Fjodr Dostojewski
Schuld und Sühne
Fjodr Dostojewski

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II

Er war schon lange krank gewesen; aber nicht die Schrecken des Sträflingslebens, nicht die Zwangsarbeit, nicht die Nahrung, nicht das Abrasieren des Kopfhaares, nicht die schlechte Kleidung hatten ihn zugrunde gerichtet; oh, was machten ihm alle diese Qualen und Martern aus! Im Gegenteil, er freute sich sogar über die Arbeit; wenn er körperlich durch die Arbeit abgemattet war, so erlangte er dadurch wenigstens ein paar Stunden ruhigen Schlafes. Und was machte ihm die Kost aus, diese Kohlsuppe ohne Fleisch, mit Schaben darin? In früheren Jahren, als Student, hatte er oft nicht einmal das gehabt. Seine Kleidung hielt warm und paßte zu seiner Lebensweise. Die Ketten fühlte er gar nicht am Leibe. Sollte er sich seines geschorenen Kopfes und der zweifarbigen Jacke schämen? Aber vor wem? Vor Sonja? Sonja fürchtete sich vor ihm, und vor der sollte er sich schämen?

Und doch schämte er sich vor Sonja und ließ sie das dadurch entgelten, daß er sie durch sein verächtliches grobes Benehmen peinigte. Aber er schämte sich nicht des geschorenen Kopfes und der Ketten: sein Stolz war schwer verwundet, und diese Verwundung seines Stolzes war auch die Ursache seiner Krankheit. Oh, wie glücklich wäre er gewesen, wenn er sich selbst hätte eine Schuld beimessen können! Dann hätte er alles gern ertragen, auch Schande und Schmach. Aber so streng er auch mit sich ins Gericht ging, so fand sein verstocktes Gewissen doch in seiner Vergangenheit keine so besonders schreckliche Schuld, außer etwa einem einfachen »Fehlschlag«, wie er einem jeden vorkommen konnte. Er schämte sich namentlich darüber, daß er, Raskolnikow, so blind, taub, unvorsichtig und dumm, gleichsam gemäß dem Spruche eines blinden Fatums, sich zugrunde gerichtet hatte und sich nun einem »absurden« richterlichen Urteil beugen und unterwerfen mußte, wenn er nur einigermaßen innerlich zur Ruhe kommen wollte.

Eine zweck- und ziellose Unruhe in der Gegenwart und in der Zukunft eine stete Selbstaufopferung, durch die nichts erreicht wurde: das war's, was ihm auf der Welt noch bevorstand. Und was hatte er davon, daß er nach acht Jahren erst zweiunddreißig alt war und noch einmal zu leben beginnen konnte? Wozu sollte er dann noch leben? Was sollte er sich für Ziele setzen? Wonach streben? Sollte er leben, nur um zu existieren? Aber er war ja auch früher tausendmal bereit gewesen, seine Existenz für eine Idee, für eine Hoffnung, ja, sogar für eine Phantasterei hinzugeben. Die bloße Existenz war ihm immer zu wenig gewesen; er hatte stets etwas Größeres erstrebt. Vielleicht war diese Lebhaftigkeit seiner Wünsche das einzige Moment gewesen, auf Grund dessen er sich damals für einen Menschen gehalten hatte, dem mehr gestattet sei als anderen.

Hätte doch das Schicksal ihm wenigstens Reue eingegeben, eine brennende Reue, die das Herz verzehrt und den Schlaf verscheucht, jene Reue, deren schreckliche Qualen einem den Selbstmord durch den Strick oder im Wasser verlockend erscheinen lassen. Oh, er hätte sich über eine solche Reue gefreut! Qualen und Tränen, das ist doch wenigstens Leben. Aber er bereute sein Verbrechen nicht.

Oder wenn er sich wenigstens über seine Dummheit hätte ärgern können, wie er sich früher über seine törichten, dummen Handlungen geärgert hatte, durch die er ins Gefängnis gekommen war. Aber wenn er jetzt, wo er bereits im Gefängnis war, »in aller Ruhe« von neuem alle seine früheren Handlungen überdachte und prüfte, so fand er sie ganz und gar nicht so dumm und töricht, wie sie ihm vorher, in jener verhängnisvollen Zeit, erschienen waren.

