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Die beiden Freunde von Bourbonne

Zwei Männer lebten unter uns, die man den Orest und den Pylades von Bourbonne nennen konnte. Der eine hieß Olivier, der andere Felix; sie waren am gleichen Tage geboren, in dem gleichen Hause, von zwei Schwestern. Sie waren mit derselben Milch genährt, denn da die eine der Mütter im Wochenbett gestorben war, nahm die andere sich der beiden Kinder an. Sie wurden zusammen erzogen und hatten sich stets von andern fern gehalten: sie liebten sich, wie man existiert, wie man lebt, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Sie fühlten es in jedem Augenblick, hatten es sich aber vielleicht niemals gesagt. Olivier hatte einmal Felix das Leben gerettet; Felix bildete sich ein, ein großer Schwimmer zu sein und wäre fast ertrunken: keiner von ihnen dachte nun weiter an diesen Vorfall. Hundertmal hatte Felix Olivier aus verdrießlichen Abenteuern herausgezogen, in die sein ungestümer Charakter ihn verwickelte, und nie hatte Olivier daran gedacht, ihm dafür zu danken; sie gingen zusammen wieder nach Hause, ohne zu sprechen oder von andern Dingen plaudernd.

Als sie das militärpflichtige Alter erreicht hatten und auf Felix das verhängnisvolle Los gefallen war, sagte Olivier: »Das nächste Los gehört mir.« Sie genügten zusammen ihrer Dienstpflicht und kehrten dann in ihre Heimat zurück; ob einer dem andern noch teurer geworden war als vorher, kann ich Ihnen nicht sagen, denn, lieber Freund, wenn auch gegenseitige Wohltaten die auf Reflexion beruhenden Freundschaften zu befestigen pflegen, üben sie doch gar keinen Einfluß auf die Freundschaften aus, die ich die instinktiven und häuslichen nennen möchte. Als einmal in einer Schlacht Oliviers Kopf von einem Säbelhieb bedroht wurde, warf sich Felix mechanisch dazwischen und zog sich eine Schmarre zu: man behauptet, auf diese Wunde sei er stolz gewesen, was ich für meinen Teil freilich nicht glaube. Bei Hastembeck suchte Olivier Felix aus einem Haufen Toter heraus, in dem er liegen geblieben war. Wenn man sie fragte, sprachen sie bisweilen von der Hilfe, die einer von dem andern empfangen, nie von den Diensten, die einer dem andern geleistet hatte. Olivier sprach von Felix, Felix von Olivier, aber ohne sich gegenseitig zu loben. Einige Zeit nach ihrer Rückkehr in die Heimat verliebten sie sich und zwar zufällig in das gleiche Mädchen. Doch entstand zwischen ihnen keine Nebenbuhlerschaft; der erste, der die Leidenschaft seines Freundes bemerkte, zog sich zurück; das war Felix. Olivier heiratete, und Felix, der des Lebens überdrüssig war, ohne zu wissen warum, stürzte sich in allerlei gefährliche Unternehmungen und wurde schließlich Schmuggler.

Sie wissen nicht, lieber Freund, daß in Frankreich vier Gerichtshöfe bestanden, in denen Schmuggler abgeurteilt wurden: in Caen, in Reims, in Valence und in Toulouse; das strengste von diesen vier Gerichten befand sich in Reims, wo ein gewisser Coleau den Vorsitz führte, die wildeste Menschenseele, die die Natur jemals geschaffen hat. Felix wurde mit der Waffe in der Hand ergriffen, vor den furchtbaren Coleau geführt und zum Tode verurteilt, wie fünfhundert andere vor ihm. Olivier hörte von Felix Schicksal. Eines Nachts stahl er sich von der Seite seines Weibes weg und begab sich, ohne ihr ein Wort zu sagen, nach Reims. Er wendete sich an den Richter Coleau, fiel ihm zu Füßen und bat ihn um die Gnade, Felix besuchen und umarmen zu dürfen. Coleau sah ihn an, schwieg einen Augenblick und forderte ihn auf, sich zu setzen. Olivier setzte sich. Nach Verlauf einer halben Stunde zog Coleau seine Uhr und sagte zu Olivier: »Wenn du deinen Freund noch lebend sehen und umarmen willst, so beeile dich; er ist unterwegs; und wenn meine Uhr richtig geht, wird er gehängt, bevor zehn Minuten vergangen sind.« Olivier springt voller Wut auf, versetzt mit seinem Stock dem Richter Coleau einen furchtbaren Schlag, daß er fast tot zu Boden fällt, dann stürzt er nach dem Richtplatz, langt an, schreit, verprügelt den Scharfrichter, verprügelt die Gerichtsdiener, hetzt die Bevölkerung auf, die schon lange um dieser Hinrichtung willen empört ist, die Steine fliegen, Felix ist befreit und flieht; Olivier denkt jetzt an seine eigene Rettung, aber ein Soldat von der Polizeiwache hat ihm unvermerkt einen Bajonettstich in die Hüfte beigebracht. Er erreicht das Stadttor, kann aber nicht mehr weitergehen; mitleidige Fuhrleute werfen ihn auf ihren Karren und laden ihn vor der Tür seines Hauses ab, einen Augenblick vor seinem Hinscheiden; er konnte nur noch zu seiner Frau sagen: »Liebe Frau, komm her und laß dich küssen; ich sterbe, aber der Freund mit der Schmarre ist gerettet.«

