Conrad Ferdinand Meyer
Huttens letzte Tage
Conrad Ferdinand Meyer

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Das Sterben

LXI Feldmann

Land, Wasser, Himmel – rings dasselbe Grau!
Wer ahnte deine Anmut, Ufenau?

Im Schilfe schwadert eine Entenschar
Und kündet frühen Winter diesem Jahr.

Des Schaffners "Feldmann" stellt zur Jagd sich dort.
Noch eine Birsch, bei meinem Ritterwort!

Mir hangt ein ländlich Armbrust an der Wand...
Hier ist's! Der Spanner fehlt, ich spann' von Hand...

Gehorche, Ding! Schon manches Seil gestrafft
Hat diese Faust... Verdammt! Mir fehlt die Kraft!

Wie? eine Träne?... Nieder, täppisch Tier!
Der wackre Köter leckt die Wange mir.

Gelt, wer die Armbrust nicht mehr spannen kann,
In deinen Augen ist's ein armer Mann!

Die wilde Jagd des Lebens geht zu End...
Komm! Sehn wir, ob im Herd ein Feuer brennt.
 
 

LXII "Der arme Heinrich"

Heut saß ich armer Ulrich still daheim
Und las den "armen Heinrich", Reim an Reim.

Des siechen Ritters Abenteuer las
Ich gerne, der durch Wunderwerk genas.

Ihr braven Heil'gen, könntet – frag' ich nun –
Am Hutten ihr ein schließlich Wunder tun?

Am Hutten? Nein. Da fühlt er selber, wißt,
Wie das von euch zu viel gefordert ist.
 
 

LXIII Anzeige

Mein Ende steht bevor! Mir hat geahnt.
Mich hat mein Franz der Sickingen gemahnt.

Ich saß im abendstillen Kämmerlein
Just zwischen Tageslicht und Ampelschein –

Stracks ging ein Reutersmann durch mein Gelaß.
Er trug ein rot Barett. So schien er blaß...

Ha, Sickingen, du bist's, mein Kampfgespan!
An meine Brust, du redlicher Kumpan!

Da log Frau Fama wieder einmal dreist!
Sie rief ins Land, daß du getötet seist.

Du lebst, mein Vielgetreuer! Du entrannst!
Ich gönne dir's, daß du noch fechten kannst...

Er schwieg. Ich sah des Auges mindre glut,
Das sonst so trutzig drohte unterm Hut.

Doch schaut' er selig, da die Schattenwelt
Für einen Helden keine Schmach enthält.

An mir vorüber schritt er ohne Wort
Und wandte noch sich an der Schwelle dort

Und winkte mir gelassen mit der Hand,
Als wollt' er sagen: Komm nun! – und verschwand.
 

 

LXIV Der letzte Brief

Mein lieber und gewogner Prugner, merk
Es dir und schick mir etwas Feuerwerk!

Die Lese naht. Da blitzt und pufft und knallt
Es rings um meinen Inselaufenthalt.

Raketen kreuzen sich. Der Böller kracht.
Lodernde Räder rollen in der Nacht.

Nicht was sich dreht und schwingt und spritzt und sprüht,
Schick eine Leuchte mir, die stetig glüht!

Schick eine Kugel mir, die ruhig steigt
Und meiner Insel ganzen Umriß zeigt!

An meinem letzten Feste kost' im Schein
Der Geisterfackel ich den neuen Wein.
 
 

LXV Die Traube

Freund Holbein, fehlt im Totentanze dir
Der Dichter noch, so komm und mal mich hier,

In meinem Sessel schlummernd ausgestreckt,
Das Angesicht mit stillem Blaß bedeckt!

Daneben trete leis der Tod ins Haus,
Doch laß mir lieber weg der Sense Graus!

Am Bogenfenster siehst die Traube du?
Die male goldig angehaucht hinzu!

Ein blitzend Winzermesser gibst du dann
In die verdorrte Hand dem Knochenmann!

Und der Verständ'ge merkt des Bildes Sinn,
Daß ich die Edeltraube selber bin,

Die heut gekeltert wird und morgen kreist
In Deutschlands Adern als ein Feuergeist.
 

