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Bild: Richard Scholz

Im Seebade.

Bild: Richard Scholz

Fragt eine Hausfrau, was es heißt: Eine fünfwöchige Badereise für sieben Menschen vorzubereiten! Eine Art Moltke muß sie sein, der bis auf den letzten Knopf und Kragen einen Feldzug organisiert.

Aber alle Sorgen, Berechnungen und Aufregungen solch einer Hausfrau um Koffer und Kasten sind nichts gegen Herthas Aufregungen um ihren neuen Puppenkoffer. Ihr müßt bedenken, es ist kein gewöhnlicher Puppenkoffer. Er hat Abteilungen für Hüte, Leibwäsche, Kleider, Toilettengegenstände usw. usw. und ist beinah so groß wie ein kleiner Menschenkoffer. Dieser Koffer ist ihr die Badereise; ohne ihn wäre die Badereise ein Garten ohne Pflanzen, eine Armee ohne Soldaten, ein Beefsteak ohne Fleisch. Es ist der Sinn der Badereise, daß man einen Koffer mitnehmen kann. Ich machte mir einen Scherz und sagte mit ernstem Gesicht: »Dein Puppenkoffer muß zu Hause bleiben; wir haben schon viel zu viel Gepäck.«

Da schaute aus Herthas braunen Augen ein vernichtetes Lebensglück. Das konnte ich keine drei Sekunden mit ansehen, und schnell sagt' ich: »Ja, ja, du darfst ihn mitnehmen.«

Da war das Lebensglück wieder wie neu.

Alle fünf großen Koffer machen meiner Frau nicht so viel Kopfzerbrechen wie Herthas Puppenkoffer. Sie mag im Erdgeschoß oder im ersten Stock, im Keller oder auf dem Boden sein – überall wird Hertha wie aus der Versenkung neben ihr auftauchen und sie über die Dispositionen in ihrem Puppenkoffer um Rat fragen. Und dabei stellt sich leider ein empfindlicher Mangel heraus. Auf Sylt ist die Witterung zuweilen rauh, auch im Sommer, und Hertha hat für ihre Puppen keine Winterkleider! Da erklärt sich Irene bereit, ihr das Nötige zu leihen. Und da schlägt Hertha ihrer Schwester die Arme um den Hals und küßt sie, und dann schaut sie sie an und sagt mit den Augen: Ich schwöre dir unauslöschliche Dankbarkeit und ewige Liebe über das Grab hinaus.

Drei Tage darauf war's, daß Hertha bei Tisch ein allgemeines Schweigen durch den Ausruf unterbrach: »O Gott! Ich muß jeden Tag einmal sagen, daß ich glücklich bin!«

In ihrer Mutter Hände legt Hertha überhaupt alles, was sie betrifft, ihr ganzes gegenwärtiges und künftiges Schicksal, auch die Wahl ihres dereinstigen Gatten.

»Du suchst mir einen Mann aus, und dann sag ich zu ihm: Du sollst mein Verliebter sein.«

So denkt sie sich den Hergang. Ob er sich so einfach abspielen wird, bleibt abzuwarten.

Was mich betrifft, so sind mir an der Badereise die Koffer nicht das Liebste; das Meer z. B. ist mir wesentlich lieber. Denn am Meere werd ich faulenzen können! Sonst hab ich zu dieser edlen Kunst kein Talent; ein verlorener Tag – wohlverstanden: nicht ein dem Vergnügen geweihter Tag, nein: ein vertrödelter, zwecklos verbummelter Tag hinterläßt mir einen schlimmeren Katzenjammer als sieben Glas Grog von schlechtem Rum – wenn ich sie trinken würde, meine ich, – aber am Meere kann ich faulenzen. Das Meer wiegt alle Gedanken ein, auch die Gedanken, die nicht schlafen wollen und nicht schlafen können, alle, alle; am Meere glaub ich an die Vorstellung der Wilden, daß die Seele den Körper verlassen und sich auf eigene Hand ergehen könne.

Und ich reise diesmal mit um so größerem Behagen, als meine Tochter Appelschnut mich über die Kosten vollständig beruhigt hat. Als wir schon in der Eisenbahn saßen, sagte ich: »Ich glaube, ich habe mein Portemonnaie vergessen.«

»Pappi, ich hab Geld mitgenommen!« rief Appelschnut.

»Wie viel?«

»Fünfßehn Fennige!«

»Na also!«« Zu allem Überfluß fand ich dann auch noch mein Portemonnaie.

