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Zweiunddreissigstes Kapitel.
Ein Besuch in Wemmicks Gewächshaus.

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Eines Tages, als ich mit Mr. Pocket bei meinen Büchern beschäftigt war, erhielt ich mit der Post ein Briefchen, dessen bloße Außenseite mir Herzklopfen verursachte; denn obgleich ich die Handschrift der Adresse nie vorher gesehen, so errieth ich doch sogleich, von wem dieselbe geschrieben sei. Das Briefchen begann mit keiner herkömmlichen Anrede, wie zum Beispiel: Lieber Pip, oder: Lieber Mr. Pip, oder: Lieber Herr, oder: Lieber Sonstetwas, sondern folgendermaßen:

»Ich werde übermorgen mit der Mittagskutsche in London eintreffen. Wie ich mich zu erinnern glaube, sollten Sie mich auf der Post erwarten? Jedenfalls denkt Miß Havisham, daß Sie diese Uebereinkunft mit ihr getroffen, und ich schreibe deshalb auf ihren Wunsch. Sie sendet Ihnen ihren Gruß.

Die Ihrige,
Estella.

Falls es noch Zeit gewesen wäre, so würde ich wahrscheinlich für diese Gelegenheit mehre neue Anzüge bestellt haben; da dies jedoch nicht der Fall, so war ich genöthigt, mich mit denjenigen Kleidern zu begnügen, die ich bereits besaß. Mein Appetit wich augenblicklich von mir, und ich kannte weder Frieden noch Ruhe bis der Tag da war. Nicht, daß mir die Ankunft desselben Appetit, Ruhe oder Frieden zurückgebracht hätte; im Gegentheil, mir wurde jetzt schlimmer denn je, und ich begann mich in der Umgegend des Posthofes in Wood-Street, Cheapside, umherzutreiben, ehe noch die Kutsche den »Blauen Eber« in unserm Städtchen verlassen haben konnte. Und obwohl ich dies vollkommen wußte, so war mirs dennoch, als ob es nicht sicher sei, den Posthof länger als auf fünf Minuten aus den Augen zu verlieren; und in diesem Zustande des Blödsinns hatte ich bereits die erste halbe Stunde meines vier- bis fünfstündigen Schildwachstehens hingebracht, als Mr. Wemmick gegen mich anrannte.

»Halloh! Mr. Pip,« sagte er; »wie gehts Ihnen? Ich hatte kaum gedacht, daß dies Ihr Revier sein könnte.«

Ich erklärte ihm die Sache, indem ich ihm sagte, ich warte hier auf Jemand, der mit der Landkutsche ankommen werde, und erkundigte mich dann nach dem Schlosse und dem Alten.

»Beide im besten Gedeihen, danke Ihnen,« sagte Wemmick, »und besonders der Alte. Er hält sich prächtig. Er wird an seinem nächsten Geburtstage zweiundachtzig Jahre alt, und ich denke halb und halb daran, bei der Gelegenheit zweiundachtzig Schüsse zu thun, wenn sich nur die Nachbarschaft nicht beklagt und meine Kanone es aushält. Doch dies ist keine Unterhaltung für London. Wohin glauben Sie wohl, daß ich jetzt gehe?«

»Nach der Expedition?« sagte ich, denn er ging in dieser Richtung.

»Nach einem Orte, welcher dem zunächst kommt,« erwiederte Wemmick, »Ich gehe nach Newgate. Wir sind augenblicklich mit einem Banquierdiebstahlsfalle beschäftigt, und ich bin eben die Straße hinunter gewesen, um den Schauplatz der That in Augenschein zu nehmen, und habe in Folge dessen ein paar Worte mit unserm Clienten zu sprechen.«

»Hat Ihr Client den Diebstahl begangen?« fragte ich.

»Gott bewahre und behüte Sie, nein,« sagte Mr. Wemmick sehr trocken. »Aber man hat ihn dessen beschuldigt. Und das könnte ebenso gut Ihnen, oder mir passiren. Der Eine sowohl, wie der Andere von uns könnte dessen beschuldigt werden, wissen Sie.«

»Nur ist es weder der Eine noch der Andere,« bemerkte ich.

»Ah!« sagte Mr. Wemmick, meine Brust mit seinem Zeigefinger berührend, »Sie sind aber pfiffig. Mr. Pip! Haben Sie Lust, sich in Newgate umzusehen? Haben Sie Zeit übrig?«

Ich hatte so viel Zeit übrig, daß der Vorschlag, ungeachtet seiner Unverträglichkeit mit meinem geheimen Wunsche, den Posthof im Auge zu behalten, mir höchst willkommen war. Indem ich murmelte, ich wolle mich zuvor erkundigen, ob ich Zeit haben werde, mit ihm zu gehen, ging ich ins Postbureau hinein und befragte den Secretär mit der peinlichsten Genauigkeit und zur äußersten Probe seiner Geduld über den frühesten Augenblick, wo die Landkutsche eintreffen könne – den ich längst vorher ebenso gut wußte wie er. Dann kehrte ich zu Mr. Wemmick zurück und nahm sein Anerbieten an, nachdem ich nach meiner Uhr gesehen und gethan hatte, als ob ich durch das, was ich auf meine Nachfragen erfahren, überrascht sei.

