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III.

Quam magnificata sunt opera tua, Domine! Omnia in sapientia fecisti.

Ps. CIII, v. 24.

Ich war am vorhergehenden Tag, wie mir der Greis anbefohlen hatte, bis zum Abend in dem Garten geblieben und hatte viele Dinge vergeblich zu begreifen gesucht. Namentlich hatte mich eine Handlung unseres Gärtners in großes Nachdenken versetzt. Es stand in einem fernen Winkel unseres Baumgartens ein niederer Apfelbaum, den ich wegen seiner schönen Form und seiner vortrefflichen Früchte besonders lieb hatte. Vor ungefähr einem Monate hatte unsre junge Ziege alle seine Sprößlinge und Blätter abgefressen: der Baum war dadurch tödtlich krank geworden und trauerte nun, beinahe ohne Wachsthum.

Am Tage zuvor war unsere junge Ziege gestorben. Als ich auf meinem Wege in den Baumgarten trat, fand ich unsern Gärtner damit beschäftigt, in der Nähe des Baumes ein Loch zu graben. Ich fragte ihn, was er zu thun Willens sei, ob er etwas pflanzen wolle und erhielt zur Antwort:

»Ha, ha, junger Herr, pflanzen? keineswegs. Die Ziege will ich hier begraben.«

»Warum?« fragte ich verwundert.

»Warum? Um den Baum wieder gesund zu machen. Das ist ein gutes Pflaster für seine Wunde; geben Sie nur acht: in wenigen Wochen werden Sie ihn ganz anders treiben sehen. Und daß ich das Loch nicht ganz dicht bei seiner Wurzel mache, geschieht deßhalb: solches Aas ist meist brandig. Er wird es zu finden wissen, sobald er es riecht.«

»Es ist doch ein sonderbarer Gedanke,« rief ich, »die Ziege hier zu begraben!«

»Nicht mehr als billig, junger Herr,« antwortete der Gärtner ernst, »die Ziege hat den Baum abgefressen; alles nach der Reihe: nun mag der Baum sich mit dem Körper der Ziege füttern.«

Diese Worte des Gärtners machten eine Flut von Gedanken durch meinen Kopf strömen und mit gedämpfter Stimme sagte ich:

»Wie unbegreiflich ist doch die Natur; alles ist sterben und vergehen, wieder aufleben und ewig fortdauern.«

Der Gärtner betrachtete mich mit lächelndem Staunen und sprach, als ob er mir eine vollständige Erklärung gegeben:

»Nun, junger Herr, es scheint mir ganz einfach. Gott hat das also eingerichtet, damit nichts auf der Welt verloren gehe.«

Die Ansicht des Landmannes war gewiß eine sehr richtige und wohl begründete; obschon ich dieß fühlte, wurde mein Geist doch durch seine bündige Auslegung nicht befriedigt. Ich verließ ihn und ging sinnend in den Garten, um mich auf eine Bank zu setzen. Den Kopf in die Hand gestützt überdachte ich, wie alles in der Natur ein ewiger Gestaltswechsel ist; ich versank immer tiefer und tiefer in meine Betrachtung und gewann endlich die Ueberzeugung, daß wir, die wir heute leben, in unserm Körper Säfte und andere Theile von Menschen und Thieren tragen, welche vor Jahrhunderten gelebt haben. So erinnerte ich mich, daß mir mein Vater vor zwei Jahren, als er mich durch Flandern führte, die Felder zeigte, wo unsere Voreltern in blutigen Schlachten für die Freiheit gestritten haben. Schön und üppig stand das Korn und der Weizen auf den herrlichen Feldern! Und sie hatten immer herrlich gewogt seit jenen ruhmvollen Tagen. Anfangs betrübte mich dieser Gedanke sehr: das ewige Vergehen und Wiedererstehen derselben Stoffe auf dieser Erde nahm mir alles, selbst die Ursprünglichkeit meines Körpers. Ich wäre gewiß noch lange in diese düstern Gedanken versunken geblieben, hätte nicht eine innere Stimme, etwas, was ohne mich in mir zu leben schien, mich mit unwiderstehlicher Macht zu klareren Gedanken erhoben. Plötzlich richtete sich mein Kopf auf und mein Auge blickte himmelwärts; o! es that mir wohl, zu fühlen, daß in diesem trostlosen Augenblick mich etwas in meinem Innern zu höheren Sphären erhob. Mein Auge, das in den blauen Himmelssee tauchte, glänzte vor Freude und Hoffnung; ich fühlte meine Brust sich kräftig heben und senken, als athmete sie die Luft einer höheren Heimath …

