihn fragte, darauf antwortete er nicht, und sagte mir dafuer allerlei thoerichte Dinge.

Darauf begegnete Maller seiner Mutter; da wallte sein Blut ihm heftiger in den Adern, er wußte nicht, sollte er sie anreden und sich ihr zu erkennen geben, oder nicht; doch besann er sich auf seinen Schwur, er wolle sich nicht eher zu erkennen geben, er habe dann gegen die tapfersten und beruehmtesten Ritter gestochen.

Die Herren und Damen fingen nun einen schoenen Tanz an; da nahm Maller die schoenste Frau aus der Reihe, und tanzte mit ihr so schoen, und sprang so leicht mit ihr, wie ein Voegelchen, so daß alle Frauen ihn liebgewannen, und auch die Ritter sprachen: Welch ein schoener Juengling ist dieß, alles, was er thut, steht ihm wohl an.

 

Das achtzehnte Kapitel

Den andern Morgen frueh legte Maller eine schoene Ruestung an, die er von Zormerin bekommen hatte, und ritt auf den Platz vor dem Pallast, wo das Stechen sollte gehalten werden; der Knecht aus der Herberge, Gernier genannt, begleitete ihn als sein Knappe. Zuerst sah Maller, wie sein Bruder mit Koenig Ansys Tochter zusammengegeben wurde; sobald dies geschehen war, begab sich ein jeder hin zu turnieren. Zehn Fuersten hielten auf dem Rennplatz, um gegen jedermann zu stechen, der es verlangen wuerde. Die Frauen gingen auf ein schoenes Geruest, welches eigentlich dazu verfertigt war. Ihrer waren wohl dreihundert an der Zahl; Rosemunde, Mallers Mutter, saß in der Mitte bei Koenig Ansys Tochter, und die Frauen von beiden Seiten um sie her. Vortreffliche Schoenheit, Anmuth und Zierde war genug da zu sehen; aber auch genug Hoffart und Uebermuth. Mancher schoene Ritter hatte seine Liebste dort, und manche Frau, die von Herzen wuenschte, ihr Mann moechte nicht lebendig aus dem Turniere kommen.

Maller ritt hin zu den Leuten, welche die Speere austheilten, und verlangte auch einen Speer. Als sie ihn aber nur von einem einzigen Knechte begleitet sahen, da sprachen sie: Wer seid Ihr? wo kommt Ihr her? weß Landes? waren Eure Wappen zur Schau gestellt? – Sie sind zur Schau gestellt worden, mein Knecht wird es bezeugen. – Man wollte es ihm dennoch nicht glauben, als zwei Herolde, welche zufaellig dabei standen, darauf schwuren, das Wappen den Tag vorher zur Schau gestellt gesehen zu haben. Nun erst bekam Maller einen Speer. Er fuehrte ganz seines Vaters Wappen, bis auf den halben Loewen, diesen hatte er dazusetzen lassen. Als er nun in die Schranken einritt, wunderte sich ein jeder ueber dieses Wappen; selbst der alte Koenig Galyen war erstaunt, woher der Fremde dieß Wappen habe. Da Maller nun in die Schranken ritt, und vor dem Koenige vorbei kam, neigte er sich hoeflich und ehrerbietig vor ihm. Der Koenig dankte ihm freundlich und redete ihn an: Ich wundere mich des Wappens, das Du fuehrst, Geselle, denn es ist ganz mein Wappen, ausgenommen den halben Loewen. Drum sage mir, wo hast Du es her? – Herr, ich habe mir das Wappen nach meinem Willen mahlen lassen, nicht Euch damit zu kraenken, sondern Euch zu ehren und zu preisen, darum bitte ich Euch, daß Ihr mir vergoennt, damit zu stechen. – Was, rief einer von den Rittern, Du uebermuethiger Lecker, wie darfst Du Dich unterstehen, des Koenigs Wappen zu fuehren? Macht nicht so viel Worte, entgegnete Maller, und erzuernt Euch nicht so sehr, ich bitte Euch gar sehr darum! Bringt mir einen Eurer tapfersten Gesellen, ich will dieß Wappen an ihm bewaehren! – Koenig Galyen mußte lachen ueber des Mallers kecke Rede. Geselle, sprach er, dieß Wappen soll Dir zu fuehren erlaubt sein, unter der Bedingung, daß Du gegen einen Ritter stichst, den ich Dir zuschicken will, und machst Du dem Wappen alsdann keine Ehre, so will ich Dir so mitspielen, daß alles dem Wappen verkehrt werde, das oberste soll zu unterst kommen. – Das geschehe, Herr, erwiederte Maller; doch habe ich zuvor noch ein Begehren, das Ihr mir gnaedigst zusagen moechtet. – Es sei Dir gewaehrt, was ist Dein Begehren? – Man hat ausgerufen, daß man vier Lanzen brechen muesse, ehe man den Dank verdient, ich bitte mir aus, acht Lanzen brechen zu duerfen. – Der Koenig, nachdem er eingewilligt, ritt fort und ließ sich waffnen. Er legte eine unbekannte Ruestung an, als ein fremder Ritter, zog in die Schranken, und begehrte gegen Maller zu stechen, der auch gleich dazu bereit war. Sie rannten beide gegeneinander, Maller aber traf seinen Vater grade an das Visier an seinem Helm, so daß ihm der Helm vom Kopfe fiel und seine Lanze dabei zerbrach. Der Koenig mußte fallen, er mochte wollen oder nicht. Da liefen mehr denn hundert hinzu, den Koenig wieder aufzuheben; Maller konnte vor den Leuten nicht erkennen, daß es sein Vater selber gewesen, den er heruntergestochen, er waere sonst gewiß niedergekniet und haette ihn um Gnade und Verzeihung geflehet. Man trug den Koenig hinweg in seinen Pallast, hier ließ er sich entwaffnen und einen Becher mit Wein reichen, den trank er aus, dann setzte er sich wieder zu Pferde und sagte zum Bastard von Cueneber: Ich bitte Euch, brecht gegen den Abentheurer ein paar Speere. Wo Ihr ihn niederstecht, will ich Euch alsdann reich beschenken. – Der Koenig erwaehlte den Bastard dazu, weil er sehr groß und stark und tapfer war. Er rannte auch sogleich gegen Maller, und ward von ihm, so wie der Koenig, niedergestoßen, indem er ihn in das Visier traf, dabei fiel das Pferd dem Bastard so hart auf, daß ihm ein Bein zerbrach. Er schrie so entsetzlich vor Schmerz bei dem Falle, daß alle, die es hoerten, glaubten, er wuerde sterben. Koenig Ansys ließ seinen Sohn von der Stechbahn tragen, und alle Fuersten betruebten sich um ihn. Da rief Koenig Galyen einen frommen Grafen, der schon in vierzehn Schlachten das Panier vor dem Koenige getragen hatte. Graf Richard, lieber Neffe, sprach Galyen, ich bitte Euch, brecht eine Lanze mit dem Abentheurer. Herr, antwortete der Graf, mich duenkt, es ist heute kein guter Stern, gegen den Abentheurer zu stechen, ich will bis morgen warten. – Geon, Koenig Ansys aeltester Sohn, winkte nun Mallern mit der Hand, und Maller war auch gleich bereit; er waere lieber gleich gestorben, als an diesem Tage den Dank nicht zu gewinnen, weil er dann hoffte, sich von seinen Eltern und Freunden desto lieber als den Ihrigen erkannt zu sehen, und desto eher auf Huelfe fuer Lother zaehlen zu duerfen. Denn seinen Freund hatte er bestaendig im Sinne und vergaß ihn nicht einen Augenblick bei allem, was er that. Maller stach auch den Geon hinunter, daß er mit einem Fuß im Steigbuegel haengen blieb, und so ward er vom Pferde in der Bahn herumgeschleift. Es entstand ein Getuemmel und Geschrei unter dem Volke bei diesem Anblick, als ob die Erde bebte. Da ritt sein Bruder Otger zu ihm, und bat ihn, eine Lanze mit ihm zu brechen. Das geschieht nimmermehr, entgegnete Maller, ich wollte um alles in der Welt nicht gegen Euch rennen; mich selber halte ich fuer sehr geringe, und achte mich keinesweges, aber Eurentwegen thaete es mir sehr leid, Euer Vater und Mutter und Eure Braut, die moechten mich wohl verfluchen, wenn ich Euch herunter staeche, darum renne ich nicht gegen Euch. Bei meiner Treue, sprach Otger, Ihr seid ein sehr tugendhafter Ritter; wollt Ihr bei meinem Vater und bei mir hier bleiben, so wollen wir Euch gut halten. – Ich danke Euch sehr, erwiederte Maller, es moechte sich vielleicht thun lassen, wenn ich einen guten Herrn faende, so diente ich ihm wohl. Darauf ritt Otger wieder fort.

Maller brach die acht Speere gar ritterlich und mit schoenen Turnieren; obgleich er bei dem vierten schon den Dank verdient haette, und die Herolde schon anfingen, sein Lob und seinen Sieg mit vielen schoenen Worten auszurufen, so ließ er es doch nicht dabei bewenden, bis er seine acht Speere allesammt gebrochen und acht Ritter damit heruntergestochen hatte. Koenig Galyen befahl seinen Pfeifern und Spielleuten, den Maller nach seiner Herberge zu geleiten, und auch die Herolde zogen mit schoenen Gesaengen voraus; da ließ Maller eine schoene Mahlzeit zubereiten von Gefluegel, Fisch und Wildpret, auch Wein genug, und bewirthete alle, die da kommen wollten.

Unterdessen er in seiner Herberge fuer seine Gaeste alles bereitete, kam Koenig Galyen und brachte den Dank zu ihm in die Herberge. Es war ein vortreffliches Roß, darauf lag ein goldner Sattel, die Steigbuegel waren von seidnem Gewebe, mit Edelsteinen und Perlen wohl verziert. Zwo Koeniginnen fuehrten es, die eine war die schoene Rosemunde, Mallers Mutter, und die andere Koenig Ansys Tochter. Koenig Ansys selber, Koenig Galyen und sein Sohn, Otger, und viele andere Fuersten kamen mit und folgten dem Roß, so wie auch viel schoene Frauen und die beste Ritterschaft folgte. Auf dem Rosse saß ein kleiner Edelknabe, der war mit seidnem Gewand wohl gekleidet und mit koestlichen Kleinodien geziert; auf dem Kopfe trug er einen goldnen Kranz, der war mit Edelsteinen reich besetzt; auch die beiden Koeniginnen, welche das Roß fuehrten, waren mit goldnen Kronen auf's herrlichste geschmueckt und mit reichen Gewaendern gekleidet. In so schoener Ordnung, und mit so herrlichem Gefolge, gingen sie durch die Stadt, bis nach Mallers Herberge. Als Maller sie kommen sah, ward sein Herz froh und er dankte Gott im Stillen.

Koenig Galyen sprach: Herr, empfanget diesen Dank, Ihr habt ihn mit Eurer ritterlichen Tugend wohl verdient. – Habe ich den Dank verdient, entgegnete Maller, so verdanke ich es Gott, der mir die Kraft dazu verliehen, und dann den schoenen Frauen, die mir im Sinne lagen. Darauf nahm er den Becher, gab seinem Vater zu trinken, dann seiner Mutter, und dann seinem Großvater, gleichfalls Galyen genannt, dann seinem Bruder Otger. Das nahm Koenig Ansys uebel, daß er den Vieren vor ihm zu trinken gab, er glaubte verschmaehet zu sein, kehrte sich um und wollte hinausgehen. Edler Koenig, rief Maller, laßt es Euch nicht verdrießen, daß ich den Vieren habe zuerst zu trinken gereicht: denn der Erste, dem ich gab, das war der, der mich erzeugte; die Zweite die, welche mich getragen; dann gab ich meinem Ahnherrn, von dem mein Vater und ich abstamme, und dann meinem Bruder. Mit diesen Worten fiel er seinem Vater um den Hals, drueckte und kueßte ihn, dann umarmte er seine Mutter auch und rief: Sehet Euern Sohn Maller, den Koenig Karl von Frankreich erzogen! Da war die Freude gar groß, Maller wurde von Allen willkommen geheißen, und sehr geliebkost von allen Verwandten und Freunden. Der Knecht Gernier drang durch das Volk, fiel Maller zu Fueßen und bat ihn um Verzeihung, daß er seinen Scherz mit ihm getrieben und ihn verspottet hatte. Du hast mir wohl gedient, sprach Maller, ich will dich dafuer lohnen. Er schlug ihn zum Ritter, und gab ihm ein Land nebst großem Gut. Dem Wirth gab er das Roß nebst den Schaetzen, welche er zum Dank erhalten, bat ihn, daß er zu Gott stehe, daß er ihm in seinem Vorhaben beistaende; dieß versprach auch der Wirth, und darauf lud Maller ihn und seine Frau zur Tafel ein, und sie begaben sich allesammt nach dem Pallast, wo die Tische mit vortrefflichen Speisen schon bereitet standen. Ehe sie sich aber zu Tische setzten, trug Maller noch sein Begehren vor, und bat um Huelfe fuer Lothern und fuer seine Hausfrau Scheidechin, erzaehlte auch alles, was ihnen begegnet, und die Verraetherei des falschen Otto. Ich gehe nicht eher zu Tische, will mich nicht eher ergetzen, nicht ruhen oder rasten, bis ich Huelfe gefunden fuer meinen Herrn, Lother, und fuer meine Hausfrau. – Lieber Sohn, rief Mallers Ahnherr, ich werde Dich nicht verlassen! Auch ich nicht, sprach Galyen, ich helfe Dir mit fuenfzehntausend Gewaffneten. Auch ich, lieber Bruder, rief Otger, helfe Dir nach bestem Vermoegen. Und ich nicht minder, sagte Koenig Ansys, ich will Lother, meinen Anverwandten, nicht in Noth stecken lassen. Da war Mallers Herz hoch erfreut, er dankte allen und umarmte sie; dann fiel er vor seinem Vater auf die Knie nieder und bat ihn um Verzeihung, daß er wider ihn hatte gestochen. Das verzieh ihm sein Vater willig und segnete seine ritterliche Kraft. Rosemunde konnte nicht aufhoeren, ihn zu liebkosen, zu herzen und zu kuessen, sie war voller Freude, einen so tapfern Sohn zu haben; und Alle setzten sich froehlich und voll Freude an die Tafel nieder, wo sie vergnuegt aßen und tranken und mit einander kosten, bis Otger mit seiner Braut sich schlafen legte.

