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VI.

Nimirum interroga jumenta et docebunt te: et volatilia coeli et indicabunt tibi. Loquere terrae et respondebit tibi: et narrabunt pisces maris.

Quis ignorat quod omnia haec manus domini fecerit.

Job. c. XII. v. 7-9.

Als mein Lehrmeister andern Tages mich aufsuchte, stand ich in dem Fußpfade, neben welchem das Grab des Maulwurfs gegraben gewesen. Jetzt konnte ich kaum mehr den Platz erkennen, so sorgfältig war die Erde geebnet.

»Nun, mein Sohn,« fragte der Greis lächelnd, »hast Du dem Begräbniß beigewohnt?«

»Ich habe unbegreifliche Dinge gesehen,« lautete meine Antwort. »Kaum waret Ihr nach Hause gegangen, als ein Todtengräber die Leiche zu besichtigen kam, rasch dann wieder davonflog und nach einiger Zeit mit vier Kameraden zurückkehrte. Nach der Geschwindigkeit seines Fluges zu urtheilen, ist er nicht weniger als eine halbe Stunde entfernt gewesen, um seine Kameraden zu holen. Wißt Ihr nun, mein Vater, wo er diese geholt und weßhalb er nicht mehr als vier mitgebracht hat, da die Leiche eines Maulwurfs Aas genug auch für eine größere Anzahl böte?«

»Ich weiß nicht, mein Sohn, wo er seine Kameraden geholt hat; wahrscheinlich, wie Du vermuthest, von einem sehr fernen Orte. Wunderbarer jedoch ist der Geruch dieser Thiere, da sie, wie ein Pfeil dahin fliegen, nichts desto weniger aber auf ihrem schnellen Fluge die Ausdünstung einer Leiche riechen, welche bisweilen unter Kräutern und Blättern begraben liegt. Was die Zahl der Kameraden des Todtengräbers betrifft, so müssen hier bestimmte Gesetze in der Natur herrschen; denn nie sieht man mehr als fünf Todtengräber bei einer und derselben Leiche und sobald diese Besitz davon genommen, kommen keine weiteren hinzu. Sollten die Vorbeifliegenden mit dem Geruch der Leiche auch den Geruch der ersten Finder einathmen?

Diese Geheimnisse sind unerklärlich, mein Sohn. – Du glaubst, daß die Todtengräber den Maulwurf fressen gegangen sind? Darin täuschest Du Dich gewaltig; es ist kein einziger Todtengräber mehr bei der Leiche: nun liegt er allein und verlassen, aber nicht vergessen. Heute noch werden die Weibchen der Todtengräber ihn aufsuchen kommen, aber in anderer Absicht, als ihren Hunger zu stillen … Bleibe zurück! da sind sie schon.«

Kaum hatte mein Lehrmeister dies gesagt, als ich drei Todtengräber auf dem Platze sich niedersetzen sah, wo die Leiche begraben lag. Sie steckten den Kopf mit einem Druck in die Erde und verschwanden unter dem Boden.

Der Greis fuhr fort:

»Mein Sohn, alle Thiere, deren Junge einiger Sorgfalt bedürfen, haben von dem Schöpfer die Aufgabe erhalten, ihren Kindern das Leben zu sichern und ihnen für Nahrung zu sorgen, bis sie diese selbst suchen können. Für die armen Todtengräber ist die Erfüllung dieser Pflicht eine schwere und mühsame Arbeit: ihre Kinder fressen lange Zeit und viel, sie brauchen einen außergewöhnlichen Vorrath thierischer Nahrung. Deßhalb suchen die Todtengräber nach Leichen von Thieren, welche für sie ungemein groß sind. Sie begraben dieselben, weil ihre Jungen sonst von den Vögeln verschlungen oder von anderen raubgierigen Thieren ihnen genommen würden. – Du hast diese drei Todtengräber unter die Erde sinken sehen: es sind Weibchen, die ihre Eier in der Leiche des Maulwurfs niederlegen. Die Wärme des verwesenden Fleisches wird sie ausbrüten und Würmer daraus hervorkommen lassen; diese werden die Leiche abnagen und gedeihen, bis sie sich in Puppen verwandeln müssen. Nachdem sie einige Tage in diesem Zustande verharrt, werden sie sich in fliegende Todtengräber verwandeln und für ihre Kinder thun, was ihre Eltern für sie gethan. – So erklärt sich das Räthsel, weßhalb nicht mehr als fünf Todtengräber von ein und derselben Leiche Besitz ergreifen; wenn mehr kämen, würden ihre Würmer nicht Nahrung genug bis zur Zeit ihrer Verwandlung haben, um sich zu erhalten und würden sterben müssen … Siehe, da kommen die Weibchen aus dem Boden und fliegen weg: ihre Arbeit ist vollbracht!«

»So werden also aus diesem Maulwurf andere Todtengräber erstehen?« fragte ich mit Verwunderung.

Mein Lehrmeister sah in die Luft, zuckte die Achseln und sprach, während er umhersah:

»Vielleicht, mein Kind, vielleicht!«

»Wie!« seufzte ich, »sollten die unglücklichen Mütter sich in ihrer Hoffnung betrogen haben? Sollte ihre schwere Arbeit vergeblich gewesen sein?«

Der Greis deutete mit dem Finger nach dem Boden und zeigte mir ein Thier, das eben aus der Luft herabgeflogen; es schien mir beinahe, wie die anderen gestaltet, nur viel größer zu sein.

»Mein Sohn,« sprach der Greis, »das fürchtete ich für die armen Mütter. Hier ist der Feind ihrer Kinder! Man nennt ihn den deutschen Todtengräber; Necrophorus germanicus. Ein Käfer von ungefähr einer Daumenlänge; Flügelschuppen ganz schwarz mit röthlichem Saum; einen gelben Fleck auf der Stirne. er wird gleichfalls seine Eier in die Leiche des Maulwurfs legen; seine Würmer sind weit größer und werden die Nahrung der Jungen der kleinen Todtengräber verschlingen.«

»Unglückselige Brut,« rief ich betrübt aus, »schon todt und kaum geboren!«

»Unergründliches Gesetz des ewigen Gleichgewichtes!« antwortete mein Lehrmeister.