Eines Abends, als wir nach unserer Gewohnheit einen Spaziergang machten, sahen wir vor einer Hütte eine groß gewachsene Frau stehen, zu deren Füßen vier kleine Kinder spielten; ihr trauriges und verschlossenes Gesicht zog unsere Aufmerksamkeit auf sich, und unsere Aufmerksamkeit erregte die ihre. Nach einem Augenblick des Schweigens sagte sie: »Sie sehen diese vier kleinen Kinder an, ich bin ihre Mutter und habe keinen Mann mehr.« Diese stolze Art, das Mitleid zu erregen, war ganz dazu angetan, uns zu rühren. Wir boten ihr unsere Hilfe an, die sie mit Würde annahm: bei dieser Gelegenheit hörten wir die Geschichte ihres Gatten Olivier und seines Freundes Felix. Wir haben uns für sie verwendet, und ich hoffe, daß diese Empfehlung ihr genützt hat. Sie sehen, lieber Freund, daß seelische Größe und hohe Eigenschaften in allen Ständen und allen Ländern zu finden sind; daß mancher unbekannt stirbt, dem nur ein anderer Schauplatz gefehlt hat und daß man nicht bis zu den Irokesen zu gehen braucht, um zwei Freunde zu finden.

Zu der Zeit, als der Räuber Testalunga mit seiner Bande Sizilien unsicher machte, wurde Romano, sein Freund und Vertrauter gefangen genommen. Er war Testalungas Leutnant und Kampfgenosse. Der Vater dieses Romano wurde ebenfalls verhaftet und eingekerkert. Man verhieß ihm Begnadigung und Freiheit, falls Romano seinen Hauptmann Testalunga verriete und auslieferte. Der Kampf zwischen Sohnesliebe und geschworener Freundschaft war entsetzlich. Aber der alte Romano überredete seinen Sohn, der Freundschaft den Vorzug zu geben, da er sich schämte, sein Leben einem Verrat zu verdanken. Romano fügte sich dem Rät seines Vaters, und auch die grausamste Folter konnte Romano nicht eine Angabe seiner Mitschuldigen entreißen.

Sie haben den Wunsch geäußert, lieber Freund, zu erfahren, was aus Felix geworden ist; das ist eine so natürliche Neugier, und ihr Motiv ist so lobenswert, daß wir uns einigermaßen einen Vorwurf daraus machen, nicht selber diese Neugier verspürt zu haben. Um diesen Fehler wieder gut zu machen, haben wir anfangs an Herrn Papin gedacht, den Doktor der Theologie und Pfarrer an Sankt Marien in Bourbonne: aber die Mama hat sich anders besonnen, und wir haben es vorgezogen, uns an den Subdelegaten Aubert zu wenden, der ein guter, offenherziger Mann ist und uns den folgenden Bericht gesandt hat, auf dessen Wahrheit Sie sich verlassen können:

Der besagte Felix lebt noch. Nachdem er den Händen der Gerechtigkeit entronnen war, flüchtete er in die Wälder seiner Heimat, in denen er Weg und Steg während seines Schmugglerlebens kennen gelernt hatte, und versuchte sich allmählich Oliviers Hause zu nähern, dessen Schicksal ihm unbekannt war.

