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Natur

Die Wirklichkeit ist immer erhabener
als das, was wir von
ihr berichten können.

Die grundlegende Tatsache im Aufbau unserer Metaphysik ist die Übereinstimmung des Menschen mit der Welt, so daß jede Veränderung in dieser Welt sich dem Geist einprägt. Der Geist reagiert sympathisch auf die Neigungen oder Gesetze, die das Weltall durchströmen und die Ordnung der Natur bilden; und in der Vollkommenheit dieser Übereinstimmung oder Ausdrucksfähigkeit besteht die Gesundheit und Kraft des Menschen, wenden wir diesen Wink auf unsere geistige Erziehung an, so finden wir, daß wir zu allererst keiner Vorschläge, keiner neuen Dogmen, keiner logischen Erklärung der Welt bedürfen, sondern daß es darauf ankommt, die geistige und die moralische Feinfühligkeit, diese Quelle alles richtigen Denkens, zu beobachten und zärtlich zu pflegen, sie zu umwerben, so daß sie verweilen und bei uns heimisch werden kann. Solange sie bei uns haust, werden wir in unserem Denken nicht irre gehen. Unsere Wahrnehmungsfähigkeit geht bei weitem über unser Talent hinaus, wir heißen die höchsten Lehren der Religion und Dichtung willkommen – Lehren, mit denen unsere Begabung zu lehren in gar keinem Verhältnis steht. Und ferner, das große Aufhorchen und Mitfühlen der Menschen ist wahrhaftiger und weiser als ihr gewöhnliches Sprechen. Ein tiefes Mitfühlen ist die Anforderung, die wir an jeden stellen, der den Geist studiert; denn der Hauptunterschied zwischen Mensch und Mensch ist ein Unterschied in der Empfänglichkeit für Eindrücke. Aristoteles oder Bacon oder Kant stellen irgend einen Grundsatz auf, der fortan den Grundton der Philosophie bildet. Mich aber interessiert daran viel mehr, daß, wenn sie schließlich ihr großes Wort hervorgedonnert haben, dies ganz einfach nur ein gewöhnlicher Ausdruck ist, der jedem Menschen auf der Straße vertraut ist. Wäre es nicht so, so würde man von dem großen Wort niemals wieder was vernehmen.

Ach! könnte man sich doch diese Feinfühligkeit erhalten, in der glücklichen, Genügen bringenden Gegenwart leben und in dem Tage mit seinen billigen Freuden Befriedigung finden, die nichts weiter von einem verlangen als Empfänglichkeit, keine Anspannung aller Kräfte, keinen fressenden Ehrgeiz, der einen über sein Können hinaus anspornt, der erste in der Klasse, der erste in der Gesellschaft zu sein, um Ehren und Lorbeeren und Schwindsucht zu ernten! Wir sind nicht stark durch unsere Fähigkeit, scharf in alles einzudringen, sondern durch den Verkehr zwischen uns und der Welt. Die Welt wird für uns nicht durch neue Gegenstände erweitert, sondern dadurch, daß wir in denen, die wir bereits haben, mehr Übereinstimmungen und Eigenschaften entdecken.

 

Die Welt ist Geist, der sich herniederstürzt, und seine nimmer rastende Wesenheit will sich immer wieder in die ungebundene Freiheit des Gedankens verflüchtigen. Das sind die Tugenden und das Scheidewasser, mit denen der Geist in allen natürlichen, organischen oder anorganischen Erscheinungen wirkt. Der Mensch in seiner Befangenheit, der Mensch im Kristall, der Mensch in der Pflanze, alle sprechen sie mit dem entpersönlichten Gottmenschen. Mit jener Macht, der alle Quantität ein Nichts bedeutet, die das Ganze und die Teile sich in gleicher Weise zu Werkzeugen macht, deren Lächeln uns im Morgen begrüßt, und die ihre ganze Wesenheit in einen Regentropfen zu ergießen imstande ist. Jeder Augenblick und jeder Gegenstand lehrt uns das, denn in jeder Form kann die Weisheit wirken. In uns ist sie als Blut hinübergeflossen, als Schmerz läßt sie uns zusammenzucken. Sie kommt zu uns als Freude, sie warf einen Schleier über uns in den Tagen der Stumpfheit und Melancholie wie in den Tagen ergötzlicher Arbeit. Und niemals erkannten wir sie sogleich, sondern immer erst um vieles später.

 

Es fehlt die genaue Anpassung von Geist und Gefäß, von dem Od an das Organ; es fehlt der Begriff von der formbildenden Kraft des ersteren auf das letztere. Die Verstandesmenschen leugnen die wesentliche Abhängigkeit der körperlichen Welt von Gedanken und willen. Theologen halten es für ein eitel Luftschloß, von der sinnbildlichen Bedeutung eines Schiffes oder einer Wolke, einer Stadt oder eines Vertrages zu sprechen und ziehen es vor, auf den »festen« Boden historischer Überlieferungen zurückzugreifen; und selbst die Dichter begnügen sich mit einer bürgerlich bequemen Lebensweise und schreiben Gedichte aus der Phantasie, in sicherer Entfernung von der eigenen Erfahrung! Doch die größten Geister der Welt haben nie aufgehört, den Doppelsinn, oder soll ich sagen den vierfachen, hundertfachen, oder noch vielfacheren Sinn eines jeden sinnlich erkennbaren Dinges zu erforschen: so Orpheus, Empedokles, Heraklit, Plato, Plutarch, Swedenborg, und die Meister der Malerei, Bildhauerkunst und Poesie. Denn wir sind nicht Pfannen und Karren, nicht einmal Feuerbehälter und Fackelträger, sondern Kinder des Feuers, aus ihm gezeugt, immer die gleiche Göttlichkeit in Umwandlung begriffen, in verschiedensten Abstufungen, wenn wir es am wenigsten ahnen.

 

Die Philosophie, die wir brauchen, muß flüssig und beweglich sein. Das spartanische und das stoische System sind zu starr und steif für unseren Bedarf. Andererseits ist die Lehre eines Sankt Johannes: »Nachgeben und Leiden«! augenscheinlich zu dünn und luftig. Wir brauchen ein Wams aus elastischem Stahl gewoben, stark wie das erstgenannte System, geschmeidig wie das andere. Wir brauchen ein Schiff in diesem Wogenschwall, in dem wir wohnen. Ein eckiges dogmatisches Haus würde zu Splittern und Trümmern zerschellt werden in diesem Sturm entfesselter Elemente. Nein, es muß dicht anschließen und der Gestalt des Menschen angepaßt sein, damit wir überhaupt darin leben können. Eine Muschelschale ist die rechte Form für ein Haus, das zum Meere gehört. Des Menschen Seele muß das Vorbild unseres Systems sein, gerade wie nach des Menschen Leib sich die Form eines Wohnhauses richten muß. Anpassungsfähigkeit ist der menschlichen Natur besonders eigentümlich. Wir sind goldene Durchschnittszahlen, schwankende Stabilitäten, ausgeglichene oder in Abständen wiederkehrende Irrtümer, Häuser auf den Meereswogen.

 

Schicksal bedeutet unerkannte Ursachen.

Wir dürfen die Begrenzung gelten lassen, wenn wir wissen, daß sie der Maßstab des wachsenden Menschen ist. Wir stehen vor dem Schicksal, wie Kinder im Elternhaus sich an die Wand stellen und von Jahr zu Jahr ihre Größe durch einen Strich bezeichnen. Aber wenn der Knabe zum Mann heranwächst und Herr des Hauses ist, dann reißt er diese Wand nieder und baut eine neue und größere. Es ist lediglich eine Frage der Zeit. Jeder wackere Jüngling übt sich, diesen Drachen zu leiten und zu lenken. Seine Kunst besteht darin, aus diesen Leidenschaften und hemmenden Kräften Waffen und Flügel zu machen. Da wir nur diese beiden Dinge, Schicksal und Kraft, sehen – dürfen wir an Einheit glauben? Die große Masse der Menschheit glaubt an zwei Götter. Sie stehen unter der Herrschaft des einen hier im Hause, in Freund- und Verwandtschaft, in geselligen Kreisen, in Wissenschaften, in Kunst, in Liebe, in Religion – aber in mechanischen Dingen, wenn sie mit Dampf und Klima zu tun haben, im Handel, in der Politik meinen sie, sie seien dem anderen untertan, und es sei ein Fehler, wenn sie die Methode und Arbeitsweise der einen Sphäre auch auf die andere anwendeten. Was für Wölfe und Füchse an der Börse sind Leute, die zu Hause gut, ehrenhaft und großmütig sind! Für was für Schurken geben fromme Menschen ihre Stimme ab! Bis zu einem gewissen Grade glauben sie, daß eine Vorsehung für sie sorge; aber in einem Dampfboot, in einer Epidemie, im Kriege waltet nach ihrer Meinung eine böswillige Kraft.

 

Wir müssen sehen, daß die Welt rauh und griesgrämig ist und sich nichts daraus macht, ob ein Mann oder ein Weib ertrinkt, sondern dein Schiff hinunterschluckt wie ein Staubkörnchen. Ihre Kälte, ihre Nichtachtung von Personen macht dein Blut kribbeln, erstarrt dir deine Füße, läßt einen Menschen erfrieren wie einen Apfel. Krankheiten, Elemente, Glück, Schwerkraft, Blitz nehmen keine Rücksicht auf Personen. Das Verfahren der Vorsehung ist ein wenig rücksichtslos. Die Mordlust von Schlange und Spinne, der Biß des Tigers und anderer blutdürstiger Räuber, die ihre Beute im Sprunge packen, das Krachen der Knochen des von der Anaconda umschlungenen Opfers – dies alles gehört zum System und wir machens genau so wie sie. Auch du hast gespeist, und so sorgfältig auch das Schlachthaus in verschönender, meilenweiter Entfernung gehalten wird – Mitschuld ist vorhanden: kostspielige Rassen; eine Rasse, die auf Kosten einer anderen lebt. Unser Planet ist von Zusammenstößen mit Kometen bedroht, ist Störungen von anderen Planeten ausgesetzt, kann von Erdbeben und von vulkanischen Ausbrüchen gespalten werden, es kommen Änderungen des Klimas vor, Unregelmäßigkeiten in den Tag- und Nachtgleichen. Flüsse trocknen aus durch Lichtung der Wälder. Das Meer verändert sein Bett. Städte und Landschaften stürzen ins Meer. In Lissabon tötete ein Erdbeben Menschen wie Fliegen. In Neapel wurden vor drei Jahren zehntausend Menschen in wenigen Minuten zerschmettert. Der Skorbut auf den Schiffen, das mörderische Klima in Westafrika, in Cayenne, in Panama, in New Orleans raffen Menschen dahin wie das Gemetzel einer Schlacht. Die Prärie unseres Westens schüttelt ihre Bewohner mit kaltem Fieber. Die Cholera, die Blattern haben unter manchen Stämmen so mörderisch gehaust wie ein erster Frost unter den Grillen, die den Sommer mit ihrem Lärm erfüllt haben und in einer einzigen Nacht durch ein Sinken der Temperatur zum Schweigen gebracht werden. Wir wollen hier nicht untersuchen, was uns selber nicht angeht, wollen nicht zählen, wie viele Arten von Schmarotzern eine Seidenraupe belästigen; wollen uns nicht mit Eingeweideparasiten abgeben, oder mit fressenden Infusorien, oder mit den dunklen Rätseln alternierender Zeugung – die Formen des Haifisches, des Labrus, die mit zermalmenden Zähnen bewehrte Kinnlade des Seewolfs, die Waffen des Butzkopfs und anderer Krieger der Meerestiefen, sie sind Andeutungen der Grausamkeit, die im Innern der Natur waltet. Laßt uns dies nicht einfach leugnen. Die Vorsehung hat einen wilden, rauhen, unberechenbaren Weg zu ihrem Ziel, und es hat keinen Zweck, wenn wir ihre riesigen, verworrenen Hilfsmittel in günstigem Lichte darzustellen suchen oder diesen furchtbaren Wohltäter mit einem sauberen Hemd und mit der weißen Halsbinde eines Theologiestudenten bekleiden.

 

Das Buch der Natur ist das Buch des Schicksals. Sie wendet die riesigen Blätter um – Blatt auf Blatt – aber niemals blättert sie zurück. Ein Blatt legt sie nieder, eine Grundlage von Granit; dann tausend Zeitalter und eine Schicht Schiefer; tausend Zeitalter und einen Kohlenflöz; tausend Zeitalter und eine Lage Mergel und Lehm; Pflanzenformen erscheinen; ihre ersten mißgestalteten Tiere, Tierpflanze, Trilobium, Fisch; dann Saurier – plumpe Formen, in denen sie nur die Blöcke für ihre künftigen Statuen geschaffen hat, unter diesen schwerfälligen Ungeheuern das schöne Bild ihres künftigen Königs verhehlend. Die Oberfläche des Planeten kühlt sich ab und wird trocken, die Rassen verbessern sich und der Mensch wird geboren. Aber wenn eine Rasse ihre Zeit gelebt hat, kommt sie nicht wieder.