›Inwiefern‹, dachte er, ›sollte meine Idee dümmer sein als andere Ideen und Theorien, die in der Welt, seit diese Welt besteht, umherschwirren und aufeinanderprallen? Man betrachte nur die Sache unparteiisch, vorurteilsfrei, und ohne sich von Erwägungen alltäglicher Art beeinflussen zu lassen: dann erscheint meine Idee sicherlich gar nicht so . . . sonderbar. O ihr schwächlichen Umstürzler, ihr dürftigen Denker, warum bleibt ihr immer auf halbem Wege stehen?‹

›Warum erscheint denn meine Tat den Menschen so ungeheuerlich?‹ fragte er sich. ›Deshalb, weil es eine böse Tat ist? Was bedeutet denn das: eine böse Tat? Mein Gewissen ist ruhig. Gewiß, ich habe ein Kriminalverbrechen begangen; gewiß, ich habe den Buchstaben des Gesetzes verletzt und Blut vergossen; nun wohl, nehmt für den Buchstaben des Gesetzes meinen Kopf . . . und die Sache ist erledigt! Allerdings hätten dann auch viele Wohltäter der Menschheit, die ihre Macht nicht ererbt, sondern selbst an sich gebracht haben, gleich bei ihren ersten Schritten hingerichtet werden müssen. Aber jene Männer führten ihre Schritte mit Kraft und Ausdauer durch, und darum waren sie im Rechte; ich aber wurde dabei schwach, und folglich hatte ich kein Recht, mir diesen Schritt zu erlauben.‹

Nur in diesem einen Punkte erkannte er sein Verbrechen an: nur darin, daß er es nicht zu ertragen vermocht und sich selbst angezeigt hatte.

Er litt auch unter dem Gedanken, warum er sich damals nicht das Leben genommen habe. Warum hatte er damals, als er am Flusse stand, doch die Selbstanzeige vorgezogen? Ob denn wirklich in dem Verlangen zu leben eine solche Kraft steckte und es gar so schwer war, dieses Verlangen zu überwinden? Swidrigailow hatte es doch überwunden, obwohl er sich vor dem Tode fürchtete!

Mit dieser Frage marterte er sich ab, ohne zu wissen, daß er vielleicht schon damals, als er am Flusse stand, den tiefen Irrtum in seinem ganzen Wesen und in seinen Anschauungen geahnt hatte. Er wußte nicht, daß dieses Vorgefühl möglicherweise der Vorbote einer künftigen Krisis in seinem Leben, der Vorbote seiner künftigen Wiedergeburt und seiner künftigen neuen Lebensanschauung war.

Er neigte mehr dazu, das Unterlassen des Selbstmordes auf die unbewußte Wirksamkeit des Instinktes zurückzuführen, über welche obzusiegen und hinwegzuschreiten er wieder einmal nicht die Kraft gehabt habe – er sei eben ein Schwächling und ein unbedeutender Mensch! Er betrachtete seine Mitsträflinge und war erstaunt darüber, wie sehr auch sie alle das Leben liebten und wie teuer es ihnen war. Ja, er hatte den Eindruck, als ob man im Gefängnisse das Leben noch mehr liebe und schätze und wert halte als in der Freiheit. Welche entsetzlichen Leiden und Qualen hatte das Leben manchen von ihnen gebracht, zum Beispiel den Landstreichern; und doch hingen sie so am Dasein! War ihnen denn wirklich ein Sonnenstrahl so viel wert oder ein dichter Wald oder eine kühle, tief in der Wildnis versteckte Quelle? Da hatte nun vielleicht so ein armer Kerl sich eine solche Quelle vor zwei, drei Jahren gemerkt, und nun malte er sich ein Wiedersehen in seiner Phantasie aus wie ein Wiedersehen mit einer Geliebten und träumte von seiner Quelle und von dem grünen Grase ringsumher und von den Vögelchen, die in den Büschen sangen! Bei längerer Betrachtung fand er noch erstaunlichere Beispiele für diese Liebe zum Leben.