Wir langten nach wenigen Minuten in Newgate an und gingen durch die Thürhüterloge, wo wir an der kahlen Wand zwischen den Anschlagezetteln, welche die Gefängnißregeln enthielten, einige Fesseln hängen sahen, in das Innere des Gefängnisses hinein.

Zu jener Zeit warm die Gefängnisse in sehr vernachlässigtem Zustande, und der Zeitpunkt übertriebener Reaction – der eine Folge alles öffentlichen Unrechts, und stets die schwerste und dauerndste Strafe desselben ist – noch in weiter Ferne. Demnach hatten die Verbrecher damals nicht bessere Wohnung und Nahrung als die Soldaten (der Armen gar nicht zu erwähnen), und steckten ihre Gefängnisse nur selten unter dem verzeihlichen Vorwande, dadurch den Geschmack ihrer Suppe zu verbessern, in Brand.

Es war die Zeit, wo Besuche gestattet wurden, als Wemmick mich hineinführte, und der Aufwärter aus der benachbarten Bierschenke machte seine Runde mit Bier; und die Gefangenen hinter ihren Gittern in den verschiedenen Höfen kauften Bier und unterhielten sich mit ihren Bekannten; und es war eine schmutzige, häßliche, unordentliche drückende Scene.

Es schien mir, als ob Wemmick unter den Gefangenen, etwa wie ein Gärtner unter seinen Pflanzen, umherwandelte. Dieser Gedanke kam mir zuerst in den Kopf, als er eine Pflanze erblickte, welche erst in der Nacht aufgeschossen war, und sagte:

»Wie, Capitän Tom? Sind Sie da? Ah, wahrhaftig!« Und dann: »Ist das nicht der schwarze Bill da hinter der Cisterne? Ei, ich hab Euch vor zwei Monaten nicht hier zu sehen erwartet; wie gehts Euch?«

Dann stand er an den Gittern still, um ängstliche Flüsterer anzuhören – stets Jeden einzeln – wobei Wemmick sie mit unbeweglichem Briefkasten während der ganzen Conferenz betrachtete, als ob er besondere Beobachtungen darüber anstelle, wie weit sie, seit er sie zuletzt gesehen, gediehen seien, um zur Schlußverhandlung in voller Blüthe zu sein.

Er war außerordentlich beliebt, und ich entdeckte, daß er das vertrauliche Departement in Mr. Jaggers Geschäften besorgte, obgleich ihn zu gleicher Zeit auch etwas von Mr. Jaggers Wesen umgab, welches bis zu gewissen Grenzen fernere Annäherung ausschloß. Sein persönliches Erkennen jedes einzelnen Clienten bestand in einem Nicken und darin, daß er mit beiden Händen seinen Hut etwas bequemer auf seinem Kopfe zurecht rückte, den Briefkasten fester schloß und die Hände in die Taschen steckte.

In ein paar Fällen erhob sich eine Schwierigkeit über das Aufbringen der Advocatengebühren, und bei diesen Gelegenheiten wich Wemmick so weit als möglich vor dem dargebotenen, unzureichenden Gelde zurück und sagte:

»Es nützt nichts, mein Junge. Ich bin nur ein Untergeordneter. Ich kanns nicht annehmen. Ihr müßt nicht auf diese Weise mit einem Untergeordneten sprechen. Wenn Ihr nicht im Stande seid, Euer Quantum aufzubringen, mein Junge, so wendet Euch lieber an den Principal; es giebt eine Menge Principale in unserm Berufe, und was dem Einen nicht der Mühe werth scheinen mag, scheint dem Andern vielleicht annehmbar; das ist Alles, was ich Euch als Untergeordneter empfehlen kann. Gebt Euch nicht mit unnützen Maßregeln Mühe. Denn wozu? Nun, wer kommt jetzt?«

Auf diese Weise wanderten wir durch Wemmicks Gewächshaus, bis er sich zu mir wandte und sagte:

»Geben Sie auf den Mann Acht, dem ich die Hand geben werde.«

Ich hätte dies gethan, selbst wenn er mich nicht dazu aufgefordert hätte, da er bisher noch Niemand die Hand gegeben.

