Conrad Ferdinand Meyer
Huttens letzte Tage
Conrad Ferdinand Meyer

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Huttens Gast

XXXVIII Der Pilger

Mich drückt der Föhn. Er atmet schwer und schwül.
Dort im Kapellendunkel ist es kühl.

Zu einer Abendruhe kehr' ich ein
Und werde wohl der einz'ge Beter sein.

Grüß Gott, mein schwäb'scher Nachbar Adalrich!
Du lächelst blöd. Ein Stümper malte dich.

Ein Kirchlein trägst du sittig in der Hand:
Du schufst ein Kloster, merk' ich, hie zu Land!

Du gingest im Geleite deiner Zeit
Und hast's getan in Herzenslauterkeit.

Mir sinkt das Haupt... Wer da? Bin ich belauscht?
Am Fuß des Altars hat Gewand gerauscht.

Ein Pilger kniet, der stumm die Lippen regt
Und betend seinen Rosenkranz bewegt.

Ein kühner Wuchs, geduckt in Mönchsgewand!
Und – mein' ich – eine schwertgewohnte Hand –

Was haucht mich an? Wie fällt mir plötzlich bei,
Daß dieser Mönch ein böses Wesen sei?...

Was flüstert mir im Ohr, daß dieser still
Versunkne Mensch mir an das Leben will?...

Ein Mörder ist's, gesendet gegen mich!
Nein. Ruhig kniet und edel hebt er sich.

Er wendet sich der Uferbrandung zu –
Du bist ein Ritter! Warum pilgerst du?
 
 

XXXIX Die Mahlzeit

Er steht am Strand und scheint hinauszusehn,
Als wollt' er auf dem Kamm der Wogen gehn.

Ein Blitz! Er stürzte prasselnd in die Flut!
Das Ufer glomm in bleicher Schwefelglut...

Das leidenvolle Schwärmerangesicht
Umgab ein Heil'genschein von Höllenlicht...

Mein armer Hutten – du bist leibesschwach!
Ruf du den Pilger lieber unter Dach!

Ins Trockne, Pilger, eh' der Regen wogt!
Des Hauses Herr ist fort. Ich bin der Vogt.

Was stehet Ihr verzückt? Ihr werdet naß!
Gebt mir die Hand! Wir treten ins Gelaß.

Seid hier willkommen! Machet's Euch bequem!
Wohin die Reise? "Nach Jerusalem."

Das, rüst'ger Pilgrim, liegt meerüber schon.
Ich fragte nach der nächsten Station.

"Dort hinterm Berg Einsiedelns Gnadenhaus."
Leer ist das Nest. Die Vögel flogen aus.

Ihr schlagt ein Kreuz, als wär' der Böse hier?
Erlaubt! Mit einem Christen redet Ihr!

(Die welsche Frömmelei behagt mir schlecht...
Sei freundlich, Hutten! Er hat Gastes Recht!)

Ich wette, Herr, Ihr trugt Soldatentracht,
Nennt mir den Feldzug, den Ihr mitgemacht!

"Pamplonas Wälle, Herr, verteidigt' ich."
Das ehrt. Die Festung hielt sich ritterlich.

Und kämpftet Ihr in keinem neuern Krieg?
"Ich kämpfe stets. Maria gibt den Sieg."

Sein redlich Bündel trägt ein jeder Christ.
"Maria rettet uns vor Satanslist."

(Mit solchen Nonnensprüchlein sticht er mich!
Potz Blut und Wunden... Hutten, zähme dich!)

Pilger, ich hol' Euch einen Becher Wein?
Ihr weigert Euch? So schenkt Euch Wasser ein.

(Er murmelt, exorziert den lautern Quell
In Ketzerland... Unheimlicher Gesell!

Rasch dunkelt's. Lodre, Lämpchen... Ein Gesicht,
Das meinem tiefsten Wesen widerspricht!

Weltfremde Augen voller Traum und Wahn –
Und doch der Mund Entschluß... die Stirne Plan!)

– Hidalgo, Ihr beginget wilde Tat
Und suchet jetzt an heil'gen Orten Rat?

Ihr büßt? (Er kreuzt die Hände auf der Brust
Und schweigt. Auch mir erstirbt der Rede Lust.

's ist besser so, uns dürfte Streit entstehn,
Am klügsten ist es, wenn wir schlafen gehn.)

Seht, Pilger, wie der nächt'ge Himmel loht!
Heut abend fändet schwerlich Ihr ein Boot.

Nehmt hier vorlieb, ist auch der Raum beschränkt!
Wir suchen jetzt die Ruhe, wenn Ihr denkt.

Ihr wollet lagern auf dem nackten Stein?
Das duld' ich nicht. Ihr werdet müde sein.

Da meine Decke! Hier den Mantel auch!
Ihr bettet Euch nach schlichtem Feldgebrauch!

Gut' Nacht! Ihr seid ein Spanier? "Ritter, ja."
Und nennet Euch? "Iñigo Loyola."
 
 

XL Das Gebet

Ein grauser Wetterschlag! Der Donner kracht.
Was sah ich dort in blitzerhellter Nacht?