Er ließ mich einen Augenblick nachsinnen, ergriff mich dann bei der Hand und sprach:

»Mein Sohn, die Vorsehung Gottes ist nirgends klarer sichtbar, als in dem Instinkt, den sie in alle Thiere gepflanzt, ihren Jungen sichere Schlupfwinkel zu suchen und sie vor Hunger und Unglück zu bewahren. Wundere Dich aber nicht, daß die Thiere sich bisweilen täuschen: dies ist gleichfalls ein Gesetz der Naturharmonie; es genügt, wenn nur von jeder Art hinlänglich Exemplare erhalten bleiben, die ihr Geschlecht fortzupflanzen im Stande sind, und Du siehst wohl, daß dies Ziel trotz der unaufhörlichen Vernichtung bis heute stets erreicht worden ist. – Laß uns den Garten durchwandern; wir werden sehen, wie mannigfaltig die Mittel sind, welche die Insekten anwenden, um das Leben ihrer Kinder zu sichern.

Du hast wohl schon bemerkt, daß die Blätter der Bäume zu gewissen Zeiten Warzen von verschiedener Form tragen; die Weide hat rothe Pocken, wie der Pappelbaum; die Eiche ist ganz beladen mit kleinen Aepfelchen, die man Gallen nennt. Jedes Gewächs hat so seine besonderen Gallen mit der gleichen Regelmäßigkeit der Form, als ob sie seine eigenen Früchte wären. Es würde aber ein Irrthum sein, dies zu denken, was ich Dir sogleich beweisen will. Treten wir zu der Weide, die so beredt zu Dir gesprochen. Siehe hier auf dem Blatte eine kleine Gallwespe ( Cynips folii), betrachte sie aufmerksam und beobachte mit mir, was sie thut. Sie hat auf dem Blatte die Ader gefunden, welche sie sucht: nun drückt sie ihre Werkzeuge aus dem hinteren Ende ihres Bauches. Sieh, es erscheint ein Stachel mit einer spiralförmig gewundenen Spitze; sie steckt ihn oftmals in die Ader des Blattes, und wenn die Wunde groß genug ist, läßt sie ein Ei hineinfallen; ihre Arbeit ist gethan, sie packt ihre Werkzeuge zusammen und fliegt weg, um noch andere Blätter zu verwunden. – Die frohe Mutter ist nicht besorgt für das Schicksal des Jungen, das sie hier niedergelegt; sie weiß, daß der Baum gezwungen wird, seinen Saft bei der Wunde auszuströmen und ihr Ei in eine wachsende Umhüllung einzuschließen. Wenn ihr Kind seine Eierschale bricht, um als fressender Wurm zu erscheinen, wird es sich in einer Gallwarze befinden, die zugleich zu seiner Wohnung und zu seiner Nahrung bestimmt ist. Wie der Wurm an Größe zunimmt, so wächst auch die Gallwarze, bis endlich das Junge die Zeit seiner Verwandlung herannahen fühlt, und zur Fliege geworden, durch eine Oeffnung aus seiner Wohnung dringt.

Hier steht eine kleine Eiche mit Eichenäpfeln auf ihren Blättern; ich will einige öffnen. Dieser erste ist noch wenig geschwollen; sieh, wie das beinahe unsichtbare Ei in der Mitte liegt; in diesem zweiten lebt bereits der Wurm; in dem dritten hat der Wurm sich eine Puppe gesponnen; er verwandelt sich gerade; in dem vierten siehst Du die Fliege bereit, ihre Wohnung zu verlassen. Die andern zeigen ein kleines rundes Loch: die Insecten sind hier bereits ausgeflogen. Mein Sohn, Du bemerkst, daß diese Gallwespe nicht der Fliege der Weide gleicht: so hat jede Pflanze ihre eigenen Bewohner, die sich nie täuschen, weil ihre Jungen keine andere Nahrung brauchen können, als die, welche ihnen die Vorsehung angewiesen.

Es gibt Insecten, welche nur die jungen Blätter der Bäume fressen können; diese leben im Frühjahr, ihnen folgen andre, welche sich mit den ausgewachsenen Blättern nähren. Einige fressen nichts, als die Blumen gewisser Pflanzen: ihre Eier brechen nicht früher auf, als bis die ihnen zuträglichen Blumen ihre Kelche öffnen und sie sterben oder verändern ihre Gestalt, sobald diese Blumen verwelken. Kein einziges Geschöpf ist bei der Austheilung der Gaben von dem Schöpfer vergessen worden: wenn er zu dem Elephanten sagte, nehme Besitz von den unermeßlichen Thälern Afrika's und Asiens – so hat er nicht versäumt, zu gleicher Zeit jedem Insecte zu sagen: dir gehört das Blatt der Lilie, dir das Herz der Rose, dir die Rinde der Eiche – und seid alle zufrieden, denn ich gebe euch allen im Ueberflusse, was euch nöthig und nützlich ist.

An dem Stamme dieser wilden Rose hängt ein sonderbarer Auswuchs, mit orangegelben Staub oder Haar bedeckt; es ist dieser gleichfalls das Nest einer Gallwespe. Rhodites rosae. Früher wurde diese Ausschwitzung als Heilmittel gebraucht unter dem Namen Spongia cynosbati. Oeffne es und Du wirst lebendige Wespen darin finden. – Welche Vernunft in diesen niedrigen Gallwespen! Sie wissen die Ader zu unterscheiden, die sie anstechen müssen und zwingen den Baum zur Entwicklung einer Warze von zweckmäßiger Form und Größe. Der Mensch kann dies nicht: er mag die Blätter verletzen, wie er will, nie wird seine Arbeit einen solchen Erfolg haben. Welche Mittel haben denn nun die Gallwespen zu diesem Zwecke? Lassen sie eine gewisse Feuchtigkeit in die Wunde fließen? Ist es das Dasein des Eies, welches den Baum zum Ausströmen eines gewissen Saftes zwingt, oder liegt die Ursache in der Form des benützten Werkzeuges selbst? Die Aepfel der Eichen, die Pocken und Warzen auf den Blättern der verschiedenen Bäume sind lauter Nester von Gallwespen; ein Ei oder ein lebend Püppchen liegt in jedem derselben oder hat in ihm gelegen. Die Bäume tragen verschiedenartige Gallen; an der Eiche allein hat man 32 Arten gesunden. Die Form der Gallen hängt nicht von der Pflanze ab, sondern von dem Insect selbst; denn zwei verschiedene Gallwespen auf ein und demselben Blatte bringen immer zwei verschiedene Gallen oder Warzen hervor.

Nicht wahr, die Vernunft der Gallwespe ist merkwürdig; spare Deine Bewunderung jedoch für ein anderes Insect auf, das ich Dir nun zeigen will, wenn wir es finden können. Laß uns zu jenem Rosenpark hinabwandeln und alle Schößlinge untersuchen. Vielleicht werden wir die wunderbare Rosenblattwespe oder Sägefliege ( Tenthredo rosae) an ihrer Arbeit finden.«

Nach einigem Suchen hielt mich der Greis an und zeigte mir ein dunkelgelbes Fliegchen, das sich an dem obern Ende eines Rosenzweiges niedergesetzt.