Aber nicht nur ein Portemonnaie habe ich mitgenommen, sondern auch Bücher. Ich beschränke mich darin und nehme selten mehr als ein Dutzend Bücher mit, da ich schon zehnmal erfahren habe, daß ich nur in vereinzelten Fällen eins davon zu Ende lese. Nachdem im Sand des Ufers eine tiefe »Kuhle« ausgegraben – so tief wie es das Grundwasser erlaubt – und ringsherum ein hoher Burgwall mit Ausblick auf das Meer aufgeworfen worden, bette ich mich so weich und warm wie möglich in die Kuhle und nehme mein Buch zur Hand. Diesmal ist es ein dickleibiges biologisches Werk über die Pflanzen und Tiere des Meeres. Ich befinde mich auf der dritten Seite der Einleitung, als ich aus weiter Ferne »Nuuu!« rufen höre. Ich lese weiter und höre gleich darauf lauter und dringlicher »Nuuu!« Da fällt mir ein, daß ich ja eigentlich mit meiner jüngsten Tochter Versteck spiele. In dieser Seeluft ist ein berauschender, benebelnder Tau, der alle Vorsätze, Versprechungen, Abmachungen, Hoffnungen und Befürchtungen in Traum und Dunst auflöst. Ich grabe mich also aus und mache mich auf, meine Tochter zu suchen. Ich sehe sofort ihren mächtigen roten Strandhut über einen Sandwall schimmern; aber ich suche sie natürlich lange und unter verzweifelten Ausrufen überall, wo sie nicht ist. Endlich »finde« ich sie: »Ach, da bist du!« Sie kreischt vor Vergnügen wie ein Seeadler und fliegt mir an den Hals. Auch von ihrem Munde kommt der Atem des Meeres.

Nun muß ich mich verstecken. Sie drückt beide Hände vor die Augen und steckt den Kopf in den Sand, um nichts zu sehen. Ich nehme mein dickes Buch und setze mich hinter einen Strandkorb. – –

Ich befinde mich auf der vierten Seite oben, als sich zwischen mich und das Buch ein roter Hut schiebt.

»Vater, du mußt doch ›Nu!‹ rufen!«

»Ach ja, wahrhaftig, entschuldige!«

In dieser Luft wird ein Cato zum Windhund, ein Regulus zum Wortbrecher, und ein Picus von Mirandola verliert das Gedächtnis. Ich sammle mich wieder auf, verstecke mich mit meinem Buch hinter der Dünentreppe und rufe »Nu!«

Ich bin auf der vierten Seite unten, als mir ein ganzer Mensch aufs Buch fällt und schreit: »Haaaa! Nu hab ich dich!«

»Nu muß du mich wieder suchen!« ruft sie und ist verschwunden wie ein Hauch.

Man wird zugeben, daß dies nicht die Art ist, ein Dutzend Bücher zu bewältigen, zumal wenn man nach siebenmaligem Rufen und Verstecken mit Hertha, der glücklichen Besitzerin des Puppenkoffers, »dritschern« muß. »Dritschern« heißt: Einen flachen Stein so auf den Wasserspiegel werfen, daß er wiederholt abprallt, bevor er versinkt. Auch »dritschern« fördert die Lektüre nicht; aber als Vater kann man sich ihm nicht entziehen. Wie gut es ist, wenn man in der Jugend fleißig gewesen, das sehe ich jetzt: Ich »dritschere« noch ziemlich schön. Aber Hertha will es wie gewöhnlich im Anfang nicht gelingen, und daran ist weniger ein Mangel an Geschicklichkeit als die Überfülle von Kraft schuld, die sie an alles wendet. Wie Brunhilde im Wettkampf den Felsblock schleudert, so wirft sie ihr Steinchen. Aber auch die stille, die innere Kraft hat sie, und da gelingt es ihr schließlich doch, und als es ihr gelungen, da lacht sie hell mit dem Mund und heller mit den Augen, wirft mir die Arme um den Hals – ich weiß nicht ob es Liebkosungen oder Schläge sind – und küßt mich.

Bild: Richard Scholz

Hertha, du siehst aus wie ein Symbol der Natur: Du küssest und zermalmst, und alles mit lachenden, unschuldsvollen Augen!

Die ersten drei Jahre ihres Lebens war sie ununterbrochen krank, ein trauriges Würmchen, die nagende Sorge der Mutter. Da gingen wir alle eines Sommers in ein jütisches Fischerdorf an der Nordsee, und in diesem Dorf waren drei Wochen lang heulender Sturm, peitschender Regen und unentrinnbarer Dorschgeruch. Wir verwünschten das Dorf und reisten nach Hause, und von Stund an war Hertha gesund und ward fröhlich und stark. Wie oft verwünschen wir Toren das Glück, das wie Unglück aussieht!

