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8. Der Besitzer eines Gentlemen meldet sich

Neununddreissigstes Kapitel.
Die Entdeckung.


Ich war dreiundzwanzig Jahre alt. Ich hatte kein Wort weiter gehört, das mich über meine Erwartungen aufgeklärt hätte, und es war bereits eine Woche seit meinem dreiundzwanzigsten Geburtstage vergangen. Wir waren bereits seit mehr als einem Jahre aus Barnards Inn fortgezogen und wohnten jetzt im Temple. Unsere Wohnung lag in Gardencourt unten am Fluß.

Mr. Pocket und ich hatten uns, was unser ursprüngliches gegenseitiges Verhältniß betraf, schon seit einiger Zeit getrennt, doch fuhren wir fort, einander auf dem freundschaftlichsten Fuße zu begegnen. Obgleich ich mich nicht zu einem bestimmten Beruf entschließen konnte – ein Umstand, der, wie ich hoffe, aus der unsichern, unvollständigen Besitzart meiner Geldmittel entstand – fand ich doch Geschmack am Studium, und studirte deshalb täglich gewisse Stunden. Jene Angelegenheit Herberts nahm ihren ruhigen Verlauf, und mit mir war noch Alles wie zur Zeit, wo ich das letzte Kapitel schloß.

Herbert befand sich auf einer Geschäftsreise nach Marseille. Ich war allein und hatte ein drückendes Gefühl der Einsamkeit. Niedergeschlagen und sorgenvoll, immer hoffend, daß der folgende Tag oder die nächste Woche mich meinen Weg klar vor mir sehen lassen werde, und immer getäuscht, vermißte ich sehr das fröhliche Gesicht und die lebhafte Unterhaltung meines Freundes.

Es war ein schauerliches Wetter; stürmisch und naß, stürmisch und naß; und Schlamm, Schlamm, Schlamm, tief in allen Straßen. Einen Tag nach dem andern hatte sich aus Osten ein weiter, schwerer Schleier über London hingezogen, und derselbe wurde noch immer daher getrieben, wie wenn es im Osten eine Unendlichkeit von Wind und Wolken gäbe. Die Windstöße waren so gewaltig gewesen, daß sie in der Stadt von den höheren Gebäuden die Bleidächer herunterrissen, auf dem Lande Bäume entwurzelten und Windmühlenflügel zerbrachen, und daß von der Seeküste her traurige Berichte von Schiffbrüchen und verlorenen Menschenleben anlangten. Heftige Regengüsse hatten diese Windeswuth begleitet, und der Tag, der gerade im Sinken war, als ich mich niedersetzte, um zu studiren, war der schlimmste von allen gewesen.

Es haben seit jener Zeit mancherlei Veränderungen im Temple Statt gefunden, und derselbe macht jetzt nicht mehr den Eindruck der Einsamkeit, den er damals machte, noch ist er so sehr dem Winde vom Strome her ausgesetzt, wie früher. Wir wohnten in der obersten Etage des letzten Hauses am Flußufer, und der Wind, welcher gefegt kam, erschütterte das Haus in jener Nacht wie Kanonenschüsse, oder die Brandung einer tobenden See. Als der Regen dann noch dazu kam und gegen die Fenster schlug, hätte ich mich, wie ich hinblickte und sie erzittern sah, in einem vom Sturme umsausten Leuchtthurme wähnen können.

Von Zeit zu Zeit kam der Rauch den Kamin herunter, als könnte er sich nicht entschließen, in einer solchen Nacht hinaus in die Luft zu steigen; und als ich die Thüren öffnete und die Treppe hinabschaute, sah ich, daß die Treppenlampen ausgelöscht waren, und als ich, meine Hände über meine Augen haltend, durch die schwarzen Fenster blickte (es konnte keine Rede davon sein, sie, wenn auch noch so wenig, in einem solchen Sturm und Regen zu öffnen), sah ich, daß die Lampen im Hofe ebenfalls ausgelöscht waren, und daß die auf den Brücken und am Ufer entlang stehenden im Winde erzitterten, und daß die Kohlenfeuer in den Flußböten wie rothglühende Flecken durch den Wind von dannen getragen wurden.

Ich las mit der Uhr vor mir auf dem Tische, in der Absicht, um elf Uhr mein Buch zu schließen. Als ich es schloß, schlugen die Glocken der Sanct Paulskirche und die vielen anderen Kirchen der City – einige voran, einige zusammen und noch andere ein wenig hinterher– jene Stunde an. Der Klang wurde in sonderbarer Weise durch den Wind brüchig gemacht, und ich horchte und dachte, wie der Wind ihn bestürme und zerreiße, als ich Fußtritte auf der Treppe hörte.