Des andern Tages schrieben die Fuersten sogleich die Briefe und schickten sie nach allen ihren Laendern, daß jeder, der waffenfaehig waere, sich rueste, und daß jeder sich zu ihnen versammle. Maller blieb dabei und trieb sie an, daß alles desto eher in Ordnung kam und alles auf das baldeste zum Zuge bereit war.

 

Das neunzehnte Kapitel

Unterdessen hatte Otto erfahren, daß Zormerin wieder Konstantinopel bei ihrem Vater lebte; er schickte also eine sehr große Gesandtschaft zum Koenig Orschier und ließ ihm entbieten, Lother von Frankreich sei todt, und wenn er seine Tochter Zormerin nun dem Koenige Otto zur Frau geben wollte, so wuerde dieser einen Bund mit ihm schließen, und ihm mit aller Macht gegen die Heiden zu Huelfe kommen, und wenn Zormerin einen Sohn von ihm bekaeme, so sollte dieser das ganze Koenigreich Lombardei erben.

Koenig Orschier war mit diesem Vorschlag wohl zufrieden, nahm die Gesandten sehr wohl auf, und sandte sogleich nach Koenig Otto. Dieser kam auch sogleich mit herrlichem Gefolge und mit solchem Reichthum, daß jedermann darueber sich verwunderte.

Zormerin war ganz in Verzweiflung, als ihr die Sache gemeldet ward; sie raufte ihr Haar aus, und zerschlug mit ihrer Hand das schoene Gesicht und den weißen Busen. O weh mir armen elenden Frau, schrie sie; will mir denn Gott nicht aus dieser Noth helfen? O Maria, Mutter Gottes, Du reine Jungfrau, rette mich, daß ich nicht muß meinen Leib dem falschen Verraether hingeben, und meine Seele in Verdammniß komme! So schrie sie, betete und weinte gar jaemmerlich. Synoglar, welche sich unter ihren Frauen bei ihr hielt, und sie sehr liebte, suchte sie zu troesten mit Liebe und sanften Worten, aber sie vermochte es nicht. Zormerin blieb untroestlich, und als Koenig Orschier zu ihr schickte und ihr sagen ließ, daß sie vor Koenig Otto kommen sollte, da ließ sie ihm zuruecksagen, sie waere sehr krank und koenne nicht erscheinen; legte sich auch wirklich in's Bette, denn sie fuehlte sich sehr elend; nahm sich aber da im Herzen vor, wenn sie sollte zur Ehe mit Otto gezwungen werden, so wolle sie ihn toedten, und sollte sie darum auch ihr Leben verlieren. Darauf rief sie Synoglar zu sich und sagte: Synoglar, ich moechte Dir wohl einen Einfall vertrauen, den ich habe, und zu dessen Ausfuehrung Du mir helfen mußt, wenn Du mir versprichst, mir treu zu sein und verschwiegen. – Redet, geliebtes Fraeulein, erwiederte Synoglar, so helfe Gott mir und seine Mutter, als ich Euch treulich will helfen; wollte Gott, Ihr haettet etwas gefunden, wodurch wir Euern Gemahl aus dem Gefaengniß erloesten, denn nimmermehr glaube ich dem Schalk Otto, daß Lother todt sei. – Das ist es eben, fiel Zormerin ein, worin Du mir helfen sollst. Geh hin, und rufe mir Otto her, sag ihm, ich sei zwar krank, aber nicht so sehr, daß ich ihn nicht gern sprechen sollte, denn ich liebte ihn heimlich, und die Liebe zu ihm verzehre mich ganz. Suche ihn von meiner Liebe ganz zu bereden, daß er sie fest glaubt und mit Zuversicht zu mir koemmt; ich will ihm dann mit List seinen Siegelring zu entwenden suchen, mit diesem einen Brief untersiegeln, den ich in seinem Nahmen an seinen Burgvogt zu Pavia schreiben will; darein will ich setzen, er solle sogleich Lother und die andern Gefangenen frei hinausgehen lassen. Ihr, Synoglar, mueßt der Bote sein und den Brief dem Burgvogt nach Pavia bringen; habt Ihr dann Lother erst heraus in's freie Feld, dann sagt ihm die Wahrheit von allem, und gebt Euch ihm zu erkennen. – O geliebtes Fraeulein, rief Synoglar, welch eine treffliche Erfindung habt Ihr ersonnen! Ich will auch sogleich hingehen und es in's Werk richten. – Sie eilte zu Otto und richtete ihren Auftrag auf's Beste aus. Eure unglueckliche Flucht und Gefangenschaft, redete sie schmeichelnd zu ihm, und Lothers Sieg war Schuld, daß Zormerin ihrem Vater gehorchen und Lothern heirathen mußte; aber sie liebte ihn nie und liebte immer nur Euch, Herr Otto. – Otto ließ sich von diesen Reden bethoeren und glaubte ihnen, denn er bildete sich ein, den Frauen wohl zu gefallen, und folgte der listigen Synoglar in Zormerins Zimmer. Hier begegnete ihm das boese Vorzeichen, daß er ueber die Schwelle stolperte, und der Laenge nach so hart in das Zimmer hereinfiel, daß die Erde davon erdroehnte. Er stand beschaemt wieder auf; Synoglar konnte sich des lauten Lachens kaum enthalten, Zormerin aber wuenschte im Stillen, daß er den Hals gebrochen haette.

Darauf that sie sich Gewalt an und rief ihn mit freundlicher Stimme zu sich, bat ihn auch schmeichelnd, daß er sich zu ihr auf's Bett setzen moechte. Er war ganz blind vor verliebtem Eifer, setzte sich zu ihr, und indem sie ihm von ihrer Liebe zu ihm klagte, und gar freundlich und lieblich mit ihm koste, er auch nicht wußte, vor großer Freude, wie ihm geschah, da griff sie nach einem seidenen Beutel, der an seinem Guertel hing. Herr, fing sie an, was habt Ihr in diesem Beutel? Sind es schoene Ringlein, so wollte ich wohl eins davon haben, ich truege es dann Euch zu Lieb an meiner Hand. – Nehmet daraus schoene Zormerin, was Euch gefaellt, sprach der entzueckte Otto. – Da suchte sie lang in dem Beutel und zog ein kleines Ringlein heraus, das sie sich an den Finger steckte, zugleich aber stahl sie ihm den Siegelring, ohne daß er es merkte, indem er sie unverwandt mit seinen verliebten Blicken anschaute, und nicht Acht gab, was sie that. Zormerin war so froh, als sie den Siegelring hatte, daß sie gutes Muthes und froehlich mit ihm scherzte, und ihn voellig um seine Sinne brachte. Und da er sie sehr bat, daß sie ihn zum Gemahl annehmen moechte, da klagte sie ihm, wie sie sich jetzt zu krank fuehle, sobald sie aber wieder gesund sei, wolle sie seine Gemahlin werden. Darauf ging Otto wieder von Zormerin zu Koenig Orschier, der ihn zur Tafel hatte rufen lassen.

Zormerin blieb allein mit Synoglar, und nun machte sie sich gleich an den Brief. Sie schrieb ihn ganz so, als wenn der Koenig an den Burggrafen einen Befehl ergehen laeßt, unterschrieb Otto's Nahmenszug, und drueckte sein Petschaft darunter. Darauf uebergab sie ihn Synoglar, die sich, waehrend jene geschrieben, als ein Botschafter angethan und ihr Pferd bereitet hatte, worauf sie sich sogleich mit dem Brief auf den Weg nach Pavia machte.

Zormerin warf den Siegelring vor die Thuer ihres Gemachs auf die Erde. Nach der Tafel ging Otto sogleich wieder zu ihr, da fand er ihn vor der Thuere liegen; er hob ihn auf und meinte, er muesse ihn erst haben fallen lassen, da Zormerin den Beutel durchsuchend, ihn nicht recht wieder zugemacht habe, und beunruhigte sich nicht weiter darueber, sondern ging wieder zur schoenen Zormerin und sprach mit ihr von seiner Liebe. Sie redete freundlich mit ihm, aber ihr Herz war bei Lother.

Synoglar kam ohne Verhinderung zu Pavia an und ließ sich sogleich vor den Burggrafen fuehrte, vor diesem kniete sie nieder, grueßte ihn im Nahmen seines Herrn, Otto, und uebergab ihm den Brief. Als der Burggraf ihn durchgelesen und seines Herrn Insiegel erkannt hatte, da ward er der Botschaft sehr froh, denn er liebte den Lother sehr, er wußte auch wohl, daß er mit Unrecht gefangen lag. Er ging also mit froehlicher Geberde zu Lothern in den Thurm. Herr, gebt mir ein gutes Trinkgeld, sagte er, ich bringe Euch gute Botschaft. Ihr seid frei! Koenig Otto hat mir geschrieben, daß ich Euch und die uebrigen Gefangenen losgeben und Euch zu ihm nach Konstantinopel fuehren soll, dort will er sich mit Euch aussoehnen. Wie froh bin ich, daß mein Herr, der Koenig Otto, sein Unrecht einsieht. Mir war es immer um Euch leid, Herr Lother, und ich danke Gott, daß es nun so weit mit Euch gekommen ist. Lother wollte erst den Worten gar nicht glauben, und hielt dafuer, der Burggraf wolle seiner spotten, doch als er hoerte, wie dieser so gar ernstlich sprach, und so guetlich zu ihm redete, da dankte er ihm gar freundlich fuer seine gute Freundschaft, und er ging mit ihm aus dem Thurm, in welchem er so manches Jahr trauernd verlebte. Alle Leute zu Pavia wunderten sich, da sie Lothern frei umhergehen sahen; da ließ der Burggraf den Brief, den er vom Koenig Otto empfangen, laut vorlesen, und jedem, der ihn lesen wollte, zeigen; da freute sich jedermann, und man ging zu Lothern hin und wuenschte ihm Glueck. Synoglar ging in den Pallast, wo Lother war, aus und ein, sprach auch mit ihm, aber er konnte sie nicht erkennen, sie war in fremder Tracht und hatte sich Gesicht und Haende mit Kraeutern gefaerbt.

