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Bild: Richard Scholz

Im alten und neuen Heim

Appelschnut heißt nicht immer Appelschnut. Im Gegenteil: sie heißt alle Tage anders, ja, mitunter wechselt ihr Name von Minute zu Minute. Da heißt sie denn z. B. Purks, Stift, Strolch, Fliegenschnäpper, Musch, Bachstelze u. s. w., je nach dem, was sie gerade an den Tag gibt oder wie sie aussieht. Und da sie alle Tage, alle Stunden etwas Neues produziert, der Ausdruck ihres Gesichts, der Glanz ihrer Augen, die Geschwindigkeit ihres Schnabels oft von Minute zu Minute, von Sekunde zu Sekunde wechseln, ihr Haar jeden Augenblick anders ins Gesicht fällt und ihre Schürze und ihre Backen immer an anderer Stelle mit einem »Erdenrest, zu tilgen peinlich« verziert sind, so muß man immer nach neuen Namen suchen, um sie zum Ausdruck zu bringen. Man könnte sie Proteus nennen, wenn sie nicht so himmelweit von einem Meergreis entfernt wäre und ihre Stupsnase nicht allem Griechentume Hohn spräche. Zu diesen Zeiten heißt sie vorwiegend Purks – ihr gesetzmäßiger Name Roswitha gerät zeitweilig völlig in Vergessenheit.

Wenn ich als Knabe von einer Wohnung letzten Abschied nehmen mußte, um eine neue zu beziehen, wenn der letzte Stuhl, der letzte Besen hinausgetragen war, dann preßte mir eine tiefe Wehmut das Herz zusammen. Denn für mich war das Haus nicht leer, nein, es war noch voll, übervoll. Die kahlen Wände, die Decken, der Fußboden waren voll von Bildern, die meine Gedanken in vielen nachdenklichen Stunden darauf gemalt hatten. Das ganze Haus war eine unsichtbare Bildergalerie, und das alles sollte ich dortlassen und sollte für immer davongehen? Auch stand ja in dem leeren Raume noch alles an seinem Platze! Der Korbstuhl stand noch da, in dem mein Vater seinen Mittagsschlaf hielt, der kleine Kanonenofen, vor dem ich winterabends, in die Glut starrend, so oft gesessen, der Nähtisch, an dem meine Mutter so oft mein Kamisol geflickt hatte. Und wenn man hinaussah – den hohen Fabrikschornstein, der ganz von Rauch geschwärzt war, an dem meine Phantasie so oft hinaufgeklettert war, um oben nach den Wolken zu greifen, den lieben schönen Schornstein sollt' ich wie ein treuloser Kamerad verlassen ... Ich ging noch einmal heimlich, wenn niemand mich sah, durchs ganze Haus, strich über jede Fensterbank liebkosend mit der Hand zum letzten Abschied und verweilte mit geizigen Blicken auf den Reichtümern, die in allen Ecken lagen und die ich für immer zurücklassen mußte. Es waren Schätze ohne Schwere; auch die Decke und die oberen Zimmerecken waren voll davon ...

Und wenn ich dann später einmal an demselben Hause vorüberkam – unbegreiflich: wo wir gewohnt hatten, wohnten andere Menschen! Das konnt' ich nicht fassen! War denn dies nicht mein Boden, mein Reich? Hatte ich hier nicht die Wimpel und Fahnen meiner Träume gehißt? Hatte ich diesen Boden nicht angebaut mit tausend und abertausend neuen Gewächsen? Wie konnten andere Menschen in diesen Räumen wohnen, die voll waren von meinem Leben? Wie konnten sie hier Wurzeln schlagen, wo sich Blatt an Blatt und Blüt' an Blüte drängte, daß kein Zollbreit übrig blieb? Hatten denn diese Menschen nicht ein eigenes Herz, einen eigenen sinnenden Kopf? Ebensowohl könnte jemand kommen und zu mir sagen: Ich will von heut ab in deinem Körper wohnen! Denn die Wohnung gehört doch zu unserm Körper, ist doch nur ein weiterer Vorhof des Tempels, den wir Leib nennen und der das Heiligtum Seele hegt. Ach, ich war ja gescheit genug, zu wissen, daß ein Mensch an keinem Fleckchen der Erde ein ewiges Recht hat, daß selbst unser Staub nur ein Gast des Grabes ist – aber darum wich das schmerzliche Staunen meines Herzens nicht, das Staunen vor dem Unbegreiflichen, daß fremde Menschen in meinem Hause wohnten, in meinem Hause, das ich mit hunderttausend Traumdukaten bezahlt hatte!