Welche nervenschwache Thorheit mich zusammenfahren und dieselben mit dem Fußtritte meiner todten Schwester in Verbindung bringen machte, ist unerheblich. Es war augenblicklich wieder vorbei, und ich horchte abermals und hörte, daß die Schritte im Heraufkommen stolperten. Da ich mich erinnerte, daß die Treppenlampen vom Winde ausgelöscht waren, nahm ich meine Studirlampe und ging bis an die Treppe. Wer immer unten sein mochte, war stehen geblieben, als er meine Lampe erblickt, denn es war Alles ruhig.

»Ist nicht Jemand dort unten?« rief ich, indem ich hinabsah.

»Ja,« sagte eine Stimme aus der Dunkelheit herauf.

»Nach welchem Stockwerk wollen Sie?«

»Nach dem obersten. Zu Mr. Pip.«

»Der bin ich. Es ist doch kein Unglück geschehen?«

»Nein, kein Unglück,« entgegnete die Stimme, und der Mann kam herauf.

Ich hielt die Lampe über das Treppengeländer, und er kam langsam in ihren Lichtkreis. Es war eine Schirmlampe zum Studiren, und ihr Lichtkreis daher nur ein enger; so daß der Mann nur einen Augenblick in demselben zu sehen war. In diesem Augenblicke hatte ich ein Gesicht gesehen, welches mir fremd war, und das mit einem unbegreiflichen Ausdruck von Rührung und Freude über meinen Anblick mir zugewendet war.

Indem ich meine Lampe drehte, wie der Mann näher kam, gewahrte ich, daß er gute, obwohl grobe Kleider trug: wie ein Seereisender. Daß er langes, eisengraues Haar hatte. Daß er ungefähr sechzig Jahre alt war. Daß er ein kräftiger Mann und fest auf seinen Beinen, und daß er vom Wetter gebräunt und gehärtet war.

Als er die beiden letzten Stufen heraufkam und das Licht meiner Lampe uns Beide umleuchtete, sah ich mit einer Art bestürztem Erstaunen, daß er mir seine beiden Hände entgegenstreckte.

»Bitte, was führt Sie her?« fragte ich ihn.

»Was mich hierher führt?« wiederholte er. »Ach, ja wohl! Ich will Ihnen, wenn Sie mirs erlauben wollen, erklären, was mich herführt.«

»Wünschen Sie hereinzukommen?«

»Ja,« erwiederte er; »ich wünsche hereinzukommen, Master.«

Ich hatte die Frage auf ziemlich ungastliche Weise gethan, denn ich nahm das strahlende frohe Erkennen, das noch immer aus seinem Gesichte leuchtete, übel. Ich nahm es übel, weil es vorauszusetzen schien, daß er eine Erwiederung desselben von meiner Seite erwartete. Doch führte ich ihn in das Zimmer, das ich soeben verlassen, und ersuchte ihn, nachdem ich die Lampe auf den Tisch gesetzt, so höflich, wie mir dies möglich war, sich zu erklären.

Er schaute sich mit der seltsamsten Miene um – einer Miene verwunderten Vergnügens, wie wenn er einen Antheil gehabt an den Sachen, welche er bewunderte – und legte dann seinen groben Ueberrock und seinen Hut ab. Und dann sah ich, daß seine Stirn kahl und gefurcht war, und daß das lange eisengraue Haar nur an den Seiten des Kopfes wuchs. Aber ich sah nichts, das mir im geringsten Aufklärung über ihn gegeben hätte. Im Gegentheil, ich sah ihn im nächsten Augenblicke nochmals die Hände nach mir ausstrecken.

»Was wollen Sie eigentlich?« sagte ich, indem ich halb zu argwöhnen anfing, daß er wahnsinnig sei.

Er wandte seine Blicke von mir ab und strich sich langsam mit der rechten Hand über den Kopf.

»Es ist eine große Enttäuschung für einen Menschen,« sagte er mit rauher gebrochener Stimme, »der sich so darauf gefreut hat, und aus solcher Ferne deshalb hergekommen ist; aber Sie sind deshalb nicht zu tadeln – es ist Keiner von uns Beiden deshalb zu tadeln. Ich will gleich reden – in einer halben Minute. Lassen Sie mir eine halbe Minute Zeit, bitte.«

Er setzte sich in einen Armstuhl, der vor dem Feuer stand, und bedeckte seine Stirn mit seinen großen, braunen, stark geaderten Händen. Ich betrachtete ihn dann aufmerksam und schauderte ein wenig vor ihm zurück: aber ich kannte ihn nicht.

»Es ist doch Niemand in der Nähe?« sagte er, über seine Schulter blickend; »wie?«

»Wozu thun Sie, ein Fremder, der um diese Zeit der Nacht in meine Wohnung kommt, eine solche Frage?« sagte ich.