Schließlich entläßt mich Hertha freilich in Gnaden zu meiner Lektüre; aber inzwischen hat Roswitha-Appelschnut neue Kräfte gesammelt. Als ich auf der fünften Seite oben bin (noch immer Einleitung!), da tritt sie an mich mit dem Ersuchen heran, die gewohnten Zirkuskünste mit ihr zu exekutieren. Ich muß mich platt in den Sand legen; sie springt mit zehn Schritt Anlauf auf mich zu, und ich muß sie auffangen. Nach diesem »Todessprung« kniet sie in meine flachen Hände, und ich muß sie langsam und lotrecht emporheben. Dann folgt »Appelschnut, die Königin der Luft«. Ich strecke einen Arm hoch; sie legt sich mit dem Bauch auf meine flache Hand, streckt alle Viere nach den vier Himmelsrichtungen, und ich muß sie drehen. Lauter Sachen, mit denen ich im Wintergarten zu Berlin ein Heidengeld machen könnte, wenn ich wollte.

Aber plötzlich ist Appelschnut verschwunden. Wie ein Traum ist sie entflohen. Die Kinder gehen mit der Mutter zum Baden. Darum! Sie ist schon ganz ferne, hinter zwanzig Sandhügeln.

Vor zwei Jahren war es noch anders. Da sah sie die weiß und grünen Wogen auf den Strand klatschen und in die Höhe spritzen, klatschte in die Hände, lachte, als ob das Herz zum Halse herausfliegen wolle, und dachte: Ei, was ist das Meer für ein Spaßmacher! Und gar nicht schnell genug ging ihr das Auskleiden, gar nicht früh genug konnte sie dem Spaßmacher an den Hals springen! Mit offenen Armen sprang sie ihm jauchzend entgegen – und im nächsten Augenblick lag sie sieben Meter weiter zurück mit der Nase im Sand; sie hob den Kopf, sah sich mit grenzenloser Verblüffung um, schnappte nach Luft, und als sie sie endlich hatte, brüllte sie mit der Brandung um die Wette. Es war eine Art Nachbildung der berühmten Arie: »Ozean, du Ungeheuer!« O dieser abscheuliche Grobian von einem Spaßmacher! Sie wollte ihn umarmen und mit ihm tanzen, und er schmiß sie auf den Strand wie einen gemeinen Sandfloh! Kurz, sie war dem Meer auf ewig böse.

Bild: Richard Scholz

Heute aber, da sie »schon groß ist«, hat sie Poseidon verziehen; sie weiß ihm um den Bart zu gehen und seinen täppischen Späßen zu entschlüpfen, und am liebsten ginge sie im Wasser zu Bett. Wenn sie nicht baden darf, so streift sie Rock und Höschen auf und watet durch sämtliche Lagunen und Lachen, die das ebbende Wasser zurückgelassen. Noch gestern abend rief sie, als meine Frau sie zu Bett bringen wollte: »Ach Mammi, bitte, bitte, noch einen Augenblick, hier ist noch so'ne himmlische Pfütze!«

Appelschnut, Appelschnut, was wird der »Verein zur öffentlichen Hebung der Moralität bei den Mitmenschen« dazu sagen, daß du von himmlischen Pfützen sprichst!

Ja, sie ist schon so sehr mariniert, daß sie jetzt auch einen Matrosen zum Mann haben will.

»Erst will ich barmherzige Schwester werden, und dann werd ich wohl 'n Bauern nehmen, damit ich recht viele Tiere krieg, und dann heirat ich 'n Matrosen.« Es ist dabei zu bedenken, daß sie schon vier Spielkameraden Hoffnung auf ihre Hand gemacht hat und außerdem nach einer früheren Äußerung an dem Gatten ihrer Schwester Hertha partizipieren will. Sie wird das System Blaubart akzeptieren müssen.