Bild: Richard Scholz

Purks ist noch sehr klein und ist wohl vom alten Hause nicht mit der Wehmut eines grübelnden zwölfjährigen Jungen geschieden; aber so ganz glatt ist der Wechsel doch auch in ihr nicht vorgegangen. Haus und Garten des neuen Heims sind viel schöner als die alten; doch aber entschlüpfte ihr eines Tages die nachdenkliche Sentenz: »In unsern alten Garten konnte man so fein spielen!« O Goneril, o Regan! Sie kann nämlich in diesem viel größeren Garten noch viel »feiner« spielen; aber den alten Garten hatten sie und ihre Geschwister ganz zur Verfügung, den neuen haben sie nicht ganz, das ist ihr Kummer. Einen schönen Rasen vor meinem Fenster hab' ich mir zum Ruhplatz meiner Augen ausbedungen und kategorisch erklärt: der wird nicht betreten. Ich vertrete nämlich die in Kinderkreisen verabscheute Anschauung, daß neben den Kindern auch die Erwachsenen eine gewisse Daseinsberechtigung haben. Weil ich nur zu gut weiß, wie selig ein Spiel auf grünem Rasen ist, hab' ich ihnen einen großen Rasen eingeräumt; aber dieser andere Rasen ist eben nicht mein Rasen. Sie wagen ja nichts zu sagen; aber ich merk' es wohl, wie »dieses Pelikansgeschlecht« manchmal nach meinem grünen Altenteil herüberschielt. Ich werde ihnen auch wohl erlauben, am Sonntag darauf zu spielen; aber weiter kriegen sie mich nicht! Das Schicksal des alten Lear steht mir warnend vor Augen.

Noch eine andere, merkwürdige Reminiszenz klingt in die Luft des neuen Heims herein. Ich fragte Purks, wo es schöner sei, hier oder in der alten Wohnung. »Hier!« rief sie laut und entschieden. Aber dann legte sie das Köpfchen ein wenig auf die Seite, sah an mir vorbei und sprach: »In der alten Wohnung war immer so'ne hübsche Luft!«

Das ist's. Also auch der ist nicht ein Stück Luft wie das andere. Auch die malt mit den Augen in die Luft hinein. Und so »hübsche« Luft sich über Haus und Garten unserer neuen Stätte spannt – die hübsche Luft, die sie im alten Heim gesehen hat, wird sie niemals wiedersehen.

Bild: Richard Scholz

Aber im ganzen siegt doch das Neue mit weit überlegener Macht. Sieben Tage dauern bereits die Entdeckungsreisen Appelschnuts in Haus und Garten, und noch findet sie jeden Augenblick Neues, noch hat ihr kleiner Kopf mit den großen Augen drin die topographische Aufnahme des ungeheuren Territoriums nicht bewältigt. Wie für die Augen der Himmlischen der Erdball nur eine Erbse ist wie die andern Sterne, wir Menschen aber allerlei seltsame Eckchen und Fleckchen, Höckerchen und Narben daran entdecken wie das Himalajagebirge, den Großen Ozean und die Wüste Sahara, so findet das Auge des Kindes in einem Treppenhause und auf einem Dachboden, die uns ein Treppenhaus und ein Dachboden wie andere scheinen, mancherlei Täler und Schluchten, Vorgebirge und Wüsten. Seit sieben Tagen hallt es drinnen und draußen von Ausrufen und Reden des Staunens und des Entzückens. Aber die staunenswürdigste, unerschöpflichste Unendlichkeit ist doch der Garten. Gewißlich geht Roswitha durch diesen Garten, wie Adam und Eva durch den Garten Eden gingen: es ist ihr eine neue Schöpfung; denn sie kommt von der Großstadt auf das Land. Hier ist noch Friede in Bäumen und Gebüschen, und die Vögel wohnen noch bei den Menschen. Und so hat sie denn auch in diesen Tagen das Ereignis erlebt, das für viele Tage ihres Lebens entscheidend und richtunggebend sein wird.

Ich saß schreibend im Garten, ideenträchtiger Stille voll, als Purks mich plötzlich so heftig am rechten Arm ergriff, daß ein langer dicker Tintenstrich durch mein äußerst wertvolles Geschriebenes lief. Sie war blaß vor Aufregung und wollte mir offenbar etwas Erstaunliches mitteilen; aber von dem Dutzend Worten, das sie etwa sagen wollte, kam erst das neunte, dann das vierte, dann das siebente usw.; aber das verteufelte erste wollte nicht kommen. Mit unterdrückter Stimme und heißem Atem rief sie:

»In – Vater – in Garten – in unser Vöglein – in unser Garten – in – is – in unser Hecke – von unsern Garten is ein Vögleinnest!«

Da war's heraus. Ich betrachtete den dicken Strich durch meine Arbeit als einen Fingerzeig Gottes und ging mit. Aber meine erwachsenen Beine gingen ihren Springebeinchen lange nicht schnell genug. »Komm schnell, Vater, schnell, sie piepen grade so süß!«

Bild: Richard Scholz

Wir treten behutsam näher – Purks geht auf den Fußspitzen und steckt vor Aufregung die Zunge aus – dann heb' ich sie leise empor und lass' sie hineinsehen. Von den Alten ist niemand zu Hause. Es ist ein Amselnest mit vier Jungen und zwei Eiern darin. Appelschnuts Augen gehen fortwährend von mir zu dem Neste und vom Neste zu mir; sie zittert am ganzen Leibe. Dann setz' ich sie wieder auf den Boden. »Pappi, Pappi,« flüstert sie, »sie machen immer so!« Und sie duckt sich nieder, zieht den Kopf zwischen die Schultern, schließt die Augen und sperrt dreimal hintereinander so weit wie möglich den Schnabel auf.