»Sie sind von der rechten Sorte,« erwiederte er, mir mit einer ruhigen Zärtlichkeit zunickend, die ebenso unbegreiflich als ärgerlich für mich war; »es freut mich, daß Sie als Einer von der rechten Sorte aufgewachsen sind! Aber fassen Sie mich nicht an. Es würde Ihnen hernach leid thun, es gethan zu haben.«

Ich ließ, die Absicht fahren, die er errathen hatte, denn ich kannte ihn! Ich konnte mich auch jetzt noch nicht eines einzigen seiner Gesichtszüge erinnern, aber ich kannte ihn. Falls der Wind und Regen die dazwischenliegenden Jahre davongetrieben, alle dazwischenliegenden Gegenstände zerstreut und uns Beide nach dem Kirchhofe gefegt hätte, wo wir einander zum ersten Male und auf so verschiedenem Fuße gegenübergestanden, hätte ich meinen Sträfling nicht deutlicher erkennen können, als ich ihn jetzt erkannte, da er in dem Armstuhle vor dem Feuer saß.

Es war unnöthig, eine Feile aus der Tasche zu nehmen und sie mir zu zeigen; unnöthig, das Halstuch abzunehmen und um seinen Kopf zu binden; unnöthig, mit frostig verschlungenen Armen schaudernd durch das Zimmer zu gehen und sich dabei nach mir umzuschauen, ob ich ihn jetzt erkenne. Ich kannte ihn, ehe er durch ein einziges dieser Hülfsmittel meinem Gedächtnisse zu Hülfe kam, obgleich ich noch einen Augenblick vorher weit entfernt gewesen war, diese Identität auch nur zu ahnen.

Er kam an die Stelle zurück, an der ich stand, und streckte mir nochmals seine Hände entgegen. Ich wußte nicht, was ich thun sollte, – denn in meinem Erstaunen hatte ich alle meine Fassung verloren – doch gab ich ihm widerstrebend meine Hände. Er faßte sie voll Herzlichkeit, hob sie an die Lippen, küßte sie, und hielt sie noch immer fest.

»Du handeltest edel, mein Junge,« sagte er. »Edel, Pip! Und ich habe es nie vergessen!«

Seine Haltung hier veränderte sich, als wenn er im Begriffe sei, mich sogar zu umarmen, weshalb ich ihm meine Hand auf die Brust legte und ihn zurückschob.

»Halt!« sagte ich. »Nicht näher! Falls Sie mir dankbar sind für das, was ich als kleines Kind für Sie gethan habe, so hoffe ich, daß Sie Ihre Dankbarkeit dadurch bewiesen, daß Sie Ihren Lebenswandel geändert haben. Falls Sie hergekommen sind, um mir zu danken, so war dies nicht nöthig. Wie Sie mich auch aufgefunden haben mögen, so muß doch dem Gefühle, das Sie hergeführt, etwas Gutes zum Grunde liegen, und ich stoße Sie nicht zurück; sicherlich aber müssen Sie begreifen, daß – ich …«

Meine Aufmerksamkeit wurde hier in dem Grade durch das Eigenthümliche in dem Blicke gefesselt, den er auf mich richtete, daß die Worte mir auf den Lippen erstarben.

»Sie wollten sagen,« bemerkte er, als wir einander eine Weile schweigend angeblickt, »daß ich sicherlich begreifen muß. Was muß ich sicherlich begreifen?«

»Daß ich nicht wünschen kann, den zufälligen Verkehr jener längst vergangenen Zeit unter den jetzigen gänzlich verschiedenen Verhältnissen mit Ihnen zu erneuern. Es freut mich, glauben zu können, daß Sie bereut und sich gebessert haben. Es freut mich, Ihnen dies zu sagen, und es freut mich, daß Sie, indem Sie dachten, daß ich Ihren Dank verdiene, herkamen, um mir zu danken. Dessenungeachtet aber gehen unsere Wege weit auseinander. Sie sind durchnäßt und müde. Wollen Sie etwas trinken, ehe Sie gehen?«

Er hatte sein Tuch wieder lose um den Hals geschlungen, und stand, an dem einen Ende desselben kauend, und mich aufmerksam betrachtend, da.

»Ich denke,« sagte er, indem er noch immer daran weiter kaute und mich betrachtete, »daß ich etwas trinken will (und danke Ihnen), ehe ich gehe.«

Auf einem Seitentische stand ein Präsentirbret mit allem Erforderlichen. Ich stellte dasselbe auf den Tisch am Feuer und fragte ihn, was er trinken wolle? Er berührte eine der Flaschen, ohne sie anzusehen, oder zu sprechen, und ich mischte etwas Rum mit heißem Wasser für ihn. Ich bemühte mich, dies mit sicherer Hand zu thun, aber der Blick, den er auf mich heftete, indem er sich auf dem Armstuhle zurücklehnte, wobei er noch immer das Ende des Halstuches, das er offenbar vergessen, zwischen den Zähnen hielt, machte es mir sehr schwer, das Zittern meiner Hand zu bemeistern. Als ich ihm endlich das Glas hinreichte, sah ich zu meinem neuen Erstaunen, daß ihm die Thränen in den Augen standen.