 

Weltgeschichte ist die Wirkung und Rückwirkung der zwei Faktoren: Natur und Gedanke – zwei Knaben, die auf dem Randstein des Straßenpflasters einander schuppsen. Alles schiebt oder wird geschoben: und so spielen Stoff und Geist beständig Wippen und halten sich das Gleichgewicht. Solange der Mensch schwach ist, nimmt die Erde ihn in Beschlag. Sie pflanzt sein Hirn und seine Neigungen. Allmählich aber nimmt er die Erde in Beschlag und legt nach der schönen Ordnung und Schöpferkraft seines Geistes seine Gärten und Weinberge an. Alles Feste im Weltall ist geneigt, flüssig zu werden, und die Fähigkeit, es flüssig zu machen, ist ein Maßstab für den Geist. Bleibt die Wand stahlhart, so ist das ein Zeichen, daß es am Gedanken gefehlt hat. Eine feinere Kraft wird sie in neue Formen strömen machen, die dem Charakter des Geistes Ausdruck verleihen. Was ist die Stadt, in der wir hier hausen, anders als eine Häufung ungleichartiger Stoffe, die dem Willen eines Menschen gehorcht haben? Der Granit sträubte sich, aber des Menschen Hände waren stärker, und er kam herbei. Das Eisen lag tief im Boden und war fest mit Stein verbunden; aber vor seinen Feuern konnte es sich nicht verbergen. Holz, Mörtel, Stoffe, Früchte, Harze waren über Erde und Meer zerstreut – vergeblich! Hier sind sie, im Bereich von jedermanns Tagewerk und so viel wie jeder braucht. Die ganze Welt ist nur der Fluß des Stoffes, der mittels der Drähte des Gedankens zu den Polen oder Punkten strömt, wo er bauen möchte. Die Menschengeschlechter entsteigen dem Boden bereits mit einem Gedanken beseelt, der sie beherrscht, und in Parteien geteilt, die schon in Wehr und Waffen stehen und voller Kampfbegier für diese abstrakte Metaphysik fechten wollen. Das Wesen ihres Denkens unterscheidet Ägypter und Römer, Österreicher und Amerikaner. Die Männer, die gleichzeitig auftreten, erweisen sich alle als untereinander verwandt.

 

Laßt uns Altäre bauen der gesegneten Einheit, die die Natur und die Seelen in vollkommener Lösung enthält, die jedes Atom zwingt, einem Zweck des Weltalls zu dienen. Ich staune nicht über eine Schneeflocke, eine Muschelschale, eine Sommerlandschaft oder den Glorienschein der Sterne, wohl aber über die Notwendigkeit der Schönheit, die für das Weltall gültig ist: daß alles malerisch ist und sein muß; daß der Regenbogen und der Kreisbogen des Horizonts und die Wölbung der blauen Kuppel nur aus der Einrichtung des menschlichen Auges sich ergeben. Mich brauchen keine törichten Naturliebhaber heranzuholen, um einen Blumengarten zu bewundern oder eine vom Sonnenschein vergoldete Wolke oder einen Wasserfall – denn ich kann ja meine Augen nicht auftun, ohne Glanz und Anmut zu sehen! Wie überflüssig, einen Funken auf gut Glück hier oder dort herauszuholen, wenn die den Dingen innewohnende Notwendigkeit die Rose der Schönheit dem Chaos an die Stirne heftet und als die innerste Absicht der Natur Einklang und Freude enthüllt!

Laßt uns der schönen Notwendigkeit Altäre bauen! Wenn wir dächten, der Mensch sei frei in dem Sinne, daß auch nur in einem einzelnen Ausnahmefall ein phantastischer Wille dem Gesetz der Dinge gebieten könnte – das wäre genau, wie wenn eines Kindes Hand die Sonne vom Himmel herabreißen könnte. Wenn auch nur in der geringsten Kleinigkeit ein Mensch die Ordnung der Natur in Unordnung bringen könnte – wer möchte da das Geschenk des Lebens annehmen.

 

Rohe, selbstsüchtige Despoten leisten der Menschheit ungeheure Dienste, wie z. B. Heinrich VIII. in seinem Streit mit dem Papst; wie Cromwells Verblendungen nicht weniger als seine Weisheit; wie die Grausamkeit der russischen Zaren; wie der Fanatismus der französischen Königsmörder von 1789. Der Frost, der die Ernte eines Jahres tötet, rettet die Ernten eines Jahrhunderts, indem er den Kornwurm oder die Heuschrecke vernichtet. Kriege, Feuersbrünste, Pestilenzen machen ein Ende mit unbeweglich gewordenem Schlendrian, reinigen die Erde von verfaulten Rassen und Krankheitshöhlen und eröffnen neuen Menschen ein Feld für ehrlichen Kampf. Die Dinge haben ein Streben, sich selber in die Richte zu bringen, und der Krieg oder die Revolution oder der Bankerott, wodurch ein verfaultes System in Stücke geschlagen wird, ermöglicht das Entstehen einer natürlichen und neuen Ordnung.

 

Jedes Handeln sieht von außen sowohl in seinem Wert wie in seinen Folgen ganz anders aus als von innen. Im Mörder ist der Mord keineswegs ein so verheerender Gedanke, wie ihn die Dichter und Romanschreiber gern haben möchten. Der Mord macht ihn nicht heimatlos und führt ihn nicht von seiner gewöhnlichen Wertschätzung der Dinge fort. Es hat für ihn nichts Schreckliches, sich den Verlauf der Handlung vorzustellen, aber in ihrer Folge wächst sie zu einem ungeheuren Tosen an und bringt alle Beziehungen in Verwirrung. Besonders erscheinen die Verbrechen, die ihren Ursprung in der Liebe haben, vom Standpunkt des Handelnden gerecht und helleuchtend, aber nach der Tat erkennt er, daß sie die Gesellschaft niederreißen. Niemand endlich glaubt, daß er vollkommen vereinsamt sein könnte, und daß das Verbrechen aus ihm mit einem ebenso grausigen Antlitz herausschaut wie aus dem Schurken dort. Denn die Einsicht schafft für unseren Fall die Skala der moralischen Werturteile, und für die Einsicht gibt es kein Verbrechen. Sie ist gegen das Gesetz und steht über ihm und beurteilt das Gesetz und die Tat. Vom Richten sagte Napoleon und vertrat damit den Standpunkt der Einsicht: »Es ist schlimmer als das Verbrechen, es ist grundsätzliches Verfehlen«. Die Welt ist der Einsicht ein mathematisches Problem oder die Wissenschaft der quantitativen Analyse, sie läßt Ruhm und Tadel und alle schwachen Empfindungen aus dem Spiel. Alles Stehlen ist ein Vergleichen. Wenn es dir möglich ist, reinlich zu denken, so bitte ich: Wer stiehlt nicht?

 

Das Beste am Schicksal ist, daß es einen fatalistischen Mut lehrt. Trotze dem Feuer auf hoher See oder der Cholera in deines Freundes Hause, oder dem Einbrecher in deinem eigenen oder sonstigen Gefahren, die auf dem Wege der Pflicht deiner warten, und wisse, daß du vom Cherubim des Geschicks behütet wirst. Wenn du zum Bösen an das Schicksal glaubst, so glaube doch wenigstens auch im Guten daran!

Denn wenn das Schicksal so übermächtig ist, so bildet auch der Mensch einen Teil davon und kann dem Schicksal das Schicksal gegenüberstellen. Wenn das Weltall uns mit so wilden Angriffen bedroht, so sind unsere Atome ebenso wild in ihrem Widerstand. Wir würden vom Druck der Atmosphäre zerquetscht werden, wenn nicht die Luft in unserem Leibe Gegendruck leistete. Eine Röhre, die aus einem Glashäutchen gemacht ist, kann dem Anprall des Ozeans widerstehen, wenn sie mit demselben Wasser gefüllt ist. Wenn Allmacht im Schlag ist, so ist auch die Macht im Rückschlag.

 

Um zu sehen, wie Schicksal in Freiheit übergeht und Freiheit in Schicksal, bemerke, wie tief die Wurzeln jedes Geschöpfes reichen, oder finde, wenn du kannst, einen Punkt, wo keine verbindende Fiber ist. Unser Leben ist anschmiegsam und hat weitreichende Verwandtschaftsbeziehungen. Dieser Knoten der Natur ist so geschickt geschlungen, daß niemals noch ein Mensch schlau genug war, die beiden Enden zu finden. Die Teile der Natur greifen ineinander über, sie ist verworren, verschlungen und endlos. Christopher Wren sagte von der schönen Kapelle von Kings College, wenn irgend jemand ihm sagen wollte, wo er den ersten Stein legen sollte, so wollte er noch eine solche bauen. Aber wo sollen wir das erste Atom finden in diesem Menschenhause, das ganz Einklang, Verbindung und Gleichgewicht aller Teile ist?

 

Leben ist Freiheit – ist Freiheit genau im Verhältnis zu seiner Stärke, verlaßt euch darauf, schon der neugeborene Mensch ist nicht untätig! Um ihn herum wirkt Leben in bewußter Absicht und mittels übernatürlicher Kräfte. Meint ihr, man könne ihn nach seinem Körpergewicht abschätzen oder er sei in seine Haut begrenzt – dieses um sich greifende, um sich strahlende, um sich werfende Bürschchen? Die kleinste Kerze füllt den Raum einer Meile mit ihren Strahlen und die Tastnerven des Menschen reichen bis zu jedem Stern.

 

Kraft ist ansteckend.

Alle Kraft ist von einer und derselben Art: ein Teilnehmen an der Natur der Welt. Der Geist, der in gleicher Richtung mit den Naturgesetzen läuft, wird sich in der Strömung der Ereignisse befinden und stark sein mit ihrer Stärke. Ein jeder ist aus demselben Stoff gemacht, woraus die Ereignisse bestehen. Er befindet sich in Übereinstimmung mit dem Lauf der Dinge; er kann ihn voraussagen. Alles, was eintritt, tritt zuerst für ihn ein; und so ist er stets jedem Vorkommnis gewachsen. wer die Menschen kennt, der kann verständig über Politik, Handel, Gesetz, Krieg, Religion sprechen; denn überall wird die Menschheit auf die gleiche Art geleitet.

 

So weit er den einzelnen Strahlungen nachschaut, schließlich wendet sich sein Blick stets in einer Kurve zu seinem eignen seelischen Besitztum zurück.

 

Jedes Übermaß bedingt einen Mangel; jeder Mangel einen ausgleichenden Vorzug. Jedes Süße hat sein Bitteres, jedes Bittere sein Süßes, jedes Böse sein Gutes. Jede Gabe, die uns Genuß bereitet, bringt ein dementsprechendes Leid, wenn sie mißbraucht wird. Sie steht sozusagen für ihre Mäßigung mit ihrem Leben ein! Jedem Körnchen Witz entspricht ein Körnchen Unsinn. Für jedes, was wir entbehren, gewinnen wir etwas; und für jedes, was wir entbehrten, haben wir etwas anderes gewonnen. Wenn Reichtümer anwachsen, wächst auch die Zahl derer, die sie wieder verbrauchen. Wenn der Sammler zu viel anhäuft, so entzieht die Natur ihm Lebenskraft, während sie seinen Kasten anfüllt; sie vergrößert den Besitz, aber sie tötet den Besitzer. Die Natur haßt die Monopole und Ausnahmen. Die Wogen der See suchen sich nicht schneller nach ihrem höchsten Auftürmen wieder zu glätten, als die Ungleichheiten der Verhältnisse danach streben, ein gegenseitiges Gleichgewicht wieder herzustellen. Es findet sich stets ein ausgleichender Umstand, welcher den Übermächtigen, den Herrischen, den Reichen und den Glücklichen auf eine gleiche Höhe mit den anderen zurückführt. Wenn ein Mann für die Gesellschaft zu derb und hitzig und infolge seines Temperaments und seiner Stellung ein schlechter Bürger ist – ein mürrischer, wüster Kerl mit einem Anflug ins Piratenhafte – so sendet ihm Natur eine Schar hübscher Söhne und Töchter, welche in der Elementarklasse der Dorfschule gut vorwärts kommen, und die Liebe und Sorge um sie glättet sein finsteres Wesen zur Freundlichkeit und Milde. So versucht die Natur auch den Feldspat und den Granit zu lösen und an Stelle des Ebers das Lamm zu setzen und das Gleichgewicht überall getreulich herzustellen. Der Farmer hält Macht und Rang für herrliche Dinge. Doch der Präsident hat seine Stellung im Weißen Hause teuer bezahlen müssen. Sie hat ihm all seinen Frieden und den besten Teil seiner männlichen Eigenschaften gekostet. Um für kurze Zeit eine so hervorragende Stellung einzunehmen, muß er vor den wirklichen Herrschern, welche aufrecht hinter seinem Throne stehen, im Staube kriechen! Oder ersehnen die Menschen die mehr greifbare und dauernde Größe des Genius? Auch sie hat kein Vorrecht. Wer durch die Kraft seines Willens und Gedankens groß ist und Tausende überragt, hat auch die Last und Verantwortung dieser Größe zu tragen. Mit jedem Einströmen des Lichtes wächst auch die Gefahr. Ist Licht in ihm? – dann muß er Zeugnis ablegen von diesem Licht und immer von neuem jene Teilnahme der Menge, die ihn mit so stolzer Befriedigung erfüllt, überholen und hinter sich verschwinden sehen, indem er in seiner Treue gegen die Offenbarungen des ewigen Geistes in höhere Ebenen aufsteigt. Er muß Vater und Mutter, Weib und Kind hassen. Hat er alles, was die Welt liebt, bewundert und begehrt? – so muß er die Bewunderung der Mitmenschen gering schätzen, muß sie betrüben durch seine Anhänglichkeit an seine Sendung und selbst zu einem Schimpfwort und Gezisch werden.