Und von diesem Augenblick an war die Welt für Purks nur noch ein großes Vogelnest. Sie sah und hörte und dachte nichts anderes mehr als Vögel.

»Pappa, eben is die Mutter gekommen!«

»Pappa, nu is der Vater gekommen!«

»Pappa, der Vater un die Mutter streiten sich zusammen!«

»Pappa, die Alte hat was in Schnabel, was is das?«

»Pappa, eben hat das eine Junge gans leise gepiept!«

»Pappa, eben hat die Alte so getan!« (Sie senkt den Kopf und äugt nach links.)

»Pappa, eben hat der Vater so getan!« (Sie senkt den Kopf und äugt nach rechts.)

Bild: Richard Scholz

Jedesmal, wenn ich zu einem tiefsinnigen Gedanken Anlauf nehme, werde ich durch die Sensationsnachricht erschreckt, daß ein Vogel nach rechts oder nach links geschaut habe. Die Sache wird noch anstrengender, als Purks noch andere Nester entdeckt hat und ich nun bald nach Norden, bald nach Süden, bald nach Osten, bald nach Westen gezerrt werde, um Kenntnis davon zu nehmen, daß ein Vogel gepiept habe. Appelschnut übernimmt auch einen Teil der Ernährungssorgen für die Vögel.

»Vögelschen, hier sind Ameisen!« ruft sie durch den ganzen Garten, »komm hierher, Vögelschen, hier sind Ameisen! Komm man her, ich tu dir auch ganz gewiß nix!«

Aber das Vertrauen der Vögel zu den Menschen ist unwiederbringlich dahin. Zwar sind sie hier zutraulicher als anderswo; mein ganzes Haus hält den Atem an, wenn sich ein Spatz aufs Fensterbrett niederläßt, und wenn es nach Purks ginge, würden Frühstück, Mittagessen und Abendbrot der ganzen Hausgemeinde auf dem Altare der Vögel geopfert – aber doch bewahren sie unabänderlich die respektvolle Distanz. Wenn sie trotz allen Lockens und aller heiligen Versicherungen nicht kommen, dann steht Appelschnut mit einem traurig-nachdenklichen Gesichte da. Es mag sie ein ähnliches Gefühl bewegen, wie es mich einmal tief im Schwarzwald beschlich, als ich auf einsamer Wanderung ein Reh vor mir aufspringen und eilig den Bergeshang hinunterfliehen sah. Ich dachte: Gäb' es doch eine Weise, dem angstvollen Flüchtling zu sagen: »Hier ist keine Feindseligkeit, bleib! Hier ist Freundschaft und Friede!« Aber es gibt keine Sprache des Glaubens zwischen Menschen und Edelwild.

Bild: Richard Scholz

Man kann sich denken, daß meine Kulturarbeit sehr nachhaltig unterbrochen wurde, als Purks eines Morgens ein Spatzenjunges fand, das sich offenbar zu früh aus dem Neste gewagt hatte und sich nur mit kümmerlichen, schwachen Flügelschlägen langsam von der Stelle half.

»Pappi, er tut immer so!« Sie hockte nieder, hüpfte in kleinen Sätzen über den Rasen, schlug dabei mit beiden Armen und rief fortwährend in jämmerlichem Tone »piep, piep, piep!«

»Ach bitte, mein süßer Pappa, man zu, darf ich es? Bitte, bitte, Pappa!«

»Was denn?«

»Darf ich das kleine Vögelschen hol'n? Ach bitte, bitte, mein süßes, geliebstes Pappischen (sie drückt meine Hand mit fürchterlicher Inbrunst), denn geb' ich dir auch tausend Bijonen Küsse!«

»Nein, Purks, das geht nicht. Er wird schon fliegen lernen, paß nur auf. Es ist ihm viel lieber, wenn du ihn in Ruhe läßt.«

»Ach nein, Pappi, solls mal seh'n, denn wird er ers tot! Neulich is in Duschis Garten auch so'n kleines Vögelschen gewesen, un das konnte ganich fliegen, un da hat Duschis Vater ihn latürlich nich gesehen, un da hat er ihn totgetritten – getraten – getrotten ... Vater, wie heiß es man noch?«

»Getreten.« Wenn sie mich fragt, muß ich ihr natürlich das richtige Partizip sagen. Sonst laß ich ihr durchaus ihre eigene Konjugation. Sie produziert die wundervollsten Formen und macht die schwächsten Verben stark. Ich sehe einen würdigen Pädagogen sein Gesicht in strenge Falten legen und höre ihn rufen: »Wie! Ein falsch redendes Kind nicht korrigieren? Es in den gröbsten grammatischen Irrtümern stecken lassen? Wie soll es da eine korrekte Sprache erlangen?« Sei getrost, Verehrtester, »eine korrekte Sprache erlangen« wird dies Kind so gewiß, wie es essen und trinken gelernt hat. Außerdem aber wird es sprechen lernen, besser, früher und für länger als deine korrigierten Zungen. Höre und schaudere: jeder richtige Plural, jedes richtige Präteritum, das gestern noch falsch war, gibt mir einen Stich ins Herz, und ich denke: Wieder ein Farbenstäubchen der Kindheit dahin! Hör und entsatze dich! Wenn ich das Mädel auf den Knien habe und es ein Liedchen lehre wie dies:

»Der Kuckuck hat sich totgefallen
Von einer grünen Weiden.
Wer soll uns nun den Sommer lang
Die Zeit vertreiben?