Bis zu diesem Augenblicke hatte ich mich nicht gesetzt, damit er sich nicht darüber täuschen möge, daß ich ihn fortwünschte. Doch der weichere Ausdruck in dem Gesicht des Mannes erweichte auch mich und ich fühlte eine Anwandlung von Reue.

»Ich hoffe,« sagte ich, indem ich eilig in einem Glase etwas für mich zum Trinken mischte, und einen Stuhl an den Tisch zog, »daß Sie das, was ich soeben zu Ihnen sagte, nicht hart finden werden. Ich beabsichtigte es nicht, und es thut mir leid, wenn ich Sie verletzt habe. Ich wünsche, daß es Ihnen gut gehen und Sie glücklich sein mögen.«

Als ich mein Glas an meine Lippen führte, blickte er erstaunt auf das Ende des Halstuches, das seinem Munde entfiel, indem er Denselben öffnete und die Hand ausstreckte. Ich gab ihm die meinige, worauf er trank und sich mit dem Aermel über die Stirn und Augen fuhr.

»Welche Art von Leben führen Sie jetzt?« fragte ich ihn.

»Ich bin da hinten in der neuen Welt ein Schäferknecht, Viehzüchter und allerlei dergleichen gewesen,« sagte er, »viele tausend Meilen stürmischen Wassers von hier.«

»Ich hoffe, es ist Ihnen gut gegangen?«

»Wunderbar gut. Anderen, die mit mir zugleich hinausgingen, ist es auch gut gegangen; aber keinem Einzigen auch nur im entferntesten so gut wie mir. Ich bin bekannt dafür.«

»Es freut mich, das zu hören.«

»Ich hoffte, Dich das sagen zu hören, mein lieber Junge.«

Ohne zu versuchen, diese Worte oder den Ton, in dem sie gesprochen wurden, zu verstehen, ging ich zu einem Punkte über, der mir soeben in den Kopf gekommen war.

»Haben Sie je einen Ihrer Boten an mich gesehen,« fragte ich, »seit er den Auftrag übernahm?«

»Habe ihn nie wieder mit Augen erblickt. Und es war auch nicht wahrscheinlich.«

»Er hat sein Versprechen treulich gehalten und mir die zwei Einpfundnoten gebracht. Ich war damals, wie Sie wissen, ein armer Knabe, und dies Geld war ein kleines Vermögen für einen armen Knaben. Aber gleich Ihnen, ist mirs seitdem gut in der Welt ergangen, und Sie müssen mir erlauben, es Ihnen wiederzugeben. Sie können es einem andern armen Knaben zu Gute kommen lassen.« Ich zog meine Börse heraus.

Er beobachtete mich, als ich meine Börse auf den Tisch legte, und beobachtete mich, während ich zwei Einpfundnoten von dem Inhalte derselben trennte. Dieselben waren sauber und neu, und ich faltete sie auseinander und reichte sie ihm hinüber. Er legte sie, mich noch immer beobachtend, auf einander, dann der Länge nach zusammen, drehte sie ein Mal um und brannte sie an der Lampe an, und ließ dann die Asche auf das Präsentirbret fallen.

»Darf ich mir wohl erlauben,« sagte er darauf mit einem Lächeln, das wie ein Zürnen, und einem Zürnen, das wie ein Lächeln aussah, »Sie zu fragen, auf welche Weise es Ihnen gut ergangen ist, seitdem wir zusammen auf jenen einsamen frostigen Marschen waren?«

»Auf welche Weise?«

»Ach!«

Er leerte sein Glas, stand auf, und stellte sich, indem er seine schwere braune Hand auf den Kaminsims legte, neben das Feuer. Er stellte einen seiner Füße auf den Eisenrost, um ihn zu trocknen und zu wärmen, und der nasse Stiefel begann zu dampfen; doch sah er weder den Stiefel noch das Feuer an, sondern immer nur fest auf mich. Jetzt erst fing ich zu zittern an.

Als ich meine Lippen geöffnet und einige Worte gebildet hatte, die ohne Klang geblieben waren, zwang ich mich, ihm zu sagen (obgleich ich es nicht mit Deutlichkeit zu thun im Stande war), daß mich Jemand zum Erben seines Vermögens eingesetzt habe.

»Darf ein solches Geschmeiß, wie ich, sich die Frage erlauben: was für ein Vermögen?« sagte er.