»Betrachte dies Thierchen wohl,« sagte er, »nähere ruhig Dein Auge, es wird sich nicht stören lassen – und sage mir, was Du bemerkst.«

Ich konnte kaum glauben, was ich sah und drückte meine Verwunderung durch Gebärden aus, während ich sprach:

»Die Fliege beugt sich mit dem hintersten Theil ihres Körpers auf die Rinde des Schößlings, sie drückt einen spitzigen Stachel aus dem Hintertheile des Körpers hervor: es ist ein Köcher, aus welchem nun ein anderes, eben so scharfes Werkzeug zum Vorschein kommt und in die Rinde bohrt. Aber was ist dies? die Fliege hat zwei lange Sägen herausgezogen, ich sehe die Zähne daran; sie steckt sie in den Zweig und sägt wirklich wie ein Zimmermann. Wenn die eine Säge sich senkt, so geht die andere in die Höhe und so arbeiten sie beide abwechslungsweise mit großer Schnelligkeit. Es scheint mir, daß die Spitzen der Säge noch mit andern Zähnen, wie bei einer Raspel, versehen sind; ich sehe deutlich, wie der Zweig zu Mehl geraspelt wird. O! wie sind die Sägchen schön und unbegreiflich fein gemacht! Wie vernünftig weiß das Fliegchen sich ihrer zu bedienen! Sage mir doch, Vater, wozu muß dies dienen?«

»Du sollst es sogleich sehen,« antwortete mein Lehrmeister. »Du vergleichst die Sägefliege mit einem Zimmermann; Du erweisest diesem Handwerker zu viel Ehre, er kann nicht thun, was das Fliegchen thut, da er dazu mehr und anderer Werkzeuge bedürfte. Es entgeht Dir, daß die Sägefliege kein senkrechtes und gleich weites Loch in den Zweig bohrt, dies würde seinen Zweck nicht erfüllen; sie muß im Gegentheil eine Höhle aussägen, welche innen viel weiter ist, als an dem Eingang und die Form einer Birne hat, welche ihren Stiel aus dem Zweige hervorstrecken würde. Um dies zu erreichen, sägt und raspelt sie rund in das Holz und gibt wohl Acht, daß sie den Eingang der Höhle nicht vergrößere. Sieh, nun hat sie aufgehört zu arbeiten und sitzt bewegungslos: sie läßt ein Ei in das ausgesägte Nest fallen und spuckt eine gewisse Flüssigkeit hinein, um zu verhindern, daß die Wunde nicht zuwachse; nun zieht sie ihre Sägen in den Körper zurück und sucht andere günstige Plätze, um ihre Eier niederzulegen. Ihr Junges hat einen sicheren Aufenthalt, wo es Nahrung finden wird, ein Dach gegen Wind und Kälte und eine offenstehende Thüre, um hinauszugehen, wenn die Zeit ihrer Gestaltsveränderung kommt.«

Der Anblick des vernünftigen Thun und Treibens dieser Fliege hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht: noch immer sah ich vor meinen Augen die schnelle und hübsche Bewegung der feinen Sägchen.

»Du hattest Recht, Vater,« sprach ich, »als Du sagtest, daß die göttliche Vorsehung aus den Mitteln blickt, welche sie den Insecten gegeben, ihren Jungen sichere Wohnungen zu bauen. Ich weiß meine Bewunderung des vernünftigen Sägefliegchens nicht genug auszudrücken.«

»Ich habe Dir noch nicht alles gezeigt, mein Sohn. Es bleibt uns in dieser Art von Verstand der Insecten noch viel zu sehen übrig, und da mir dies erlaubt, zu gleicher Zeit über andere Merkwürdigkeiten ihrer Lebensweise zu sprechen, so werden wir unsern Spaziergang fortsetzen und die Thierchen betrachten, welche uns der Zufall vor das Auge bringt. Aber wir müssen uns eilen; die Gegenstände sind zu mannichfaltig … Hebe den Ziegelstein auf, der hier an der Mauer liegt; wir wollen sehen, was die Ohrwürmer ( Forficula auricularia) darunter thun. Da sitzt eine Mutter mit ihren Kindern; sie verbirgt sie unter ihrem Bauche und zwischen ihren Füßen. Wenn Du mit einem Stöckchen die Jungen zerstreust, wird die Mutter sie aufsuchen und wieder unter oder neben sich versammeln. Im Frühjahr hättest Du sie auf ihren Eiern sitzend gefunden, wie eine brütende Henne; wenn Du ihre Eier damals auseinander geworfen, würde sie sie wieder eines um das andere gesammelt haben. Hieraus kannst Du schließen, daß ein Gefühl mütterlicher Zärtlichkeit dem weiblichen Ohrwurm nicht fremd ist und daß ihre Kinder eine gewisse Erziehung genießen müssen, da sie sonst ihre Mutter verlassen würden, sobald sie fressen können. – Wenn man das Nest der Vögel raubt, lassen diese ihre klagenden Töne durch die Luft erschallen, und diese Klagen sind so wehmüthig, daß sie das Herz des Menschen zur Theilnahme bewegen. Glaubst Du, daß wenn wir diesem Ohrwurme seine Jungen nehmen, er weniger betrübt wäre, als die Vögel? Glaubst Du, daß er sie nicht mit eben so viel Liebe schützt und pflegt? Und wer weiß, ob er nicht auch wie die Vögel eine Sprache hat, um sein Unglück zu beklagen und zu beweinen. In allen Thieren, großen und kleinen, steht die Mutterliebe im Gleichgewichte mit den Sorgen, welche die Jungen ihren Aeltern verursachen: die Unfehlbarkeit dieser Grundregel muß uns überzeugen, daß der Ohrwurm auch für Schmerz und Trauer empfänglich ist, da er die sorgende Liebe kennt. Der Grund dieses Gefühles im Ohrwurm ist, daß seine Jungen nicht wie die von beinahe allen andern Insecten unter der Gestalt eines Wurmes aus dem Ei kommen, sondern von Geburt an ihre wahre und letzte Form haben, mit der einzigen Ausnahme, daß sie während des Wachsens ihre Haut abwerfen, wenn diese ihnen zu eng wird. Sie müssen deßhalb in ihrer zarten Jugend von ihrer Mutter bewacht und aufgezogen werden.