Und dabei sagt diese Dame, die sieben Männer haben will, noch statt »Badekabine«: »Kabadebine!« Jawohl, meine Frau und ich haben es wiederholt gehört: sie, die schon in richtigen Konjunktiven spricht und sogar Konzessivsätze riskiert, sagt noch: »Kabadebine«. Und wir haben uns fein gehütet, sie zu korrigieren; das Wort war uns ein wundersam rührendes Überbleibsel aus jener Zeit, da sie noch durch die Sprache wie durch einen Urwald tappte und die wunderlichsten Blumen und Wege fand. –

Also ich darf mich jetzt einer Ruhepause erfreuen. Ich habe mir in einem großen Eimer allerlei Seegetier gesammelt und will jetzt so lange hineinsehen, bis ein kleiner Seestern mit seinen Saugfüßchen vom Grunde des Eimers bis oben an den Rand hinaufspaziert ist. Damit kann man sehr gut ein paar Stunden ausfüllen. Wenn ich dies Stück Arbeit erledigt habe und nicht allzu müde bin, will ich einer meiner Entenmuscheln so lange zuschauen, bis sie fünftausendmal ihre feinen Rankenfüße vorgestreckt und wieder eingezogen hat. Ja, wenn nicht mein Freund und Duzbruder Nazi wäre!

Nazi ist ein Dreijähriger; aber er ist groß und dick wie ein Sechsjähriger. Er hat einmal gehört, daß er zu dick sei, um schnell zu laufen; seitdem erklärt er, wenn er sich tummeln soll: »Kann nich, schu dick!« Er fiel uns schon auf der Herreise in der Eisenbahn durch die energische Erklärung auf, daß er nicht in der »heißen Tütbahn« fahren wolle, sondern in der »kalten«. Die »Tütbahn« war natürlich die Eisenbahn, weil sie »Tüt« macht, und »heiß« war sie, weil er das Feuer unter dem Kessel der Lokomotive gesehen hatte. Das war ihm unheimlich gewesen, und darum verlangte er, kalt zu fahren.

Als ich mich kaum in die tiefsinnige Betrachtung meines Seesterns versenkt habe, höre ich den Ausruf: »Ich krieg doch wasch schu eschen!«

Bild: Richard Scholz

Aha, also Nazi. Als er mich einmal mit Sand beworfen hatte, rief ich: »Wart, du Schlingel, du kriegst heute nichts zu essen!«

»Ich krieg doch wasch schu eschen!« rief er.

Ich tat, als wenn ich aufspringen wolle.

Er kreischte halb aus Furcht, halb vor Vergnügen, sprang drei Schritte zurück und schrie: »Ich krieg doch wasch schu eschen!«

Ich griff zähnefletschend nach einer Sandschaufel und schwang sie drohend.

Er kreischte wieder, sprang wieder drei Schritt zurück und schrie abermals: »Ich krieg doch wasch schu eschen!«

Jetzt sprang ich zornbebend und wutschnaubend auf die Füße und lief drei Schritt auf ihn zu.

Er lief sieben Schritt, blieb stehen und schrie dasselbe, und bei dem »doch« klappte seine Stimme jedesmal über. Auch mit diesem Spiel könnte ich eventuell meinen Kuraufenthalt ausfüllen; Nazi würde nichts dagegen haben; aber ich mach es nur einmal vormittags und einmal nachmittags; dabei werde ich immer noch, da Nazi fünf Wochen zu bleiben gedenkt, etwa siebzigmal alle Stadien der sittlichen Entrüstung darüber, daß Nazi etwas zu essen kriegt, durchlaufen müssen.

Nachdem ich auch diesmal mein Pensum Wut geschäumt habe, wird Nazi auf den Eimer aufmerksam. Er guckt hinein und fragt: »Wasch isch das?«

Ich nenne ihm die einzelnen Tiere.

»Worum tut die immer scho?« Er macht die Bewegungen der Entenmuschel nach.

»Sie holt sich was zu essen aus dem Wasser!«

»Da isch ja gar nix schu eschen!«

»Doch; da ist sehr viel zu essen; das kannst du nur nicht sehen.«

»Worum nich?«

»Weil es zu klein ist.«

»Worum isch esch schu klein?«

»Junge, das weiß ich nicht.«

»Och, weisch doch mal!«

Dja, wenn's an meinem Willen läge, dann müßt ich noch ganz was anderes.

»O kuck mall« ruft er plötzlich, »der Hund wackelt mit'n Henkel!«

Ich bin natürlich sehr begierig, einen Hund mit einem Henkel zu sehen. Richtig, da steht ein Hund mit einem aufwärts gekrümmten Schwanz, und mit diesem Schwanze wackelt er. Man kann den Schwanz gar nicht treffender bezeichnen, als ihn der Dichter Nazi bezeichnet hat.

Endlich vermißt er meine Töchter, für die Nazi natürlich nächst Schlagsahne das Himmlischste auf der Welt ist.

»Wo isch dein Mädschen?« fragt er.