Ich sagte mit bebender Stimme:

»Ich weiß es nicht.«

»Darf ein solches Geschmeiß fragen: wessen Vermögen?« sagte er.

Ich stammelte abermals:

»Ich weiß es nicht.«

»Ob ich wohl rathen kann,« sagte der Sträfling, »was Ihr Jahreseinkommen gewesen ist, seitdem Sie mündig wurden? Die erste Zahl zum Beispiel! Eine Fünf?«

Während mein Herz pochte wie ein schwerer Hammer in einem in Unordnung gerathenen Räderwerke, erhob ich mich von meinem Stuhle, und stand, indem ich mich mit der einen Hand auf dem Stuhlrücken stützte, ihn wild anblickend da.

»Und was den Vormund betrifft,« fuhr er fort. »Sie mußten einen Vormund haben, so lange Sie unmündig waren. Vielleicht irgend einen Advocaten. Der erste Buchstabe von dieses Advocaten Namen, zum Beispiel; war es etwa ein J?«

Blitzschnell durchfuhr mich die ganze Wahrheit meiner Lage, und die Schande, die Täuschungen, Gefahren und Folgen aller Art derselben stürzten in solcher Masse über mich her, daß ich von ihnen überwältigt wurde und förmlich nach Athem ringen mußte.

»Gesetzt,« fuhr er fort, »Derjenige, welcher dem Advocaten, dessen Name mit einem J anfängt, was vielleicht Jaggers heißen mag, Aufträge gegeben – gesetzt er wäre übers Meer nach Portsmouth gekommen, wäre dort gelandet, und es hätte ihn danach verlangt, zu Ihnen zu kommen? ›Wie Sie mich auch aufgefunden haben mögen‹, sagten Sie vorhin. Nun! Wie fand ich Sie? Nun, ich schrieb von Portsmouth aus an Jemand in London, um genau Ihre Adresse zu erfahren. Der Name dieses Jemands? Nun, Wemmick.«

Ich hätte kein Wort sprechen können, und wenn ich mir dadurch das Leben hätte retten müssen. Ich stand, mit der einen Hand auf die Stuhllehne gestützt und mit der andern auf der Brust, wo ich zu ersticken schien – so stand ich da, ihn wild anblickend, bis ich mit beiden Händen den Stuhl ergriff, da sich das Zimmer um mich zu drehen anfing. Er fing mich auf, zog mich ans Sopha, lehnte mich an die Kissen und beugte ein Knie vor mir, indem er das Gesicht, dessen ich mich jetzt sehr wohl erinnerte und vor dem mirs schauderte, sehr nahe an das meinige brachte.

»Ja, Pip, lieber Junge, ich habe einen Gentleman aus Dir gemacht! Ich war es, der es that! Ich habe damals geschworen, daß, sowie ich mir eine Guinee verdiente, diese Guinee Dir gehören sollte. Und später habe ich mir geschworen, daß, falls ich je speculirte und reich würde, Du reich werden solltest. Ich führte ein rauhes Leben, damit Deines um so glatter würde; ich arbeitete fort, damit Du ohne Arbeit leben könntest. Was machts, lieber Junge? Sage ich Dir dies etwa, damit Du Dich mir verpflichtet fühlen sollst? Ganz gewiß nicht. Ich sage es Dir, damit Du erfährst, daß jener gehetzte Düngerhaufen-Hund, den Du am Leben erhieltest, seinen Kopf so hoch erhoben hat, daß er einen Gentleman machen konnte – und dieser Gentleman, Pip, bist Du!«

Der Abscheu, den ich gegen den Menschen fühlte, die Furcht, die ich vor ihm hatte, der Widerwille, mit dem ich vor ihm zurückschauderte, hätten nicht größer sein können, falls er irgend ein todbringendes Thier gewesen wäre.

»Sieh her, Pip. Ich bin Dein zweiter Vater. Du bist mein Sohn – bist mir mehr, als je ein Sohn mir sein könnte. Ich habe Geld gespart, nur damit Du es gebrauchst. Als ich noch als Schäferknecht diente und in einer einsamen Hütte lebte und nie ein anderes Gesicht sah als Schafsgesichter, bis ich fast vergessen hatte, wie Männer- und Frauengesichter aussähen, sah ich stets Dein Gesicht. Wohl manches Mal habe ich, wenn ich in jener Hütte bei meinem Mittag- oder Nachtessen war, mein Messer fallen lassen und gesagt: Hier ist der Junge wieder, und sieht mich an, während ich esse und trinke! Ich habe Dich dort wohl manches Mal gesehen, gerade so deutlich, wie damals auf den nebeligen Marschen. Der Herr strafe mich! sagte ich jedes Mal – und ich ging hinaus unter den freien Himmel, um es zu sagen – wenn ich nicht, sowie ich Freiheit und Geld bekomme, aus jenem Knaben einen Gentleman mache! Und ich habs gethan. Sieh Dich nur selbst an, lieber Junge! Sieh nur diese Wohnung an, in der Du wohnst, ob sie nicht gut genug ist für einen Lord! Ein Lord? Ah! Du sollst mit Lords um die Wette Geld aufgehen lassen und es ihnen zuvorthun!«