Später am Tage beschäftigte ich mich damit, das Unkraut aus einem meiner Blumenbeete zu raufen. Vielerlei Arten von Gewächsen hatte die Natur auf diesen feuchten und schattigen Platz gesäet: es wucherte hier die giftige Wolfsmilch ( Tythymallus), der scharfe Sauerklee ( Oxalis), die lindernde Malve ( Malva), und das beißende Löffelkraut ( Cochlearia). Es war mir schwer, einen Grund für die verschiedene Art dieser Kräuter zu finden, welche alle in demselben Boden wuchsen und doch alle die entgegengesetztesten Kräfte besaßen. Ich dachte noch darüber in der Stille nach, als ich den Greis von ferne kommen sah. Als ich ihm entgegen gegangen war, erzählte ich ihm, was ich seit gestern beobachtet und ersonnen hatte. Er lächelte und schüttelte den Kopf, bis wir wieder auf eine Bank zu sitzen kamen; dann schlug er mit der Hand an einen Tannenbaum und fragte:

»Mein Sohn, woher denkst Du, daß der Stoff kommt, aus welchem dieser Stamm gebildet ist?«

»Aus dem Boden,« war meine Antwort.

»Das ist nicht so gewiß, als Du glaubst,« fuhr der Greis fort. »Ich begreife wohl, daß Du keine andere Vorstellung haben kannst, da Du den Baum aus der Erde aufschießen siehst und wohl weißt, daß seine Wurzeln wenigstens den größten Theil der Nahrung daraus aufsaugen. Der Mensch hat jedoch durch jahrhundertelange Erfahrung gelernt, daß Thiermist, abgestorbene Pflanzen, Asche, Kalk und andere Stoffe die Fruchtbarkeit und das Wachsthum aller oder einzelner Pflanzen befördern; und er versieht jedes Jahr damit seine Aecker, als wären sie eine Lieblingsspeise für seine Gewächse. Aber Du und die meisten Menschen täuschen sich, wenn sie glauben, die Bäume und Kräuter bestehen aus festen fadigen Stoffen, welche ihnen der Boden geliefert.

Alle Bäume und Pflanzen bestehen hauptsächlich aus Kohlenstoff und Wasser, welches wiederum nichts anderes ist, als eine Vermischung von Sauerstoff und Wasserstoff. Die Blätter, Blumen, Früchte und Wurzeln enthalten überdies ein gewisses Quantum von Stickstoff. 2500 Pfund Heu enthalten 984 Pfund Kohlenstoff und 32 Pfund Stickstoff. Die vier genannten Gase sind auch gerade diejenigen, welche die Luft bilden oder mit ihr vermischt sind; sie können deßhalb aus der Atmosphäre selbst dem Baum zugeführt werden. Was nun die festen erdartigen Theile betrifft, die aus dem Boden in den Baum unter der Form einer chemischen Auflösung aufsteigen, so findet man diese in der Asche wieder, welche nach der Verbrennung des Holzes übrig bleibt; die geringe Quantität derselben wird Dich belehren, wie wenig Stoff der Boden als Erde zu den Gewächsen liefert. Nehmen wir z. B. an, daß der Stamm dieser Tanne achtzig Pfund wiege: wenn wir ihn ganz sorgfältig verbrennen wird nicht einmal ein ganzes Pfund Asche von ihm übrig bleiben. Diese Asche enthält etwas Kalk, etwas Potasche, etwas Kalkerde und einige andere erdige Stoffe. Die Asche aller verbrannten Gewächse enthält mehr oder weniger von folgenden erdartigen Stoffen: Kohlensäure, Kieselsäure, Phosphorsäure, Schwefelsäure, Kali (Grundstoff der Pottasche), Kalk, Talgerde, Natron, Thonerde, Eisen und Mangan. Bisweilen auch gewöhnliches Salz (Chlornatrium) und Chlorkali. Die Seepflanzen enthalten dagegen Jodnatron und Jodmagnesium.
100 Pfund Tannenholz geben 8/ 10 Pfund Asche.
100 Pfund Eichenholz geben 2½ Pfund Asche.
100 Pfund Lindenholz geben 5 Pfund Asche.
100 Pfund Weizenstroh geben 4½ Pfund Asche.
100 Pfund Erdäpfellaub geben 15 Pfund Asche.
100 Pfund Tannennadeln geben 8 Pfund Asche.
100 Pfund Eichenrinde geben 8½ Pfund Asche.