Sieh' hier an Deinem Fuße läuft die Sackspinne ( Lycosa saccata); sie hat eine große Anzahl Eier gelegt und sie in ein seidenes Kleid gehüllt; sie trägt ihr Nest überall mit sich. Das weiße Päckchen, das wie ein zweiter Körper an ihrem Leibe hängt, ist ihr Eiersack. Gib acht, ich werde ihr diese theure Last nehmen und sie ferne von ihr niederwerfen.«

Der Greis hob bei diesen Worten die Spinne vom Boden auf und warf ihren Eiersack zwei Schritte weiter zwischen das Gras.

»Sie wird ihn nicht mehr finden,« rief ich, »wir würden ihn vielleicht selbst nicht mehr entdecken.«

»Urtheile nicht so rasch, Jüngling,« sprach mein Lehrmeister, »was wir nicht können, kann die Spinne ohne Mühe. Bemerkst Du denn nicht, daß ein beinahe unsichtbarer Faden mit seinem Ende an ihrem Körper hängt? Das andere Ende klebt an dem verlorenen Eiersack; sie wird dem Draht folgen, ihn aufwickeln, und so unfehlbar zu dem Platze gelangen, wo der Gegenstand ihrer Muttersorge liegt. Da beginnt sie bereits … Nun, hat sie ihn gefunden oder nicht?«

»Arme Mutter,« sagte ich, »was muß sie sich freuen über das Wiederfinden ihrer Kinder! Da läuft sie nun mit dem theuren Sack am Leibe hüpfend hin!«

Der Greis beachtete meine Bemerkung nicht und zeigte mir das Blatt einer Schneeballe. Auf demselben sah ich zwölf Fädchen, von denen jedes einen kleinen Kopf, wie von einer Stecknadel hatte; auf andern danebenstehenden Blättern sah ich diese Perlen herabhängen, wieder an andern in die Höhe stehen.

»Das sind Schimmelpflanzen!« sprach ich gleichgültig.

»Nicht doch, mein Sohn,« antworte der Greis; »es sind die Eier einer gelbgrünen Fliege, deren Wurm die Blattläuse in Menge vertilgt und die man die Perlfliege ( Hemerobius perla) nennt. Zweifelsohne weiß die Mutter, daß ein anderes Insect ihre Eier verschlingen würde, wenn sie sie auf die Fläche der Blätter niederlegte; deßhalb hängt sie sie an die Fäden und außerhalb des Bereichs ihres kriechenden Feindes … Ha! ich sehe dort in dem Fußpfad ein Thierchen, das uns wahrscheinlich wohl etwas Bewundernswerthes zeigt. Komm' hieher! achten wir aufmerksam auf das, was das Thierchen thut. Es ist ein kleines, schuppengeflügeltes Insect, das man Pillenkäfer ( Scarabaeus pillularius et schaefferi) nennt; seine Jungen haben keine harten Zähne und können deßhalb weder feste, noch harte Stoffe fressen: es sind schwache zarte Würmer, die einer mürben Nahrung bedürfen. Dieser Pillenkäfer ist ein Weibchen – er wird uns zeigen, wie er für seine Jungen ein Nest bereitet. Sieh', er sammelt etwas feinen Mist und bildet eine beinahe runde Kugel oder Pille davon; um diesem Mistball mehr Festigkeit zu geben, rollt er ihn mit schwerer Mühe fort. Nun hat er bereits für uns eine vollkommen runde Gestalt; aber der Käfer sieht genauer und hört nicht auf zu wälzen … da fällt seine Kugel in die Tiefe! Sieh' ihn keuchend arbeiten, um sie aus dem Loche herauf zu holen; seine Versuche glücken ihm nicht. Was wird er thun? die Kugel verlassen? Wahrscheinlich ja, denn er hält mit seiner schweren Arbeit inne und läuft zu dem Miste zurück, wo er den ersten Stoff zur Bereitung seiner Kugel fand. Merke wohl auf, mein Sohn; siehst Du nicht, daß er zu den andern Pillenkäfern geht und ihnen etwas zu sagen scheint? Da folgen ihm nun drei Kameraden freiwillig: sie helfen ihm die Kugel aus der Tiefe heraufholen: der eine stößt mit dem Kopfe, der andere zieht mit den Füßen, der dritte setzt seine Schulter darunter. Arbeitet nur, kluge Arbeiter! so! habt Muth! noch einmal zugleich; gut, jetzt ist es geglückt. Die Kugel liegt nun auf ebenem Boden, der Eigenthümer dankt seinen Hilfsgenossen nicht, denn er ist jederzeit bereit, ihnen einen gleichen Dienst zu thun. Die Kameraden kehren zu dem Miste zurück und lassen den Ersten seine Kugel fortrollen. – Endlich ist der Ball so vollkommen, als das Thier es verlangt; nun sucht der Pillenkäfer nach einem günstigen Platze, um ihn unter dem Boden zu verbergen, damit er feucht bleibe; er wird ein Ei hineinlegen und sein Junges wird in der weichen Mistkugel sowohl Aufenthaltsort, als Nahrung finden, bis seine Verwandlung vor sich geht …

Aber es währte zu lang, alle die Thierchen aufzusuchen, welche ich Dir wegen der Klugheit, mit der sie ihre Kinder versorgen, zeigen möchte. Lass uns lieber in die Laube sitzen; ich werde kurz noch über einige andere sprechen; damit werden wir viele Zeit gewinnen.«

Als wir uns in die Laube gesetzt, fuhr mein Lehrmeister also fort:

»Es gibt eine Pferdefliege, die ihre Eier an das äußerste Ende der Brust des Pferdes legt, obwohl sie erst in dem Magen des Thieres sich erschließen; aber die Fliege weiß, daß das Pferd diesen Theil seiner Brust oft beleckt und die Eier, die an seiner Zunge kleben, in den Magen hinabgeschwemmt werden. Die Jungen der Fliege kommen mit dem Abgang des Pferdes hervor und erleiden ihre Verwandelung in dem Miste selbst. Dies hat viele Menschen glauben machen, daß aus dem Pferdekoth Fliegen entstehen, ohne daß eine Mutter ihre Eier hineinlege. – Von dieser Art Insecten gibt es solche, welche ihre Eier auf die Lefzen der Pferde fallen lassen, oder dieselben in der Haut der Ochsen verbergen. Eine andere Art kriecht durch die Naslöcher der Hirsche ( Gastrus nasalis), um die Eier unter die Zunge dieser Thiere zu legen; die Schafsbremse ( Oestrus ovis) legt ihre Eier in die Nase der Schafe: ihre Würmer leben beinahe ein ganzes Jahr in den beinigen Nasenhöhlen der Wollthiere, welche dadurch sehr gequält werden.