Der Burggraf schickte nun auch zu Scheidechin und zu den andern gefangnen Frauen, die in einer andern Stadt lagen, und ließ sie allesammt nach Pavia fuehren. Scheidechin war ehemahls unter die schoensten Jungfrauen, die auf Erden lebten, gezaehlt worden, aber nun war ihre Schoenheit dahin und ganz verblichen, denn sie hatte in ihrem Gefaengniß Frost und Hunger, und an Allem Mangel gelitten, was die Schoenheit einer Frau erhaelt. Lother umarmte sie, und kueßte sie mit vielen Thraenen, da er sie so gar verblichen sah. Ach Herr, sprach sie, ich habe meinen Gatten, Euern treuen Gesellen, verloren, ich sah ihn fallen, als ich noch auf dem Wagen saß. Gott und seine liebe Mutter wissen es, nun kann ich niemahls wieder froh werden, denn er war der getreueste Mann, den man wohl je finden mag. – Seid gutes Muthes, junge Frau! Euer Mann lebt noch; mein Geselle, Maller und meine Hausfrau Zormerin, die waren bei mir als Spielleute. – Nun ward Scheidechin erst ihrer Freiheit froh. – Der Burggraf ließ hierauf Wasser bringen, sie wuschen sich, und setzten sich allesammt zu Tisch. Denselben ganzen Tag blieben sie zu Pavia. Des andern Morgens aber, ganz frueh, machten sie sich alle auf den Weg nach Konstantinopel. Die Frauen wurden auf einen Wagen gesetzt, der Burggraf und Lother ritten, von zwanzig gewaffneten Lombarden begleitet, und Synoglar, auf einem guten Pferde sitzend, eroeffnete den Zug.

Vier Tage reisten sie schon, ohne daß sie haette Gelegenheit gefunden, sich dem Lothar zu erkennen zu geben, oder ihm ein Wort zu sagen. Nun machte es sich aber eines Tages, als sie vor einem schoenen kuehlen Brunnen vorbei kamen, daß Lother abstieg und zu dem Brunnen hinging, um zu trinken. Die Lombarden ritten alle weiter, ohne sich aufzuhalten; dieß nahm Synoglar wahr. Herr Lother, ich will auch trinken! rief sie, wandte ihr Pferd und ritt hin zu dem Brunnen, wo Lother abgestiegen war. Sie stieg gleichfalls vom Pferde, anstatt aber zu trinken, nahte sie sich ihm und sprach eilend: Seht mich an, Herr Lother, ich bin Synoglar; Frau Zormerin hat dem Verraether Otto sein Insiegel entwendet, hat den Brief an den Burggrafen geschrieben, den ich, als Bote gekleidet, ueberbrachte, und so seid Ihr aus dem Thurm gekommen. Koenig Orschier will seine Tochter dem Verraether Otto geben, der Euch fuer gestorben ausgab. Jetzt aber seht zu, wie Ihr Euch und die Uebrigen losmachet; ich muß mich abstehlen und auf einem andern Weg nach Konstantinopel zu meinem gnaedigen Fraeulein Zormerin reiten. – Lother hatte sie, waehrend sie redete, erkannt, und sprach: Grueßet meine Hausfrau freundlich von mir, ich will sie binnen kurzem sehen, es koste auch was es wolle. Darauf stieg Synoglar wieder auf ihr Pferd, wandte sich, und ritt einen andern Weg. Darauf gab der Burggraf nicht Acht und meinte, sie waeren hinten bei dem Zuge, oder haette sich irgend verweilt.

Lother ritt hin zu Scheidechin an den Wagen und erzaehlte ihr heimlich die ganze Sache. Dann setzte er hinzu: Liebe Scheidechin, Ihr mueßt nun sehen, wie Ihr Euch losmacht, denn ich kann Euch weiter nicht helfen.

Die Nacht blieben sie in einem Dorfe liegen, um auszuruhen. Da sie aber nichts zu essen oder trinken vorfanden, mußten sie sehr bald zu Bette gehen. Scheidechin, als sie merkte, daß die Lombarden fest eingeschlafen waren, stand auf, weckte die anderen Frauen, erzaehlte ihnen kurz, was sich alles zugetragen, und wie sie sich nun davon machen mueßten, worauf sich alle die Roecke kuerzten, so daß sie wie Knappen einhergingen, schlichen leise aus dem Hause, worauf sie denn, so eilends als moeglich, sich nach dem nahen Walde fluechteten. Lother zerschnitt sein Bett-Tuch, knuepfte es an den Fensterpfosten und ließ sich daran hinab. Er lief nach dem naechsten Dorf, hier stellte er sich, als sei er sehr krank, legte sich in's Bett, und ließ den Pfarrer hohlen. Unterdessen erwachte der Burggraf, und da er sah, daß der Tag angebrochen war, stand er auf und ging hinaus, Lothern und die Uebrigen aufzuwecken. Da er Lothern nicht fand, erschrak er; er sah die zerschnittenen Bett-Tuecher im Fenster, und nun merkte er, daß Lother entflohen sei, worueber er nicht wußte, was er denken sollte, und ganz wie ein Unsinniger umherlief. Da nun auch an den Tag kam, daß die Frauen gleichfalls entflohen waren, merkte er, daß irgend eine Verraetherei im Spiele sein muesse, und sah zu seinem Schrecken voraus, daß er es mit dem Leben werde bueßen muessen. Er ließ seine Gesellen zehn verschiedene Wege nehmen, allenthalben nachsuchen, ob sie keinen wiederfinden wuerden, und bestellte sich mit ihnen in eine Stadt, wo sie wieder zusammenkommen wollten. Ihr Nachsuchen war aber umsonst: Lother hielt sich still wie ein Kranker im Bette, und ließ niemand vor sich als den Geistlichen, bis er ungefaehr wohl denken konnte, daß die Lombarden die Gegend verlassen haetten.

Der Burggraf ging nun betruebt mit seinen Gesellen nach Konstantinopel, und kniete vor Otto nieder, der bei Zormerin saß. Gott grueße Euch, Burggraf, sprach Otto, welch ein Geschaeft fuehrt Dich hieher zu mir in diesem fremden Lande? – Herr, ich bringe Euch boese Nachrichten. Ich wollte Euch Lothern herfuehren, so wie Ihr mir es in Eurem Briefe befahlt, er ist aber entflohen. Ueber diese Botschaft erstarrte Otto fast fuer Entsetzen. Was? schrie er, was sagst Du, Burggraf? Ich habe nie den Gedanken gehabt, Dir zu schreiben, daß Du Lothern sollst heraus lassen. Du falscher Boesewicht, Du hast ihn heraus gelassen, so mußt Du ohne Verzug sterben. Er rief seine Raethe zusammen und klagte ihnen die Verraetherei. Wie soll ich es doch machen, rief er, um zu erfahren, wer mir diesen Streich gespielt. Die Raethe sprachen: Herr, es kann nicht fehlen, es ist sicher durch Frauen geschehen. Die weisesten und staerksten Maenner sind durch Frauen betrogen worden; wenn diese auf eine Sache ihren Sinn gesetzt haben, so hilft nichts, wie man sich auch vorsehen mag. – Ja, ja, rief der Burggraf in seiner Noth, Herr, Eure Raethe reden die Wahrheit! – Aber diese Reden halfen dem armen Burggrafen nicht; Otto ließ in seiner Wuth sowohl ihn als alle seine Gesellen an den Galgen haengen.

 

Das zwanzigste Kapitel

Darauf ging Otto zu Koenig Orschier, und fuehrte Klage gegen Zormerin, daß sie ihm sein Insiegel gestohlen und damit einen falschen Brief an seinen Burggrafen in Pavia geschrieben, daß dieser mußte Lothern frei lassen. Herr Koenig, sagte er, wegen dieser Verraetherei verlange ich Urtheil und Recht gegen Eure Tochter. – Hat sie diese Bosheit gethan, sagte Koenig Orschier, so will ich sie verbrennen lassen. Hiermit schickte er einen Ritter zu ihr, der mußte sie rufen; sie saß eben und ließ sich von Synoglar alles erzaehlen, wie es mit Lothern gegangen war, und was sich alles mit ihr zugetragen. Da sie die Botschaft vom Koenig, ihrem Vater, vernahm, ging sie sogleich zu ihm. Als Koenig Orschier sie sah, rief er ihr mit zorniger Stimme entgegen: Tochter, Koenig Otto klaget Dich an, Du habest ihm sein Insiegel gestohlen, damit habest Du einen falschen Brief gemacht und diesen an seinen Burggrafen nach Pavia geschickt, daß er Lothern aus dem Gefaengnisse lassen solle. – Vater, waere ich ein Mann, ich wollte das verantworten, Leib gegen Leib, gegen jeden, der mich dessen beschuldigt. Aber ich bin eine Frau, und kann mich nun nicht vertheidigen. – Ihr koennt nicht laeugnen, sprach Otto, ich fand meinen Siegelring vor Eurer Thuere liegen. Das Blut in den Adern erstarrte mir vor Schrecken, als ich ihn liegen sah; aber Eure schoenen Worte, und Eure freundlichen Geberden machten, daß ich es gleich wieder vergaß. – Herr, erwiederte Zormerin, war ich Euch freundlich mit Worten und Geberden, so geschah es aus Liebe, wie Ihr wohl werdet wissen, denn ich glaubte damahls, mein Gemahl, Herr Lother, waere todt, so wie Ihr es bezeugtet. Nun dieser aber noch lebt, hat alles sich zwischen uns veraendert, und Gott behuete mich, daß ich einen andern Mann nehmen sollte; auch bin ich unschuldig an dem, wessen Ihr mich anklagt. – Da trat einer von Otto's Gesellen, Herna genannt, hervor; es war derselbe, der damahls das Kleid zu Lother in den Thurm getragen, und ihn mit unvorsichtigen Reden beleidigt hatte. Gnaedige Frau, sprach Herna, Ihr koennt es nicht laeugnen, Ihr habt meinen Herrn verrathen; sucht Euch nun einen Ritter, der fuer Euch kaempfe, den will ich bestehen fuer meinen Herrn, Koenig Otto, so soll Euch dann Euer Vater nach Eurem Verdienste richten. – Es muß gekaempft sein, sprach Orschier, darum, Tochter, gehe und suche Dir einen, der fuer Dich kaempfe.

Zormerin ging hinaus, und schickte wohl nach dreißig ihrer Diener, zu deren jedem sie das Zutrauen hatte, baß er fuer sie in den Tod gehen wuerde; aber sie fand nicht einen, der den Kampf fuer sie bestehen mochte, denn Herna war als ein starker Kaempfer im Lande bekannt. Nun lag Zormerin auf ihren Knien und flehete zu Gott, daß er sie nicht verlassen moechte, da sie alles nur gethan hatte, um ihrem Eheherrn getreu zu bleiben und ihm zu helfen. Gott erhoerte Zormerins Gebeth, und Lother war schon ganz nah an Konstantinopel. In der letzten Herberge, wo er die Nacht zubrachte, eh er in die Stadt hineinging, kaufte er einen falschen Bart von einem Bettler, der ihn immer getragen, und den Leuten vorgeredet hatte, er sei ein Pilger und kaeme vom heiligen Grabe, dafuer gaben ihm die Menschen Almosen. Diesen Bart kaufte Lother nebst einem vollstaendigen Pilgeranzug, und ging so verkleidet nach Konstantinopel. Hier kehrte er bei seinem alten Wirth, Salomon ein, doch gab er sich ihm nicht zu erkennen; er wollte von niemand gekannt sein, und traute sich keinem Menschen an. Salomon und seine Hausfrau nahmen ihn auf, als einen frommen Pilger, und bewirtheten ihn sehr wohl.

Wir lassen Lother hier in der Herberge und kehren zu Zormerin, die keinen Kaempfer fand. Unterdessen sprach Herna eines Tages zu Otto: Herr, es dauert lang, eh Zormerin einen Kaempfer findet, und Ihr koennt Euch nimmer an ihr raechen, so lange ihr Vater, Koenig Orschier, noch lebt, dieser laeßt sich wohl von ihren Bitten noch erweichen. Wollt Ihr aber mir meinen Willen lassen, so will ich Euch bald von Koenig Orschier befreien, dann seid Ihr Herr von Konstantinopel und von Zormerin. – Kannst Du dieß, sprach Otto, so soll es Dir wohl gelohnt werden. Da bereitete Herna ein Gift, das war so stark, daß man des Todes war, sobald man es hinuntergenommen hatte. Koenig Orschier aber trug einen goldnen Ring, darin war ein koestlicher Edelstein gefaßt; dieser Stein hatte unter dem heiligen Kreuze gelegen, als unser Herr Jesus Christus daran die Matter litte, und als Longinus ihn mit dem Speer in die Seite stach, da floß etwas von dem heiligen Blut ueber den Stein; davon behielt er die Eigenschaft, daß er jedes schaedliche Gift merkte, wenn man es nur auf dreißig Schritte nahe brachte, und sogleich aus dem Ring sprang. Niemand wußte um die Eigenschaft des Steines als Koenig Orschier.