Diese Wahrnehmung lehrt uns, daß von achtzig Pfunden Holz wenigstens neun und siebenzig wieder zur Luft zurückgekehrt sind, von wo sie ursprünglich gekommen waren. Das eine Gewächs enthält allerdings mehr von gewissen Hauptstoffen, als das andere; die erdigen Theile sind jedoch in großer Minderheit und der Kohlenstoff in der Mehrheit.

Ich werde Dir nun auch die Art und Weise auseinandersetzen, wie der Mist das Wachsthum der Pflanzen befördert; darin wirst Du die Erklärung der Handlung Eures Gärtners sowohl, als der verschiedenen Eigenschaften der Kräuter finden, welche auf einem und demselben Boden stehen. Außer gewissen erdigen Theilen hat eine Pflanze, um zu vollem Wachsthum zu gelangen, vornehmlich Kohlenstoff, Stickstoff und Wasser nöthig. Wo der Mensch nicht jährlich die Früchte der Erde zu seiner Nahrung wegnimmt, da liefert die Luft den Gewächsen alle diese Stoffe im Ueberfluß. Zum Belege davon dient folgende Wahrnehmung: säe einen Wald auf einem trockenen und sandigen Boden an, der weder Mist, noch Ueberbleibsel von Pflanzen und also auch keinen Kohlenstoff enthält; und nach dreißig Jahren werden die Bäume groß seyn; haust Du sie nieder, um sie zu verkaufen, so wirst Du tausende von Pfunden Holz und also auch Kohlenstoff wegführen. Und der Ort, wo die Bäume standen, wird mit einer ansehnlichen Lage schwarzen Waldbodens bedeckt sein, der gleichfalls beinahe ausschließlich aus Kohlenstoff besteht. Daraus siehst Du wohl, daß die Gewächse, wenn man sie stehen läßt, den Boden nicht aussaugen, sondern ihn im Gegentheil mit allem, was ihn fruchtbar machen kann, bereichern.

Ganz anders steht es aber mit den Gewächsen, welche von den Menschen gebaut werden; denn diese führen jährlich mit den Früchten von den Aeckern alles weg, was die Pflanzen sich an Kohlenstoff, Stickstoff und anderen Stoffen zu eigen gemacht hatten. Denke Dir ein Feld von fünftausend Schuhen im Quadrat, das mit Korn besäet ist. Dieses Feld liefert jährlich ungefähr dreizehnhundert Pfund Stroh und Getreide; diese Quantität enthält zum mindesten fünfhundert Pfund Kohlenstoff. Nun wirst Du wohl leicht begreifen, daß in dem Boden nichts oder wenig mehr übrig bleibt, um die Gewächse üppig gedeihen zu machen und daß ein Mittel angewandt werden muß, um den Feldern und Aeckern mindestens theilweise zurück zu geben, was man ihnen nahm. Dieses Mittel besteht im Misten, denn dadurch schenkt man dem Boden eine Quelle von Kohlenstoff, Stickstoff und anderer Pflanzennahrung.

Erinnere Dich, was ich über das Athmen der Pflanzen gesagt: durch ihre Blätter athmen sie Kohlensäure ein, ziehen daraus den Kohlenstoff, den sie zum Gedeihen brauchen und stoßen den Sauerstoff wieder aus. Erinnere Dich ferner, daß alle thierischen und vegetabilischen Stoffe, welche verfaulen oder vergehen, den Sauerstoff aus der Luft an sich ziehen und denselben mit ihrem Kohlenstoffe verbinden: dadurch bilden sie die Kohlensäure, gerade das, was die Pflanzen zu ihrem Gedeihen bedürfen; überdieß lassen die thierischen Stoffe, während des Verfaulens, eine große Masse Stickstoff ausströmen, welcher sich mit dem Sauerstoffe verbindet und dann als Ammoniak den Pflanzen nützlich wird. Was war also die Absicht Deines Gärtners? Er begrub die Ziege nicht deßhalb bei dem Baum, weil sie seine Blätter abgefressen, sondern er wollte thierische Stoffe, die verfaulen sollten, in seine Nähe bringen und schenkte ihm dadurch eine Nahrungsquelle. In Kurzem wird die Leiche eine große Masse von Kohlensäure bilden, der Baum wird einen Theil derselben durch seine Wurzeln aufsaugen und neue Blätter treiben; und sobald er diese bekommen hat, wird jedes Blatt die Kohlensäure, welche von der Leiche in die Luft steigt, einathmen. Dieser Baum wird wahrscheinlich bald wieder üppig gedeihen und um so mehr und bessere Früchte treiben, je mehr ihm die Leiche Stickstoff dazu verschafft. Denselben Zweck verfolgen die Landwirthe, wenn sie thierische oder vegetabilische Stoffe als Mist auf ihre Aecker führen.