In seiner Wärme und seinem Triumphe und wissend, daß ich beinahe ohnmächtig geworden, bemerkte er gar nicht, wie ich alles Dies aufnahm. Und dies war das eine Körnchen von Erleichterung, das ich hatte.

»Sieh her!« fuhr er fort, indem er meine Uhr hervorzog und einen Ring an meinem Finger zu sich herum drehte, während ich vor seiner Berührung zurückbebte, wie wenn er eine Schlange gewesen wäre; »eine goldene, und eine Pracht; das nenn ich eine Uhr für einen Gentleman! Ein Diamant, ganz in Rubinen gefaßt, wie sichs für einen Gentleman gehört! Sich nur Deine Leinwand an, wie fein und schön! Sich Deine Kleider an; die schönsten, die zu haben sind! Und dann Deine Bücher,« sagte er, indem seine Augen das Zimmer überblickten, »die zu Hunderten auf ihren Bretern aufgestellt sind! Und Du liest sie alle, wie? Ich sah, daß Du in einem von ihnen gelesen hattest, als ich herein kam. Ha, ha, ha! Du sollst sie mir vorlesen, lieber Junge! Und falls sie in fremden Sprachen geschrieben sind, die ich nicht verstehe, so werde ich doch ebenso stolz sein, als wenn ich sie verstände.«

Und abermals faßte er meine beiden Hände und drückte sie an seine Lippen, während mir das Blut in den Adern erstarrte.

»Denk Du nicht daran, zu sprechen, Pip,« sagte er, nachdem er sich nochmals mit dem Aermel über Stirn und Augen gefahren, und ich jenes Geräusch in seinem Halse gehört hatte, dessen ich mich so wohl erinnerte – und er war mir dadurch, daß er so sehr ernst war, nur noch um so fürchterlicher; »Du kannst nichts Besseres thun, als Dich ruhig verhalten, lieber Junge. Du hast Dich nicht langsam, allmälig und voll Sehnsucht auf diesen Augenblick vorbereitet, wie ich; Du hast ihn nicht erwartet, wie ich. Aber ist es Dir niemals eingefallen, daß ich es sein könnte?«

»O nein, nein, nein,« erwiederte ich, »nie, nie!«

»Nun, und dennoch war ich es, siehst Du, und zwar ganz allein. Es war nie eine Seele weiter als ich dabei betheiligt, außer Mr. Jaggers.«

»Niemand weiter?« fragte ich.

»Nein,« sagte er mit einem Blicke der Verwunderung; »wer sollte wohl sonst noch dabei betheiligt gewesen sein? Und, mein lieber Junge, wie stattlich Du geworden bist! Es giebt gewiß irgendwo ein schönes Augenpaar – wie? Giebts nicht irgendwo ein schönes Augenpaar, an das Du gern denkst?«

»O Estella, Estella!«

»Es soll Dein werden, lieber Junge, falls Geld es gewinnen kann. Nicht, daß ein Gentleman wie Du, der so gut anzusehen ist, wie Du, sie nicht auch ohne das gewinnen könnte; aber Geld soll Dir helfen! Laß mich fortfahren mit Dem, was ich Dir erzählte, lieber Junge. Ich erhielt meine Freiheit aus jener Hütte und aus jenem Dienste, und begann dann für mich selbst. In Allem, was ich anfing, handelte ich für Dich. Der Herr möge es verderben, sagte ich bei Jedem, was ich anfing, welcher Art es auch sein mochte, wenn ich es nicht für ihn thue! Es glückte Alles wunderbar. Wie ich Dir so eben sagte, ich bin bekannt dafür. Es war der Ertrag der ersten paar Jahre, die ich heimschickte an Mr. Jaggers – für Dich ganz allein – als er, nach dem Wunsche, den ich ihm in meinem Briefe ausgesprochen, zuerst zu Dir kam.«

O, wäre er nie gekommen! Hätte er mich doch in der Schmiede gelassen, wo ich, obgleich weit entfernt, zufrieden zu sein, doch im Vergleiche glücklich war!