Als er nun bei der Tafel saß, und seinen großen goldnen Becher forderte, da wußte Herna das Gift hineinzuthun, daß niemand es merkte. Als aber der Becher vor dem Koenige niedergesetzt ward, da sprang der Edelstein aus dem Ring wohl dreißig Schritte weit in den Saal. Koenig Orschier stand sogleich von der Tafel auf, voller Schrecken. Wie, hab' ich es wohl verschuldet, rief er, daß man mich vergiften will? Ich wueßte doch niemand, dem ich etwas zu Leid gethan haette. Herr, sagte Otto, das Gift ist sicher nicht Eurentwegen hergestellt worden, ich will also nur lieber heimreiten in mein Land, eh ich mich hier vergiften lassen soll! – Sie gaben den Wein einem Hunde zu saufen, der sogleich davon starb; da war es also gewiß, daß es Gift sei. – Ach, ach weh mir! rief Orschier klagend, wer mag es wohl sein, der meines Todes so sehr begehret? – Herr, sprach Herna, keiner kann dieß sein als Eure Tochter, sie kann seinen Kaempfer finden, also meint sie, Euch auf die Seite zu schaffen, um dann hier im Reiche allein zu regieren, dann meinte sie des Kampfs entladen zu sein. Eure Tochter Zormerin klage ich darum an, und wer mir widerspricht, der muß mit mir kaempfen! – Wohlan, sprach Orschier, bringet meine Tochter her. Da liefen wohl zehn Ritter zu Zormerin und ergriffen sie hart. – Ihr lieben Herrn, sprach sie, was wollt Ihr mit mir? – Einer von ihnen sagte: Fraeulein, Ihr mueßt verbrannt werden wegen des Giftes, das Ihr Euerm Herrn Vater vorgesetzt habt. Laeugnen hilft Euch nichts, denn es ist mit dem Ringe bewaehrt. – Jesus behuete mich, sagte Zormerin, welche Reden fuehrt Ihr da? Ewiger Gott, in Deinen Schutz befehle ich mich, sie gehen verraetherisch mit mir um.

Sie wurde wie eine Verbrecherin hinweggefuehrt. Als sie vor ihrem Vater erschien, da fiel sie auf ihre Knie vor ihm nieder: Vater, rief sie, erlaubt, daß ich mich verantworte, denn nie kam solche Frevelthat mir in den Sinn! Schnoede Verbrecherin, rief Orschier, Du kannst die That nicht laeugnen, Du hast mich vergiften wollen! Nein, nimmermehr, bei dem Tod, den ich leiden soll und muß. – Frau, sprach Otto, Ihr sollt verbrannt werden, das habt Ihr an mir wohl verdient, denn fuer mich habt Ihr das Gift bereitet, auch habt Ihr meinem Todfeind herausgeholfen; und wer dieß laeugnet, der mag hervortreten, und es gegen meinen Kaempfer bestreiten. Herna warf bei diesen Worten seinen Handschuh hin, es fand sich aber niemand, der ihn aufnahm. Da rief Koenig Orschier seinen Marschall, und sprach: Marschall, ich, befehle sie Dir, richte Du sie, und schone ihrer nichts denn sie soll nicht mehr meine Tochter sein; ich verlaeugne sie, und will nicht essen oder trinken, bis sie ihre gerechte Strafe empfangen. – Zormerin weinte bitterlich, und ward hinweggefuehrt; und vor dem Pallast ward ein Pfahl in einem Holzstoße aufgerichtet, daran sollte sie verbrannt werden.

Als dieß die Buerger in der Stadt erfuhren, da ward der Jammer um Zormerin allgemein. Maenner, Weiber und Kinder, und alles, was in der Stadt war, das klagte und weinte um sie. Salomo, der Wirth, nebst seiner Frau, die weinten auch gar klaeglich; da fragte sie Lother um die Ursache des großen Trauerns. Weh uns, rief die Wirthin, sollten wir nicht weinen? Des Koenigs einziges Kind, die schoene Zormerin, soll heute verbrannt werden. – Lother erschrack so, daß ihm sein Blut ganz kalt zum Herzen fuhr. Ohne Abschied zu nehmen und ohne sich zu bedanken, ging er aus der Herberge hinaus nach dem Pallast zu. Vor dem Pallast war ein Gedraenge, daß Lother kaum hindurchkommen konnte. Eben fuehrte man Zormerin herbei; sie hatte kein andres Gewand an, als einen schlechten Unterrock, so hatte der Marschall es befohlen. Er stellte sich hoch auf ein Geruest, daß jedermann ihn sehen konnte, und nachdem er dem Volke Stille gebothen, fing er an: Ihr Herren, wir muessen unser Fraeulein zum Tode verurtheilen, wenn ich zuvor dreimal werde gefragt haben, ob niemand fuer sie gegen Herna kaempfen wollte. Findet sich einer, der fuer sie kaempft und den Streit fuer sie gewinnt, so ist sie frei, und der im Kampf verliert, muß haengen; findet sich aber niemand, der fuer sie streiten will gegen Herna, oder der fuer sie streitet, verliert, so muß sie nach Urtheil und Recht verbrannt werden. Da fragte der Marschall einmahl, aber da war niemand, der fuer sie antworten wollte. Zormerin fiel auf ihre Knie und weinte heiße Thraenen; sie sah die Ritterschaft an: Ihr lieben Herren, erloest mich von dieser unverschuldeten Todesstrafe, man beschuldigt mich falsch, mir geschieht Unrecht! So rief sie immerfort, aber die Ritterschaft schwieg stille; da fragte der Marschall zum zweitenmahl, und jetzt erst gelang es dem Lother sich durchzudraengen; er trat hervor mit seinem langen Bart und seinem Pilgerstab. Hoert mich, Ihr Herren, rief er laut, vergoennt mir fuer das Fraeulein zu kaempfen, denn mich duenkt, man geht verraetherisch mit ihr um; ich komme so eben vom heiligen Grabe, und habe nichts, als was ich am Leibe trage, wollt Ihr mich aber waffnen, so will ich kaempfen gegen diesen Schalk, der da stehet, und ueberwindet er mich, so sollt Ihr mich an den Galgen haengen; aber ich vertrau' auf Gott, der den Unschuldigen beisteht; denn ich weiß, das Fraeulein ist unschuldig der That, die man ihr Schuld giebt. Als er ausgeredet, da erhob sich ein Murmeln unter dem Volke; einer sprach zu dem andern: Ich hoffe, der Pilgrim ist von Gott hergesendet worden, unser Fraeulein zu erloesen. Zormerin sprach bei sich: Ach, soll der Pilgrim fuer mich streiten, und er ist viel kleiner als Herna, o Gott, nimm mich in Deinen Schutz! Sie rief den Pilgrim zu sich: Lieber Bruder, kaempfe muthig fuer mich, ich schwoere Dir, es geschieht mir unrecht, ich bin unschuldig an der Verraetherei, deren man mich beschuldigt – Fraeulein, ich kaempfe von Herzen gern fuer Euch, nur sorgt, daß ich Waffen und ein gutes Pferd erhalte. – Das soll Euch nicht fehlen; zuvor laßt mich den Stab kuessen, der das heilige Grab beruehrte. Lother reichte ihr den Stab, und zwar so, daß sie den Ring an seiner Hand erblicken mußte, den sie wohl kannte, weil sie ihm denselben einst an den Finger gesteckt. Als sie den Ring sah, da lebte ihr innerstes Herz; sie sah den Pilgrim an, konnte ihn aber nicht erkennen vor dem langen Bart; da besah sie seine Haende, die waren weich und weiß; an diesen Haenden und an seinen braunen Augen erkannte sie ihn endlich. Da sagte sie dem Marschall: Ich bin zufrieden mit diesem Kaempfer; ich hoffe, Gott der Herr hat ihn mir gesendet: wird er ueberwunden und aufgehenkt, so sollt Ihr mich zur Stunde verbrennen, und ich will Euch nicht um mein Leben bitten. – Da mußte Herna sein Pfand wieder hinwerfen, und der Pilgrim hob es auf. – Bist Du ein Edelmann? fragte ihn Herna. – Niemand ruehme sich selber, antwortete der Pilgrim, mein Schwert wird Dir die Antwort geben.

Man erzaehlte dem Koenige, was sich mit dem Pilger zugetragen, aber es war ihm ein Spott. – Herna ging fort, sich zu waffnen, denn der Pilger drang darauf, der Kampf solle sogleich beginnen. Der Marschall nahm Lother mit in sein Haus, hier gab er ihm eine gute Ruestung, die wußte der Pilger sich so gut anzulegen, und verstand alles so wohl, was zur Ruestung gehoert, daß der Marschall sich sehr darueber wunderte. Darauf setzte er sich zu Pferd, hing seinen Schild ueber, und ergriff die Lanze; darauf setzte er sich fest in den Sattel, ritt hin und her, besah alles Zeug genau an dem Pferde, und versuchte sich mit ihm von allen Seiten. – Mein Gott, dachte da der Marschall, wer sah je einen Pilgrim wie diesen! – Lieber Herr Marschall, sagte Lother, indem er sich bei ihm beurlaubte, nun bittet Gott fuer mich! – Hiermit ritt er auf den Platz, hier fand er Herna, der schon auf ihn wartete; und das war nicht mehr als billig, weil Herna den Handschuh hatte hingeworfen, so mußte er auch der erste auf dem Platze sein. Lother ritt zu Zormerin, und reichte ihr die Hand, die sie an ihren Mund drueckte mit heißer Liebe. Gott wolle Dich behueten, dachte sie in ihrem Herzen; mit dem Gift geschieht mir Unrecht, und darum hoffe ich, Du sollst den Sieg davontragen; aber den Brief habe ich freilich geschrieben, nur hoffe ich, das wird nicht eine so schwere Suende sein. – Koenig Orschier saß an einem Fenster, und sah, daß der Pilgrim sehr wohl zu Pferde saß, deß freute er sich. Geschieht meiner Tochter Unrecht, so wolle Dir Gott helfen, dachte er auch still in seinem Herzen.

Die Reliquien wurden gebracht, Herna und Lother schworen darauf, dann setzten sie sich wieder auf, und entfernten sich von einander; nun ritten sie wieder zusammen, und trafen sich beide so hart, daß ihre beiden Pferde todt niederfielen unter ihnen. Sie sprangen wieder auf, zogen ihre Schwerter und schlugen so entsetzlich auf einander ein, daß das Volk meinte, der Pilger muesse gleich vom ersten Streiche fallen, denn Herna war ein sehr großer, starker Mann. Lother wehrte sich als ein tapferer Mann, er gab ihm einen Streich, daß das Blut durch den Harnisch niederfloß. Schalk, rief er ihm zu, seh Dich vor, solche Streiche lernte ich am heiligen Grabe fuehren! – Herna ergrimmte ueber diese Rede, und drang hart auf Lother ein. Heiliger Gott, betete Zormerin inbruenstig, behuete den Mann, den ich liebe: wird er ueberwunden, und muß er sterben, so begehre auch ich keinen Tag laenger zu leben. – Herna fuehrte einen solchen Streich gegen Lothern, daß er ihm den vierten Theil seines Schildes hinunterschlug. Waere der Streich nicht von dem Schilde aufgefangen worden, so haette er den Lother von einander gehauen. Lother fehlte auch nicht, er schlug so auf Hernas Helm, daß ihm sein Schwert gegen den Helm zerbrach; da fluchte er dem, der das Schwert gemacht hatte. Das Volk schrie laut auf: Ach, unser Fraeulein muß verbrannt werden! – Koenig Orschier war sehr betruebt. Ach Tochter, seufzte er, muß ich die Stunde verfluchen, in welcher Du mir geboren wurdest! – Zormerin fiel auf ihre Knie nieder, und begann gar andaechtig und inbruenstig zu beten, und als sie ihr Gebet in großer Angst und im tiefen Jammer des Herzens ausgesprochen haette, da vergingen ihre Sinne, und sie fiel ohnmaechtig zur Erde nieder.