Der Schnabelkäfer ( Galandra granaria) legt in jedes Getreidekörnchen ein Ei und verschließt die gemachte Oeffnung so künstlich, daß man sie nicht wieder finden kann. Sein Junges lebt in dem Korne eben so geheimnißvoll, bis seine Verwandlung geschieht.

Der Maikäfer ( Melolontha vulgaris), die Heuschrecke ( Locusta viridissima), der Scharrkäfer ( Oryctes nasicornis), und viele andere legen Eier an zweckmäßige Plätze in der Erde; die Maulwurfsgrille ( Gryllotalpa vulgaris) gräbt unter dem Boden ein Loch mit einem sehr engen Eingang; dieses weiß sie an allen Seiten so glatt zu machen, als wäre es gemauert, und legt mehr als 300 Eier hinein.

Der Hornschröter ( Lucanus cervus) bohrt in verfaulte Bäume ein Loch, um sein Ei hineinzulegen; sein Junges benagt sechs Jahre lang den Baum, ehe seine letzte Verwandlung geschieht.

Die Kellerassel ( Oniscus asellus) hat unter der Brust ein Säckchen, worin die Mutter ihre Eier ausbrütet; die Jungen kriechen eine Zeit lang aus und ein in dem Sacke bis ihre Erziehung vollendet ist; indessen trägt die Mutter sie überall mit und wacht ängstlich über ihrer theuren Familie.

Der Holzwurm oder der gemeine Borkenkäfer ( Bostrychus typographus) ist ein schwarzer Wurm, der unter der Rinde der Tannenbäume eine Menge Röhren bohrt, wegen deren Aehnlichkeit mit Schriftlettern man ihm den Namen Buchdrucker gab. Die Mutter des Borkenkäfers ist ein fliegendes Käferchen; wenn sie einen Baum gefunden hat, so bohrt sie in der Rinde einen langen Gang für ihre eigene Wohnung. Nachdem dies geschehen, nagt sie neben dieser eine Menge kleiner Höhlen aus, legt in jede derselben ein Ei und mauert den Eingang mit Sägemehl zu, damit ihre Jungen nicht in ihren eigenen Gang kommen; sie hat auch dafür Sorge getragen, den Anfang jedes nebeneinander stehenden Röhrchens so zu richten, daß alle ihre Jungen fortgraben können, ohne sich zu begegnen. Dies ist sehr nöthig; denn wenn zwei Borkenkäfer in ein und dieselbe Röhre kommen, so kehrt keiner von beiden zurück: einer der beiden Gräber muß sein Leben lassen – und die Mutter ahnt das Unglück solcher Begegnungen. Die Eier verwandeln sich bald in gelbliche Würmer, die ihr Röhrchen fortgraben, ohne je in die Röhre des andern zu gerathen. Welches feine Gefühl müssen sie dazu besitzen, da bisweilen mehr als siebenzigtausend solcher Würmer unter der Rinde eines Baumes arbeiten!

Die Schlupfwespen Ichneumonidae. Viele legen ihre Eier in lebende Raupen, Maden u. s. w.; andere tragen die Nahrung ihrer künftigen Jungen an bequemen Plätzen zusammen. sind gewaffnete Fliegen, den Wespen ziemlich ähnlich; sie nähren sich mit dem Safte der Blumen; ihre Jungen jedoch fressen in der Periode des Wurmes Fleisch; und da sie während der ersten Lebenszeit ihre Nahrung nicht suchen können, so sorgt ihre Mutter für sie. Wenn eine Schlupfwespe fühlt, daß sie gebären muß, gräbt sie in den losen Sandboden ein kleines Loch; dann holt sie eine lebende Raupe, schafft sie in dieses Loch und verwundet sie tödtlich mit ihrem Stachel. Neben dieses Schlachtopfer legt sie ein Ei, für dessen Wurm bei seiner Geburt die niedergelegte Raupe zur Nahrung dienen soll. Ehe die Mutter ihr Ei verläßt, bedeckt sie die Raupe mit Sand und kleinen Steinen. Es gibt Schlupfwespen, die mehr als ein Ei in ein und dieselbe Höhle niederlegen; aber dann fügen sie auch zu jedem Ei eine Raupe oder eine Spinne, so daß jedes Junge seine besondere Nahrung findet. Die Schlupfwespe, eine Feindin der Honigbienen, überrascht diese auf den Blumen, kämpft mit ihnen und sticht sie mit ihrem Stachel todt; dann bringt sie ihre Schlachtopfer in eine dazu gegrabene Höhle unter der Erde, stapelt sie auf und legt neben jedes ein Ei.

Das Nest der Schwalbe ist ein mühsames und wunderbares Werk: doch wirst Du etwas noch weit merkwürdigeres in dem Werke der Mauerbiene ( Antophora parietina) finden. Diese wählt sich eine Mauer aus, die nach Süden liegt und täglich die wärmsten Strahlen der Sonne empfängt. Wenn sie auf einer solchen Mauer einen bloßen Stein antrifft – denn auf Kalk mauert sie nicht – dann sucht sie ihre Baustoffe. Sie nimmt ein Sandkorn, bespritzt es mit einer leimigen Flüssigkeit und vereinigt auf diese Weise zehn Körner zu einer kleinen Kugel, mit welcher sie zu der Mauer fliegt und den ersten Stein ihres Hauses legt. So holt sie viele Frachten Mörtel herbei, knetet alles mit ihrem leimigen Speichel zusammen und bildet ein Zellchen, das mit dem Fuße an der Mauer steht. Dann holt sie von den Blumen einen Vorrath an Honig und rohem Wachs, füllt das Zellchen damit bis zu einer gewissen Höhe, legt ein Ei darein und mauert den Eingang zu. Sobald sie eine gewisse Anzahl solcher Schalen gemacht und in jedes genug Nahrung neben das Ei gelegt hat, bedeckt sie das ganze Gebäude noch mit einem gemauerten Gewölbe, dessen Härte dem Schnitte stählerner Werkzeuge widerstehen kann. Die Würmer der Mauerbiene müssen bis zum nächsten Jahre in dieser Wohnung bleiben: deßhalb hat ihre Mutter für Wintervorrath gesorgt. Sie glaubt, daß ihre Kinder nun nichts mehr zu befürchten haben; aber ach! oft mauert sie unbewußt den Feind mit in dem Gewölbe ein. Es gibt ein schuppengeflügeltes Insect, das man Bienenkäser ( Trichodes apiarius) nennt; während die Mauerbiene damit beschäftigt ist, ihr Nest zu bauen, steht dieser irgendwo in der Nähe und wacht, um ihre Wohnung auszukundschaften. Sobald die Biene neuen Mörtel zu suchen geht, kommt der Bienenkäfer und legt eines seiner Eier in ein Zellchen, worauf er sich rasch davon macht, um nicht von dem Eigenthümer gesehen zu werden. Im Frühjahre werden die Würmer der Mauerbiene zuerst geboren und beginnen sich in ihrer Wohnung mit Wachs und Honig zu nähren. Kurz darauf kommt aus dem Ei des Bienenkäfers ein fleischfressender Wurm hervor. Dieser verschlingt zuerst das Junge der Mauerbiene, in deren Zellchen es sich befindet; dann bohrt er durch alle Zellen der andern und vertilgt die ganze Nachkommenschaft der Mauerbiene. Wenn er keine Nahrung mehr findet, verwandelt er sich in ein Püppchen, bis er später ein geflügelter Bienenkäfer wird. Das Goldwespchen ( Chrysis) legt gleichfalls seine Eier in das Nest der Mauerbiene und mit der gleichen Absicht wie der Bienenkäfer.