Der Unterschied zwischen den Eigenschaften der Pflanzen, die auf demselben Boden wachsen, ist nicht schwerer zu begreifen, da nicht der Boden, sondern die Luft die Hauptstoffe der Gewächse liefert. Die vier Gase, von denen ich Dir sprach, können durch ihre Verbindung mit einander und mit erdigen Stoffen tausenderlei Formen annehmen und unendlich verschiedene Eigenschaften hervorbringen. Sauerstoff und Wasserstoff in einem gewissen Maaße verbunden, bilden das Wasser, mit Kohlenstoff bilden diese zwei letzten das Holz, die Stärke, den Zucker und den Gummi. Noch mehr Sauerstoff bringt die Säuren in den Pflanzen hervor. Kohlenstoff und Wasserstoff mit oder ohne Sauerstoff bilden die aromatischen Oele, das Wachs, das Harz und die fetten Oele der Pflanzen. Der Stickstoff in seinen Verbindungen liefert die klebrigen Säfte, das Eiweiß und den Pflanzenleim, nebst einem wesentlichen Theile vieler Früchte. – Ich will damit nicht sagen, mein Sohn, daß der Mensch durch die Vermischung und Verbindung der genannten Stoffe je Zucker oder Harz oder einen andern vegetabilen Körper hervorbringen kann. Ehe sie sich so bilden, müssen sie in den Werkzeugen der Pflanzen zweckmäßig zubereitet und dem Einfluß eines unerklärlichen Lebens während einer bestimmten Zeit ausgesetzt gewesen sein. Jedes Gewächs ist so gebildet, daß es nur einige Hauptstoffe und zwar in einem bestimmten Maaße aufnimmt, während es die übrigen unberührt liegen oder vorbeigehen läßt und dann erleiden diese Stoffe in jeder Art von Pflanzen noch eine besondere Vermischung und Scheidung. Und wenn dem so ist, daß die Stickstoffe, auf verschiedene Art mit sich selbst oder mit erdigen Stoffen verbunden, allerlei Gestalten annehmen, so wirst Du begreifen, daß die giftige Wolfsmilch und die lindernde Malve neben einander gedeihen können. Man kennt bis heute 56 Hauptstoffe, das heißt solche Stoffe, welche nicht durch Vermischung von andern entstehen und deßhalb selbst die Grundstoffe der Vermischungen und Verbindungen in der Natur bilden. Wenn man bedenkt, daß der Mensch durch die vielförmige Zusammenstellung der Buchstaben und Zeichen des Alphabets die unzähligen Klänge und Wörter aller Sprachen der Welt schaffen kann, so wird man auch leicht begreifen, wie es möglich ist, daß in Allem, was auf Erden besteht, ja selbst in der Luft, die uns umgibt, nichts enthalten ist, als einer oder mehrere der 56 Hauptstoffe, unter welche auch die vier Gase und die Metalle gezählt werden. Befriedigt Dich diese Erklärung, mein Sohn?«

Obwohl ich mit Freuden auf die Worte meines Meisters gelauscht hatte und ihm dankbar für die tiefsinnigen Erklärungen war, die er mir gab, so schien es mir doch, als ob noch etwas unerklärt geblieben. Da der Landbau, soweit der Gärtner mich ihn mündlich gelehrt hatte, meine starke Seite war und ich gerne darüber sprechen hörte, wollte ich den Greis bei diesem Punkte noch einige Zeit festhalten. Ich antwortete deßhalb:

»Ja, guter Meister, ich begreife nun ganz gut, daß der Baum die Ziege nicht fressen wird und ich wohl geirrt habe, als ich der Meinung war, daß die Thiere und Pflanzen Theile von Wesen enthalten, die früher gelebt haben.«

»Wie verstehst Du es denn?« fragte der Greis.

»Nach Euren Erklärungen wird der Baum die Ziege nicht fressen. Alle Hauptstoffe, aus denen ihr Körper gebildet ist, müssen erst ihre Freiheit wieder erhalten und einen Theil der Luft oder des allgemeinen Naturschooßes der Erde bilden. Ich schließe daraus, daß wenn die Ziege das Wachsthum des Baumes befördert, dieser doch nichts von dem Leichnam aufnimmt, ehe die Stoffe geworden sind, was sie ursprünglich waren. Dies war früher nicht mein Gedanke; ich bildete mir ein, daß der Baum sich mit dem Fleisch und den Säften der Ziege nähren werde. Darüber, wie über den Unterschied der Pflanzen, welche auf einem und demselben Boden wachsen, bleibt mir nun kein Zweifel mehr. Aber die allgemeine Wirkung des Mistes hat noch etwas Geheimnißvolles für mich. Erlaubt mir, guter Vater, daß ich einige Fragen an Euch richte: Wenn es wahr ist, daß der Mist der Erde wieder zuführt, was man in der Ernte davon wegführte, wie kommt es dann, daß man nicht immer dieselben Früchte auf einem und demselben Feld gewinnen kann und Manche nicht einmal zwei Jahre hinter einander auf demselben Acker säen mögen? Was ist der Grund, daß nicht alle Gewächse gleich gut auf demselben Acker gedeihen? Warum ist die eine Sorte von Mist besser für einen gewissen Boden, als die andere? Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr mir, guter Vater, dies Wenige noch erklären wolltet.«