Die Beiden kaempften noch muthig; Herna schlug auf Lother, und dieser wich den Streichen aus, oder deckte sich mit seinem Schild. Endlich fuehrte Herna einen so gewaltigen Streich, daß sein Schwert in Lothers Schild stecken blieb, so, daß er es nicht wieder herausziehen konnte. Als Lother dieß sah, da ergriff er das Schwert bei der Spitze mit beiden Haenden; Herna zog auf seiner Seite bei dem Griff, und Lother auf der seinigen bei der Spitze. Endlich, als Herna mit aller Kraft zog, da gab Lother auf einmahl nach, so, daß Herna ruecklings auf die Erde fallen mußte. Nun sprang Lother auf ihn, und stach ihm ein Messer in den Leib, daß es im Ruecken wieder durchkam, doch war sein Herz nicht durchstochen, so, daß er nicht davon starb. Er ließ aber sein Schwert fallen, das ergriff Lother und warf es ueber die Schranken, lief dann wieder zu Herna und zog ihm den Helm ab; darueber ermunterte sich Herna wieder und sprang wieder auf seine Fueße; nun rangen sie mit einander, keiner konnte den andern niederwerfen; endlich stieß Lother den Herna um, als dieser sich nach seinem Schwerte umsah; Lother nahm wieder sein Messer und hieb ihm das Ohr mit einem Theil des Backens, herunter. Du kannst nun dem Galgen nicht entlaufen, rief er ihm zu, denn wer Dich mit einem Ohr sieht, der wird den Dieb wohl erkennen! Pilgrim, Du hast mich gar uebel, zugerichtet, sprach Herna, willst Du Dich aber jetzt freiwillig von mir ueberwinden lassen, so will ich Dir Gold und Geld genug, auch sonst viel koestliche Gaben geben. – Falscher Boesewicht! rief Lother, welche Schandthat muthest Du mir zu! Und wisse, Du Schalk, keinen Pilger hast Du vor Dir; ich bin Lother von Frankreich, dem Du ein Gewand in den Thurm brachtest. – Da erschrack Herna so, daß ihm sein Herz entfiel. Edler Herr, fing er an, ich ergebe mich Euch; ehe Ihr mich aber toedtet, so laßt mich zum Koenige Orschier gehen, daß ich ihm meine Verraetherei bekenne, denn ich war es, der ihm das Gift bereitete. – Lother setzte sich nieder, denn er war gar sehr ermuedet, und wollte die Rede Herna's anhoeren; da setzte Herna sich ihm gegenueber, als wollte er gemaechlich mit ihm sprechen, nahm aber sein Messer, ehe Lother sich's versah, und warf es nach ihm; das Messer durchfuhr aber nur den Panzer, verwundete aber Lother nicht zum Glueck, denn waere es tiefer gegangen, es haette ihm eine toedtliche Wunde gemacht. Da sprang Lother wuethend auf, zog sein Messer, und schlug damit so kraeftig nach Herna, daß er ihm den Kopf bis auf die Zaehne zerspaltete; da fiel Herna todt nieder zur großen Freude der schoenen Zormerin und ihres Vaters. Alles Volk rief voller Freude: Gott der Barmherzige schickte uns den Pilgrim. Gesegnet sei die Stunde, da er ist hergekommen! – Lother ging zu Zormerin, nahm seinen Helm ab, und kueßte sie auf den Mund mit seinem langen Bart, darueber lachte alles Volk sehr.

Darauf fuehrte sie ihn bei der Hand zu ihrem Vater und sprach: Ihr sehet nun, mein Herr Vater, wie mir von den Lombarden ist Gewalt und Unrecht geschehen; nie habe ich Uebels gegen meinen Herrn Vater zu thun gedacht, und werde es nimmer denken. – Koenig Orschier sprach: Ich sehe es nun wohl ein, liebe Tochter; geh, nimm den Pilgrim mit Dir, bewirthe ihn wohl, gieb ihm auch reiche Gaben, und wenn er weggeht, so will ich ihm ehrenvolles Geleit geben, so weit als er will. Lother dankte dem Koenig hoeflich; darauf fuehrten ihn Zormerin und Synoglar in eine heimliche Kammer, hier wusch er sich, daß ihm seine Farbe wieder hervorkam, und zog sich sauber an, dann ging er zu Zormerin in ihre Kammer, die ihn freudig umarmte, und wohl hundert und tausend Kuesse auf seinen Mund drueckte. Von ihrer großen Freude, daß sie beisammen waren, will ich schweigen, doch kann ein jeder sich's wohl denken. Zormerin verband seine Wunden, deren er viele hatte, und pflegte ihn wohl. Geliebte Frau, sprach Lother, wißt Ihr mir denn nicht zu sagen, wo Maller, mein treuer Geselle, geblieben ist? – Nein, ich weiß nichts von ihm, antwortete Zormerin, ich habe nichts von ihm gehoert, seitdem er hier auf dem Saal dem Koenige, meinem Vater, den Frieden aufkuendigte; damahls hatte der treue Mann im Sinne, er wolle zu seinem Vater ziehen, und den um Huelfe fuer Euch bitten, auch wolle er nicht eher ruhen oder rasten, er habe Euch denn aus der Gefangenschaft erloest. – Ach, rief Lother aus, koennte ich ihm doch seine Treue je vergelten! –

Vierzehn Tage waren sie schon beisammen gewesen, da kam Scheidechin, Mallers Hausfrau, endlich auch nach Konstantinopel, und zu Zormerin, die sich herzlich freute, sie wieder zu sehen; auch nach ihren andern Frauen schickte sie sogleich, die sich in einer Herberge in der Stadt aufhielten, und ließ sie alle zu sich kommen. Als Scheidechin vernahm, daß Maller, ihr Gemahl, wohl noch am Leben sei, sie auch von Zormerin wohl gepfleget und genaehret ward, sowohl mit Speisen und Getraenk als auch mit Baedern und herrlichen Kleidern, da bluehte sie wieder auf, und ward so schoen als sie vorher gewesen war.

Hier wollen wir Zormerin und Lother ein wenig lassen, und uns einmahl nach Maller, dem treuen Gesellen, umsehen.

 

Das ein und zwanzigste Kapitel

Maller und seine Freunde hatten ein gewaltiges Heer versammelt, damit brachen sie in die Lombardei ein und zerstoerten das ganze Land, weder Kirchen noch Kloester wurden verschont. Als er gegen Pavia kam, da schickte er einen Herold in die Stadt zu den Buergern, mit dem Auftrag, sie sollten ihm Lothern herausbringen, und auch Otto, ihren Koenig, sollten sie in seine Haende liefern, auf ein Pferd gebunden mit Haenden und Fueßen. – Denn Maller bestand darauf, er muesse den Otto aufhaengen, das haette ihm kein Mensch aus dem Sinn geredet. – Die Buerger antworteten dem Herold: Lother von Frankreich ist nach Konstantinopel gefuehrt worden, dort hat er sich ausgesoehnt mit unserm Koenig Otto. – Als Maller die Antwort von dem Herold vernahm, da waere er bald unsinnig geworden vor Ungeduld. Er schwur zu Gott, Koenig Orschier sammt Koenig Otto mueßten des bittersten Todes sterben, wenn sie nicht seinen Herrn frei ließen; denn an die Aussoehnung konnte er nicht glauben. Darauf ließ er die Stadt Pavia mit Sturm erobern, und so wie die Historie sagt, ließ er keine Seele in Pavia mit dem Leben davon kommen. Maenner und Weiber, Greise und Kinder, alles wurde mit dem Schwerte erschlagen, weil er die Lombarden alle haßte als falsche verraetherische Leute. Nachdem er die Stadt mit zwanzigtausend seiner Gewaffneten besetzt hatte, zog er mit dem uebrigen Heere weiter gegen Konstantinopel; sobald er in des Koenigs Orschiers Land kam, ließ er alles verheeren und verbrennen, und erschlug alles, was ihm begegnete. Da lief einer nach Konstantinopel, fiel dem Koenige zu Fueßen und schrie: Herr, bewachet Eure Stadt, denn Maller koemmt mit hunderttausend Gewaffneten und will Euch belagern, er ist nicht mehr zwei Meilen weit von hier, und wo er durchkam, da hat er alles verbrannt und verheert, und alles todtgeschlagen. Koenig Orschier erschrack heftig, und sprach zu Otto: Ich bitte Euch, versoehnt Euch mit meiner Tochter, und steht mir bei gegen Maller! Sicher ist Lother auch bei ihm, und der wird nicht unterlassen, sich in den Pallast zu meiner Tochter zu schleichen, dann wollen wir ihn fangen, und Ihr koennt dann mit ihm machen, was Euch gefaellt, und dann meine Tochter ehelichen. – Gebt Ihr mir Euer Wort, sagte Otto, daß Ihr dieß thun wollt, so bleibe ich hier und ziehe gegen Maller. Koenig Orschier ließ Zormerin zu sich rufen, und sagte ihr, sie solle sich mit Otto versoehnen und seine Gemahlin werden, damit er ihm gegen Maller zu Huelfe kaeme. Zormerin sprach: Gnaediger Herr Vater, weil Ihr es befehlt, so will ich mich mit ihm versoehnen, obgleich er sehr unrecht an mir gehandelt, und ich viel Schmach um seinetwillen erleiden mußte. Seine Ehefrau werde ich aber nimmermehr, auch werdet Ihr solches nicht verlangen, da Ihr wohl gehoert habt, daß mein Herr, Lother, lebt. Nun versoehnte sie sich gutmuethig mit Otto'n, dann entfernte sie sich eilend, und ging wieder in ihr Gemach zu Lothern; diesem erzaehlte sie, daß Maller mit einem gewaltigen Heere nicht weit von der Stadt sei, und daß er sie belagern wolle. Da sprang Lother auf und rief: So will ich zu ihm hinausreiten, zu dem Treuen, der mir zu Huelfe koemmt. Geliebter Herr, fing sie wieder an, ich stehe Euch an, Ihr wollet meinen Vater nicht verderben; er folgte boesem Rath, aber ich weiß gewiß, er wird es einst bereuen. – Geliebte Frau, beruhigt Euch, Eurem Vater soll nichts geschehen, aber Otto, den Verraether, will ich toedten, obgleich er mein Vetter ist, denn er hat große Bosheit an mir veruebet. – Als die Nacht hereinbrach, da waffnete sich Lother und legte eine herrliche Ruestung an, dazu gab ihm Zormerin ein gutes Pferd. Dann ging sie mit ihm und machte ihm die Pforte offen; die Pfoertner durften das der Koenigstochter nicht versagen. Da ritt Lother hinaus, und dankte Gott von ganzem Herzen, als er sich im freien Felde sah; Zormerin ging weinend wieder in ihre Kammer.

Als der Tag anbrach, da begegneten dem Lother viele Leute, die fluechteten. – Wen fliehet Ihr, lieben Leute? fragte sie Lother. – Wir muessen wohl fliehen, antworteten sie, und auch Euch waere es Noth zu fliehen, denn es ziehet ein großes Heer daher, das verderbet das ganze Land, verbrennet und zerstoert Kirchen und Kloester, und schlaegt alles todt, was ihm vorkoemmt. – Lother war froh, da er hoerte, sein Geselle Maller sei ihm so nah, und ritt weiter. Da sah er einen Ritter von gutem Ansehen, der war von seinem Pferde abgestiegen, und bei ihm war eine schoene Jungfrau, die klagte und weinte sehr, und geberdete sich gar jaemmerlich, denn er rang mit ihr und wollte sie zu seinem Willen zwingen. O toedte mich, rief sie weinend, nimm Dein Schwert, schlag mir den Kopf ab, denn ich will viel lieber sterben, als Deinen Willen thun. – Liebe Jungfrau, sagte der Ritter, erst will ich mich an Euch erfreuen, dann will ich Euch den Kopf abschlagen. Da rief die Jungfrau mit lauter Stimme: O Maria, Mutter Gottes, komme mir zu Huelfe, hilf mir meine Ehre erhalten und mein Leben! Lother, der ihnen hinter einem Busch zugehoert, der sprang nun hervor und rief: Falscher Ritter, sitze auf Dein Pferd, Du mußt mit mir kaempfen, ich will dieses Fraeuleins Ritter sein. – Der Ritter hoerte nicht sobald diese Worte, als er auf sein Pferd sprang und seine Lanze einlegte. – Es war Dietrich von Karthago, ein Bastard des Koenigs Ansys; er hatte diese Jungfrau um ihrer Schoenheit willen mit Gewalt entfuehrt, und ihren Vater, den Koenig von Hispanien getoedtet; darum ward in der Folge ganz Hispanienland verwuestet.

Die Beiden kaempften nun, und schlugen so graeulich auf einander, daß sie Beide sehr verwundet waren; dieß sah ein Reitersknecht, der daher geritten kam, der wandte sein Pferd und ritt zu Maller, der nicht weit mehr zurueck war. Herr, rief der Reiter, kommt dem Bastard von Karthago zu Huelfe, er ist im Kampf mit einem fremden Ritter, der ihm gar sehr zusetzt. Da blies Maller auf seinem Horn, und spornte sein Pferd, daß es sehr schnell laufen mußte; ihm nach eilten wohl zehntausend Mann. Da Maller auf den Platz kam, wo die Beiden kaempften, da drang er auf sie ein, und wollte dem Dietrich zu Huelfe kommen; Lother aber, der ihn gleich an seinem Wappen erkannte, zog eilend seinen Helm ab, da erkannte ihn Maller auch; Beide sprangen von ihren Pferden, umarmten und kueßten sich voll Freude, Beide mußten vor Freude weinen, daß sie sich nun wieder hatten. Unterdessen waren die andern Herren mit dem Heere auch herzugekommen; Koenig Galyen, Otger, Mallers Bruder, und Koenig Ansys, die hießen alle den Lother willkommen, und waren froh, ihn zu sehen, nun kam auch Dietrich von Karthago naeher und versoehnte sich mit Lother, und alles war voller Freude. Maller erzaehlte seinem Freunde, was sich mit ihm begeben, waehrend er ihn nicht gesehen, so that auch Lother, und Beide beschlossen, Konstantinopel zu belagern, und nicht eher zu ruhen, bis sie den Otto an den Galgen gehaengt.