In einem Walde, den Sie bisweilen durchstreift haben, wohnte ein Köhler, dessen Hütte solchen Leuten als Unterschlupf diente; hier waren auch ihre Schmugglerwaren und ihre Waffen versteckt. Dorthin begab sich Felix, nicht ohne Gefahr zu laufen, in die Hände der berittenen Polizeiwache zu fallen, die ihm auf dem Fuße folgte. Ein paar von seinen Genossen hatten die Kunde von seiner Einkerkerung hierhergebracht, und der Köhler und die Köhlerin glaubten ihn schon hingerichtet, als er bei ihnen erschien.

Ich will Ihnen alles erzählen, wie ich es von der Köhlerin gehört habe, die vor kurzem verstorben ist.

Die Kinder, die in der Nähe der Hütte spielten, sahen ihn zuerst. Während er stillstand, um das jüngste zu liebkosen, dessen Pate er war, liefen die andern in die Hütte und riefen: Felix! Felix! Die Eltern kamen heraus und wiederholten den gleichen Freudenschrei; aber der Arme war so überwältigt von Müdigkeit und Kummer, daß er nicht die Kraft hatte, zu antworten und ihnen fast ohnmächtig in die Arme sank.

Die gutherzigen Leute standen ihm bei, so gut sie konnten, sie gaben ihm Brot, Wein, Gemüse; er aß und schlief ein.

Als er aufwachte, war sein erstes Wort: »Olivier! Kinder, wißt ihr nichts von Olivier?« – »Nein,« erwiderten sie. Er erzählte ihnen sein Erlebnis in Reims und verbrachte die Nacht und den folgenden Tag bei ihnen. Er seufzte und sprach immer wieder den Namen Olivier aus; er glaubte ihn im Kerker zu Reims; er wollte dorthin, er wollte mit ihm sterben, und nicht ohne Mühe hielten der Köhler und die Köhlerin ihn von diesem Vorhaben zurück.

In der zweiten Nacht ergriff er eine Flinte, nahm einen Säbel unter den Arm und wandte sich mit leiser Stimme an den Köhler: »Köhler!«

»Felix?«

»Nimm deine Axt und laß uns gehen!«

»Wohin?«

»Wie kannst du fragen! Zu Olivier!«

Sie brachen auf, aber kaum hatten sie den Wald verlassen, als sie sich von einer Abteilung der berittenen Polizeiwache umzingelt sahen.

Ich halte mich an das, was mir die Köhlerin erzählt hat, aber es ist unglaublich, daß zwei Männer zu Fuß etwa zwanzig Berittenen standhalten konnten: wahrscheinlich waren diese letzteren hier und da zerstreut und wollten sich ihrer Leute lebendig bemächtigen. Wie dem auch sei, es gab einen heißen Kampf; fünf Pferde wurden verstümmelt und sieben Reiter mit der Axt oder dem Säbel zu Boden geschlagen. Der arme Köhler blieb tot auf dem Platze, eine Kugel hatte ihm die Schläfe durchbohrt, Felix erreichte den Wald wieder; und da er von unglaublicher Gewandtheit war, lief er von einem Ort zum andern, lud im Laufen seine Flinte, schoß und pfiff. Dies Pfeifen und diese in verschiedenen Zwischenräumen und von verschiedenen Seiten kommenden Schüsse riefen in den Gendarmen die Befürchtung wach, sie möchten es mit einer ganzen Schmugglerbande zu tun haben, und sie zogen sich schleunig zurück.

Als Felix sie fliehen sah, kehrte er auf das Schlachtfeld zurück; er nahm den Leichnam des Köhlers auf die Schultern und begab sich wieder nach der Hütte, wo die Köhlerin und ihre Kinder noch schliefen. Er stand vor der Tür still, legte den Leichnam nieder und setzte sich, den Rücken gegen einen Baum gelehnt und das Gesicht dem Eingang der Hütte zugewandt. Dies war das Bild, das die Köhlerin beim Verlassen der Hütte erwartete.