»Du thust wohl, mein Sohn,« sagte der Greis, »daß Du mich über Dinge fragst, die Du wissen möchtest. Deine Wißbegierde erfreut mich. So höre denn:

Außer der Nahrung, welche ihr der Mist zuführt, bedarf die Pflanze noch gewisser erdiger Stoffe, welche ihr der Boden allein liefert. So hat der Weizen zum Beispiel viel Kiesel nöthig, – unter Kiesel mußt Du den Stoff verstehen, aus welchem der Feuerstein gebildet ist; – ein Boden wird deßhalb nicht zum Gedeihen des Weizens tauglich sein, wenn er diesen Stoff nicht hinlänglich besitzt; der Kiesel, obschon er im Boden enthalten ist, muß durch die langsame Thätigkeit von Luft und Wasser in einen Zustand gebracht werden, der ihn für die Weizenpflanze aufsaugbar macht. Wenn nun eine Saat während ihres Wachsthums alle zubereitete Kieselerde aufgenommen hat, dann findet der Weizen nicht mehr genug davon zu seiner Nahrung und gedeiht schlecht. Wenn man dagegen den Boden, wo der Weizen gestanden, brach liegen läßt, oder andere Früchte darauf säet, die keine oder wenig Kieselerde aufnehmen, dann wird der Weizen, nach Verlauf von einer gewissen Zeit, wieder Kieselstoff finden, welcher sich inzwischen durch die Entbindung der Erdtheile gebildet hat. Es sind jedoch nicht alle Gewächse so an eine einzelne Bodenart gebunden; viele nähren sich mit Stoffen, welche sie beinahe überall antreffen können und diese sind deßhalb auch beinahe allerwärts zu finden. Doch verlangen die meisten Gewächse, welche dem Menschen zu seiner Nahrung dienen, eine besondere Art von Boden, zum Beispiel der Weizen, Roggen, Hafer, die Gerste, beinahe alle Getreidearten und Gräser, sowie das Haidekraut brauchen Kiesel; Bohnen, Erbsen, beinahe alle Hülsenfrüchte, Klee und Tabak erheischen Kalk; während Wermuth, Melde, Mangold, Rüben und Mais den Grundstoff der Pottasche nöthig haben, um wahrhaft zu gedeihen. Gewisse Gewächse, welche man deßhalb Salzpflanzen nennt, findet man nur bei der See oder bei den Salzbrunnen. Es wird Dir vielleicht wunderbar erscheinen, wenn ich hinzufüge, daß es sogar Kräuter gibt, die dem Menschen folgen und nur an bewohnten Orten gedeihen, so zum Beispiel der Stechapfel ( Datura) und die Borage ( Borago). Das Wunderliche davon verschwindet, wenn man weiß, daß sie Salpeter zu ihrem Leben brauchen und dies Salz nur da finden können, wo es sich durch den Abfall und die verbrauchten Stoffe von Menschen und Thieren bildet.