Vieles freilich von seiner gesamten Umgebung im Gefängnisleben bemerkte er nicht, und er wollte es eben auch gar nicht bemerken; er lebte gleichsam, ohne aufzublicken; es war ihm widerwärtig und unerträglich, um sich zu schauen. Aber schließlich fiel ihm trotzdem manches auf, und er bemerkte nun unwillkürlich dies und jenes, was er früher nicht einmal geahnt hatte. Am meisten erstaunt war er über die gewaltige, unüberschreitbare Kluft, die zwischen ihm und all diesen Menschen lag. Es war geradezu, als ob er und sie verschiedenen Nationen angehörten. Er und sie betrachteten einander mißtrauisch und feindselig. Er kannte und verstand die Ursachen dieser wechselseitigen Abneigung sehr wohl, hätte aber früher nie geglaubt, daß sie tatsächlich so tief wurzelten und so kräftig wären. Im Gefängnisse befanden sich auch einige verbannte Polen, politische Sträflinge; diese blickten auf die Leute geringeren Standes sehr von oben herab und verachteten sie als ungebildeten Pöbel. Raskolnikow jedoch konnte diese Anschauung nicht teilen; er sah deutlich, daß diese Ungebildeten in vielen Stücken weit verständiger waren als die besagten Polen. Es waren auch Russen da, die gleichfalls dieses gemeine Volk tief verachteten: ein ehemaliger Offizier und zwei Zöglinge geistlicher Seminare. Auch deren Irrtum erkannte Raskolnikow mit voller Deutlichkeit.

Ihn selbst aber konnten alle nicht leiden, und alle mieden ihn. Diese Abneigung steigerte sich schließlich zu wirklichem Hasse. Warum? Das wußte er nicht. Sie verachteten ihn und machten sich über ihn lustig; es machten sich über sein Verbrechen Leute lustig, die weit schlimmere Verbrecher waren als er.

»Du bist ein Herr!« sagten sie zu ihm. »Paßte sich das für dich, mit einem Beil auf die Menschen loszugehen? Das ist nichts für einen Herrn!«

In der zweiten Woche der großen Fasten war er mit seiner Baracke an der Reihe, mehrmals die Kirche zu besuchen als Vorbereitung zum Abendmahle. Er ging mit den anderen zusammen in die Kirche und betete mit ihnen. Dabei kam es einmal zu Streit; er wußte selbst nicht, warum. Alle stürzten mit einem Male ergrimmt auf ihn los.

»Du bist ein Gottesleugner! Du glaubst nicht an Gott!« schrien sie ihm zu. »Totschlagen müßte man dich!«

Niemals hatte er mit ihnen über Gott und über Glaubenssachen gesprochen, und doch wollten sie ihn als einen Gottesleugner totschlagen; er schwieg und widersprach ihnen nicht. Einer von den Sträflingen wollte schon in heller Wut über ihn herfallen; Raskolnikow erwartete ihn ruhig und schweigend, ohne mit der Wimper zu zucken oder eine Miene zu verziehen. Der Wachsoldat konnte gerade noch rechtzeitig zwischen ihn und den mordlustigen Angreifer treten, sonst wäre es zu Blutvergießen gekommen.