Ei, das soll tun Frau Nachtigall,
Die sitzt auf grünen Zweigen
Und singet laut mit süßem Schall,
Wenn andre Vöglein schweigen.«

Bild: Richard Scholz

und wenn Purks dann sagt: »Mit süßen Schall«, dann verbessere ich »mit süßem Schall«; denn ein falscher Akkusativ macht mir keinen Spaß. Wenn aber Purks dann sagt:

»mit süßen Schall – mmmm!«

und dabei die Lippen zusammenpreßt, daß sie ganz rot im Gesicht wird, und Augen macht, als träfe sie nun das Richtigste vom Richtigen – dann – nimm einen Stuhl und setze dich zuvor – dann bin ich zufrieden. Bildest du dir ein, daß ich so etwas korrigiere? Ich denke ja gar nicht dran! Oder wenn Appelschnut mit mir über die Sylter Heide springt und mich fragt:

»Pappa, wo sind eigentlich die Hünengrabben – nein, die grünen Hab – nein, wie heiß es man noch, Pappa?« wenn ich dann notgedrungen sage: »Die Hünengräber« und Appelschnut ruft: »Ja! Wo sind man noch eigentlich die Hünergräben?« – meinst du, daß ich dann noch auf Etymologie halte? Dann pfeif' ich auf Grammatik, Etymologie und Syntax und freu' mich, daß auf dieser Welt noch Kinder leben.

Inzwischen bringt Irene doch den unreifen Nestling in ihrer Schürze ins Kinderzimmer. Sie erklärt auf mein Befragen, daß Molly, der Nachbarshund, immer die jungen Vögel totbeiße und daß sie das Tierchen retten wolle. Es wird auf die Fensterbank gesetzt und Purks erhält die Erlaubnis, ihm einmal mit dem Zeigefinger ganz leise über den Rücken zu streichen. Sie tut es; sie berührt ihn leiser als ein laues Sommerlüftchen; aber das Glück geht ihr bis in die Haar- und Fußspitzen; sie zittert und zappelt an Händen und Füßen. Nachdem ich noch strenge Weisung gegeben habe, daß das Vöglein im übrigen nicht angerührt werden dürfe, verlass' ich das Zimmer, um meiner Arbeit nachzugehen. Aber schon nach fünf Minuten werde ich durch ein lautes Angstgeschrei erschreckt. Ich renne bestürzt nach dem Kinderzimmer. Der Vogel fliegt wild im Zimmer umher, von einer Ecke in die andere: Angst und Not haben ihn flügge gemacht, wie's manchem Menschen auch ergeht. Purks aber steht in eine Ecke des Zimmers gedrückt und heult wie sieben Schloßhunde.

»Was ist denn los?« frag' ich.

»Huuuuuu ... das kleine Vögelschen huuuuuu ... fliegt immer so doll huuuuuu ... un piiiiiipt huuuuuu ...«

»Ja, warum schreist du denn so entsetzlich?«

»Huuuuuu – ich bin bange, daß ich ihn beiß huuuuuu ...«

»Warum willst du ihn denn beißen?«

»Nein – ich – ich will ihn ja garnich beißen – ich – ihn – er – ich huuuuuuuu ...«

Ich kann nicht mehr an mich halten und muß laut herauslachen. Appelschnut aber wird von dieser frivolen Auffassung der tragischen Situation noch schmerzlicher berührt und geht jetzt zum forte fortissimo über. Endlich gelingt es mir aber doch, sie zu beruhigen.

Ich rezitiere ihr mit vieler Drastik die Verse von Klaus, der mit einem großen Prügel in den Wald ging, um Vögel zu fangen.

»Und die Vögel lachen Klaus
Mit dem großen Prügel aus.
Daß er wieder heimgegangen,
Zornig, weil er nichts gefangen.
Daß er wieder heimgestiegen,
Weil er konnt' kein Vöglein kriegen.«

Auch Appelschnut lacht nun, daß die dicken Tränen, die noch an der Wange hingen, vor Schreck auf ihre Schürze herunterkollern. Und nachdem sie eine ganze Weile geschwiegen hat, spricht sie seufzend:

»Junge, das möch' ich zu gern mal hör'n!«

»Was, mein Kind?«

»Wenn die Vögel lachen!«

»Ja, das möcht' ich auch! – Was meinst du, wollen wir dem Spätzchen eine Freude machen?«

»O ja! Denn lacht er fürleich!«

»Wir wollen es fliegen lassen, ja?«

»M.«

Ich öffne das Fenster, nehme das Tierchen behutsam in die Hand und halt' es hinaus. Diese Luft versteht es sofort, es fliegt auf den nächsten Zweig, von diesem auf den nächsten und weiter und weiter, als dächte es: »Je weiter von dieser Gesellschaft weg, desto besser.« Auf Appelschnuts Gesichtchen aber sehe ich wohl die elegische Erwägung, was schöner sei, Großmut oder ein Vogel.