Daraus siehst Du, daß nicht alle Bodenarten für alle Pflanzen taugen, da der eine Boden mehr, als der andere erdige Stoffe enthält, welche gewisse Arten von Gewächsen nöthig haben. Aber es gibt außer dem bereits Gesagten noch einen andern Grund, der den Bodenwechsel für die Feldfrüchte nothwendig macht. So wisse denn, daß die Pflanzen wie die Thiere, nachdem sich ein Theil der Nahrung in ihrem Körper festgesetzt, das Uebrige auswerfen. Diese ausgeworfenen Stoffe legen die Pflanzen neben ihren Wurzeln in der Erde nieder. Es versteht sich von selbst, daß solcher Auswurf den Gewächsen, die ihn auswerfen, nicht nützlich ist, sondern vielmehr durch seine allzugroße Quantität schaden kann. Wenn man deßhalb eine Frucht an dem Orte säet, wo das Jahr zuvor dieselben Früchte standen, so finden die Wurzeln der jungen Pflanzen sich von einem Stoffe umgeben, der ihnen keine Nahrung zuführt. Gewisse Gewächse einer andern Art nähren sich dagegen mit dem Auswurfe derjenigen, welche zuvor dastanden. Du begreifst deßhalb, mein Sohn, was die Hauptgründe des Bodenwechsels sind: man will nämlich Pflanzen auf einander folgen lassen, die nicht dieselben erdigen Stoffe verbrauchen und von denen die letzten sich mit dem Auswurf der früheren nähren können, oder auch, damit der Auswurf selbst Zeit habe zu verfaulen und zu verschwinden, ehe man wieder auf diesem Felde die Frucht säet, die ihn ausgeworfen. – Daß der eine Mist besser für einen gewissen Boden ist, als der andere, ist gleichfalls sehr leicht zu begreifen, weil nicht alle Arten von Mist dieselben Stoffe enthalten, nicht jeder Boden gleichartig ist. Der Mist, welcher einem Felde die mangelnden Stoffe gibt, die von den Pflanzen, welche man darauf säen will, verlangt werden, wird deßhalb der beste sein. Ueber die Nahrung und das Wachsthum der Pflanzen, sowie über den Einfluß des Mistes vergleiche: J. Liebig, Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie.

Es gibt jedoch, mein Sohn, noch vieles das Pflanzenleben Betreffende, was unbekannt ist; man weiß nicht immer zu sagen, warum ein Gewächs auf einem gewissen Boden nicht gedeihen will und nicht ferne davon üppig treibt. Einige Pflanzen wollen auf Höhen stehen; andere sterben überall ab, nur nicht in dunkeln Tiefen, und wo die eine noch in vollem Wachsthum prangt, da wird Luft und Boden bereits tödtlich für die andere. Man weiß, wie einige feuchte Keller mit verschiedenen niederen Pflanzen bewachsen sind. Der Freiherr von Humboldt erzählt, daß er in einer dichtverschlossenen Felsenhöhle, welche die Bergleute beim Minengraben entdeckt hatten, eine Haarflechte ( Usnea) auf dem schneeweißen Tropfstein gedeihen sah. Auf den Bergen der heißen Zonen gedeiht die Eiche niemals an Orten, die höher sind, als sechstausend Fuß über der Meeresfläche; alle andern, mit Ausnahme der Tanne, verschwinden gleichfalls auf einer Höhe von dreitausend siebenhundert Ellen, während die Letztere noch viertausend Ellen über der Meeresfläche gedeiht. Hier verschwindet auch sie und wird von dem isländischen Moos abgelöst, das bis fünftausend fünfhundert Ellen erreicht. – Alle Zonen haben ihre Thiergeschlechter und unter diesen können die meisten sich an keine fremde Zone gewöhnen: dasselbe ist der Fall mit den Pflanzen. Man bringe mit den Thieren des glühenden Afrika die Bäume und Kräuter, von deren Früchten sie sich nährten, nach unserm Vaterlande; man pflanze die Letzteren und gebe den Ersteren ihre Freiheit wieder: ehe der Winter zur Hälfte vorbei ist, wird von der ganzen fremden Natur nichts mehr als Leichen übrig sein …«

Der Greis stand auf und trat langsam in den Garten. Ich folgte ihm und bemerkte rasch auf seine letzten Behauptungen:

»Und doch, Vater, habe ich in meinem Garten Blumen stehen, die Du selbst mir als aus sehr warmen Ländern kommend bezeichnet hast.«

»Allerdings,« antwortete der Greis, »wenn Du dies begreifen willst, mußt Du wissen, daß je höher man auf die Berge steigt, um so kälter die uns umgebende Luft wird. Es gibt in den warmen Theilen unserer Welt auch himmelhohe Berge: an ihrem Fuße herrscht die größte Hitze und dort gedeihen die Gewächse der heißen Zone; nach und nach, je höher man steigt und je mehr die Wärme abnimmt, desto mehr sieht man sich von Bäumen und Pflanzen der gemäßigten Zone umringt, in einer ansehnlichen Höhe trifft man die Tannen, die Flechten und andere Gewächse der nördlichen Gegenden. Es darf Dir deßhalb nicht wunderbar erscheinen, daß einige Gewächse, die ursprünglich den heißen Zonen angehören, auch in unserem Vaterlande gedeihen und selbst den Winter überstehen. Solch' ein hohes Gebirge ist eine ganze Pflanzenwelt.«

Mein Lehrmeister hielt inne, als ob er seine Erklärung schließen wollte. Ich ergriff seine Hand und dankte ihm feurig für alles, was er mir gesagt: es schmeichelte mir sehr, daß der alte Mann mich für fähig gehalten, solch' tiefe Betrachtungen zu erfassen.