Noch eine Frage war da, auf die er keine Antwort finden konnte: Warum hatten sie alle Sonja so lieb? Sie hatte sich niemals um die Gunst der Sträflinge bemüht; diese bekamen Sonja überhaupt nur selten zu sehen, nur ab und zu an den Arbeitsstätten, wenn sie auf einen kurzen Augenblick kam, um ihn zu besuchen. Aber trotzdem war sie bald allen bekannt, alle wußten auch, daß sie ihm gefolgt sei, wußten, wie sie lebte und wo sie wohnte. Geld gab sie ihnen nicht; auch erwies sie ihnen keine besonderen Dienste. Nur einmal, zu Weihnachten, brachte sie für das ganze Gefängnis eine Gabe mit: Pirog und anderes Gebäck. Aber ganz allmählich bildeten sich zwischen ihnen und Sonja mancherlei nähere Beziehungen: sie schrieb für sie Briefe an ihre Angehörigen und gab sie auf die Post. Angehörige, die nach der Stadt gereist kamen, übergaben Sachen, die sie für die Sträflinge bestimmt hatten, und sogar Geld auf deren Wunsch an Sonja zur Weiterbeförderung. Die Frauen und Geliebten der Sträflinge kannten und besuchten sie. Und sobald sie, um Raskolnikow zu besuchen, zu einem Arbeitsplatze kam oder einem Trupp Sträflinge begegnete, der zur Arbeit ging, so nahmen sie alle die Mützen ab und begrüßten sie. »Mütterchen Sofja Semjonowna, du unsere Mutter, du liebe, mitleidende!« sagten diese rohen, gebrandmarkten Sträflinge zu dem kleinen, mageren Wesen. Sie lächelte und erwiderte den Gruß freundlich, und alle freuten sich, wenn sie ihnen zulächelte. Sie liebten sogar ihren Gang, wendeten sich um, um ihr nachzusehen, wie sie ging, und lobten sie; sie lobten sie sogar dafür, daß sie so klein war; sie wußten gar nicht mehr, was sie alles an ihr loben sollten. Sogar medizinische Ratschläge ließen sie sich von ihr geben.

Raskolnikow lag die ganze letzte Zeit der Fasten und die Osterwoche über im Krankenhause. Als er bereits wieder in der Genesung begriffen war, erinnerte er sich an die Träume, die er während des Fiebers und der Bewußtlosigkeit gehabt hatte. Es hatte ihm in der Krankheit geträumt, die ganze Welt sei dazu verurteilt, einer schrecklichen, noch nie dagewesenen Seuche zum Opfer zu fallen, die aus dem inneren Asien ihren Weg nach Europa nehme. Alle Menschen sollten umkommen außer einigen ganz wenigen Auserwählten. Es war eine Art von neuen Trichinen erschienen, mikroskopische Wesen, die sich in den menschlichen Körpern ansiedelten. Aber diese Wesen waren Geister, mit Verstand und Willen begabt. Wer sie in sich aufnahm, wurde sofort rasend und wahnsinnig. Aber noch niemals vorher hatten sich die Menschen für so klug gehalten und sich mit solcher Bestimmtheit im Besitze der Wahrheit geglaubt, wie es diese Angesteckten taten. Niemals hatten sie ihre Urteilssprüche, ihre wissenschaftlichen Resultate, ihre moralischen Anschauungen und ihren Glauben für fester begründet gehalten. Ganze Dörfer, ganze Städte und Völker wurden angesteckt und verfielen dem Wahnsinn. Alle waren in Aufregung und verstanden einander nicht mehr; jeder glaubte im Alleinbesitze der Wahrheit zu sein und wollte verzweifeln, wenn er die anderen ansah, schlug sich entsetzt an die Brust, weinte und rang die Hände. Man wußte nicht, wen und wie man richten sollte; man konnte sich nicht darüber einigen, was als schlecht und was als gut zu betrachten sei. Man wußte nicht, wen man verurteilen und wen man freisprechen sollte. Die Menschen töteten einander in einer Art von unsinnigem Grimme. Sie taten sich zu ganzen Heeren zusammen, um einander zu bekriegen; aber die Heere fingen schon auf dem Marsche an, sich selbst zu befehden; die Reihen lösten sich auf; die Krieger stürzten aufeinander los, stachen und hieben, bissen und fraßen einander. In den Städten wurde den ganzen Tag lang die Sturmglocke geläutet; alle Einwohner wurden zuammengerufen; wer jedoch eigentlich zusammenrief und warum, das wußte niemand; aber alle waren in großer Aufregung. Die gewöhnlichen Handwerke wurden nicht mehr betrieben; denn jeder trug seine Ideen, seine Reformvorschläge vor, aber es kam zu keiner Einigung; die Bodenbestellung hörte auf. Hier und da sammelten sich die Menschen zu einzelnen Haufen; sie einigten sich über dies und das, schwuren, einander nicht zu verlassen; aber gleich darauf begannen sie etwas ganz anderes zu tun als das, was sie soeben selbst angeregt hatten, beschuldigten sich gegenseitig, prügelten und mordeten sich. Feuersbrünste wüteten; es brach Hungersnot aus. Alle Menschen, alle Habe ging zugrunde. Die Seuche wuchs und verbreitete sich immer weiter. Es entgingen dem Verderben in der ganzen Welt nur sehr wenige Menschen; dies waren die Reinen und Auserwählten, die dazu bestimmt waren, ein neues Menschengeschlecht und ein neues Leben zu begründen und die Erde zu erneuern und zu reinigen; aber diese Menschen hatte niemand erkannt, niemand hatte ihre Worte und ihre Stimme beachtet.