Und wieder jetzt! Ein Rücken – schauerlich,
Der Spanier geißelt mit dem Gürtel sich!

An seinen hagern Schultern rieselt Blut!
Zu beten hebt er an in Andachtsglut.

Gezwungen lauschend hör' ich jedes Wort
Auf jenen qualberauschten Lippen dort:

"Maria, makellos empfangne Magd,
Zu Deinen Knie'n hab' ich der Welt entsagt.

Dem ird'schen Rittertum ersterb' ich hier
Und zeichne mich zum ew'gen Knechte Dir.

Wo darf ich bluten? Gib das Feldgeschrei!
Du deutest schmerzlich auf die Ketzerei –

Sie haben Dir die Krone von dem Haupt
Und aus der Hand die Lilie Dir geraubt.

Du weinest? Deine Tränen brennen mich –
Ich führe Deine Sache. Tröste Dich!

Ein Wink von Dir – so stürz' ich in die Schlacht.
Nicht kennst Du selbst die Größe Deiner Macht!

Im Bibelbuche spricht der eigne Sohn
Zu Dir, Du Hohe, nicht in würd'gem Ton.

Die heil'gen Schriften sind der Ketzer Hort –
Du lächelst und besiegst das Bibelwort.

Der ein'ge Richter Christus schreckt die Zeit,
Gern folgt sie eines Weibes Lieblichkeit.

Wenn sich der Sohn zu Martin Luther kehrt,
Dich krönen wir, die nicht der Wonne wehrt!

Du bebst in aller Abendglocken Erz,
Du füllst die Seele, Du beglückst das Herz.

Wir decken Dich mit duft'gen Rosen zu,
Gen Himmel schwebest ungekreuzigt Du!

Die Du dem gläub'gen Spanier oft erschienst,
Ihm glüht der Busen noch von Deinem Dienst.

Dir, Fürstin, werb' ich eine Companie
Und führe gegen Deine Feinde sie.

Ein unbarmherzig Heer, das nie erschlafft,
Versamml' ich unter meiner Hauptmannschaft.

Die Ketzer tötend, doch den Sündern mild,
Bekehren wir die Welt zu Deinem Bild.

Wo wir zerstörte Tempel wieder weihn,
Besteige, Göttin, den Altar allein!

Und wer zum Erdenweibe Dich entweiht,
Gerichtet sei er und vermaledeit!...

Tauch unter, Schwan, und aus der Welle Schoß
Erstehe doppelt blank und makellos!...

Du lächelst Deinem Knecht belohnend zu,
In goldne Himmelsglorie schwindest Du..."
 

XLI Fiebernacht

Der Morgen graut – des Pilgers Stätte leer?
Beim Hahnenruf verschwand gespenstisch er!

Was ich geschaut, ist's Wahrheit? War es Traum?
Schlief mit dem Teufel ich im gleichen Raum?

Es war ein Spuk! Es war ein Fieberwahn!
Die welsche Fratze hat mir's angetan!

Nein, Wahrheit war's! Kein Morgenwind verweht
Das andachtsvoll irrsinnige Gebet!...

Was quäl' ich mich? Unfähig ist der Tat
Ein Frömmler! Doch ein Spanier? Ein Soldat?

Kein Mönchlein ist's, in Müßiggang erschlafft,
Er hat des Kriegers Zucht und Willenskraft.

Er ist ein Schwärmer! Voller Selbstbetrug!
Daneben ist er wie die Hölle klug!

Ein Weib vergöttern – Aberwitz und Schmach –
Von Even stammend, die den Apfel brach!

Dem Weibe schmeicheln ist der Schlange List!
Ich Hutten weiß, was an den Weibern ist!

Der Wahrheit Trotz und Zorn und Fehdelust
Hat keinen Raum in einer runden Brust.

Zutulich naht die üpp'ge welsche Kunst,
Andacht verkuppelnd mit der Sinne Brunst.

Die Kirche steigt phantastisch wieder auf
Und gürtet sich zu neuem Siegeslauf;

Mit feiger Fürstentyrannei gepaart,
Steht sie um ihre Götzen fest geschart;

Der Drache Rom, getroffen bis ins Mark,
Durch seine Wunde wird er wieder stark

Und von der Wahrheit Schwert des Kopfs beraubt,
Wächst er empor mit einem gift'gern Haupt.

O Menschheit, qualenvoller Sisyphus,
Der seinen Felsen ewig wälzen muß!

Ein flüchtig Vorgefecht hat mich genarrt,
Jetzt erst erblick' ich meinen Widerpart.

Nun ich auf Erden meinen Tag vertan,
Fängt sich der grimmste Feind zu zeigen an.

Verruchter Mördername: "Loyola!"
Blut klebt an diesen roten Silben da.

Der Höllensendling wird die Welt durchziehn!
Was stieß ich nieder nicht im Beten ihn?

Pfui, Hutten, Meucheltat! Das Fieber plagt
Und rüttelt dich. Gottlob, der Morgen tagt...

Vielleicht war's eine Ausgeburt der Nacht?
Und doch! Hätt' ich den Spanier umgebracht!
 
 


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