 

Der Mensch hat den Saurier und die Pflanze hinter sich. Seine Künste und Wissenschaften, vom Menschenhirn mit genialer Leichtigkeit in die Welt gesetzt, nehmen sich prachtvoll aus, wenn sie vom Standpunkt eines Ochsen, Krokodils oder Fisches – deren Hirn noch weit zurück ist, – perspektivisch betrachtet werden. Es scheint als ob die Natur, mit einem Rückblick auf die geologische Nacht, die hinter ihr liegt, gar nicht so unzufrieden damit ist, in fünf oder sechs Jahrtausenden fünf oder sechs Männer wie Homer, Phidias, Menu, Kolumbus hervorgebracht zu haben. Diese Früchte bezeugen allerdings die Güte des Baums. Sie waren ein klar erkennbarer Fortschritt vom Trilobiten und Saurier und eine gute Grundlage für weitere Entwicklung. Der Künstlerin Natur sind Raum und Zeit billiges Material und es kümmert sie nicht, wenn man ihr saumselige Vorbereitung vorwirft. Geduldig wartete sie während der vorüberflutenden Perioden der Urgeschichte, bis die Stunde da war für das Erscheinen des Menschen. Dann mußten wieder ganze Zeitalter vergehen, bis die Bewegung der Erde auch nur geahnt wird, und wieder, bis ein Begriff der Instinkte und der bildungsfähigen Kräfte festgestellt werden konnte.

 

An Kindern beobachten wir mit inniger Teilnahme, bis zu welchem Grade sie die Kraft besitzen, die sich selber wieder erzeugt. Wenn sie von uns oder von anderen Kindern verletzt werden oder in der Schule auf der letzten Bank sitzen müssen oder bei der jährlichen Preisverteilung übergangen werden oder im Spiele unterliegen – wenn sie dann den Mut verlieren und zu Hause in ihrer Kammer stets an ihr Mißgeschick denken müssen, dann haben sie einen ernstlichen Stoß erlitten. Aber wenn sie die Schnellkraft und Widerstandsfähigkeit besitzen, die ihnen für jeden neuen Augenblick neues Interesse einflößt, dann vernarbt die Wunde und die Muskelfaser der Narbe ist nur um so fester.

 

Die fossilen Schichten zeigen uns, daß die Natur mit unvollkommenen Formen begann und zu kunstvoller zusammengesetzten Formen emporstieg, sobald nur die Erde sich zu deren Wohnort eignete; ferner, daß die niederen zugrunde gehen, sobald die höheren erscheinen. Nur von sehr wenigen unseres Geschlechtes läßt sich sagen, daß sie bereits vollendete Menschen sind. Noch immer haften uns manche Überreste der vorhergehenden Zustände an, in denen wir Vierfüßler waren. Wir nennen diese Millionen ›Menschen‹; aber sie sind noch keine Menschen. Halb noch im Boden haftend, um sich schlagend, um frei zu werden, bedarf der Mensch, um diese Freiheit zu erlangen, aller Musik, die ihm dargebracht werden kann.

 

Der Mensch ist abgefallen, die Natur aber steht aufrecht da, an ihr können wir den Grund unsres Verfalles ablesen, je nachdem sie uns zeigt, daß göttliches Empfinden in uns wirkt oder wir es entbehren. So lange wir im stumpfen Egoismus verharren, schauen wir auf zur Natur, wenn wir aber genesen sein werden, wird die Natur zu uns aufblicken. Wir blicken mit peinigender Wehmut in den schäumenden Bach, wir könnten aber diesen Bach beschämen, wenn unser eignes Leben mit der rechten befreienden Ausdauer dahinflösse. Der Strom eines lebenwirkenden Lebens erglänzt in seinem eignen Feuer und braucht sich nicht mit dem Widerscheinen von Sonne und Mond zu begnügen. Aber die Natur wird zumeist mit jener Selbstsucht betrachtet wie der Handel. So wird aus der Sternenkunde die Sternendeuterei, aus der Seelenkunde die Lehre von gestörten Hirnfunktionen (mit der Absicht, das Stehlen silberner Löffel zu verhindern), aus der Lehre von den organischen Körpern die Erklärungen der Schädelbildung und das Weissagen aus der Hand.

 

Die Natur ist überall positiv, auch wenn es scheint, als arbeite sie ihren eignen Gesetzen entgegen. Zu gleicher Zeit hält sie ihre Gesetze und schreitet über sie hinaus. Sie rüstet zum Beispiel ein Tier für irgend ein Klima und das Leben auf dieser Erde aus und bewaffnet es, zugleich aber rüstet sie ein anderes Tier aus und bewaffnet es derart, daß es jenes erste zerstört. Der Raum scheint die einzelnen Geschöpfe voneinander trennen zu sollen, den Vogel aber bekleidet sie an den Seiten mit einigen Flügelfedern und schenkt ihm dadurch die Fähigkeit, diese Trennung zum Teil aufzuheben. Sie schafft immer in einer Richtung zur höheren Vollkommenheit hin, ihre Kunst wendet sich aber immer wieder rückwärts, dem Material zu und beginnt das vorgeschrittenste Werk mit den allerprimitivsten Elementen. Wo es anders geschieht, da ist der Verfall nahe. Wenn wir ihrem Wirken zuschauen, so glauben wir uns eine Vorstellung von einer sich selbst stets verändernden Gesetzmäßigkeit machen zu können. Die Pflanzen sind die Jugend der Welt, Gesundheit und Kraft atmen sie aus, aber sie suchen sich den Weg aufwärts zum ersten Bewußtsein. Die Bäume sind unvollkommene Menschen, und es ist, als beklagten sie sich darüber, daß ihre Wurzeln sie in der Gefangenschaft des Mutterbodens zurückhalten. Das Tier macht die Lehr- und Prüfungszeit für eine vorgeschrittenere Klasse von Lebewesen durch. Die Menschen haben schon ein zerfahrenes Wesen, obgleich sie noch jung sind und noch kaum aus der Schale des Denkens genippt haben; Ahorn und Farn sind noch unverdorben, aber auch sie werden zweifellos fluchen und schwören, wenn sie zu Bewußtsein gekommen sind. Die Blumen gehören so ganz der Kindheit des Lebens an, daß wir erwachsenen Menschenkinder leicht das Gefühl haben können, daß ihre schönen Generationen uns nichts mehr sagen können: Wir haben auch unsere Zeit genossen, nun mögen die Kinder die ihre genießen. Ja die Blüten machen sich über uns lustig: wir gleichen alten Hagestolzen mit unserer lächerlichen Zärtlichkeit.

 

Der Verlauf der Dinge zeigt uns überall einen Überschuß an Kraft. Kein Geschöpf, keinen Menschen schickt die Natur in die Welt hinaus, ohne seinen eigenen Fähigkeiten ein kleines Mehr hinzuzufügen, wie zu dem Planeten auch noch der Anstoß hinzugefügt werden muß, so hat die Natur mit einiger Gewalt jedes einzelne Geschöpf auf seinem Wege vorwärts gestoßen, damit es auch weiß, in welcher Richtung es zu gehen hat: in jedem Falle eine kleine Großmut, ein wenig zu viel. Die Luft ohne Elektrizität würde vermodern, und ohne jenes Zuviel in der Einseitigkeit, das Männer und Frauen haben, ohne einen Beigeschmack von Bigotterie und Fanatismus wäre auch kein Antrieb und kein Fortwirken. Um ein Ziel zu treffen, müssen wir darüber hinaus werfen. So hat jede Handlung etwas Schlechtes an sich, ihr übertriebenes Wirkenwollen. Und wenn hin und wieder ein ernsthafter Mann des Weges kommt mit scharfem Blick, der sieht, wie erbärmlich das Spiel gespielt wird, und sich weigert mitzumachen, der den Sinn des Ganzen bloßlegt – was dann? Ist das Nest dann etwa leer? O nein, die vorsichtige Natur schickt eine neue Gesellschaft aus, eine kühnere Jugend, schönere Gestalten mit ein wenig mehr Kraft, ihren unterschiedlichen Willen durchzusetzen, sie macht sie ein wenig starrköpfiger, auf ihre innere Berechtigung pochend, und so wird das Spiel mit neuer Kraft eine oder zwei Generationen hindurch fortgesetzt. Das lehrt uns das Leben des Kindes mit seinem lieblichen Umhertappen. Ist es nicht der Narr seiner Sinneswahrnehmungen, jeder Anblick, jeder Ton beherrscht es, die Fähigkeit, die Eindrücke miteinander zu vergleichen und sie einzureihen, ist ihm noch fremd. Eine Pfeife oder ein bemalter Span, ein Bleisoldat oder ein Pfefferkuchenhund nimmt es mit gleicher Gewalt gefangen, alles wird ihm persönlich, nichts verallgemeinert, jede neue Erscheinung läßt es in Entzücken geraten. Und so legt es sich zum Abend erst nieder, wenn in gleicher Weise die Müdigkeit ihre Macht ausübt, eine Übermüdung, die von einem Tage ununterbrochener lieber Verzückungen herrührt. Bei einem solchen kleinen, überspannten, aufgeräumten Lockenkopf hat die Natur ihren Zweck erfüllt. Sie hat jede Fähigkeit in Übung erhalten, hat das symmetrische Wachstum des ganzen Körperbaues durch alle diese Stellungen und Bewegungen gesichert, – und das alles ist von solcher Wichtigkeit, daß sie es keiner anderen Obhut anvertrauen durfte, denn nirgends ist Vollkommenheit als in ihr.

 

Wenn wir weiter sehen, werden sich die Einzeldinge alle gleich; Gesetze, Literatur, Glaubensbekenntnisse und Lebensanschauungen erscheinen als Mummenschanz, der die Wahrheit entstellt. Unsere Gesellschaft ist mit einer schwerfälligen Maschinerie belastet, die den endlosen Aquädukten der Römer gleicht. Über Täler und Hügel hinweg baute man sie, und die Entdeckung des Gesetzes, daß das Wasser sich selbst bis zur Höhe seiner Quelle wieder hebt, machte sie alle überflüssig. So ist dieser Mummenschanz einer chinesischen Mauer zu vergleichen, über die jeder flinke Tartar hinwegspringen kann, einem stehenden Heer, das niemals den Frieden selbst ersetzt. Er ist wie ein Kaiserreich, wohl in Rangklassen geteilt, mit Titeln und Prunk reich überladen; und doch wird all das überflüssig, sobald Stadtparlamente sich finden, die in gleicher Weise die Verantwortung übernehmen.

Wir wollen einmal von der Natur lernen, die immer mit den nächstliegenden Mitteln arbeitet. Wenn die Frucht reif ist, fällt sie ab, und wenn so für sie gesorgt ist, fällt auch das Laub. Der Kreislauf des Wassers ist nichts als ein Fallen. Das Laufen beim Menschen und beim Tier ist ein Vorwärtsfallen. Unserer Hände Arbeit und unsere Kraftanstrengung wie Anheben, Spalten, Graben, Rudern und so fort, alles wird durch fortgesetztes Fallen zustande gebracht, und die Kugel, die Erde, der Mond, der Komet, die Sonne und die Sterne fallen bis in alle Ewigkeit.

Die einfache Gesetzmäßigkeit des Weltalls ist sehr verschieden von der Vereinfachung, die die Maschine erstrebt. Und wer die natürliche Moral bis auf den Grund beobachten kann, wer ganz genau weiß, wie man weise wird und seine Charaktereigenschaften ausbaut, ist ein Pedant. Die Gesetzmäßigkeit der Natur kann nicht einfach von der Natur abgelesen werden, sondern sie ist unerschöpflich. Die letzte Analyse kann auf keine Weise gemacht werden. Wir beurteilen eines Menschen Wissen nach seiner Zuversichtlichkeit, denn wir wissen, daß der Begriff der Unerschöpflichkeit in der Natur an eine unsterbliche Jugend geknüpft ist.

 

Jede letzte Tatsache ist nur die erste von einer neuen Reihe. Jedes allgemeine Gesetz nur ein besonderer Teil eines allgemeineren Gesetzes, das bald zur Entfaltung kommen wird. Für uns gibt es keine Außenseite, keine einschließende Wand, keine Grenzlinie. Ein Mann beendet seine Geschichte – wie herrlich! wie abschließend! wie sie den Dingen ein neues Ansehen verleiht! Doch siehe! Da erhebt sich schon auf der anderen Seite ein anderer und zieht einen Kreis um den Kreis, den wir eben erst als die Grenze der Schöpfung gepriesen haben!