Wir hatten uns während des Sprechens einer Laube genähert und setzten uns unter das Laub des Geisblatts ( Lonicera caprifolium) und der Waldrebe ( Clematis vitalba).

Der Greis sprach:

»Mein Sohn, heute kann ich nicht länger bei Dir bleiben: es ist Zeit, daß ich heimkehre. Um unsere Betrachtungen über die Pflanzen zu schließen, will ich Dich noch etwas sehr Wunderbares sehen lassen. Hier an Deinem Fuße liegt ein kleines Stückchen Holz, das von der Bank durch Faulen abgefallen ist, hebe es auf!«

Ich konnte nicht begreifen, was meines Meisters Absicht sein mochte und betrachtete verwundert das kleine Stückchen Holz, das kaum so groß war, als ein Nagel meiner Hand.

Die Stimme des Greises nahm einen feierlichen Ton an, als er sagte:

»Der Boabab Adansonia digitata. Der größte aller Bäume, wenn man nur die Dicke des Stammes und die Breite der Krone in Betracht zieht; er wächst in Afrika, wo er zuerst von Adanson entdeckt und beschrieben wurde, dessen Namen er jetzt trägt. ist der größte aller Bäume; der Umfang seines Stammes erreicht nahe an hundert Fuß; er lebt mehr als achthundert Jahre. Die Rafflesia Rafflesia Arnoldi, genannt nach Dr. Arnold, der die erste Beschreibung dieser wunderbaren Blume nach Europa sandte. ist die Riesin der Blumen; sie wächst auf den Inseln des indischen Meeres und vornehmlich auf Sumatra. Jede Blume hat mehr als acht Fuß im Umkreis und ist über fünfzehn Pfunde schwer, während ihr mittlerer Kelch allein schon zwölf Pinten Wassers enthält. Denke Dir einen solchen riesenhaften Baum und eine so schwere Blume; betrachte nun das Stückchen Holz, das Du aufgehoben und lasse diese Vorstellungen an Deinem innern Auge vorüberziehen. Was fühlst Du?«

Mein Erstaunen war im ersten Augenblicke so groß, daß ich nicht auf die Frage des Greises antwortete.

»Was fühlst Du?«

»Vater,« rief ich, »soll ich meinen Augen Glauben schenken? Ich sehe eine neue Welt: Bäume, Kräuter, Blumen, Thiere: o es ist gewiß Zauberei!«

»Zauberei?« sprach der Greis, »nein, mein Kind, es ist Wahrheit. Auf diesem kleinen Holze lebt und webt eine ganze Welt! Auch diese hat ihren Boabab, ihre Riesenblume und ihren kleinen Grashalm. Sieh hier, zur Linken des Busches wachsen schöne rosenfarbige Blumen, sie befruchten einander, ihre Eierstöcke brechen auf und werfen eine Wolke von Samen in die Luft. Weiter entfernt stehen größere Bäume, deren Stamm mit Moos bewachsen ist, wie die Rinde der Eichen: ihre Kronen bewegen sich unter unserem Athem, als wühlte der furchtbarste Orkan in ihnen: dort kommt ein starkes, bewaffnetes Thier angelaufen; aber die schwächeren Thiere retten sich durch die Flucht, ihr Feind nährt sich mit den Eiern, welche sie soeben gelegt; hier sind welche, die geboren werden, die sterben, dort endlich welche, die ihre Gestalt wechseln. Inmitten des Holzstückchens sickert ein wenig Wasser durch eine Ritze: es ist ein gewaltiger Strom, der in seinem Laufe die Bäume des Waldes entwurzelt und mit Leichen ertrunkener Thiere bedeckt scheint; auf seinem linken Ufer erhebt sich eine Anhöhe: es ist ein unabsehbarer Berg; hier sucht ein Thier ihn zu besteigen, sieh, wie es seine Kräfte anstrengt, es geht vorwärts, es schöpft Athem, es sucht und setzt seine Anstrengung fort – aber ach, es tritt daneben und rollt den ganzen Berg herab! da liegt es nun auf dem Rücken mit entzwei gebrochenen Füßen, ganz zerschmettert und verblutet! … Du scheinst erschrocken, mein Kind – woher kommt diese Angst?«

Die Frage des Greises weckte mich aus meinen Träumen. Ich erröthete über meine Verwirrung und antwortete:

»Als ich dies Stück Holz betrachtete, war es mir, als trüge ich den Erdball in der Hand und ich wollte mich von der Last befreien; aber ich durfte es weder auf die Bank noch auf den Boden legen, da ich befürchtete, es werde alles in dem Garten zerschmettern. Eure Frage hat mich aus der größten Verlegenheit befreit.«

Der alte Mann lächelte und fuhr fort:

»Der Schimmel, welcher auf unsrem Brote und allen andern Dingen sich ansetzt, ist nichts anderes als Pflanzen, welche blühen und Samen tragen. Jede Gattung dieser Pflanzen wächst nur auf einer gewissen Art von Wesen, sie seien nun lebendig oder nicht. Einige Kräuter wachsen an hohen Thürmen, andere in schrecklichen Abgründen; viele leben auf andern Gewächsen; einige keimen auf der unterirdischen Wurzel der Kräuter. Man nennt die Pflanzen, die auf anderen Gewächsen leben, Schmarozerpflanzen. Die Mistel ( viscum) ist das berüchtigte Guy du chêne, welches die Druiden oder keltischen Priester zu ihren gottesdienstlichen Verrichtungen gebrauchten. Diese Schmarozerpflanze lebt namentlich auf den Eichenbäumen, in deren Stamm sie ihre Wurzeln senkt. Was die Mistel von allen andern Pflanzen unterscheidet, ist das, daß ihr jeder Standort gleichgültig ist: sie gedeiht in die Höhe oder in die Tiefe, nach rechts oder links gerichtet, und verändert ihre Lage nicht.
Viele Schmarozerpflanzen leben auf den Wurzeln von andern Gewächsen und können oft die Früchte eines ganzen Feldes mißwachsen machen. Unter diese zählt man die Sommerwurz ( Orobanche) und die Flachsseide ( Cuscuta).
Ja, es gibt sogar eine Pflanze, welche nur auf dem Körper der lebendigen Heuschrecke gedeiht; Das Gewächs, das auf dem Körper der lebendigen Heuschrecke gedeiht, ist ein Hörnerpilz ( Clavaria). Wahrscheinlich tragen viele Insekten solche niedrige und für das bloße Auge unsichtbare Schmarozerpflanzen. die runden Flecken, die Du auf den Quadern siehst, sind gleichfalls Pflanzen; selbst auf dem bloßen Glas, ja auf dem Schnee finden niedrige Gewächse ihre Nahrung. Die gelbgrünen und braunen Platten, welche auf dem Quader und andern harten Steinen sich ausbreiten, sind Flechten ( Lichenes). Es gibt eine Raupe, welche sich mit nichts, als dieser Art von Flechten nährt und hier ihr ganzes Leben bis zu ihrer Verwandlung zubringt. Auf dem Glase findet man auch bisweilen Pflanzen derselben Art. Die Pflanzen, die auf dem Schnee der hohen Berge und der nördlichen Gegenden leben, sind die Chinoea araneoides und die Discerea nivalis. Man kann die Frage aufwerfen, wie es möglich sei, daß der Samen dieser Pflanzen an verschlossenen und unzugänglichen Orten durchdringe, um den Gegenstand zu finden, auf dem er gedeihen wird? Richte Dein Auge in den Luftraum und sieh, wie Millionen Samen zwischen den Infusorien hinfliegen. Wer kann sagen, ob diese Samen nicht seit vielen Jahren den Keim des Lebens in sich tragen? Und was bleibt dann unbegreiflich bei ihrer Verbreitung und ihrem Keimen auf allen Gegenständen, da doch alles mit Luft umgeben ist? Es ist dem Menschen nicht möglich, die Lebensdauer der Samen zu bestimmen, welche kaum durch das schärfste Vergrößerungsglas sichtbar sind. Indessen lassen uns einige Beispiele beobachteter Lebensdauer in gewissen Pflanzen vermuthen, daß die Samen der niedrigen Gewächse wahrscheinlich sehr lang den Lebenskeim in sich tragen. Man sah Gerste aufgehen, die seit dem Einfall der Araber in Frankreich begraben gewesen, die Samen waren also über 600 Jahre alt. Etwas, was noch unglaublicher scheint, und doch von der Wissenschaft als Thatsache angenommen wird, ist das, daß man solche Samen aus den Pyramiden von Egypten hervorsprossen sah, obschon das Alter dieser zum mindesten auf 2000 Jahre geschätzt wird. … Du siehst es, mein Kind, wohin wir unsere Blicke auch richten – immer das grenzenlose Unendliche – und dahinter Gott! immer Gott! … Und nun bis Morgen, mein Kind!«


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