»Wen meinst du? Fräulein Gertrud?«

»Nein, Fräulein andere Gertrud!«

»Irene?«

»Nein, Fräulein andere Irene!«

»Hertha?«

»Ja.«

»Die sind alle zum Baden. Willst du nicht auch baden?«

»Nein, kann nich, schu dick«, ruft er und stapft mit den Säulen des Herkules durch den Sand von dannen.

Bild: Richard Scholz

Ich lese nun die fünfte Seite der Einleitung zu Ende; da ich aber zum Umblättern zu erschöpft bin – ich werde hier allmählich zur Molluske – so streck ich mich zunächst einmal lang in den Sand.

Aaaaaaaaah – hahaaaaaa – – –

Und ich brate in der Sonne.

Und ich sehe fern, fern am Horizont ein kleines, weißes Segel, das will ich betrachten, bis es verschwindet. In jenem Schifflein sitzt meine Seele – ich weiß es! Und ich will meiner Seele nachschauen, bis sie in den veilchenblauen Himmel entschwindet.

Indessen brät mein Leib in der Hölle, in dieser unsagbar molligen Hölle, die meinetwegen ewig sein kann. Man kann die Genüsse von Himmel und Hölle nicht bequemer vereinigen.

Meinem Leib ist wohl wie einem angespülten toten Seehund.

Zuweilen ist es mir auch umgekehrt: Dann liegt meine Seele hier am Strande und hat sich in Sonnenschein verwandelt, und mein Leib schwebt unsichtbar in den Lüften, aufgesogen von den Wolken, von der trinkenden und trinkbaren Luft.

Meine Lungen sind vollständig betrunken von dieser Lust, und mein Leib schmort, und wenn ich noch ein wenig warte, wird er zu brutzeln ansangen.

Bild: Richard Scholz

Wie es scheint, bestreut mich schon jemand mit Salz und Pfeffer; aber es ist nur Appelschnut, die mich mit Sand bestreut. Von unten anfangend, bedeckt sie mich nach und nach vollständig mit Sand. Sollte ich wirklich nur noch ein toter Seehund sein? Ich opponiere nicht einmal, als mir der Sand zwischen Hals und Kragen rieselt, obwohl dies kein eigentlich angenehmes Gefühl verursacht. Ein toter Seehund faßt keine Entschlüsse mehr.

»O Pappi, laß uns mal Pferd spielen!« ruft Appelschnut plötzlich.

Bild: Richard Scholz

Aber ich bin von meinen Forschungen über dem Wassereimer so angegriffen, daß ich ihr vorschlage, lieber Kuchen und Häuser zu backen, ein Geschäft, das man ohne große Veränderung der Körperlage etablieren kann. Sie ist sofort einverstanden, und wir backen in zehn Minuten eine amerikanische Großstadt mit Häusern, Kirchen und Kuchenläden. Allerdings bauen wir mit stetig wachsendem Arbeitspersonal. Nach fünf Minuten ist nahezu die ganze unmündige Strandbevölkerung auf der Arbeitsstätte versammelt. Und als ich nach abermals fünf Minuten emsig damit beschäftigt bin, in einem Garten sämtliche Blumen und Gemüse anzubauen, die sich aus Strandhafer herstellen lassen, empfinde ich um mich her eine abgrundtiefe Stille. Ich hebe den Blick: Meine Arbeitsgenossen sind schon in weiter, weiter Ferne; sie haben längst ein anderes Spiel begonnen und Appelschnut hüpft über die fernsten Hügel wie eine wandernde Mohnblume.

Verwaist, vergessen und öde liegt die Stadt. Schon beginnt der Wind, sie zu verwehen, die Flut, sie zu benagen. Nie wieder wird die eben noch Lebendige ein Hauch des Lebens erwecken; in einer Stunde wird sie verschwunden sein. Wunderbare Welt des Meergestades! Selbst Kinderträume verwehen in dieser Luft noch schneller als drinnen im Land, und tiefer noch als anderswo senkt sich ins Herz das Gefühl: Auch deine Wünsche sind wandernder Staub. Du brauchst nicht nach Ägypten zu gehen: Diese verlassene Stadt der Kinder ist Memphis.

Aber auch die beschauliche Ruhe ist hier vergänglich; schon kommt Roswitha wieder herbeigesprungen.

»Mutti!« ruft sie erregt.

Ich wundere mich, daß sie mich als Mutter anredet, und sehe mich um – ach so: Meine Frau liegt neben mir im Sand.

»Mutti, Erna is immer so eisch; wenn wir spielen, denn macht sie immer Streit und wirft uns Sand ins Gesicht. Sei man gar nich mehr so nett mit ihr; wir sind alle von ihr weggegangen!«

In diesem Augenblick geht Erna, eine von den weniger erfreulichen Badebekanntschaften, weinend vorüber.