Sie erwacht, sie sieht ihren Gatten nicht neben sich liegen; sie sucht mit den Augen Felix, kein Felix ist da. Sie steht auf, sie geht hinaus, sie sieht, schreit auf und fällt zu Boden. Ihre Kinder laufen herbei, sie sehen und schreien; sie werfen sich über ihren Vater und ihre Mutter. Die Köhlerin, die durch den Lärm und das Geschrei der Kinder wieder zu sich kommt, rauft sich die Haare, zerfleischt sich die Wangen. Felix, der unbeweglich mit geschlossenen Augen, den Kopf nach hinten gebeugt, am Fuße seines Baumes sitzt, sagt mit erloschener Stimme: »Töte mich!« Einen Augenblick blieb es still; dann hüben die Schmerzensrufe wieder an und Felix wiederholte: »Tötet mich, Kinder, habt Mitleid mit mir, tötet mich!«

So verbrachten sie drei Tage und drei Nächte in ihrer Verzweiflung; am vierten sagte Felix zu der Köhlerin: »Weib, nimm deinen Quersack, lege Brot hinein und folge mir.« Nach einem weiten Umwege durch unsere Berge und Wälder kamen sie an Oliviers Haus, das, wie Sie wissen, am äußersten Ende des Fleckchens liegt, an der Stelle, wo die Landstraße sich in die beiden Wege nach der Franche-Comté und nach Lothringen teilt.

Hier sollte Felix den Tod Oliviers erfahren und sich zwischen den Witwen der beiden Männer sehen, die um seinetwillen hingemordet waren. Er betrat das Haus und sagte hastig zu Oliviers Frau: »Wo ist Olivier?« An dem Schweigen der Frau, ihrer Kleidung, ihren Tränen merkte er, daß Olivier nicht mehr war. Ein Schwindel überkam ihn; er fiel und verletzte sich den Kopf an dem scharfen Rande eines Backtrogs. Die beiden Witwen richteten ihn auf; sein Blut überströmte sie, und während sie damit beschäftigt waren, das Blut mit ihren Schürzen zu stillen, sagte er zu ihnen: »Und ihr seid die Frauen dieser Männer und helft mir!« Dann wurde er ohnmächtig, und als er wieder zu sich kam, sagte er seufzend: »Warum hat er mich nicht gelassen? Warum mußte er nach Reims kommen? Warum hat man ihn dahin gehen lassen?« Dann verwirrte sich sein Kopf, er geriet in Wut, warf sich zu Boden und zerriß seine Kleider. In einem dieser Wutanfälle zog er seinen Säbel und wollte sich hineinstürzen; aber die beiden Frauen warfen sich auf ihn und riefen um Hilfe; die Nachbarn eilten herbei: man band ihn mit Stricken und ließ ihn sieben- oder achtmal zur Ader. Seine Wut ließ nach, als seine Kräfte schwanden; und er blieb drei oder vier Tage wie tot liegen, bis er schließlich wieder zur Besinnung kam. Im ersten Augenblick schickte er seine Augen umher wie ein Mensch, der aus tiefem Schlaf erwacht, und sagte: »Wo bin ich? Frauen, wer seid ihr?« Die Köhlerin antwortete ihm: »Ich bin die Köhlerin.« Er erwiderte: »Ach ja, die Köhlerin. Und du?« … Oliviers Frau schwieg. Da begann er zu weinen, drehte sich der Wand zu und sagte schluchzend: »Ich bin bei Olivier … dies ist Oliviers Bett … und das ist seine Frau. Oh!«

Die beiden Frauen widmeten ihm so große Sorgfalt, brachten ihm so viel Mitgefühl entgegen, baten ihn so inständig, zu leben, stellten ihm in so rührender Weise vor, daß er ihre einzige Stütze sei, daß er sich überreden ließ.

Während der ganzen Zeit, die er in diesem Hause blieb, legte er sich niemals schlafen. Er ging nachts hinaus und irrte auf den Feldern umher, er wälzte sich auf dem Boden und rief Olivier; eine der Frauen folgte ihm und geleitete ihn bei Tagesanbruch heim.