Armes Appelschnutchen! Noch ein großer Schmerz steht dir bevor. Um das Amselnest in der Hecke war es seltsam still geworden. Wir sahen eines Tages ganz still und behutsam hinein – da lagen wohl noch die vier Jungen und die zwei Eier darin; aber die Jungen waren mausetot. Da ging ein großes Klagen an. Endlich, nach einer nachdenklichen Pause sprach Purks:

»Pappi, ich kann mir das wohl denken, wie das gekommen is.«

»Ja?«

»Ja. Die Mutter is fürleicht weggeflogen un wollte was zu essen holen für die Kleinen un da is sie unterwegs verunglücklicht un da sind die Kinder latürlich verhungert.«

Bild: Richard Scholz

Es ist aber kein Unglück so groß, für Kinder trägt es ein Glück im Schoß. Tod und Sterben sind ein traurig Ding; aber Begraben ist ein fein Vergnügen! Alle Kinder vereinigen sich zur feierlichen Bestattung. Appelschnut gräbt das Grab. Mit glühenden Wangen und lachenden Mundes gräbt sie ein Grab. Ein Bild, das mich seltsam ergreift. Ein Symbol der Natur, die mit Singen und Lachen tötet und begräbt. Nein, nicht ein Symbol, sie selbst ist es, die große furchtbare Göttin, die in diesem fröhlichen Kinde vor mir steht.

Der Inhalt des Nestes wird in einem weißen Sarge der Schokoladenfirma Stollwerck geborgen und reichlich mit Löwenzahn und Hahnenfuß bestreut. Der Sarg wird versenkt; ein Hügel wird aufgeworfen und über und über mit Gänseblümchen besteckt. Oben in den Hügel wird ein roter Ziegelstein eingelassen, und Hertha schreibt darauf:

Hier ruhen
vier kleine Amseln und zwei Eier,
gestorben im Mai 1903.

Irene legt oben auf den Stein eine herrliche Traube vom Goldregen, deren Blüten in sanfter Trauer auf die Inschrift herabhängen und sie mit goldenen Tränen netzen.

Aus dem Fleckchen unter Tannen und Zypressen, wo dieses Massengrab sich findet, ist bereits ein ganzer Friedhof geworden. Binnen wenigen Tagen wurden neben den Amseln ein Buchfink, ein Kanarienvogel, ein Maulwurf und eine Scholle beigesetzt. Die Scholle hatte ihnen ein Fischhändler eigens zum Begraben abgetreten. Da ich dies nun für vorläufig genügend hielt und nicht gedachte, meinen Garten zu einem Montmartre der Tiere umzuwandeln, so hab' ich den fanatischen Totengräbern die Konzession zu weiteren Beerdigungen entzogen.

Bild: Richard Scholz

Aber der tote Maulwurf war euch ein Fest! Der tote Maulwurf, kann ich euch sagen, brachte Leben in Purksens Arme, Beine, Zunge und Augen! Sie kannte den dunklen Ehrenmann bis dahin nur aus Bildern und Beschreibungen.

»Mammi, Mammi, er tut so, kuck mal!«

Und sie zog die Schultern hoch, machte die Augen ganz klein, schob das Mäulchen rüsselmäßig vor und zog die ausgebreiteten Hände an die Schultern. Und sie sah wahrhaftig aus wie ein Maulwurf, nur wie ein ganz hellblonder Maulwurf mit roten Backen.

Täglich findet sie wunderbarere Dinge.

»Pappi, Pappi,« schreit sie, »komm mal schnell her, hier fliegt'n großer Hummer!«

Ein im Garten umherfliegender Hummer reizt natürlich auch meine Neugier. Ich trete näher; Purks verrenkt sich Arme, Beine und sämtliche Gesichtsmuskeln, um mir anzudeuten, daß ich den Hummer nicht stören dürfe.

»Muß gans leise sein,« flüstert sie, »er hat sich auf 'ne Blume gesetzt!«

Auf einer Blüte des Rhododendrons sitzt denn auch zwar kein Hummer, aber doch wenigstens eine Hummel. Dergleichen kleine Unterschiede spielen bei Appelschnut keine Rolle. Sie ruft auch ihrer Schwester Hertha, die etwas stürmischen Gemütes ist, wenn sie sie gelegentlich über den Haufen gerannt hat, mit der Indignation eines besonnenen Charakters nach: »Du Windfang!« Das Merkwürdige dabei ist, daß sie sehr gut weiß, was ein Windfang ist, ihn aus eigener Anschauung kennt, und so reizt mich denn schon lange das Problem, herauszubekommen, in welche Verbindung Purks die Wildheit ihrer Schwester mit jener gesundheitsförderlichen Einrichtung bringt.