»Mutter, sie weint,« sagt Appelschnut, »soll ich sie mal fragen, ob sie wieder gut mit uns sein will?«

Bild: Richard Scholz

»Ja, frag sie nur.«

Nach einer kleinen Minute wandern Erna und Appelschnut wieder Arm in Arm. Auch Roswithens Zorn verrinnt und verweht wie Wind und Welle.

»Was spielt ihr denn?« fragt meine Frau.

»Ach, wir spielen so fein! Krankenhaus! Mit unsern Puppen! Einer is heute schon dreimal operiert worden, un denn hat er noch Scharlach un Cholera!«

Allmächtiger! Je verzweifelter die Fälle sind, desto vergnügter sind diese barmherzigen Schwestern. Patienten mit weniger als drei Krankheiten scheinen gar nicht aufgenommen zu werden.

»Eben is auch 'n kleines Baby geboren worden, noch kein Jahr alt und hat schon 'n Keuchhusten!«

»Na, da habt ihr ja alle Hände voll zu tun,« ruft meine Frau lachend.

»Ja!« rufen stolz die beiden wie aus einem Munde, und schon sind sie wieder über den Bergen bei den sieben Zwergen. –

»Ich krieg doch wasch schu eschen!« schreit es nah bei meinem Ohr.

Nee, is nich, Nazi. Mein Morgenpensum ist erledigt.

»Ach, da ist ja mein Nazi!« ruft meine Frau. »Komm, sag mir mal guten Tag.«

»Kann nich – schu dick!« versichert er mit Überzeugung.

»Ja, wenn du zu dick bist, darfst du ja auch keine Schokolade essen.«

Nein, nein, das ist eine mißverständliche Auffassung; für Schokolade ist er nicht »schu dick«.

Die magnetischen Kräfte der Schokolade sind von der Wissenschaft, wie mir scheint, noch entfernt nicht in ihrer ganzen Gewalt erkannt. Wie aus dem Boden gestiegen, umstehen meine Frau im nächsten Augenblick mehrere eigene Kinder, zwei Schwestern des Herrn Nazi und einige weitere Strandbevölkerung.

Als Nazi auf dem Schoß meiner Frau sitzt, guckt er ihr minutenlang in die Augen. Irgend etwas tieferes Philosophisches scheint sich in ihm zu entwickeln. »Kannsch du mit deinen Augen schehen?« fragt er schließlich.

»Ja gewiß, Nazi! Warum soll ich denn mit meinen Augen nicht sehen können?«

»Deine Augen schind ja scho dunkel!« meint er.

Dieser Ausspruch Nazis ruft in der Korona seiner weiblichen Verehrer einen Sturm des Entzückens hervor.

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»Ist er nicht zu süß?« jubelt Hertha. »Gott! Solch einen kleinen Bruder möcht ich auch noch haben!«

Aber Nazis sechsjähriges Schwesterchen spricht ein ernstes und passendes Wort:

»Tu das lieber nich, Hertha,« sagt sie, »da is viel Arbeit bei.«

Meine Frau ist durchaus der gleichen Meinung und drückt ihrer verstehenden Mitschwester dankbar die Hand.

Es ist auch zu bedenken, daß ich nicht nur schon fünf eigene Kinder habe, sondern daß ein allerliebstes kleines blondlockiges Mädel, ein Püppchen aus lauter Grazie und Spitzen, sich mir vollständig attachiert und mich ohne alles Verdienst mit Standhaftigkeit »Vater« nennt. Auch sie ist schuld, daß ich die Einleitung meines biologischen Wälzers nicht zu Ende lesen kann. Wenn sie ihrer Puppe das Bett macht, packt sie mir mit den Worten »Vater, halt mal, bitte!« erst die Paradedecke aufs Buch, darauf das Deckbett, dann das Kopfkissen, hierauf das Bettlaken und endlich Matratze und Pfühl, und ich kann nicht eher weiterlesen, als bis alles in der umgekehrten Reihenfolge, gehörig geklopft und gelüftet, wieder in den Puppenwagen gelegt worden ist. Und ferner ist zu bedenken, daß ich ja schon einen Nazi habe, einen viel längern als diesen, nämlich den Obertertianer Erasmus. Wenn ihr einmal ein Füllen auf einer großen Weide beobachtet habt, dann habt ihr eine Vorstellung von Erasmus im Seebade. Solch ein Füllen, wie ihr wißt, steht in diesem Augenblicke still und nachdenklich da, um ganz plötzlich und unvermittelt den Kopf in den Nacken zu werfen, die Mähne zu schütteln und mit geblähten Nüstern, wiehernd, den Rasen stampfend und die Hufe gegen den Himmel werfend, zwanzigmal die weite Wiese zu umrasen, und in seinem Gewieher ruft es: »Ihr lächerlichen Menschen, wie lächerlich klein ist eure Erde!« So auch Erasmus. Wenn vom Gefäß seiner Jugendkraft plötzlich der Pfropfen sich löst und knallend in die Luft fliegt, dann wird er zum jugendlichen Steppenroß, das fliegenden Laufes die Dünen und Sandwüsten der Insel durchstampft, und wenn ihn der Hafer sticht, wiehert er mit ungemeiner Naturtreue. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Zentauren der griechischen Mythologie ursprünglich wildlebende Obertertianer waren.