Mehrere Leute wußten, daß er sich in Oliviers Hause aufhielt, und unter diesen Leuten waren auch einige Böswillige. Die beiden Witwen setzten ihn von der Gefahr in Kenntnis, die ihm drohte: er saß eines Nachmittags auf einer Bank, den Säbel auf den Knien, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hände vor den Augen. Zuerst erwiderte er nichts. Oliviers Frau hatte einen Sohn von siebzehn oder achtzehn Jahren, die Köhlerin eine Tochter von fünfzehn. Plötzlich sagte er zu der Köhlerin: »Köhlerin, geh zu deiner Tochter und hole sie …« Er besaß einige Stücke Wiesenland, diese verkaufte er jetzt. Die Köhlerin kehrte mit ihrer Tochter zurück, Oliviers Sohn heiratete sie: Felix gab ihnen das Geld, das er für seine Wiesen erhalten hatte, umarmte sie und bat sie weinend um Verzeihung, und sie siedelten sich dann in der Hütte an, in der sie noch heute leben und an den übrigen Kindern Vater- und Mutterstelle vertreten. Die beiden Witwen blieben zusammen, und die Kinder Oliviers hatten einen Vater und zwei Mütter.

Vor etwa anderthalb Jahren ist die Köhlerin gestorben; Oliviers Frau weint noch täglich um sie.

Eines Abends, als sie Felix belauschten (denn eine von ihnen behielt ihn ständig im Auge), sahen sie ihn in Tränen aufgelöst; er streckte schweigend seine Arme nach der Tür aus, die ihn von ihnen trennte, und schickte sich dann an, seine Habseligkeiten zusammenzupacken. Sie sagten kein Wort, denn sie sahen ein, wie nötig seine Abreise war. Alle drei nahmen schweigend ihr Abendbrot ein. In der Nacht stand er auf, die Frauen schliefen nicht. Er näherte sich auf Fußspitzen der Tür. Hier stand er still, sah nach dem Bett der beiden Frauen hinüber, wischte sich mit der Hand die Augen und ging hinaus. Die beiden Frauen umschlangen sich fest und verbrachten den Rest der Nacht weinend. Niemand wußte, wo er eine Zuflucht gefunden hatte, aber es verging kaum eine Woche, in der er nicht irgendeine Unterstützung gesandt hätte.

Der Wald, in welchem die Tochter der Köhlerin mit Oliviers Sohn lebte, gehörte einem gewissen Herrn Leclerc von Rançonnieres, einem sehr reichen Manne, der auch über das Dorf Courcelles Herr war. Eines Tages jagte Herr von Rançonnieres oder von Courcelles, wie es Ihnen beliebt, in seinem Walde und kam zu der Hütte, in der Oliviers Sohn wohnte; er trat ein und begann mit den hübschen Kindern zu spielen; er fragte sie allerlei; das Gesicht der Frau, die nicht häßlich ist, kam ihm wieder ins Gedächtnis, der energische Ton ihres Gatten, der viel Ähnlichkeit mit seinem Vater hatte, interessierte ihn; er erfuhr das Schicksal ihrer Eltern und versprach, für Felix ein Gnadengesuch einzureichen; er tat es und die Begnadigung wurde bewilligt.

Felix trat nun in Herrn von Rançonnieres Dienste und wurde von diesem als Hegereiter angestellt.

Er hatte ungefähr zwei Jahre lang in dem Schlosse Rançonnieres gelebt und den beiden Witwen einen guten Teil seines Lohns geschickt, als die Anhänglichkeit an seinen Herrn und der Stolz seines Charakters ihn in eine Affäre verwickelten, die in ihrem Ursprung ein Nichts war und doch sehr böse Folgen hatte.