Es gibt auch eine Wespe ( Odynerus Pterocheilus et Ammophila sabulosa), die an den alten Mauern oder in der Erde ein Nest baut. Da die Jungen der Mauerbiene jedoch lebendig Fleisch essen müssen, so stapelt ihre Mutter lebendige Raupen, Spinnen und andere Insecten auf ihren Eiern auf; sie weiß sie so vernünftig in dem Neste anzubringen, daß sie sich nicht bewegen können und ohne zu sterben aufgestapelt bleiben, bis der Wurm, der aus dem Ei kommt, eine frische und unverdorbene Beute antrifft.

So weiß jedes Insect den Platz zu finden, der für die Geburt seiner Jungen nöthig und nützlich ist. Die eine Art legt ihre Eier auf faules Fleisch, die andere auf oder in die Erde, eine dritte auf lebendige Thiere, wiederum andere in gewisse Höhlen ihres Körpers und auf verschiedene Theile der Pflanzen und Früchte. Mit einem Worte, es gibt beinahe kein Naturwesen, das nicht einer oder mehreren Arten von lebenden Thieren zum Neste dient. Eine große Anzahl legt ihre Eier in das Wasser, wie die Mücke, das Tagfliegchen, die Wasserjungfer, der Kalenderwurm ( Culex pipiens, Ephemera vulgata, Libellulina), und eine Anzahl anderer, kleiner fliegender Insecten.

Du kennst den großen Schwimmer ( Hydrophilus piceus). Ohne Zweifel hast Du mehr denn einen in Deinem großen Weiher schwimmen sehen. Wenn das Weibchen die Legezeit nahen fühlt, spinnt es über dem Wasser ein schwimmend Boot von kegelförmiger Gestalt; damit es aufrecht bleibe und nicht von dem Winde umgeworfen werde, bindet es an den Kiel einen schweren hornartigen Stoff, der dem schlanken Fahrzeug als Ballast dient. Das Innere bedeckt sie mit weichem Flaum, legt ihre Eier darein und spinnt eine Decke darüber gegen Thau und Regen. – Die Jungen des großen Schwimmers sind fleischfressende Würmer, die sich mit Fischbrut und Wasserthierchen nähren, bis sie sich in pflanzenfressende Schuppenflügler verwandeln.

Die Wasserspinne ( Argyroneta aquatica) baut ihr Nest mit noch weit mehr Vernunft. Ich werde Dir bei erster Gelegenheit eine solche in dem Weiher zeigen. Nachdem sie einen günstigen Platz zwischen den Pflanzen ausgesucht, spinnt sie unter dem Wasser ein plattes ausgestrecktes Nest, dessen Fäden sehr dehnbar sind. Da sie nicht ohne Luft leben kann und doch unter dem Wasser wohnen will, baut sie ein trocken und luftig Nest unter der Oberfläche des Baches selbst. Um zu begreifen, wie ihr dies gelingt, mußt Du wissen, daß die Wasserspinne hinten an ihrem Körper viele seidene Haare hat, an welchen, jedesmal, so oft die Spinne untertaucht, ein Luftbläschen kleben bleibt. Sobald die Wasserspinne ihr Nest gesponnen, holt sie eine Luftblase, bringt sie unter ihr Netz und macht sie mit ihrem Fuße los; die Luftblase will in die Höhe, wird aber von der Spinnwebe festgehalten. So holt die Spinne noch viele andere Luftblasen, welche alle in eine einzige zusammengehen und die dehnbaren Fäden des Gewebes wie eine Glocke in die Höhe treiben. Dann dielt die Spinne ihre Glocke mit einem seidenen Boden, in welchem sie nur ein Loch offen läßt. So baut dies vernünftige Insect sich ein trockenes und luftiges Haus unter dem Wasser, um seine Beute dorthin zu bringen und ruhig zu verzehren und später für die Jungen einen bequemen Aufenthaltsort und eine prächtige Wiege bereit zu haben.

Hier schwieg der Greis; er betrachtete mich mit fragender Miene, aber diese Mittheilungen über die vielseitige und wunderbare Vernunft der Insecten hatte mich so in Gedanken versinken machen, daß ich sprachlos zu Boden blickte.

»Nun,« fragte mein Lehrmeister, »scheinen Dir die kleinen Thierchen noch verächtliche Geschöpfe? Hat die Hand Gottes ihnen den Stempel seiner Allmacht nicht glänzend genug ausgeprägt?«

»O Vater,« seufzte ich, »meine Phantasie verwirrt sich: es steigt in meinem Geiste ein Zweifel auf. Ist der Mensch wohl das verständigste Wesen der Erde? Ich sehe alle diese Thiere die vernünftigsten und mühsamsten Werke ausführen, ohne sich je zu täuschen, und ohne daß ein Lehrmeister sie unterrichtet hätte.«