Nun zogen sie weiter und belagerten die Stadt Konstantinopel. Koenig Orschier beschloß sogleich, auf sie zu fallen mit einem großen Heere, noch ehe sie sich von der Reise ausgeruhet hatten. Dieß war seine Ritterschaft auch wohl zufrieden, und sie zogen wohl mit sechzigtausend Gewaffneten gegen den Feind. Maller bestellte auch sein Heer; sowohl er als Lother und Koenig Ansys, Koenig Galyen, Otger und Dietrich von Karthago fuehrten jeder einen Haufen an. Koenig Orschier und seine Griechen schlugen tapfer in den Feind, aber diese fehlten auch nicht. Otger, Mallers Bruder, erwischte Salomon, den Wirth, zog ihm seinen Helm ab, und wollte ihm den Kopf herunterschlagen, das ersah Maller und sprach: Mein Bruder, verschone diesen, er ist mein guter Freund. Ergieb Dich mir! rief er ihm zu. Da reichte ihm Salomon, der Wirth, sein Schwert, und man fuehrte ihn in Mallers Zelt. Es war eine große Schlacht, wobei mancher Mann sein Leben einbueßte. Maller drang so weit vor, daß er Koenig Orschier erblickte. Du thoerichter Koenig, rief er ihm zu, jetzt ist Deine Stunde gekommen, Du hast schon zu lange gelebt; mit diesen Worten stach er mit seinem Speer nach ihm und warf ihn aus dem Sattel, so daß er vom Pferde herunter fiel. Maller ergriff ihn und zog ihm den Helm ab. Otto hatte nun dem Koenige bei allen Heiligen geschworen, er wolle ihn nicht verlassen, da er ihn aber unterliegen sah, da haette er nicht Koenig Salomons Schaetze genommen, den Maller zu verhindern. Dieser hohlte mit dem Schwerte aus, und wollte Orschier den Kopf abschlagen; da eilte Lother hinzu und hielt seinen Arm. Lieber Maller, toedte mir den Koenig nicht, uebergieb ihn mir. Maller that es ungern, doch folgte er Lothers Worten und ließ den Koenig los. Edler Koenig, sprach Lother, Ihr seht nun, was des Otto Reichthuemer Euch helfen, Ihr habt Euch selbst betrogen. Da schickte er ihn in sein Zelt, und ließ ihn genau bewachen.

Otto schaute hin und her, und waere gern weit weg gewesen, aber er konnte vor dem Volke nicht herauskommen. Maller drang immer weiter ein, endlich sah er Otten, und machte sich Raum, um zu ihm zu gelangen; dieß ward Otto gewahr, und bat einen lombardischen Ritter, die Waffen mit einander zu tauschen. Ich will es Dir wohl lohnen, lieber Ritter, sagte er, denn ich moechte Mallern nicht erwarten, fuer kein Gut in der Welt. Der Ritter war der kuehnste und tapferste unter den Lombarden; er tauschte sogleich die Waffen mit Otto, und dieser zog sich aus dem Streit gegen die Stadt zu. Maller kam nun auf den lombardischen Ritter zu, und gab ihm einen solchen Streich, daß er todt vom Pferde fiel. Nun meinte Maller, es sei Otto, und schleifte ihn nach dem Zelte, um ihn dem Lother zu ueberliefern. Das Volk meinte auch, Otto sei erschlagen, und zog sich zurueck. Maller zog, als er in seinem Zelt war, dem Erschlagenen den Helm ab; da er nun sah, daß es Otto nicht war, da aergerte er sich sehr. Einen verzagteren Buben, rief Lother, giebt es nicht auf Erden, als diesen Rothkopf.

Nun ließ Lother Koenig Orschier kommen und sagte: Edler Koenig, ich mag Euch kein Leides thun, ich weiß wohl, daß mein Vetter Otto Euch gerathen hat, so thoericht zu handeln. Ihr seid ein verstaendiger Mann, bedenkt, daß ich Eurer Tochter vor dem Altar von dem Priester bin zum ehelichen Gemahl gegeben worden; Ihr wißt, daß keine Ehe zu scheiden ist, der Tod scheide sie dann. Ich schwur ihr Treue vor dem Altar, bei dem Gott, der fuer uns die Marter litt. Was also auch geschehen mag, und was Ihr mir auch thun moegt, ich werde Euch nie Uebels erzeigen, und Euch immer als meinem Schwaeher ehrerbietig begegnen. – Koenig Orschier, als er Lothern so reden hoerte, fiel vor ihm nieder, umfaßte seine Knie und wollte ihn um Verzeihung bitten; Lother gab dieß aber nicht zu, dazu war er zu tugendhaft. – Gefaellt es Euch, sprach Orschier, so will ich nach Konstantinopel reiten und will Euch morgen die Pforten oeffnen lassen und Otto in Eure Hand liefern. – Reitet in Gottes Nahmen, Herr Koenig. – Ei, das soll er wohl nicht, rief Maller ein; ich werde ihn nicht reiten lassen, er habe mir dann in meine Hand vorher gelobt, was er Euch versprach; denn wer so oft gelogen hat als er, dem kann man nicht so leicht trauen.

Nun gelobte Orschier mit lauter Stimme, und vor allen Anwesenden bei seinem koeniglichen Ehrenwort, daß er dem Heere wolle die Thore von Konstantinopel oeffnen und ihnen den Otto ausliefern. Darauf ließ ihn Maller reiten; Lother begleitete ihn, und indem sie Beide zusammen ritten, erzaehlte ihm Lother, wie er der Pilgrim sei, der Herna erschlagen und seine Tochter erloest. Da weinte Koenig Orschier, als er diese Erzaehlung anhoerte, und segnete den Lother fuer seine Treue und seinen Heldenmuth.

Sobald als Koenig Orschier in Konstantinopel auf seinem Pallast angekommen war, schickte er einen Haufen Gewaffneter nach Otto, um ihn zu suchen und zu fangen. Sie fanden den Rothkopf in einer Kammer versteckt, da lag er und schlief. Er ward gebunden vor den Koenig gefuehrt. Was heißt denn das? fragte er. – Gestern hast Du, arger Schalk, mich verlassen, sprach der Koenig, als Du mich in großer Noth saehest, und nun, bei dem Gott, der mich erschaffen hat, ich ueberliefere Dich Deinem Vetter Lother und Maller, seinem Gesellen. Nun erschrack Otto gar sehr, schrie und weinte, aber es half ihm nichts; er ward mit Haenden und Fueßen fest an einer Saeule gebunden.

Darauf ließ der Koenig die Pforten weit aufthun, und ließ Lother mit seinem Heere einziehen. Zormerin lief Lothern entgegen, und Scheidechin Mallern, sie umarmten sich mit Liebe und gar großer Freude. Maller, fing Scheidechin an, ich glaubte schon, Ihr wuerdet Euch eine andere Jungfrau erworben haben. Liebes Weib, antwortete ihr Maller, und haette ich ihrer hundert erworben, Du waerst doch und bliebst die Gebieterin. Aber sei ruhig, ich habe mich wohl gehuetet, und bin Dir immer treu geblieben. – Sie zogen nun mit großer Freude, und unterm Getoen von Pfeifen und Cymbeln und Spielen aller Art, nach dem Pallast, so daß es ein Wunder war zu hoeren. Lieber Gemahl, sprach Zormerin, ich wuensche nun, an dem boesen Schalk, Otto, geraecht zu sein, aber ich weiß wohl, Ihr werdet das niemahls selbst thun; darum bitte ich Euch, traget es Euerm Freund Maller auf, denn ich schwoere zu Gott, ich will nicht eher Speise oder Trank genießen, bis Otto nicht mehr lebt. Lother rief seinen Gesellen Maller, und sprach: Ich bitte Dich, Du wollest Otto den Kopf abschlagen, denn ich wollte um keinen Preis meine Hand an ihn legen. – Herr, antwortete Maller, habe ich nur erst Urlaub von Euch, fuer das Uebrige laßt mich sorgen. Damit band ihn Maller von der Saeule ab, und fuehrte ihn an einem Arm die Stiege hinab; Otto sah aus, als ob er schon gestorben waere. Er ward hinaus an den Galgen geschleppt und aufgehaengt.

Sie lebten nun in großer Freude zusammen; Lother und Zormerin, Maller und Scheidechin waren die gluecklichsten Eheleute, die man sehen konnte; auch ward Jungfrau Synoglar mit Dietrich, dem Bastard von Karthago, vermaehlt. Bald darauf nahmen Koenig Galyen und sein Sohn Otger, Koenig Ansys und die uebrigen Herren, vom Hofe zu Konstantinopel Abschied, und ein jeder begab sich wieder in sein Land.

 

Das zwei und zwanzigste Kapitel

Die Buerger von Konstantinopel und das ganze Griechenland erwaehlten Lother von Frankreich zum Koenige; denn Koenig Orschier war ein alter Mann, und mochte nicht laenger regieren. Als nun Lother zum Koenig und Kaiser von Griechenland gekroent war, und große Feste und Gastirungen hielt, da kam ein Botschafter vor ihn, der kniete nieder und sprach: Gott, dem alle Dinge bekannt sind, der wolle den Kaiser und die ganze Ritterschaft heut und alle kuenftige Tage in seinen Schutz nehmen. – Gott grueße Dich, lieber Bote, sprach der Kaiser, sage an, was bringst Du uns? – Herr, ich bin zu Euch gesandt von dem frommen Bonifacius unserm geistlichen Vater. Er entbietet Euch durch mich, daß Ihr ihm doch wollet zu Huelfe kommen; vierzehn heidnische Koenige haben Rom belagert, unter ihnen ist der Sultan von Babylonien, und der Koenig von Mohrenland, der so schwarz ist, wie auch sein Volk, daß sie den hoellischen Teufeln gleichen. Sie haben dreißigtausend Gewaffnete, und besonders sind der schwarzen Teufel so viel, sie besetzen die ganze Gegend, und verwuesten das ganze Roemerland. Darum bittet Euch unser geistlicher Vater, Ihr moechtet ihn in der groeßten Noth nicht verlassen. Es betrifft die ganze Christenheit. – Lieber Bote, hat der heilige Vater nicht zu meinem Bruder Ludwig, dem Koenige in Frankreich geschickt, und ihn um Huelfe angerufen? – Herr, ich glaube wohl, es ist auch zu ihm geschickt worden, aber ich weiß nicht, ob er koemmt oder nicht; denn man spricht allgemein, er ließe sich von boesen Verraethern verleiten, und thue nach ihrem Rath.

Da schickte Lother den Boten mit der Antwort zurueck: er wolle in Kurzem mit seiner ganzen Macht dem heiligen Vater zu Huelfe kommen. Maller erbot sich gleich mit ihm zu ziehen, denn ihn verlangte sehr, einmahl wieder gegen die Heiden zu ziehen. Ich scheide nie von Euch, Herr, sagte er, der Tod mueßte uns denn scheiden. – Dafuer sei Gott gelobt und gedankt, sagte Lother. Gesegnet ist die Stunde, in welcher Du mein Gesell wardst. – Lother schrieb sogleich Briefe an alle seine Fuersten und Grafen, so weit sein Land reichte, und ließ sie nebst allen ihren Gewaffneten entbieten. Und als sie in kurzer Zeit sich zusammen in Konstantinopel versammelt hatten, da nahm Lother von seiner Gemahlin Abschied; sie weinte bitterlich, als er fortging, auch sah sie ihn dann nimmer wieder. Maller nahm auch Abschied von seiner treuen Scheidechin. Der Abschied war bitter und sehr schmerzhaft fuer die vier Eheleute, die sich sehr von Herzen lieb hatten.

Lother und sein Heer stiegen zu Schiffe, und kamen mit gutem Wind bis zum Roemerland, dann stiegen sie aus, und ritten nach Rom. Vorher sagte Lother zu Maller: Ich will dem Papste klagen ueber meinen Bruder Ludwig, und daß er mir nicht aus dem Gefaengniß zu Pavia hat helfen wollen. Verhilft mir dann der Papst nicht zu dem Meinigen, so will ich mir mit gewaffneter Hand wohl Recht verschaffen.