Herr von Rançonnieres hatte in Courcelles einen Herrn von Fourmont zum Nachbarn, einen Rat vom Gericht in Chaumont. Die beiden Häuser waren nur durch einen Prellstein getrennt; dieser Prellstein behinderte das Tor Herrn von Rançonnieres und erschwerte den Wagen die Einfahrt. Herr von Rançonnieres ließ ihn einige Fußbreit zu Herrn von Fourmont hinüberrücken; dieser rückte ihn ebensoweit zu Herrn von Rançonnieres hinüber; und die Folge waren Haß, Beleidigungen und ein Prozeß zwischen den beiden Nachbarn. Der Prozeß wegen des Prellsteins hatte zwei oder drei andere von viel größerer Tragweite zur Folge. – So standen die Dinge, als eines Abends Herr von Rançonnieres, der in Begleitung seines Hegereiters Felix von der Jagd heimkehrte, auf der Landstraße mit dem Richter Fourmont und seinem Bruder, dem Offizier, zusammenstieß. Dieser sagte zu seinem Bruder: »Lieber Bruder, was meinst du, ob man diesem alten Schuft das Gesicht ein wenig zerfetzt?« Herr von Rançonnieres hörte diese Worte nicht, wohl aber hörte sie Felix, der sich stolz an den jungen Mann wandte und zu ihm sagte: »Mein Offizier, sind Sie wohl tapfer genug, nun auch zur Ausführung zu bringen, was Sie eben gesagt haben?« Damit legte er seine Flinte nieder und faßte an seinen Säbel, denn ohne seinen Säbel war er nie. Der junge Offizier zog seinen Degen und ging auf Felix los; Herr von Rançonnieres trat hinzu, mischte sich ein, hielt seinen Hegereiter fest. Aber der Offizier bemächtigte sich der Flinte, die auf dem Boden lag, und zielte auf Felix, schoß aber fehl. Felix erwiderte mit einem Säbelhieb, daß der Degen des jungen Mannes herabfiel und mit dem Degen die Hälfte des Arms: und so entstand nach den drei oder vier Zivilprozessen ein Kriminalprozeß. Felix wird wieder eingesperrt, ein furchtbares Gerichtsverfahren nimmt seinen Anfang; im Laufe dieses Verfahrens wird ein hoher Beamter seines Amtes entsetzt und fast entehrt, ein Offizier aus seinem Regiment ausgestoßen; Herr von Rançonnieres stirbt fast vor Kummer und Felix, dessen Haft noch immer andauert, ist dem ganzen Hasse der Fourmonts ausgesetzt. Er hätte ein trauriges Ende genommen, wenn nicht die Liebe seine Rettung gewesen wäre: die Tochter des Kerkermeisters faßte eine große Leidenschaft für ihn und ermöglichte seine Flucht: wenn das nicht wahr ist, wird es wenigstens allgemein angenommen. Er ist nach Preußen gegangen, wo er jetzt bei der Garde dient. Man sagt, er sei bei seinen Kameraden sehr beliebt, und sogar der König kenne ihn. Er heißt allgemein der Traurige. Oliviers Witwe sagte mir, daß er sie noch immer unterstütze.

Dies, gnädige Frau, ist alles, was ich von Felix habe erfahren können. Ich füge meinem Bericht einen Brief Herrn Papins, unseres Pfarrers bei. Ich weiß nicht, was darin steht, aber ich fürchte, daß der arme Pfarrer, dessen Horizont ein wenig beschränkt und dessen Herz vorurteilsvoll ist, nur seinen Vorurteilen gemäß über Olivier und Felix spricht. Ich beschwöre Sie, gnädige Frau, sich an die Tatsachen zu halten, auf deren Wahrheit Sie sich verlassen können, und an die Güte Ihres Herzens, das Sie besser beraten wird als der erste Kasuist der Sorbonne, der Herr Papin eben nicht ist.

 

Brief des Herrn Papin, Doktors der Theologie, und Pfarrers an Sankt Marien zu Bourbonne

»Ich weiß nicht, gnädige Frau, was der Herr Subdelegat Ihnen von Olivier und Felix erzählt hat und welches Interesse Sie an zwei Straßenräubern nehmen können, deren sämtliche Schritte in dieser Welt mit Blut getränkt sind. Die Vorsehung, die den einen züchtigte, hat dem andern einige Augenblicke Frist bewilligt, die er aber, wie ich fürchte, nicht nutzen wird; doch Gottes Wille geschehe! Ich weiß, daß es unter uns Menschen gibt (und es sollte mich gar nicht wundern, wenn der Herr Subdelegat zu ihnen gehörte), die von diesen beiden Männern als von den Mustern einer seltenen Freundschaft sprechen. Aber was gilt in den Augen Gottes die wunderbarste Tugend, wenn sie der Gefühle der Frömmigkeit, des Respekts vor der Kirche und ihren Dienern, sowie der Unterwerfung unter das Gesetz des Landesherrn völlig bar ist? Olivier ist vor der Tür seines Hauses gestorben, ohne die Sakramente empfangen zu haben; als ich zu Felix gerufen wurde, der bei den beiden Witwen war, habe ich nichts weiter aus ihm herausbringen können als den Namen Olivier; kein Zeichen von Frömmigkeit, kein Zeichen von Reue. Ich kann mich nicht erinnern, daß dieser Mann ein einziges Mal im Beichtstuhl erschienen wäre. Die Frau Oliviers ist eine arrogante Person, die mir bei mehr als einer Gelegenheit den schuldigen Respekt versagt hat; unter dem Vorwand, lesen und schreiben zu können, glaubt sie sich imstande, ihre Kinder zu erziehen, und man sieht sie weder in den Gemeindeschulen noch in meinem Unterricht. Nun mögen Sie selber urteilen, verehrte gnädige Frau, ob Menschen dieser Art der Güte würdig seien! Das Evangelium predigt uns unausgesetzt Mitleid mit den Armen; aber man verdoppelt das Verdienst der Wohltaten, wenn man die Unglücklichen gut auswählt; und niemand kennt die wahrhaft Bedürftigen besser als der gemeinsame Seelenhirt der Bedürftigen wie der Reichen. Wenn Sie mich Ihres Vertrauens würdigen wollten, verehrte gnädige Frau, könnte ich vielleicht die Zeichen Ihrer Wohltätigkeit in einer für die Unglücklichen nützlicheren und für Sie selbst verdienstvolleren Weise verwenden.

