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Dreissigstes Kapitel.
Doppelte Beichte.

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Sowie ich in London angelangt war, schickte ich in meiner Reue einen Kabeljau und ein Faß mit Austern an Joe ab (als Ersatz dafür, daß ich ihn nicht selbst besucht hatte) und begab mich dann nach Barnards Inn.

Hier fand ich Herbert, welcher kalte Küche zu Mittag aß, und herzensfroh war, mich wiederzusehen. Nachdem ich den Rächer nach der Restauration abgeschickt, um noch etwas Substantielleres zu unserm Mittagsmahle herbeizuholen, fühlte ich, daß ich noch an diesem Abende meinem Freunde und Kameraden mein Herz öffnen müsse. Da eine vertrauliche Unterhaltung außer aller Frage war, so lange der Rächer sich im Vorsaale aufhielt, welcher letztere höchstens als ein Vorzimmer zu dem Schlüsselloche betrachtet werden konnte, schickte ich ihn fort ins Theater. Ich könnte kaum einen schlagendern Beweis von der strengen Sklaverei geben, in der mich dieser Zuchtmeister hielt, als die erniedrigenden Ausflüchte, zu denen ich fortwährend getrieben war, um ihn mit Beschäftigung zu versehen. Ich war zuweilen auf so erbärmliche Weise aufs Aeußerste getrieben, daß ich ihn nach Hyde Park Ecke schickte, um zu sehen wie viel Uhr es sei.

Als wir mit dem Mittagessen fertig und, mit unseren Füßen auf dem Feuergitter ruhend, vor dem Kamine saßen, sagte ich zu Herbert: »Mein lieber Herbert, ich habe Dir etwas ganz Besonderes zu sagen.«

»Mein lieber Händel,« entgegnete er, »ich werde Dein Vertrauen achten und schätzen.«

»Dasselbe«, sagte ich, »betrifft mich selbst, Herbert, und noch eine zweite Person.«

Herbert legte seine Beine über einander, schaute, mit dem Kopfe auf eine Seite geneigt, ins Feuer, und nachdem er eine Weile vergebens hineingeblickt, sah er mich an, da ich nicht fortfuhr.

»Herbert,« sagte ich, meine Hand auf sein Knie legend, »ich liebe – ich vergöttere – Estella.«

Anstatt vor Erstaunen zu erstarren, sagte Herbert leichthin und wie wenn die Sache sich ganz von selbst verstände: »Ganz recht. Nun?«

»Nun, Herbert? Ist das Alles, was Du sagst? Nun?«

»Was weiter, meine ich?« sagte Herbert. »Natürlich weiß ich das längst.«

»Woher weißt Du es?« sagte ich.

»Woher ich es weiß, Händel? Ei, von Dir!«

»Ich habe Dirs nie gesagt.«

»Mir nie gesagt! Du hast mirs nie gesagt, wenn Du Dir das Haar hast schneiden lassen, aber ich habe es mit den Sinnen wahrnehmen können. Du hast sie stets vergöttert, schon so lange, wie ich Dich kenne. Du hast Deine Vergötterung mit Deinem Handnachtsacke hierher gebracht. Mir nie gesagt! Mein Gott, Du hast es mir stets den ganzen Tag lang gesagt. Als Du mir Deine eigene Geschichte erzähltest, sagtest Du mir ganz deutlich, daß Du sie von dem ersten Tage, wo Du sie gesehen, und wo Du noch sehr jung warest, zu vergöttern angefangen.«

»Sehr gut, also,« sagte ich – und es war mir dies ein neues und keineswegs unangenehmes Licht – »ich habe nie aufgehört, sie zu vergöttern. Und jetzt ist sie als ein wunderbar schönes, höchst elegantes Wesen zurückgekehrt. Und ich habe sie gestern gesehen. Und wenn ich sie schon vorher vergötterte, so vergöttere ich sie jetzt um das Doppelte.«

»Dann ist es ein Glück für Dich, Händel,« sagte Herbert, »daß Du für sie bestimmt und auserwählt bist. Ohne den verbotenen Gegenstand zu berühren, dürfen wir wohl zu behaupten wagen, daß wir dieses Factum unter uns nicht zu bezweifeln brauchen. Hast Du schon irgend eine Idee, wie Estella über die Vergötterungsfrage denkt?«

Ich schüttelte finster den Kopf. »O, sie ist mir tausende von Meilen entrückt,« sagte ich.