Dann ist der erste Sprecher eben nicht mehr der Mensch, sondern nur der erste Sprecher. Ihm bleibt nichts übrig, als einen größeren Kreis um den seines Gegners zu ziehen; und das tun die Menschen schon von selbst. Der Erfolg von heute, welcher den Geist beschäftigt und nicht umgangen werden kann, wird demnächst in ein Schlagwort zusammengefaßt werden, und das Gesetz, welches die Welt zu erklären schien, wird bald als Beispiel für eine noch kühnere Verallgemeinerung benutzt werden. In dem Gedanken an den kommenden Tag liegt die Kraft, deinen Glauben und alle Glaubensbekenntnisse und Schriften der Völker aufzuheben und dich einem Himmel entgegenzutragen, dennoch kein Traumgesicht zu schauen imstande war. Jeder Mensch ist nicht so sehr ein Arbeiter und Vollbringer in der Welt, als eine Andeutung dessen, was er sein sollte. Die Menschen wandeln auf Erden als Weissagungen der Zukunft.

Schritt für Schritt ersteigen wir diese geheimnisvolle Leiter; die Schritte sind Taten, die neue Aussicht ist Macht. Jeder einzelne Erfolg wird bedroht und gerichtet durch den folgenden. Jedem einzelnen scheint durch den neuen widersprochen zu werden; er wird nur durch den neuen begrenzt. Die neue Verkündigung wird stets von der alten gehaßt und erscheint denen, welche noch in der alten verharren, wie ein Abgrund des Zweifels. Doch das Auge gewöhnt sich bald daran, denn das Auge und das Neue sind ja Wirkungen einer Ursache; dann wird die Harmlosigkeit und Nützlichkeit des Neuen offenbar; doch bald ist auch seine Geltung vorüber; es verbleicht und entweicht vor der Offenbarung einer neuen Stunde.

 

Jedes Einsehen ist in der Hauptsache ein In-die-Zukunftsehen.

Da nun unser Erkennen stets auf Sinnbilder und Umwege angewiesen ist, so ist es gut, zu wissen, daß auch hierin eine Methode liegt, daß auch für diese Phantasiegebilde eine bestimmte Stufenfolge gilt, daß ein Rang sich über dem anderen erhebt. Wir beginnen in der Tiefe mit rohen Masken und steigen zu den feinsten und schönsten empor. Die Rothäute sagten Kolumbus, sie hätten ein Kraut, das die Müdigkeit benehme; aber er fand die Illusion, von Osten her nach Indien gelangt zu sein, beruhigender für seinen hochfliegenden Geist als allen Tabak. Ist nicht unser Glaube an die Undurchdringlichkeit des Stoffes ein besseres niederschlagendes Mittel als irgend ein Narkotikum? Ihr spielt Hälmchenziehen, Ballschlagen, Kegeln, spielt mit Pferd und Flinte, mit Landgütern und Politik – aber es stehen feinere Spiele euch zur Verfügung. Ist nicht die Zeit ein hübsches Spielzeug? Das Leben wird euch Masken zeigen, gegen die euer ganzes Karnevalstreiben nichts ist. Jener Berg dort muß in euren Geist einziehen. Der schöne Sternenstaub und Nebelfleck des Orion, ›das wundersame Jahr Mizars und Alcors‹ müssen herniedersteigen und in eure alltäglichen Gedanken eintreten.

 

Die Eigenschaft, die ein Ding schön macht, ist eine gewisse kosmische Eigenschaft – eine Fähigkeit, den Zusammenhang mit der ganzen Welt zu empfinden, und so den Gegenstand aus einer kümmerlichen Individualität heraus- und emporzuheben. Jeder Zug der Natur – Meer, Himmel, Regenbogen, Blumen, musikalische Töne – hat in sich etwas, das nicht ihm allein, sondern dem Weltall angehört, und zeugt von jener Allgüte, die die Seele der Natur ist, und ist darum schön. Bei auserwählten Männern und Frauen finde ich in Gestalt, Sprache und Benehmen ein gewisses Etwas, das nichts mit ihrer Person und Familie zu tun hat, sondern von einem menschlichen, allumfassenden geistigen Charakter ist – und solche Menschen lieben wir wie den Himmel. Weitreichende Anregungen gehen von ihnen aus, und ihr Antlitz und Gebahren trägt den Stempel einer gewissen Großartigkeit, gleich der Zeit und der Gerechtigkeit.

 

Die Einbildungskraft hat die Aufgabe, zu zeigen, daß jedes Ding sich in ein anderes verwandeln läßt. Tatsachendinge, die nie zuvor ihrer steifen, hausbackenen Bedeutung entkleidet gewesen waren, treten plötzlich als eleusinische Mysterien auf. Meine Stiefel, mein Stuhl, mein Leuchter sind verkleidete Feen, sind Meteore und Sternbilder. Alle Tatsachen der Natur sind für den Intellekt nur Nomina, bilden die Grammatik der ewigen Sprache. Jedes Wort hat eine doppelte, dreifache, hundertfache Bedeutung und Anwendung. Was? Haben mein Ofen und meine Pfefferdose einen doppelten Boden? Ich bitte um Vergebung, mein guter Stiefelkasten: ich wußte nicht, daß du ein Juwelenkästchen seist! Spreu und Staub beginnen zu funkeln und werden mit Unsterblichkeit umkleidet. Und eine Freude macht die Entdeckung des repräsentativen, sinnbildlichen Charakters eines Gegenstandes, wie der Gegenstand oder das Ereignis an sich niemals sie gewähren können. Keine Tage unseres Lebens sind so denkwürdig wie die, an denen dem Anklopfen der Phantasie ein erhebendes Bejahen antwortete.

 

Die Dichter haben ganz recht, wenn sie die Geliebte mit ihren Beutestücken – Landschaft, Blumengärten, Edelsteinen, Regenbogen, Morgenröten, Sternenhimmeln – behängen; denn alle Schönheit weist auf die Einheit alles Existierenden hin, und was mir nicht Meer und Himmel, Tag und Nacht ausdrückt, das ist irgendwie verfehlt und verkehrt. Allem Schönen ist etwas Unmeßbares und Göttliches eigen, und zwar einerlei, ob es eine von Linien, wie von Bergen eines Horizontes, umschlossene Form ist oder ob es musikalische Töne oder die unendlichen Tiefen des Weltraums sind. Polarisiertes Licht zeigte uns den geheimen Bau der Körper; und wenn das ›zweite Gesicht‹ des Geistes sich öffnet, dann blitzt bald die eine, bald eine andere Farbe oder Form oder Bewegung auf und leuchtet mit einer Schärfe, als wäre aus tieferem Inneren ein Strahl entsandt, der ihren innigen Zusammenhang mit dem ganzen Gefüge der Welt uns enthüllt hätte.

Die Gesetze dieser Übertragung kennen wir nicht, wissen nicht, warum gerade ein bestimmter Zug, eine bestimmte Gebärde bezaubert, warum ein Wort, eine Silbe berauscht, aber die Tatsache ist allgemein bekannt, daß die feine Berührung eines Blickes oder eine Anmut des Wesens oder ein poetischer Ausdruck Flügel zwischen unseren Schultern sprießen läßt, wie wenn die Gottheit auf ihrem Wege zu uns hemmende Berge hinwegräumte und mit gütigem Sinn eine wahrere Linie zöge, die der Geist kennt und zu eigen hat. Dies ist jene stolze Kraft der Schönheit, vis superba formae, die die Dichter preisen – unter ruhigen, scharfen Umrissen das Unmeßbare und Göttliche: Schönheit, die alle Weisheit und Kraft in ihrem ruhigen Himmel hütet.

Alle hohe Schönheit birgt ein sittliches Element in sich, und ich finde die antike Bilderkunst gerade so ethisch wie die Schriften eines Marcus Antonius: die Schönheit steht immer im Verhältnis zur Tiefe des Gedankens. Plumpe und innerlich dunkle Naturen mögen sich noch so sehr herausputzen – sie gleichen doch stets unreinen Fleischbänken; Charakter aber verleiht der Jugend Glanz und macht runzlige Haut und graue Haare ehrwürdig. Einem Anbeter der Wahrheit müssen wir gehorchen – wir haben keine freie Wahl, und hat ein Weib mit uns das gleiche sittliche Gefühl geteilt, so müssen ihre Leiden uns erhaben erscheinen.

 

Die Dinge bilden fortwährend neue Gruppen nach höheren oder tiefer eindringenden Gesetzen.

 

Schönheit ist die Form, an der der Geist am liebsten das Verständnis der Welt zu erlangen sucht. Jeder Vorzug ist ein Vorzug der Schönheit; denn es gibt viele Schönheiten: Schönheit der Natur im allgemeinen, Schönheit des menschlichen Antlitzes und Körpers, Schönheit des Benehmens, Schönheit der Gehirntätigkeit oder Methode, sittliche Schönheit oder Schönheit der Seele.

 

Schönheit, deren Offenbarung vor der Menschheit wir jetzt feiern, die willkommen ist wie die Sonne, wo immer sie ihren Schein ausgehen läßt, die jedem Menschen Freude an ihr und an sich selber gibt – Schönheit scheint sich selber genug zu sein.

 

Das Mißgeschick so mancher Philosophen ist für mich eine Warnung, nicht ebenfalls eine Erklärung des Begriffes ›Schönheit‹ zu versuchen. Ich will lieber ein paar von ihren Eigenschaften aufzählen: Schön nennen wir, was einfach ist, was keine überflüssigen Teile hat; was genau seinem Zweck entspricht; was zu allen Dingen in Beziehung steht; was das Mittel zur Vereinigung vieler Gegensätze ist. Schönheit ist die dauerhafteste Eigenschaft und führt am höchsten empor, wir sagen, Liebe sei blind und Cupido wird mit einer Binde um die Augen dargestellt. Blind – ja: weil er nicht sieht, was er nicht sehen will; aber Cupido ist zugleich auch der scharfäugigste Jäger im ganzen Weltall: er findet, was er sucht, und nur das. Und die Mythologen sagen uns, Vulkan sei lahm und Cupido blind dargestellt worden, um die Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß der eine ganz Bein und der andere ganz Auge gewesen sei. In der wahren Mythologie ist Liebe ein unsterbliches Kind, das die Schönheit als Führerin leitet – und wir können nichts Tiefsinnigeres aussprechen als wenn wir sagen: Schönheit ist der Lotse der jungen Seele.

Abgesehen von der sinnlichen Lust, die sie gewähren, gewinnen die Formen und Farben der Natur einen neuen Reiz für uns, indem wir erkennen, daß kein Zierrat nur als bloßer Zierrat hinzugefügt werde, sondern daß ein jeder ein Zeichen besserer Gesundheit oder trefflicherer Leistung ist. Formenschönheit an Vogel oder Tier oder Menschengestalt verrät irgend eine Vorzüglichkeit im Bau; oder mit anderen Worten: Schönheit ist nur eine Einladung eines Eigentums, das uns bereits gehört. Es ist ein Gesetz der Botanik, daß bei den Pflanzen gleiche Formen gleichen Eigenschaften entsprechen. Und eine Regel, die die weiteste Anwendung findet, die für eine Pflanze wie für ein Brotlaib gilt, besagt, daß bei der Zusammensetzung jeden Fabrikats oder Organismus jede wirkliche Vermehrung an Zweckmäßigkeit zugleich auch eine Vermehrung an Schönheit ist.

 

Jede Starrheit, Anhäufung oder Konzentrierung zu einem Zuge – eine lange Nase, ein spitzes Kinn, ein Buckel – ist Gegensatz zum Fließenden und daher häßlich. So schön auch das Gleichmaß jeder Form ist: wenn die Form beweglich ist, suchen wir in ihr ein noch schöneres Gleichmaß. Die Unterbrechung des Gleichgewichts reizt das Auge zu dem Wunsch, die Symmetrie wieder hergestellt zu sehen, und treibt es, die Schritte zu beobachten, durch die dieses Ziel erreicht wird. Dies ist der Reiz, der im fließenden Wasser, in Meereswogen, im Vogelflug und in der Bewegung der Tiere liegt. Tanzen bedeutet theoretisch nichts weiter als die beständige, dabei wechselvolle Wiedererlangung des verlorenen Gleichgewichts – nicht durch plötzliche und eckige, sondern durch allmähliche und abgerundete Bewegungen.

 

Die Schönheitslinie ist das Ergebnis vollkommener haushälterischer Zweckmäßigkeit. Die Wände der Bienenzelle stoßen in dem Winkel aufeinander, der mit dem geringsten Aufwand von Wachs die größte Festigkeit gibt; der Knochen und der Kiel des Vogels geben die größte Flugkraft bei dem geringsten Gewicht. »Schönheit ist die Ausscheidung alles Überflüssigen«, sagte Michelangelo. In den Bauten der Natur ist kein Teilchen entbehrlich. Bei der Pflanze ist für jede Abweichung in Farbe oder Form ein zwingender Grund vorhanden; so spart auch unsere Kunst Material durch sinnreiche Anordnung und erreicht Schönheit, indem sie jedes überflüssige und entbehrliche Quentchen aus der Wand fortnimmt und dabei alle notwendige Stärke in den poetischen Formen der Säulen bewahrt. In der Beredsamkeit ist dieses kunstvolle Auslassen ein Hauptgeheimnis starker Wirkung, und im allgemeinen ist es ein Beweis hoher Bildung, die größten Dinge auf die einfachste Art zu sagen.