»Mein Sohn!« antwortete der Greis, »ich begreife wohl, daß der Verstand der in unsrem Gespräche berührten Thiere Dich in Staunen versetzt hat. Nicht wahr, Dein Uebermuth ist dadurch gedämpft worden; ja, da Du stehst, daß der Schöpfer sich nicht allein mit Dir beschäftigt hat, verkennst Du sogar die Gaben, die er Dir gegenüber von anderen Thieren in solchem Ueberflusse geschenkt. Gleich einem verzogenen Kinde sagst Du trotzig, ich will nichts, wenn man mir nicht Alles gibt. Ich verzeihe Dir diesen Irrthum gerne: er ist bei dem Halbgelehrten und Lernenden gewöhnlich. Aber weßhalb urtheilst Du so oberflächlich über Naturerscheinungen? Weßhalb wartest Du nicht mit Deiner Schlußfolgerung bis Du die Baustoffe zu einem umfassenden und gegründeten Urtheil gesammelt hast? Der Mensch, mein Kind, ist das stolzeste Wesen der Natur, weil er allein die innere Ueberzeugung seiner außerordentlichen Größe hat; von seinen jungen Jahren an ruht in seinem Herzen ein Gedanke der Unfehlbarkeit und weiß er auch noch nichts, so erlaubt er sich doch ein Urtheil über alles, was er sieht und nicht sieht. Ist es nun zu verwundern, daß er, so lange er lernt, bei jedem Schritte auf Dinge stößt, die seine Kenntnisse Lügen strafen? Und wenn er aus jeder neuen Erscheinung eine vielumfassende Folgerung zieht, welche Bestimmtheit kann dann sein Urtheil und sein Naturglaube haben, da der Mensch nie ausgelernt hat und seine Geistesbeschränktheit nur dann einzusehen anfängt, wenn seine wissenschaftlichen Kenntnisse zunehmen – so daß man sagen kann, der verständigste und gelehrteste Mensch ist nicht der, welcher am meisten weiß, sondern der, welcher nach seinen Untersuchungen am genausten sagen kann, was ihm noch unbekannt blieb.

Unsere Vorfahren dachten über Vieles anders, als wir; sie glaubten aber doch, über alles richtig zu urtheilen – und ihre hinterlassenen Schriften beweisen uns, daß es ihnen an keinem geistigen Vermögen fehlte. Gleichwohl sehen wir mitleidig auf einige ihrer Naturerklärungen zurück, weil wir Dinge entdeckt haben, aus welchen erhellt, daß sie sich getäuscht. In uns lebt derselbe Hochmuth, wie in unsern Vorfahren; auch wir glauben, ein begründetes Urtheil über die Naturerscheinungen zu fällen. – Und ach! unsere Kinder werden in zweihundert Jahren wahrscheinlich gleichfalls Spott mit unserer Art über die Dinge zu denken, treiben, die wir sehr gut und sehr tief zu kennen vermeinen. Mein Sohn, sehen ist, die Gestalt und die Bewegung eines Wesens oder eines Körpers mit den Augen gewahr werden; aber sehen ist nicht begreifen. Deßhalb darfst Du bei Deinen Naturstudien nicht von dem aus, was Du siehst, über das urtheilen, was Du nicht siehst noch begreifst; denn auf diese Weise würdest Du immer irren. Höchstens sei es Dir gestattet, eine zweifelhafte Vorstellung so lange zu bewahren, bis eine genauere Untersuchung aller Theile und des Ganzen Dir eine vollständige Kenntniß von den Gegenständen gegeben, die Du beurtheilen willst.

Nehmen wir den Verstand der Insecten zum Beispiel. Er ist wirklich wunderbar; – und oberflächlich betrachtet, hältst Du ihn für vernünftiger, als den Verstand der Menschen, ja, die kleinen Thiere scheinen Dir eine vollkommene, unfehlbare Wissenschaft zu besitzen.

Es gibt einige allgemeine Grundgesetze, die aus Gott selbst hervorgehend, sich auf die Kenntniß seiner Allmacht und Allweisheit stützen. Ein solches ist das, welches sagt, daß Gott jedem Thiere gerade soviel Kraft und Vernunft geschenkt, als es bedurfte, um auf Erden die Sendung zu erfüllen, welche jedem Geschöpfe durch Ihn im harmonischen Leben der Schöpfung anvertraut worden. Aber dieses Gesetz, das auf das Ganze anwendbar ist, gefällt Deinem alles zergliedernden Geiste nicht; und indem Du über einzelne Thatsachen urtheilst, ziehst Du selbst eine allgemeine Folgerung aus besonderen Erscheinungen. So hast Du gesagt: Ist der Mensch wohl das verständigste Wesen? Diese Frage umgekehrt und ihrer Zweifelform entkleidet, will sagen: die Thiere haben so viel Verstand, als wir – der Mensch würde nicht mehr an der Spitze der Schöpfung stehen, er wäre ein Thier, wie ein anderes, etwas größer oder kleiner, ohne eine erhabene Seele und ohne eine Bestimmung, die sich außerhalb des Kreises des thierischen Lebens bewegt. – Ich weiß wohl, daß Du Deiner Frage nicht diese Ausdehnung gegeben, sonst würde mich Deine Vermessenheit ewig den Unterricht bereuen lassen, den ich Dir gebe; aber ich will Dein Urtheil gegen falsche Folgerungen waffnen und Dich ermahnen, es innerhalb der Grenzen der Wahrheit und Demuth gegen Gott zu halten. Ich werde deßhalb das Gebäude Deiner Bewunderung einstürzen und Dir zeigen, daß die vernünftigsten Thiere von Gott nur einen unbedeutenden Grad von Gefühl und Verstand empfangen haben, wenn man diese Eigenschaften mit dem Lichte der Vernunft und dem Seelenvermögen des Menschen vergleichen will.