Ich bin mit Verehrung usw.«

 

Frau von X. dankte dem Subdelegaten Aubert für seine guten Absichten und schickte ihr Almosen Herrn Papin mit dem folgenden Briefchen:

»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre weisen Ratschläge. Ich gestehe, daß die Geschichte dieser beiden Männer mich gerührt hatte, und Sie werden zugeben, daß das Beispiel einer so seltenen Freundschaft ganz dazu angetan war, eine ehrenhafte und gefühlvolle Seele zu verführen; aber Sie haben mich aufgeklärt, und ich sehe ein, daß man seine Hilfe lieber christlichen Tugenden angedeihen lassen soll als natürlichen, heidnischen Tugenden. Ich bitte Sie, die bescheidene Summe anzunehmen, die ich Ihnen sende, und sie nach den Grundsätzen einer verständigeren Wohltätigkeit, als die meine es ist, zu verteilen.

Ich habe die Ehre, zu verbleiben usw.«

 

Man kann sich wohl denken, daß Oliviers Witwe und Felix keinen Anteil an den Almosen der Frau von X. hatten. Felix starb und die arme Frau würde elendiglich mit ihren Kindern umgekommen sein, wenn sie nicht im Walde bei ihrem ältesten Sohn eine Zuflucht gefunden hätte, wo sie trotz ihrem hohen Alter arbeitet und an der Seite ihrer Kinder und Enkelkinder, so gut sie kann, ihr Dasein fristet.

Es gibt überhaupt drei Arten von Erzählungen. Es gibt sehr viel mehr, meinen Sie … Mag sein; aber ich unterscheide die Erzählungsart Homers, Virgils und Tassos und nenne das die wunderbare Erzählung. In ihnen ist die Natur übertrieben, die Wahrheit aber hypothetisch: und wenn der Erzähler den von ihm gewählten Maßstab streng innehält, wenn alles diesem Maßstab entspricht, sowohl in den Handlungen als auch in den Reden, so hat er den Grad von Vollkommenheit erreicht, dessen die Gattung, der sein Werk angehört, überhaupt fähig ist, und Sie haben nichts weiter von ihm zu verlangen. Wenn Sie seine Dichtung betreten, setzen Sie den Fuß in unbekanntes Land, wo nichts so zugeht wie in dem Lande, in dem Sie wohnen, sondern wo alles im Großen geschieht, wie um Sie her die Dinge im Kleinen geschehen. Es gibt die scherzhafte Erzählung nach Art La Fontaines, Vergiers, Ariosts, Hamiltons, in der der Erzähler sich weder die Nachahmung der Natur, noch die Wahrheit, noch die Illusion zum Zweck gesetzt hat; er schwingt sich in eingebildete Räume. Sagen Sie ihm: sei heiter, geistreich, mannigfaltig, originell, auch extravagant, ich bin mit allem einverstanden; aber ich muß durch die Einzelheiten hingerissen werden; der Reiz der Form muß die Unwahrscheinlichkeit des Stoffes verhüllen; tut dieser Erzähler, was Sie verlangen, so hat er alles getan. Endlich gibt es noch historische Erzählungen, wie sie uns in den Novellen Scarrons, Cervantes, Marmontels vorgeführt werden …

