C. F. Meyer
Die Hochzeit des Mönchs
C. F. Meyer

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'Erhabener Herr und geliebter Schwieger! Ein schnelles Wort. Das Verschen in der Bulle – Ihr seid zu geistreich, um Euch zu wiederholen – haben nur vier Ohren gehört, die meinigen und die Eures Petrus, in den Kornfeldern von Enna, vor einem Jahr, da Ihr mich an Euern Hof beriefet und ich mit Euch die Insel durchritt. Kein Hahn kräht danach, wenn nicht der im Evangelium, welcher den Verrat des Petrus bekräftigte. Wenn Ihr mich und Euch liebet, Herr, so versuchet Euern Kanzler mit einer scharfen Frage.'

'Blutiges Wortspiel! Das schreibe ich nicht! Die Hand zittert mir!' rief der erblassende Ascanio. 'Ich bringe den Kanzler nicht auf die Folter!' und er warf den Stift weg.

'Dienstsache', bemerkte Germano trocken, hob den Stift auf und beendigte das Schreiben, welches er unter seine Eisenhaube schob. Es läuft noch heute', sagte er. 'Mir für meine einfache Person hat der Capuaner nie gefallen: er hat einen verhüllten Blick.'

Der Mönch Astorre schauderte zusammen trotz der Mittagssonne. Zum ersten Male griff der aus dem Klosterfrieden Geschiedene, gleichsam mit Händen, wie die schlüpfrigen Windungen einer Natter den Argwohn oder den Verrat der Welt. Aus seinem Brüten weckte ihn ein strenges Wort Ezzelins, welches dieser an ihn richtete, von seiner Steinbank sich erhebend. 'Sprich, Mönch, warum vergräbst du dich in dein Haus? Du hast es noch nie verlassen, seit du weltliches Gewand trägst. Du scheust die öffentliche Meinung? Tritt ihr entgegen! Sie weicht zurück. Machst du aber eine Bewegung der Flucht, so heftet sie sich an deine Sohle wie eine heulende Meute. Hast du deine Braut Diana besucht? Die Trauerwoche ist vorüber. Ich rate dir: heute noch lade deine Sippen, und heute noch vermähle dich mit Diana!'

'Und dann rasch mit euch auf dein entlegenstes Schloß!' beendigte Ascanio.

'Das rate ich nicht', verbot der Tyrann. 'Keine Furcht. Keine Flucht. Heute vermählst du dich, und morgen hältst du Hochzeit mit Masken. Valete!' Er schied, Germano winkend ihm zu folgen.«

»Darf ich unterbrechen?« fragte Cangrande, der höflich genug gewesen war, eine natürliche Pause der Erzählung abzuwarten.

»Du bist der Herr«, versetzte der Florentiner mürrisch. »Traust du dem unsterblichen Kaiser jenes Wort von den drei großen Gauklern zu?«

»Non liquet.«

»Ich meine: in deinem innersten Gefühl?«

Dante verneinte mit einer deutlichen Bewegung des Hauptes. »Und doch hast du ihn als einen Gottlosen in den sechsten Kreis deiner Hölle verdammt. Wie durftest du das? Rechtfertige dich!«

»Herrlichkeit«, antwortete der Florentiner, »die Komödie spricht zu meinem Zeitalter. Dieses aber liest die fürchterlichste der Lästerungen mit Recht oder Unrecht auf jener erhabenen Stirn. Ich vermag nichts gegen die fromme Meinung. Anders vielleicht urteilen die Künftigen.«

»Mein Dante«, fragte Cangrande zum andern Mal, »glaubst du Petrus de Vinea unschuldig des Verrates an Kaiser und Reich?«

»Non liquet. «

»Ich meine: in deinem innersten Gefühl?« Dante verneinte mit derselben Gebärde.

»Und du läßt den Verräter in deiner Komödie seine Unschuld beteuern? «

»Herr«, rechtfertigte sich der Florentiner, »werde ich, wo klare Beweise fehlen, einen Sohn der Halbinsel mehr des Verrates bezichtigen, da schon so viele Arglistige und Zweideutige unter uns sind?«

»Dante, mein Dante«, sagte der Fürst, »du glaubst nicht an die Schuld und du verdammst! Du glaubst an die Schuld und du sprichst frei!« Dann führte er die Erzählung in spielendem Scherz weiter:

»Auch der Mönch und Ascanio verließen jetzt den Garten und betraten die Halle.« Doch Dante nahm ihm das Wort:

»Keineswegs, sondern sie stiegen in eine Turmstube, dieselbe, die Astorre als Knabe mit ungeschorenen Locken bewohnt; denn dieser mied die großen und prunkenden Gemächer, welche er sich erst gewöhnen mußte als sein Eigentum zu betrachten, wie er auch den ihm hinterlassenen goldenen Hort noch mit keinem Finger berührt hatte. Den beiden folgte, auf einen gebietenden Wink Ascanios, der Majordom Burcardo in gemessener Entfernung mit steifen Schritten und verdrießlichen Mienen.«

Der gleichnamige Haushofmeister Cangrandes war nach verrichtetem Geschäft neugierig lauschend in den Saal zurückgetreten, denn er hatte gemerkt, daß es sich um wohlbekannte Personen handle; da er nun sich selbst nennen hörte und unversehens und lebensgroß im Spiegel der Novelle erblickte, fand er diesen Mißbrauch seiner Ehrenperson verwegen und durchaus unziemlich im Munde des beherbergten Gelehrten und geduldeten Flüchtlings, welchem er in gerechter Erwägung der Verhältnisse und Unterschiede auf dem oberen Stockwerk des fürstlichen Hauses eine denkbar einfache Kammer eingeräumt hatte. Was die andern lächelnd gelitten, empfand er als ein Ärgernis. Er runzelte die Brauen und rollte die Augen. Der Florentiner weidete sich mit ernsthaftem Gesicht an der Entrüstung des Pedanten und ließ sich in seiner Fabel nicht stören.

»,Würdiger Herr', befragte Ascanio den Majordom – habe ich gesagt, daß dieser von Geburt ein Alsatier war? – 'wie heiratet man in Padua? Astorre und ich sind unerfahrene Kinder in dieser Wissenschaft.'

Der Haushofmeister warf sich in Positur, starr seinen Herrn anschauend, ohne Ascanio, der ihm nach seinen Begriffen nichts zu befehlen hatte, eines Blickes zu würdigen.

'Distinguendum est', sagte er feierlich. 'Es ist auseinanderzuhalten: Werbung, Vermählung und Hochzeit.'

'Wo steht das geschrieben?' scherzte Ascanio.

'Ecce!' antwortete der Majordom, indem er ein großes Buch entfaltete, das ihn niemals verließ. 'Hier!' und er wies mit dem gestreckten Finger der linken Hand auf den Titel, welcher lautete: 'Die Zeremonien von Padova nach genauer Erforschung zu Nutz und Frommen aller Ehrbaren und Anständigen, zusammengestellt von Messer Godoscalco Burcardo.' Er blätterte und las: 'Erster Abschnitt: Die Werbung. Paragraph eins. Der ernsthafte Werber bringt einen Freund gleichen Standes als gültigen Zeugen mit –'


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