C. F. Meyer
Die Hochzeit des Mönchs
C. F. Meyer

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'Herrschaften', begann Ezzelin, ich werde euern Fall nicht als eine Staatssache, wo Treubruch Verrat und Verrat Majestätsverbrechen ist, behandeln, sondern als eine läßliche Familienangelegenheit. In der Tat, die Pizzaguerra, die Vicedomini, die Canossa sind ebenso edeln Blutes wie ich, nur daß die Erhabenheit des Kaisers mich zu ihrem Vogt in diesen ihren Ländern gemacht hat.' Ezzelin neigte das Haupt bei der Nennung der höchsten Macht; er konnte es nicht entblößen, da er dasselbe, wenn er es nicht mit dem Streithelm bedeckte, überall, selbst in Wind und Wetter, nach antiker Weise bar trug. 'So bilden die zwölf Geschlechter eine große Familie, zu der auch ich durch eine meiner Ahnfrauen gehöre. Aber wie sind wir zusammengeschmolzen durch unselige Verblendung und strafbare Auflehnung einiger unter uns gegen das höchste weltliche Amt! Wenn ihr mir glaubet, so sparen wir nach Kräften, was noch vorhanden ist. In diesem Sinne halte ich die Rache der Pizzaguerra gegen Astorre Vicedomini auf, obwohl ich sie ihrer Natur nach eine gerechte nenne. Seid ihr', er wendete sich gegen die drei Pizzaguerra, 'mit meiner Milde nicht einverstanden, so höret und bedenket eines: Ich, Ezzelino da Romano, bin der erste und darum der Hauptschuldige. Hätte ich mein Roß nicht an einem gewissen Tage und zu einer gewissen Stunde längs der Brenta jagen lassen, Diana wäre standesgemäß vermählt, und dieser hier murmelte sein Brevier. Hätte ich meine Deutschen nicht zur Musterung befohlen an einem gewissen Tage und zu einer gewissen Stunde, so hätte mein Germano den Mönch nicht unzeitig auf einen Gaul gesetzt und dieser der Frau, welche er jetzt an der Hand hält, den ihr von seinem bösen Dämon –'

'Von meinem guten!' frohlockte der Mönch.

' – von seinem Dämon zugerollten Brautring wieder vom Finger gezogen. Darum, Herrschaften, begünstigt mich, indem ihr mir die verwickelte Sache entwirren und schlichten helfet; denn bestandet ihr auf der Strenge, so müßte ich auch mich und mich zuerst verurteilen!'

Diese ungewöhnliche Rede brachte den alten Pizzaguerra keineswegs aus der Fassung, und als ihn der Tyrann ansprach: 'Edler Herr, Euer ist die Klage', sagte er kurz und karg 'Herrlichkeit, Astorre Vicedomini verlobte sich öffentlich und ganz nach den Gebräuchen mit meinem Kinde Diana. Dann aber, ohne daß Diana sich gegen ihn vergangen hätte, brach er sein Verlöbnis. Unbegründet, ungesetzlich, kirchenschänderisch. Diese Tat wiegt schwer, und verlangt, wo nicht Blut, welches Deine Herrlichkeit nicht vergossen sehen will, eine schwere Sühne', und er machte die Gebärde eines Krämers, der Gewichtstein um Gewichtstein in eine Waagschale legt.

'Ohne daß Diana sich vergangen hätte?' wiederholte der Tyrann. 'Mich dünkt, sie verging sich. Hatte sie nicht eine Wahnsinnige vor sich? Und Diana schilt und schlägt. Denn Diana ist jähzornig und unvernünftig, wenn sie sich in ihrem Recht gekränkt glaubt.'

Da nickte Diana und sprach: 'Du sagst die Wahrheit, Ezzelin.'

'Das ist es auch', fuhr der Tyrann fort, 'warum Astorre sein Herz von ihr abgekehrt hat: er erblickte eine Barbarin.'

'Nein, Herr', widersprach der Mönch, die Verratene von neuem beleidigend, 'ich habe Diana nicht angeschaut, sondern das süße Antlitz, das den Schlag empfing, und mein Eingeweide erbarmte sich.'