Zum Teufel mit der historischen Erzählung mit samt ihrem Erzähler! Das ist ein platter, kühler Lügner …

Ja, wenn er sein Handwerk nicht versteht. Er nimmt sich vor, Sie zu täuschen; er sitzt an Ihrem Herd, er wählt sich die strengste Wahrheit zum Thema; er verlangt, daß man ihm glaubt; er will interessieren, rühren, fortreißen, erregen, er will, daß Tränen fließen und einem ein Schauder über die Haut läuft; eine Wirkung, die er nicht ohne Beredsamkeit und ohne Poesie erreicht. Aber die Beredsamkeit ist eine Art Lüge, und nichts widerstrebt der Illusion mehr als die Poesie; die eine wie die andere übertreibt, bauscht auf, vergrößert, flößt Mißtrauen ein: wie muß sich also dieser Erzähler verhalten, um Sie zu täuschen? Hören Sie zu: Er wird seiner Erzählung Einzelheiten einflechten, die so eng mit der Sache zusammenhängen, wird so einfache, so natürliche und doch so schwer zu erfindende Züge hineinverweben, daß Sie sich sagen müssen: Bei Gott, das ist wahr! Solche Dinge erfindet man nicht. Auf diese Weise wird er die Übertreibungen der Poesie und der Beredsamkeit vor jedem Verdacht bewahren; die Wahrheit der Natur wird das Blendwerk der Kunst verhüllen; und er wird zwei Bedingungen erfüllen, die sich zu widersprechen scheinen; nämlich gleichzeitig Historiker und doch Dichter, wahrhaft und lügnerisch zugleich zu sein.

Ein einer andern Kunstgattung entlehntes Beispiel wird das, was ich sagen will, vielleicht verständlicher machen. Ein Maler entwirft auf der Leinwand einen Kopf. Alle Formen sind kräftig, groß und regelmäßig; es ist ein vollkommenes und erlesenes Ganzes. Ich empfinde, wenn ich es betrachte, Respekt, Bewunderung, Furcht. Ich suche das Modell in der Natur und finde es nicht; im Vergleich zu ihm ist alles schwach, klein und dürftig; es ist ein idealer Kopf, das fühle ich und sage es mir. Läßt aber der Künstler mich an der Stirn dieses Kopfes eine leichte Narbe sehen, eine Warze an einer Schläfe, eine unmerkliche Schnittwunde an der Unterlippe, so ist der Kopf sofort aus dem Idealbilde, das er war, ein Porträt geworden. Eine Pockennarbe am Auge oder an der Nase, und dies Frauenantlitz ist nicht mehr das Antlitz der Venus, sondern das Porträt irgendeiner meiner Nachbarinnen. Ich möchte also unseren historischen Erzählern sagen: Eure Gestalten sind schön, wenn ihr wollt, aber ihnen fehlt die Warze an der Schläfe, die Schnittwunde an der Lippe, die Pockennarbe an der Nase, um sie wahr zu machen, oder um mit meinem Freunde Caillot zu sprechen: »Ein wenig Staub auf meine Schuhe, und ich komme nicht aus meiner Loge, sondern kehre vom Lande heim.«

Atque ita mentitur, sic veris falsa remiscet,
Primo ne medium, medio ne discrepet imum.

Horat. De Art poet., v. 151.

Und schließlich noch etwas Moral nach ein wenig Poesie, das geht glänzend. Felix war ein Bettler, der nichts besaß; Olivier war auch ein Bettler, der ebenfalls nichts besaß: das gleiche gilt von dem Köhler, der Köhlerin und den andern Persönlichkeiten dieser Geschichte; man kann daraus den Schluß ziehen, daß wirkliche und dauerhafte Freundschaften nur zwischen Menschen möglich sind, die nichts besitzen. Dann ist ein Mensch das ganze Hab und Gut seines Freundes, wie sein Freund das seine ist. Daraus ergibt sich die Wahrheit der Erfahrung, daß das Unglück die Bande fester schlingt, ergibt sich der Stoff zu einem weiteren Abschnitt für die erste Ausgabe des Buches »Vom Geist«.


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