 

Die Überlegenheit, die keine Überlegenheit kennt, die Befreierin und Lehrerin der Seelen, und zugleich ihr Urstoff, ist: Liebe.

Die Macht der Natur überwiegt gegenüber dem menschlichen Willen in allen Werken auch der schönen Künste, soweit der Stoff und äußere Umstände in Betracht kommen. Die Natur malt den besten Teil des Bildes; meißelt den besten Teil der Statue; baut den besten Teil des Hauses; und spricht den besten Teil der Rede. Denn alle jene Vorzüge hat der Künstler nicht bewußterweise hervorgebracht. Er rechnete auf ihre Hilfe, er ging ihnen entgegen, um von einigen von ihnen Hilfe zu empfangen; aber er sah, daß sein Pflanzen und sein Bewässern auf den Sonnenschein der Natur warteten, oder eitel waren.

 

Die erste und letzte Lehre der nützlichen Künste ist, daß die Natur als Tyrannin über unseren Werken gebietet. Sie müssen ihrem Gesetz gemäß gebildet sein oder sie werden durch ihre allgegenwärtige Tätigkeit zu Staub gemahlen werden. Nichts Putziges, nichts Launenhaftes hat Bestand. Die Natur mischt sich immer in die Angelegenheiten der Kunst ein. Du kannst dein Haus oder deine Pagode nicht so bauen, wie du willst, sondern nur so, wie du mußt. Deine Laune langt schnell bei ihrer Grenze an. Der schiefe Turm kann nur bis zu einem gewissen Grade sich überlehnen. Das Veranda- oder Pagodendach kann nur bis zu einem gewissen Punkt in einer Kurve sich aufwärts biegen. Die Abschüssigkeit deines Daches wird bestimmt durch das Gewicht der Schneelast, die es zu tragen hat. Nur innerhalb enger Grenzen kann die Entscheidung des Baumeisters sich bewegen: Schwerkraft, Wind, Sonne, Regen, die Größe von Menschen und Tieren u. dgl. haben mehr zu sagen als er. Das Gesetz der Flüssigkeiten schreibt die Gestalt des Bootes vor – Kiel, Steuer und Bug – und, in der dünneren Flüssigkeit oben, die Form und Takelung der Segel. Der Mensch scheint in bezug auf seine Werkzeuge keine freie Wahl zu haben, sondern einfach von der Natur lernen zu müssen, was sich am besten schicken wird, wie wenn er eine Schraube oder eine Tür passend zu machen hätte. Unter der Aufsicht einer so allmächtigen Notwendigkeit erscheint recht unbedeutend, was in des Menschen Leben künstlich ist. Er empfängt, wie es scheint, seine Aufgaben so bis ins Kleinste hinein nach Anweisungen der Natur, daß sein Werk gleichsam das ihrige wird und daß er nicht länger frei ist.

 

Die Natur kümmert sich um den einzelnen nicht. Wenn sie etwas durchzusetzen hat, so setzt sie es durch. In Sümpfen und am Strande zu waten, ist die Bestimmung gewisser Vögel, und sie sind so genau für diesen Zweck geschaffen, daß sie an diesen Plätzen gleichsam als Gefangene weilen müssen. Jedes Tier würde außerhalb seiner Heimat verhungern. Für den Naturforscher ist jeder Mann, jede Frau nichts weiter als eine Erweiterung eines einzigen Organs. Ein Soldat, ein Schlosser, ein Bankbeamter, ein Tänzer könnten ihren Beruf nicht untereinander austauschen. Und so sind wir Opfer unserer Anpassungsfähigkeit.

 

Wenn unsere höheren Fähigkeiten in Tätigkeit sind, so fühlen wir uns heimisch, und linkische Unbeholfenheit und Unbehagen weichen natürlichen und angenehmen Gefühlen. Man hat die Bemerkung gemacht, daß die Betrachtung der großen astronomischen Zeiträume und Entfernungen den Menschengeist mit Würde und Gleichgültigkeit gegen den Tod erfüllen. Eine schöne Gegend, eine Berglandschaft besänftigen unsere Erregungen und erhöhen unsere Gefühle der Freundschaft.

 

Das Bewußtsein des Seins, das in stillen Stunden, wir wissen nicht wie, in der Seele aufsteigt, ist nicht verschieden von anderen Dingen, von Raum, Licht, Zeit Menschen, sondern eins mit ihnen, entspringt fühlbar aus derselben Quelle, woraus ihr Leben und Sein entspringt. Wir teilen alle das Leben, in dem die Dinge entstehen und bestehen, und nehmen sie hinterher erst als Erscheinungen in der Natur wahr; wobei wir vergessen, daß wir ihre gemeinsame Herkunft teilen. Hier liegt der Springquell von Tun und Denken. Hier sind die Lungen jener Inspiration, welche dem Menschen Weisheit schenket und nicht geleugnet werden kann, ohne Gott zu leugnen. Wir ruhen im Schoße einer Allweisheit, welche uns zu Empfängern ihrer Lehren und zu Werkzeugen ihrer Wirksamkeit macht. Wenn wir Gerechtigkeit und Wahrheit erkennen, so tun wir es nicht aus uns heraus, sondern indem wir ihren Strahlen freien Eintritt gewähren. Wenn wir fragen, woher das kommt, wenn wir einzudringen suchen in den Beweggrund, so wird alle Philosophie unbrauchbar. Das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein ist alles, was wir bezeugen können.

 

Gebet ist die Betrachtung der Geschehnisse des Lebens vom allerhöchsten Aussichtspunkte aus. Es ist das Selbstgespräch einer andächtigen oder jubelnden Seele. Es ist der Geist Gottes, der da ausspricht, daß seine Werke gut sind. Aber Gebet als Mittel zu einem Zweck, ist Gemeinheit und Diebstahl. Es setzt Dualismus und nicht Einheit in Natur und Bewußtsein voraus. Sobald der Mensch mit Gott eins ist, wird er nicht betteln, sondern Gebet in allem Tun sehen. Das Gebet des Ackermannes, der auf seinem Felde kniet, um es zu jäten, das Gebet des Ruderers, der im Anziehen des Ruders kniet, solche Gebete hört die Natur, wenn sie auch einfachsten Zwecken gelten.

 

Die Paarung der Vögel ist ein Idyll, aber nicht langweilig wie es unsere Idyllen sind; ein Wettersturm ist eine rauhe Ode, ohne Schein und Schwulst; ein Sommer mit seiner Ernte, gesät, geschnitten und aufgespeichert, ist ein epischer Gesang, mit endlos eingeordneten Strophen. Weshalb sollten nicht das Ebenmaß und die Wahrheit, welche sie bildete, auch in unser Gemüt übergehen und wir an der Erfindungsgabe der Natur teilnehmen?

Diese Einsicht, welche sich in der Einbildungskraft ausdrückt, ist eine sehr hohe Art des Schauens, welche nicht durch Fleiß kommt, sondern allein durch die allgegenwärtige Anschauung. Durch sie wird der Werdegang der Dinge in ihrem Kreislauf erkannt und für andere durchsichtig gemacht. Die Entfaltung der Dinge ist still.

 

Ein Mittel zur göttlichen Erkenntnis ist die Fleischwerdung des Geistes in der Form, – in Gestalten ähnlich der meinigen. Ich lebe in Geselligkeit, mit Menschen, die meinen Anschauungen und Neigungen entsprechen, oder wenigstens einem Haupttriebe meines Wesens entgegenkommen. Ich sehe den gleichen Geist in ihnen wirken, die gemeinsame Natur wird zur Gewißheit; diese anderen Seelen, diese abgetrennten Selbste ziehen mich an. Sie erregen in mir die neuen Seelenvorgänge, die wir Leidenschaften nennen: Liebe, Haß, Furcht, Bewunderung, Mitleid, und damit in weiterem Zusammenhang: Verkehr, Wetteifer, Überredung, Städte, Krieg. Die Menschen sind nur Ergänzungen zu den ursprünglichen Antrieben der Seele.

 

Der höchste Kritiker über die Irrtümer der Vergangenheit und Gegenwart und der einzige Verkünder dessen, was sein muß und wird, ist allein jene Allnatur, in der wir ruhen, wie die Erde in der weichen Umarmung der Luft: jene Einheit, jene Überseele, in welcher jedes Menschen Sondersein enthalten ist und mit jedem andern zur Einheit verschmolzen wird; jenes Allherz, dem jeder aufrichtige Gedankenaustausch Verehrung, jede richtige Tat Gehorsam entgegenbringt: die überwältigende Wirklichkeit, welche alle unsere Schliche und Seitensprünge überflüssig macht und Jeden zwingt, für das zu gelten, was er ist, und so zu sprechen, wie sein Wesen – nicht wie seine Zunge – will, und welche immer mehr danach strebt, in all unser Denken und Handeln überzugehen, um Weisheit, Tugend, Kraft und Schönheit zu werden. Wir leben in Aufeinanderfolge, in Trennung, in Teilen und Teilchen. Indessen lebt im Innern der Menschen die Seele des Ganzen; das weise Schweigen; die Allschönheit, zu der alle Teile und Teilchen in gleicher Beziehung stehen: das Ewig-Eine. Diese tiefe Kraft, durch die wir sind, und deren Seligkeit uns ganz zugänglich sein kann, ist nicht nur sich selbst genügend und selbst erhaltend in jeder Stunde vollkommen, sondern auch das Sehende wie das Gesehene, das Schauende wie das Schauspiel, Subjekt und Objekt sind eins. Wir erblicken die Welt stückchenweise, als Sonne, Mond, Bäume, Tiere; doch das Ganze, von dem jene nur die sichtbaren Teile sind, ist die Seele. Nur durch die seherische Erleuchtung dieser Erkenntnis kann das Horoskop, der Stundenzeiger der Zeiten, erkannt und gedeutet werden. Nur durch Hingabe an den uns innewohnenden Seherblick können wir verstehen, was er uns verkündet. Jedes Menschen Worte, der von diesem inneren Schauen redet, müssen unfaßlich klingen für diejenigen, welche in dieser Innenwelt nicht heimisch sind. Ich darf nicht wagen, als ihr Stellvertreter zu sprechen. Meine Worte würden ihren erhabenen Sinn nicht wiedergeben; sie würden ohne Begeisterung zu kurz und kalt klingen. Nur die von ihr ganz Ergriffenen vermag sie zu begeistern, diese Innenwelt: und siehe! die Stimmen der also Ergriffenen klingen lieblich, leise und lind wie Windeswehen.

Aber ich möchte, trotz meines Unvermögens – in weihelosen Worten, wenn mir die weihevollen nicht gegeben sind – anzudeuten versuchen, was mir von diesem Himmel zu schauen vergönnt war, und berichten, was ich an Beweisen für die einfache Erhabenheit und Kraft des höchsten Gesetzes gesammelt habe.

Wenn wir darüber nachdenken, was sich im Verkehr, in der Unterhaltung, in wachen Träumereien, in Stunden der Freude, der Leidenschaft oder Reue, oder bei Überraschungen ereignet, in den Unterweisungen der Träume, bei denen wir uns häufig in Verkleidung erblicken – solche seltsame Verwandlungen verstärken und steigern eben die Wirklichkeit, um sie unserer Aufmerksamkeit desto deutlicher aufzuzwingen –, so werden wir manche Zeichen wahrnehmen, welche unsere Erkenntnis des großen Lebensgeheimnisses zu erweitern und zu durchleuchten vermögen.

Alles deutet darauf hin, daß die Menschenseele selbst kein Organ ist, sondern alle Organe belebt und bewegt; kein Werkzeug, wie etwa die Kraft des Gedächtnisses, der Berechnung, der Vergleichung; vielmehr bedient sie sich dieser Werkzeuge gleichsam als Hände und Füße; sie ist keine Fähigkeit, sondern Lebenslicht, nicht Verstand und Willen, sondern Gebieterin des Verstandes und Willens: der Hintergrund unseres Seins, in welchem jene ruhen – eine Unermeßlichkeit, unbesessen und unbesitzbar. In uns oder hinter uns scheint ein Licht durch uns hindurch auf die Dinge und läßt uns erkennen, daß wir nichts sind, daß dieses Licht alles ist. Ein Mensch ist die Außenseite eines Tempels, in welchem alle Weisheit wohnt und Güte. Was wir gewöhnlich Mensch nennen, dieser essende, trinkende, pflanzende, rechnende Mensch, das ist nicht der wirkliche Mensch, sondern der Mensch, der sich selbst verstellt und entstellt hat! Ihn achten wir nicht; doch vor seiner Seele, dessen Werkzeug er wäre, wollte er sie nur durch seine Taten ausstrahlen lassen, würden wir unsere Kniee beugen. Wenn sie durch seinen Geist ausströmt, ist sie Genie; durch seinen Willen kundgegeben, Tugend; durch seine Empfindungen, Liebe. Die Blindheit des Verstandes beginnt, wo er aus sich selbst etwas sein möchte; die Schwäche des Willens, wenn der Wollende selbst etwas bedeuten will. Alles Höherstreben beruht zuletzt darin, unserer Seele freien Lauf zu lassen, mit anderen Worten: uns Gehorsam zu lehren.