Bild: Richard Scholz

Dabei zeigt dieses Natur- und Fabelwesen zu andern Zeiten Momente einer überlegenen Ironie. Als er eines Morgens aus seinem Bette stieg, bemerkte meine Frau, daß er aus dem einen Zipfel seines langen Nachthemdes einen riesigen Knoten gemacht hatte.

»Was soll denn das?« rief meine Frau.

»Das soll mich daran erinnern, daß ich noch Cäsar präparieren muß.«

Das war freilich schon stark gegen Ausgang der Ferien.

Jeden Mittag um zwölf Uhr kommt Erasmus an meine Sandfeste, um mich zum Baden abzuholen. Bei Obertertianern muß man die Badestunde immer unmittelbar vor das Diner legen, weil nur eins die Kraft hat, sie wieder aus dem Meere hervorzulocken: die Tischglocke.

Wenn wir dann zum Essen gehen, müssen wir auch an Nazis Tisch vorbei. Sein Vater erlaubt ihm nicht, die Versicherung, daß er doch was zu essen kriege, laut durch den Saal zu schreien; aber er blinzelt mir heimlich mit boshaftem Frohlocken zu, und ebenso heimlich schüttle ich grollend die Faust.

Wir entwickeln alle einen ziemlich gleichmäßigen Appetit, den bekannten nördlichen Luft- und Meerhunger; aber Appelschnut wollte ihre Milch nicht trinken. Da habe ich sie dazu überredet, ihre Mutter regelmäßig bei Tische »anzuführen«. Ich gab ihr den teuflischen Gedanken ein, ihre Milch heimlich auszutrinken, dann zur Mutter zu sagen: »Ich mag keine Milch!« und wenn die Mutter sie dann tadelte, ihr triumphierend das leere Glas zu zeigen. Das wiederholen wir nun bei jeder Mahlzeit und – merkwürdig! – jedesmal fällt meine Frau wieder darauf hinein, und jedesmal tauschen Appelschnut und ich danach einen Blick der freudigen Genugtuung: »Sie ist richtig wieder auf den Leim gegangen!«

Bei Tische muß ich, einem stillschweigenden Übereinkommen gemäß, ein gewisses Quantum Witze für den Hausgebrauch machen, zum Beispiel wenn der Roquefort, der Maden hat, durch einen Camembert abgelöst wird, muß ich sagen: »Le Roquefort est mort, vive le Camembert!« oder so etwas Ähnliches; der Nachmittag aber gehört dann allerdings vorwiegend der Ruhe. Zwar nehme ich, in der Sandgrube liegend, die Biologie der Meerorganismen vors Gesicht, aber doch nur in dem vollen Bewußtsein, daß dieses Bewußtsein schon nach Beendigung des ersten Vordersatzes schwinden werde.

Natürlich: wenn ich von Ruhe gesprochen habe, so hat das keinen Bezug auf die Kinder. Kinder haben ein so ruhiges Herz, daß Haupt und Glieder der Ruhe nicht bedürfen. Ich habe denn auch kaum das Quantum Schlaf genossen, dessen man nach einem solchen Vormittage dringend bedarf, als mir aus Traumeshimmeln etwas ziemlich Schweres, Warm-Lebendiges auf den Magen fällt. Selbstverständlich Appelschnut.

»O Pappi, wir spielen zu fein! Karl is der Wolf, un ich bin das Pferd, un denn kämpfen wir uns immer mit'nander!«

Ich habe also ein Pferd auf dem Schoß. Auch in diesem Augenblick, da sie auf meinem Schoße sitzt, fühlt sie sich vollkommen als Pferd. Aber das Pferd hat einen sehr kräftigen Schmutzfleck im Kleid.