Als sie vor Rom ankamen, da fanden sie die Heiden eben im harten Streit mit den Christen begriffen. Hoere ich recht, sprach Lother, ich vernehme ein Geschrei Montjoye, das ist der Franzosen Feldgeschrei; geschwind, lieber Maller, laßt uns hinzu, denn ich goenne es den Franzosen nicht allein, den Tag zu gewinnen. Sie stuermten nun in hellen Haufen hinzu, und fielen den Heiden in den Ruecken, die dadurch in gar großes Gedraenge geriethen; die Historie sagt, ohne Lother und Maller waeren die Franzosen den Tag geschlagen worden. Lother sah einen Haufen Heiden, die da sehr hart stritten, und hoerte die Franzosen Montjoye rufen; da drang er ein, wo der Haufen am dicksten war, da sah er seinen Bruder Ludwig von Heiden umringt, zu Fuß fechtend; sein Pferd war erschlagen, und er selber sehr verwundet. Lother erkannte ihn sogleich an seinem Wappen; da er ihn in solcher Noth erblickte, da vergaß er seinen Unwillen gegen ihn, schlug um sich her auf die Heiden, mit solcher Kraft und Wuth, daß es bald weiter um Ludwig ward; die Heiden flohen vor Lother wie der Teufel vor dem Weihwasser, er war aber auch ein gar tapferer Ritter, er schlug dem, der das heidnische Panier fuehrte, den Arm mit der Schulter herunter, so daß der Arm sammt dem Panier auf die Erde fiel. Desselben Heiden sein Pferd faßte er, und fuehrte es Koenig Ludwig zu. Ludwig saß auf, und betrachtete Lother; da sah er, daß dieser das griechische und franzoesische Wappen im Schilde fuehrte. Das griechische Wappen war ein Greif, halb von Gold und halb von Silber, nebst einem Sessel, dieser Sessel bedeutete das Gericht. Lieber Freund, fing, Ludwig an, wie ist Euer Nahme? Darnach muß ich billig fragen, weil Ihr mich habt vom Tode erloest; zudem sehe ich Frankreichs Lilien auf Euerm Schild, nebst dem griechischen Greifen, welches mich sehr Wunder nimmt. – Ich will Euch meinen Nahmen nicht verhehlen, sprach Lother. Einen Greif fuehre ich, denn ich bin ein Kaiser in Griechenland, und so fuehre ich die Lilien, weil ich ein Sohn bin Koenig Karls von Frankreich. – Da erschrack Ludwig gar heftig. O lieber Bruder, rief er, ich bitte Euch um Gnade, denn ich habe gegen Euch gehandelt, ich bekenne es, und will es nach Euerm Willen und Begehren bessern. Ihr habt mir viele Liebe bewiesen, die ich Euch verdanke, aber ich habe es nicht um Dich verdient. – Von dieser Bitte ward Lother sein Herz bewegt. Bruder, sagte er, ich verzeihe Euch, was Ihr gegen mich gethan, wiewohl Ihr unser vaeterliches Erbe gar ungleich getheilt habt; Ihr habt Frankreich, und dazu das Kaiserthum von Rom. Seid Ihr es nun zufrieden, so wollen wir dem Papst zu Rom unsere Sache vorlegen, und er mag ueber uns entscheiden, und theilen. Es geschehe also, sprach Koenig Ludwig.

Nun ritten sie wieder in den Streit, und schlugen muthig alle Heiden, die ihnen zu nahe kamen; auch Maller that denselben Tag viel herrliche Thaten, und erschlug viele heidnische Riesen. Der Papst stand auf der Mauer, und bat bestaendig zu Gott um Sieg und Schonung der Christen. Als es nun Nacht ward, da ritten die Herren zusammen und hielten Rath, was sie nun thun wollten. Da gab ihnen Maller den Rath, daß sie einen Waffenstillstand mit den Heiden schließen sollten, um die Todten zu begraben, die sonst so uebel riechen wuerden, daß eine Pest im Lande entstehen muesse. Diesen Rath genehmigten Alle; sie sandten einen Herold zu der Heiden Lager, und ließen einen Waffenstillstand von vierzehn Tagen vorschlagen, welches die Heiden auch zufrieden waren. – Darauf zog das christliche Heer in Rom ein, wo sie vom Papste mit großer Ehre empfangen wurden; er ging ihnen entgegen und gab ihnen den heiligen Segen. Er sprach zu Koenig Ludwig: Seid mit Gott willkommen, mein Sohn, in diesem fremden Lande, ich bedurfte Eurer gar sehr. Damit ging er weiter, und sprach zu Lother: Seid mit Gott willkommen, mein lieber Sohn, ich habe vieles schon von Euch vernommen, Ihr seid ein Schirm und Schwert der ganzen Christenheit, und der Gerechtigkeit. Ihr sehet Euerm Vater sehr aehnlich. Er hat Euch sieben Jahre lang verbannt, aber das ist nun vorbei, und soll Euch weiter nicht schaden, denn Ihr und Euer Bruder, Ihr sollt Euch in das vaeterliche Erbe theilen. Heiliger Vater, sprach Koenig Ludwig, wir haben uns Beide vorgenommen, die Sache Eurer Entscheidung zu ueberlassen. Habe ich gegen meinen Bruder gefehlt, so will ich es vergueten, und bitte ihn wegen jeder Beleidigung um Verzeihung.

Wohl gesprochen, lieber Sohn! antwortete der Papst. Nun gingen sie zusammen in den paepstlichen Pallast, und setzten sich zu Tisch, wo sie alle gar trefflich bedient wurden.

Nach verfloßnem Waffenstillstaende zogen die Christenvoelker wieder heraus gegen die Heiden. Von diesem Tage, und der greulichen Schlacht, wo viel tausend Christen und noch viel mehr Heiden ihr Leben verlieren mußten, waere gar viel zu sagen. Ehe die Christen aus Rom zur Schlacht gezogen waren, hatten sie in großer Andacht Messe gehoert, welche der Papst ihnen gelesen, dann hatten sie auch reiche Opfer gebracht; der Papst gab ihnen den heiligen Segen, und bestrich sie in Andacht mit den heiligen Reliquien. Der Sieg war ihre, und die Heiden wurden alle erschlagen, die sich nicht mit der Flucht retteten. Nun zogen sie alle wieder in Rom ein, wo der Papst sie mit großer Ehre und in Froehlichkeit empfing. Die Leichname der Christen wurden alle in geweihter Staette begraben, die der Heiden aber den reißenden Thieren und den Voegeln Preis gegeben.

Der Christen Seelen wolle Gott troesten,
Und der Teufel die Heiden roesten.

 

Das drei und zwanzigste Kapitel

Vierzehn Tage waren Lother und die uebrigen zusammen zu Rom gewesen, als ein Bote ankam, der dem Kaiser Lother einen Brief brachte. Lother gab den Brief seinem Schreiber, daß er ihn ihm vorlesen moechte, und als dieser ihn geoeffnet, und anfing zu lesen, da weinte er gar bitterlich. Was ist Euch, Schreiber? Weshalb weinet Ihr? – Herr, sprach der Schreiber, Koenig Orschier, Euer Schwaeher meldet Euch, Eure Gemahlin, Frau Zormerin sei todt; sie ist von einem Kind entbunden worden, das so groß war, daß man es von ihr schneiden mußte, davon ist sie gestorben, und man besorgt sehr, das Kind moechte auch nicht leben bleiben. – Da fiel Lother vor Schrecken ohnmaechtig zur Erde nieder, und verblieb darin so lang, daß man meinte, er sei gestorben. Da er endlich wieder zu sich kam, da zerraufte er sein Haar, und war in großes Leid versenkt um seine Gemahlin; Koenig Ludwig lief hinzu, und versuchte es ihn zu troesten. Aber Lother hoerte nicht auf die Worte, die man zu ihm redete. – Ach Du schoene, Du getreue Zormerin! so klagte er immerfort; ach mein geliebtes Ehegemahl, nie kann ich Dich vergessen, und Deine große Liebe, die Du zu mir trugst! Ach Tod! warum hast Du uns getrennt, warum hast Du der Welt genommen die Schoenste und die Huldreichste, die Froemmste und Tugendsamste, die je auf sie gekommen? Ach Tod! mich, mich haettest Du nehmen sollen viel eher als sie! – Ihr solltet Euch in Gott ergeben, sprach Koenig Ludwig, denn was Gott will, das muß geschehen. – Ach Bruder, ich bin zum Unglueck geboren, nun habe ich die verloren, die ich so einzig habe geliebt. O Erde, thu' dich auf, verschlinge mich in deinen Abgrund. – Und nun raufte er wieder sein Haar, und rang die Haende; nie ist wohl eines Mannes Herz so hart geboren, haette er den Jammer gesehen, und Lothers Klage gehoert, es haette ihn erbarmen muessen. Zwei Tage und zwei Naechte klagte er so, daß niemand ihn zu troesten wagte. Am dritten Tage ward er etwas stiller. Nie ist ein Leid so groß, man muß seiner doch vergessen; das koennen wir auf Erden wohl taeglich schauen, an Maennern so wie auch an frommen Frauen.

Der Papst schickte nach den beiden Bruedern, Lother und Ludwig, und nach den andern Fuersten, die mußten sich alle bei ihm versammeln. Lieben Soehne, fing der Papst an in der Versammlung zu reden; Ihr seid beide Kaiser Karls von Frankreich Soehne. Die Franzosen haben Ludwig zu ihrem Herrn und Koenig erkoren; Lother aber hat von seinem ganzen vaeterlichen Erbe nicht eines Sporns werth. Doch ist er Kaiser Karls leiblicher Sohn, und kein Bastard, wir halten ihn nicht dafuer. Nun, Ihr lieben Herren und Freunde, was beduenket Euch dazu? sagt mir Eure Meinung; mich beduenkt es billig: Ludwig bleibe Koenig in Frankreich, und ließe Lother Kaiser in Rom sein. – Heiliger Vater, fing Koenig Ludwig an, Euer Rath duenkt mich gut, und ich will ihn befolgen. – So dachte der Papst die beiden Brueder zu vereinigen, aber um dieser Vereinigung willen wurden in der Folge mehr als zweimahlhunderttausend Menschen erschlagen. – Es waren viele schlechte Menschen unter den Raethen Koenig Ludwigs, die noch zu Lothers alten Feinden gehoerten; diese erschracken sehr, daß Ludwig dem Papste so folgsam war, und daß er dem Lother das Kaiserthum so willig abgetreten hatte, und hieraus entstand großes Unglueck und der blutigste Krieg, der jemahls ist gefuehrt worden.

Lother ward auf den paepstlichen Stuhl gehoben, ihm die Kaiserkrone auf das Haupt gesetzt, und in die eine Hand das Schwert, in die andere der Reichsapfel gegeben. Da geschah dem Lother große Ehre, denn er ward zum roemischen Kaiser mit vieler Festlichkeit und großem Pomp gekroent, aber er war dennoch nicht vergnuegt, und da jedermann froehlichen Herzens war, da war er es nicht um seiner Gattin willen, die er Nacht und Tag nicht aus dem Sinne verlor, und im Herzen gar tief betrauerte.

Nicht lange hernach, da nahm Koenig Ludwig Urlaub vom Papste, um wieder nach Frankreich zu reisen. Er ging auch zu Maller und nahm von ihm Abschied, denn Maller lag an seinen Wunden krank im Bette, er hatte in der letzten Schlacht wohl an dreißig Wunden erhalten, die alle gefaehrlich waren. Zuletzt kam Koenig Ludwig auch zu seinem Bruder, dem Kaiser, um sich von ihm zu beurlauben. Er umarmte ihn und kueßte ihn gar zaertlich, dann sprach er: Lieber Bruder, nehmt keine andere Ehefrau, Ihr habt mich denn um Rath darueber gefragt, darum bitte ich Euch gar sehr. – Mein Bruder, antwortete Lother, das thaete ich nicht, um viele Tonnen Goldes, denn haettet Ihr mich gefragt, ehe Ihr Eure Gemahlin freitet, ich wuerde Euch wahrscheinlich nicht dazu gerathen haben. – Hierauf antwortete Koenig Ludwig nicht, sondern er beurlaubte sich beim Kaiser, und ritt nach Frankreich zurueck.