 

Unaussprechlich ist jede seelische Vereinigung Gottes mit dem Menschen. Der schlichteste Mensch, der in seiner Ganzheit Gott ehrt, wird selbst Gott; doch für immer und ewig bleibt dieses Einströmen des besseren Selbst neu und geheimnisvoll. Es flößt Ehrfurcht und Staunen ein. Wie kostbar, wie besänftigend ist das Auftauchen der Gottesidee für den Menschen; die Einsamkeit bevölkert sie und löscht die Wunden unserer Irrtümer und Täuschungen aus. Wenn wir den Gott der Überlieferung zertrümmert und den Götzen der Redekunst aufgegeben haben, dann mag Gott das Herz mit seinem Sein durchglühen. Es ist die Verdoppelung des Herzens, seine unbegrenzte Ausdehnung mit der Fähigkeit allseitigen Wachstums. Ein untrügliches Gefühl des Vertrauens überkommt den Menschen. Er weiß aus sicheren Zeichen, daß das Beste das Wahre ist und läßt alle kleinen Zweifel und Befürchtungen fahren, indem er die Lösung seines Lebensrätsels ruhig der Zukunft überläßt. In der Nähe des geistigen Gesetzes fühlt er, daß in seinem Zutrauen alle kleinen Hoffnungen und Pläne menschlicher Schwäche fortgespült werden. Er glaubt, daß er dem für ihn bestimmten Guten nicht entgeht. Die Dinge, welche wirklich für uns sind, neigen und streben uns auch entgegen. Du beeilst dich, deinen Freund aufzusuchen. Laß deine Füße laufen, dein Gemüt hat es nicht nötig. Wenn du ihn nicht findest, willst du dich nicht zufrieden geben, daß es am besten ist, wenn du ihn nicht findest? Denn es gibt einen Geist, der in ihm wie in dir ist und euch beide zusammenführen würde, wenn es für beide das Beste wäre. Du bereitest dich eifrig vor, ein verdienstvolles Werk zu tun, wozu dich Neigung, Anlage, die Liebe zu den Menschen und zum Ruhme antreiben. Bist du niemals auf den Gedanken gekommen, daß du nicht berechtigt und berufen bist, es zu tun, wenn du nicht ebenso bereit und willig bist, an der Ausführung verhindert zu werden? O glaube, so wahr wie du lebst, wird jeder Laut, der auf dem Erdenrund gesprochen wird, an dein Ohr klingen, wenn er für dich bestimmt ist. Jedes Sprichwort, jedes Buch, jeder Ausdruck, der dir helfen oder dich trösten kann, wird zu dir gelangen auf geraden oder gewundenen Wegen. Jeder Freund, den nicht dein unvernünftiger Wille, sondern das große zarte Herz in dir herbeisehnt, wird dich in seine Arme schließen. Nirgends gibt es in der Natur einen Verschluß, eine Wand oder einen Einschnitt, sondern ein und dasselbe Blut läuft ununterbrochen seinen Kreislauf durch alle Menschen, gleichwie das Wasser des Erdballs nur ein Meer ist und Ebbe und Flut, richtig betrachtet, ein und dasselbe.

Laß darum nur den Menschen lernen, wie alle Offenbarung von Natur und Geist in seinem Herzen aufgeht, daß das Höchste in ihm wohnt, daß der Ursprung in ihm liegt, wenn das Gefühl für Pflicht ihm eigen ist. Wenn er aber wissen will, was der große Gott redet, so muß er, wie Jesus sagt, in sein Kämmerlein gehen und die Tür hinter sich zuschließen. Gott offenbart sich nicht den Feiglingen. Der Mensch muß sich selbst behorchen und sich vor den Ausdrücken fremder Frömmigkeit hüten: ihre Gebete sind ihm schädlich, wenn er seine eigenen nicht vorher verrichtet hat.

 

Die Menschen stellen Fragen über die Unsterblichkeit der Seele, die Beschaffenheit des Himmels, den Zustand des Sünders und so fort. Sie bilden sich sogar ein, Jesus hätte gerade auf diese Fragen Antworten hinterlassen. Doch dieser erhabene Geist sprach nie ein Wort in ihrem Küchenlatein! Mit Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe ist die Unvergänglichkeit als das Wesentliche verbunden. Jesus, indem er in diesen sittlichen Anschauungen lebte, unbekümmert um weltliches Glück, machte nie den Versuch, den Gedanken der Fortdauer von dem Wesen der sittlichen Eigenschaften zu trennen, noch äußerte er je ein Wort über die Fortdauer der Seele. Es blieb seinen Jüngern überlassen, die Fortdauer von dem sittlichen Wesenskern abzutrennen und die Unsterblichkeit der Seele als ein Dogma zu lehren und es durch Beweise aufrecht zu erhalten. In dem Augenblick jedoch, wo die Lehre von der Unsterblichkeit getrennt verkündet wird, ist die Menschheit schon gefallen. In dem Fluten der Liebe, in der Verehrung der Demut, da gibt es kein Fragen nach der Fortdauer. Kein begeisterter Mensch stellt solche Fragen, oder läßt sich zu solchen Beweisen herab. Denn die Seele ist sich selbst getreu, und der Mensch, in dessen Wesen sie sich ergießt, kann nicht von einer Gegenwart, die unendlich ist, in eine Zukunft fortschreiten, welche endlich wäre.

 

Die Allseele gibt sich selbst, allein, ursprünglich und rein dem Einsamen, Ursprünglichen und Reinen, der unter dieser Voraussetzung heiter und heimisch in ihr ist, durch sie lenkend und lehrend. Denn sie ist fröhlich, jung und flink. Sie ist nicht weise, durchschaut aber doch alle Dinge. Sie gilt nicht für gläubig, aber sie ist schuldlos. Sie nennt das Licht ihr eigen und fühlt, daß das Gras wächst und der Stein fällt nach einem Gesetz, welches ihrem Wesen untergeordnet ist. Siehe, so spricht sie, ich bin hineingeboren in den großen allumfassenden Weltgeist: Ich, die Unvollkommene, verehre meine eigene Vollkommenheit, denn ich bin aufnahmefähig für die große Seele; darum überschaue ich die Sonne und Sterne und fühle, daß sie nur schöne Zufälligkeiten und Wirkungen sind, die wechseln und vorübergehen. Mehr und mehr dringen die Wogen der ewigen Natur in mich hinein, und ich werde allgemeindenkend und menschlich in meinen Beziehungen und Handlungen. So gelange ich dahin, in Gedanken zu leben und mit Kräften zu wirken, die unsterblich sind. Wenn der Mensch so die Seele verehrt und erkennt, daß ihre Schönheit (wie die Alten sagten) unendlich ist, so wird er auch die Welt als das ewige Wunderwerk der Seele erkennen und über die einzelnen Wunder und Rätsel weniger erstaunt sein. Er wird einsehen, daß es keine unheilige, sondern nur eine heilige Geschichte gibt, weil alle Geschichte geheiligt ist; daß das Weltall in einem Augenblick, in einem Atom enthalten ist. Er wird nicht länger ein Leben aus Bruchstücken und Fäden zusammenflicken, sondern in göttlicher Einheitlichkeit leben. Er wird alles Oberflächliche und Niedere ausscheiden und mit allen Plätzen und allen Diensten zufrieden sein, die ihm zugewiesen werden. Er wird ruhig dem Morgen entgegensehen, mit der heiteren Unbekümmertheit, welche Gott in sich trägt und so die ganze Zukunft schon im Grunde des Herzens ruhen fühlt.

 

In der allschöpferischen Natur erzogen, rings von ihr umgeben, selbst leicht und veränderlich wie eine Wolke, wie die Luft, wie vermöchten wir da so hartgesottene Pedanten zu sein, ein paar Formen über alles zu erheben! Wie vermöchten wir da uns an die Zeit zu klammern oder an Pracht oder an irgend eine Gestalt? Die Seele weiß von ihnen allen nichts, und das Genie, das seinem eignen Gesetz gehorcht, weiß, wie es mit ihnen spielen kann – wie ein kleines Kind mit Graubärten und in Kirchen spielt. Das Genie sieht den Grundgedanken und weiter zurück in den Schoß der Dinge, sieht die Strahlen von einem Kreise herkommen, und wie sie in unzähligen Durchmessern auseinanderstreben, ehe sie fallen. Das Genie beobachtet die Monade durch alle ihre Mummerei hindurch, wie es auch die Seelenwanderung der Natur selbst vollbringt. Das Genie entdeckt in der Fliege, in der Raupe, in der Made, in dem Ei das eine Einzelwesen, in zahllosen Einzelwesen eine bestimmte Familie und in vielen Familien die Art, in allen Arten den Grundtypus, in allen Königreichen des organischen Lebens: die ewige Einheit. Natur ist eine vielgestaltige Wolke, immer und nirgends dieselbe. Sie tut denselben Gedanken in die Formen von vielen Tropfen, wie der Dichter zwanzig Erzählungen aus einem Moralsatz macht. Ein listig feiner Geist macht alle Dinge trotz der Roheit und Zähigkeit der Materie seinem eignen Willen anhängig. Diesem Willen beugt sich selbst der Diamant, er schlüpft vor ihm in eine leichte aber bestimmte Gestalt, und während ich noch zusehe, haben sich seine Grenzlinien und seine Struktur schon wieder verändert. Nichts ist so fließend wie die Form; doch niemals wird sie ganz sich selbst verleugnen. Wir erkennen im Menschen noch deutlich die Überreste und Erinnerungen an alles, was wir den niederen Volksrassen als Zeichen ihrer Knechtschaft auslegen, doch gerade diese Niedrigkeiten steigern seinen Edelmut und seine Vornehmheit in unsern Augen. So beleidigt es unsere Phantasie, wenn Io bei Äschylus in eine Kuh verwandelt wird, doch wie verändert ist das Bild, wenn sie ein wunderbares Weib als Isis in Ägypten sich zu Osiris-Jupiter gesellt: nichts ist von jener Metamorphose geblieben als die mondförmigen Hörner der herrliche Schmuck ihrer Stirn.

 

Eine feine Familienähnlichkeit geht durch alle Werke der Natur, sie liebt es, uns mit Ähnlichkeiten an Orten zu überraschen, an denen wir es am allerwenigsten erwarten. Der Kopf eines Indianerhäuptlings aus den Wäldern erinnerte mich an einen nackten Berggipfel, und die Furchen auf seiner Stirn glichen den Linien der Felsbildung. Das innerliche Leuchten einer einfachen, ehrwürdigen Skulptur an dem Fries des Parthenon und der Überreste der frühsten griechischen Kunst findet ihr bisweilen in dem Benehmen eines Menschen wieder. In Büchern aller Zeiten vermagst du Umformungen derselben Art zu finden. Ist Guido Rospigliosis Aurora etwas anderes als ein Morgengedanke, und sind die Pferde darin etwas anderes als eine Wolke am Morgenhimmel? So kann jeder das innerliche Band der geheimen Verwandtschaften empfinden, wenn er sich nur die Mühe gibt darauf zu achten, zu welchen sonderlichen Taten bestimmte Gemütsstimmungen ihn drängen, und gegen welche er zu gleicher Zeit eine Abneigung verspürt.

Ein Maler sagte mir, daß niemand einen Baum zu zeichnen vermöchte, ohne im gewissen Sinne selbst ein Baum zu werden, niemand ein Kind, wenn er nur die äußeren Linien seiner Gestalt studiere; – er muß erst eine Zeitlang seine Bewegungen und Spiele beobachtet haben: dann dringt der Maler in das Wesen ein und kann es in jeder Haltung zeichnen. So drang Roos »in die innerste Natur des Schafes ein«.

 

Die Verwandlung der Seele ist kein Märchen. Ich wollte, daß es eines wäre; so aber sind die Männer und Frauen nur halbe Wesen. Jedes Tier auf dem Hofe, auf dem Felde und im Walde, der Erde und der Wasser, die unter der Erde sind, will nichts als fressen, um so die feste Form seiner Gegenwart zu verlassen und in diese oder jene andere Gestalt hineinzuwachsen, hinauf zu jenen himmelwärts sich drängenden Gottesmittlern. Ach Bruder, halte einmal die Fluten deiner Seele an – und lasse sie sich niederwärts wenden in jene Gestalten hinein, aus deren Tun und Leben auch du einst herausgeschlüpft bist.

 

Die Natur spart niemals mit Opium oder schmerzbetäubenden Mitteln, sondern wenn sie eins ihrer Geschöpfe mit einer Verunstaltung oder einem Gebrechen entstellt, dann legt sie ihm auch reichlich Mohnsamen auf die Schäden, und der Leidende geht fröhlich durchs Leben, denn er weiß nichts von seinem Makel und kann ihn nicht sehen, obwohl alle Welt mit Fingern darauf zeigt. Die wertlosen und schädlichen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, die geradezu ein sozialer Krebsschaden sind, sie halten sich unfehlbar für höchst schnöde verleumdet und können sich gar nicht fassen vor Erstaunen, wie undankbar und selbstsüchtig doch ihre Zeitgenossen seien. Unser Erdball betätigt seine geheimen Kräfte nicht nur in der Hervorbringung von Helden und Erzengeln, sondern auch von Klatschbasen und Ammen. Ist es nicht ein wunderbarer Kunstgriff, daß jedes Geschöpf sein gutes Maß angeborener Trägheit zugeteilt erhalten hat, nämlich die erhaltende Kraft des Widerstandes, den Ärger über Störungen und Neuerungen? Ein jeder hat, mag seine geistige Kraft groß oder gering sein, den Stolz seiner eigenen Meinung, das sichere Bewußtsein, daß er recht hat. Das zitterigste Großmütterchen, der dümmste Ackerknecht, sie benutzen das letzte Fünkchen Verstand, um über die Lächerlichkeiten aller Nebenmenschen sich triumphierend lustig zu machen. Was anders ist als ich, ist absurd – und umso absurder, je mehr es anders ist. Keinem fällt es ein, er könnte vielleicht selber unrecht haben. War's nicht ein glänzender Gedanke, mit diesem festesten Bindemittel alles zusammenzukitten?