Die Insecten zeigen den tiefsten und edelsten Verstand: wenn wir nur danach urtheilen wollten, was sie davon zeigen, so würden wir sie leicht mit Vernunft begabt achten; aber wir werden sie an dem Probirstein der Negazion prüfen und sehen, was sie nicht können. Erstens, alle Thiere thun, was ihre Aeltern thaten, weder mehr noch weniger, ohne Veränderung oder Verbesserung; sie sind deßhalb weder für Vervollkommnung, noch für Verstandeserziehung empfänglich. In dieser Unveränderlichkeit liegt die Ursache der zweckmäßigen Richtigkeit ihrer Bewegungen; aber sie beweist zu gleicher Zeit, daß die Thiere der Form ihrer Werkzeuge oder inneren Gesetzen gehorchen, die der Schöpfer selbst ihrem Geschlechte vorgeschrieben. Die Wandelspinne webt kein Netz; sie fängt ihre Beute auf dem Boden. Versuche sie in ein Netz zu bannen; sie wird Hungers sterben, wenn auch viele gefangenen Fliegen sie umringen. Die Kreuzspinne lebt dagegen auf einem Netze; Du bewunderst die Vernunft, die sie bei der Aneinanderreihung ihrer Fäden entwickelt; lege sie auf den Boden und hindere sie, ein Gewebe zu spinnen, so ist ihre Vernunft zu Ende, denn sie wird nicht ahnen, daß sie auf der Erde gleichfalls ihre Nahrung finden kann. Es gibt viele Fliegen, die ihre Eier auf verfaultes Fleisch legen; reibe etwas verfaultes Fleisch auf einen bloßen Stein; die Insecten, durch den Geruch angelockt, werden ihre Eier auf den Stein legen, ohne zu ahnen, daß ihre Jungen darauf keine Nahrung finden; ja, was mehr ist, wenn Du in ein Glas ein Stückchen Fleisch legst und darüber ein leichtes Tuch deckst, so werden die Fliegen ihre Eier auf das Tuch legen. Der Geruch ist somit für sie allein der Beweggrund; weiter haben sie keinen Schein von Urtheil und sie weihen ihre Kinder einem sichern Tode – ohne Ueberlegung und ohne im Mindesten zu wissen, was sie thun. Es gibt eine Pflanze, die man die Aasblume ( Stapelia) nennt: ihre Blüthen haben einen unangenehmen Geruch, wie von verdorbenem Fleisch, auch sind sie immer bedeckt von Fliegeneiern, deren Würmer unmittelbar nach ihrer Geburt sterben, da ihnen die erwartete Nahrung gebricht. Denke Dir einen Wurm, der sich in eine Puppe eingeschlossen, um seine Verwandlung vor sich gehen zu lassen; er hat nicht ferne von seinem Maule eine dünnere Stelle ausgehöhlt, wo er sich einen Ausgang durch die Wand seines Gefängnisses machen kann: drehe ihn in seiner Puppe um und mache an der Seite viele solcher dünneren Stellen. Der Wurm wird an dem Platze nagen, den er sich zubereitet hat, oder vielmehr wohin ihn der unbewußte Trieb seiner Glieder weist; er wird vergeblich arbeiten, bis er vor Hunger stirbt; – und doch sind unten und oben an seinem Körper der Ausgänge genug, aber er hat keine Ueberlegung; was er thut, thut er mechanisch. Der herannahende Tod selbst kann in der Reihe von Bewegungen, welche in seiner körperlichen Beschaffenheit ihren Grund haben, keine Veränderung hervorbringen. So ist es mit allen Thieren, mein Kind, das eine zeigt uns mehr Verstand, als das andere; all' ihre Gefühle, alle Anzeichen einer gewissen Vernunft, welche wir bei ihnen finden, sind jedoch dem ganzen Geschlechte eigen, ohne daß in den einzelnen Exemplaren irgend eine Verminderung oder Vermehrung Statt hätte.

Alle thun bei ihrer Geburt und ohne Lehrer, was zu ihrem Leben dient; und der Entwicklung oder Gestaltsverwandlung ihres Körpers entsprechend, verändert sich auch die Form ihres organischen Verstandes. Sie haben keine Wahl: was sie thun, können sie sich nicht enthalten zu thun, und sie gehorchen nur der Eingebung ihres materiellen Körpers.

Der Mensch dagegen hat, erhaben über die thierische Nothwendigkeit, einen schöpferischen Geist, eine denkende Seele, ein aufzeichnendes Gedächtniß, eine Urtheilskraft. Hängt er durch seinen Körper an der Erde fest, so erhebt sich doch seine Seele zum Begreifen der Gottheit und zur Hoffnung auf ein besseres Leben. Er ist der Vervollkommnung fähig und hat in sich selbst ein Streben nach Verbesserung seines Schicksals auf Erden und nach Vermehrung seiner Geisteskräfte; für ihn ist nicht das Nöthige und Nützliche die einzige Triebfeder: er schafft sich auch unnütze und verderbliche Dinge; eine Sehnsucht nach Unsterblichkeit beseelt ihn; er hinterläßt in seinen Schriften und Bauwerken anderen Jahrhunderten die Denkmäler seiner Größe und ist weit mehr auf seine Geistes-, als Körpermacht stolz: er ist in Allem veränderlich: bald ist er gutmüthig bis zur Schwachheit, edelmüthig bis zur Aufopferung aller seiner eigenen Vortheile, nur um seinem Nächsten zu nützen, bald böse bis zum Verbrechen, blutgierig bis zur nutzlosen Hinmordung Anderer und seiner selbst. Diese verschiedenen guten und schlimmen Eigenschaften der Menschen, seine zufällige Bosheit, obwohl er weiß, daß es seine Pflicht ist, vor Gott und seinen Brüdern tugendhaft zu leben, beweisen deutlich, daß er in sich selbst einen Willen hat, durch welchen er unterscheiden und wählen kann und jeden besonderen Menschen für seine eigenen Thaten verantwortlich macht, da er nicht vom Schicksale gezwungen oder unwiderstehlich so oder anders handelt, sondern thun und lassen kann – gemäß seinem unabhängigen Willen und dem Maße der Macht, welche das Gefühl der Tugend auf sein Gemüth hat.

Später, mein Kind, werde ich von dem Meisterstücke des Schöpfers sprechen; ich werde Dir zeigen, welche erstaunlichen Werke der Kunst und des Geistes die menschliche Seele auf Erden geschaffen hat. Du wirst Gott für seine unschätzbaren Gaben dankbar sein – aber vermessener Hochmuth wird dennoch Dein Herz nicht erfüllen, denn ich werde Dir sagen, was der Mensch nicht kann und wo die Grenzen seines Geistes sind. Man muß in der Betrachtung der Natur mit Demuth vorwärts schreiten – und nie vergessen, daß unser Urtheil ein Gebäude ist, an welchem viele Säulen fehlen – und das wir selbst bisweilen, wenn wir neue Baustoffe entdeckt haben, umwerfen, um es wieder eben so unvollkommen auf seinen Grundpfeilern aufzubauen. Ich freue mich, daß Du mir Gelegenheit gegeben, Dir diese Worte zu sagen; denn ich muß Dich morgen von Thierchen unterhalten, die weit mehr Verstand, als der Todtengräber, die Mauerbiene, die Sägewespe und die Wasserspinne haben.

Nachdem ich nun Deinen Geist über diesen Gegenstand gegen falsche Folgerungen gewaffnet habe, wirst Du alle Werke Gottes betrachten können, ohne daß Deine Bewunderung der Einen Dich den Werth und die Schönheiten der Andern vergessen lassen.

Bis Morgen denn, mein Sohn!«


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