»Und dann, lieber Junge, war es mir eine Belohnung, siehst Du, im Geheimen zu wissen, daß ich einen Gentleman machte. Die Vollblutpferde der Colonisten mochten den Staub auf mich schleudern, wenn ich zu Fuß an ihnen vorüberkam; was sagte ich da wohl? Ich sagte zu mir: Ich mache einen bessern Gentleman, als Ihr ihn je abgeben werdet! Wenn Einer von ihnen zum Andern sagte: Er war ein Sträfling vor ein paar Jahren, und ist jetzt ein unwissender, gemeiner Kerl, trotz all seines Glücks, was sagte ich da wohl? Ich sagte zu mir: Falls ich kein Gentleman bin und nichts gelernt habe, so bin ich doch der Besitzer eines Gentleman. Ihr Alle besitzt Vieh und Land; wer von Euch aber besitzt einen echten, in London erzogenen, Gentleman? Auf diese Weise erhielt ich mich im Gange, und auf diese Weise behielt ich es unausgesetzt vor Augen, daß ich ganz sicher eines Tages herkommen und meinen lieben Jungen sehen und mich ihm zu erkennen geben wolle, auf seinem eigenen Boden.«

Er legte seine Hand auf meine Schulter. Ich schauderte zusammen bei dem Gedanken, daß möglicher Weise Blut daran klebte.

»Es war kein Leichtes für mich, Pip, jenen Welttheil zu verlassen, und es war nicht sicher. Aber ich bestand darauf, und je schwerer es war, desto fester bestand ich darauf, denn ich war nun einmal dazu entschlossen und darauf erpicht. Endlich gelang es mir. Lieber Junge, endlich habe ich es durchgesetzt.«

Ich versuchte, meine Gedanken zu sammeln, aber ich war wie betäubt. Es hatte mir fortwährend geschienen, als hörte ich mehr auf den Wind und Regen, als auf ihn; selbst jetzt konnte ich seine Stimme noch nicht von den Stimmen des Wetters trennen, obgleich diese laut waren und die seinige schwieg.

»Wo willst Du mich unterbringen?« fragte er nach einer kleinen Weile. »Ich muß irgendwo untergebracht werden, lieber Junge.«

»Zum Schlafen?« sagte ich.

»Ja; und um lange und fest zu schlafen,« antwortete er; »denn ich bin seit Wochen und Monden auf dem Meere umhergestoßen worden.«

»Mein Freund und Gefährte«, sagte ich, vom Sopha aufstehend, »ist verreist; Sie müssen sein Zimmer nehmen.«

»Er wird doch nicht morgen zurückkommen, wie?«

»Nein,« sagte ich beinahe mechanisch, ungeachtet meiner äußersten Anstrengungen; »morgen noch nicht.«

»Denn sieh her, lieber Junge,« sagte er, die Stimme senkend und indem er auf eindrucksvolle Weise einen langen Finger auf meine Brust legte, »es ist Vorsicht nothwendig.«

»Wie meinen Sie das? Warum Vorsicht?«

»Bei Gott! Es wäre der Tod!«

»Was wäre der Tod?«

»Ich wurde auf Lebenszeit fortgeschickt. Und es steht der Tod darauf, wenn man zurückkommt. Es sind in dem letzten Jahre gar zu Viele zurückgekommen, und ich würde ganz sicher gehangen werden, falls man mich finge.«

Es fehlte nichts weiter, als Dieses; der unglückliche Mann hatte, nachdem er mich Jahre lang mit seinen goldenen und silbernen Ketten beladen, sein Leben gewagt, um herüberzukommen und mich zu sehen, und jetzt hielt ich es in meinen Händen. Falls ich ihn geliebt hätte, anstatt ihn zu verabscheuen, falls ich mich mit der tiefsten Liebe und Bewunderung zu ihm hingezogen gefühlt hätte, anstatt mit dem tiefsten Widerwillen vor ihm zurückzuschaudern, so hätte es nicht schlimmer sein können. Im Gegentheil, es wäre besser gewesen, denn die Sorge um seine Erhaltung wäre dann natürlicher und zärtlicher Weise aus meinem Herzen entsprungen.

Meine erste Vorsichtsmaßregel war die, daß ich die Fensterladen zumachte, damit kein Licht von außen gesehen würde, und dann alle Thüren fest zu verschließen. Während ich dies that, stand er am Tische und trank Rum und aß Kuchen; und als ich ihn so beschäftigt sah, erblickte ich wieder meinen Sträfling in den Marschen bei seinem Mahle. Mir war fast, als müsse er jetzt gleich sich bücken und an seinem Beine zu feilen anfangen.

Nachdem ich in Herberts Zimmer gewesen und dort jede andere Verbindung mit der Treppe abgeschlossen hatte, als die, welche durch das Zimmer führte, in welchem unsere Unterhaltung Statt gefunden hatte, fragte ich ihn, ob er zu Bette gehen wolle? Er sagte ja, doch bat er mich, ihm etwas von meiner feinen »Herrenwäsche« zu bringen, daß er sie am Morgen anziehen könne. Ich brachte ihm dieselbe und legte sie für ihn zurecht, und wieder erstarrte all mein Blut, als er mich abermals bei beiden Händen faßte, um mir eine gute Nacht zu wünschen.