»Geduld, mein lieber Händel,« sagte Herbert, »dazu ists noch Zeit genug. Aber Du hast sonst noch etwas zu sagen?«

»Ich schäme mich, es zu sagen, und doch ist es nicht schlimmer, es zu sagen, als es zu denken. Du nennst mich einen glücklichen Burschen. Und natürlich bin ich es auch. Es scheint erst gestern, daß ich noch ein Schmiedelehrling war; und heute – wie soll ich es nennen, was ich heute bin?«

»Sage, ein guter Kerl, wenn Dirs an einem Worte fehlt,« sagte Herbert lächelnd und seine Hand auf die Rückseite der meinigen legend, »ein guter Kerl, in dem Ungestüm und Zaghaftigkeit, Kühnheit und Mißtrauen gegen sich selbst, Handeln und Träumen auf das seltsamste mit einander vermischt sind.«

Ich schwieg einen Augenblick, um zu überlegen, ob diese Mischung von Eigenschaften wirklich meinen Charakter ausmache. Im Ganzen erkannte ich diese Analyse durchaus nicht als richtig an, doch hielt ich es nicht der Mühe werth, sie zu bestreiten.

»Wenn ich frage, wie ich mich heute bezeichnen soll, Herbert,« fuhr ich fort, »so will, ich damit auf Das hindeuten, was in meinen Gedanken vorgeht. Du sagst, ich habe Glück. Ich weiß, daß ich nichts gethan habe, um im Leben vorwärts zu kommen, und daß nur Fortuna mich so erhoben hat; und das heißt: Glück haben. Und dennoch, wenn ich an Estella denke –«

(»Und wann denkst Du wohl nicht an sie, wie?« sagte Herbert dazwischen, mit den Augen aufs Feuer gerichtet; und mir schien dies hübsch und theilnehmend von ihm.)

»Dann, lieber Herbert, kann ich Dir gar nicht sagen, wie abhängig und unsicher ich mich fühle, und wie sehr Hunderten von Glückswechseln ausgesetzt. Indem ich, wie Du soeben, den verbotenen Gegenstand vermeide, darf ich doch wohl sagen, daß meine ganzen Erwartungen von der Beständigkeit einer einzigen gewissen Person (deren Namen wir nicht zu nennen brauchen) abhängen. Und vom günstigsten Gesichtspunkte aus betrachtet, wie ungenügend und unbefriedigend ist es, nur so unbestimmt zu wissen, worin jene Erwartungen bestehen?« Indem ich dies aussprach, erleichterte ich mir das Gemüth von Dem, was vom Anfange her es belastet hatte, – obgleich es ohne Zweifel mir seit gestern schwerer denn je erschienen war.

»Nun, Händel,« erwiederte Herbert auf seine fröhliche, hoffnungsvolle Weise, »mir scheint, daß wir in der Kleinmüthigkeit der süßen Leidenschaft unserm geschenkten Gaule mit einem Vergrößerungsglase ins Maul sehen. Ueberdies scheint mirs, daß, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Untersuchung concentriren, wir eine der besten Seiten des Thieres übersehen. Hast Du mir nicht erzählt, daß Dein Vormund, Mr. Jaggers, Dir gleich zu Anfange erzählt: Du seiest nicht auf Erwartungen allein angewiesen? Und selbst, wenn er Dir dies nicht gesagt hätte – obgleich ich gestehe, daß dies ein sehr bedeutendes ›Wenn‹ ist – könntest Du annehmen, daß von allen Männern in London Mr. Jaggers der Mann danach wäre, in seinen jetzigen Verhältnissen zu Dir zu stehen, falls er seiner Sache nicht sicher wäre?«

Ich sagte, ich könne nicht leugnen, daß dies ein gewichtiger Punkt sei. Ich gab dies (wie Leute es in solchen Fällen oft machen) einigermaßen widerstrebend zu, wie eine Einräumung, die ich der Wahrheit und Gerechtigkeit machte – als ob ich es hätte leugnen wollen!

»Nun, mich dünkt, daß es allerdings ein gewichtiger Punkt ist,« sagte Herbert; »und daß es Dir schwer werden würde, einen gewichtigern zu erdenken; was das Uebrige betrifft, so mußt Du warten, bis es Deinem Vormunde gefällig ist, Dich aufzuklären, und Dein Vormund muß warten, bis es seinem Clienten gefällig ist. Du wirst, ehe Du's noch gewahr sein wirst, einundzwanzig Jahre und somit mündig sein, und wirst damit vielleicht einige Aufklärung erhalten. Jedenfalls wirst Du dann der Aufklärung näher sein, denn endlich muß sie ja kommen.«

»Was Du für ein hoffnungsvolles Gemüth hast!« sagte ich, dankbar sein heiteres Wesen bewundernd.