 

LXVI Das Kreuz

Heut ist der erste leidenvolle Tag,
Da ich mich nicht vom Lager heben mag!

Auf seiner Meeresinsel stöhnt' und fleht'
Und wimmerte der wunde Philoktet;

Mir geht das Jammern wider die Natur,
Weit eher noch entführe mir ein Schwur.

Doch beiß' ich schweigend nur die Lippe mir;
Denn als ein Christ und Ritter lieg' ich hier.

Fernab die Welt. Im Reiche meines Blicks
An nackter Wand allein das Kruzifix.

An hellen Tagen liebt' in Hof und Saal
Ich nicht das Bild des Schmerzes und der Qual;

Doch Qual und Schmerz ist auch ein irdisch Teil,
Das wußte Christ und schuf am Kreuz das Heil.

Je länger ich's betrachte, wird die Last
Mir abgenommen um die Hälfte fast,

Denn statt des einen leiden unser zwei:
Mein dorngekrönter Bruder steht mir bei.
 
 

LXVII Ein christlich Sprüchlein

In meinen Leidensnächten ohne Stern
Erlab' ich mich an guter Sprüche Kern.

Sankt Paule, der du mir zu jeder Frist
Aus dem Apostelbund der liebste bist,

Eins deiner Sprüchlein so von ungefähr
In bittern Nöten bet' ich vor mich her:

"Es ängstet sich, es sehnt sich allezeit
Die Kreatur in ihrer Endlichkeit."

Oft wird der edle Leib, das schöne Sein
Zum dumpfen Kerker ohne Licht und Schein.

Dann ist es nicht ein hergebracht Gebet
Es ist der Geist, der in uns seufzt und fleht,

Und wärst du, Gott und Herr, nicht ewiglich,
Ein solches Stoßgebet erschüfe dich.
 

 

LXVIII Ein heidnisches Sprüchlein

Heut fiel mir wieder ein – ich weiß nicht wie –
Ein Spruch aus Sokrates' Apologie:

"Was wartet unser, wann des Erdeseins
Unruhig Licht erlischt – von zweien eins:

Für sel'gen Wandel ein bequemer Raum?
Ein ungekränkter Schlummer ohne Traum?"

Wir Christen haben ein gewisses Licht,
Doch auch ein Heidensprüchlein schadet nicht.
 
 

LXIX Der Strom des Lebens

Mir war: ich fuhr in halber Finsternis
Auf einem Strom, der mich von dannen riß.

Unwiderstehlich, ohne Frist und Halt
Entführte mich die jähe Stromgewalt.

Vorüber glitten dunkel Stadt und Schloß.
Ein ferner Donner scholl. Der Nachen schoß.

Und ich erriet, daß ich den Rhein befuhr
Ein wenig über seinem Sturze nur.
 

LXX Scheiden im Licht

Verschärfte Schmerzen foltern mein Gebein,
Doch, soll ich sterben, muß es Morgen sein!

Doch, soll ich aus der Welt von hinnen gehn,
So muß ich erst erhellte Pfade sehn!

In meine Todesschauer sei gemischt
Der Frühe Schauer, der das All erfrischt!

Verstöhnen laß mich hier im Dunkel nicht,
Befreie deinen Kämpfer, starkes Licht!

Auf deinen goldnen Schwingen trägst du Heil,
Erlege mich mit deinem ersten Pfeil!
 

 

LXXI Abfahrt

Ich reise. Freund, ein Boot! Ich reise weit.
Mein letztes Wort... ein Wort der Dankbarkeit...

Auch dir, du Insel, meine grüne Haft!
Den Hutten treibt es auf die Wanderschaft.

Noch gibt's zu tun. Geschwind! Wo bleibt der Kahn?
Die Welle drängt! Ein Segel wallt heran!

Die Firne starren mir ins Angesicht...
Das bleiche Geisterland erschreckt mich nicht...

Ein langer hagrer Ferge rudert dort...
Hehe! Hierher! Es will ein Wandrer fort!

Was hältst du, Freund, mich an die Brust gepreßt?
Bin ich ein Sklave, der sich fesseln läßt?

Gib frei! Gib frei! Zurück! Ich spring' ins Boot...
Fährmann, ich kenne dich! Du bist – der Tod.


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