Bild: Richard Scholz

Roswitha steht andauernd vorgebeugt und betrachtet mit unersättlicher Neugier das farbenschimmernde Insekt. Habt ihr einmal darauf geachtet, wie es aussieht, wenn von solch einem vorgeneigten Köpfchen die blonden Haare ganz senkrecht herabfallen und als ein im Lichte flimmernder Vorhang das ganze Gesichtchen verhüllen, so daß nur die Nasenspitze hervorguckt, man also nichts sieht als Haare und ein Näschen? Achtet einmal darauf, wie's aussieht. Wenn ihr aber meint, daß mit den Vögeln und Blumen und Hummeln die Wunder der neuen Welt erschöpft wären, so wäre das ein schwerer Irrtum. Die Zahl dieser Wunder ist unendlich, und ich kann gar nicht daran denken, sie alle aufzuzählen. Ihr müßt bedenken, daß für die erwachende, die reinen Augen aufschlagende Kindesseele alles auf der Erde Morgenpracht und Wunder ist. Erst auf einer hohen Stufe der Entwicklung fühlen wir wieder mit Bewußtsein in allem das Wunder, wie denn wohl im Kindertume unser ersehntes vollkommneres Leben vorgebildet ist. Mit einem höheren Bewußtsein anschauen, wie die Kinder anschaun: das könnte das ewige Leben sein.

Ein Wunder ist z. B. auch der blaue Maurer und das, was er treibt. Wenn Handwerker im Hause sind, sagt sich Purks von aller Familie los: sie lebt dann ganz mit den Tischlern, Gärtnern, Maurern und Schlossern. Sobald ein gewisser Gärtnergehilfe sich sehen läßt, stürzt sie mit dem Rufe »O, mein Lieblingsgärtner!« hinaus und attachiert sich ihm. Die beiden verhandeln dann auf dem Fuße der Gleichberechtigung über das, was gemacht werden soll und wie es wohl am richtigsten angefangen werde. Dem Tischler setzt sie haarklein auseinander, wie er ihr »gans leicht« einen Kaninchenstall bauen könne.

»Hast du denn Kaninchen?« fragt er.

»Nein, die verkauf ich mir denn.« Das ist auch so ein Schandfleck in Purksens Bildung, daß sie »kaufen« und »verkaufen« nicht unterscheiden kann. Aber die interessanteste Persönlichkeit bleibt doch der »blaue Mauermann«, so von ihr genannt, weil er eine blaue Bluse trägt.

»Pappi, der blaue Mauermann is doch süß, nich? Er hat eben zu mir gesagt: Na Kleine?«

Bild: Richard Scholz

Ich finde das auch sehr süß. Nach drei Minuten kommt sie wieder gesprungen.

»Pappi, Pappi!«

»Herrje! Was gibt's denn!«

»Der blaue Mauermann heiß Peter!«

»Ach nee! Weißt du das auch ganz gewiß?«

»Ja, er hat es mir selbs gesagt!«

»Na, Gott sei Dank!« Nachdem ich also zur Kenntnis genommen habe, daß der Mann Peter heißt, eröffnet Appelschnut ein längeres Gespräch über den blauen Maurer und die Natur.

»Das Haus macht doch der Maurer, nich, Pappi?«

»Ja, das Haus macht der Maurer.«

»Un den Garten macht der Gärtner, nich?«

»Ja, er bringt ihn in Ordnung. Macht er auch die Bäume und die Blumen?«

»Nöööö! Die macht die Natur!«

»Richtig, die macht die Natur.« (Pause.)

»Un die Stühle – die macht der Tischler!«

»Richtig, die macht der Tischler. Und wer macht das Holz?«

»Das macht – – die Natur! Das Holz sind ja Bäume, nich?«

»Ja.« Und so geht es mit Grazie ins Unendliche, wie alle Zungen- und Gedankenspiele der Kinder.

Und dann ist ein wunderbarer Mann natürlich der Krämer. Wenn ihr Wert darauf legt, Appelschnut nicht ernstlich zu erzürnen, dann zweifelt, bitte, nicht mit dem leisesten Augenzwinkern daran, daß sie allein zum Krämer finden und allein, ganz allein ein Pfund Mehl kaufen könne. Tut es nicht, rate ich euch, wenn ihr sie nicht schwer beleidigen wollt. Sie hat es uns schon am Tage nach dem Umzug bewiesen, daß sie durchaus selbständig und ohne jede Unterstützung und Wegweisung Einkäufe machen könne; uns und der ganzen Umgebung hat sie es bewiesen; denn sie machte ihre Mission der ganzen Anwohnerschaft bekannt, indem sie in triumphierenden Tönen über die Straße sang:

Bild: Richard Scholz»Ein Fund Salz un für ßwanzig Fennig Streichhölzer von den besten! Ein Fund Salz un für ßwanzig Fennig Streichhölzern von den besten!« und so immer da capo, bis sie beim Krämer eintrat. Als sie wieder herauskam, trug sie Salz und Streichhölzer im linken Arm, und die rechte Hand hielt sie krampfhaft geschlossen. Sie hatte es so eilig, daß sie mit dem Fuße gegen den Kantstein der Gosse stieß und fast gefallen wäre. Als sie mich gewahr wurde, schrie sie schon von weitem:

»Was ich hier wohl haaab!! Ob du das wohl raaten kanns!!«

Ich konnte es nicht raten, wußte es aber ganz gut. Als sie das Fäustchen aufmachte, klebten an sämtlichen Fingern und an der Handfläche Bonbons.