Es war für Raskolnikow eine Qual, daß dieser sinnlose Traum so fest in seinem Gedächtnis haftete und daß der Eindruck dieser Fieberphantasien so lange nicht schwinden wollte. Schon war die zweite Woche nach Ostern herangekommen; es waren warme, heitere Frühlingstage; im Gefangenensaale des Krankenhauses waren die Fenster geöffnet (sie waren vergittert und davor ging eine Schildwache auf und ab). Sonja hatte ihn während seiner ganzen Krankheit nur zweimal im Krankenhause besuchen können. Es war dazu jedesmal erst die Einholung einer besonderen Erlaubnis erforderlich, und das machte Schwierigkeiten. Aber sie war oft auf den Hof des Krankenhauses gekommen, vor die Fenster, namentlich um die Abendzeit, manchmal nur, um einen Augenblick auf dem Hofe zu stehen und wenigstens von weitem nach den Fenstern des Saales, wo er lag, zu blicken. Eines Tages gegen Abend hatte Raskolnikow, der nun schon fast ganz wiederhergestellt war, ein wenig geschlummert; als er erwachte, trat er zufällig an das Fenster und erblickte plötzlich in einiger Entfernung am Tore des Krankenhauses Sonja. Sie stand da, wie wenn sie auf etwas wartete. In diesem Augenblicke hatte er eine Empfindung, als ob ihm jemand das Herz mit einem Schwerte durchbohre; er fuhr zusammen und trat schnell vom Fenster zurück. Am nächsten Tage kam Sonja nicht, auch nicht an dem dann folgenden; er wurde sich bewußt, daß er mit Unruhe auf sie wartete. Endlich wurde er als genesen aus dem Krankenhause entlassen. Als er in das Gefängnis kam, erfuhr er von den Sträflingen, daß Sofja Semjonowna krank geworden sei, zu Hause das Bett hüten müsse und nicht ausgehen könne.

Er beunruhigte sich darüber sehr und schickte hin, um zu erfahren, wie es ihr gehe. Bald erhielt er Nachricht, daß ihre Krankheit nicht gefährlich sei. Als Sonja ihrerseits hörte, daß er sich so nach ihr sehne und sich um sie so viel Sorge mache, schickte sie ihm einen mit Bleistift geschriebenen Zettel und teilte ihm mit, es gehe ihr schon viel besser; sie habe nur eine leichte Erkältung und werde ihn bald, sehr bald an seiner Arbeitsstätte besuchen. Als er diesen Zettel las, schlug ihm das Herz so heftig, daß es ihn schmerzte.