Der Tyrann zuckte die Achseln. 'Du siehst, Pizzaguerra', lächelte er, 'der Mönch gleicht einem sittsamen Mädchen, das zum erstenmal einen starken Wein geschlurft hat und sich danach gebärdet. Wir aber sind alte, nüchterne Leute. Sehen wir zu, wie die Sache sich austragen läßt.'

Pizzaguerra erwiderte: 'Viel, Ezzelin, täte ich dir zu Gefallen wegen deiner Verdienste um Padua. Doch läßt sich beleidigte Hausehre sühnen anders als mit gezogenem Schwerte?' So redete der Vater Dianens und machte mit dem Arm eine edle Bewegung, welche aber in eine Gebärde ausartete, die einer geöffneten, wo nicht hingehaltenen Hand zum Verwechseln ähnlich sah. 'Biete, Astorre!' sagte der Vogt mit dem Doppelsinne: Biete die Hand! oder: Biete Geld und Gut!

'Herr', wendete sich jetzt der Mönch offen und edel gegen den Tyrannen, 'wenn du einen Haltlosen, ja einen Sinnberaubten in mir erblickst, ich zürne dir es nicht, denn ein starker Gott, den ich leugnete, weil ich sein Dasein nicht ahnen konnte, hat sich an mir gerächt und mich überwältigt. Noch jetzt treibt er mich wie ein Sturm und jagt mir den Mantel über den Kopf. Muß ich mein Glück – bettelhaftes Wort! armselige Sprache! – muß ich das Höchste des Lebens mit dem Leben bezahlen: ich begreife es und finde den Preis niedrig gestellt! Darf ich aber leben und mit dieser leben, so markte ich nicht!' Er lächelte selig. 'Nimm meine Habe, Pizzaguerra!'

'Herrschaften', verfügte der Tyrann, ich bevormunde diesen verschwenderischen Jüngling. Unterhandeln wir zusammen, Pizzaguerra. Du hörtest es: ich habe weite Vollmacht. Was denkst du von den Bergwerken der Vicedomini?'

Der ehrbare Greis schwieg, aber seine nahe zusammenliegenden Augen glitzerten wie zwei Diamanten.

'Nimm meine Perlfischereien dazu!' rief Astorre, doch Ascanio, der die Stufen heruntergeglitten kam, verschloß ihm den Mund.

'Edler Pizzaguerra', versuchte jetzt Ezzelin den Alten, 'nimm die Bergwerke! Ich weiß, die Ehre deines Hauses geht dir über alles und steht um keinen Preis feil, aber ich weiß ebenfalls, du bist ein guter Paduaner und tust dem Stadtfrieden etwas zuliebe.'

Der Alte schwieg hartnäckig.

'Nimm die Minen', wiederholte Ezzelin, der das Wortspiel liebte, 'und gib die Minne!'

'Die Bergwerke und die Fischereien?' fragte der Alte, als wäre er schwerhörig.

'Die Bergwerke, sagte ich, und damit gut. Sie tragen viele tausend Pfund. Würdest du mehr fordern, Pizzaguerra, so hätte ich mich in deiner Gesinnung betrogen und du setztest dich dem häßlichen Verdacht aus, um Ehre zu feilschen.'

Da der Geizhals den Tyrannen fürchtete und nicht mehr erlangen konnte, verschluckte er seinen Verdruß und bot dem Mönch die trockene Hand. 'Ein schriftliches Wort, Lebens und Sterbens halber', sagte er dann, zog Stift und Rechenbüchlein aus der Gürteltasche, entwarf mit zitternden Fingern die Urkunde 'coram domino Azzolino' und ließ den Mönch unterzeichnen. Hierauf verbeugte er sich vor dem Vogt und bat, ihn zu entschuldigen, wenn er, obwohl einer aus den Zwölfen, Altersschwäche halber der Hochzeit des Mönches nicht beiwohne.

Germano hatte, seine Wut verbeißend, neben dem Vater gestanden. jetzt löste er den einen seiner Eisenhandschuhe. Er schleuderte ihn dem Mönch ins Gesicht, hätte ihm nicht eine Machtgebärde des Tyrannen Halt geboten.


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