»Roswitha, wie hast du das schöne neue Kleid beschmutzt!«

»Ach, das war so naß geworden, un da wollt ich es mit Sand wieder rein machen, un da war es mit ein'mal so schmutzig«.

Der Sand muß starke Beimengungen von rötlichem Ton gehabt haben.

»Sag es man nicht erst Mutter«, meint sie, »sie ärgert sich bloß.«

Diese Besorgnis um die Mutter finde ich ergreifend.

»Ich weiß ja, mein süßes Väterchen sagt nichts«, dabei wirft sie mir die Arme um den Hals, küßt mich und trabt mit dem Wolfe davon.

Nicht einen Augenblick ist ihr der Gedanke gekommen, daß es für ein Pferd absurd ist, sich auf den Schoß seines Vaters zu setzen und ihn zu küssen.

Nach einer Viertelstunde kommen Pferd und Wolf wieder auf mich zugerannt, und das Pferd ruft in großer Erregung: »Vater, Karl will nich glauben, daß die Erde sich immer so rumdreht!«

Als Anhänger des kopernikanischen Systems bestätige ich, daß die Erde sich immer so rumdreht.

Karl wird nachdenklich.

Bild: Richard Scholz

»Er meint, dann fallen wir ja alle um!« ruft Appelschnut.

»Nein, die Erde hält uns fest und nimmt uns alle mit.«

»Wir drehn uns auch alle!« erklärt Appelschnut.

»Die Schaufel auch?« fragt Karl, auf eine im Sand steckende Schaufel zeigend.

»Die Schaufel auch,« bestätige ich.

»Der Strandkorb auch?« – »Der Strandkorb auch.« – »Du auch?« – »Ich auch. – Und du auch.«

»Ich?« – »Ja.«

»Hähäää – das ist nicht wahr!« ruft Karl mit überlegenem Lachen, und vor dieser Überlegenheit muß ich wie schon so oft in meinem Leben verstummen. Karl dreht sich nicht mit.

Und so verfließt der Nachmittag, so verfließt der Tag, und gleich auf den ersten Tag folgt der letzte Tag. Ganz anders ist es als in den Tagen der Schöpfung. Da heißt es: »Es ward aus Abend und Morgen ein Tag.« Hier müßte es heißen: »Aus Abend und Morgen werden vierzig Tage, hundert Tage, tausend Tage.« Was zwischen dem ersten und dem letzten Tage liegt, ist ein stilles, ewiges Fließen von Wasser und Wind, von Atem und Traum, und so wenig du die Tropfen im Meere zählst, so wenig dir daran liegt, sie zu zählen, so wenig achtest du hier der Tage im Meere der Zeit.

Wehmütig raffen die Kinder am letzten Tage den kleinen Hausrat unserer flüchtigen Wohnstatt zusammen; wehmütig stehe ich dabei, das Werk über die Pflanzen und Tiere des Meeres mit seiner unausgelesenen Einleitung in der Land haltend. Da höre ich aus weiter Ferne ein Krähen. Ich suche lange nach dem Ursprung dieses Schalles und finde endlich oben am Rand einer hohen Dünenklippe zwei Menschen, die wie eine Dame und ein Kind aussehen. Da der Wind herübersteht, so höre ich endlich mit angespanntestem Gehör: »Ich krieg doch wasch schu eschen!«

Bild: Richard Scholz

Da reiß ich von unserer verfallenen Strandburg einen mächtigen Pfeiler los, pack ihn mit beiden Händen und schüttle ihn mit furchtbarer Drohung.

Und der Wind trägt mir ein letztes, jauchzendes Kinderlachen zu.

Und ganz zuletzt erlebe ich noch etwas Wundersam-Schönes.

Mein Töchterlein hat hier eine Freundin gefunden, die heißt Else. Totweinen würde sie sich, wenn sie Else niemals wiedersehen solle, so hat Irene erklärt. Nun umwandern sie, um Hals und Hüfte innig Arm und Arm geschlungen, die Reste unserer Strandburg und singen.

Irene singt: »Nun ade, du mein lieb Elseland, lieb Elseland, ade!«'

Das Land, wo sie Else kennen gelernt, ist ihr ein Elseland geworden.

Else singt: »Nun ade, du mein Irenenland, Irenenland, ade!«

Das Land, wo sie Irene fand, ist ihr ein Irenenland geworden.

»Irene« ist »der Friede« – das weiß Else vielleicht nicht einmal.

Kinder, ihr singt ein tiefsinniges Lied.

Nun ade, du mein Irenenland – – –!

Bild: Richard Scholz

 


 


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