Es war wieder ein heiterer, warmer Tag. Frühmorgens, um sechs Uhr, ging er zu seiner Arbeit an das Ufer des Flusses, wo in einem Schuppen ein Ofen zum Gipsbrennen eingerichtet war und der Gips auch gestampft wurde. Es hatten sich nur drei Arbeiter dorthin zu begeben. Einer von ihnen war mit dem Wachsoldaten noch einmal nach der Festung zurückgegangen, um ein Werkzeug zu holen; der andere machte Holz zurecht und legte es in den Ofen. Raskolnikow ging aus dem Schuppen hinaus bis dicht ans Ufer, setzte sich auf die dort aufgestapelten Baumstämme und blickte über den breiten, öden Fluß hin. Von dem hohen Ufer aus übersah man weithin die Gegend. Kaum vernehmbar klang von dem fernen jenseitigen Ufer ein Lied herüber. Dort in der unabsehbaren, vom Sonnenlicht überfluteten Steppe hoben sich als kaum wahrnehmbare schwarze Pünktchen die Zelte von Nomaden ab. Dort war das Land der Freiheit; dort wohnten andere Menschen, ganz unähnlich denen auf dem diesseitigen Ufer; dort war gleichsam die Zeit selbst stehengeblieben, als wäre das Zeitalter Abrahams und seiner Herden noch nicht vorüber. Raskolnikow saß da und sah in die Ferne, ohne sich zu rühren und ohne sich von dem Anblicke losreißen zu können. Sein Denken wurde zum Träumen, zum bloßen Schauen; er dachte an nichts mehr; aber eine Art von Sehnsucht beunruhigte und quälte ihn.

Auf einmal stand Sonja neben ihm. Sie war fast unhörbar herangekommen und setzte sich nun zu ihm hin. Es war noch sehr früh am Tage; die Morgenkälte war noch nicht milder geworden. Sie trug ihre alte, ärmliche Pelerine und das grüne Tuch. Ihr Gesicht zeigte noch die Spuren der überstandenen Krankheit; es war recht mager, blaß und kümmerlich geworden. Sie lächelte ihm mit freundlicher, froher Miene zu; aber die Hand streckte sie ihm wie gewöhnlich nur schüchtern hin.

Dies tat sie immer nur schüchtern und mitunter gar nicht, als fürchte sie eine Zurückweisung. Denn er nahm ihre Hand immer wie mit innerem Widerstreben, zeigte sich bei solchen Begegnungen stets verdrossen und schwieg manchmal hartnäckig während der ganzen Zeit, die Sonja bei ihm war. Es kam vor, daß sie vor ihm geradezu zitterte und tiefbetrübt fortging. Jetzt aber trennten sich die Hände beider nicht; er warf ihr einen schnellen, hastigen Blick zu, sprach kein Wort und richtete seine Augen auf die Erde. Sie waren allein; niemand sah sie. Der inzwischen zurückgekehrte Wachsoldat hatte sich gerade umgewandt.

Wie es zuging, wußte er selbst nicht; aber plötzlich war es ihm, als ob ihn eine unwiderstehliche Kraft packte und zu ihren Füßen niederwürfe. Er weinte und umschlang ihre Knie. Im ersten Augenblick erschrak sie heftig, und ihr ganzes Gesicht wurde totenblaß. Sie sprang auf und sah ihn zitternd an. Aber sofort, im gleichen Augenblicke, war ihr alles klar. In ihren Augen leuchtete eine grenzenlose Glückseligkeit auf; sie hatte ihn verstanden, und es gab nun für sie keinen Zweifel mehr, daß er sie liebe, sie grenzenlos liebe und daß der langersehnte Augenblick endlich gekommen sei.

Sie wollten sprechen, aber sie konnten es nicht. Die Tränen standen ihnen beiden in den Augen. Beide waren sie blaß und mager; aber auf diesen blassen, kranken Gesichtern strahlte schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, einer völligen Wiedergeburt zu neuem Leben. Die Liebe war es, die diese Wiedergeburt bewirkt hatte; dem Herzen des einen entsprudelten unerschöpfliche Quellen des Lebens für das Herz des anderen.

Sie beschlossen, zu warten und zu dulden. Sieben Jahre hatten sie noch vor sich und innerhalb dieser Zeit wieviel bittere Qual und wieviel unendliches Glück! Aber er war wiedergeboren, und er wußte das, fühlte es im tiefsten Innern seines erneuerten Wesens, und sie, sie lebte ja nur sein eigenes Leben mit!