Er hatte kaum ausgeredet, als ein stattlicher, gerader Mann (den ich vor mir sehe, während ich schreibe) in einem abgetragenen olivenfarbenen Fracke, in dessen Gesicht eine eigenthümliche Blässe sich über die Röthe seiner Haut hinzog, und dessen Augen umherwanderten, wenn er sie auf einen Gegenstand zu richten versuchte, an einen Winkel des Gitters herantrat und mit halb ernstem, halb scherzhaftem militärischen Gruße die Hand an den Hut legte, welcher Letztere eine schmierige, fettige Oberfläche hatte, etwa wie kalte Fleischbrühe.

»Ihr Diener, Oberst!« sagte Wemmick; »wie gehts Ihnen, Oberst?«

»Alles in Ordnung, Mr. Wemmick.«

»Es ist alles geschehen, was nur gethan werden konnte, aber der Beweis war zu offenbar gegen uns, Oberst.«

»Ja wohl: er war zu klar, Sir – aber 's ist mir einerlei.«

»Freilich,« sagte Wemmick leichthin, »Ihnen ist es einerlei.« Dann bemerkte er, sich zu mir wendend: »Hat Sr. Majestät gedient, dieser Mann. War Soldat in den Linientruppen, und erkaufte sich seinen Abschied.«

Ich sagte »Wirklich?« und des Mannes Augen blickten auf mich, dann über meinen Kopf hinweg, und rund um mich herum, und dann fuhr er sich mit der Hand über die Lippen und lachte.

»Ich denke, ich werde mich wohl am Montag auf den Marsch zu machen haben, Sir,« sagte er zu Wemmick.

»Vielleicht,« entgegnete mein Freund, »aber man kanns nicht wissen.«

»Ich freue mich, diese Gelegenheit zu haben, Ihnen Lebewohl zu sagen, Mr. Wemmick,« sagte der Mann, seine Hand zwischen zwei Eisenstäben hindurch reichend.

»Danke, und gleichfalls, Oberst,« sagte Wemmick, ihm die Hand schüttelnd.

»Wäre das, was ich bei meiner Verhaftung bei mir hatte, echt gewesen, Mr. Wemmick,« sagte der Mann, der seine Hand nicht gern fahren ließ, »so würde ich es mir von Ihnen als Gunst erbeten haben, noch einen Ring zu tragen – als Dank für Ihre mir bewiesenen Aufmerksamkeiten.«

»Ich will den Willen für die That annehmen,« sagte Wemmick. »Beiläufig – Sie waren ein Taubenliebhaber.« Der Mann schaute zu den Wolken empor. »Ich höre, Sie hatten eine ganz besondere Zucht von Tummlern. Könnten Sie vielleicht irgend einen Ihrer Freunde beauftragen, mir ein Paar von ihnen zu bringen, falls Sie ferner keinen Gebrauch mehr davon machen können?«

»Es soll geschehen, Sir.«

»Gut,« sagte Wemmick,»es soll gut für sie gesorgt werden. Guten Tag, Oberst. Leben Sie wohl!« Sie drückten einander abermals die Hände, und als wir davongingen, sagte Wemmick zu mir: »Ein Falschmünzer, ein sehr guter Arbeiter. Der Syndicus hat heute seinen Bericht erstattet, und er wird ganz sicher am Montage gehangen werden. Aber ein Paar Tauben sind dessenungeachtet auf ihre Weise auch bewegliches Eigenthum, sehen Sie.« Mit diesen Worten schaute er zurück und nickte seiner todten Pflanze zu, und warf dann im Hinausgehen seine Blicke umher, wie wenn er überlege, welchen andern Blumentopf er wohl am besten an ihre Stelle thun könne.

Als wir durch die Thürhüterloge gingen, um das Gefängniß zu verlassen, bemerkte ich, daß meines Vormundes große Bedeutung von den Gefangenwärtern nicht geringer angeschlagen wurde, wie von Denen, die unter ihrer Obhut standen. – »Nun, Mr. Wemmick,« sagte der Thürhüter, welcher uns zwischen den beiden mit Nägeln und scharfen Eisenstäben versehenen Thoren aufhielt, von denen er das eine sorgfältig verschloß, ehe er das andere öffnete, »was gedenkt Mr. Jaggers aus dem Morde an der Themse zu machen? Will er es Todtschlag nennen, oder was?«

»Warum fragen Sie ihn nicht selbst?« sagte Wemmick.

»O, ich werde mich hüten!« sagte der Thürhüter.

»Sehen Sie, Mr. Pip, so machen sie es hier,« bemerkte Mr. Wemmick, mit verlängertem Briefkasten zu mir gewendet. »Es kommt ihnen nicht darauf an, welche Fragen sie an mich, den Untergebenen, richten; aber Sie werden sie nie dabei ertappen, daß sie meinen Principal befragten.«

»Ist dieser junge Herr einer von den Lehrlingen oder Schreibern in Ihrer Expedition?« fragte der Thürhüter, über Mr. Wemmicks launige Bemerkung grinsend.