 

Wie jede Pfütze das Bild der Sonne widerspiegelt, so stellt jeder Gedanke und jedes Ding uns ein Bild und eine Schöpfung des höchsten Gutes wieder her. Das Weltall ist von Millionen von Kanälen für seine Wirksamkeit durchzogen. Alles steigt und steigt.

 

Dies müssen wir aussprechen, wenn wir Platos und aller anderen Philosophen Bestreben, mit der Natur fertig zu werden, beurteilen wollen – mit der Natur wird man niemals fertig werden. Keiner Macht des Genies war beim Bemühen, die Natur zu erklären, bis jetzt auch nur der geringste Erfolg beschieden. Das Rätsel bleibt vollkommen ungelöst.

 

Das Geheimnis des Himmels wird von Jahrhundert zu Jahrhundert bewahrt. Kein unvorsichtiger, kein liebenswürdiger Engel ließ je eine voreilige Silbe fallen, um auf die Sehnsucht der Heiligen, die Ängste der Sterblichen zu antworten. Auf unseren Knien hätten wir dem Begnadeten gelauscht, der durch strengeren Gehorsam seine Gedanken in Übereinstimmung mit den himmlischen Strömungen gebracht hätte und menschlichen Ohren Andeutungen von den Umgebungen und Daseinsbedingungen der eben abgeschiedenen Seele geben könnte. Aber so viel ist gewiß: jenes Jenseits muß dem Besten entsprechen, was es in der Natur gibt. Es darf an Inhalt nicht geringer sein als die bereits bekannten Werke des Künstlers, der die Sonnenbälle am Firmament formt und die sittlichen Gebote schreibt. Es muß in frischeren Farben leuchten als der Regenbogen, fester sein als Berge, es muß sein wie Blumen, wie Ebbe und Flut, wie Aufgang und Niedergang der herbstlichen Gestirne. Melodienreiche Dichter werden heiser erscheinen wie Straßensänger, wenn einst der weltdurchdringende Grundton der Natur und des Geistes erschallt – der Erdschlag, Meerschlag, Herzschlag, der die Melodie bildet, nach welcher die Sonne, das Blutkörperchen und der Saft im Baume kreist.

 

Wir sind von Natur gläubig. Ein Mensch trägt Religionen, wie ein Baum Äpfel trägt.

Ich sehe nicht ein, warum wir solch eine heilige Miene aufstecken sollen, wenn die göttliche Vorsehung dem Menschen weder Krankheit, noch Häßlichkeit, noch gesellschaftliche Fäulnis verborgen, sondern auch in Leidenschaften, in Krieg, in Handel, in Sucht nach Macht und Genuß, in Hunger und Not, in Tyranneien, in Wissenschaften und in Künsten sich offenbart hat – dann wollen doch auch wir nicht so zimperlich sein, daß wir diese Tatsachen nicht einfach ganz derbe so hinschreiben können, wie sie sind: wir brauchen nicht daran zu zweifeln, daß es ein ebenso schweres Gegengewicht gibt, das wir uns zunutze machen können, und das nur angewandt zu werden braucht, um den Ausgleich herzustellen. Das Sonnensystem macht sich keine Sorge um seinen Leumund, und der gute Ruf von Wahrheit und Ehrenhaftigkeit steht ebenso fest; auch besorge ich nicht, daß Skepsis ein Übergewicht bekommen könnte, indem ich mich an Schicksal, Schaffenskraft, Alltagsleben so stark anlehnen würde, daß die Lehre des Glaubens sie nicht aufwiegen könnte. Die Stärke dieses Grundsatzes ist nicht nach Lot und Pfund zu bemessen, er herrscht gebieterisch im Mittelpunkt der Natur. Wir dürfen ruhig dem Zweifel so viel Spielraum gewähren, wie wir können. Der Geist wird wiederkehren und uns erfüllen. Er kutschiert den Kutscher. Er bietet das Gegengewicht zu jeder noch so großen Anhäufung von Kraft.

 

Wir rühmen uns, den Aberglauben überwunden zu haben, und doch entfliehen wir irgend einem Trugbild nur dadurch, daß wir uns einer anderen Scheinweisheit hingeben. Ich glaube eine ganz besondere Lebensstufe erreicht zu haben, weil ich Jupiter oder Neptun keinen Stier mehr hinschlachte, Hekate keine Maus mehr opfere, daß ich nicht mehr vor den Eumeniden zittere oder dem katholischen Fegefeuer oder dem jüngsten Gericht der Calvinisten, dabei schaue ich ängstlich auf Meinungen, die öffentliche Meinung, wie wir sie nennen. Ich zittere vor einem Überfall, vor Beschimpfung, bösen Nachbarn, Armut, Verstümmelung, und die Angst nimmt Besitz von mir, wenn sich der Lärm des Aufruhrs und der Mordbuben nähert. Was hat es zu bedeuten, wovor ich erbebe, wenn ich überhaupt von Angst erfüllt werde? Das Laster unserer Seele nimmt so oder so Gestalt an, je nach dem Geschlecht, dem Alter oder dem Temperament des einzelnen, und wenn noch irgend eine Furcht in uns ist, dann finden wir auch stets den Gegenstand des Schreckens. Ich beklage mich über gerade so viel Lüsternheit und bösen Willen in der Gesellschaft, als in mir vorhanden ist, denn ich bin rings von meinen eignen Gestalten umgeben.

 

Wir sind von Natur gläubig. Ein Mensch trägt Religionen, wie ein Baum Äpfel trägt. Jedes Teilchen hält sich selber im Gleichgewicht; und jeder Geist hat eine Richtigkeit des Urteils, die die Nemesis und Beschützerin jeder Gesellschaft ist. Ich und meine Nachbarn sind in der Anschauung aufgezogen worden, es würde ein allgemeines Auftauen und Zergehen stattfinden, wenn wir nicht bald zu irgend einer guten Kirche kämen: zur Kirche Calvins oder Böhmes, zur römischen oder mormonischen. Kein Jesaias oder Jeremias ist erschienen. Eine unbeschreibliche Anarchie ist in unseren Himmeln eingerissen. Die ernsten alten Glaubensbekenntnisse sind ganz und gar zu Staub zerrieben. Ein ganzes Volk von Herren und Damen ist auf der Suche nach Religionen. Es herrscht auf kirchlichem Gebiet eine so vollständige Anarchie, wie zur Revolutionszeit in Massachusetts oder wie in unserer Gegenwart an den Abhängen der Rocky Mountains oder des Pikes Peak. Trotzdem bringen wir's fertig zu leben. Die Menschen leben nach Gesetzen. Die Natur hat Gleichgewicht in allen ihren Werken; wie sich Sauerstoff und Stickstoff in bestimmten Verhältnissen mischen, so besteht eine nicht geringere Harmonie in den Fähigkeiten, eine gegenseitige Anpassung der treibenden und der regelnden Kraft.

 

Wir leben in einer Übergangszeit: die alten Religionen, die die Nationen trösteten und nicht nur das: die die Nationen schufen – sie scheinen ihre Kraft verbraucht zu haben. Ich finde nicht, daß die gegenwärtigen Religionen der Menschheit große Ehre machen, sondern ich finde sie entweder kindisch und bedeutungslos oder unmännlich und verweichlichend. Das Verhängnisvolle dabei ist die Unterscheidung zwischen Religion und Moral. Wir haben Ignoranten-Religionen, oder Kirchen, die den Verstand in Acht und Bann tun; Religionen, die unzüchtigen Zwecken dienen; Religionen für Sklavenhalter und Sklavenhandel; und selbst in den anständigen Gemeinden einen Götzendienst, bei dem die reine Weiße des Ritus eine scharlachrote Zuchtlosigkeit verdeckt. Die Freunde des alten Glaubens klagen darüber, daß unsere Zeitgenossen, Gelehrte sowohl wie Kaufleute, sich einer großen Verzweiflung überlassen, zu einem ängstlichen Konservatismus herabgesunken sind und an nichts mehr glauben. Die Bevölkerung unserer großen Städte ist gottlos, materialistisch – kennt keine Bande, keine Brudergefühle, keine Begeisterung. Das sind keine Menschen, sondern wandelnder Hunger und Durst, Fleisch gewordene Fieberträume und Begierden. Wie können Menschen überhaupt weiter leben – so ziellos, wie sie sind! Wenn sie ihre Pfefferkornziele erreicht haben, hält, wie es scheint, nur noch der Kalk in ihren Knochen sie zusammen und kein würdiger Zweck. Man glaubt nicht mehr an das geistige Weltall, nicht mehr ans sittliche Weltall. Man glaubt an Chemie, an Essen und Wein, an Reichtum, an Mechanik, an die Dampfmaschine, elektrische Batterie, Turbinenräder, Nähmaschinen und öffentliche Meinung – aber nicht an göttliche Ursachen. Eine schweigende Revolution hat die Spannung der alten Glaubensgemeinschaften gelockert, und die einstmals so ernsten und standhaften Gemeinden verfallen jetzt auf Grillen und Extravaganzen. Niemals war man so leichtfertig in Glaubenssachen; dies bezeugen das Heidenwesen im Christentum, die periodisch wiederkehrenden ›Wiedererweckungen‹, der Schwindel mit der mathematischen Berechnung des tausendjährigen Reichs, der pfaubunte Ritus, die Umkehr zur Päpsterei, das Gebrummel der Mormonen, die Unsauberkeiten des Mesmerismus, die Verrücktheit des Tischklopfens, die Ratten- und Mäuseoffenbarungen, Daumen in Tischkästen und Schwarze Kunst. Baukunst, Musik, Gebet sind von dem Wahnsinn angesteckt: die Künste sinken zu Schwindel und Augenverblenden herab. Da wir nicht wissen, was wir tun sollen, äffen wir unsere Vorfahren nach; die Kirchen stolpern zu dem Mummenschanz dunkler Zeiten zurück. Durch das unwiderstehliche Reifen des Geistes der ganzen Menschheit haben die christlichen Überlieferungen ihre Gewalt verloren. Nachdem man den Glaubenssatz von dem mystischen Beruf Christi hat fallen lassen, und wir in ihm nur noch den großen Genius, den Sittenlehrer sehen, ist es unmöglich geworden, die frühere überschwengliche Verehrung seiner Persönlichkeit aufrecht zu erhalten; diese tritt, wie alle Personen es müssen, vor der Erhabenheit der sittlichen Gesetze in den Hintergrund. Infolge dieser Wandlung, und weil im Augenblick ein religiöser Genius fehlte, der der ungeheuren materiellen Tätigkeit ein Gegengewicht hätte bieten können, herrscht jetzt ein Gefühl, daß es keine Religion mehr gebe.

 

Religion oder Gottesdienst ist die Haltung derjenigen, die diese Einheit, Innerlichkeit und Wahrhaftigkeit erkennen; die erkennen, daß – allem Schein zum Trotz – die Natur der Dinge immerdar für Wahrheit und Recht arbeitet.

Kurzsichtigkeit ist es, unseren Glauben auf Gesetze der Schwerkraft, Chemie, Botanik usw. zu beschränken. Die Gesetze machen nicht Halt, wo unser Auge sie aus dem Gesicht verliert, sondern sie treiben dieselbe Meßkunst, dieselbe Scheidekunst zu dem unsichtbaren Felde gesellschaftlichen und vernunftgemäßen Lebens empor, sodaß überall – wir mögen schauen, wohin wir wollen: auf das Spiel eines Knaben oder auf die Kämpfe ganzer Rassen – eine vollkommene Gegenwirkung, ein nie ermüdendes Gericht treue Hut und Wacht hält. Und dies tritt zutage in einer Gruppe von Tatsachen, die alle Menschen – ganz abgesehen von ihren Glaubensbekenntnissen – gleichmäßig angehen.

Flache Menschen glauben an Glück, glauben an die Bedeutung besonderer Umstände: der Name war schuld daran; oder: einer war gerade zu der und der Zeit dort; oder: es war damals so, und an einem anderen Tage würde es anders gewesen sein. Starke Menschen dagegen glauben an Wirkung und Ursache: der Mensch ward geboren, um dies und das zu tun, und sein Vater ward geboren, um sein Vater und der Vater seiner Tat zu sein – und wenn ihr genau zuseht, so werdet ihr finden, daß kein Glück dabei war, sondern daß die ganze Geschichte eine Rechenaufgabe oder ein chemisches Experiment war. Die Flugbahn einer Fliege ist vorausbestimmt, und für alles gelten die Gesetze von Zahl, Maß und Gewicht.

