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Die Mär

(1913)

Irgendwann in dunkler Not
Trug die Wut der rohen Massen
Eine Mär durch alle Gassen,
Und man schlug die Juden tot.

Rächte es, daß sie der Welt
Das Gesetz geschaffen haben
Und daß sie den Gott ihr gaben,
Der das Licht der Erde hält.

Und nun wandert Jahr für Jahr
Dieses Schauermärchen weiter.
Wie ein wildgehetzter Reiter
Jagt es durch die Völkerschar,

Sorglos, ob die Unschuld klagt,
Ob die Frommen Eide schwören
Und die Weisen sich empören.
Sorglos immer weiter jagt

Die Legende und entweiht,
Was Kultur und Freiheit schufen;
Denn die Finsterlinge rufen
Auf zum alten Rassenstreit.

Und so geht es seinen Gang
Tausend Jahre, bis Geschlechter
Neu erstehn und ein gerechter
Wille die Barbaren zwang,

Bis einst das geweihte Licht
Schmerzensreicher Judenwahrheit
In kristallenreiner Klarheit
Durch die Nacht des Hasses bricht.

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