»Schlimm, wenn ich es nicht hätte,« sagte Herbert, »denn ich habe nicht viel Anderes. Ich muß übrigens beiläufig bekennen, daß das Verständige an Dem, was ich soeben gesagt habe, nicht von mir herrührt, sondern von meinem Vater. Die einzige Bemerkung, die ich ihn je in Bezug auf Deine Geschichte machen hörte, war der Schluß: ›Die Sache ist abgemacht und geschehen, sonst hätte Jaggers sich nicht damit befaßt.‹ Und jetzt, ehe ich noch weiter von meinem Vater spreche, oder von meines Vaters Sohne, muß ich mich Dir auf einen Augenblick ernstlich unangenehm machen – förmlich abscheulich.«

»Das wird Dir nicht gelingen,« sagte ich.

»O doch!« sagte er. »Eins, zwei, drei, und jetzt gehts los. Händel, mein guter Junge,« und obgleich er in diesem leichten Tone sprach, war er doch sehr im Ernste: »es ist mir, seit wir uns hier mit unseren Füßen auf dem Feuergitter unterhalten haben, der Gedanke gekommen, daß Estella, falls Dein Vormund ihrer nie gegen Dich erwähnt hat, sicher keine Bedingung bei Deiner Erbschaft sein kann. Habe ich Recht, wenn ich das, was Du mir erzählt hast, so verstehe, daß er weder direct noch indirect ihrer je erwähnt hat? Hat er zum Beispiel niemals einen Wink darüber fallen lassen, daß Dein Gönner in Bezug auf Deine einstige Verheirathung Absichten habe?«

»Niemals.«

»Nun, Händel, ich versichere Dich auf Ehre, daß ich vollkommen von jeglichem Beigeschmacke nach sauren Trauben frei bin! Da Du nicht an sie gebunden bist, kannst Du Dich nicht von ihr lossagen? Ich sagte Dir wohl, daß ich mich unangenehm machen würde.«

Ich wandte den Kopf zur Seite, denn mit bitterer Gewalt durchfuhr mich wie der alte Marschwind, welcher von der See herüberstrich, wieder jenes Gefühl, das mich an jenem Morgen überwältigt, wo ich die Schmiede verlassen, und ich, als sich feierlich die Nebel erhoben, meine Hand auf den Wegweiser gelegt hatte. Es herrschte eine kleine Weile Schweigen zwischen uns.

»Ja wohl; aber mein lieber Händel,« fuhr Herbert fort – wie, wenn wir uns, anstatt zu schweigen, unterhalten hätten – »die Sache wird dadurch, daß das Gefühl so fest in der Brust eines Knaben Wurzel faßte, den die Natur und die Verhältnisse so romantisch gemacht hatten, sehr ernst. Denke nur an ihre Erziehung und denke an Miß Havisham. Bedenke nur, was sie selbst ist. (Jetzt bin ich unangenehm, und Du verabscheuest mich.) Dies kann die traurigsten Folgen haben.«

»Ich weiß es, Herbert,« sagte ich mit noch immer abgewandtem Kopfe, »aber ich kanns nicht ändern.«

»Du kannst Dich nicht von ihr lossagen?«

»Nein. Unmöglich!«

»Du kannst es auch nicht einmal versuchen, Händel?«

»Nein. Es ist unmöglich!«

»Gut!« sagte Herbert, indem er aufstand und sich lebhaft schüttelte, wie wenn er eingeschlafen gewesen, und dann das Feuer schürte; »jetzt will ich versuchen, mich wieder angenehm zu machen!«

Und damit ging er im Zimmer herum, ließ die Vorhänge herab, rückte die Stühle an ihre Plätze, ordnete die Bücher und dergleichen Sachen, die umherlagen, öffnete die Thür nach dem Vorsaale, schaute in den Briefkasten, und kam dann an seinen Platz vor dem Feuer zurück, wo er sich wieder setzte und sein linkes Bein mit beiden Armen umschlang.

»Ich hätte ein paar Worte über meinen Vater und meines Vaters Sohn zu sagen, Händel. Ich fürchte, es ist kaum nöthig für meines Vaters Sohn, zu bemerken, daß meines Vaters Haushaltung keine besonders glänzende ist.«

»Es ist stets von Allem reichlich vorhanden. Herbert,« sagte ich, um etwas Ermuthigendes zu sagen.

»O ja! Dasselbe sagt auch der Kehrichtmann mit vollkommenster Zufriedenheit, sowie auch der Trödler im Nebengäßchen. Aber im Ernste, Händel, denn der Gegenstand ist ernst genug, das weißt Du so gut, wie ich. Vermuthlich hat es eine Zeit gegeben, wo mein Vater noch nicht Alles aufgegeben hatte; jedenfalls aber ist diese Zeit jetzt vorbei. Darf ich Dich fragen, ob Du in Deiner Gegend je die Bemerkung gemacht hast, daß die Kinder aus nicht gerade passenden Ehen stets sehr große Eile haben, sich zu verheirathen?«

Dies war eine so sonderbare Frage, daß ich ihn meinerseits fragte:

»Ist das der Fall?«

»Ich weiß nicht,« sagte Herbert; »das ist gerade, was ich wissen möchte. Aber es ist entschieden bei uns der Fall. Meine arme Schwester Charlotte, die mir im Alter zunächst kam und starb, ehe sie vierzehn Jahre alt war, bot hiervon ein schlagendes Beispiel. Mit der kleinen Jane ists ebenso. Nach ihrem heißen Wunsche, sich ehelich etablirt zu sehen, sollte man vermuthen, daß sie ihr kurzes Dasein in ungestörtem Betrachten häuslicher Glückseligkeit zugebracht hätte. Der kleine Alick in seinem kurzen Röckchen hat bereits zu seiner Vermählung mit einer passenden jungen Dame in Kew Vorkehrungen getroffen. Ja, ich glaube in der That, daß wir Alle verlobt sind – das Jüngste ausgenommen.«

»Dann bist Du also verlobt?« sagte ich.

»Ja,« sagte Herbert. »Aber es ist ein Geheimniß.«

Ich versicherte ihn, daß ich dasselbe bewahren werde, und bat ihn, mich von den Einzelnheiten in Kenntniß zu setzen. Er hatte auf so verständige, gefühlvolle Weise von meiner Schwäche gesprochen, daß michs verlangte, etwas von seiner Stärke zu erfahren.

»Darf ich den Namen wissen?« fragte ich.

»Der Name ist Clara,« sagte Herbert.

»Sie wohnt in London?«

»Ja. Vielleicht sollte ich bemerken,« sagte Herbert, der merkwürdig niedergeschlagen und kleinlaut geworden, seitdem wir dieses interessante Thema angefangen, »daß sie eigentlich etwas unter meiner Mutter unsinnigen Familienideen steht. Ihr Vater hatte mit dem Verproviantiren von Passagierschiffen zu thun. Ich glaube, er war eine Art von Proviantmeister.«

»Was ist er jetzt?« sagte ich.

»Jetzt ist er krank,« sagte Herbert.

»Und lebt –?«

»In der ersten Etage,« sagte Herbert, was ich jedoch gar nicht gemeint hatte; denn meine Frage hatte sich auf seine Mittel bezogen. »Ich habe ihn nie gesehen, denn so lange ich Clara kenne, ist er oben in seinem Zimmer geblieben. Aber ich habe ihn fortwährend gehört. Er macht einen fürchterlichen Lärm – brüllt, und stößt mit irgend einem gräßlichen Ding auf den Fußboden.« Indem er mich anblickte und dann in ein herzliches Gelächter ausbrach, fand Herbert für eine Zeit sein gewohntes fröhliches Wesen wieder.

»Erwartest Du nicht, ihn zu sehen?« sagte ich.

»O ja; ich erwarte fortwährend, ihn zu sehen,« entgegnete Herbert: »denn ich höre ihn niemals, ohne zu erwarten, ihn im nächsten Augenblicke durch die Zimmerdecke stürzen zu sehen. Aber ich weiß nicht, wie lange die Balken noch halten mögen.«

Nachdem er nochmals recht herzlich gelacht, wurde er wieder kleinmüthig und sagte, er beabsichtige diese junge Dame zu heirathen so wie er Capital realisire. Dann fügte er, als selbstverständliche Behauptung, die Betrübniß hervorzurufen geeignet war, noch die Bemerkung hinzu: Aber man kann nicht heirathen, siehst Du, so lange man sich umschaut.

Als wir ins Feuer blickten und ich bedachte, welch eine schwierige Vision dieses selbige Capitalrealisiren zuweilen sei, steckte ich meine Hände in die Taschen. Ein zusammengelegtes Papier in der einen derselben zog meine Aufmerksamkeit auf sich; ich faltete es auseinander und entdeckte, daß es der Komödienzettel sei, den ich von Joe erhalten, und der den berühmten Liebhaber aus der Provinz ankündigte, welcher Rosciusschen Rufes genoß.

»Und wahrhaftig,« fügte ich unwillkürlich laut hinzu, »es ist heute Abend.«

Dies brachte unser Gespräch sofort auf etwas Anderes, und ließ uns beschließen, ins Theater zu gehen. Nachdem ich mich daher verpflichtet hatte, Herbert in seiner Herzensangelegenheit auf jede thunliche und unthunliche Weise zu trösten und zu unterstützen, und Herbert mir gesagt hatte, daß seine Verlobte mich bereits dem Rufe nach kenne und ich ihr nächstens vorgestellt werden solle, und wir einander auf unser gegenseitiges Vertrauen warm die Hände gedrückt, bliesen wir die Kerzen aus, schürten das Feuer, verschlossen unsere Thür und gingen, um Mr. Wopsle und Dänemark aufzusuchen.

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