Grundsätzlich zweifeln heißt: nicht an Ursache und Wirkung glauben. Mancher sieht nicht, daß er denkt wie er ißt; daß er ist, wie er handelt, und auch so erscheint; er sieht nicht, daß sein Sohn der Sohn seiner Gedanken und Handlungen ist; daß Schicksale nicht Ausnahmen, sondern Früchte sind; daß Beziehung und Zusammenhang nicht irgendwo und zuweilen walten, sondern überall und immerdar: kein Mischmasch, keine Ausnahme, keine Abweichung von der Regel – sondern Methode und ein gleichmäßiges Gewebe. Und was herauskommt, das war vorher hineingetan. Wie wir sind, so handeln wir; was wir tun, das tut man uns; wir sind die Schmiede unseres Glücks; Heuchelei und Lüge, und der Versuch, uns ein Gut zu verschaffen, das uns nicht zukommt, sind ein für allemal aussichtslos und vergeblich. Aber in des Menschen Geist hat das Band des Schicksals Leben gewonnen. Das Gesetz ist die Grundlage des menschlichen Geistes. In uns ist es Eingebung – draußen in der Natur sehen wir seine Schicksalsstärke. Wir nennen es das sittliche Gefühl.

Wir verdanken den heiligen Schriften der Hindu eine Erklärung des Begriffes ›Gesetz‹ die es mit jeder Erklärung unserer abendländischen Bücher wohl aufnehmen kann: »Gesetz ist das, was ohne Namen ist, ohne Farbe oder Hände oder Füße; was das winzigste von den kleinsten, und das größte von den größten Dingen ist; was alles ist und alles weiß; was ohne Ohren hört, ohne Augen sieht, sich ohne Füße bewegt und ohne Hände erfaßt.«

 

Was man Religion nennt, das verweichlicht und entsittlicht. So wie ihr seid, könnten die Götter selber euch nicht helfen. Die Menschen sind zu oft dem Leben nicht gewachsen, weil sie offensichtlich den Anforderungen ihres Tages nicht gewachsen sind: sie leiden unter politischen Verhältnissen, unter bösen Nachbarn oder unter Krankheit, und sie würden mit Freuden vernehmen, daß die Pflichten des Lebens ihnen abgenommen werden könnten. Aber der weise Instinkt fragt: »Wie sollte denen der Tod helfen?« Sie sind nicht ihrer Pflichten enthoben, wenn sie sterben. Du sollst nicht aus Feigheit dir den Tod wünschen. Das Gewicht des ganzen Weltalls lastet auf den Schultern einer jeden moralischen Kraft, um sie bei ihrer Aufgabe festzuhalten. Der einzige Ausweg, den wir in allen Gotteswelten kennen, ist: etwas leisten. Du mußt dein Werk tun, sonst wirst du nicht entlassen. Und soweit die Lenkung des Weltalls in Betracht kommt, faßte Marcus Antoninus die ganze Frage in ein Wort zusammen: »Es ist eine Lust zu sterben, wenn es Götter gibt; und es ist ein Jammer zu leben, wenn es keine gibt.«

Und so glaube ich, die letzte Lehre des Lebens, der feierliche Gesang, der von allen Elementen und allen Engeln emporsteigt, ist ein freiwilliger Gehorsam, eine der Notwendigkeit unterworfene Freiheit. Der Mensch besteht aus denselben Atomen wie die ganze Welt. Er teilt mit ihr die gleichen Eindrücke, die gleichen Neigungen, die gleiche Bestimmung. Wenn sein Geist erleuchtet, wenn sein Herz freundlich ist, dann ergibt er sich fröhlich in das erhabene Gesetz, und tut mit Bewußtsein was der Stein tut, weil er als Stein gefügt ist.

Die Religion, die die Gegenwart und die Zukunft leiten und erfüllen soll, muß – mag sie sonst sein, was sie will – von geistigem Inhalt erfüllt sein. Der wissenschaftliche Geist muß einen Glauben haben, der Wissenschaft ist. »Zwei Dinge gibt es,« sagte Mohammed, »die ich verabscheue: den Gelehrten in seinem Unglauben und den Narren in seinen Frömmigkeitsübungen.« Unsere Zeit will von beiden nichts wissen, besonders aber von dem letzteren nicht. Wir wollen jetzt nichts mehr haben, was nicht selbst Beweis für seine Wahrheit ist. Ganz gewiß gibt es in der Religion selber genug für Herz und Einbildungskraft. So belästige man uns denn nicht mit Versicherungen und halben Wahrheiten, mit Gemütserregungen und näselndem Psalmieren.

Eine neue Kirche wird auf dem Grunde sittlicher Wissenschaft entstehen – zuerst kalt und nackt, wiederum ein Kindchen in einer Krippe – die Algebra und Mathematik sittlichen Gesetzes, die Kirche für Menschen der Zukunft, ohne Schalmeien, ohne Psalter und Harfen. Aber ihre Balken und Träger werden Himmel und Erde sein, Wissenschaft ihr Sinnbild und ihre Erläuterung, und bald genug wird sie Schönheit, Musik, Malerei und Dichtung um sich sammlen. Nie war eines Stoikers Lehre so ernst und anspruchsvoll, wie diese sein wird. Sie wird den Menschen heimsenden zu seiner Einsamkeit im Mittelpunkt des Weltalls, sie wird ihn schamrot machen über seine Glaubensgemeinden, über sein bettelhaftes Beten; sie wird ihn erkennen lassen, daß er die meiste Zeit nur sich selber zum Freunde haben darf. Keine Hilfe bei seiner Arbeit darf er erwarten; kein Gefährte wird mit ihm wandeln.

Der namenlose Gedanke, die namenlose Kraft, das überpersönliche Herz – sie allein können ihm Stützen sein, auf die er in Zuversicht hoffen darf. Er bedarf nur seines eigenen Urteils. Kein guter Ruf kann ihm helfen, kein schlechter Ruf kann ihm schaden. Die Gesetze sind seine Tröster, die guten Gesetze selber sind lebendig: sie wissen, ob er sie gehalten hat; sie beseelen ihn mit dem Antrieb einer großen Pflicht und mit einem unendlichen Gesichtskreise. Ehre und Glück sind des Menschen Teil, der stets die Nachbarschaft des Großen erkennt, der stets sich von erhabenen Ursachen umgeben fühlt.

 

Es gibt ein Prinzip, das die Grundlage aller Dinge bildet, das alle Worte auszusprechen, alle Handlungen auszudrücken sich bemüht, eine einfache, heroische, nie beschriebene, unbeschreibliche Gegenwart, ein Prinzip, das als unser rechtmäßiger Herr ganz friedlich in uns weilt: nicht tun müssen wir, sondern tun lassen; nicht arbeiten, sondern uns bearbeiten lassen – und in der Verehrung dieses Prinzips sind alle denkenden und gerechten Menschen jedes Alters und Standes einig. Diesem Gefühl sind große und plötzliche Vermehrungen unserer Kraft eigen. Es verdient Beachtung, daß wir an Ekstase glauben, obwohl wir von ihrem Wesen nicht das geringste wissen. Die Weltordnung verlangt, Sinne und Verstand sorgfältig auszubilden; und der Mechanismus, dessen Wirken diesen Kräften den ersten Rang verleiht, ist ohne Zweifel an seinem rechten Platz. Aber wir erhalten beständig Winke, daß diese Kräfte nur mittelbare und dienstbare sind, und daß wir eines Tages mit wirklichen Wesen zu tun haben werden – Wesen mit Wesen.

 

Die wirkende Natur ist die letzte Ursache, vor der alles Gestalten dahinfliegt wie ein Wirbel von Schneeflocken. Sie ist selbst unergründlich und treibt ihre Werke in Herden vor sich her, eine Unzahl, und ihre Unterschiede kann niemand aufzählen. (Die Alten stellten die Natur als den Schäfer Proteus dar.) Sie verkündet sich selbst in ihren Geschöpfen; von den Atomen und Grasspitzchen aus steigt sie aufwärts von Umformung zu Umformung bis hinein in den höchsten Gleichklang, der unzählige einzelne Vollkommenheiten zu einem vereinigt, und das alles ohne Gewaltsamkeiten und ohne sprunghaft vorzugehen. Ein wenig Hitze, das heißt ein wenig Bewegung ist alles, wodurch die kahlen, blendendweißen, todeskalten Pole der Erde von fruchtbaren tropischen Zonen sich unterscheiden. Alles verändert seine Gestalt ohne Gewalt, nur den beiden Hauptbedingungen unterworfen, dem endlosen Raum und der endlosen Zeit. Die Geologie hat uns von den Jahrhunderten der Natur erzählt, so daß unser Mädchenschulmaßstab nicht mehr ausreichte, und wir uns von unserm mosaischen oder ptolemäischen Systeme ihrem gewaltigen Aufbauen zuwendeten. Wir konnten nichts richtig erkennen, solange wir noch nicht die richtige Perspektive hatten. Jetzt lernen wir, wie geduldig die Zeiten sich abrollen mußten, ehe sich ein Fels bildete, und ehe dann dieser Felsen wieder barst und die erste Steinflechte das dünnste nackte Steinplättchen zu Erde zerfaserte, um so erst der ganzen noch fernen Flora und Fauna, der Kirsche und dem Apfel den Zutritt zu ermöglichen. Aber wie fern war damals noch die Zeit des fossilen Krustentieres oder gar des Vierfüßlers, wie unerdenklich fern die Zeit des ersten Menschen. Ein jedes kommt zu seiner Zeit und dann Menschenrasse auf Menschenrasse. Fürwahr es ist ein langer Weg vom Granit bis zur Auster, aber noch viel länger der bis zu Plato und seiner Predigt von der Unsterblichkeit der Seele. Und doch, so sicher das erste Atom zwei Eigenschaften hatte, so sicher mußten sie alle kommen.

Bewegung oder Austausch und Wesensgleichheit oder Ruhe sind das erste und das zweite Geheimnis der Natur. Bewegung und Ruhe: das ganze Kompendium ihrer Gesetze kann man auf einen Daumennagel oder auf das Siegel eines Ringes schreiben. Die hohle, sich drehende Wasserblase in dem Strudel eines Baches kündigt das Geheimnis der Himmelsbewegungen an, und jede Muschel am Strande kann sie uns erschließen. Wenn wir in einer Tasse ein wenig Wasser in Bewegung setzen, erklärt diese Bewegung die Bildung einfacher Muschelarten, Jahr für Jahr setzt sich dann von neuem Stoff an, und so bilden sich dann die kompliziertesten Formen. Und dennoch ist die Natur so arm bei aller ihrer Kunstfertigkeit, daß sie nur einen Stoff zur Verfügung hat, vom Anfang an bis zur Vollendung des Universums: ein Stoff mit jenen beiden Eigenschaften genügt für alle ihre bunten Vielheiten. Sie formt ihn nach ihrem Willen, aber Stern, Sand, Feuer, Wasser, Baum und Mensch, alle sind sie nur der eine Stoff mit denselben beiden Eigenschaften.

 

Umfassender und tiefer müssen wir in unseren Jahresberichten sein, wenn wir unsere einzigartige und beziehungsreiche Natur wahrheitsgemäß zum Ausdruck bringen wollen an Stelle dieser alten Chronologie der Selbstsucht und des Hochmuts, der wir solange unser Ohr geliehen haben: das kann nur eine ethische Reformation, ein Durchdrungenwerden von dem Ewigneuen, der ewigheilsamen Bewußtheit erwirken. Und dieser Tag, fürwahr, ist schon gekommen, unversehens erleuchtet sein Glanz über uns auch unser Inneres, aber der Weg der Wissenschaft und der Literatur ist nicht der Weg hin zur Natur. Der blöde Mensch, der Indianer, das Kind, des Farmers Bengel, der noch keine Schule sah, steht jenem Leuchten näher, in dem die Natur gelesen werden kann, als der Anatom oder der Altertumsforscher.

 

Laßt uns Altäre bauen der schönen Notwendigkeit, die uns Gewähr gibt, daß alles aus einem Stück geschaffen ist, daß Kläger und Beklagter, Freund und Feind, Tier und Planet, Essen und Esser von einer Art sind. In der Astronomie sind ungeheure Weltenräume, aber kein fremdes System; in der Geologie sind ungeheure Zeiträume, aber dieselben Gesetze galten stets, die heute noch gelten. Laßt uns Altäre bauen der schönen Notwendigkeit, die den Menschen tapfer macht durch den Glauben, daß er keiner ihm bestimmten Gefahr ausweichen und von keiner bedroht werden kann, die ihm nicht bestimmt ist – der Notwendigkeit, die mit rauher oder linder Hand ihn zu der Erkenntnis erzieht, daß es keine Zufälle gibt: daß in allem Dasein ein Gesetz herrscht, ein Gesetz, das nicht geistig, sondern der Geist selbst ist; das weder persönlich noch unpersönlich ist; das keine Worte braucht und unbegreiflich ist; das die Einzelwesen auflöst; das die Natur belebt – und doch alle, die reinen Herzens sind, antreibt, nach all seiner Allmacht zu streben.


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