Jene falsche Verraether, Lothers Feinde, die sprachen nun zu Ludwig: O Herr, wie thoericht habt Ihr gehandelt, daß Ihr das Kaiserthum habt von der franzoesischen Krone getrennt. Ihr habt ihr die groeßte Herrlichkeit geraubt, und werdet doch nun niemahls Freundschaft und Vertrauen mit Euerm Bruder haben koennen, und Eure Erben werden es in Jahrhunderten entgelten muessen. Das Kaiserthum wird sich nun ueber die franzoesische Krone weit erheben, und diese wird sich gar nicht mehr frei bewegen koennen. Nein, nie hat ein Koenig schmaehlicher gehandelt; Kinder, die jetzt noch ungeboren sind, die werden Eure Seele noch deswegen verfluchen. – Solche Reden fuehrten die Verraether so oft gegen den Koenig, und er mußte so viel davon reden hoeren, daß er endlich anfing, seinen Bruder Lother im Herzen zu hassen. – Da sie ihm nun riethen, Lothern zu verrathen und mit Krieg zu ueberziehen, sprach Ludwig: Ihr seid meine geheimen Raethe und vertraute Freunde, aber davon Ihr redet, das will ich gar nicht wissen; sprecht mir also nicht mehr davon, ich gebe es nicht zu.

Die Verraether waren mit diesem Bescheide uebel zufrieden; sie haetten dem Lother gerne ein Leids gethan, sie konnten es nicht vergessen, daß er ehedem bei ihren Weibern und Toechtern gefunden ward. Dem Koenige sagten sie diesesmahl nichts mehr, aber sie beschloßen unter sich, daß sie des Koenigs Gemahlin, Weißblume, auf ihre Seite ziehen wollten, damit diese den Koenig, ihren Gemahl, dazu bringe, daß er seine Einwilligung gaebe. Wenn eine Frau einen Mann hat, der sie von Herzen liebt, die bringt ihn, wozu sie will; je weiser der Mann ist, zu desto groeßrer Thorheit sie ihn verleiten kann.

 

Das vier und zwanzigste Kapitel

Nachdem Ludwig von Rom gereist war, bekam Lother eine Botschaft, sein Sohn waere am Leben, und sei frisch und gesund; er habe zwei rothe Kreuze mit auf die Welt gebracht, auch sei sein rechter Arm, mit dem er das Schwert fuehren sollte, ganz roth wie Blut, der andre Arm aber sei weiß. Dieser Botschaft war Lother froh, und sagte zu Maller: Lieber Geselle, ich muß nach Konstantinopel reiten, und muß meinen Sohn sehen. Laß Dich unterdessen von den Aerzten wohl pflegen, daß Du genesen moegest. Lieber Herr, sprach Maller, ich bitte Euch, bringt mir Scheidechin, meine Hausfrau, mit her zu mir. – Das soll geschehen, sprach Lother; hiermit ritt er fort, setzte sich zu Schiffe, und fuhr ohne Aufenthalt nach Konstantinopel.

Als Koenig Orschier und Lother sich wiedersahen, da fingen Beide an gar sehr zu weinen, und ihr Beider Leid ward wieder erneut um die schoene Zormerin. Die Amme brachte Lothern seinen kleinen Sohn herbei; Lother nahm ihn auf seine Arme und sah ihn an; da floßen seine Thraenen reichlich ueber das Kind: Marphone, Du lieber Sohn, sprach er, die schoenste, frommste und treueste Frau auf dem Erdboden, die mußte um Deinetwillen sterben. – Bei meiner Treue, sagte Koenig Orschier, der Nahme soll ihm bleiben. Marphone bedeutet auf deutsch: Weh, daß Du geboren! – Zwanzig Monate blieb Lother zu Konstantinopel, dann beurlaubte er sich bei seinem Schwaeher, um wieder nach Rom zu reisen. Beim Abschiede sagte ihm Koenig Orschier: er wolle Marphone in Konstantinopel bei sich behalten, und ihm das griechische Kaiserthum geben; er solle wieder eine Frau nehmen, um einen Erben fuer das roemische Reich zu haben. – Ich will Euch gehorchen, antwortete Lother, aber nie werde ich eine Frau lieben, wie ich die treue Zormerin liebte. – Da blieb Marphone zu Konstantinopel, und ward schoen und groß; Lother aber reiste mit Scheidechin, Mallers Ehefrau nach Rom. Hier fanden sie Mallern wieder voellig hergestellt, und die Freude, die er hatte, Scheidechin wieder zu sehen, war sehr groß.

Lother verlebte nun noch vier Jahre zu Rom, und zog mitunter gegen die Heiden, denen er vielen Schaden zufuegte. Eine Ehefrau zu nehmen, konnte er sich nicht entschließen, Zormerin lebte immer noch in seinem Herzen. Unterdessen hatten die boesen Verraether nicht geruhet; sie brachten Weißblume, die Koenigin von Frankreich, dahin, daß sie ihren Gemahl beredete, und er gab endlich nach vielem Zoegern seine Einwilligung zum Kriege. Auch Lother versammelte ein großes Heer; viele Herren und Fuersten kamen ihm zu Huelfe. Auch Marphone, Lothers Sohn, der unterdessen ein starker maechtiger Ritter, und nach Koenig Orschiers Tode Kaiser von Griechenland geworden war, kam seinem Vater mit einem maechtigen Heere zu Huelfe; auch Maller und die Seinigen fehlten nicht. So ward der blutigste Krieg gefuehrt, wo Christen gegen Christen fochten, von dem je ist erhoert worden. Viele Jahre dauerte der Krieg, wo ganze Laender zerstoert, Kirchen und Kloester verbrannt, und mehr denn sechsmahlhunderttausend Christen ihr Leben verloren, deren Blut die Stroeme und Fluesse im Lande roth faerbte. Endlich versoehnte sich Lother sanftmuethig mit Ludwig, nachdem die verraetherischen Raethe alle gefangen und getoedtet waren.

Dann nahm Marphone wieder Abschied von seinem Vater Lother, und zog wieder mit seinem Heere nach Konstantinopel. – Maller bekam Botschaft, wie seine liebe Ehefrau, Scheidechin, gestorben sei; da trauerte er viel um sie, und beweinte sie aufrichtig, konnte auch nimmer froh werden von da an, und da er seinen Herrn und Freund Lother auf Lebenszeit ungluecklich wußte. Es kam ihm in den Sinn, er moechte wohl Vater und Mutter noch einmahl sehen; er beurlaubte sich also von dem Kaiser Lother, und ritt nach Montsysson. Vorher mußte er aber Lothern versprechen, wieder nach Rom zu kommen, und nicht lange zu verweilen. Zu Montsysson fand er seinen Vater und seine Mutter, auch seinen Bruder, Koenig Ansys und seine Soehne, auch den wilden Bastard, Dietrich von Karthago. Sie alle freuten sich sehr, Maller wieder zu sehen, er aber konnte keine Freude mehr haben; da er kaum vier Wochen bei ihnen sich aufgehalten hatte, da sagte er, er wolle wieder nach Rom zu Kaiser Lother, nahm Abschied von allen Freunden, kueßte seine Mutter mit weinenden Augen, und ritt fort. Als er vor die Stadt kam, da ward sein Herz so gar mit Traurigkeit umfangen, und ihn gereute so sehr alle das Christenblut, das er vergossen, daß er vom Pferde absteigen, und sich niedersetzen mußte. Hier duenkte ihm, als rief eine Stimme vom Himmel ihm zu, er solle ein Einsiedler werden, ein hartes Leben fuehren, und seine Suenden im Gebethe und in der Einsamkeit bueßen. Da ließ er sein Pferd laufen, ging tief in den Wald hinein, wo keines Menschen Fuß je hinkam, und hier lebte er als ein Einsiedler, schlief auf der harten Erde, trug den eisernen Harnisch auf seinem bloßen Leib, ohne ihn abzulegen, weder bei Tag noch bei Nacht; aß wilde Wurzeln, die er sich selber ausgrub, trank Wasser und kasteite seinen Leib sehr.

Kaiser Lother war zu Rom, und wunderte sich sehr, daß Maller sein Geselle nicht wieder kam. Und als es sich gar zu lange verzog, da saß Lother selber auf mit einigen Gesellen, und ritten nach Montsysson, um nach Maller zu fragen. Keiner aber wußte etwas von ihm, sondern sie meinten alle, er muesse in Rom sein, und der Schrecken war gar groß, als sie von Lother vernahmen, er sei nicht daselbst angelangt. Lother und die andern suchten ihn ueberall im ganzen Lande, aber er ward nirgend gefunden; da legte sich Rosemunde, Mallers Mutter, nieder, und starb vor großem Leide um ihren Sohn. Lother ritt wieder nach Rom. Drei Jahre gingen noch wohl darueber hin, und man konnte nichts von ihm erfahren. Da ward auch Lother krank, und waere beinah vor Gram gestorben; er klagte und weinte ohne Unterlaß um ihn: und so oft jemand von Maller redete oder seinen Nahmen nannte, da mußte er immer wieder aufs neue weinen. Endlich ward er so krank, daß er zu Bette liegen mußte, und er ward ganz schwach von Sinnen. Da sagten die Aerzte: er muesse die große Klage zu fuehren aufhoeren. Lother ließ also in seinem ganzen Reiche den Befehl ergehen, niemand solle von Maller sprechen oder seinen Nahmen nennen; wer den Nahmen nennte, der mueßte sterben. Da ward also Maller vergessen, und sein Nahme nicht mehr gedacht. Nach drei Jahren, da war es gerade die Zeit, daß man die heilige Veronica in Rom vorzeigte; diese ward nur alle hundert Jahre einmahl gezeigt. Nun gedachte Maller auch nach Rom zu gehen, um die heilige Veronica zu sehen. Er kam zu Rom an, und hatte einen langen Bart, sein Antlitz war bleich, und ohne Farbe oder Licht, denn er hatte in dreien Jahren keine menschliche Speise zu sich genommen, und hatte kaum sein Leben erhalten. Er ging wie ein Pilger gekleidet, keiner seiner Freunde haette ihn so erkannt. Er ging sogleich nach der St. Peters-Kirche, und sah Lother, seinen Gesellen, alle Tage vor sich hinein- und herausgehen. Da ging Maller einen Sonntag auf den Pallast, wo Lother saß. Als dieser den Pilgrim sah, da bebte er zusammen, denn er erinnerte sich, wie Maller ihm einmahl gesagt hatte, er wollte auch einmal ein Pilgrim werden. Ach Maller, seufzte er bei sich selber, wueßte ich Dich zu finden, ich wollte Dich suchen von einem Ende der Welt bis zum andern. Maller hatte nichts von dem Verbothe gehoert, daß man vor dem Kaiser nicht seinen Nahmen nennen durfte; er ging also zu ihm, und bat ihn um Almosen um Gotteswillen, und auch um Eueres Gesellen Mallers willen, wenn Ihr ihn je lieb gehabt. Bei diesem Nahmen da vergingen dem Kaiser die Sinne, sein Herz ward kalt, und so nahm er sein Messer, warf es nach dem Pilgrim, das Messer fuhr ihm tief in den Leib. O Lother, ich bin Maller, Dein Geselle, den Du erstochen hast, komm her zu mir, kuesse mich, daß ich Dir die That verzeihe.

Da sprang Lother hinzu, nahm den Pilger in seine Arme, und besah ihn von Kopf zu Fuß da er ihn endlich erkannte, da fiel er in Ohnmacht neben ihm nieder; da er wieder zu sich kam, und den Jammer bedachte, den er angerichtet, da schrie er vor großem Schmerz, verfluchte sich und die Stunde, in welcher er geboren, und wollte sich selber toedten; Maller aber sammelte seine Kraefte, und hielt ihn ab. Herr, sagte er, mehret nicht Eure Suenden, denkt an Gott; schreit auch nicht so sehr, daß man nicht gewahr wird, ich sei Maller, den Ihr getoedtet, denn wo mein Vater es erfaehrt, und mein Bruder, so werden sie meinen Tod an Euch raechen wollen, welches Gott verhueten wolle. Gott und seine liebe Mutter wollen Euch verzeihen, ich verzeihe Euch von ganzem Herzen. Als er dieß gesagt hatte, da sah er Lother an mit freundlichem Laecheln, und verschied in seinem Arm; seine Seele war so treuer Liebe voll, und ward in einem so bußfertigen Leben abgerufen, daß sicher ihm die ewige Seligkeit zu Theil worden ist. Sein Koerper ward von den Rittern in geweihte Erde bestattet; Lother aber verfiel in eine so große Krankheit, daß man glaubte, er wuerde nicht laenger leben koennen. Endlich ward er doch so weit hergestellt, daß er wieder heraus konnte; er redete aber mit niemand mehr ein Wort, und war in tiefe Traurigkeit versenkt, woraus ihn nichts zu ziehen vermochte. Und als er einesmahls allein hinausgeritten war, und keine Begleitung mitnehmen wollte, da erwartete man vergebens seine Zurueckkunft, er kam nicht wieder nach Rom. Als sein Sohn, Marphone, durch den kalabrischen Wald kam, da fand er ihn als Einsiedler in einer Klause im Walde, wo er auch bald darauf starb, in seines Sohnes Armen.

Hier endigt das Buch von Lother und Maller, den beiden treuen Gesellen.


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