»Da ist er schon wieder, wie Sie sehen!« rief Wemmick aus. »Hab ichs Ihnen nicht gesagt? Ist mit einer zweiten Frage an den Untergebenen bei der Hand, ehe noch die erste trocken geworden. Nun, angenommen, Mr. Pip wäre einer von ihnen?«

»Nun,« sagte der Thürhüter abermals grinsend, »dann weiß er, was Mr. Jaggers ist.«

»Bah!« rief Mr. Wemmick, indem er auf scherzende Weise nach dem Thürhüter schlug. »Sie wissen recht gut, daß Sie so stumm, wie einer Ihrer eigenen Schlüssel sind, wenn Sie irgend etwas mit meinem Principal zu thun haben. Lassen Sie uns hinaus, Sie alter Fuchs, oder ich lasse Sie von ihm wegen ungesetzlicher Einkerkerung unserer Personen verklagen.«

Der Thürhüter lachte und bot uns einen guten Tag, und stand uns nachlachend hinter den Eisenstäben des Pförtchens, während wir die Stufen in die Straße hinabgingen.

»Und ich will Ihnen was sagen, Mr. Pip,« sagte Wemmick mir ernst ins Ohr, indem er meinen Arm nahm, um vertraulicher sprechen zu können; »ich wüßte nicht, daß Mr. Jaggers in irgend einer Sache sich gescheidter zeigte, als in der Art und Weise, in der er sich von ihnen fern hält. Er hält sich stets so fern. Und diese Zurückhaltung stimmt ganz mit seinen ungeheuren Fähigkeiten überein. Jener Oberst würde ebenso wenig daran denken, ihm Lebewohl zu sagen, wie der Gefangenwärter wagen würde, ihn um seine Ansicht in Bezug auf einen Criminalfall zu befragen. Und dann läßt er zwischen sie und seine Zurückhaltung seinen Untergebenen schlüpfen, sehen Sie wohl? – Und so fängt er sie – Leib und Seele.«

Meines Vormundes Klugheit machte großen Eindruck auf mich, und zwar nicht zum ersten Male. Um die Wahrheit zu gestehen, wünschte ich, und zwar auch nicht zum ersten Male, daß ich irgend einen andern Vormund von geringeren Fähigkeiten gehabt hätte.

Mr. Wemmick und ich schieden an der Expedition in Little Britain, wo, wie gewöhnlich, Leute umherstanden, welche sehnlichst Mr. Jaggers Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wünschten, und ich kehrte mit noch drei Stunden zu meiner Disposition zu meiner Wache in der Straße zurück, in der das Postbüreau lag. Ich brachte die ganze Zeit in Grübeleien darüber zu, wie seltsam es sei, daß ich von all diesem Schmutze von Gefängnissen und Verbrechen umringt sei; daß ich demselben in meiner Kindheit an einem Winterabende draußen auf unseren einsamen Marschen zuerst begegnet; daß er sich bei zwei verschiedenen Gelegenheiten wieder gezeigt, indem er wie ein Flecken wieder aufgetaucht, der wohl verblichen aber nicht ausgegangen war; und daß er sich jetzt auf diese neue Art und Weise in mein Glück und mein Vorwärtskommen mischte. Ich gedachte der jugendschönen Estella, die, während mein Geist auf diese Weise beschäftigt war, mir stolz und fein gebildet entgegen kam, und dachte mit wahrem Abscheu an den Contrast zwischen ihr und dem Gefängnisse. Ich wünschte, daß ich nicht Wemmick begegnet wäre, oder wenigstens mich nicht von ihm hätte bewegen lassen, mit ihm zu gehen, um von allen Tagen des Jahres wenigstens an diesem Tage nicht den Hauch von Newgate in meinem Athem und in meinen Kleidern gehabt zu haben. Ich stampfte den Gefängnißstaub von meinen Füßen, während ich auf und ab ging, schüttelte ihn aus meinen Kleidern, und ließ ihn aus meiner Lunge in die Luft hinausströmen. Ich fühlte mich, indem ich bedachte, wen ich erwartete, so befleckt, daß die Landkutsche am Ende doch sehr bald da war, und ich noch nicht von dem Bewußtsein von Mr. Wemmicks beschmutzendem Gewächshause frei war, als ich ihr Gesicht am Kutschenfenster erblickte und ihre Hand mir zuwinken sah.

Welch namenloser Schatten war es nur, der in diesem einzigen Augenblicke abermals vorüberschwebte?

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