Am Abend ebendieses Tages, als die Baracken bereits geschlossen waren, lag Raskolnikow auf der Pritsche und dachte an sie. An diesem Tage hatte er sogar die Empfindung, als ob alle Sträflinge, seine bisherigen Feinde, ihn nunmehr anders ansähen. Er knüpfte selbst mit ihnen ein Gespräch an, und sie antworteten ihm freundlich. Diese Wandlung fiel ihm auf; aber es mußte ja wohl so sein; mußte sich jetzt nicht alles, alles ändern?

Er dachte an sie. Er erinnerte sich, wie er sie beständig gepeinigt und ihr das Herz zerrissen hatte; er erinnerte sich ihres blassen, mageren Gesichtchens; aber diese Erinnerungen hatten jetzt für ihn fast nichts Quälendes: er wußte, mit wie grenzenloser Liebe er ihr jetzt alle ihre Leiden vergelten werde.

Und was wollten auch alle, alle diese Qualen der Vergangenheit besagen! Alles, selbst sein Verbrechen, selbst die Verurteilung und die Verschickung zur Zwangsarbeit erschien ihm jetzt in der ersten Glut der Empfindung nur wie ein äußerliches, seltsames Ereignis, ja wie etwas, was gar nicht ihm selbst zugestoßen sei. Indessen war er an diesem Abende nicht imstande, lange und dauernd an etwas zu denken und seine Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren; auch hätte er jetzt keine Denkaufgabe lösen können; er konnte nur fühlen. An die Stelle des theoretischen Denkens war das wirkliche Leben getreten, und ganz neue Triebe begannen sich in seiner Seele zu regen.

Unter seinem Kopfkissen lag ein Neues Testament. Mechanisch griff er danach. Dieses Buch gehörte ihr; es war das nämliche, aus dem sie ihm über die Auferweckung des Lazarus vorgelesen hatte. Zu Beginn seines Sträflingslebens hatte er gedacht, sie würde ihn beständig mit der Religion quälen, immer vom Evangelium zu reden anfangen und ihm Bücher aufdrängen. Aber zu seinem größten Erstaunen hatte sie auch nicht ein einziges Mal davon gesprochen und ihm auch niemals das Neue Testament angeboten. Er selbst hatte kurz vor seiner Krankheit sie um dieses Buch gebeten, und sie hatte es ihm gebracht und schweigend gegeben. Bisher hatte er es überhaupt noch nicht aufgeschlagen.

Auch jetzt schlug er es nicht auf; aber es kam ihm plötzlich der Gedanke: »Müssen ihre Überzeugungen jetzt nicht auch die meinigen sein? Wenigstens ihre Empfindungen, ihre Bestrebungen . . .«

Auch sie befand sich diesen ganzen Tag über in großer Aufregung; in der Nacht wurde sie sogar wieder krank. Aber sie war so glücklich, und sie war es so wider alles Erwarten geworden, daß sie über ihr Glück ganz erschrocken war. Sieben Jahre noch, nur noch sieben Jahre! In der ersten Zeit ihres Glückes dachten sie beide in manchen Augenblicken an diese sieben Jahre nur so, als ob es sieben Tage wären. Er überlegte nicht einmal, daß das neue Leben ihm doch nicht ganz umsonst zuteil werde, daß er vielmehr einen hohen Preis dafür entrichten, es mit einer großen zukünftigen Tat werde bezahlen müssen . . .

Aber hier beginnt bereits eine neue Geschichte, die Geschichte der allmählichen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte seiner allmählichen Sinneswandlung, des allmählichen Überganges aus einer Welt in eine andere, des Bekanntwerdens mit einer neuen, ihm bis dahin völlig unbekannten Wirklichkeit. Das könnte den Stoff zu einer neuen Erzählung liefern; aber unsere jetzige Erzählung ist zu Ende.

 


 


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