Ich verließ ihn, ohne zu wissen, wie ich dies machte, und schürte das Feuer in dem Zimmer, wo wir zusammen gesessen hatten, und setzte mich vor dem Kamin nieder, denn ich fürchtete mich zu Bette zu gehen. Während einer Stunde oder noch länger blieb ich noch zu betäubt, um denken zu können und nicht eher, als bis ich zu denken anfing, konnte ich mir vollständig bewußt werden, wie tief ich zu Grunde gerichtet, und wie gänzlich das Schiff zertrümmert sei, in dem ich gesegelt.

Miß Havishams Absichten für mich – nichts als ein Traum; Estella nicht für mich bestimmt; ich selbst in Satishaus nur geduldet als eine Bequemlichkeit, um als ein Stachel für die habgierigen Verwandten zu dienen, ein Modell mit einem Herzmechanismus, an dem man sich üben konnte, wenn keine andere Uebung zu haben war; dies waren die ersten Stiche, die ich fühlte. Aber der schärfste und tiefste Stich von allen war, daß ich, um des Sträflings willen, der, ich weiß nicht welches Verbrechens schuldig war, und jeden Augenblick aus diesen Zimmern, wo ich saß, hinweggeführt werden konnte, um an der Thür von Old Bailey gehangen zu werden – Joe verlassen hatte.

Ich wäre jetzt um nichts in der Welt zu Joe, um nichts in der Welt zu Biddy zurückgekehrt: und zwar, wie ich glaube, ganz einfach deshalb nicht, weil das Gefühl meines eigenen unwürdigen Betragens gegen sie stärker war, als alles Andere. Keine Weisheit der Erde hätte mir den Trost bieten können, den ich in ihrer Einfachheit und treuen Liebe gefunden haben würde; aber nimmer, nimmer, nimmer konnte ich das ungeschehen machen, was ich gethan hatte.

Ich hörte fortwährend Verfolger in dem Toben und Brausen des Windes und des Regens. Zwei Mal hätte ich darauf schwören können, daß ich an die Thür klopfen und flüstern hörte. In dieser Furcht fing ich an, entweder mir einzubilden oder mich zu erinnern, daß ich geheimnißvolle Ankündigungen von dieses Mannes Kommen gehabt. Daß ich seit vielen Wochen auf der Straße Gesichtern begegnet, die mir dem seinigen ähnlich geschienen. Daß diese Aehnlichkeiten zahlreicher geworden, so wie er mir auf dem Wasser herüber näher gekommen. Daß sein gottloser Geist dem meinigen diese Boten gesendet und daß er jetzt an diesem stürmischen Abende Wort gehalten und bei mir sei.

Dann drängte sich noch zwischen diese Gedanken die Erinnerung, daß meine Kinderaugen einen verzweifelt gewaltthätigen Mann in ihm gesehen hatten; daß ich jenen andern Sträfling zu wiederholten Malen hatte erklären hören, er habe ihn zu ermorden versucht; daß ich ihn dort unten im Graben wie ein wildes Thier hatte stampfen und kämpfen sehen. Aus solchen Erinnerungen brachte ich dann die halbbewußte Furcht in das Licht des Kohlenfeuers, daß es wohl gar nicht sicher sei, in dieser wilden, einsamen Nacht dort mit ihm eingeschlossen zu sein. Diese Furcht dehnte sich aus, bis sie das ganze Zimmer füllte, und mich trieb, das Licht zu nehmen und hinzugehen, um meine entsetzliche Last zu betrachten.

Er hatte sich ein Tuch um den Kopf gebunden, und das Gesicht trug im Schlaf einen entschlossenen und finsteren Ausdruck. Doch schlief er, und zwar sehr ruhig, obgleich eine Pistole neben ihm auf seinem Kissen lag. Hierüber beruhigt, nahm ich leise den Schlüssel aus der Zimmerthür, steckte ihn von der andern Seite wieder hinein und schloß ihn ein, ehe ich mich wieder am Feuer niedersetzte. Allmälig glitt ich vom Stuhle herab und lag am Boden. Als ich erwachte, ohne mich im Schlafe von dem Gefühle meines Unglücks getrennt zu haben, schlugen die Glocken der Citykirchen fünf; die Kerzen waren niedergebrannt, das Feuer erloschen, und der Wind und Regen machten die dichte, schwarze Finsterniß noch schwärzer und undurchdringlicher.

Dies ist das Ende des zweiten Stadiums in Pips Erwartungen.

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