»Hat der süße Krämer mir geschenkt! Hier! Solls du hab'n!« Sie drückt mir drei in die Hand. Für die heuchlerische Freude, die ich zu erkennen gebe, werde ich sofort bestraft.

»Uh, schmeck mal!« ruft sie entzückt, nimmt einen Bonbon, an dem sie sich schon ergötzt hat, aus dem Mäulchen und will ihn mir in den Mund schieben.

»Danke, danke,« beeile ich mich zu sagen. »Ich mag jetzt keine Bonbons; ich rauche jetzt.«

»Ach fui, Pappi, du muß mal schmecken!«

»Dann will ich einen von diesen essen.«

»Na ja.«

Die Havana und der Bonbon ergeben zusammen ein nichtswürdiges Bittersüß; aber was tut man nicht für sein Kind!

Und soll ich euch noch von einem spaßigen Wunder erzählen, das Purks im neuen Heim erlebte? Wir waren an die Elbchaussee hinausspaziert, und mit einem Male brach Appelschnut in ein herzliches, schallendes Gelächter aus.

»Mammi, Pappi, kuck bloß mal hin, Hertha, Rasmus, kuck mal: 'ne Straßenbahn mit'n Ferd vor!!«

Sie hält das ganze Vehikel für einen köstlichen Witz. So schnell verfallen unsere Einrichtungen dem Gelächter der Nachkommen! Appelschnut gehört schon mit Haut und Haaren der elektrischen Weltanschauung.

Nicht einmal die Eisenbahn imponiert ihr sonderlich. Sie fährt nah an unserm Hause vorbei, und die ersten Tage lief Purks freilich mit der Gewissenhaftigkeit eines Bahnwärters bei jedem Zuge ans äußerste Ende des Gartens, um ihn passieren zu lassen. Inzwischen mußte auch ich zum Eisenbahnspielen herhalten, und zwar war Appelschnut Zugführer und Lokomotive und ich Fahrgast. Ich mußte den Zugführer hinten am Schürzenzipfel fassen, und dann ging es mit amerikanischer Geschwindigkeit durch den Garten. Als Fahrgast mußte ich aber gleichzeitig »Fh! – fh! – fh! – fh! – fh!« machen und mit Dampf pfeifen. (Das könnte unsern Eisenbahnministern auch passen!) Und diese Eisenbahn fand Appelschnut viel interessanter als die wirkliche, der sie bald mit Verachtung nachrief: »Ach, du alte langweilige Eisenbahn.«

Bild: Richard Scholz

Da war der Hamburger Hafen ein ander Ding! Auf ihrer ersten Fahrt durch den Hafen war sie so erregt, daß schon nach zehn Minuten ihr Spitzenhütchen auf den Wellen tanzte. Anfangs wollte sie weinen; dann aber tröstete sie sich damit, daß wir es ja wieder aufheben könnten, wenn wir auf der Rückfahrt wieder an dieselbe Stelle kämen. Und als sie wohl eine Viertelstunde Wasser und Himmel und Schiffe schweigend betrachtet hatte, da rief sie: »Gott, was gibt es alles auf der Welt!«

So tief bewegt das Anschaun der Natur ihr Herz und ihre Phantasie, daß sie darüber ganz von selbst zur Dichterin wurde.

An einem dieser Abende hörten wir, wie sie, im Bette liegend, vor sich hinsang:

»Prachtvoll war es, als der Frühling kam;
Neben ihm zwei Rosen standen ...«

Wir fragten sie, woher sie das habe, und sie antwortete: »Och, ich hatte solche Zahnschmerzen, un da konnt ich nich einschlafen un da war ich so aufgeregt und da hab ich mir es ausgedacht.«

Für ein unter Zahnschmerzen geborenes Werk find' ich es ganz passabel.

Bild: Richard Scholz

»Wenn ich abens in Bett lieg,« fuhr sie fort, »denn denk ich immer fix an die schönen Tage, an Weihnachn un Geburtstag, denn schlaf ich schön ein. Un wenn ich denn immer, immer noch nich einschlaf, denn seh ich mein Mammi un Pappi an, denn schlaf ich ein.«

Über ihrem Bettchen hängen unsere Bilder, und unter dem Schutze dieser Bilder fühlt sie sich sicher. Aus diesen Bildern blicken für sie lebendige Augen herab. Auch in Appelschnuts sonniges Leben ist die Furcht getreten. In den ersten Jahren des Lebens fürchten die Kinder nichts, weil sie nichts wissen. Dann stecken sie ihr Händchen der Gefahr in den Rachen und jauchzen dabei; dann schlafen sie im Dunkeln. Erst allmählich, wenn sie merken oder nur ahnen, daß das Leben Gefahren habe, lernen sie die Furcht kennen, die Furcht vor dem Dunkel, vor der Leere, vor dem Schweigen, vor der Einsamkeit. Das Leben hat für sie kein ehrliches Gesicht mehr; sie ahnen, daß es falsch sein kann, heimtückisch, böse, und daß man seinem Gesichte nicht trauen darf. So ist ja auch der Mut der Erwachsenen oft nur der Mut des Unwissenden, ihre Furcht oft nur die Furcht des Wissenden, und es ist eine tiefe Weisheit unserer Märchen, daß die Dümmlinge, die nichts können und nichts wissen, auf gut Glück in die Welt reisen und allen Gefahren dreist zu Leibe gehen. Spät und selten gelangt der Mensch ans Ziel dieser Entwicklung: Das Leben kennen und es doch nicht fürchten, seine Schrecken sehen und es doch nicht scheuen. Es ist vielleicht das Höchste, was der Mensch erreichen kann; nur der Weg durch die Furcht führt zur Furchtlosigkeit; aber nicht viele kommen aus der engen Schlucht des Bangens ans ewige Licht.

Da der Mund ein Hauptsinnes- und Hauptuntersuchungsorgan der kleinen Kinder ist, so haben wir Appelschnut eine heilsame Furcht beigebracht vor allem, was nicht für diesen Eingang des Leibes bestimmt ist. Sie hat eine stets wachsame Furcht vor Gift, diesem abgefeimten Heuchler unter den Feinden des Lebens. Und gleich am ersten Tage im neuen Heim gab es ein herzzerreißendes Geschrei: Purks hatte an eine Tür gelehnt gestanden, und da sie in besonders tiefe philosophische Betrachtungen versunken gewesen war, hatte sie an einem messingbeschlagenen Türdrücker geleckt. Gleich darauf war sie dessen inne geworden, hatte sich den Drücker angeschaut und ein winziges Fleckchen daran entdeckt. Im selben Augenblick hallte jeder Winkel der Burg von ihrem Wehgeschrei. Auf die bestürzten Fragen des herbeigeeilten ganzen Hauses schrie sie: »Ich hab an den Türdrücker geleckt, un nu is da Grünspan an!« Wir fanden nach langem Suchen mit ihrer Hilfe endlich den »Grünspan«, und das Ende war ein allgemeines Gelächter und die feierliche Wiederholung des alten Lehrsatzes, daß Türdrücker nicht zum Belecken da sind.

Vor dem ersten Schlafengehen im neuen Hause zeigte ich den Kindern einen Knopf in der Wand ihres Schlafzimmers und sagte: »Wenn in der Nacht irgend etwas vorfällt, daß ihr uns rufen müßt, dann drückt ihr auf diesen Klingelknopf, dann kommen wir.« Als ich dabei Purksens Gesicht betrachtete, hatte ich sofort meine Gedanken.

Richtig. Als wir uns nach den Schrecken des Umzugs soeben eines wohlverdienten Schlummers beflissen, schrillte plötzlich die Klingel, und schon im nächsten Augenblick war meine Frau im Schlafzimmer der Kinder. Appelschnut stand wimmernd in ihrem Bettchen und heulte: »Ich haab so was Schlechtes geträumt huuuuuuuuu ...«

»Was hast du denn geträumt?«

Ich hab geträumt, ich hab Käseschalen verschluckt huhuhuuuuuuuuuu ...«

Da sie ungefähr alles, was man nicht zu essen pflegt, für giftig hält, so hat sie sich im Traum mit Käserinden vergiftet.

In der folgenden Nacht zur selben Stunde – drrr – schrillte die Klingel. Diesmal war ich mit zwei Sätzen zur Stelle. Purks saß im Bette; sie weinte nicht, sondern sagte nur mit nicht allzu großer Angst: »Ich hab wieder geträumt, ich hab was Schlechtes verschluckt.« Ich beruhigte sie abermals, konnte mich aber dem Argwohn nicht ganz verschließen, das sie es pläsierlich fände, durch den Druck auf einen Knopf zwei springend lebendige Eltern requirieren zu können, die das Unbehagen der dunklen Nacht verscheuchten. Sie hatte sich offenbar mit einem entsprechenden Vorsatze niedergelegt; dieser Vorsatz wirkte im Schlafe fort und erweckte sie mitten in der Nacht.

Bild: Richard Scholz

Tags darauf setzte ich ihr denn auch mit einer gewissen Entschiedenheit und Eindringlichkeit auseinander, daß die allnächtliche Alarmierung der Eltern nicht eigentlich Zweck und Bedeutung des magischen Knopfes in der Wand sei und daß ich sie angelegentlichst ersuchte, in der nächsten Nacht gefälligst nichts zu verschlucken. Das half; von nun an schlief Appelschnut wie ein Ratz.

Aber eine schöne Zeit ist es, gelt, wo man durch einen Druck auf den Knopf sich Trost und Liebe kommen lassen kann? Später wird es anders. Da kommen keine Eltern, keine körperlichen Wesen mehr, um uns das nächtliche Bangen von der Seele zu nehmen. Aber in jedem guten Seelenhaushalt ist ein Knopf und eine elektrische Leitung, durch die man Geister rufen kann, und was ich als Vater von Gemüt meinen Kindern wünsche, ist dies: daß sie zu allen Zeiten ihres Lebens gute, große und feste Gedanken wissen möchten, die auf einen leisen Wink an ihre Seite treten und sie aus Nacht und Bangen zurückgeleiten zum geruhigen Leben.

 


 


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